Die Vorstandsasssistentin

Sie ist Ende 20, ziemlich adrett, frisch von der Uni und sagt ausgebufften Endvierziger-Ingenieuren, wo es ihrer Meinung nach langzugehen hat. Sie wird für 8 Arbeitsstunden täglich bezahlt, arbeitet aber regelmäßig 12 Stunden lang. Ihre Chefs sagen, das müsste so sein, wenn man Führungskraft ist, sie selbst kämen oft erst um 23 Uhr nach Hause. Sie glaubt ihnen das. Was die Chefs ihr verschweigen ist die Tatsache, dass sie da großzügig Jagdgesellschaften, IHK-Bälle und Bootsausflüge mit reinrechnen, während sie wirkklich 12 Stunden am Tag hart arbeitet. Das geht auf die Substanz, und ob sie das sehr lange so durchhalten wird ist noch die Frage. Sie kompensiert es mit einer aufgesetzten Haha-Fröhlichkeit. So in etwa gleichaltrige Kolleginnen und Kollegen, die aus der gleichen Kategorie Leute stammen - angepasste WiWi-Absolventen mit kleinbürgerlicher Familienhintergrund - lachen da gerne mit und finden, sie sei ein schrecklich netter Mensch, ältere Kollegen finden diese Lachen debil und hysterisch. Überhaupt, die Altersunterschiede: der älteste Abteilungsleiter ist 60 und leitet die Forschung und Entwicklung, der jüngste 35 und Chef der  Strategie&Coaching. Wenn bei Dienstbesprechungen die Aufgaben verteilt werden, ist der 60jährige bemüht, zwar loyal seine Projekte voranzutreiben, aber sein Personal auch von allzuviel Arbeit freizuhalten. Er sagt den Chefs öfter mal ins Gesicht” Was sie da wollen ist zwar eigentlich recht schön, wir kriegen das aber nicht hin, rein personell gesehen, oder wir müssten unsere normalen operativen Tätigkeiten einstellen.” Er kommt damit immer durch.

Mr. 35 würde so etwas nie sagen, sondern schreit beim Aufgabenverteilen ganz laut “hier”, um mit seiner Abteilung zu glänzen. Das fällt ihm leicht, da er nichts selber macht, sondern nur Aufgaben verteilt. Diese Generation hat nicht gelernt,l sich zu wehren oder den Wert von Eigen-Sinn anzuerkennen. Aber sie hat gelernt, wie wichtig Gadgets, Luxusautos und Markenanzüge sind.

12 Responses to “Die Vorstandsasssistentin”


  1. Try harder! Try smarter! Natürlich arbeiten Sie 12 Stunden. Soll ich Ihnen ein Taschentuch reichen? Wir wollen nur die Besten. Sind Sie ein Mitläufer oder ein Overachiever? Das Erfolgsrezept der Erfolgreichen. An die Grenzen gehen: Für das gemeinsame Ziel. Sehen Sie das positiv.

    Was Che beschreibt bzw. ich mit biz-Floskeln, das ist die Unterwerfung des Individuums unter das Unternehmenskollektiv, wobei das bis hin zur graduellen Sebstversklafung reichen kann.

    Es ist nicht so, das alle Bereiche der Ökonomie so aussehen, aber mein Eindruck ist, dass das zugenommen hat. Es gibt dafür m.E. ein Ursachenbündel. Zu den Ursachen zähle ich etwas, was man evtl. den “kapitalistischen Zeitgeist” nennen könnte.

    Wenn das stimmt, kann der Kapitalismus eine gewisse ent-individualisierende Wirkung ausüben. Wobei, nicht unbedingt für golfspielende Firmenbesitzer. Ich sehe es als Ausdruck einer Gleichgewichtsstörung, andere wiederum alls Audruck einer “natürlichen Ordnung”.

    Wobei dann ja merkwürdig ist, das die “natürliche Ordnung” der Mises-Liberalen (also: nicht Leute wie Statler) bestens mit derartigen Ent-Individualisierungen klarkommt, und zwar genau dann, sobald es sich auf “Märkten” ereignet.

