Seid keusch und mehret euch!
Da stockt einem ja glatt der Atem. Auch Marian kommentiert profund (wobei ich das Anheben des “Schutzalters” auf 18 unsinnig finde). Hatte all das gar nicht mitbekommen. Ist wohl “nur” ein weiterer Ausdruck des fast schon Endsieges eines flächendeckenden Gegen-68, das noch die die letzten Errungenschaften jener Ära dem nichtrauchenden Volkskörper austreiben will - jene, die gegen diesen positiven, kulturellen Bruch fortwährend wettern, sollten sich vielleicht doch mal langsam Gedanken machen, was sie da tun. Ein weiterer Schritt ist dies, die miteinander korrespondierende Deregulierung von Märkten bei gleichzeitiger Regulierung der ganz konkreten Lebenspraxis von Personen auf Teufel komm raus durchzudrücken. Und ein Narr ist, wer glaubt, das eine sei ohne das andere zu haben.
Und jene, die meinen, eine Kritik der instrumentellen sei einfach nur linke Idiotie aus längst vergangenen Zeiten, können ja mal anfangen zu grübeln: Wie so oft schon wird einfach kriminalisiert, was nicht jener Verwertungslogik folgt, die auch “Wirtschaft” leitet, und eben einfach so zum Spaß, nicht im Sinne der Reproduktion vollzogen wird. All jene, die so großartig tönend in biologitischer Manier vom Zwecke der Sexualität im Sinne der Fortpflanzung schwätzen, können sich jetzt wieder mal ‘ne Kerbe in die Bettkante schnitzen, lieber Steffen H.. Weil wenn 16-jährige sich reproduzieren sollten, dann schaffen sie ja eh nur jene Schicht, die es ohne Sozialhilfe gar nicht gäbe … oder so. Und wer nicht fickt, hat ja vielleicht den Kopf frei, sich jene Qualifikation zu verschaffen, die der “Arbeitsmarkt” erfordert …
Da sei jedem die Lektüre von Michel Foucaults Vorlesungen zu “Die Anormalen” empfohlen und ansonsten Lysis wie so oft zugestimmt:
“Das bei immer mehr Themen — wie z.B. Pornographie, Prostitution, Pädophilie und Zuwanderung — geschlossene Bündnis von Konservativen und Feministinnen macht’s möglich. Ist der repressive Staat erst einmal als der große Emanzipator entdeckt, gibt es kein Halten mehr.”
Nur die mit der Verwertungslogik, die hat er da vergessen …
Abgelegt unter : Aufklärung?, Baggage, Bio-Macht und Bio-Politik, Gegenmoderne, Regierung der Kultur
Aus gegebenem Anlass:
Wir liegen aufm Rasen
Und du willst nochmal blasen
Kannst du’n Stückchen rutschen
Dann kann ich dich auch lutschen
Wir sind voll auf einer Welle
Ja genau - wir machen’s auf die Schnelle
Ich fühl mich wie’n Keiler
Und du machst mich immer geiler
Du machst bei mir die Lust los
Wir bumsen uns bewusstlos
Wir vergessen unseren Kummer
Und zusammen machen wir ‘ne Nummer
Du bist’n Dauerlutscher
Ich bin’n Dauerlutscher
Wir sind die Dauerlutscher
Und scheißen auf die Spießermoral
Dauerlutscher - Ich bin’n Dauerlutscher
Wir sind die Dauerlutscher
Und scheißen auf die Spießermoral
Wir sind die wilden Reiter
Und machen immer weiter
Wir denken nur an heute
Und scheißen auf die Leute
Wir vergessen unsere Alten
Die Moral können sie selber behalten
Ich bin’n Dauerlutscher
Du bist’n Dauerlutscher
Wir sind die Dauerlutscher
Und scheißen auf die Spießermoral
Das fällt noch hinter sämtliche Logiken der Moderne zurück. Hier wird ja nichtnal im Sinne von Biopolitik Zeugung kontrolliert, sondern Sexualität. Aber die eigentliche Frage stellt sich mir als folgende: Wer soll denn bitte vor wem geschützt werden? Die Kinder vor sich selbst. Hier schlägt die Macht der Unschuld mal wieder völlig zu: Das Kind als gefährdetes wird als gefährliches gleich mal mit kontrolliert. Was der Ariés zur Kindheit schrieb, ist immer noch richtig. Nur dass man jetzt jedes Kind verdächtigen kann, als erwachsener Täter für das eigene Opferdasein verantwortlich zu sein. Ja, auch hier greift diese ganze Selbstverantwortungschose. Jetzt fehlt nur noch der Ruf nach orthopedischen Stütz- und Verhinderungsvorrichtungen: Titan-BH’s für junge Mädchen und entsprechende Keuschheitsgürtel für beiderlei Geschlecht, oder sollen wir gleich mit chirurgischen Eingriffen vorgehen? JA, die Beispiele aus den Anormalen wären durchaus treffend, so leicht modernisiert angewendet….
Hatte Herr Kellogs da nicht auch ein paar brilliante Ideen?
