Archiv für September 2nd, 2011
Ereignis und Bewegung
„Am Anfang war das Ereignis. Die Zeit verdichtete sich, der Raum konzentrierte sich in einem Punkt, die Metamorphose fand statt. Die Bewegung entstammt diesem ersten Impuls.“
Agentur BILWET
Wer die Geschichte der antiautoritären Bewegungen verstehen will, muß sich Rechenschaft geben von der Kategorie des Ereignisses. Denn die anti-autoritären Bewegungen folgen als politische Bewegungen nicht den Regeln, die sich irgendwelche Sozialwissenschaftler oder Verfassungsschützer vorstellen. Deren klassisch rationalistischer Politikbegriff geht davon aus, daß jede Protestbewegung im Kern auf ein mehr oder minder konkretes Anliegen zurückzuführen ist. Zunächst, so stellt man sich das vor, gibt es einen Mißstand, und dieser Mißstand wird von einigen artikuliert. Diese stellen dann ein gemeinsames Interesse an der Behebung dieses Mißstandes fest. Deshalb schließen sie sich zu einer Organisation, wie strikt oder lose auch immer, zusammen. Damit bilden sie, ob sie sich nun so verstehen oder nicht, eine Avantgarde, die jetzt versucht, für ihr Anliegen zu werben. Wenn sie damit Erfolg haben und eine gewisse kritische Masse erreichen, dann kann daraus eine richtige Protestbewegung werden.
Nicht, daß Derartiges nicht wirklich vorkommen würde. Eine Bürgerinitiative für, sagen wir einmal, eine Umgehungsstraße, funktioniert im Großen und Ganzen nach diesem Muster. Und derartige Formen, in die politische Willensbildung einzugreifen, sind seit den 70er Jahren ein durchaus etablierter Bestandteil des politischen Prozesses. Zumindest auf kommunaler Ebene spielt der nicht parteipolitisch organisierte Bürgerwille inzwischen eine wichtige Rolle, sei es in Form von Bürgerinitativen, sei es in Form von behördlich organisierten Bürgerbeteiligungen, die ein mögliches Protestpotential von vornherein entschärfen sollen.
Doch die antiautoritären Bewegungen funktionierten nicht nach diesem Muster, was Soziologen, Politologen, Kulturwissenschaftler und andere Ideologen des gesellschaftlichen status quo nicht daran hindert, sie genau so zu interpretieren. Für die jugoslawische Studentenbewegung ist in dieser Hinsicht die Master-Thesis von Sarah D. Žabić ein typisches Beispiel. Es ist Žabićs erklärtes Ziel zu zeigen, „daß die Studentenproteste von 1968 ein Beispiel zielgerichteten gesellschaftlichen Handelns (purposive social action) waren, denen es darum ging, die Kritik der Praxis-Schule am Titoismus zu einer gesellschaftlichen Realität zu machen.“ ([3], S.69) Es ist wirklich mehr als naiv anzunehmen, wie Žabić das tut, daß das politische Aktionsprogramm der studentischen Besetzer der Belgrader Universität (abgedruckt in [5], S. 234ff) die tatsächlichen Gründe darlegt, warum sich die Masse der Studenten auf einmal entschlossen hatte, die Universität zu besetzen.
Daß die studentischen Forderungen mit denen der Praxis-Gruppe übereinstimmten, ist einfach zu erklären: Als die Universtität erst einmal besetzt war, brauchte es einer Rechtfertigung für diese Tat, und diese Rechtfertigung stellt das Aktionsprogramm dar. Verfaßt wurde es zweifellos von Autoren aus dem Umfeld der Praxis-Gruppe, wenn nicht gar von Mitglieder der Praxis-Gruppe selbst. Doch die im Aktionsprogramm angesprochenen Mißstände in der jugoslawischen Gesellschaft waren nicht der unmittelbare Grund, warum es zur Besetzung gekommen war. Die Besetzung hatte nichts von einem „zielgerichteten gesellschaftlichen Handeln“, sie war vielmehr ein spontaner, ungeplanter und unvorhersehbarer Akt. Und ausgelöst wurde dieser spontane Akt nicht durch Reflexion auf gesellschaftliche Mißstände, sondern durch ein Ereignis: Das brutale Vorgehen der Miliz gegen Besucher eines Auftritts der Musik- und Theatergruppe „Karawane der Freundschaft“.
Natürlich entwicklete sich während der Tage der Besetzung, auch mit Hilfe der Praxis-Philosophen und ihrer Schüler, eine Sprache und damit ein Bewußtsein von gesellschaftlichen Problemen; und dieses Bewußtsein schlug sich dann in politischen Forderungen nieder. Doch das Ergebnis des Handelns ist nicht seine Ursache. Zudem war die Besetzung viel mehr als nur die Artikulation politischer Forderungen: Sie setzte, wenn auch nur temporär, die gesamte Struktur des Alltags, die üblichen Routinen und Hierarchien außer Kraft. Sie war ein Fest, eine Art Karneval, wo man mit anderen ins Gespräch kam, wo diskutiert wurde, aber auch gesungen und getanzt, wo jeder sich seine Aufgaben suchte und übernahm, kurz: Wo die Individuen nicht mehr Objekte im üblichen, strukturierten Ablauf des Alltags waren, sondern wo jeder einzelne und alle zusammen zum Subjekt eines Ausnahmezustandes wurden.
