Archiv für Mai 6th, 2011
Die zwei Revolutionstheorien des Karl M.
“Der Sinn des Lebens besteht in der vollen Entwicklung der menschlichen Anlagen.”
Henri Lefèbvre, Der dialektische Materialismus (1938)
Für das Vorhaben dieses Blogs, die Natur der antiautoritären Bewegungen der 60er Jahre herauszuarbeiten, scheint es etwas übertrieben, kleinliche Marx-Philologie zu betreiben. Was soll es bringen, dafür in die Abgründe obskurer Marxmanuskripte abzutauchen? Nun, eine ganze Menge. Die sich formierende antiautoritäre Linke mußte sich innerhalb des herrschenden Dualismus von westlicher Demokratie hie und stalinistischer Diktatur da einen dritten Standpunkt erkämpfen. Eine mögliche Option hierfür war die Kritik der Sowjetunion von einem “authentischen” marxistischen Standpunkt aus. Derartige Kritiken gab es bereits seit den 20 Jahren: Rätekommunisten wie die KAPD oder später auch Trotzkis IV. Internationale nahmen für sich in Anspruch, den wahren Marxismus im Gegensatz zu seiner sowjetischen Verfälschung zu repräsentieren. Doch diese Art marxistischer Kritik am real existierenden Arbeiterstaat ließ die Auffassung der Marxschen Theorie, wie sie innerhalb der II. Internationale mehr oder minder kanonisiert worden war, unangetastet. Die Kritik bezog sich nicht auf die Interpreation der Marxschen Theorie selbst, sondern auf Punkte, die bei Marx selbst nur wenig oder gar nicht ausgeführt worden waren. Bei den Rätekommunisten ging es dabei um die Rolle von Partei und Staates, während die Trotzkisten versuchten, eine Theorie der Bürokratie zu entwickeln. Das aber, was als Kern der Marxschen Theorie angesehen wurde, die materialistische Geschichtsauffassung, die im wesentlichen als politische Ökonomie verstanden wurde, blieb weitgehend unhinterfragt.
Das sollte sich nach dem zweiten Weltkrieg ändern. Innerhalb der anti-stalinistischen, aber marxistischen Linken wurde eine Neuinterpretation der gesamten Marxschen Theorie versucht. Der ökonomische Determinismus, der seit der II. Internationalen die Marxrezeption innerhalb der Arbeiterbewegung dominiert hatte, sollte aufgebrochen werden zugunsten einer Marxintrepretation, die die Freiheit und Schöpferkraft der menschlichen Individuen ins Zentrum stellte.
In diesem Bemühen spielt ein zu Marx Lebzeiten unveröffentlichter Text aus dem Jahr 1844 eine entscheidende Rolle: Die sogenannten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte. Diese wurden erstmals vollständig 1932 publiziert und zwar zeitgleich zum einen in der ersten Marx-Engels Gesamtausgabe wie auch in einer bei Kröner veröffentlichten Frühschriften-Ausgabe.
Der meines Wissens nach erste bedeutende marxistische Theoretiker, der seine Marxinterpretation auf diese Manuskripte stützte, war Henri Lefèbvre, dessen Schrift Der dialektische Materialismus an zentraler Stelle auf die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte rekurriert. Die für ihn und die späteren Interpreten zentrale Kategorie dieser Manuskripte ist die Kategorie der “Entfremdung”, die Marx folgendermaßen einführt:
“Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. [...] Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. [...] Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalöonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.” (MEW 40, S.511f)
Die Kategorie der Entfremdung meint also, daß der gesellschaftliche Reichtum, den die Arbeiter produzieren, ihnen als fremde Macht gegenübertritt, als Kapital. Das Proletariat wird, statt die Früchte seiner Arbeit zu genießen, gerade von diesem seinem eigenen Produkt unterjocht:
“Die Entäußerung des Arbeiters in seinem Produkt hat die Bedeutung, nicht nur, daß seine Arbeit zu einem Gegenstand, zu einer äußern Existenz wird, sondern daß sie außer ihm, unabhängig, fremd von ihm existiert und eine selbständige Macht ihm gegenüber wird, daß das Leben, was er dem Gegenstand verliehn hat, ihm feindlich und fremd gegenübertritt.” (MEW 40, S.512)
Diese Kritik läuft offenkundig auf eine Gegenüberstellung von Sein und Sollen hinaus, auf ein Wesen des Menschen einerseits, das ontologisch gegeben ist, und einem realen Zustand, in dem dieses Wesen in sein Gegenteil verkehrt, entfremdet ist. Das menschliche Wesen selbst bestimmt Marx als “freie bewußte Tätigkeit” (ebd., S.516). Diesem Wesen sind die Arbeiter aber entfremdet: “Die entfremdete Arbeit kehrt das Verhältnis dahin um, daß der Mensch eben, weil er ein bewußtes Wesen ist, seine Lebenstätigkeit, sein Wesen nur zu einem Mittel für seine Existenz macht.” (ebd.)
