shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für Mai 16th, 2008

Materialien zum Versuch einer Subsistenzkunst: Seine, meine und ihre Wohnung ist ein schöner Ort zum Ausstellen (Buren)

mit 4 Kommentaren

Die Macht ist von den Zwecken des Künstlers abgezogen und auf die des Konservators, Museumsdirektors, Magazinverlegers oder von sonstwem verlagert worden. Es gibt ein wirklich ungeheuerliches Beispiel, das mir sehr gut gefällt. Nach 1967 waren selbst Leute mit völlig gegenläufigen Arbeiten in der Lage, irgendwo auszustellen, sei es mit Hilfe von irgendjemandem oder von ihrem eigenen Kopf. Das war spannend und schwierig, … eine Bäckerei ist eine Ausstellungsvitrine, die Wohnung eines Freundes ist ein schöner Ort zum Ausstellen usw.. Alles das wurde abgetan und ist beinahe in Vergessenheit geraten, weil es für zu dumm oder zu naiv gehalten wurde. Während der sechziger Jahre kehrte man in die Museen zurück, die Galerien wurden immer wichtiger. 1986 geht plötzlich ein Museum hin und findet selber eine Möglichkeit, Geld und Prestige für das Ausrichten einer Ausstellung zu bekommen: “Chambres d’amis”. Und was ist das für eine Ausstellung? Nicht etwa geht es dabei um ein oder zwei Künstler im Museum: Vielmehr stellen siebzig Künstler ihre Arbeit in siebzig Genter Privathäusern aus. 1967-1968 sagen mehrere Künstler mangels Vertrag: “Wir finden keine Galerie, also lasst uns draussen ausstellen.” Zwanzig Jahre später fasst der Direktor eines Museums den lächerlichen Beschluss, in einem Privathaus auszustellen, weil das öffentlicher ist, als in einem Museum auszustellen… Er überzeugt siebzig Künstler, …in diesen Häusern auszustellen, und sieben Monate später erhält selbiger Direktor einen Preis für das Konzept seiner Ausstellung!

Daniel Buren, Erscheinen Scheinen Verschwinden,
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 1996

http://www.gogood.ch/malerei/seine_meine/ausstellung.htm

Geschrieben von talbert

Mai 16, 2008 um 16:53

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Was fang ich mit dem Körper an?

mit 18 Kommentaren

Momorulez hat ja heute schon die großen Fragen auf die Füße gestellt. Ich würde ihm entgegenrufen und an die Überlegungen, die wir im März mal zur Leiblichkeit anstellten, anschließen: “Die wirklich großen Fragen betreffen unsere Körper!”

Also was mich gerade umtreibt, abgesehen von meinem Fachinteresse an der Körpersoziologie, ist folgendes. Weil ich einige Zitate aus unseren Kommentaren zusammen gesucht hatte, bin ich auf nochmal auf meine These gestoßen, dass Bildung nicht nur ein Wissen darstellt, das man erlernt (und in meinem Fall sowas wie Geslelschaft oder Sozialbeziehungen betrifft), sondern eben auch eine Schulung des Auges (also eine ästhetische Bildung) und untrennbar damit verbunden auch ein körperliches Verhältnis zu seinem Wissen. Mir ist das kürzlich auch nochmal an der schönen Studie zum Boxen aufgegangen, die Loic Wacquant schrieb. Das ging schon soweit, dass ich mir überlegte, ob ich nicht doch eine regelmäßig praktizierbare Sportart aufnehmen sollte (was bei mir einiges heißen soll; eine befreundete Soziologin hatte mir drauf auch prompt erzählt, dass sie wegen dieser Studie selbst zum Boxen anfing!).
Woran kann man dieses leibliche Engagement deutlich machen? Vielleicht mit der Erfahrung von Literatur: Die Romane von Albert Camus z.B. klingen für mich nach Weather Report und ich habe sofort den Geruch von warmen Frühlingstagen in der Nase: ich habe “Der glücklichen Tod” und “Die Pest” von Camus auf dem Balkon gelesen, während im Hintergrund “Black Market” hoch und runter lief.