Wobei ich das schon im gouvernementalen Paradigma der “Effizienz” verorten würde …
Oh, die Dominikaner wüssten da sicher auch noch einiges…
Ich glaube ja, das geht miteinander einher, die grouvernementale Effizienz im Sinne der Selbstverantwortung und der verstärkte Zugriff auf den Einzelnen. Gefährlich heißt ja nichts anderes als: die herrschenden Selbstverständlichkeiten zu bedrohen und gefährdet ist das Kind ja vor allem als zukünftiges Humankapital.
@Momo: [offtopic] Mail doch mal bitte wegen Freitag.
Oops, wegen Freitag: Da hat sich so recht keiner mehr zu geäußert - ich befürchte fast, das wird nix
…
http://www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/foucault_anormal.htm
An ihnen (den Anormalen) untersucht er das Auftauchen von Normalisierungstechniken zusammen mit den neu entstehenden Machtformen. Dabei geht er von dem Prinzip aus, dass diese Techniken und die damit entstehenden Normalisierungsmächte nicht nur einfach die Wirkung einer Begegnung des medizinischen Wissens mit der gerichtlichen Macht sind, sondern einen eigenständigen Typus der Macht ausbilden. Diese Macht kolonialisiert und verdrängt medizinisches Wissen und die Macht der Rechtsprechung und wirkt bis in die Neuformierung der Humanwissenschaften hinein. Die Art und Weise, wie sie sich ausgebildet und installiert hat, ohne sich jemals auf eine einzige Institution zu stützen, das Spiel, das sie zwischen den verschiedenen Institutionen betreibt, hat, so Foucault, unsere Gesellschaft bis heute zutiefst geprägt.
Bin voll und ganz für die Unterstützung solcher Fachverlage wie dem Antipsychiatrie-Verlag! Für die weniger Vermögenden gibt’s das allerdings auch als Suhrkamp-Taschenbuch …
@”Diese Macht kolonialisiert und verdrängt medizinisches Wissen und die Macht der Rechtsprechung und wirkt bis in die Neuformierung der Humanwissenschaften hinein.” - Sowas gab es schon einmal. Nannte sich Aktion T4.
Die Vertreiben in diesem Fall aber auch die Hardcoverausgabe von Suhrkamp. So viel verdienen die an diesem Buch wohl nicht.
Und was ist denn Aktion T4?
Die klinische Hinrichtung der Unbrauchbaren im NS, auch “Euthanasie” genannt hieß offiziell so. Benannt nach dem Planungsbüro in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Ihr vorausgegangen war ein Diskurs in der deutschen Medizin, der auf die Eugenik des 19. Jahrhunderts zurückgeht und schon 1920 in das Buch “Die Freigabe der Tötung lebensunwerten Lebens, ihr Maß und ihre Form” gemündet hatte, das damals als “mutiges Buch” gefeiert wurde.Der Biologe und Anthropologe Fritz Lenz hatte schon in den 20ern gefordert, “das ganze untüchtige Drittel” der Bevökerung zu sterilisieren, und der Dekan der Berliner Universität und Anthropologe Eugen Fischer bezeichnete die NS-Rassegesetze als biologisch und volksgesundheitsmäßig notwendige “Erb- und Rassenpflege des Staates” und forderte in diesem Zusammenhang die Juden “auszumerzen, obwohl sie nicht insgesamt minderwertig seien, wie etwa Neger.”
@Che: Ah. Mich irritierte da nur etwas das “das gab es schon einmal”, weil Foucault ja mit dem 19. Jahrhundert endet und sich da ja vor allem auf die Normalisierung der familiären Sexualität konzentriert. Was ja in Frankreich dazu führte, dass sie die Kinder leiber gleich aus den Familien entfernten und in überwachte Räume überstellten.
@Momo: Schade
aber den Frühling sollten wir schon anpeilen.
Kommt da eigentlich auch der Begriff “Ballastexistenzen” her? Habe gerade einen Fuzzi aus “einer” Community geworfen, der mit diesem Begriff um sich warf.
Autsch.
[...] Track als Torrent zuschicken lässt kriecht es heran, das kalte klamme Gefühl, mit einem Bein im Knast der Erwachsenen zu sitzen. Man weiß zwar schon seit dem Kindergarten, was “ficken” bedeutet und dank [...]
Klar kommt da Ballastexistenten her. Was den Rest angeht, ich erklär´s mal auf dem internen Kanal.
gerne…
Ich möchte im Gegensatz zu T4 dann doch doch darauf hinweisen, daß die Pointe der Normalisierungspraktiken im Sinne Foucaults ja gerade deren Wirkung auf die “Normalen” ist und nicht unbedingt die Ausmerzung des rassisch oder sonstwie Minderwertigen, was ja in Nazi-Definition eben Invariablen sind - weshalb der sich tarnende, assimilierte Jude ganz besonders verderblich ist, ändern kann er aber nix daran, Jude zu sein. Während man sich wegen homosexueller Anwandlungen schon irgendwie therapieren lassen könnte im Normalisierungskontext, z.B.. Man konstiuert das Anormale, damit alle Anderen sich dann dagegen abgrenzen, obwohl sie’s ja eigentlich auch werden könnten, sozusagen … deshalb ist das Anormale stete Gefahr, deren Eindämmung dann z.B. die Aparratschaften des Herrn Kellogs erforderte.
