Archiv für Juli 31st, 2007
Gouvernementalität
“Könnte man nicht, zum Beispiel, nicht gerade von der Einheit, nicht einmal von dieser Dualität Natur-Staat ausgehen, sondern von der Multiplizität außerordentlich vieler Vorgänge, wo man gerade diese Widerstände gegen das Pastorat, diese Verhaltensaufstände fände, wo man Stadtentwicklung fände oder wo man die Einführung, die Entfaltung der Algebra, die Experimente zu den Fallgesetzen … fände? Und es würde sich darum handeln, die Intelligibilität der Vorgänge, über die ich zu ihnen spreche, zu begründen, indem man zeigt, welches die Phänomene der Koagulation, der Unterstützung, der wechselseitigen Verstärkung, des Zusammenhalts, der Integration waren, kurz, das ganze Bündel von Vorgängen, das ganze Geflecht von Verhältnissen, die schließlich als Massenwirkung die große Dualität, Schnitt und Zäsur auf einmal, induziert haben (…) .
Die Intelligibilität der Geschichte beruht vielleicht auf etwas, das man die Konstitution oder Komposition von Wirkungen nennen könnte. Wie setzen sich globale Wirkungen zusammen, wie setzen sich Masseneffekte zusammen? Wie hat sich diese globale Wirkung, welche die Natur darstellt, gebildet? Wie hat sich der Effekt Staat gebildet, ausgehend von tausend verschiedenen Vorgängen, von denen ich Ihnen lediglich einige zu nennen versucht habe? Das Problem ist, zu wissen, wie sich diese beiden Wirkungen gebildet haben, wie sie sich in ihrer Dualität und entsprechend ihres, wie ich denke, wesentlichen Gegensatzes zwischen der A-Gouvernementalität (…) der Natur und der Gouvernementalität des Staates gebildet haben.”
M. Foucault (2006): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 346f.
Diese Stelle macht m.E. ziemlich gut deutlich, worin es um die Argumentation in den Studien zur Gouvernementalität geht. Gouvernementalität ist nicht Governance. Auch wenn Governance eine Reihe an Regierungspraktiken darstellt (z.B. als “nation building”) die einer eigenständigen Rationalität des Regierens folgt. Governance ist ein Teil der modernen Gouvernementalität im politischen Feld. Der Staat, der Markt, der Wettbewerb: das ist weder immer schon gegeben, noch natürlich. Das wussten im übrigen schon die ordo- und neoliberalen Theoretiker: Eucken, Röpke, Hayek, von Mises. Für sie stand nicht der Markt im Zentrum, sondern der Wettbewerb als formaler Mechanismus, der nur dank einer Rahmengesetzgebung institutionalisiert werden könne. Die Gouvernementalität der modernen neoliberalen Regierung beruht folglich auf den folgenden zwei Imperativen:
(1.) “Begrenze als Staat deine eigene Reichweite!” und
(2.) “Formiere die Gesellschaft nach dem Modell des Unternehmens”.
Die Frage des Denkverbots, wie sie unten diskutiert wurde, und die Momo ebenfalls mit Foucault als “Diskurspolizei” begriffen wurde, hießt letztlich nicht Denkverbot, sondern Denkregierung. Schalte schon mal alles aus, was nicht einer wettbewerbsfähigen Form entspricht. Denken als Unternehmung – Entrepreneurship.
Was heißt das für eine “Regierung der Kultur”? Häufig ließt man von den neuen Kooperationmodellen der Kulturfinanzierung: public/private-, public/public- und private/private-Partnerships sind die neuen Lösungen.
Auf der anderen Seite kann man wie Beat Wyss in der SZ punkten, wenn man die Veranstalter der Documenta Naivität unterstellt, indem man die Documenta zum Katalysator der Wettbewerbsfähigkeit der ausgestellten Künstler erklärt. Und man selbst ist dem gandenlosen Konkurrenzkampf der Drittmittelförderung ausgeliefert. Neuerdings frage ich mich, ob diese Formen der Kulturregierung nicht so etwas wie kollektive Diätetik sind. Nur nicht zuviel des Guten, aber das Wenige wird teuer bezahlt.
