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Milton Friedman oder Scheitern als Chance: Wer findet den Widerspruch?

mit 10 Kommentaren

„In einem freien Wirtschaftssystem gibt es nur eine einzige Verantwortung für die Beiteiligten: Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel in möglichst Gewinn bringend eingesetzt und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der Regeln des offenen und freien Wettbewerbs und ohne Betrugs- und Täuschungsmanöver. Ebenso liegt die „soziale Verantwortung“ der Gewerkschaftsführer in der Wahrnehmung der Interessen der Mitglieder ihrer Gewerkschaften. Und es ist ist in unser aller Verantwortung eine Gesetzesstruktur zu schaffen, die sicherstellt, dass ein Individuum, das seine persönlichen Interessen wahrnimmt – um nochmals Adam Smith zu zitieren -, „wie von einer unsichtbaren Hand geführt ein Ziel erreicht, das nicht Teil seiner Absicht war. Das ist keineswegs immer negativ für Gesellschaft als Ganzes. Indem der Einzelne seine eigenen Ziele zu erreichen sucht, dient er oft den Interessen der Gesellschaft besser, als wenn er sie bewußt verfolgt. Ich habe nicht viel Gutes von denen gesehen, die vorgaben, für das Allgemeinwohl zu arbeiten“.“

Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt/M. 2004, S. 164-165

Ich gebe ja zu, daß ich bei der Passage gestern schallend gelacht habe. Im Zuge meiner freiwilligen Selbstverpflichtung, mich durch dieses Buch zu quälen, geht’s mir ja zunehmend schlechter bei der Lektüre. Und das nicht, weil ich langsam in Reue und Scham versinke, bisher so viel Unsinn verbreitet zu haben, ganz ehrlich, das hatte ich vorher sogar befürchtet, daß das passeieren könnte. Auch nicht, weil ich es so schlimm fände, daß da jemand die Welt fundamental anders sieht, das ist ja eigentlich was Bereicherndes. Nee, sondern, weil mir da zunehmend Seriösitätszweifel kommen, nachdem ich ihn anfangs einfach nur für einen entflammten Idealisten hielt. Die Zweifel steigen in mir auf, weil ich bis auf die konkreten, ökonomischen Fallstudien das Niveau ziemlich erbärmlich finde und das bei einem seiner Profession doch eigentlich gar nicht der Fall sein dürfte. Der ganze, begriffliche Rahmen scheint so stupide und monoton, daß ich das schwer erträglich finde.

Immerhin hat der Mann nach z.B. Max Weber geschrieben, und auch Adam Smith wußte ja, warum er flankierend noch seine Moralphilosophie verfaßte. Bei Friedmann findet sich noch nicht einmal die simpelste Unterscheidung zwischen Rationalitätstypen, wenn ich nicht entscheidendes überlesen habe. Kann aber ja alles meine eigene Blödheit sein, die Brillianz des Nobelpreisträgers nicht zu identifzieren und hier nur borniert wie manche Autoren von Gegenüber allen anderen dann die Dummheit rüberzuschieben, deshalb die ganz ernst gemeinte Frage: Kann mir mal jemand erläutern, inwiefern Gewerkschaften im selben Sinne als Monopol begreifbar sind wie eines bei der Wasserversorgung oder bei Computer-Betriebssystemen? Sind das nicht so dermaßen verschiedene Organsiationsformen und auch Handlungstypen, daß es schlicht Quatsch ist, sie als identisch zu begreifen?

Geschrieben von momorulez

Oktober 9, 2007 um 7:11

10 Antworten

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  1. @Frage: Kann mir mal jemand erläutern, inwiefern Gewerkschaften im selben Sinne als Monopol begreifbar sind wie eines bei der Wasserversorgung oder bei Computer-Betriebssystemen? Sind das nicht so dermaßen verschiedene Organsiationsformen und auch Handlungstypen, daß es schlicht Quatsch ist, sie als identisch zu begreifen?

    - Ja sicher, wobei ich jetzt nicht weiß, ob Friedman das genauso meint, ich kenne es nur aus einer Diskussion mit Wirtschaftsliberalen (im real life, nicht online, das muss heutzuage ja dazugesagt werden). Die jedenfalls argumentierten, Gewerkschaften seien eine monopolistische Sache, viel liberaler wäre es, wenn jedes einzelne Unternehmen seinen völlig unabhängigen, von keinem Dachverband unabhängigen Betriebsrat hätte und es auch keine IHKs oder sonstigen Unternehmerverbände gäbe, ja am Idealsten sei es, wenn jeder Arbeitnehmer oder zumindest jede einzelne Abteilung ihre Interessen individuell vertreten würde. Auf die Feststellung, dann würden auch ständig irgendwie aus betriebsinternen Gründen völlig losgelöst von Tarifrunden einzelne Unternehmen bestreikt oder sogar einzelne Arbeitnehme individuell als Person in Streik treten wussten sie keine Antwort, woobei ihre Vorstellung eines Betriebes ohnenhin ein mittelständisches Handwerks- oder Kleinhandelsunternehmen war, wo halt gemacht wird, was Cheffe sagt.

