Archiv für April 2nd, 2011
Der Name der Rose
“What’s in a name? that which we call a rose
By any other name would smell as sweet.”
Shakespeare, Romeo and Juliet
Die Bewegungen, die sich nach dem zweiten Weltkrieg in den 50er Jahren zaghaft entfalteten und dann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zu einer weltweiten Explosion führten, die die Lebensweise der nachfolgenden Generationen unwiderruflich veränderte, wurden mit vielerlei Namen bezeichnet. Und im Gegensatz zur Rose es ist eben nicht egal, unter welchem Namen wir diese Bewegungen fassen.
Die aussageärmste Benennung ist, wahrscheinlich nicht zufällig, auch die gebräuchlichste: 68er-Bewegung. Diese sich willkürlich an einem Datum festmachende Bezeichnung mag gerade einmal für Frankreich angehen, wo der Pariser Mai 1968 das zentrale Ereignis markiert. Schon für die Bundesrepublik Deutschland wäre 67er-Bewegung passender, war der entscheidende Wendepunkt doch die Erschießung von Benno Ohnesorg durch den im Dienste der Stasi stehenden Westberliner Polizisten Kurras am 2. Juni 1967. Aus diesem Grund werde ich in diesem Blog nicht von den “68ern” reden.
Noch dümmer allerdings ist die Benennung “Studentenbewegung”, die es nun wirklich gar nicht trifft. Sicherlich, einer der wichtigen Ausgangspunkte für die Bewegung war ein universitäres Ereignis, das “free speech movement” an der Universität Berkeley (übrigens 1964 – soviel noch einmal zur “68er”-Bewegung). Und natürlich bildeten die Universitäten ein wichtiges Zentrum für die Proteste. Aber ein ganz entscheidendes Charakteristikum der Bewegungen war, daß sie von Anfang an nicht allein von Studenten getragen wurden, sondern daß Schüler und Lehrlinge eine wichtige Rolle spielten (sehr amüsant in diesem Zusammenhang ist übrigens ein Artikel von Wolfgang Schorlau). Und auch bei den Studenten selbst muß differenziert werden: Die Universitäten unterlagen in der zweiten Hälfte der 60er Jahre einem grundlegenden Wandel, nämlich von der Eliteuniversität zur Massenuniversität. Kamen noch in den 50er und frühen 60er Jahren die Studenten zum größten Teil aus dem akademischen Milieu, war es erklärte Politik seit der Mitte der 60er Jahre, Jugendliche nicht-akademischer Herkunft an die Universitäten zu holen. Daß diese mit dem akademischen Milieu ihre Schwierigkeiten hatten (so wie die Arbeitsemigranten aus Südeuropa oder der Türkei in den Automobilfabriken), muß nicht extra betont werden.
Schon intelligenter ist die Benennung “Neue Linke”. Der Name geht zurück auf die 1960 in Großbritannien gegründete Zeitschrift “New Left Review”. Aber die “Neue Linke”, die den “New Left Review” trug, war so neu nicht. Die grundlegenden Auffassungen dieser “Neue Linken” waren recht orthodox marxistisch. Interessant an ihr war allerdings – und das war das “Neue” dieser “Neuen Linken” – daß sie versuchte, jenseits der nach dem 1. Weltkrieg etablierten Dichotomie von Sozialdemokratie auf der einen und moskauorientiertem Kommunismus auf der anderen Seite eine dritte Position einzunehmen. Aber im wesentlichen bildete immer noch die Arbeiterbewegung den Bezugspunkt dieser “Neuen Linken”. Auf die Bewegungen, um die es mir geht, hatte sie einen wichtigen Einfluß, aber sie ist eher eine Vorläufer- oder Seitenströmung; darauf wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einzugehen sein, für jetzt und hier behaupte ich einfach einmal, daß der Terminus “Neue Linke” nur einen Teil der Bewegungen abdeckt, um die es mir geht; und dabei noch nicht einmal einen zentralen.
Ein anderer, wenig aussagekräftiger und eigentlich eher irreführender Terminus ist der der “Neuen Sozialen Bewegungen”, der vor allem in den Sozialwissenschaften gängig ist (was aus meiner Sicht schon reicht, um ihn zu desavouieren). Richtig ist an diesem Begriff nur die Einsicht, daß diese Bewegungen sich grundlegend von der “alten sozialen Bewegung”, sprich: der Arbeiterbewegung unterschieden. Kompletter Käse aber ist, daß es sich um “soziale” Bewegungen handelte. Ganz entscheidend für diesen Bewegungen war vielmehr, daß im Gegensatz zur Arbeiterbewegung die “soziale Frage” nur am Rande verhandelt wurde. Die wirklich grundlegenden Themen der Bewegungen waren keine sozialen, das heißt, es ging bestenfalls in sekundärer Hinsicht um die materiellen Lebensbedingungen. Viel grundlegender für die Bewegungen war die Frage nach der Macht: Wer hat über wen die Befehls- und Kommandogewalt – da spielten soziale Fragen natürlich eine Rolle, aber vor allem in Hinblick darauf, wie die sozialen Verhältnisse die Machtverhältnisse strukturieren (und nicht umgekehrt, wie in der klassischen Arbeiterbewegung).
Der von mir bevorzugte Begriff ist deshalb der der “anti-autoritären Bewegungen” – es waren im Kern Bewegungen, die die bisherigen Hierarchiegefüge der Gesellschaft in Frage stellten: Das Verhältnis der Kinder zu den Eltern, der Schüler zu den Lehrern, der Lehrlinge zu den Meistern, der Studenten zu den Professoren, der Frauen zu den Männern etc.
Der naheliegende Einwand gegen diesen Terminus ist natürlich, daß diese Bewegungen auch hochgradig autoritäre Fraktionen hervorgebracht haben. Mein Gegenargument hierzu kann hier zunächst einmal nur eine essentialistische Form annehmen: Das Wesen – und ich verwende diesen metaphysisch kontaminierten Begriff ganz bewußt – dieser Bewegungen war zutiefst anti-autoritär. Die autoritären Strömungen waren selbst eine Reaktion auf diesen Anti-Autoritarismus: Sei es, daß er als bedrohlich erfahren wurde – gerade bei den maoistisch-stalinistischen K-Gruppen bin ich nicht abgeneigt, eine gewisse “Furcht vor der Freiheit” zu unterstellen; sei es, daß die inneren Widersprüche der anti-autoritären Bewegung autoritäre Alternativen als Strategie nahelegten.
In folgenden Beiträgen wird es darum gehen, diesen Begriff der “anti-autoritären” Bewegungen genauer zu beleuchten und sie von der Arbeiterbewegung abzugrenzen.