Ja, Anormale müssen eben erst einmal produziert werden. Es geht doch eher um die neuen Normalitätsraster, die auf alle angewendet werden. Ich fand die Bücher und Artikel von Jürgen Link zum Normalismus auch immer ziemlich gut.
Puritanisierung des Sexualstrafrechts auf der Zielgeraden
Wie ich bereits berichtete, plant die Bundesregierung eine Änderung des Sexualstrafrechts, die Jugendlichen auf der einen Seite abspricht, über ihre Sexualität frei entscheiden zu können und sie damit wie Kinder behandelt, sie auf der anderen Seite…
Ich sehe in dieser bizarren Gesetzesänderung einen Schritt zu etwas, was man vielleicht ”
Gesellschaftstotalitarismus” nennen könnte oder “Diktatur der Mehrheit” - vielleicht sogar besser “Diktatur der Durchschnitts”.
Dabei wird die Demokratie nicht etwa abgeschafft, sondern ausgehöhlt, in dem Sinne, dass der “Mainstream” bzw. besser “das Mittelstück der Normalverteilungskurve” bedient wird, Geschlossenheit und Einheitlichkeit als Notwendig propagiert (und akzeptiert) werden, und dass die individuelle Freiheiten nicht respektiert werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass im politischen Entscheidungsprozess nur bei Wahlen auf die Mehrheit der Bevölkerung ankommt, sondern auf den Normalfall unter Politikern, Lobbyisten und Verbandsvertretern - und Redakteuren.
Wenn also eine Mehrheit der Bevölkerung völlig selbstverständlich mit dem Internet umgeht, spielt das keine Rolle, solange noch der normale politische Entscheider davon buchstäblich keine Ahnung hat und der normale “Qualitätsjournalist” das Internet als Schrotthaufen betrachtet.
Ich habe mal einem normalen Qualitätsjournalisten etwas über die Blogosphäre erzählt und darüber, dass ich blogge und bekam zur Antwort, dass im Internet nur abgebildet würde, was gedruckt eh vorhanden und dieses daher völlig redundant sei. Das hatte er in den 90ern irgendwo gelesen und als feststehende Wahrheit akzeptiert. Wenn jetzt Zeitungen Blogs einrichten, dann, weil sie die vorhandene Entwicklung wohl wahrgenommen, aber weder begriffen noch durchdrungen haben. Klasse ist auch der Lehrer um die 50, der selber kein Internet hat und ähnliche Ansichten wie die des genannten Redakteurs seinen bloggenden Schülern unterrichtet.
Im Fitnesscenter bekam ich mit, wie eine Frau um die 30, “Qualitätsjournalistin” bei einer großen Zeitung, darüber ablästerte, dass ein ihr bekannter Enddreißiger, obwohl gutaussehend,gebildet und hochbezahlt, weder verheiratet sei noch in eheähnlicher Beziehung leben würde, da stimme doch etwas ganz grundsätzlich nicht.
@Martin:
Na, streiten wir uns nicht um Nuancen, aber das ist mir zumindest zu netzliberal in dem Sinne formuliert, daß diese These von der “Diktatur des Mittelmaßes” dann im zweiten Schritt in der Regel zu ziemlich verdrehten Vorstellungen des Elitären (durchaus auch in der Spex) genutzt wird und zumeist nicht im Sinne von Pluralitätsforderungen. Daß also eine Diktatur der “Leistungsträger” und was man dafür hält gefordert wird, was dann eben zu dem anderen Problem überleitet: Das mit der Politk als Quasi-Expertensystem, das irgendwie quer zu Wllensbildungsprozessen in Bevölkerungen irgendwelchen Unsinn erfindet, das ist ja sozusagen das gegenteilige Phänomen zur “Diktatur der Mehrheit”, und im konkreten Fall bezweifele ich mal, daß dieser Gesetzentwurf eine Mehrheit fände.
Prinzipiell sind unsere Grundrechte aber so konstruiert, daß sie als Möglichkeitsbedingung für Pluralität im Sinne der Menschenwürde und der freien Entfaltung der Persönlichkeit fungieren und eine Diktatur der Mehrheit idealerweise ausschließen, außer in ökonomischen Fragen übrigens; aber in der Tat haben Heranwachsende da jedoch einen seltsamen Doppel-Status. Was aber im politischen “Expertensystem” kein Schwein mehr interessiert, warum das so ist, das ist ja offenkundig, daß gouvernementales Steuern längst Priorität vor Grundrechtsfundierung gewonnen hat und vielleicht auch immer schon hatte.
@Che:
Na, so sehr von der Hand zu weisen ist das aber nicht, daß sich Blogs sich doch sehr stark von anderen Medien nähren - aber eben subjektiv, formal unbestimmt und kommentierend und vor allem außerhalb bestehender, institutioneller Ordnungen.
