shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Politischer Boulevard

mit 14 Kommentaren

Na ja, daß Leute, die unter Politik verstehen, politischen Gegnern den Blow Job einer Praktikantin nachzuweisen, dann nur krähen und krakeelen können, wenn andere Positionen als die ihre andernorts Respekt erfahren, erstaunen tut das nicht.

Schlimm ist ja eigentlich nur, daß der politische Boulevard jenseits des Atlantik nun ausgerechnet über die Blogosphäre hierzulande so richtig heftig durchschlägt. Klar, eine Form von Gegenöffentlichkeit ist das auch,  aber was für eine, Hallelujah.

Gehörte zu den einprägsamsten Erfahrungen meiner Kindheit oder frühen Jugend, als in irgendeiner Bonner Runde einer von der CDU, ich glaube, Geißler war’s, Willy Brandt verbal in’s Gesicht spuckte, daß ja bekannt sei, daß nicht jeder zu Recht den Friedensnobelpreis erhalten würde. Hätte der Willy ihm da eine gesemmelt, hätte ich’s verstanden – weil natürlich im Falle Willy Brandts wie in allen anderen Fällen auch das diskutierbar sein muß, die Frage ist dann ja nur, wann, wo und wie.

Wenn ich dann heute beim netten SPD-Frollein von gegenüber, das ich sehr schätze, auch wenn auch sie da irgendwann mal was falsch verstanden hat, Ausrufe wie „was für eine Schande!“ lese, dann wirkt das ja schon eher, als hätte ihre Tochter in den 50er Jahren ein uneheliches Kind geboren. Aber wahrscheinlich ist’s nur ironisch gemeint, so kann man sich ja bekanntlich immer retten.

Ein Schlüsselerlebnis war das, diese Bonner Runde, weil ich da erstmals schnallte, wie Konservative Politik betreiben. Weil bei denen Macht eine andere Rolle spielt als bei Parteien wie SPD oder GRÜNE, die man zwar als immer schon Verräter betrachten kann, die aber  diesbezüglich anders funktionieren.

Sie beherrschen seit ‘68 oder so, also seit des Übergangs von der konventionellen zur post-konventionellen Moral, die Klaviatur des Moralisierens in der Regel weitaus besser, was auch mit Macht zu tun hat, klar, aber dieses eklige Diffamieren zu rein strategischen Zwecken, scheißdrauf, ob wahr oder nicht, den machen wir fertig, dieses „Brandt alias Frahm“, das haben sie meistens nicht drauf.

In der Blogosphäre reproduziert sich das dann, indem nicht etwa Adorno inhaltlich kritisert wird, das Unvermögen hierzu wird später erst bewiesen,  nein, es wird behauptet, dieser habe sich mit Horkheimer über Habermas’ Hasenscharte lustig gemacht. Che Gue Vara wird exklusiv Homophobie angedichtet, während „Homosexualität“ zeitgleich in Deutschland und den USA verboten war und Lou Reed als einer von vielen sich bei den Batista-Unterstützern aus dem Land der Freiheitsfreunde einer Elektroschock-Therapie aus eben denselben Gründen unterziehen mußte, was zu lebenslangen Absencen führte, während zeitgleich im Süden des Landes noch Schwarze aufgeknüpft wurden, wenn sie mit weißen Frauen schliefen, hat mal jemand die Fotos gesehen?, war wahrscheinlich nicht so schlimm, weil privat organisiert, und was war das in Vietnam, war das nicht auch Massenmord?  War halt nur nicht die Buaschwasie da, sondern einfach nur ein paar Schlitzaugen.

Adenauer, dieser Homo-Hasser, hat Schwule einsperren und bespitzeln lassen! Weiß allerdings nicht, ob er selbst hinter den Spiegeln irgendeiner Klappe lauerte als lüsterner, alter Greis neben knackigen Polizisten in scharfen Uniformen.  Ja, so würden wohl unsere von Neocon-Pubblizistik inspiriertenFreunde der offenen Gesellschaft witzeln, mit Adenauer-Fotos hinter Spiegeln und rüber schreiben „Wenn das der Papst wüßte“ oder so. Über die Westbindungs-Politik sagt das nur leider gar nichts aus, egal, bei unseren Menschenverächtern zählt das nicht, Hauptsache feste druff.

