Klassenjustizverschärfungsforderungen
Abgesehen davon, daß man sich bei der täglichen Blog-Lektüre-Runde nur einmal mehr fragt, was denn in Zeiten der flächendeckenden Verwendung der Zufügung „mit Migrationshintergrund“ eigentlich deutsch und nicht-deutsch unterscheidet, ‘ne Frage der Staatsbürgerschaft scheint es ja nicht zu sein, sowie ebenfalls, was denn „soziale Ursachen“ sind (mit der Bitte um Aufklärung in der Kommentarsektion), ist dieser Artikel vielleicht noch mal ganz erhellend:
„Besonders brisant: Die Benachteiligungen verschärfen sich mit zunehmender Bildung sogar noch. Zwar lasse ein guter Schulabschluss bei allen die Chancen steigen – „jedoch in sehr unterschiedlichem Ausmaß“. Unter Jugendlichen mit Hauptschulabschluss fänden Bewerber aus Migrantenfamilien mit 23 Prozent kaum seltener eine betriebliche Lehrstelle als die Einheimischen mit 24 Prozent. Bei Realschülern lägen beide Gruppen mit 32 Prozent gegenüber 43 Prozent deutlich weiter auseinander. Auch bei Abiturienten seien die Chancen mit 44 Prozent versus 53 Prozent ungleich verteilt. Wie schwer Jugendlichen mit türkischen oder afrikanischen Eltern der Eintritt in die Berufswelt gemacht wird, zeigt sich auch an der hohen Zahl an „Altbewerbern“: Mehr als jeder Zweite, der sich seit längerem ohne Erfolg um eine Ausbildung bemüht, stammt aus einer Migrantenfamilie.“
Ist das eine „soziale Ursache“, und wenn ja, in welcher Hinsicht? Vielleicht hilft ja Max Webers Definition Sozialen Handelns da weiter:
„“Soziales“ Handeln soll aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“
Max Weber,, Soziologische Grundbegriffe, § 1
Wie wenden wir nun diese Definition auf die massivst eingeschränkten Verhaltensmöglichkeiten ethnisierter Mitbürger an?
Ach, und noch was: Wieso gehört die bestens gepflegte kulturelle Tradition des Rauchens eigentlich nicht zum Inventar der Leitkultur?
Carl Schmitt meinte ja, Souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheide, wobei ich ihm zähneknirschend recht gebe. Ich fürchte außerdem, dass Herrscher der ist, der über den Kanon der Leitkultur entscheidet.
MartinM
Januar 14, 2008 um 10:59
Kleiner Rundumschlag heute morgen, was?
ad Max Weber soziale Ursache und so: Der sinnhafte Bezug auf andere, wie es in Webers Definition geschrieben ist, kann so nicht stehen bleiben. Hier stellt sich doch die Machtfrage. Inwieweit wird soziales Handeln der einen zur Schranke des Handelns anderer. Habe den Wener gerade nicht zur Hand, meine mich aber zu erinnern, dass a) Macht als angebbare Chance verstanden wurde, seine Interessen zu realisieren, das gleichzeitig der Legitimation bedarf, was durch affektuelle Hingabe (charismatisch), durch Glauben an die Heiligkeit einer Ordnung (traditional) oder durch Satzung (legal) sich vcollziehen kann. Nun haben wir an dem Punkt, wo zwischen deutsch und nicht-deutsch als Inklusionskriterium unterschieden wird, eine traditionale Legitimitierung von Dispositiven der Beschäftigung, die sich wahrscheinlich in ganz kleinen Praktiken eingeschrieben hat: Wonach scannt das Personalwesen die Bewerbungsmappen, werden sie gar ungeöffnet zurückgeschickt, weil der Absender nicht stimmt etc.
Und was die Leitkultur betrifft: Hier haben wir vielleicht genau den umgekehrten Fall, dass man mit legaler Herrschaft versucht, tradionale weil allgemein akzeptierte und nicht juristisch geregelte Verhältnisse zu delegitimieren versucht. Das zeigt sich ja an der ganzen Diskussion um Leitkultur, eine juridische Recodierung von traditionalen Verhältnissen…
lars
Januar 14, 2008 um 11:03
@Lars:
Na, das hängt ja zusammen, das mit den Aufstiegschancen und die Webersche Definition des Sozialen und die Art und Weise, wie aktuell „Kultur“ verwendet wird.