    Würde sich das innerhalb einer staatlichen Struktur ereignen, dann sprächen Mises-Liberale von “Zwang”. Dank der wissenschaftlichen Methode des einseitigen Hinguckens es ist also ganz einfach, und zwar so einfach wie immer:

    Privat: gut
    Staat: böse

  2. Die Ursache liegt noch etwas tiefer, denke ich, nämlich bei der individuellen Einschätzung des Sinns der Arbeit. Einerseits gibt es Leute, die eine eher traditionell-handwerkliche Einstellung zu ihrer Arbeit haben, denen macht Spaß, was sie tun, und denen ist nicht nur wichtig, was sie sich von ihrem Gehalt leisten können, sondern der Prozeß des Arbeitens selbst zählt. Die dürften relativ schwierig zu ent-individualisieren sein.

    Wenn mir andererseits die Arbeit an sich relativ egal ist, und es nur darum geht, stets den neuesten Porsche 911 fahren zu können, dann ist es mir auch recht, wenn ich meine individuellen Vorstellungen nicht in den Job einbringen kann — hauptsache, der Lohn stimmt.

    An sich ist das nicht problematisch, wenn es auf einer freien Entscheidung beruht, also muß man auch mit der Vorstandsassistentin nicht unbedingt Mitleid haben. Vielleicht leistet sie sich ja in der Freizeit Dinge, die das alles wieder ausgleichen. Problematisch wird es, wenn die Leute keine Wahl mehr haben. Deshalb ist so ein scheinbar “ökonomistisches” Ziel wie Vollbeschäftigung so wichtig: Da werden Individuen mit Wahlmöglichkeiten, also mit Verhandlungsmacht ausgestattet.

  3. Dem stimme ich so erstmal glatt zu.

  4. “Diese Generation hat nicht gelernt,l sich zu wehren oder den Wert von Eigen-Sinn anzuerkennen. Aber sie hat gelernt, wie wichtig Gadgets, Luxusautos und Markenanzüge sind.”

    Den ersten Teil kenne ich persönlich auch gut, den zweiten fast gar nicht, also rein persönlich meinem fall … und zumindest in den mir bekannten Bereichen ist der Fall, daß:

    “Einerseits gibt es Leute, die eine eher traditionell-handwerkliche Einstellung zu ihrer Arbeit haben, denen macht Spaß, was sie tun, und denen ist nicht nur wichtig, was sie sich von ihrem Gehalt leisten können”

    entweder wegen der eher administrativen Logik der meisten Kunden nur sehr schwer möglich ist oder aber wegen der ökonomistischen Logik dieser neuen, rein gewinnorientierten Managertypen in den ökonomischen Sektoren der zuliefernden Unternhemen, die zwischen verschiedenen Arbeitsabläufen und Produkttypen gar nicht unterscheiden.

    Diese total gewordene Quantifizierung ist ja, was Don weiter unten im verlinkten Artikel anprangert. Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob das im Fall der Vollbeschäftigung sich änderte, weil administrative und ökonomistische Handlungslogiken eben dann genau so weiterbestehen. “Nein” zum Arbeiten sagen können ist doch eigentlich der Schlüssel …

  5. Na, das läuft ja auf eine klassische Arbeit-als-Schlüsselkategorie-Diskussion hinaus ;-)

    Mir ist das Argument von statler und der Vollbeschäftigung ehrlich gesagt nicht ganz klar.

    Nun würde ich sagen, mit Gorz im Hinterkopf, dass genau das Problem des Kapitalismus heute ist: Wahlmöglichkeiten und Teilhabe an der Gesellschaft unlösbar mit der Lohnarbeit zu verbinden (nimmt man die Selbstständigen ein mal aus). Das zeigen ja sowohl die Diskussion heute ums Prekariat und um Exklusion wie auch die alte Marienthal-Studie, die ich erst gestern mit meinen Studis gelesen habe. Der Fluch der Arbeitslosigkeit heute ist ja, über Unmengen an Freizeit zu verfügen, diese aber nicht mehr mit einem Sinn versehen zu können, weil die Möglichkeiten der Teilhabe entfallen.

