shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für Februar 24th, 2008

Hayek, Hayek über alles

mit 24 Kommentaren

Der mir sehr sympathische Historiker Perry Anderson bezeichnete in der London Review of Books die Anerkennung der Unabhängigkeit Sloweniens durch Helmut Kohl als die folgenschwerste Entscheidung der deutschen Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt und als das eigentlich auslösende Ereignis für die Auflösung des jugoslawischen Staates, die durch die Politik der EU insgesamt beschleunigt, und, was das Kriegsgeschehen angeht, angeheizt wurde. Außerhalb der (autonomen) Materialien für einen Neuen Antiimperialismus oder Zeitschriften wie der (globalisierungskritischen und neokeynesianischen) Le Monde Diplomatique und dem (internationalistisch-linksliberalen) Lettre International ist so etwas hierzulande kaum zu lesen. Was in der deutschen Öffentlichkeit ein absolutes Tabu ist, ist in der politischen Publizistik Großbritanniens, Frankreichs und der USA durchaus öfter diskutierte Position. Für Anderson leitet der Jugoslawien-Krieg die Schaffung eines wirtschaftlich deregulierten Gesamteuropas ein,  zu dem erstmals auch osteuropäische Staaten gehören, die mit ihren Billiglöhnen die verlängerte Werkbank des Westens sind. Die internationale Arbeitsteilung in Europa beschreibt er als neoliberale Erfolgsstory. Weiterhin schreibt Anderson zur aktuellen Entwicklung der EU, dass die Positionen Hayeks deren Aufbau und Wirtschaftsweise determinieren würden. Der bürokratischen Ungetüme der EU-Verordnungen zum Trotz, der Wesenskern der EU-Ordnung ist durch und durch neoliberal: Ihre Regelwerke sorgen gerade dafür, dass Deregulierung in Permanenz stattfindet. “Der mächtigste Hebel der EU war inzwischen die Generaldirektion Wettbewerb, die staatliche Monopole im Westen und Osten Europas gleichermaßen unter Beschuss nimmt. Die neue Zentralbank in Frankfurt entsprach vollkommen der Beschreibung Hayeks aus der Zwischenkriegszeit. Der anfangs unbedeutendste Strang im Gewebe der europäischen Einigung hatte sich zum dominierenden Muster entwickelt. Nach der Blockade des Föderalismus und der Zersetzung zwischenstaatlicher Strukturen entstand weder ein zumindest rudimentär demokratisches und von seinen Bürgern gesteuertes Europa noch ein europäisches Direktorat souveräner Staaten, sondern ein riesiges Areal zunehmen eingeschränkter Marktbeziehungen im Sinne von Hayeks “Katallaxie” oder “spontanen Ordnung”.Diese Mutation ist längst nicht vollendet. Immer noch gibt es ein europäisches Parlament, wenn auch nur als Mahnmal überlebter föderaler Hoffungen. Landwirtschaftliche und regionale Subventionen als Erbe der kameralistischen Vergangenheit verbrauchen nach wie vor den Großteil des EU-Budgets. Die Dienstleistunge machen schon zwei Drittel des BIPs in den Ländern Europas aus, harren aber immer noch der vollständigen Liberalisierung.”

Hayek ist also für das beginnende 21. Jahrhundert der möglicherweise wirkungsmächtigste politische Theoretiker überhaupt, obwohl den weder die Basis größerer Parteien diskutiert noch er in der Politikwissenschaft vor 2002 irgend eine relevante Rolle gespielt hätte. Aber die seine Werke gelesen haben, waren die Berater, nach denen Reagan, Thatcher, Kohl, Gonzalez, Berlusconi und Schröder die Grundkonzepte ihrer Politik entwickelten.

BtW, dass angesichts dessen gewisse liberale Blogger virtuelle Zähren von sich geben, weil wir de facto im Sozialismus leben würden und es leider keine Umsetzung hayekianischer Vorstellungen in der praktizierten Politik gäbe, wo doch tatsächlich die ganze Weltpolitik nach Hayeks Pfeife tanzt finde ich ziemlich bizarr.

