Archiv für Februar 7th, 2008
Kultur und Gesellschaft
Ich hol das hier noch mal rüber, wenn ich mir schon die Finger wund schreibe. Bei NUB ist die Diskussion entbrannt, um was es sich denn nun handelt, wenn Netbitch, Che oder ich von der “Neue Rechten” schreiben. Ich habe versucht, das zu präzisieren, was man damit meinen könnte – und NUB hat eine sehr ausführliche Antwort zum Thema des “Kulturalismus” formuliert. Na, und da ich meine Antwort darauf zumindest hinsichtlich dessen, was hier so diskutiert wird, auch für relevant halte, hier ist sie:
Natürlich kann man und soll man und muß man das Mullah-Regime im Iran kritisieren, und fände es irgendwo “eine Kultur” lustig, kleine Kinder zu verspeisen oder, wie die “deutsche Kutur” in den 50ern und 60ern und darüber hinaus, Vergewaltigung in der Ehe völlig normal, wäre das ebenfalls schändlich.
Die Kriterien, dieses zu kritisieren, kann aber nicht die Überlegenheit einer andere Kultur sein, sondern das sind moralische Kriterien, und die sind nicht kulturabhängig. Broder ist insofern klar auf der Neuen Rechten zu verorten, weil er die Alternative Kulturrelativismus versus Kulturimperialismus aufbaut, das ist aber gar keine. Weil Du auf der Ebene der Kultur selbst gar keine Kriterien entwickeln kannst, die nicht irgendwo in kolonialen Paradigmen verortet sind.
Ich kann da nur zum wiederholten Male Sens “Identitätsfalle” empfehlen: Der belegt recht ausführlich, daß es Mythos ist, daß Partizipation und Aufklärung irgendwas genuin westliches seien. Ich muß mal Beispiele posten.
Viele Probleme entstehen auch, weil der Kultur-Begriff viel zu unscharf ist, um damit Sinnvolles aussagen zu können. Schon “eine ganze Kultur”, jetzt mal im Ernst, das gibt’s doch gar nicht.
Ich würde immer dafür plädieren, Kultur und Gesellschaft zu unterschieden und als Gesellschaft das rechtliche und das dadurch begründete institutionelle Gefüge zu begreifen. Die Einführung der Scharia ist ein gesellschaftliches, kein kulturelles Problem in diesen Begrifflichkeiten.
Zum Iran z.B. findest Du so ganz andere Zugangsmöglichkeiten, das hat ja in mancherlei Hinsicht mehr mit einer politischen Struktur, die der DDR ähnelt, zu tun, als daß das nun Ausfluß “einer Kultur” wäre. Womit man es da aber zu tun hat, ist, daß Religion als etwas, was schon was mit Kultur zu tun hat, wie, das gebe ich mal an die Diskussion, den politischen und gesellschaftlichen Apparat DOMINIERT.
Insofern kann man eine Identität von Kultur und Gesellschaft gerade als eines der Merkmal totalitärer Regime kennzeichnen, das gilt dann aber auch für jene, die “westliche Kultur” und was auch immer sie darunter verstehen, zwangsverordnen wollen.
Wobei eben vieles, was als “westliche Kultur” beschrieben wird, z.B. das Recht auf Selbstbestimmung, universal gilt und nicht irgendwie kulturimmanent, weil es IMMER ein Sich-Verhalten-ZU-Kultur, Gesellschaft etc. ist.
Das ist eine reflexive Struktur, kein schlichtes Befolgen von regelgeleiteten Praktiken, Selbstverständnisweisen und Weltdeutungen, so ungefähr würde ich ja Kultur bestimmen dann, wenn auf Traditionen, Üblichkeiten, einen Kanon oder ähnliches Bezug genommen wird. Und diese reflexive Struktur hat es im Indien des 16. Jahrhunderts genauso gegeben, die ist nicht selbst Kultur, sondern eine Form der Rationalität. Aufklärung ist nicht nur eine Epoche, sondern eine reflexive Struktur.