  6. “Nun würde ich sagen, mit Gorz im Hinterkopf, dass genau das Problem des Kapitalismus heute ist: Wahlmöglichkeiten und Teilhabe an der Gesellschaft unlösbar mit der Lohnarbeit zu verbinden”

    Finde ich sehr plausibel und das an Marx ja eigentlich Überzeugende.

  7. Das “Nein!” zur Arbeit ist m.E. nicht unbedingt eine Alternative, nicht einmal auf der individuellen Ebene. Interessant finde ich, an welcher Stelle es genau “knirscht”, wenn Kreative (ich rechne jetzt Momorulez mal ganz frech rein) auf eine kapitalistische Verwertungslogik stoßen - an welcher Stellte genau die Ent-Individualisierung innerhalb des Systems beginnt, und aus welchen Gründen.

    Man kann das alles natürlich wegwischen damit, dass der Arbeitslohn auch ein Entgelt für erlittenes Leid ist.

    Aber auch, wenn man diese Sichtweise annimmt, erklärt sich damit nur ein Teil des Geschehens, denn der Grad an kapitalistischer Ent-Individualisierung geht oft über den Bereich des eigentlich Rationalen, Vernünftigen und Nachvollziehbaren hinaus. Zudem denke ich, dass Statlers Gedanke mit den Wahlmöglichkeiten in die richtige Richtung weist.

    Wenn man die Arbeitsmärkte in den skandinavischen Ländern vergleicht (dort haben Arbeitnehmer, u.a. dank einer höheren Beschäftigungsquote, tatsächlich mehr Wahllfreiheit), so stellt man fest, dass sich dort der Umgang mit den Arbeitnehmern unterscheidet - und ein freieres Klima herrscht. Der Arbeitnehmer wird dort eher als Individuum behandelt, manche verwertungslogische Verbissenheiten, die es bei uns hier und da gibt, die gibt es dort nicht. Tatsächlich, der Unterschied ist erheblich.

    Die von Che aufgeführte Überstundenbolzerei von jungen Abteilungsleitern ist meiner Meinung nach auch als eine Form der habituellen Unterwerfung zu sehen, gefördert auch über ein Nichtwissen darüber, wie die eigenen Interessen gegenüber dem Unternehmenskollektiv zu vertreten sind.

    Ich vermute, es gibt einen Zusammenhang zwischen den tatsächlich vorhandenen Wahlfreiheiten zum geistigen Klima innerhalb von Unternehmenskollektiven.

    Andererseits könnte die Vermutung plausibel sein, dass es im Bereich der Unternehmensführung und Mitarbeiterbehandlung Modewellen gibt. Ein versimpeltes, letztlich bürokratisches “Profit um jeden Preis” ist die gegenwärtige Mode zur Führung von Unternehmen und Mitarbeitern - und widerspricht in ihrem innenren Gehalt z.B. der längst abgeklungenen Mode von “job enrichment” oder “job enlargement”.

    Ich stelle die These auf: Die Reduktion des Unternehmenszweckes und seiner inneren Kultur auf den finanziellen Zweck für die Eigner fördert ent-individualisierende Verhaltensmuster.

    (Sehr grob - und damit eigentlich falsch: Die Unterwerfung des Individuums durch den Zweck - wobei dieser Zweck der Kollektivzweck des Unternehmens ist)

    Für die Wirksamkeit dieses teils beklagenswerten Unterwerfungsmechanismus, und das Hervorbringen besonders übler Erscheinungsformen, wiederum ist das Fehlen von Wahlfreiheit m.E. der wesentliche Faktor, vermutlich deutlich höher als jegliche geistige Mode. Natürlich kommen dazu auch noch individuelle Voraussetzungen. Auch Dummheit, vorheriges Nichtlernen oder die Hoffnung auf einen Jaguar kann dies bewirken, dann jedoch überwiegend freiwillig bzw. in Nichtkenntnis von Alternativen.