Kultur tradiert sich über Abstammung und verursacht quasi-kausal Verhalten, so formulieren’s ja unsere getarnten Neo-Rassisten, und im Verhalten „Migranten“ gegenüber zeigt sich dann das Ergebnis, weil diese Deutungen selbst eben spezifische Weisen von Sinn und Bedeutung generieren und somit auch, wie man sich dem konkreten Anderen „Migrant“ gegenüber verhält. Und der agiert dann, stigmatisiert, auf seine Weise.
Was dann eben zwei Weisen sozialer Ursachenforschung sind, die aber jener Verwendungsweise nicht entsprechen im Text, auf den ich hier explizit Bezug nehme. Da sind dann wohl sowas wie sozioökonomische Bedingungen gemeint, was das Verhalten „Migranten“ gegenüber ausklammert, und das ist ja der eigentliche Skandal.
Daß erst per Abstammung Exklusion – begrifflich – betrieben wird, um dann seltsam imanente Kulturanalysen der Anderen vorzunehmen, also würden die vor lauter Parallelgesellschaft niemals auf „richtige Deutsche“ treffen, außer wenn sie sie überfallen. Dem stellt man dann eine andere Kultur entgegen, die aber – im Falle der „Leitkultur“ – eigentlich nur eine universal, nicht kulturimmanent begründbare MORAL ist, und erfindet allerlei Traditionslinien.
Und das Verhältnis Kultur/Moral bleibt wiederum unterbelichtet, weil eben der Andere da ja gar nicht auftaucht, wenn von „deutscher Kultur“ die Rede ist, sondern zumeist von Pflichten gegenübber sich selbst die Rede ist („sei anständig, pflichtbewußt“ etc., wobei Anstand dann eben als Persönlichkeitsmerkmal, Eigenschaft von Personen verstanden wird und nicht als Haltung Anderen gegenüber, die sich eben per Abstammung tradiert, aber zumindest prinzipiell erlernbar ist). Wohingegen Rauchen tatsächlich als kultuirelle Praxis beschreibbar ist.
Macht ist, was Verhalten formt, behaupte ich einfach mal, und was zu analysieren wäre, ist eben, welche Diskurse sich im Rahmen der Weberschen Definition aktuell reproduzieren und spezifische Weisen dessen dann anleiten, so würde ich das eher formulieren. Was kein Einwand gegen all Deine Ergänzungen ist, aber einer gegen die Art, wie so viele Debatten rund um die „Migration“ geführt werden, wo Kultur, Soziales, ökonomische Bedingungen und Moral einfach in der Regel in irgendwelchen Monokausalitäten aufgehoben werden, anstatt ein recht kompliziertes Gefüge mal wirklich adäquat zu beschreiben.
momorulez
Januar 14, 2008 um 12:07
Ja! Ja! Du hats völlig recht: Mit Max Weber würde ich den Kulturdiskurs aber eben doch als eine hybride Form betrachten: ein Versuch, traditionale Legitimierung als Argument in die legale Legitimierung einzuführen, was dann ja zu den bekannten Phänomenen führt: Schaffung neuer Ausnahmezustände (da hat Martin schon recht: die Grenzregime an den Rändern Europas, die populistische Mobilisierung von Kriminalität als ethnisierender Zugriff und juristischen Nicht-Ort), Erfindung von Traditionen durch eine hegemoniale Besetzung der Geschichte (immer noch frappierend die allgemein unwidersprochen geltende Gleichsetzung von Aufklärung und Christentum!), die Überdetermination des Anderen durch den Scharfzeichner (sic!) der allgemeinen Surveillance und der inneren Sicherheit. Macht erscheint dann nicht nur als Formung des Verhaltens, sondern auch ganz banal als Einschränkung von Handlungsspielräumen (da haben die Liberalen durchaus recht, nur scheitern die i.d.R. an ihrer Ausblendung des Intersubjektiven).
Aber Macht ist ja auch was anderes als Herrschaft, wo würdest Du dann die Differenz setzen?