“Im Fitnesscenter bekam ich mit, wie eine Frau um die 30, “Qualitätsjournalistin” bei einer großen Zeitung, darüber ablästerte, dass ein ihr bekannter Enddreißiger, obwohl gutaussehend,gebildet und hochbezahlt, weder verheiratet sei noch in eheähnlicher Beziehung leben würde, da stimme doch etwas ganz grundsätzlich nicht.”
Ja, das ist auch was, was mir beruflich keine gravierenden, aber mittlerweile doch immer mal Probleme bereit …
@MMR: Der meinte das aber wirklich so, dass es Online-Ausgaben von gedruckten Zeitungen gibt und sonst nichts, dass es überhaupt Kommentar- und Diskussionsfunktionen gibt war ihm nicht bekannt und wollte er auch nicht wissen, als ich es ihm erzählte. Als er es irgendwann wahrzunehmen genötigt war, wertete er es als “Schmuddelkram” ab, um sich weiterhin nicht damit befassen zu müssen.Was die Dame im Fitnesscenter angeht: Ich meine, dass Leute mit einer solchen straightline-Vorurteilssstruktur im Kopf zumindest bei den Medien links von Springer und Rheinischer Merkur/Christ und Welt vor 1995 und in dieser Altersgruppe eher randtständig und megauncool waren, und dass sich das erschreckend geändert hat. Ich bekomme ja auch mit, wie unter Kollegen Absolventen sozialwissenschaftlicher Studiengänge allein wegen ihrer Fachrichtung als “Loser” bezeichnet werden oder der Begriff “Lehrer” wie ein Schimpfwort und als Synonym für “Langweiler” gebraucht wird. Noch die Generation Redakteure, die in der ersten Häfte der 90er ihr Volo gemacht haben, waren praktisch geschlossen Geistes- und Sozialwissenschaftler. Inzwischen kommen die ganz ohne Studienabschluss von der Journalistenschule oder sind BWLer oder VWLer, und Chefredakteure MBAs. Und sowas darf schreiben und senden…
“Ich bekomme ja auch mit, wie unter Kollegen Absolventen sozialwissenschaftlicher Studiengänge allein wegen ihrer Fachrichtung als “Loser” bezeichnet werden oder der Begriff “Lehrer” wie ein Schimpfwort und als Synonym für “Langweiler” gebraucht wird.”
Ja, da haben unsere Klassenfeinde ganze Arbeit geleistet - ein Desaster. Übrigens gerade für den “Wirtschaftsstandort” - wer Wissen nicht kontextualieren kann, wird notwendig unproduktiv und peilt gar nix mehr. Kann man doch in den Blogs der Klassenfeinde lese, diese ganze selbstreferentielle Scheiße, die alles ausklammert, was nicht zum unmittelbaren Erfahrungsbereich gehört …
Ich hatte mal ein Gespräch mit Bassam Tibi, in dem dieser sagte, verglichen mit Kalkutta könnte man von der Ausstattung her die Uni Göttingen einstampfen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Gesetzentwurf bei einer Volksabstimmug nicht durch käme - aber ich bin mir sicher, dass das nur deshalb so wäre, weil der Gesetzentwurf sexuelle Verhaltensweisen in die “Graunzone” rückt, die gemeinhin als “normal” gelten. Oder anders gesagt: ein generelles Sexverbot für Jugendliche ist noch nicht konsensfähig.
Ich gäbe Dir recht, dass das mit der Politik als Quasi-Expertensystem, das irgendwie quer zu Wllensbildungsprozessen in Bevölkerungen irgendwelchen Unsinn erfindet, streng und wörtlich genommen das gegenteilige Phänomen zur “Diktatur der Mehrheit” ist (aber natürlich kein Gegensatz zur “Diktatur des Mittelmaßes” oder der “Allergie gegen Abweichung”).
zu Che: Wenn ich mir die Reaktionen der erwähnten kulturell Konservativen auf das Internet usw. ansehe, frage ich mich manchmal, ob nicht andere kulturell Konservative recht haben, wenn sie der deutschen Gesellschaft eine “Allergie gegen Qualität und Originalität” bescheinigen - die sich in den Äußerungen der “Einfluss-Elite” widerspiegelt.
Ich bestehe aber doch auf den Unterschied zwischen Diktatur des Mittelmaßes und Allergie gegen Abweichungen, das ist nicht immer das gleiche …
Diese Allergie gibt es sicherlich. Man sieht es auch an der Literatur: Die monolithische Stellung von Günter Grass hängt damit zusammen, dass nach den Gruppen 47 und 61 (oder hießen die 62?)nicht mehr viel gleichwertíges kam. Auch hinsichtlich Genre- und Popliteratur passiert in Deutschland nicht viel.Während Briten und Amis gleich legionenweise SciFi-Fantasy- und Thrillerliteratur schreiben und Angelsachsen und Skandinavier den sozialkritischen Krimi dominieren, sind Frank Schätzing und Wolfgang Hohlbein fast schon die einzigen Vertreter ihres Genres.Christian Kracht erscheint mir als ein typisch deutsch selbstreferenzieller Vertreter der Popliteratur, der absolut nichts von der Vitalität und Wildheit eines Home hat - wobei letzterer interessanterweise in den 90ern und auch danach über linksradikale Themen und die Szene schrieb, während Kracht eine esoterische Politiklosigkeit zelebriert, die von einem begeisterten und Tempo-geschulten Feuilleton als “Geist der 90er Jahre” begrüßt wurde.
