Alle Räder stehen still …
Ach, und was regen sie sich aktuell alle auf über die “Erpressung” durch die Lokführer!
Entdecken plötzlich parallel ihr Herz für Krankenschwestern, die die Löhne ihrer Chefärzte finanzieren würden und denen man wahrscheinlich ansonsten mit dem Argument nicht ausreichender “Produktivität” im Gesundheitswesen kleinere Wohnungen verordnen möchte und weniger Urlaub gleich mit. Auf daß sie beim Rückenleiden, das da komme, dann auch ja ordentlich draufzahlen.
Jetzt zitieren all die Autoritaristen Gerichtsurteile über das ach so böse Gewerkschaftshandeln, jene “Anti-Etatisten”, die immer gleich nach der Polizei rufen, wenn jemand ihrer Doktrin sich nicht fügt. Posaunen die Schutzbedürftigkeit von Leuten wie Herrn Mehdorn laut heraus und behaupten, “Macht” fände ja nur da statt, wo Politik am Wirken sei, während ihre Unterwerfungs- und Delegimierungsstrategie aller Interessen durchschnittlicher Arbeitnehmer jedes halbwegs intakte, soziale Gefüge jenseits der Dorfgemeinschaft längst erodieren ließ und jeden, der auch nur 2 Cent mehr verdienen möchte, unter Rechtfertigungsdruck mittels Sinn (wieso heißt so einer eigentlich ausgerechnet so?) und anderer Hohepriester der Revolution von oben stellt. Dabei gib’s zu dem Thema so viel mehr nicht zu sagen, als Stephan Hebel dieses gestern in der FR tat:
”Wenn in den nächsten Tagen die Züge still und die Passagiere auf den Bahnsteigen stehen, dann könnte sie Harmut Mehdorn eigentlich mit Transparenten begrüßen: Willkommen in Europa! zum, Beispiel, oder auch: Willkommen bei der Börsen-Bahn! Aber so ehrlich wird der Bahnchef nicht sein, daß er seinen Kunden offen sagt: Der Streik der Lokführer belegt ein weiteres Mal das Ende eines Sozialmodells. Und dieses Ende hat Mehdorn durch seine Privatisierungsstrategie mit betrieben.
(…)
Für Manager der globalisierten Fexiblilität ist so etws natürlich ein Graus. Flexibilität heißt für sie – neben Anpassungszwang an wechselnde Unternehmenskonzepte – vor allem Beweglichkeit nach unten bei der Bezahlung. Im Wettbewerb durch Qualität zu bestehen und dafür den Preis zu bezahlen, das ist ihre Sache weniger.”
Stephan Hebel, Tarifkampf auf neuen Gleisen, in: Frankfurter Rundschau 7. August 2007, S. 11
Daß die Lohnforderung der Lokführer ungefähr jenen Gewinnvorstellungen enstpricht, den ein Medienkonzernkäufer wie Permira im Falle von ProSieben/SAT1 – glaubt man den entsprechenden Pressemeldungen - eben auch anvisiert, das habe ich seltsamerweise noch nirgends gelesen bei unseren “Individualisierungs”-Propagandisten (diese zutiefst protestantische Vereinzelung von oben ist ja genau das gleiche Prinzip, das auch dem Schnüffelsstaat zugrunde liegt, Herr von Mises hätte da eine gute Figur gemacht, aber wer den Faschismus als Notwendigkeit behauptet, wie der Herr von zu das tat, na ja …).
Und daß es sich nach Jahrzehnten der Erpressung von Belegschaften mit Entlassungsdrohungen – “Dann gehen wir halt nach China, da sind Streiks wenigstens verboten!” – und ganzer Bevölkerungen mit Phrasen wie jenen, daß eben nur Sozialabbau den Sozialstaat retten könne (sinngemäß Herr Schröder), mit anderen Worten: “Entweder ihr stimmt zu, oder wir nehmen euch die Almosen auch noch wech”, all das habe ich all den Blogs, die jetzt “Erpressung!” schreien, noch nicht gelesen.
Wird Zeit, daß sich die deutschen Lokführer mit denen aus Rumänien und Polen zusammentuen. Daß diese Dauer-Erpressungsagitation von oben durch das Ausspielen von Arbeitnehmerschaften gegeneinander endlich ein Ende findet ….