Das Moralproblem des neuen Kulturregimes müssten wir auch nochmal gesondert aufrollen: dass nämlich Kultur ganz unvermittelt mit Zivilisation gleichgesetzt, d.h. in den terms des Sittlichen definiert wird, und nun ein neuer Kulturchauvinismus auftaucht, der sich analog zum alten Kolonialismus verhält: Wo der Diskurs des zivilisierten Herrn einsetzt wird, ist der Knecht der Effekt seiner Peitsche.
lars
Januar 14, 2008 um 12:34
Macht ist für mich der allgemeinere Begriff als Herrschaft, und Macht ist ja auch nicht immer nur was Schlechtes, Herrschaft schon. Und eine Einschränkung von Möglichkeitsspielräumen formt ja Verhalten auch, zumeist mittels Sanktionen. Macht ist immer produktiv, Herrschaft repressiv, wobei Machtphänomene eben oft auch einfach Legitimationsmodi von Herrschaft sind.
Dieses Inkaufnhemen einer Einheit von Aufklärung und „jüdisch-christlicher Tradition“ (diese Eingemeindung ist echt eine derartige Unverfrorenheit, es war die Aufklärung, die Juden GEGEN die christlich-traditionale „Kultur“ politische Rechte verschaffte)frappiert mich auch immer auf’s Neue. Das sind halt im Grunde neue Nationalismen.
momorulez
Januar 14, 2008 um 13:08
@ Macht und Herrschaft: Ja, das sehe ich ja schon auch so, ich denke aber, dass es sich im Falle des Rauchverbots explizit um Herrschaft handelt. Ansonsten stimmen wir da glaube ich überein. Auch was die notwendige Differenzierung der Analyse dieses gesellschaftlichen Gefüges „Umgang mit Anderen“ betrifft.
lars
Januar 14, 2008 um 13:21
Spaßeshalber könnte man angesichts der Rolle von Leuten wie Spinoza, Löw, Lessing oder Comenius sogar fragen, inwieweit die Aufklärung ein Projekt von Juden und Angehörigen heterodoxer protestantischer Gruppen war, die christlich-spätaristotelische Denktradition zu überwinden.
che2001
Januar 14, 2008 um 14:10
Zum Teil ist das wohl auch richtig, Moses Mendelsohn, gehörte der nicht auch dazu, zu den Aufklärern, ganz außerordentlich bedeutend? War Lessing nicht auch Jude? Müßte man alles noch mal nachlesen … gab’s überhaupt ‘ne katholische Aufklärung? Die Aufklärungs-Franzosen waren eher religionskritisch, wenn ich mich recht entsinne, die Angloamerikaner eher Protestanten, wenn ich recht informiert bin, und Kant und so ja auch evangelisch, oder? Auch wieder typisch, daß allerorten die Leitkultur im Sinne der Aufklärung proklamiert wird, und außer Kant und den Empiristen hätte ich mal eben so die ganze Story gar nicht parat, und das als Philosoph und Sozial- und Wirtschaftsgeschichtler … welcher Konfession war der Herr Stocker noch angehörig, dieser Ober-Antisemit der letzten Jahrhundertwende? Irgendein Prediger war der ja auch, und von Luther schweigen wir mal pietätvoll, damit nicht wieder Schweizer Katholiken meinen, das hätte man als nordischer Protestant vergessen
…
momorulez
Januar 14, 2008 um 15:21
Um das gleich noch auszuweiten: In Japan konnte das Denken der Aufklärung so erfolgreich mit Zen- und Shinto-Traditionen verbunden werden, als ob die Aufklärung in Japan stattgefunden hätte. Zivilisatorisch-lebensweltlich gehört das moderne Japan trotz Wahrung seiner für uns fremdartigen Traditionen zum Westen, obwohl es geographisch der fernste nur mögliche Osten ist.
che2001
Januar 14, 2008 um 16:11
@Die Aufklärungs-Franzosen waren eher religionskritisch, wenn ich mich recht entsinne, die Angloamerikaner eher Protestanten, wenn ich recht informiert bin, und Kant und so ja auch evangelisch, oder? – Die Aufklärungsfranzosen waren sehr religionskritisch,und Frankreich war ein atypisches katholisches Land, in dem ein Kardinal zugunsten der Protestanten in den Dreißigjährigen Krieg eingriff. Die britischen Aufklärer waren nicht nur Protestanten, sondern auch Deisten und Whigs, d.h. sie glaubten an die Weltferne und das Nichteingreifen Gottes und waren politisch so etwas wie die allerersten Liberalen. Die englische Aufklärung ist bis zur Französischen Revolution viel unmittelbarer mit der Politik verbunden als auf dem Kontinent.
