Wie macht man eigentlich in “Evolutionspsychologie”?

Also, methodisch, meine ich? Fragenbögen in die graue Vorzeit verschicken? Wie versteht sich denn da bitte die Empirie, und wie geht sie vor, um dann “Erklärungsansätze” zu formulieren?

11 Responses to “Wie macht man eigentlich in “Evolutionspsychologie”?”

  1. Ha! Gutes Thema. Sollte diskutiert werden. Ich habe leider keine Ahnung vom Thema. Mir sind nur Leute wie Steven Pinker etwas suspekt.

  2. Ich weiß nur, dass sie in der Kreidezeit ständig Schultafeln vollgekritzelt haben, dass in der Jurazeit die Verhältnisse zwischen den Dinosauriern extrem verrechtlicht waren und dass sie im Karbon unheimlich gequarzt haben.

  3. Soviel ich weis, betreiben Evolutionspsychologen “ganz nomale” Psychologie, allerdings unter der aus der Soziobiologie übernommenen Prämisse, dass menschliches Verhalten prinzipiell darauf gerichtet sei, die jeweils eigenen Gene zu verbreiten. Ich denke, als Denkansatz gar nicht mal so schlecht, denn diese radikal materialistische biologistische Herrangehensweise *kann* kulturelle Vorurteile entlarven. Setzt man aber diesen Ansatz absolut - wie es viele seiner Vertreter tun - oder nutzt ihn nicht dazu, kulturelle Vorurteile zu entlarven, sondern um sie zu zementieren (etwa in dem Sinne, dass Hierarchien “naturgegeben” sind), lehne ich diese Denkrichting ab.

    In einem Satz: solange Evolutionspsycholgie “Werkzeug” bzw. Arbeitshypothese ist, akzeptiere ich sie, sobald sie zur Doktrin wird, lehne ich sie ab. Meiner Ansicht nach ist es schon ein Hinweis auf doktrinären Gebrauch, wenn jemand sich öffentlich “Evolutionspsychologe” nennt.

  4. Na, ich habe das ja von einem Deinem Mitblogger, dem, den ich mit Abstand am wenigsten ausstehen kann, und das war dann, wenn ich’s richtig verstanden habe, eine Hypothese über die psychische Anpassung an prähistorische Umweltbedingungen, die angeblich heute noch fortwirkten im Wirtschaftsleben. Zumindest beim gemeinen Volk der “Folk-Econimists”, die man ja langsam mal mittels Philophenkönigen wie bei Platon - heute heißen die Wirtschaftswissenschaftler, weil das bei Platon ja gar keine Philosophen-, sondern Expertenherrschaft war - zu maßregeln hätte, weil die geistig ungefähr auf einer Stufe mit dem Neger sind oder so.

    Und so mutmaßen darf ja jeder, ws mal so hätte sein können, das trat aber als harte Empirie auf. Und selbst wenn man irgendwie glaubt, aktuell belegen zu können, daß alle außer mir ihre Gene verteilen wollen, dann ist ja keine These über Vorstellungen, mentale Prozesse oder von mir auch auch Mußtmaßungen über Anpassungsleistungen irgendwelcher Urzeitmenschen, sondern eine universell gültige, noch nicht mal eine evolutionäre These.

    Wie kommt man also zu Aussagen, was ein Steinzeitmenmensch gedacht haben könnte??? Und wieso ist das dann “Evolutionspsychologie” und nicht einfach Kulturgeschichte oder Archäologie?

  5. Das hängt mit der Kernthese der Soziobiologie zusammen, dass jegliches menschliche Verhalten vom Interesse der Weitergabe des menschlichen Erbguts determiniert ist. Auch Schwule entkommen dem nicht, weil sie in einem bestimmten soziobiologischen Modell in der Urhorde die Aufgabe hatten, sich um Kunst und Unterhaltung zu kümmern und damit die Eltern zu entlasten. Das Modell ist durch und durch ideologisch. Sein Begründer, Dawkins, gehört zur Bewegung der Brights, die eine naturwissenschaftlich-positivistische Weltsicht wie eine Religion vertreten, in der Tradition von Haeckels Monismus und dem Kult der Vernunft der Französischen Revolution stehend.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Brights

    Ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Soziobiologen steht hinsichtlich der Genese ihrer anthropologischen Schulen in einer Spät-Kontinuität der NS-Rassenhygiene; hierzu maile ich Dir noch etwas.

  6. Das überrascht mich jetzt wenig, aber wie man aus der Soziobiologie bei der EvolutionsPSYCHOLOGIE landet, das kann ich mir auch daraus nicht erschließen, selbst bei einem noch so biologistisch-kausalistischen Weltbild.