Wie auch die USA in den 50er und 60er Jahren eben nicht nur McCarthy und Vietnamkrieg waren, sondern auch Tenessee Williams, Elvis Presley, Pollock, Newman  und Beat-Literatur, Dylan, Joan Baez und Janis Joplin, all das in Kuba tatsächlich nicht im selben Sinne möglich, worauf sich aber bei unseren Neocons und Liberalen merkwürdigerweise kein Schwein beruft,  die suhlen sich lieber in der Schweinbucht, also jene, die nicht im Traum auf die Idee kommen, ihre Al Gore-Attacken könnten Ausdruck ihres tiefsitzenden Antiamerikanismus sein und ggf. ein verschobener Antisemitismus, weil über Weltuntergänge auch irgendwas im Alten Testament steht;  und, by the way,  Lyndon B. Johnson war auch nicht nur der Vietnam Krieg. Der politische Boulevard beim A-Team, Achse des Guten, Gaywest, FDOG und wie die alle heißen, denen ist das alles schnurz. Die wollen ja siegen. Zum Glück wird ihnen das nicht gelingen.

Die Moralisierung haben die Rechten ja mittlerweile, wieder strategisch motiviert, bei den, na, linken, weiß nicht, egal, beim politischen Gegner geklaut, wie im Fall der Islam-Diskussion bestens vertraut.

Aber sich angesichts eines Nobelpreises für Helmut Kohl „angewidert“ mich zeigen, sorry, ich könnte mich tagelang über den aufregen und finde, der hat viel, sehr viel falsch gemacht, indem er eine ganzes Land  mittels Privatfernsehen und Intellektuellefeindlichkeit auf sein Niveau herunterbrachte, aber „angewidert“? Nee, wäre mir nicht möglich. Bei Haider oder Eva Herrmann wäre ich wohl schockiert, ansonsten würde ich eher mit den Zähnen knirschen und mir sagen, daß Kohl trotz der mich bis heute empörenden Asylrechtsänderung wenigstens kein Nationalist war, und das alles mit der Wiedervereinigung wäre unter einem Strauß ganz anders verlaufen.

So wird in unseren Neocon-Publizistik-inspirierten Blogs gerade nicht diskutiert, was Klima und Klimapolitik und Weltfrieden miteinander zu haben könnten, sondern so getan, als habe der Mann den Metereologie-Nobelpreis erhalten. Nö, da ginge es ja auch um was anderes als Strategie, wenn man das diskutierte – Marian hat’s  wenigstens angedeutet.

Insofern waren die Ausführungen beim geschätzten Rayson  zum „Homo Oeconomicus“ unfreiwillig entlarvend, nicht seine Person betreffend, sondern hinsichtlich des Herangehens an Politik: Die Differenz, ob man nun zum Erreichen eines politischen Ziels den Gegner diffamiert oder nicht, die ist ja eine, ob man anhand eines Nutzenkalküls agiert oder Wahrheits- und wahrheitsanaloge -Fragen in den Mittelpunkt stellt. Was sich übrigens auch nicht dadurch aufhebt, daß man die Klimawandell-These für  falsch hält, was ja als sachlicher Gehalt schon wichtig ist. Nö, viel wichtiger ist, ganz oft „Arafat“ zu schreiben …

So, und all das, um heute doch noch mal  zeigen zu wollen, daß eine Diskussion rund um Habermas eben keine Diskussion von vor 20 Jahren ist, Hai hin, high her … war nur gar nicht lustig, mein Geschreibe hier.  Das ist der Boulevard im Gegensatz dazu allerdings tatsächlich immer wieder.

Und irgendwer deutet  jetzt paralllel wieder die von mir im Text vollzogenen Strategien, weil er nix anderes kennt … moralisiert habe ich allerdings. Das stimmt schon. Finde moralische Argumente aber auch wichtig, ich Gutmensch, ich.