Okay, jetzt mal ganz direkt gefragt: Wo ist hier der argumentative Kern? Gibt es außer einem diffusen Ungerechtigkeitsgefühl, das weder begründet noch analysiert wird, noch was zu entdecken?
statler
August 8, 2007 um 8:14
Korrektur #1: Die Krankenschwestern finanzieren nicht die Löhne ihrer Chefärzte, sondern deren Ausbildung. Von der dann die Chefärzte quasi allein profitieren (Na gut, die Patienten profitieren natürlich auch, aber ich meinte ja auch im finanziellen Sinne). Dieser Gedankengang führt entweder zu starken Alumni-Systemen oder zu nachgelagerten Studiengebühren. Über beides sollte man sich doch vernünftig unterhalten können.
Zum Beispiel auch darüber, dass die Preise (Studiengebühren) für die Studiengänge, die einen relativ kleinen finanziellen Gewinn versprechen, niedriger sein sollten. Markt und so.
Korrektur #2: Sinn war in der Diskussion bei uns eher heftig umstritten als ein “Hohepriester”.
Korrektur #3: Der vorletzte Absatz ist irgendwie kein Satz, oder?
Zustimmung #1: Ja, eine Internationalisierung der Arbeitnehmerorganisationen (ob nun wie bisher oder auf der bei uns angesprochenen genossenschaftlichen Basis) tut schon dringend Not. Da haben die Gewerkschaften gepennt. Ist doch klar, dass man machtlos wird, wenn nur die anderen globalisieren.
Zustimmung #2: Aber natürlich ist doch das, was die Lokführer machen, Erpressung. Nur kann man die nicht bei den einen gutheißen und bei den anderen nicht. Die Lokführer haben ein begehrtes Gut anzubieten…
Karsten
August 8, 2007 um 9:26
@Statler:
Der argumentative Kern besteht darin, daß es ziemlich albern ist, den Lokführern Erpressung vorzuwerfen, während umgekehrt Kraft der auch von Dir gestützten Ideologie seit Jahrzehnten Arbeitnehmer und ganze Bevölkerungen permanent erpresst werden.
Ansonsten in dem Aufweis von Widersprüchen: Wenn irgendwelche Privat Equity-Fonds 30% anpeilen (und – so wurde mir erzählt – ja in der Regel noch nicht mal Geld in die gekauften Unternehmen stecken, sondern meines Wissens dieses über Bankkkredite abwickeln und die Schulden, die dann dabei entstehen, auch noch den Unternehemen aufbürden, die daraufhin auf aufgrund der Zinslast dann erst mal Leute feuern und Gehälter senken, weil die Schulden nun auch noch mit im Budget stecken) dann ist das super, wenn Lokführer das fordern, ist es Erpressung.
Wenn aus Arbeitnhemerperspekrtive rechtliche Regelungen gefordert werden, ist das totalitär, wenn es darum geht, gewerkschaftliches Handeln einzudämmen, dann ist Staat auf einmal ganz toll. Und das alles dann im Namen eines “Anti-Etatismus”, ich lach mich tot.
Wenn’s darum geht, Verteilungsgerechtigkeit einzufordern, ist die “Kuchen”-Nummer natürlich Unsinn, über den Umweg des Krankenschwester/Ärtzte-Beispiels kommt er auf einmal in’s Spiel.
So was nennt man halt Ideologie … abgesehen davon hätte ich auch kein Problem damit, Einträge über diffuse Ungerechtigkeitsgefühle zu verfassen.
Und das FR-Zitat brauche ich ja nicht noch mal zusammenfassen … selber Schuld halt.
@Karsten:
zu “Korrektur 1″: Ich habe Statlers Argumentation schon verstanden und verlinke die ja nicht nur, um auf dieses neue Blog aufmerksam zu machen (das natürlich auch
), sondern auch, da jeder ja dann dort noch mal deren Gang, also den der Argumente, nachlesen kann.
Mich nerven nur diesen eingestreuten Brocken, die auf Prinzipien verweisen, die als solche ansonsten bestritten werden (Gerechtigkleit, Umverteilung von “unten” nach “oben”). Klassisch linke Position wäre ja auch eher, daß gefälligst die Krankenschwester deutlich höher bezahlt werden sollte, z.B. aus Steuern.