    che2001

    Oktober 9, 2007 um 7:24

  2. Gut, aber ist das denn in den USA anders als hier, daß es jeweils nur eine Gewerkschaft pro „Geschäftszweig“ gab? Hier gab es doch z.B. immer auch die christlichen Gewerkschaften, in meinem Bereich gibt’s mindestens zwei, u.a. IG Medien und DJV, beim aktuellen Lokführerstreik ist doch, wenn ich’s richtig mitbekommen habe, gerade das Problem, daß deren Gewerkschaft gerne ‘nen eigenen Vertrag hätte … und auch sonst kann man doch die Differenz zwischen demokratischer Organsitionsform, natürlich nur idealerweise, ja, ja, „Die Faust im Nacken“ und so, und „Eigentumsrechten“ als Legitimation von Macht wie auch die Differenz ziwschen Lohnarbeit und dem Eigentum an Produktionsmitteln, war ja noch Industriegesellschaft zu Friedmans Zeit, nicht mal eben einebnen.

    momorulez

    Oktober 9, 2007 um 7:37

  3. Eigentlich ist es mir völlig egal ob sich die Gewerkschaften monolothisch oder eher kleiner organisieren – je nach Branche bietet sich da vermutlich anderes an um am besten die Interessen durchzusetzen. Wobei sich vermutlich in den meisten Branchen eher größere Gewerkschaften anbieten (oder eben Branchenübergreifend). Der Knackpunkt wäre eigentlich nur wieviele staatlichen Privilegien Gewerkschaften (aber auch Unternehmerverbände) erhalten. Aber so bewandert bin ich da im Detail nicht.

    Ich kenne ja eher die Analogie zum Kartell und die finde ich relativ offenkundig: Anbieter „sprechen sich ab“ um bestimmte Preisvorstellungen zu erreichen. Ja, es kann auch noch ganz andere Ziele einer Gewerkschaft geben (FAU-IAA usw.) – aber die „ökonomische Funktion“ ist dann eben doch meistens diese wenn man mal von unseren großen Gewerkschaften ausgeht. Ein Monopol ist auch möglich. Wenn es z.B. eben nur eine Gewerkschaft gibt die eine bestimmte Arbeitnehmerschaft (am besten mit wirtschaftlicher Schlüsselfunktion) zum größten Teil in sich versammelt kann diese ihre Position ziemlich analog zum Unternehmensmonopolisten ausnutzen.

    Ich habe Kapitalismus und Freiheit vor ca. fünf Jahren gelesen und hatte eher den Eindruck, dass Friedman es schreibt um bestimmte seiner Ideen und Konzepte populär zu machen (die Sprache ist ja auch ziemlich einfach) und nicht ein großes hochwissenschaftliche Magnus Opum abzuliefern.

    googlehupf

    Oktober 9, 2007 um 20:49

  4. @Momo:Die IG Medien existiert seit 2001 nicht mehr.

    che2001

    Oktober 9, 2007 um 21:09

  5. @Che:

    Ja, kann sein, da war ich auch schon im DJV ;-)

    @Googlehupf:

    Friedman vertritt tatsächlich die These, analog zu dem dem, was Du über Preisabsprachen schreibst, man solle sowas wie Anti-Trust-Gesetze auch auf die Gewerkschaften anwenden.

    Was aber für mich eher die These betsätigt, daß er, was Politik betrifft, begrifflich ganz außerordentlich minderbemittelt agiert, indem er diese mit staatlicher gestzgebung mal eben einfach so identifiziert, ohne die Verfahren, die zu dieser führen, wirklich zu begreifen, weil er sie mit „Kollektiv“ identifziert, was IMMER eine Chiffre ist für irgendwas, was einem nicht in Kram paßt, aber kein analysefähiger Begriff. Wie er ja übrigens eh nicht wirklich über Wirtschaft schreibt, sondern durchgängig über Recht, und Recht will er in wirtschaftswissenschaftlichen Expertisen begründet sehen oder in einem nicht näher begründeten „Prinzipiellen“. Das ist sogar zweistufiger Platonismus: Philosophenherrschaft + Ideenlehre.

