Im nächsten Dorf beginnt das Feindesland
Ich habe gerade mit meinem Vater eine pfingstliche Tour d´horizon über die Dörfer gemacht, wo sich seine Kindheit abspielte. Er war mit 15 Jungvolkführer und mit 16 Hauptsturmführer bei der SS-Division “Wiking”, wobei sich für ihn der Nationalsozialismus aus einer naiven Bewunderung für die “Helden” an der Front, Begeisterung für die Technik von UBooten, Panzern und Flugzeugen und Lagerfeuerromantik zusammensetzte. Kleine-Jungs-Denke eben. Immerhin war er mit 15 bereits Jungstammführer mit eigenem Sekretär. Und als solcher traute er sich nicht in die Bauerndörfer, denn die größeren Jungs dort hauten uniformierte Pimpfe oder HJler zusammen. Das war gar nicht groß politisch, sie verachteten alles Uniformierte, renitente, autarke Bauernlümmels, die sie waren. Der bündische Widerstand, die Schreckensteiner mit ihren langen Bärten waren auch da, mit denen traute sich aber niemand zu reden. Man wusste auch, dass es ein Lager gab, erzählte sich aber, dass dort chronisch arbeitsunwillige Land- und Stadtstreicher zum Arbeiten angehalten würden, was in der Kleine-Jungs-Vorstellungswelt meines Vaters ganz in Ordnung schien. Nachdem er einem jüdischen Major der US-Army Leben und Freiheit zu verdanken hatte, stellten sich meinem Vater einige Fragen neu. Von den NS-Verbrechen erfuhr er aber erst nach Kriegsende. Meine Mutter hingegen war Tochter eines Mannes, der sofort nach der Machtergreifung aus politischen Gründen inhaftiert wurde und zwei Jahre saß, wodurch sich ihre Mutter vor Kummer einen Magenkrebs holte, an dem sie starb. Diese unterschiedlichen Biografien behinderten meine Eltern nicht, als sie sich ineinander verliebten. “Politik war nicht son wichtig, vor allem nicht nach Kriegsende”.
Abgelegt unter : Alte Männer plaudern von früher, Baggage, Faschismus und Antifaschismus, Liebe, Würde Ehre stolzieren?, die Moral