Außerdem kann man alles diskutieren, klar. Im Gegensatz zu Leuten, die jede Fragestellung, die sie eher geschmäcklerisch für “Geschwurbel” halten, bin ich ja auch gegen “Denkverbote”, ja.
zu “Korrektur 2″: Ja, ich weiß, daß das bei euch umstritten war. Auf Leute wie Herrn Sinn beruft sich aber die politische Klasse, und dieses Feedback “eurer” Ideologeme auf politisches Handeln könnt ihr ja schlecht permanent ausklammern, wenn ihr “eurer” eigenes Argument, daß es unsinnig sei, weiter für Sozialismus zu plädieren mit dem Argument, er sei ja nie realisiert worden, ernst nehmen würdet. Dieses in Relation zu Idealitäten setzen, um aus der Perspektive dann Realitäten zu kritisieren, das ist eben schlicht irreal. Es wird immer Politik geben, und wenn man Plädoyers für “Verantwortungsethik” hält, dann gehören eben auch die Folgen “eures” Diskutierens da mit rein.
zu “Korrektur 3″: Kann sein, ich war noch nicht ganz wach. Finde beim Bloggen aber das Bewahren der Spontanität, und zwar sichtbar, auch wichtig, sonst macht das Medium für mich keinen Sinn. Deshalb korrigiere ich Tippfehler ja auch nicht. Ist ja hier keine Grundsatzrede auf einem Bundesparteitag, sondern das, was mir morgens so durch den Kopf geht.
zu “Zustimmung 2″: Aktuell sehe ich keine Alternative zum Machtkampf. Argumentieren geht ja gar nicht in einer ideologisch durchsättigten Welt, wo die Argumentationshoheit für Leute wie Herrn Sinn mit allen Mitteln durchgedrückt wird (z.B. durch die Umstrukturierung von Universitäten).
momorulez
August 8, 2007 um 10:32
@KArsten:
wieso finanzieren die Krankenschwesternn die Chefarztlöhne nicht, wenn der Chefarzt Spitalseinrichtung und Personal für Privatbehandlung nutzen kann? Oder ist das nicht mehr so? Ich kenn das so aus meinem Zivildienst 1980. Da haben sogar wir Zivildienstleistende für den Chefarzt privat gearbeitet.
T. Albert
August 8, 2007 um 10:39
Ach Momo, “Herr Mises” hat mW zu keinem Zeitpunkt von einer “Notwendigkeit” des Faschismus gesprochen, nur darüber dass viele Bürgerliche die Nazis als “Notbehelf” gegen die andere totalitäre Massenbewegung, den Bolschewismus, gesehen haben; Dir sollte das auch bekannt sein – ist in Deinem eigenen Blog so kommentiert worden. Falls Dich seine Positionierung hinsichtlich Faschismus und Aggressionskrieg wirklich interessieren (und das nicht nur die etwas kindische Stichelei sein sollte, als die mir der Verweis auf Mises im Kontext einer Diskussion um Lokführergehälter erscheint) empfehle ich Dir die Ergänzungen von ddh zu seiner Rezension. Da steht einiges dazu – echte Zitate, keine Verdrehungen
jo@chim
August 8, 2007 um 11:58
Diffuse Ungerechtigkeitsgefühle und moralinsauer sich aufplusterndes Betroffenheitsgesülze sehe ich in diesen Tagen vornehmlich in dem kindischen Gegreine derer, welche den Mehdorn und ein paar Firmen als Opfer des Reichs des Lokführer-Bösen beweinen.
Da lehne ich mich locker grinsend zurück und sage: Heult doch!
Nörgler
August 8, 2007 um 12:01
Naja, wenn Du schon Sat.1-Eigentümer und Lokführer vergleichen willst, dann wäre das Äquivalent zum Lokführerstreik wohl eher ein Kartell der Fernsehsender, das damit droht, kollektiv den Sendebetrieb einzustellen, falls die Werbekunden nicht ihre Zahlungen erhöhen. Zwischen beiden Sachverhalten gibt es einen ziemlich großen, kategorialen Unterschied.
statler
August 8, 2007 um 12:11
Na mir jedenfalls kommen bezüglich des Herrn Mehdorn nun wirklich nicht die Tränen… kann mich gut daran erinnern, wie er anlässlich der bevorstehenden Pseudo-Privatisierung aus Gründen der Kapital-Akquise die Backen aufgeblasen hat, wie gut’s dem Staatskonzern ginge. Der Typ ist als Manager schlicht peinlich. Da finde ich es schon verständlich, wenn ihn die Lokführer beim Wort nehmen
Und so viel verdienen die Jungs ja nun wirklich nicht.