  8. Das Ätzende dabei ist ja, dass solche Haltungen teilweise noch als Mode gekultet werden: Es cool finden, eine Nacht durchgearbeitet zu haben (oder es zumindest zu behaupten), zugleich Gewerkschafter durch die Bank piefelig und megaout finden usw., in der New Economy mal sehr ausgeprägt und inzwischen die Old Economy einholend.

    @Skandinavien: In Norwegen erscheint es schon als grober Affront, wenn ein Vorgesetzter seinen Mitarbeiter am Freitag anruft.

  9. Der Verzicht auf individuelle Interessen gilt im Unternehmenskollektiv mitunter als kultig, das Beharren auf die Gültigkeit der Regelungen aus dem Arbeitsvertrag gilt dann hingegen als verpönt.

    (Passt nur bedingt, aber fällt mir in diesem Zusammenhang ein: In der modernen Rechtsprechung ist es inwzischen so, dass von Arbeitnehmern erwartet wird, dass sie bis zu drei Monate für ein strauchenldnes Unternehmen auf Lohn verzichten, ihre Interessen gelten gegenüber anderen Gläubigern als nachrrangig und es ist sogar so, dass ihnen diese drei Lohnmonate, zugunsten anderer Gläubiger, nachtträglich wieder genommen werden dürfen. Sollte hingegen ein Arbeitnehmer kündigen, weil er von seinem strauchelnden Arbeitgeber keinen Lohn mehr gezahlt erhält, so gilt dies innerhalb des “fetten Sozialstaats” in Deutschland als Rechtfertigung dafür, dass er kein Arbeitslosengeld gezahlt bekommt. Ich würde sagen, das Machtverhältnis zwischen “Arbeit” und “Kapital” hat sich in unserem Land verschoben. Das zeigt sich innerbetrieblich bzw. in Fragen der Arbeitskultur, aber auch in Fragen der sogenannten Rechtsprechung. Sorry, falls das als Exkurs zu lang bzw. unpassend gewesen sein sollte. Im Wesentlichen gibt es dafür m.E. nur den Ausweg, die Wahlmöglichkeiten für Arbeitnehmer zu verbessern, zur Ausgleichung der Machtverhältnisse. “Mehr Freiheit” funktioniert hier also im Wesentlichen nur über eine höhere Beschäftigungsquote, so paradox das irgendwie auch ist. Ich habe zudem nur kaum eine Ahnung, wie das zu bewerkstelligen ist. Vielleicht wäre eine klug befristete Sozialabgabenbefreiung für Langzeitarbeitslose ein vernünftiger Ansatz. Leichter als die Anhebung der Beschäftigungsquote dürfte es sein, bestimmte, allzu “pro-kapitalistische” Ausreißer in der Rechtsprechung zu korrigieren, z.B. die oben angesprochene Bevorrechtung von Gläubigeransprüchen gegenüber bereits getätigten Lohnzahlungen.)

  10. Sozialabgabenbefreiung für Langzeitarbeitslose? Aber die zahlen doch überhaupt keine Sozialabgaben?! Kommt demnächst die Besteuerung der Sozialhilfe?

  11. Äh, hast Recht, das war von mir zu kurz formuliert. Sozialabgabenbefreiung im Fall der Beschäftigung ehemaliger Langzeitarbeitsloser.

    Das mit der “Besteuerung der Sozialhilfe” ist vielleicht nicht mal so absurd, wie es klingt. Immerhin kennt man in unserem Land auch Mindestlöhne für Besserverdiener.

    (fully featured by fdpcduspd)

  12. Feine Diskussion. Und nu? Wie bringen wir das den jungen Deerns bei?

Leave a Reply