shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für August 8th, 2007

Matteotti, Faszismus als Retter europäischer Gesittung 1924, ein deutsches Zitat 1926

mit 2 Kommentaren

Die Faschisten waren Italiener, und was ganz anderes als die Nazis, die die feindlichen Brüder der Kommunisten waren, die beide aus den deutschen Sozialdemokraten kamen. 1927 konnte aber Mises von nationalsozialistischen Verbrechen noch nichts wissen, von denen deutscher Kommunisten schon, vor denen aber die Faschisten als Notbehelf die europäische Gesittung retteten, auch vor dem Sozialisten Matteotti, der versuchte die italienische Demokratie zu retten, wie Rathenau, Stresemann oder Levi die deutsche.

Der nebenstehende Artikel erschien in der von Erich Schairer herausgegebenen Sonntags-Zeitung zur Zeit der Weimarer Republik in den Jahren 1920 bis 1933.

Justizmorde: Matteotti
Im Juni 1924 ist der italienische Sozialist Matteotti von Fascisten ermordet worden. Im März 1926 sind die Mörder teils freigesprochen, teils so verurteilt worden, daß sie in wenigen Monaten wieder im Lichte (mussolinischer Gnade) wandeln werden. Mussolini, der Vergewaltiger des Rechts und der Menschlichkeit, hat alle Ursache, die Sonne seines Wohlwollens über den Verurteilten strahlen zu lassen: wer weiß, was sie aussagen würden, wenn sie aussagen würden! Man weiß es nicht; aber man ahnt es, mit einer hundertprozentigen Ahnung, die noch schwerer wiegt als unser einstweilen neunzigprozentiges Wissen.
Daß der Prozeß gegen die Mörder Matteottis ein freches Theaterstück sein würde, hat man zwar gewußt. Vor allem bei uns in Deutschland hat man daran nicht gezweifelt: denn wir haben schon genug ähnliche Fälle in unserem eigenen Lande erlebt. Allerdings: daß die blutbefleckten Buben es wagen würden, so frech, so grotesk frech daherzulügen, wie es der Hauptschuldige Dumini getan hat, hätten selbst wir uns nicht träumen lassen. Er hat die Stirn gehabt, zu behaupten, Matteotti sei an einem Blutsturz gestorben; und die Stichwunden, die sein armer, zerfetzter Körper aufwies, seien Wanzenstiche gewesen, die er sich selbst aufgekratzt habe.
Ein für nichtitalienische Richter besonders lehrreiches Kapitel ist der Urteilsspruch über die drei Mörder Dumini, Volpi und Poveromo, die nicht wie ihre Komplizen freigesprochen worden sind. Sie wurden verurteilt zu je 12 Jahren Gefängnis, wegen — Mordes? — nein: wegen Totschlags ohne Vorbedacht. Da man aber nicht feststellen konnte, wer der eigentliche Mörder war, wurden jedem 5 Jahre abgezogen. Rest: 7. Nun hatten die Geschworenen mildernde Umstände anerkannt. Dafür gab’s wieder einen Abzug. Wie man ihn ausgerechnet hat, mögen die Götter wissen; fest steht, daß als Strafe blieben: 5 Jahre 11 Monate 20 Tage. Aber der Mord hatte ja politische Gründe, und für politische Verbrechen existiert eine Amnestie. Darum waren 4 Jahre der Strafe zu erlassen. Endergebnis also: 1 Jahr 11 Monate 20 Tage. Und die haben die Kerle bis auf wenige Wochen schon abgesessen. Also werden sie bald frei. Und alles ist zufrieden: die Richter, die Mörder, die Fascisten und Mussolini.
Das ist das Gesicht des Fascismus. Gewissenlos, brutal, frech, hohnvoll, solange er sich im Besitz der Macht weiß: so grinst er uns an — jenseits der Alpen oder diesseits: es ist überall das gleiche.
Das einzig Schöne, Starke und Würdige in der Geschichte des Matteottiprozesses ist der Brief an den Präsidenten des Schwurgerichts von Chieti, durch den die Witwe Matteottis, die als Nebenklägerin aufgetreten war, ihre Klage zurückzog, als sie merkte, wie man diesen Prozeß führen würde. Er heißt: „Exzellenz! Die Ermordung Giacomo Matteottis, die für mich und meine Kinder eine Tragödie ist und als solche von jedem freien Menschen in Italien empfunden wurde, hatte in mir den Glauben geweckt, daß der Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verhallen würde; dieser Glauben hat mich in meinem äußersten Jammer aufrechterhalten und mich bewogen, als Privatklägerin aufzutreten. Aber in den Wechselfällen der Untersuchung und durch die jüngste Amnestie ist der Prozeß — der wahre Prozeß — nach und nach wesenlos geworden. Was heute von ihm bleibt, ist nur ein Schatten. Ich hatte keinen Haß auszudrücken und keine Rache zu fordern; ich wollte nur Gerechtigkeit. Die Menschen haben sie mir verweigert; ich werde sie von der Geschichte empfangen und von Gott. Ich ersuche Sie daher, mir zu erlauben, dem Prozeß fernzubleiben, der mich nichts weiter angeht. Meine Anwälte, die auch in diesem Augenblick mit mir solidarisch sind, werden meiner Entscheidung rechtskräftige Form geben. An Sie, Exzellenz, richte ich die Bitte, mich der Qual, vor den Assisen zu erscheinen, zu entbinden. Es würde mir vorkommen, als ob ich dadurch das Andenken Giacomo Matteottis beleidige, für den das Leben etwas furchtbar Ernstes war, jenes Andenken, um dessentwillen ich weiterlebe, einsam und zerrissen, und in dessen Licht ich meine Söhne zu stolzen und furchtlosen Menschen erziehen will, wie ihr Vater einer war. Mit Hochachtung Velia Matteotti.“
Das ist die Sprache einer Römerin. Wenn der Duce, der große Schuldige, der in Chieti nicht vor den Schranken gestanden hat, nicht vor lauter Cäsarenwahnsinn taub geworden wäre für die Stimme der großen, edlen und freien Gesinnung, müßte er sich wie ein Hund in seine Hütte verkriechen, in der Erinnerung an seine eigenen, verlogenen, großmäuligen Frasen.
Aber bei uns im kühlen, vernünftigen Norden erkennen sich nicht einmal kleinere, spießbürgerlichere, gesündere fascistische Maulhelden selbst — was kann man da von einem Irrsinnnigen, Größenwahnsinnigen unter der heißen italienischen Sonne erwarten?