Die abzuschliessende Sondervereinbarung mit der GdL trägt übrigens auch zur Flexibilisierung und Delegitimierung des Flächentarifs bei. Dies wäre sogar ein positiver Effekt einer erfolgreichen Einigung.
jo@chim
August 8, 2007 um 12:28
ach joachim,
das habe ich natürlich hier nicht so kommentiert. Herr von Mises schreibt vom “Faschismus als Notbehelf”, keineswegs davon, dass viele Bürgerliche das so gesehen hätten. Dass die das getan haben, ist aber nix neues, andererseits.Echte Zitate gibt`s in Eurer Rezension auch von Lassalle nicht. Wir werden sehen.
T. Albert
August 8, 2007 um 12:30
@Jo@chim:
Ich habe mein Wissen neben den diversen Zitaten, die dhh so allgemein streut, tatsächlich in diesem konkreten Fall aus der Wikipedia, das gebe ich gerne zu.
Ich habe jedoch in letzter Zit ziemlich gehäuft von Mises-Zitate gelesen, nicht nur in der Wikipedia, und da war nun wirklich gar nix bei, was sich vor lauter Fixierung auf den ja wohlbegründeten Antibolschewismus nicht faschistoid hätte ausschlachten lassen.
Ganz grotesk wird es dann aber, wenn das, was gegen Stalin gerichtet ja noch Sinn machte (also nicht der notwendige “Notbehelf” Faschismus, Herr Nolte, aber die Kritik des Leninismus/Stalinismus, meine ich), als diskursiver Notbehelf in aktuellen Debatten zu ganz anderen Problemlagen herhalten muß. Verniedlicht den Stalin dann doch ganz erheblich. Und ich guck bei Heidegger doch auch, was es war, das ihn zu den Nazis trieb. Solche historische Hermeneutik mag bei euren “ewigen Wahrheiten” natürlich vor lauter Mythologie nicht mehr möglich sein.
Die Verlinkung mag im Sinne davon, daß aus Kindermund die Wahrheit spricht, dann auch kindisch gewesen sein – nur daß eben ihr mit eurer Agitation im Sinne einer Vereinzelung von oben, mit der ihr dann Freiheitsbegriffe teils schlicht durch den Dreck zieht, natürlich nur die Formierung von Gegenmacht zu eurer faktischen, wirtschaftlichen Macht verhindern wollt. Klienteltreue halt. Und das hängt dann mit Themen wie Gewerkschaft schon eng zusammen.
Um den Zusammenhang zwischen Schnüffdelstaat und eurem “Eigenverantwortungsdikurs” selbst begreifen zu können, müßtet ihr jedoch neben Mises zwischendurch auch mal z.B. Foucaults “Überwachen und Strafen” lesen, übrigens eine Fundgrube für liberale Staatskritik.
Na, und was beim Verhalten vieler Bürgerlicher damals dann hinten rauskam, das hast du ja vielleicht auch noch auf dem Zettel. Leute wie Erich Kästner wußten das schon Jahre vor dem 3. Reich, daß das dabei rauskommen würde. Mal den “Fabian” gelesen?
Zur Geschichte mit dem Flächentarifvertrag: Das war eine weitere Pointe in dem FR-Kommentar. Wer das Verhandlungsgefüge des “rheinischen Kapitalismus” aushebelt, der muß dann halt auch vermehrt mit Streiks rechnen. Ganz einfach.
@Nörgler:
@Statler:
Wenn diese kategorialen Unterschiede dann auch mal ernsthaft von eurer Seite diskutiert würden – Rayson hat das neulich mal im Falle der Bürgschaft für die nordrhein-westfälische Bank in Ansätzen getan -, dann wär’s ja schön.
Bisher vernehme ich ausschließlich “Elitenbildung, Managerlöhne rauf, alle anderen Löhne runter” und “was privatwirtschaftlich passiert, ist nicht diskussionfähig, weil privat”. Solange kann ich ja auch pauschal bleiben.
momorulez
August 8, 2007 um 13:32
Auch in der Wikipedia steht nix davon, dass LvM eine “Notwendigkeit des Faschismus” behauptet hätte, wie Du es ihm unterstellst. So bleibt denn Dein “Wissen”, was es sein soll und auch ist: plumbe Parole.
jo@chim
August 8, 2007 um 13:59
@Jo@chim:
Dann lies Dir doch einfach mal den nächsten Eintrag durch, T. Albert hat für mich noch mal recherchiert … und wirklich, sorry, angesichts dessen, was dhh da über Lasalle zusammenstückelt, ahistorischer geht’s ja gar nicht.