  7. Eigentlich versuchen Evolutionspsychologen “nichts weiter”, als die mentalen Mechanismen zu ergründen, auf denen menschliches Verhalten fußt. Dabei versuchen sie mittels mathematischer und naturwissenschaftlicher Methoden (C4, Berechnungen) herauszufinden, welchen Umwelteinflüssen die Menschen im Pleistozen ausgesetzt waren um dann zu erwägen, welches Verhalten aus der Anpassung an die Umwelt hervorgegangen ist. Das gleicht allerdings einer Heisenbergschen Unschärferelation: Allein mit der voreingenommenen Intention BESTIMMTE Mechanismen herauszufinden, definieren sie sich selbst zum Teil das Ergebnis und verändern die wirklich gegebenen Tatsachen - wie soll man diese Tatsachen bitte jemals aus dem ganzen Wusst von 100000 Jahren herausfiltern? Sie erzählen also vielmehr Geschichten und Schauermärchen von einem teilhaften genetischen Determinismus, der sich bis auf den modernen Menschen ausgewirkt hat, als dass sie ihre Annahmen empirisch “wirklich” belegen könnten.

    Auch versuchen sie Meme - das mentale pondon zu Genen - zu konstituieren, die, so wie auch unser Verhalten, natürlicher Selektion unterliegen. Unter diesen Memen kann man auch Ideen verstehen. Sie sollen gesetzmäßigen Schwankungen - survival of the fitesst - unterliegen und sich im Laufe der Geschichte weiterentwickeln. Vage vage These, aber dennoch in betracht zu ziehen: das Christentum scheint einen hohen Fitnesswert zu besitzen, genauso wie das Karmasutra.
    Wenn man will, kann man für alles eine Erklärung finden…
    Allein schon nach Popper wäre Evolutionspsychologie keine Wissenschaft, da sie sich mit psychoanalytischen Fragen beschäftigt, die nicht nach einem Falsifikationsprinzip überprüfbar sind.

    Wer sich für diese “Wissenschaft” - wirft einige Fragen auf, aber verstrickt sich menschlichen Kategorienwahn - interessiert, dem kann ich von Sterelny / Griffiths “Sex and Death” empfehlen. Habe nur Ausschnitte daraus gelesen: Einerseits streiten sie der allgemeinen Soziobiologie epistemische Grundlagen ab und andererseits halten sie mögliche Entwicklungsschritte zu einer Wissenschaftlichkeit dieser hoch.
    Ein lustiges Beispiel von zwei Evolutionspsychologinnen ist die Rückführung der Vergewaltigung auf einen, in allen männlichen Wesen vorhandenen, mentalen Mechanismus: Dieser habe sich entwickelt, da er Selektionsvorteile aufweise, die Männer teilweise durch eine Vergewaltigung hätten.

    Natürlich gibts auch Mechanismen um Lügen aufzudecken, oder wann man in Ohnmacht fallen muss, wenn man Situationen ausweichen möchte….
    Die ganze Vorgehensweise scheint viel zu simpel und einfach zu sein: Vorzeit - Anpassung - Selektion - Mechanismus - nochmal Selektion - moderner Mensch. Natürlich tue ich der Soziobiologie mit diesem Ideenlauf unrecht, aber viel mehr lob, als diese Rekonstruktion, kann ihr auch nicht zugesprochen werden.
    Hoffe euch hilft das polemische Geschreibsel weiter.

  8. Lies einfach meine Mail und das, worauf diese sich bezieht.

  9. @Loddi:

    Danke! !!! So ungefähr hatte ich das auch verstanden, und das mit den Schauermärchen trifft auch sehr gut meine ersten Gedanken dazu ;-) - das sind diese üblichen, ideologisch motivierten Konstruktionen von “Natur”.

    Lustigerweise kannte ich die Meme bisher von den Adbusters …

    @Che:

    Ich fand das aber auch sehr spannend, was Loddi da schreibt!!! Mail lese ich natürlich trotzdem!

  10. Ich hatte gleichzeitig mit Loddi gepostet, natürlich ist das spannend. Nur, zu dem Thema bin ich nun Experte, als Historiker-in-Anthropologe ;-)

  11. Auch wenn der Thread schon “kalt” ist: ich habe mir in meinem Blog ein paar Gedanken über eine auf den ersten Blick überraschende Tatsache: Warum gibt es heute weniger Morde als in früheren Zeiten? - eine Frage, die für biologistische Erklärungsansätze ein harter Brocken ist, während politisch-ökonomische Erklärungsmodelle sehr gut greifen.

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