1926, 14

Der Urheber des Mordes an Matteotti ist Mussolini. Zwischeninstanz zwischen ihm und den Mördern war sein Pressechef Rossi, der nachher ins Ausland floh und Mussolini beschuldigte. Rossi ist im August 1928 von der Schweiz aus auf italienisches Gebiet gelockt, verhaftet und im September 1929 zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

http://www.erich-schairer.de/

Geschrieben von talbert

August 8, 2007 um 23:06

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Von Mises – ein echtes Zitat

mit 140 Kommentaren

Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben. Doch die Politik, die im Augenblick Rettung gebracht hat, ist nicht von der Art, daß das dauernde Festhalten an ihr Erfolg versprechen könnte. Der Faszismus war ein Notbehelf des Augenblicks; ihn als mehr anzusehen, wäre ein verhängnisvoller Irrtum.

 Dies ist nur 1 Zitat aus von Mises`”Liberalismus”, 1927. Es bildet den Schluss des Kapitels ” Das Argument des Faszismus”, p45.

Was wir also als Schulkinder in den sechziger und siebziger Jahren täglich als Entschuldung hörten, galt schon vor dem bolschewistischen Untergang des Abendlandes durch die Raubvölker, für den die “marxistische” Sozialdemokratie historisch verantwortlich war, entsprechend den Entschuldungslehren der ewigen Verteidiger.

Geschrieben von talbert

August 8, 2007 um 13:19

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Alle Räder stehen still …

mit 20 Kommentaren

Ach, und was regen sie sich aktuell alle auf über die “Erpressung” durch die Lokführer!