http://www.maasmedia.net/bubizin/home.htm
Das liegt aber daran, daß eben alle genötigt werden, sich an den kommerziellen Regeln der Hollywood-Dramarturgien zu orientieren, da hat man dann lieber das Original, und zudem daran, daß ähnlich wie in der Plattenindustrie zumindest die großen Verlage eben in den Ankauf von Welt-Bestellern investieren und die den Buchmarkt dominierenden, großen Ketten das dann auch eben genau so präsentieren.
Zudem es ja durchaus ‘ne neue Generation von Autoren gibt nach diesen lächerlichen Popliteratur-Adaptionen, ähnlich wie in der Musik, die haben wir alten Säcke nur noch nicht gelesen. Und auch ein Sven Regener ist ja als Romancier schon dolle, ein Thomas Brussig auch - und die “Herr Lehmann”-Verfilmung gehört abgesehen davon zu den besten Filmen über die 80er, die ich kenne. Daß man an einen Hubert Fichte eben nicht anknüpft, sondern an Grass, das liegt doch auch nur daran, daß die Blechtrommel eben verfilmbar war, wie Böll ja auch. Zudem die deutschen Krimi-Handwerker auch nicht nur übel sind, aber da hat’s der Deutsche eben gerne quasi-exotisch … ‘ne Doris Gehrcke wird ja auch gelesen.
Nebenbei gesagt enthält die Serie “Tatort” mehr Gesellschafts-und Sozialkritik als die ganze deutsche Popliteratur.
Ja, aber das macht sie nicht zur Literatur, die Tatorte - wobei ich den hessischen und den Berliner schon klasse finde. Die schlimmste ist doch im allgemeinen jene Kunst, die sich selbst ein sozialkritisches Programm verordnet. Groß ist, was indirekt anspielt - Tschechow, “Cabaret” und so, der frühe Sartre, selbst ein Film wie “Moulin Rouge” - und den Sartre hat die marxistische Programmtik ästhetisch schlicht gekillt. Ansonsten gehören solche Sujets in Wissenschaft und den Journalismus, nicht in den Roman oder den Film (wobei: Nix gegen “Tee im Harem des Archimedes”, um mir selbst zu widersprechen - aber das ist ja auch fast dokumentarisch, nicht mehr Kunst). Halte das für ein Riesen-Mißverständis der Linken, Kunst müsse im abbildenden Sinne “Gesellschafts- und Sozialkritik” üben. Da hatten’s die Konservativen ästhetisch oft besser drauf …
Brechts Episches Theater ist zum Beispiel eine Form von Gesellschaftskritik, die nicht abbildet und nun wirklich linke Klassik. Ich frage mich gerade, wie weit man das von Peter Paul Zahl sagen kann.Home bildet zwar Wirklichkeit ab, aber mit den Stilmitteln des Dada und des Industrial, halt englischer Neoismus, das ist etwas völlig anderes als das stupide Wirklichkeit nacherzählen.Gewisse Leute halten den aber auch schon wieder für antisemitisch,denn wer einmal Palästina sagt …
Volle Zustimmung, che, außer, dass ich Wolfgang Hohlbein nicht für repräsentativ für die deutschsprachige Fantasy halte (die notgedrungen mehr oder weniger Subkultur-Literatur ist). Hohlbein hat, wie einst Kosalik, seine “Masche” gefunden, die “ankommt” - und, auc wie Konsalik, Glück gehabt. Wie Konsalik ist er enorm fleissig - “Wolfgang Hohlbein hatte eine Schreibblockade - das waren für ihn die längsten drei Minuten seines Lebens.”
In gewisser Weise sind Schreiber wie Hohlbein oder Konsalik typisch für die deutsche “erfolgreiche Trivialliteratur”. Leider werden sie von vielen kulturell Konservativen ob ihrer Verbreitung für repräsentativ gehalten.
Es weiß ja auch niemand mehr, was Limbdisten sind.
@Sartre: Ich fand aber seine Romane großartig. Gerade die Wege der Freiheit. Absolut klasse.
@Brecht: Dafür ist er aber manchmal äußerst verbissen. Ausserdem hatte der ja ein ganzes Heer an Vor- und Zuarbeitern, die ihm das Material aufbereiteten.
@deutsche Krimis: Ich fand “Das siamesische Dorf” von der Eva Demski super. Die ist eine von der Frankfurter Schule Abgefallene. Aber der Roman war echt klasse.
@Konservative: Ja. Man nehme beispielsweise die amerikanische Phantastische Literatur: Poe, Lovecraft oder den Magischen Realismus von Jorge Luis Borges. Da kommt eigentlich die klassische Fantasy-Literatur gar nicht hinterher. Gerade der Borges war im letzten Jahr eine echte Entdeckung für mich.