“Nuttig” und “prollig”
Es war doch ein Fehler.
Nein, nicht unwahr, es war eine falsche Handlung, meine ich (jetzt kommt gleich wieder irgendwer um die Ecke und behauptet, ich wolle durch diese Unterscheidung irgendwen unterdrücken).
Daß ich mich vom Klassik-Radio wecken lasse. Einschlafen mit denen ist super, diese Nachtschiene mit “DJ Nathan” oder wie der heißt ist großartig.
Nee, aufwachen mit denen ist herbe, da kommen nämlich um 7.30 h, wenn mein Wecker loslegt, immer Nachrichten. Und die riechen streng. Nach diesem Spruch “Willkommen auf der Erfolgsschiene!” des meines Wissens final defizitären “Metropolitan”. Da wird kurz irgendwas erzählt, und dann folgen: Börsenkurse. Irgendwie herausgepickt. Heute: Der Fall der Danone-Aktie. Mußte da gleich an Feynsinns Eintrag zu dem Unsinn von Börsennachrichten denken. Und dann wird durchgesagt, welche Flieger verspätet sind. Die Klassik-Radio-Zielgruppe fliegt offensichtlich den ganzen Tag betont kosmopolitisch durch die Gegend. Bloß keine Seßhaftigkeit vortäuschen! Wir sind mobil!
So verusachen die Nachrichten dieses Senders bei mir immer das starke Bedürfnis, mal eben 1,2,3 Dosen Bier zu kaufen und mit der Alki-WG gegenüber ausgiebig zu frühstücken (Korn haben die bestimmt!) …
Dann, mittlerweile in der Küche angelangt, berichtet NDR 2 über steigende Lebensmittelpreise. Da kann man wenigstens kurz mit Marie-Antoinette leiden, innerlich, denkt an leckeren Kuchen (angeblich hat sie das ja nie gesagt) und stimmt dem kurz darauf zitierten Ottmar Schreiner zu, daß daraufhin doch bitte schleunigst die Hartz IV-Sätze angehoben werden sollten (der will ja auch nicht enden wie Marie-Antoinette, das hat er von Bismarck).
Und weiß wieder, was man am Öffentlich-Rechtlichen hat. Deswegen wettern ja die von weiter rechts immer dagegen: Weil sie lieber hätten, daß nur noch Programme für “werberelevante Zielgruppen”gesendet werden. Und dem “Unterschichtenfernsehen” ist’s ja hinsichtlich der werbetreibenden Industrie auch nicht gut bekommen, daß man es so nannte, ‘ne andere Wahl als Lidl oder Aldi oder Penny haben diese Leute ja eh nicht, und Nachrichten sind da eh nicht wichtig, eher Brot und Spiele.
Um dann doch was gegen öffentlich-rechtlich zu sagen: Bei der doch amüsanten Sendung “Hitlisten des Nordens” über stilistische Geschmacksverirrungen in Sachen Klamotten waren die häufigsten Negativ-Prädikate der O-Tongeber “nuttig” und “prollig”. Nicht wörtlich, also “nuttig” fiel nicht wörtlich, “prollig” schon – alles Lüge halt. Als seien Huren nicht die mit Abstand ehrlichsten im real-existierenden Kapitalismus …
Denkangst und gefährliche Gedanken. Paul Feyerabend
Eigentlich wollte ich ja zu was wichtigem etwas schreiben: der Jasper-Johns-Ausstellung im Basler Museum.
Das hat aber mit dem Thema des Denkens angeblicher, vorgeblicher und wirklicher gefährlicher Gedanken zu tun.
Man kann auch gefährlich denken, das ist dann was anderes als angebliche, vorgebliche und wirklich gefährliche Gedanken herzustellen und mit dem dringlichen Hinweis auf ihre Gefährlichkeit (für wen, fragt sich ja immer, der konservative Revolutionär meint sich schliesslich nicht selbst) mit Imperativen versehen unter die Leute zu bringen. Jasper Johns denkt aber gefährlich, und das als Malerei zu sehen, ist wiederum eine gefährliche Handlung, die ziellos und zwecklos ersteinmal Kriterien ausser Kraft setzt, die die eigene Denkangst pausenlos instrumentalisiert.