Wenn ihr wenigstens noch irgendein nachvollziehbraes Verhältnis zu 1848 hättet und wieso dann der Bismarcksche “Nationsgründungsprozeß” (waren’s 3 Kriege?) auch eine Antwort eben darauf bedeutete, dann hätte hätte man ja wenigstens noch das Gefühl, ihr wüßtet wenigstens über eure eigene Geschichte Bescheid. Aber noch nicht mal das.
Schon mal darüber nachgedacht, warum “Die Internationale” “Die Internationale” hieß? Und lies mal Kästner oder alte Ausgaben der Weltbühne oder Tucholsky oder Sontheimers “Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik”, alles nix aus der Thälmann-Ecke, bevor Du hier anderen “plumbe Parolen” um die Ohren haust.
momorulez
August 8, 2007 um 14:15
och jo@chim,
man kann das ganze umhergeisternde buch “liberalismus” im netz lesen, man muss nur wollen:
Jena Verlag von Gustav Fischer 1927 PDF-Version von Gerhard Grasruck für http://www.mises.de
_lustigerweise, seh ich grad, steht bei wikipedia eben mein oben folgendes zitat.
beim lesen des ganzen buches und des anti-demokratie-buches von Herrn Professor Hoppe in las vegas wird übrigens klar, dass der Professor Hoppe den Mises vom kopf auf die füsse stellt. nicht mehr.
talbert
August 8, 2007 um 14:18
Ich hol’s auch gerne noch mal hierher:
“”Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.” (Liberalismus, S. 45, Faszismus = aus dem Italienischen abgeleitete, damals übliche Schreibweise für heute Faschismus)”
Von hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_von_Mises
Da steht zwar nicht wörtlich “notwendig”, aber das Retten der “europäischen Gesittung” (heute würde man wohl “westliche Werte” sagen) für den Augenblick ist ja so weit weg davon nun auch nicht. “Plumbe Parole”?
Ist aber in der Tat noch eindringlicher als das, was der Hayek schreibt …
momorulez
August 8, 2007 um 14:24
Na, wer argumentiert denn da gerade so schwer ahistorisch?
Wir reden hier über 1927, über den italienischen Faschismus. Die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus waren zu diesem Zeitpunkt — naturgemäß — kein Thema. Zu dieser Zeit (und etwas später) hatte der italienische Faschismus als System geschmeidiger politischer Interessensdurchsetzung noch ganz andere Bewunderer. Franklin D. Roosevelt beispielsweise. Und Keynes beispielsweise. Einen Liberalismus-Faschismus-Konnex zu konstruieren ist also tatsächlich schlicht ahistorisch, die verbreitete öffentliche Meinung in allen möglichen politischen Lagern zu diesem Zeitpunkt völlig ignorierend.
Aber dieser Kurzschluß wird nicht einmal Mises gerecht. Im gleichen Kapitel, aus dem dieses kleine Zitat dort oben stammt, wirft der dem Faschismus vor, daß er mit seinem gewaltsamen Politikverständnis zu nichts anderem als Bürgerkrieg führen kann. Aber man muß ihn schon im Kontext lesen, um das zu bemerken. Dann findet man auch sowas:
“Denn der Faszismus tut nichts anderes zu seiner Bekämpfung als Verfolgung der Ideen und derer, die sie verbreit-en; wollte er den Sozialismus wirklich bekämpfen, dann müßte er ihm mit Ideen entgegentreten. Es gibt aber nur eine Idee, die man dem Sozialismus wirksam entgegenstellen kann: die des Liberalismus.”
Nein wirklich, MR, diese Art oberflächlicher Denunziationskultur ist eigentlich unter Deiner Würde.
statler
August 8, 2007 um 18:01
Antwort im anderen Thread.
Übrigens ist noch kein Schwein auf meine Auflistung “eurer” permanenten Widersprüche eingegangen da oben vor lauter Bedarf, eure Säulenheiligen zu verteidigen …
momorulez
August 8, 2007 um 18:40
Hätte der Fan, der die Aussagen des von ihm Verehrten verdrehen muß, um die libidinöse Besetzung nicht sich stören zu lassen, stillgeschwiegen – wie bald verschwände seine an Mises erbrachte interpretatorische Leistung in den Tiefen dieses Blogs.
Es hat ihm aber gefallen, im Loche sitzend mit dem Graben nicht aufzuhören, und durch “Äh? Blödl!” gleich eingangs eine Probe der Wucht seines Sprachschaffens zu geben.