@Momo/marxistische Ästhetik: Kennst Du die Bücher von Rafael Chirbes zur Franco-Ära? “Der lange Marsch”, “Der Fall von Madrid” und “Alte Freunde”. Das hängt auch irgendwo zwischen Dokumentation und Familienroman. Es kommt dabei einfach darauf an, dass man nicht wie etwa Roddy Doyle sich im Leid des Einzelnen sucht (wobei ich jetzt gar nicht weiß, ob der Marxist ist), sondern marxistische Literatur ist vermutlich dann gut, wenn sie eine gewisse Wut und Empörung gegenüber den Lebensformen deutlöich macht. Der Saramago beispielswiese ist ja auch so jemand, der beispielsweise diesen Umschlag vom Umgang mit Abweichung in Faschismus wunderbar beschreibt, und der hat ja so gut wie keine klassischen Protagonisten.
Was ist an Poe und Lovecraft konservativ? Rlyeh Chtlulhu ftagn! Wie gesagt, P.P.Z. finde ich in seiner stark emotionalen Sprache und der tiefen Zärtlichkeit und Wut, die bei ihm zum Ausdruck kommt, hervorragend, auch wenn der unmittelbar an sozialen wirklichkeiten sich abarbeitet auch sehr poetisch.Aber natürlich nicht mehr aktuell.
Che:
Ja, klar ist Brechts Theater Gesellschaftskritik, auch programmtisch. Aber der bildet ja gerade nicht ab, sondern hat eben eine ziemlich kunstvolle Konzeption als Hintergrund …
@Lars:
Kenne ich nicht, den Rafael Chirbes.
Something total different:Eben gerade wird in Kassel die “Sozial-direktdemokratische Partei Deutschlands” gegründet, eine sozialdemokratische Partei, die eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild amnstrebt.
Nicht die Literatur, sondern die Autoren. Zumindest der Lovecraft, was ich von dem bisher weiß - Poe wahr glaube ich eher so ein Typ, der der großen Literatur nachtrauerte. Und der Lovecraft weißt ja einige Parallelen zur französischen Dekadenz (Huysmans) auf. z.B. der topos des letzten Sproß (einer alten Adelsfamilie, der selbst keine Nachkommen mehr hat und sich nun in arkanen Praktiken übt…), das ist die selbe Figur wie De Esseíntes in “Gegen den Strich”.
Und dann gibt es ja immer noch den Peter Weiss mit seiner Ästhetik des Widerstands, das auch ziemlich cool ist.
Lovecraft würde ich nicht als politischen Konservativen bezeichnen,eher als Eskapisten,wie auch Tolkien. Bei konservativ würde ich an Walser, Jünger, Möller van den Bruck, Spengler, Paul Heyse, Martin Mosebach, Adalbert Stifter, Julius Zerzer, Karl Röttger oder Christa Meves denken.
Ästhetik des Widerstands ist natürlich super.
Na, den Tolkien würde ich von der Haltung aber auch einen Konservativen nennen. Einen Eskapismus würde ich prinzipiell schon auch als konservative Strategie sehen.
“Es weiß ja auch niemand mehr, was Limbdisten sind.”
doch. gut konzipierte und zutiefst anarchistische wesen
Also ich denke da gibt es verschiedene Abstufungen. Bei Kraus z.B. findet sich das ja auch, ist jetzt eine Frage der Spitzfindigkeit, aber als konservativ würde ich ja prinzipiell schon jene betrachten, die einen Zustand der Welt/Gesellschaft im Namen einer verlorenen und vergangenen Ordnung kritisieren. Das ist natürlich bei Tolkien noch mal was ganz anderes, aber Mittelerde ist ja sowas wie das verlorene mythische Britannica, was in diesen “History of Middle Earth”-Bänden ganz gut rauskommt.
Und der Lovecraft, da müsste man nochmal genauer schauen, da steckt z.B. eine Technologiekritik drin, die das Grauen mit der Moderne und der Anwendung von Apparaten, Maschinen und Expeditionen verbindet. (z.B. in der Flüsterer im Dunkeln).
Mein Begriff von Konservatismus ist da etwas expliziter gefasst.
Mo, Du rettest mir den Tag! Ein Toast auf Professor Limda!
Wo würdest Du denn ansetzen?
Eine konservative politische Ideologie zu vertreten im Sinne eines Norm- UND Wertkonservatismus (wertkonservativ können auch Linke sein), unter Umständen gegen bestimmte emanzipative Prozesse eingestellt sein, die als wertzersetzend angesehen werden, in egalitäre Richtung zielenden sozialen Fortschritt aktiv verhindern wollen usw.