Ein anderes Beispiel wäre das Problem der Solidarität, was für mich immer ein ganz zentraler Wert sowohl im Politischen wie auch und im Privaten darstellt. Dass darin auch ästhetische Dimensionen zu stecken scheinen, deutete T.Albert die Tage mal an und wenn ich den Verweisauf Tschechovs Landhausgemeinschaften heranziehen darf, dann lässt sich Momo’s Satz

“Und weil dieses seltsame Geschöpf zum Knuddeln ist, wenn es Unsinn redet und dabei z.B. niedlich lächelt, einfach, um Kontakt zu halten nach langen Sommertagen, Beisammensein ausfüllend, ist doch egal, was man da quatscht, wenn man abends in den Salons russischer Landgüter zusammen sitzt.”

eben auch als ein solches körperliches/leibliches Verhältnis der Solidarität begreifen: Die Grundlage des Kommunismus ist eben das Beisammensein, eine Gemeinschaft der Körper. Da hatte der Durkheim schon recht, dass Solidarität durch eine gemeinsame Tätigkeit hervorgerufen wird (auch wenn er mit Solidarität das einverleibte moralische Zwangskorsett der Gesellschaft meinte und keineswegs eine Partizipation am Handeln und Denken anderer).
Aber was heißt das für einen Cezanne, oder einen Beckett, und meinetwegen auch für einen Meese?

Das ganze ist natürlich nich ganz unproblematisch. Eine der zentralen Schlagwörter von Judith Butler etwa ist das “leidenschaftliche Verhaftetsein”, welches noch die verletzten Identitäten körperlich an den sie verletztenden “normativen Heterosexismus” bindet. Und doch bin ich mir sicher, dass ohne eine körperliche/leibliche Teilhabe die “großen Fragen” nicht “beantwortet” werden können. Bourdieu, der ja schon so etwas wie eine fundamentale Referenz meines Denkens darstellt, weil sich durch ihn meine Blicke anders richten, mein Denken andere Wege nimmt (alles Metaphern, die auf einen Körper bezug nehmen), hat die Vorstellung eines homo oeconomicus, oder die einer abstrakten und theoretischen Vernunft mal die”scholastische Verblendung” genannt. Und recht hatte er. Ausdrücken kann er’s übrigens auch viel besser:

“Weil der Körper (in unterschiedlichem Ausmaß) exponiert ist, weil er in der Welt ins Spiel, in Gefahr gebracht wird, dem Risiko der Empfindung , der verletzung, des Leids, manchmal des Tods ausgesetzt, also gezwungen ist, die Welt ernst zu nehmen (und nichts ist ernsthafter als Empfindungen – sie berühren uns bis ins Innerste unserer organischen Ausstattung hinein), ist er in der Lage, Dispositionen zu erwerben, die ihrerseits eine Öffnung zur Welt darstellen, das heißt zu den Strukturen der sozialen Weltm deren leibgewordene Gestalt sie sind.”
P.Bourdieu (2001) Meditationen. Kritik der scholastischen Vernunft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.180.

Geschrieben von lars

Mai 16, 2008 um 14:47

Die wirklich großen Fragen trägt der Mensch am Fuß

mit 24 Kommentaren

Fragen, die die Welt bewegen. Heute: Die taz:

“Woran liegt es nur, dass die Reliquien des geschmacklosesten Jahrzehnts plötzlich wieder tragbar sind? Ist es Ratlosigkeit?”

An der These der Ratlosigkeit mag etwas dran sein – beim Durchlesen des Feuilletons der ZEIT gestern abend befiel mich auch so ein Gefühl. Da wird die Neuro-Ästhetik dementer Hirnforscher wortreich kritisiert, als wäre das nötig, dumm wie die ist – und Diedrich Diedrichsen verbreitet Irrelevantes über die Tom Waits-Coverversionen von Scarlett Johansson. Der chronisch neben dem Thema daher besserwissende Hanno Rauterberg regt sich über den Weltausstellungs-Pavillion in Shanghai auf, als ginge es um den Untergang des Abendlandes und einen Wettlauf der Kulturnationen. Der hat ja die Tendenz zum Spenglern. Während ein sehr fotogener, englischer Dramatiker auch nicht anders kann, als sich als Zwerg vor den unerreichten Monumenten Tschechow und Beckett zu fühlen – eine ganze DIE ZEIT-Seite lang. Und der Interviewer, der Tschechow in’s Gespräch bringt, hat diesen noch nicht mal im Ansatz begriffen. Behauptet er doch, dessen Gedanke sei, daß in ferner Zukunft, in 200, 300 Jahren, der Mensch dann gut würde, üppig lebte und glücklich guckte.