Geschrieben von che2001

Februar 24, 2008 um 16:40

Separatismus geht weiter: Serbodeutscher Ministaat gegründet

mit einem Kommentar

Was soll das noch werden in Ex-Jugoslawien? Jetzt wurde dort die erste schwule Republik gegründet:

http://bomec.blogger.de/stories/1050653/

Geschrieben von che2001

Februar 24, 2008 um 16:35

So, jetzt verbreite ich den Scheiß! Paßt irgendwie zum vorherigen Eintrag …

mit 4 Kommentaren

Geschrieben von momorulez

Februar 24, 2008 um 11:52

Veröffentlicht in Rand-Notizen

Löschen und spul zurück!

mit 10 Kommentaren

“Als man ankam

wollte man werden

die Geschichte schreiben

die Doofen sollten sterben

der Plan

als man damals nach Hamburg kam … “

Na, wenn das kein Tagesmotto ist. Beim dem Song muß ich immer an das 4:o im Pokal gegen Bochum denken, weiß auch nicht, warum. Wahrscheinlich, weil mir am nächsten Tag im ICE auf dem Weg nach Köln immer Tränen in die Augen schossen, wenn dieses Lied aus dem MiniDisc-Player drang. Weil sie mir erschienen, die Bilder, als die Bochumer Fankurve unserer Mannschaft zujubelte und das ganze Stadion als Antwort in “VFL, VFL”-Chöre ausbrach.

Einer dieser kurzen, großen Momente der Uopie, die’s nur am Millerntor gibt. Die’s nur in Hamburg gibt.

Hamburg-Bashing ist ja derzeit trendy, manch Neuköllner Blogger gefällt sich darin, die Existenz des Dammtor-Bahnhofs durch die Distanznahme vom Pöbel zu erklären, und da ist sogar was dran, ich steig da auch immer ein. DIE ZEIT schickt ausgerechnet Münchener Journalistinen zur Kulturberichterstattung an die Elbe, und die sehen dann eben auch, was sie sehen wollen: Hier seien nur Zahlenmenschen unterwegs, die Kunst nur dann verstehen, wenn sie der protestantischen Predigt entpricht und Geld wert ist. Na, wenn sie’s braucht …

Jedoch: In der Tat hat der aktuelle Senat die schönste Stadt der Welt in Richtung einer polizeistaatlichen Schein-Idylle gedrängt. Daß der Freiherr von Beust einst von Schills Gnaden den Bürgermeister-Sessel bestieg, das setzte er dann auch in Politik um. Per Hunde- und Rauchergesetz die Bürger drangsalieren, Punks von der Reeperbahn vertreiben, eine lebenswerte und Eigenständigkeit fördernde Universitätslandschaft einebnen, öffentlichen Raum verscherbeln und “Off-Szenen” von oben verordnen wollen: Wer die spontane Ordnung einer Stadt wie Hamburg austreiben will, der hat sie nicht verstanden. Kein Wunder, daß die größten Menschenfeinde dieser Bürgerschaft sich aus den Walddörfer-Gymnasien rekrutieren. Die kennen städtisches Leben gar nicht. In der SPD gibt es davon auch welche.

Die ist zwar für chronisch schlecht gelaunte Berliner, die als Essenz des Daseins den Kampf begreifen, oder barocke Münchner, die nix als störungsfreie Gemütlichkeit und Gruppenkuscheln suchen, auch schwer nur zu erschließen, diese Stadt. Das Understatement, das Konzept des Innenraums auch draußen, die Enstpannung in der Weite und dem Gefühl von Meer und Mehr, der Verzicht auf die große Geste, es sei denn, der FC St. Pauli siegt (der HSV ist kein Hamburger Verein, das sei nur am Rande erwähnt, der wurde in Norderstedt oder so gegründet, ecter Etikettenschwindel): Das muß man halt leben können. Dieses Schmunzeln und der trockene Spruch, der in zwei Silben mehr zu sagen weiß als ‘ne ganze Kölner Büttenrede: Das muß man atmen, um es zu lieben.

Also, liebes Hamburg: Wählt den von Beust aus dem Rathaus, so sympathisch er ja ist – ein Bürgermeister von der BILD und des Immobilienhais Gnade ist selbst für “Zahlenmenschen” nix. Und wenn der Naumann dann von der Linkspartei Gnade in’s Rathaus ziehen sollte, von mir aus: Wer fortwährend die Gleichung “links = rechts” wiederholt, der hat wirklich rein gar nix begriffen. Immer noch lieber vertrottelte DKP-Spinner als Kai Diekmann. Aber der muß ja eh nach Berlin – da paßt er auch hin.
Ansonsten, liebe Spieler des FC St. Pauli: Bitte nicht immer vorm Tor noch mal eben so norddeutsches Liedgut durch die Gehörgänge fließen lassen. Nee, ignoriert das mal, King Boris sitzt ja auch auf der Haupttribüne und gibt euch diesbezüglich seinen Segen.

Gegen Fürth heute doch lieber wiederholt zeigen, daß ihr – wie ganz Hamburg – very british seid.
Ihr schafft das.

Geschrieben von momorulez

Februar 24, 2008 um 11:11

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