che2001
Januar 14, 2008 um 18:04
Ja, soweit schon klar, ich wußte nur, ehrlich gesagt, nix über deren Konfessionszugehörigkeit, bei den Angloamerikanern, meine ich, aber dann hat mein grobes Koordinatensystem ja nicht völlig versagt …
momorulez
Januar 14, 2008 um 18:16
Das neue Phänomen des „Kulturnation“ Europa: „Das sind halt im Grunde neue Nationalismen.“
.. da stimme ich Dir zu.
(Übrigens, ist euch aufgefallen, dass wir hier in letzter Zeit, Martin und Lars eingenommen, ziemlich unter uns diskutieren?)
ring2
Januar 14, 2008 um 19:16
@Momorules:
Stocker war Lutheraner und Kaisers Hofprediger der preussischen evangelisch-lutherischen Staatskirche.
Immer musst Du schweizer Katholiken ärgern wollen, ha, aber : Mozart ist katholische Aufklärung, und der Bischof von Salzburg Colloredo, nur als Beispiel. Und der Augustinermönch Luther war ja auch erstmal kein Lutheraner, sondern ein katholischer Aufklärer (rede mal mit Zwinglianern über Luther) . Und Mendelssohn hat diese tolle Thora-Übersetzung gemacht, die heute noch liturgisch verwendet wird; ist der jetzt doch kein Aufklärer? – Die sollten sich allerdings mal katholische und protestantische aufgeklärte und nicht aufgeklärte Bibelleser zu Herzen nehmen, da können wir ganz nebenbei auch noch deutsche Sprache lernen und der ganze Luther wird zurecht gerückt.
Sag ich ja immer: Moses war überhaupt der Superaufklärer.
T. Albert
Januar 14, 2008 um 19:19
Ja, uns ist auf Dauer einfach keiner gewachsen
…
momorulez
Januar 14, 2008 um 19:23
…. war die Antwort auf Ring2 – ich will nicht ärgern, ich wußte es schlichtweg nicht! Und Mendelssohn habe ich ganz deutlich als Aufklärer gekennzeichnet! Also bitte! Trotzdem ist Aufklärung als Religionskritik entstanden und nicht aus dieser gewissermaßen herausgesprungen. Oft auch im Sinne der Kantischen Formel, dem Glauben Raum zu schaffen, indem die Vernunft sich selbst kritisiert, was eben zu einem laizistischen Staat, z.B., führt, wenn man weiterdenkt.
momorulez
Januar 14, 2008 um 19:26
Ja mensch, das war ja auch irgendwo das Ziel: unter dem Radar der Öffentlichkeit unter uns diskutieren, ohne gleich auf die Liberalen zu schielen, oder?
lars
Januar 14, 2008 um 21:23
Kann mich mal jemand aufklären? Ich bleibe die ganze Zeit am Musiker Mendelssohn-Bartholdy hängen, aber der heißt doch auch Felix, oder? Ich habe da eine Bildungslücke: Wozu hat denn der Moses denn geschrieben? Ist irgendwie an mir vorbei gegangen…
lars
Januar 14, 2008 um 21:28
Ungefähr zur selben Zeit wie Kant, ich meine, da gibt es auch Briefwechsel oder sowas …. müßte ich selbst noch mal nachschlagen, wo der wirkte. Zehre ja vom Stoff von vor 15 Jahren, da habe ich auch nicht mehr alles im Kopf …
momorulez
Januar 14, 2008 um 23:03
Moses Mendessohn war der bedeutendste jüdische Theologe des 18. Jahrhunderts, Freund von Lessing und arbeitete zu ähnlichen Themen wie Kant, galt zu Lebzeiten als der bedeutenderere Philosoph, Großvater von Felix Mendessohn-Batholdy.
che2001
Januar 14, 2008 um 23:18
Aha
lars
Januar 14, 2008 um 23:48