Das läßt mein Freund Anton tatsächlich seine Figuren sagen, er tut’s jedoch, um deren Passivität im Hier und Jetzt zu zelebrieren und auch zu zeigen, nicht zu kommentieren, daß gerade solche Eigentümlichkeiten wie die Utopisierung den Menschen als solchen erst liebenswert machen. Weil man nur lieben kann, worüber man auch lachen kann. Und weil dieses seltsame Geschöpf zum Knuddeln ist, wenn es Unsinn redet und dabei z.B. niedlich lächelt, einfach, um Kontakt zu halten nach langen Sommertagen, Beisammensein ausfüllend, ist doch egal, was man da quatscht, wenn man abends in den Salons russischer Landgüter zusammen sitzt – nicht jedoch liebenswert ist, wenn das Geschöpf Mensch zum Feuilletonisten mutiert Unsinn schreibt.

Schön war’s, ganz im Gegensatz dazu mal wieder einen längeren Text von Fritz J. Raddatz zu lesen, ganz anders als Franziska Seybold kann der nämlich schreiben. Der bürstet positiv verschroben Sprache gegen den Strich und zeigt sich so seinem Gegenstand, der Literatur, gewachsen.

Frau Seybold hingegen merkt gar nicht, daß viel schlimmer als das Tennis-Socken-Revival, gegen das ich gar nix habe, ich mag die Dinger, ist, daß sie stilistisch in eben jener Jauche schwimmt, die sie so wortreich kommentiert: 80er-Jahre-Zeitgeist-Suppe halt. Polyluxig. Auch noch ganz dümmlich mit Bourdieu versetzt, ja doch, man MUSS das attackieren: Scheint Berlin-Mitte vor allem dadurch determiniert, die Banalität von Leuten wie Stuckrad-Barre in Endlosigkeit fortzuschreiben ist. Der war zwar eher in den 90ern erfolgreich, weil er Oasis-Song-Titel über Kapitel schrub und so das, was am Flaggenrausch der WM nervte, vorwegnahm – dieses ekle “Deutschland, Pop-Nation”. Was, Polke zum Trotze, niemals wahr werden wird, das sieht man doch schon an den Entwürfen zum Weltausstellungs-Pavillion in Shanghai!

Schuld sind daran jedoch nicht die Socken der 80er, sondern deren “Journalismus”, der so zäh weiter fließt durch die Schwarzwaldklinikhaftigkeit der Gazetten, die sich hip geben. Am schlimmsten aktuell in der Spex. Buaaaah.

Wäre ich jetzt Franziska Seybold, dann würde ich mit einem Satz wie dem folgenden enden:

“Man darf gespannt sein.”

Das ist so eine Konstruktion wie “Bleibt zu hoffen, daß.” Oder “Warten wir’s ab, ob.” Wie ich das hasse. Bringt denen eigentlich niemand mehr was bei?

Raddatz hingegen endet so:

“Zum Ende hin wird der Ballon – um Pynchons Eingangs- und Schlussbild zu paraphrasieren – faltig, schlaff und schleifend; die Halteseile scheuern durch.”

Na, der Kontrast, der ist wohl offenkundig. Jenseits der Beliebigkeit hinein in die Bildhaftigkeit, spezifisch am Gegenstand orientiert: Leute, lest lieber die alten Granden, anstatt euch in “man darf gespannt sein!” zu ergehen. Dann seid ihr auch nicht mehr ratlos, wenn ihr die Tennis-Socke überstreift …

PS:Den letzten Satz von Rauterberg stelle ich einfach mal zur Diskussion: “Das Abenteuer Architektur überlässt sie fröhlich anderen Staaten.” Na, wie ist der?

Geschrieben von momorulez

Mai 16, 2008 um 8:32

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