Geschrieben von momorulez

Oktober 12, 2007 um 22:05

14 Antworten

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. Du Gutmensch Du hast ja recht (und manchmal hasst man rechts), man kann das Gegenteil behaupten und das Gleiche wollen (kriegen aber nur Dialektiker hin), habe gerade Gremliza gelesen zum Thema „Guevara als Massenmörder“ und die Frage nach den Unschuldigen unter den Batista-Schergen: „Hat man je in der WELT gelesen, die Bombardierung einer afghanischen Hochzeitsgesellschaft sei das Werk von Killern? Und kein ethisch einwandfreier Kollateralschaden?… Einige Zahlen der von solch westlich orientierten Regimes Ermordeten: Guatemala 140.000, Südafrika 120.000, Indonesien 900.000, Chile 3.000, Osttimor 200.000….Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm, sprach Bruno Heck 1973, als Pinochet das Estadio Nacional zum Konzentrationslager für 40.000 seiner Gegner gemacht hatte. Dort wurden Victor Jara, damit er nicht mehr Gitarre spielen könne, die Hände gebrochen, bevor er mit einem Maschinengewehr erschossen wurde. Bruno Heck war der erste Generalsekretär der CDU. Noch heute wird alljährlich unter Anteilnahme der Spitzen der Gesellschaft der Bruno-Heck-Wissenschaftspreis verliehen.“

    Moral? Immer. Aber nicht die repressive Bürgermoral, und keine doppelte. da bekenne ich mich voll zur Erblast der 67er (deren Fehler war, nicht konsequent genug zu sein).

    che2001

    Oktober 12, 2007 um 23:54

  2. MARIAN IST EIN MANN! Das kann ich bestätigen. Er ist nämlich der einzige Bloggie, mit dem ich schon persönlich Antipasti verspeist und Nudeln in mich reingestopft habe. Und ich kenne außer ihm noch einen Marian, der Name kann also als Männername sooo ungewöhnlich auch nicht sein.
    Wir dulden beim BLOG keine Frauen. Naja, eigentlich haben wir keine. Aber so kann ich das dann als konsequente Position verkaufen.

    Von einem Friedensnobelpreis an Kohl wäre ich übrigens angewidert gewesen. Und das eigentlich interessante an diesem Preis für Gore ist wohl das, was Marian Deiner Ansicht nach nur „angedeutet“ hat (meiner Ansicht nach eher deutlich gesagt, und die Frage wird ja drüben bei uns auch diskutiert): Was hat das mit einem Engagement für den Frieden zu tun, was der Herr Gore da getan hat?

    Und übrigens: Der Stuß, den Generalsekretäre so verzapfen, den sollte man später nicht zitieren. Es ist deren Job, dumme, aggressive, beleidigende Kommentare zu lassen, die nicht einmal wert sind, sich über sie aufzuregen. Das gilt für all diese Gestalten, jedenfalls, solange sie dieses unattraktive Amt innehaben.

    Karsten

    Oktober 13, 2007 um 0:38

  3. Du glaubst gar nicht, Karsten, wieviele Weiber ich hier schon rausgeschmissen habe!

    Nörgler

    Oktober 13, 2007 um 0:57

  4. @Che:

    Ja, das mit der repressiven Bürgermoral sehe ich ja auch so, aber das ist ja gerade der berühmte Übergang von der konventionellen zur post-konventionellen, und das Grosteske an diesen ganzen Pro-Westlern ist, daß sie die post-konventionelle Moral als Konvention behaupten wollen in Nationalismus-analogen Denkweisen. Halt ich tatsächlich für immenes wichtig, diese Struktur, als zu Kritisierende, und das Dumme ist, daß Habermas selbst da irgendwann so klar nun auch nicht mehr war diebezüglich …

    @Karsten:

    Das mit Marian weiß ich doch, wir hatten ja einst einen sehr anregenden, wirlich!, Mail-Verkehr.

    Aber als unsere Noerglerin sie feminisierte, wollte ich erst korrigieren, um mich dann zu fragen: Ja, warum denn eigentlich? Was ist denn daran jetzt so wichtig? Kann ja schlecht einerseits mit Herrn Butler vor mich hingendern, um dann umgekehrt sowas als relevant zu empfinden. Gibt ja seltsamerweise sogar „Männer“, die es Beleidigung empfinden, wenn man ihnen weibliche Attribute zuschreibt, ja, warum denn eigentlich? Da lacht sich doch nur wieder Mark Steyn, die alte Triene, in’s Fäustchen …

    Na, und zum Frieden: Komischerweise hat ja wieder kein Eber bei euch auf der Zettelin, daß sowas wie ökologischer Wandel en masse Kriegsgründe liefert und Kriegsgründe liefern wird. Da wüßte Balou wieder genauer Bescheid, aber ein „Strukturwandel“ natürlicher Ressourcen ist ja nicht nur bei Mad Max II u.U. ganz schön folgenschwer, nicht nur hinsichtlich des überfluteten Hamburgs. Wo sollen denn ale die Holländer hin? Glaubste, man steht da bei Dir in Köln vorm Dom und bejubelt die Amsterdamer?