Der zu einer revolutionären Aufhebung drängende Widerspruch ist für den Marx des Jahres 1844 der zwischen der in der realen, empirisch feststellbaren Situation des Proletariats und einem außerhalb der empirisch-geschichtlichen Welt liegenden menschlichen Wesen. Dies ist die erste Revolutionstheorie des jungen Karl Marx: Das Proletariat ist deshalb zur Revolution berufen, weil sein empirisches Dasein seinem ontologischen Sein widerspricht. In der Heiligen Familie (fertiggestellt im November 1844) wird dies folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
“Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.” (MEW 2, S.38)
Diese frühe ontologische Revolutionstheorie erhält dann im Dezember 1844 einen schweren Schlag, als Marx Der Einzige und sein Eigentum von Max Stirner liest. Denn die Stirnersche Kritik an den Junghegelianern – zu deren Kreis er, wie Marx und Engels auch, gehört hatte – übertraf die Marxsche um einiges an Radikalität und schloß auch den Marxschen “realen Humanismus” mit ein:
“Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.” (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1981, S.3)
Während Engels das Werk zunächst begeistert feierte, war Marx sofort klar, daß damit seine ontologische Revolutionstheorie komplett in Frage gestellt wurde. Seine Forderung, daß das Proletariat das menschlichen Gattungswesen zu seiner Sache machen solle, wurde von Stirners Kritik ins Mark getroffen. Stirner wurde dann in der Deutschen Ideologie (1845/46) einer wütenden Kritik unterzogen, dabei aber gleichzeitig und insgeheim die eigene Revolutionstheorie komplett revidiert. Der zur Revolution drängende Widerspruch durfte nicht mehr der zwischen einem empirischen Proletariat und dem Abstraktum namens “menschliches Gattungswesen” sein. Vielmehr mußte er ein rein objektiver, innerweltlicher sein, der die Welt nicht mehr mit einem abstrakten Ideal, sondern mit ihrer immanenten Widersprüchlichkeit konfrontiert. Marx’ Anfang 1845 formulierte Kritik am religiösen Entfremdungsbegriff von Feuerbach läßt sich auch auf seine eigene Theoriebildung ein Jahr zuvor anwenden:
“Die Tatsache nämlich, daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich, ein selbständiges Reich, in den Wolken fixiert, ist eben nur aus der Selbstzerrissnheit und dem Sichselbst-Widersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären.” (MEW 3, S.534)
In der Folge wird diese immanente, rein empirisch konstatierbare und auf jede Ontologie verzichtende Revolutionstheorie ausgearbeitet und findet dann im Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1858 ihre kanonische Form.
“Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.” (MEW 13, S.9)
Diese scheinbar objektivistische Revolutionstheorie schreibt den Subjekten nun nicht mehr anhand eines überhistorischen Wesens vor, wann, warum und wie sie die Gesellschaft umwälzen sollen; sie konstatiert nur noch, daß historisch Situationen eingetreten sind und auch wieder eintreten werden, in denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen gezwungen sein werden, die geltenden gesellschaftlichen Geschäftsgrundlagen in Frage zu stellen. Wie sie das machen, kann die Theorie nicht vorhersagen, sie kann nur die Notwendigkeit der Umwälzung aufgrund der inneren Widersprüchlichkeit der Gesellschaft konstatieren.
Doch diese Revolutionstheorie behagte den anti-stalinischen Marxisten der 50er und 60er Jahre überhaupt nicht. Die objektiven gesellschaftlichen Widersprüche schienen – zumindest in den Metropolen – eingeebnet zu sein, das Proletariat befriedet. In dieser Situation schien Marx’ frühe ontologische Revolutionstheorie deutlich besser geeignet, eine Kritik der saturierte Wohlstandgesellschaft zu formulieren.
Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn es heißt:
“Einer der Hauptgründe für die Erfolglosigkeit und die Deformation der sozialistischen Theorie und Praxis während der letzten Jahrzehnte ist genau dem Mangel an Aufmerksamkeit zuzuschreiben, die man der “philosophischen Dimension” des Marxschen Denkens zukommen ließ, in der offenen oder versteckten Negation seines humanistischen Wesens. Die Entwicklung eines authentischen, humanistischen Sozialismus läßt sich nicht durchführen ohne eine Erneuerung und Weiterentwicklung des philosophischen Denkens von Marx.” (Editorial zur ersten Ausgabe von Praxis, Jg. 1, Heft 1, Zagreb 1965)