    Und das mit dem Populären ist kein Argument: Safranski schreibt ja auch populär ohne Niveau-Verlust.

    Bei Friedman habe ich zunehmend das Gefühl, daß der mich wider besseren Wissens verarschen will, wie eben auch manch Politiker, der aus Hintergedanken heraus dann irgendwas behauptet, was ihm aus ganz anderen Gründen in den Kram paßt.

    Die Seriösitätszweifel beziehen ja nicht auf dessen konkrete, materiale Analysen in den Wirtschaftwissenschaften, sondern ganz konkret auf dieses Buch. Und damit ist immer dann was anzufangen, wenn er begründet, warum z.B. ein Abschaffen der Körperschaftssteuer, negative Einkommenssteuer (weiß jetzt gar nicht, ob das da schon auftaucht), Bildungsgutscheine etc. Sinn mchen könnten, wenn er also als Regierungsberater auftritt. Aber immer dann, wenn er dieses Feld verläßt, wird’s etwas, na, messianisch-blöd.

    momorulez

    Oktober 10, 2007 um 6:47

  6. Bei dem Begriff Seriösitätszweifel will ich einhaken. Mir kommt das langsam vor wie Quacksalberei.

    Auf der Webseite von Aufklärung und Kritik fiel mir dieser Titel auf

    Horst Hinz
    Wirtschaftstheorie von Morgen
    Zu Hans Alberts Buch „Marktsoziologie und Entscheidungslogik“
    http://www.gkpn.de/Hinz_Albert.pdf

    Der Angriff von Hans Albert zielt laut Hinz auf die Wissenschaftlichkeit der Ökonomie.

    Mehr und mehr wird den Ökonomen auch im deutschen Sprachbereich klar: Der
    methodologische Boden, auf dem die Sozial- ebenso wie die Naturwissenschaften,
    also sämtliche exakten Disziplinen stehen, ist bestenfalls ein „Sumpf“.

    Sie gipfeln in der ordnungspolitischen Debatte im krypto-normativen, also ideologischen „Maximum-Theorem“, das heißt in der bis heute unbewiesenen und dennoch von Alt- und Neuliberalen, von Neu-, Konkurrenz- und Kalkulationssozialisten gleichermaßen vertretenen Behauptung, der Preismechanismus des statischen Modells der vollkommenen Konkurrenz bewirke auf der Basis einer immanenten Rationalität so etwas wie ein harmonisches
    (!) makroökonomisches Gleichgewicht, das sich durch maximale oder optimale Produktion und Bedürfnisbefriedigung aller Wirtschaftssubjekte auszeichnet.

    Den Eindruck hatte ich ja auch schon. Als Ingenieur wundert es mich immer, welche Vorstellungen vom Gleichgewicht bei den Seefahrern der Wissenschaft üblich sind. Mit Naturwissenschaft haben diese Gleichgewichtsvorstellungen nicht das geringste zu tun. Seitdem ich Rüstow las, kenne ich den theologischen Hintergrund.

    Meine Frage ist nun. Kennt sich einer mit diesem Buch von Hans Albert aus?

    Hinweis: Zu Widerlegung der Gedankenwelt der Neoliberalen sollte man noch Egon Erwin Nawroth Buch „Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus“ gelesen haben.

    Libero

    Oktober 19, 2007 um 21:39

  7. @Libero:

    Mir ist dieses Albert-Buch auch schon mal in Zitat- und Titelform über den Weg gelaufen, und ich finde den ja sehr treffend, den von Dir zitieretn Auszug. Damals redeten Statler und ich noch miteinander, und er als Albert-Fan hat dann irgendeine ziemlich ausweichende Antwort gegeben …

    Nawroth habe ich auch noch nie gehört … muß ich mich wohl mal auf die Suche begeben!

    momorulez

    Oktober 20, 2007 um 9:59

  8. DAS Buch im Augenblick: Butterwegge, Kritik des Neoliberalismus. Lesen in meinem Umfeld gerade alle.

    che2001

    Oktober 20, 2007 um 12:37

  9. Ich glaub’, der Butterwegge geht grad’ wie geschnitten Brot. :-)

    jolly rogers

    Oktober 20, 2007 um 15:17

  10. ich finds unglaublich, wie du dich mit diesem buch auseinandersetzt. ich schreibe gerade meine diplomarbeit über die übernahme sozialer verantwortung durch unternehmen und deine buchanalyse von friedmann hat mir sehr geholfen! es lohnt sich, seine politischen auseinandersetzungen zu machen und sie öffentlich mitzuteilen. wollt ich dir nur mal als positives feedback sagen!

    underdog

    Mai 30, 2008 um 20:02


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