Damit wäre ein Betrachter der Johns`schen Bilder gemeint, aber der Maler meint sich auch selbst, weswegen vielleicht auch gesagt werden könnte, er denkt gefährdet. Schliesslich ist er kein malender Vorreiter der konservativen Revolution mit ästhetischen Mitteln. Er gefährdet sein eigenes Denken und die lächerlichen Kriterien und Kategorien, auf denen ästhetische und wissenschaftliche Denkangst beharrlich rumreitet, um nicht denken zu müssen, sondern in menschlicher und ästhetischer Falschheit zu repräsentieren. Es geht nicht darum, Aura zu erzeugen. Er führt gewissermassen die Arbeit wieder ins Bild ein, wie andere auch, Serra oder Eva Hesse oder Bruce Nauman, und während Serra die Arbeit zeigt, wie wir Raum machen oder uns zumindest in einer Anstrengung vorstellen könnten, zeigt Johns die Arbeit des Sehens und des Sprechens, des Bezeichnens und Verknüpfens ungewisser Bedeutungen. Unsichere Denkarbeit. Die Bilder sind kritische Punkte, die keine Entscheidungen fordern, aber Entscheidungen ermöglichen, deren Ausgang nicht erkennbar ist. Um es mal ungefähr mit Donald Judd bezüglich Barnett Newman zu sagen: das reicht für eine Kultur. Oder: Die Künstler sind die Elite der dienenden Klasse, sagt Jasper Johns. Wir machen nämlich “die Kultur”.
Johns zeigt also, dass uns das Material verunsichern kann, wenn wir nicht feststellen können, dass seine Zusammenfügung einer uns bekannten Methode folgt, dass wir nicht weiter kommen mit unseren erlernten Spielen der Selbstvergewisserung anhand irgendwelcher Vergleiche von Artefakten oder den eingelesenen Interpretationen und Funktionalisierungen, die uns ein auswendig gelerntes System der historischen Beziehungen von Kunstwerken verfügbar hält. Wir finden keine Methode vor, dass heisst, entweder entschliessen wir uns die Sache zu ignorieren, oder wir nehmen die Arbeit, die derjenigen des Malers entspricht, auf uns und versuchen, das Bild als Wirklichkeit aufzufassen, von der wir uns auf irgendeine eigene, individuelle Weise so etwas wie eine Theorie machen müssen. Die hat mit unseren Erfahrungen zu tun. Das beschreibt Paul Feyerabend ganz gut, wie ich finde, und ein Johns-Bild ist darum oft exemplarisch in dieser Hinsicht, weil es selbst so arbeitet.
Also Feyerabend:
…Und das ist keine Ausnahme-es ist der Normalfall: Theorien werden klar und “vernünftig”, erst nachdem inkohärente Bruchstücke von ihnen lange Zeit hindurch verwendet worden sind. Ein solches, unvernünftiges, unsinniges, unmethodisches Vorspiel erweist sich also als unerlässliche Vorbedingung der Klarheit und des empirischen Erfolgs.
Wenn man nun derartige Entwicklungen in allgemeiner Form beschreiben und verstehen will, dann muss man sich natürlich der vorhandenen Sprachformen bedienen, die ihnen nicht entsprechen und die verbogen, missbraucht, gewaltsam umgeformt werden müssen, um auf unvorhergesehene Situationen zu passen (ohne ständigen Sprachmissbrauch keine Entdeckung und kein Fortschritt). (…) So entsteht das dialektische Denken als eine Denkform, die “die Bestimmungen des Verstands in NIchts auflöst”, eingeschlossen die formale Logik.
(…) Es ist also klar, dass der Gedanke einer festgelegten Mehode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nnicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, “Objektivität”, “Wahrheit”, der wird einsehen, dass es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten lässt. Es ist der Grundsatz:Anything goes.absolute Paul Feyerabend, Freiburg 2002, p82f