Marx reconsidered? André Gorz und das Dilemma der Arbeit
“Ich weiß, wer immer die Garantie eines ausreichenden gesellschaftlichen Grundeinkommens fordert, wird schließlich auf folgenden Einwand treffen:’Der Anreiz zur Arbeit wird dadurch stark nachlassen, und am Ende wird es der Gesellschaft an Arbeitskräften fehlen.’ Dieser Einwand dürfte eigentlich nur von denen gemacht werden, die selbst ungern arbeiten und es ohne Zwang unterlassen würden. Er verweist implizit gerade auf die Notwendigkeit, die Gesellschaft so zu organisieren, daß es keine Anreize (in Wirklichkeit Zwänge) braucht, um die Menschen zur Arbeit zu motivieren. (…) Kurz, um die Gesellschaft zu verändern, muß man ‘die Arbeit’ verändern – und umgekehrt (ich komme darauf noch zurück). Es gilt, die Arbeit durch die Befreiung von allen verdinglichten Zwängen (wie Arbeits- und Leistungszwänge, hierarchische Zwänge) zu verändern, die nur die Unterordnung unter das Kapital widerspiegeln und die bis heute das Wesen dessen, was man gewöhnlich ‘Arbeit’ nennt, bestimmt haben. Es gilt, sie durch die Versöhnung mit einer Alltagskultur und einer Lebenskunst zu verändern, deren Fortsetzung sie ebensosehr werden soll wie deren Quelle, anstatt davon getrennt zu sein.”
A.Gorz (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt/Main: Surkamp, S.141f.
“Dieser Einwand dürfte eigentlich nur von denen gemacht werden, die selbst ungern arbeiten und es ohne Zwang unterlassen würden.”
Wohl wahr
…
momorulez
März 7, 2008 um 7:48
Aber wo ist das die reconsideration? Ich habe Marx immer so verstanden, dass er dafür plädierte, den Arbeitsbegriff zu ändern. Damit hat Gorz dann schließlich recht
ml
Juni 30, 2008 um 17:26
ok, soweit d’accord – aber was ist denn mit Arbeit, die keiner machen will? Was ist mit der Kohle, wer holt die hoch, wenn der Weltmarktpreis das verlangt?
Oder ist die Konsequenz einer solchen Maßnahme, dass Müllwerken und In-die-Grube-fahren zu den höchstbezahlten Jobs gehören?
Erik
Juni 30, 2008 um 19:42
Naja, ja, irgendwie. Allerdings versuche ich immer mitzudenken, dass natürlich unter anderen Umständen die Menschheit in der Lage sein _könnte_ solche Aufgaben wie Wärme, Energie und Abfallentsorgung (gibt noch andere) anders, gemeinschaftlich zu organisieren. Ein Planet der Habenichtse
ml
Juni 30, 2008 um 19:48
Ursula K. Le Guin lässt grüßen
che2001
Juni 30, 2008 um 21:25
“reconsider” bezog sich ja genau auf diese Reorganisation der Arbeit. Marx nochmal denken.
@Erik: der abgesehen davon, dass bestimmte Tätigkeiten nicht über den Arbeitsmarkt gelöst werden (Gorz spricht hier vor allem von reproduktiven Tätigkeiten), würde man wahrscheinlcih viel schneller auf andere Energiemodelle umschwenken. Finde das Lebensarbeitszeitmodell gar nicht so unschlau. Ubd vielleicht gibt es ja einige, die das mal für 2 Jahre machen…
lars
Juli 1, 2008 um 9:22
[...] Marx reconsidered? André Gorz und das Dilemma der Arbeit « shifting reality Lars von Odradek mit einem Zitat von Andre Gorz (tags: Gorx Marx Arbeit) [...]
links for 2008-07-01 | Leere Signifikanten
Juli 1, 2008 um 13:31
Diese Rekonsideration sollte aber auf jeden Fall ohne Engels stattfinden.
ml
Juli 1, 2008 um 19:20
@Engels: Als Wuppertaler sehe ich das ja anders.
lars
Juli 2, 2008 um 13:40
Auf jeden Fall muss Lafargue dabei sein. Dann könnte man auch ML anders aufziehen, der Marxismus/Lafargismus mit dem Recht auf Faulheit im Zentrum der Forderungen.
che2001
Juli 2, 2008 um 15:01