Sodann wechselt er – wie er glaubt, listig – den Gegenstand durch den Bezug seiner Äußerung auf die von Momo, wohingegen ich darauf hinwies, wie – via talbert-Zitat – Mises selbst es ist, der den j. düpiert:
Während j. gaukelt, Mises habe “nur darüber [gesprochen] dass viele Bürgerliche die Nazis als ‘Notbehelf’ gegen die andere totalitäre Massenbewegung” ansahen, sprechen die europäische Gesittungsrettung und das ewige Geschichtsverdienst eine andere Sprache. Wer aber die glühende Überzeugung einer Person als bloß distanziertes Referieren der Auffassung Dritter ausgibt, den nenne ich einen Verdreher.
Nörgler
August 8, 2007 um 20:19
Bisher vernehme ich ausschließlich “Elitenbildung, Managerlöhne rauf, alle anderen Löhne runter” [...]
Genau das behauptet ein Liberaler doch gar nicht. Liberalen sind Managerlöhne/andere Löhne/Elitenbildung im Prinzip egal, sie haben auch grundsätzlich gar nichts gegen Gewerkschaften, im Gegenteil, es ist doch eigentlich gut, wenn die Interessenparteien ihre Löhne selbst aushandeln als es staatlich festzusetzen. Sie haben lediglich etwas gegen Kartelle wie z. B. die Opec, das Milchkartell, das Roamingkartell und letzten Endes natürlich auch gegen Tarifkartelle, besonders, wenn sie noch staatlich geschützt sind.
Aber privates bleibt privat ist doch ein schlüssiger Grundsatz, was soll ich mir für ein Urteil zum Verdienst von Ackermann oder Metallern machen, wenn ich selbst gar nicht für die Bezahlung sorge?!
Ich habe das Gefühl, das hier ständig Pappkameraden aufgebaut werden und mit diesen Widersprüche gestrickt werden, die man dann fachmännisch und offenkundig bekämpfen kann.
Zovirax
August 11, 2007 um 16:13
@Zovirax:
Also, bezüglich der Gewerkschaften schrub Statler z.B. mal von einem “vermachteten Markt”, als sei der sonst machtfrei …. diese ganzen von Mises-Zitate in der Kommentarsektion der B.L.O.G.s sprechen da auch eine deutliche Sprache. Sind jetzt nur zwei Quellen, aber glaub’s mir: Da kommt immer irgendwer ratzfatz mit dem Totalitarismus-Vorwurf um die Ecke.
Die Manager-Löhne werden als nicht zu kommentieren im Sinne von “privat” behauptet, das stimmt schon. Ist eben der Markt. Ansonsten ist aber schon Dauer-Argument, daß es die Arbeitslosigkeit ja nur gäbe, weil durch die Sozialleistungen sowas wie eine künstliche Untergrenze geschaffen würde, die “normale” Preisbildungsprozesse unterbinden würden, und zudem durch das eben von den Gewerkschaften durchgesetze Arbeitsrecht Verhältnisse zementiert würden. Und dieses “Löhne runter!” eines Herrn Sinn ist unter Liberalen umstritten, stimmt schon. Aber das sind dann allenfalls Zuspitzungen, noch lange keine Pappkameraden.
Sorry, daß Du so lange im Spam-Filter lagst!
momorulez
August 12, 2007 um 16:48
@T. Albert:
Keine Ahnung, ob das so ist, ich arbeite ja nicht im Krankenhaus. Und vielleicht finanzieren sie die Löhne auch. Aber das ist doch ein blöder Nebenkriegsschauplatz. Sicherlich ein diskussionswürdiger, wenn die Verhältnisse so sind, wie Du sie beschreibst, aber keiner, der mit der Diskussion um Studiengebühren zu tun hat.
@MR:
Sinn vertritt aber nicht die “Ideologie” der Liberalen, sondern vielmehr eine äußerst konservative politische Haltung, die sich nur zufällig auch der Ökonomie bedient. Was damit zu tun hat, dass er… nun ja, Ökonom ist. Also mögen wir uns den auch nicht vorhalten lassen.
Ansonsten klinke ich mich hier mal aus, weil ich nichts neues beitragen, sondern vielmehr nur die Argumente aller Beteiligten nachvollziehen kann. Habe ich schon einmal darauf hingewiesen, wie kompliziert ich die Welt finde?
Karsten
August 12, 2007 um 20:04