Na gut, aber bei Lovecraft (verstehe mich nicht falsch, ich finde den groß), ist es gerade die Aversion gegen eine mögliche Befreiung durch Aufklärung und Technik, die ihn zum Konservativen macht. Wer die Dinge versucht aufzuklären ruft Mächte auf den Plan, die er nicht beherrschen kann. Soweit ich weiß hat er sich selbst als Konservativen beschrieben und in den privaten Korrespondenzen soll es vor Rassismen nur so wimmeln (aber das ist mir nur vom Hörensagen bekannt, weil ich die Briefe nicht kenne); schließlich galt ihm das 18. Jahrhundert als das entscheidende vor aller Barbarei, sein Sprache selbst ist ja auch stark antiquiert gehalten.
Da zum Vorgang an sich ja eh wieder Konsens mit euch Klassenfeinden besteht hab’ ich nochmal 2-3 andere Anmerkungen.
Erstmal danke für die im Artikel gestatte Narrenfreiheit. Dummheit soll ja glücklich machen (oder Gelehrtheit traurig?). Ich glaub nun mal gerne an den Weihnachtsmann. Das lass ich mir nicht kaputt machen.
@Momo & Che
Bei vielen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren sind die BWLer/MBAs verpönt - sogar ganz ohne politischen Hintergrund.
Bei vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern scheint mir die Ablehnung schon traditionell zu sein. Da kriegt der BWLer genauso die Verbalklatsche wie Sozialwissenschaftler von BWLern. Habe also eher den Eindruck dass beruht auf Gegenseitigkeit. Was der andere macht ist eben Deubelszeug. Und wer nichts wird…
Das Kommentar “und sowas darf schreiben” hat so alleine stehend übrigens was vom vorher kritisierten “Loser”.
Mal persönlich gesprochen kam ich bisher mit der Mehrzahl der Menschen die in diesen Studiengängen so produziert werden (bzw. sich aussuchen) nicht klar - aufgrund des dort sehr geläufigen “Wir sind Elite”-Habitus und dem berühmten Schluck zu viel Konservatismus.
Daher kann ich schon auf der persönlichen Ebene diese Verbindung nicht nachvollziehen, dass es Liberalismus und archaischen Konsevatismus nur im Bestseller-Einheitspack gäbe.
Übrigens wurde auch der Vorwurf Liberale seien rücksichtslose Hedonisten schon von meinen Browseraugen erfasst.
@Lars: Es ist mal wieder faszinierend, wie völlig verschieden man einen Autor lesen kann. Ich habe Lovecraft immer so verstanden, und das besagen auch die mir geläufigen Diskussionen zum Thema (gleiches gilt für die Alice-Geschichten von Lewis Carroll), dass seine Geschichten vom Einbruch der quantenphysikalischen und N-dimensionalen Welt in die “normale” Wirklichkeit handeln. Wesen wie Chtlulhu, Nyarlathotep und Yog Sothoth sind nicht deshalb so furchtbar bedrohlich für den Menschen, weil sie im Sinne eines mythologischen Dämons böse wären, sondern weil ihr Entwicklungsstand sich zum Menschen verhält wie der des Menschen zur Ameise und weil man schon beim Anblick ihrer selbst oder ihrer Städte den Verstand verliert, da man schlagartig 4., 5.,6. räumliche Dimensionen wahrnimmt, was für den Verstand etwa so ist, wie gegen den eigenen willen LSD verabreicht zu bekommen. Einstein meets Escher. Dann ist der Chtlulhu-Mythos bewusst als künstlicher Mythos angelegt, der sich verbreiten soll, ohne auf vorhandene Mythologie zurückzugreifen, ein Mythos unter Laborbedingungen sozusagen, auch bewusst an weitere Autoren weitergegeben. Das ist alles etwas sehr konstruktivistisches. Schließlich: Lovecraft vertrat die These, mit ihrem Praktisch-werden habe die Aufklärung ihre Unschuld verloren, die sie zu Lebzeiten von Rousseau und Voltaire noch hatte, daher der Rückgriff aufs 18. Jahrhundert. Wenn diese Haltung konservativ ist, war Adorno es auch.
@Googlehupf:
Ja, klar, es beruht auf Gegenseitigkeiten. Nur daß ich mich an keine Phasen erinnern kann, da Naturwissenschaft, Technische Universitäten oder BWL von politischer Seite zugunsten der Geistes- und Sozialwissenschaften an Universitäten zurückgedrängt wurden. Kann aber sein, daß ich da was nicht mitbekommen habe. Das “Meinungsklima” war in den 70ern und frühen 80ern schon eher an denen orientiert, das stimmt schon. Und ja, wir haben über BWLer und Juristen gelästert, aber das ja zu recht
…. über Naturwissenschaftler übrigens nicht. Wir haben zwar Szientismus, Naturbeherrschung usw. kritisiert, was aber zumindest in meinen Umfeldern nicht zur einer Disqualifizierung dieser Wissenschaftszweige im Allgemeinen führte. Wie übrigens auch VWL, das hat man eigentlich nicht gedisst - das mache ich erst, seitdem ich gelesen habe, was die im Netz so schreiben
…
“Daher kann ich schon auf der persönlichen Ebene diese Verbindung nicht nachvollziehen, dass es Liberalismus und archaischen Konsevatismus nur im Bestseller-Einheitspack gäbe.”