    Zudem wird hier themenzentriert international zusammengearbeitet auf einem anderen Feld als der Zwangsliberalsierung afrikanischer Märkte oder Absprachen, wo denn unter NATO-Führung als nächstes mal einmarschiert werden könnte im Sinne des Guten.

    Ich weiß überhaupt nicht, was ich von Herrn Gore halten soll, aber dieser Mob da in euren Kommentarsektionen, nee, sorry, denen möchte ich aber nicht im Fummel nachts in Landshut oder Gummersbach über den Weg laufen …

    momorulez

    Oktober 13, 2007 um 9:04

  5. [...] Umgang mit ständig beleidigten Heulsusen? Dann wäre es nett, wenn mir dieser jemand mal diese bräsige Befindlichkeitssoße hier in einen kohärenten, verständlichen Text übersetzen könnte. Der Name [...]

  6. Iiiiih, Trackbackspam …

    momorulez

    Oktober 13, 2007 um 13:55

  7. Ich glaube, Herr Statler hat in den Spiegel geschaut. Ständig beleidigte Heulsusen kann ich hier jedenfalls nicht entdecken ;-)

    jolly rogers

    Oktober 13, 2007 um 15:28

  8. Ist vor allem ein Beleg für das, was ich oben geschrieben habe: Man starte mit Beschimpfungen und Beleidigungen(„Heulsuse“, „bräsig“)), unterstelle unlautere Motive, die mit dem Text selbst nix zu tun haben („ständig beleidigt“) und reagiere mit Aggression auf das, was man nicht versteht – wohin letzteres führt, brauche ich ja nicht eingehen, weiß man ja.

    Und sehe sich befugt, Regeln aufzustellen, was für ein Text als kohärent gilt und was für einer nicht und witzelt worüber, na? Erziehungsberechtgte, die hinzutreten mögen, weil ja die je eigene Theorie die Legitimation zur Vokserziehung liefert. Das ist schon ziemlich komsich bei Leuten, die den „Nanny“-Staat geißeln, selbst wenn das ja total lustig gemeint ist.

    Und daß man die Pointe nicht versteht, liegt daran, daß man neben ja in der Tat vielen Anspielungen eben zwischen strategisch und verständigungsorientiert aufgrund der je eigenen Ideologie nicht mehr zu unterscheiden vermag …

    Aber wenigstens hat Gummersbach jetzt nachts seine Ruhe.

    momorulez

    Oktober 13, 2007 um 15:55

  9. @DHH:

    Na, wer, daß einen etwas anwidert, als politischen Akt begreift, ist vielleicht nicht ganz zu unrecht letzter Mohikaner (Gott, wer weiß, was mir daraufhin jetzt unterstellt wird, ich wollte nur im Bild bleiben!!!)?

    Paxxx.tv mag ich aber! Aber was hatte Deine Verlinkung denn jetzt eigentlich mit dem Text zu tun? Habe den langen Text aber auch noch nicht gelesen …

    momorulez

    Oktober 13, 2007 um 16:01

  10. Ganz ehrlich, ich habe KEINE AHNUNG, wovon Du da laberst.

    Gast

    Oktober 13, 2007 um 17:51

  11. Und, glaubst Du, daß das für Dich, oder daß das gegen Dich spricht, oder für mich, oder gegen mich, oder ist all das eigentlich egal? Oder willst Du’s erklärt haben? Würde ich nicht tuen, aber das würde Deinen Kommentar für mich verständlich machen.

    momorulez

    Oktober 13, 2007 um 18:05

  12. Manueller Trackback zu Kommentar 1, nicht ohne Brisanz:

    http://che2001.blogger.de/stories/964815/

    che2001

    November 11, 2007 um 20:00

  13. [...] Kommentare che2001 on Politischer Boulevardche2001 on Von Mises – ein echtes Zitat…T. Albert on Von Mises – ein echtes Zitat…T. Albert on [...]


Eine Antwort schreiben