Entdecken plötzlich parallel ihr Herz für Krankenschwestern, die die Löhne ihrer Chefärzte finanzieren würden und denen man wahrscheinlich ansonsten mit dem Argument nicht ausreichender “Produktivität” im Gesundheitswesen  kleinere Wohnungen verordnen möchte und weniger Urlaub gleich mit. Auf daß sie beim Rückenleiden, das da komme, dann auch ja ordentlich draufzahlen.

Jetzt zitieren all die Autoritaristen Gerichtsurteile über das ach so böse Gewerkschaftshandeln, jene “Anti-Etatisten”, die immer gleich nach der Polizei rufen, wenn jemand ihrer  Doktrin sich nicht fügt. Posaunen die Schutzbedürftigkeit von Leuten wie Herrn Mehdorn laut heraus und behaupten, “Macht” fände ja nur da statt, wo Politik am Wirken sei, während ihre Unterwerfungs- und Delegimierungsstrategie aller Interessen durchschnittlicher Arbeitnehmer jedes halbwegs intakte, soziale Gefüge jenseits der Dorfgemeinschaft längst erodieren ließ und jeden, der auch nur  2 Cent mehr verdienen möchte, unter Rechtfertigungsdruck mittels Sinn (wieso heißt so einer eigentlich ausgerechnet so?) und anderer Hohepriester der Revolution von oben stellt.  Dabei gib’s zu dem Thema so viel mehr nicht zu sagen, als Stephan Hebel dieses gestern in der FR tat:

 ”Wenn in den nächsten Tagen die Züge still und die Passagiere auf den Bahnsteigen stehen, dann könnte sie Harmut Mehdorn eigentlich mit Transparenten begrüßen: Willkommen in Europa! zum, Beispiel, oder auch: Willkommen bei der Börsen-Bahn! Aber so ehrlich wird der Bahnchef nicht sein, daß er seinen Kunden offen sagt: Der Streik der Lokführer belegt ein weiteres Mal das Ende eines Sozialmodells. Und dieses Ende hat Mehdorn durch seine Privatisierungsstrategie mit betrieben.

(…)

Für Manager der globalisierten Fexiblilität ist so etws natürlich ein Graus. Flexibilität heißt für  sie – neben Anpassungszwang an wechselnde Unternehmenskonzepte – vor allem Beweglichkeit nach unten bei der Bezahlung. Im Wettbewerb durch Qualität zu bestehen und dafür den Preis zu bezahlen, das ist ihre Sache weniger.”

Stephan Hebel, Tarifkampf auf neuen Gleisen,  in: Frankfurter Rundschau 7. August 2007, S. 11

Daß  die Lohnforderung der Lokführer ungefähr jenen Gewinnvorstellungen enstpricht, den ein Medienkonzernkäufer wie Permira im Falle von ProSieben/SAT1 – glaubt man den entsprechenden Pressemeldungen -  eben auch anvisiert, das habe ich seltsamerweise noch nirgends gelesen bei unseren “Individualisierungs”-Propagandisten (diese zutiefst protestantische Vereinzelung von oben ist ja genau das gleiche Prinzip, das auch dem Schnüffelsstaat zugrunde liegt, Herr von Mises hätte da eine gute Figur gemacht, aber wer den Faschismus als Notwendigkeit behauptet, wie der Herr von zu das tat,  na ja …).

Und daß es sich nach Jahrzehnten der Erpressung von Belegschaften mit Entlassungsdrohungen – “Dann gehen wir halt nach China, da sind Streiks wenigstens verboten!” – und ganzer Bevölkerungen mit Phrasen wie jenen, daß eben nur Sozialabbau den Sozialstaat retten könne (sinngemäß Herr Schröder),  mit anderen Worten: “Entweder ihr stimmt zu, oder wir nehmen euch die Almosen auch noch wech”, all das habe ich all den Blogs, die jetzt “Erpressung!” schreien, noch nicht gelesen.

Wird Zeit, daß sich die deutschen Lokführer mit denen aus Rumänien und Polen zusammentuen. Daß diese Dauer-Erpressungsagitation von oben durch das Ausspielen von Arbeitnehmerschaften gegeneinander endlich ein Ende findet ….

Geschrieben von momorulez

August 8, 2007 um 6:54

Veröffentlicht in Ökonomie

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