Na, bei dem Wirtschaftsliberalismus gibt’s ja fast schon analytisch das eine nicht ohne das andere, bei richtigen Liberalen wie Dir gilt das freilich nicht.
Gegen Hedonismus habe ich ja auch nix, gegen den rücksichtslosen schon - ist das konservativ?
“Das Kommentar “und sowas darf schreiben” hat so alleine stehend übrigens was vom vorher kritisierten “Loser”.”
Habe ich was überlesen?
@Che:
“Lovecraft vertrat die These, mit ihrem Praktisch-werden habe die Aufklärung ihre Unschuld verloren, die sie zu Lebzeiten von Rousseau und Voltaire noch hatte, daher der Rückgriff aufs 18. Jahrhundert. Wenn diese Haltung konservativ ist, war Adorno es auch.”
Ich kenne Lovecraft zwar nicht, aber wie kann denn bitte Aufklärung Unschuld verlieren? Entjungfert, die Alte, oder was? Lustige Formulierung angesichts des ursprünglichen Eintrages oben ….
Übrigens finden sich bei Adorno massenhaft kulturkonservative Ansichten … das ganze Kulturindustre-Kapitel kann man auch als Kulturkonservatismus lesen, wenn man will. Es gab und gibt ja immer auch konservative Varianten der Kapitalismuskritik, und bei böswilliger Lesart ist die Kolonisierungsthese bei Habermas sogar allerreinste Restauration. usw.
@ Googlehupf: Ich stehe zum “sowas darf schreiben”: Leute, die primär gelernt haben, in Skalenerträgen zu denken und Personalbestände zu rationalisieren, sind nunmal keine Stilisten und auch keine politischen Analytiker, Sprachwissenschaftler, Philosophen, Politologen, Historiker und Makroökonomen schon.
@ Momorulez: Eben, das ist ja das Vertrackte, aber der Zusammenhang ist eben nicht eindimensional, sondern extrem vielschichtig und facettiert zu sehen. Im Übrigen halte ich es für eine schlechte Idee, Autoren, deren Thema Generationen von Bizarrologen beschäftigen wird, wie Lovecraft, aber auch Gurdjieff, Pratchett oder Crowley mit Begriffen wie “konservativ” oder “progressiv” bezeichnen zu wollen.
Na, Crowley ist ja nun noch mal was ganz anderes …
Sheiße, irgendwie habe ich meinen Kommentar flöten gehen lassen… also nochmal: Okay, Vielschichtigkeit. Der Unterschied zu Adorno ist vielleicht darin zu sehen, dass dieser doch darauf setzte, dass sich das gute Leben einrichten lasse, während mir da der Lovecraft doch eher pessimistisch erscheint. Bei der Technikkritik würde ich aber schon auch die - wie sagen das sie Literaturwissenschaftler? - narrative Struktur einbeziehen und das sind schon klassische dekadenztheoretische Momente die ich schon dem Konservativismus zurechnen würde. Und dass daraus eine ganze neue “Logie” ensteht - oder sie sich darauf stützt/stürzt - muss an sich ja auch noch nichts Progressives per se sein. Der Konservativismus ist nicht einfach nur eine Haltung die Bewahren und Stillstellen möchte, nicht umsonst gab es ja bei Freyer, Schelsky etc. den Begriff der “konservativen Revolution”.
Und dieser organisierte Mythos (der ja immer schon organisiert ist, gell..): Soweit ich das sehe, waren dass doch eher die Nachfolger und Herausgeber von Lovecraft, die das auch zu systematisieren versuchten.
Und der Hinweis von Momo bzgl. dem Kulturkonservativismus von Habermas und Adorno, stimmt im Prinzip schon (auch wenn ich mich frage, ob das nicht eine Vereinnahmungsstrategie darstellt, die beiden als Konservative zu lesen; Adorno distanziert sich ja ganz explizit von der konservativen Kulturkritik in dem “Kulturkritik und Gesellschaft”-Aufsatz). Aber das lenkt doch unsere Aufmerksamkeit auf die Aneignungsfrage: Wie lässt sich Lovecraft progressiv lesen?
@Soweit ich das sehe, waren dass doch eher die Nachfolger und Herausgeber von Lovecraft, die das auch zu systematisieren versuchten.
- Neinnein, der hat noch zu Lebzeiten andere Autoren dazu aufgefordert,sein Werk fortzuschreiben.
@Wie lässt sich Lovecraft progressiv lesen?
- Indem die Konfrontation mit dem Bizarren als Grenzübertritt wahrgenommen wird,z.B.als Überlegung,wie außerirdische Intelligenzen tatsächlich aussehen und handeln könnten oder wie in einem höherdimensionalen Raum operiert wird. Ich habe das ja tatsächlich auch mit dem Gedanken im Hinterkopf gelesen, Empathie für Nyarlathotep und Chtlulhu zu empfinden. Dabei stand bei mir aber schon der emanzipative,transzendierende Gedanke im Vordergrund: Wie wäre es möglich, diesen Wesen zu begegnen, ohne zu sterben, wahnsinnig oder zu ihrem Sklaven oder Opferpriester zu werden?