Parteien, politische Gruppen, Bürgerinitiativen sind die Subjekte „zielgerichteten politischen Handeln“. Das macht sie so furchtbar langweilig. Bewegungen hingegen wollen weniger und mehr zugleich, ihr Ziel ist, wenn man so will, ein philosophisches: Die Unterbrechung des linearen Flusses der physikalischen Zeit. Ihr Ideal ist die pure Gegenwart, die Intensität des Augenblicks, in dem man einerseits vom Sog der Masse mitgerissen wird und andererseits trotzdem das Gefühl hat, das eigene Leben mehr als je zuvor selbst zu bestimmen.
Um den Sinn von Bewegungen wirklich zu verstehen, darf man nicht die Sozialwissenschaftler fragen. Eine bessere Adresse ist da schon die Amsterdamer Agentur BILWET (bevordering van de illegalen wetenschap = Förderung der illegalen Wissenschaft), die 1990 ihre Bewegungslehre vorgelegt hat. Die Agentur BILWET hat, im Gegensatz zur legalen Wissenschaft begriffen, daß die zentrale Kategorie zum Verständnis von Bewegungen das Ereignis ist:
„Dieses Ereignis […] zeichnet sich dadurch aus, daß nach einer initiierenden Handlung eine Kettenreaktion einsetzt, die alle ursprünglichen Absichten überschreitet. Es wird ein Ereignis in die Welt gesetzt, das sich dann den Akteuren aus der Hand nimmt. Das übliche Baumdiagramm von Ursache und Wirkung wird ohne Vorwarnung durch ein Kausalitätenkarussell von Vorfällen und Geschichten ersetzt, in denen Ursache und Wirkung austauschbar scheinen. Auf diese Weise erhält das Ereignis einen schicksalhaften Charakter. So und nicht anders wird es verlaufen. Es ist einmalig, lokal, ekstatisch.“ ([1], S.168)
Die rationalistischen sozialwissenschaftlichen Erklärungen versuchen, das ekstatische Moment der Freiheit in den Bewegungen wegzuerklären, indem sie sie wieder auf gesellschaftliche Ursachen zurechtstutzen. Diesen Versuch der Entmündigung pariert die Agentur BILWET mit ihrer Fokussierung auf das einmalige, nicht wiederholbare Ereignis, das sie zurecht ins Zentrum ihrer Bewegungslehre setzt. Doch indem sie auf der Unvorhersehbarkeit des Ereignisses, seiner absoluten Kontingenz beharrt, verfehlt sie etwas anderes, denn das Ereignis ist nicht willkürlich. Es kann nicht zu jeder Zeit und nicht überall auftreten. Der Punkt ist, daß das Ereignis, obwohl es kontingent ist, erwartet wird.
Hier kann uns der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek weiterhelfen. Wie das Ereignis funktioniert, hat dieser am Beispiel von Kaspar Hauser erläutert. Hauser war jahrelang ohne menschlichen Bezug in einem dunklen Keller aufgewachsen, 1828 setzen ihn seine unbekannten Kerkermeister in Nürnberg frei, fünf Jahre später wird er ermordet. Diese Geschichte beschäftigte die Zeitgenossen und die Nachwelt bis heute. Žižek erläutert dieses Ereignis folgendermaßen:
„Obwohl das plötzliche Erscheinen Kaspars die brutale Begegnung mit einem unmöglichen Realen provozierte, welches den symbolischen Kreislauf der Ursachen und Wirkungen unterbrach, ist doch das Überraschendste, daß in einem gewissen Sinne die Zeit ihn erwartete: Als Überraschung kam er zu seiner Zeit. [...] Die Begegnung mit Kaspar war also vom materiellen Standpunkt aus das Ergebnis einer Serie unvorhergesehener Unfälle, vom formellen Standpunkt aus war sie aber zutiefst notwendig: Die Struktur des Wissens der Epoche hatte seinen Platz schon vorbereitet. Nur weil ein leerer Ort schon konstruiert war, konnte sein Erscheinen zur Sensation werden, wogegen es ein Jahrhundert früher oder später unbemerkt geblieben wäre.“ ([4], S.17f)
Daß das Vorgehen der Miliz in der Nacht vom 2. zum 3. Juni 1968 in Belgrad eine derartige Wirkung haben konnte, lag daran, daß diesem Ereignis sein Ort schon vorbereitet gewesen war, daß es erwartet wurde. Natürlich war nicht dieses konkrete Ereignis erwartet worden, aber irgendetwas der Art, das die Kettenreaktion auslösen mußte, die dann tatsächlich in Gang kam. Wenn wir die antiautoritären Bewegungen anderer Länder anschauen, werden wir auf ähnliche initiierende Ereignisse stoßen: In der BRD war das etwa die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967.
Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen. Damit wurden die bisherigen Autoritäten, die ihren Machtanspruch auf die alte symbolischen Ordnung stützten, schlagartig delegitimiert, die bestehenden Regeln außer Kraft gesetzt. Die Stunde der antiautoritären Bewegungen hatte geschlagen.
Lesen Sie auch nächste Woche weiter, wenn wir uns im Gegenzug mit dem Niedergang der antiautoritären Bewegungen beschäftigen und Margrit Schiller sagen hören:
„Andere Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden war schwierig. Die Jahre des Aufbruchs in der Studenten-, Schüler- und Lehrlingsbewegung waren vorbei. Es brodelte nicht mehr, es gab nicht mehr überall spontane Diskussionen, bei denen man sofort mittendrin war und Leute kennenlernte.“ ([2], S.25)
Literaturverzeichnis
[1] Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Berlin 1991.
[2] Schiller, M., Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF, München 2001.
[3] Žabić, S. D., Praxis, Student Protest, And Purposive Social Action: The Humanist Marxist Critique Of The League Of Communists Of Yugoslavia, 1964 – 1975, Kent State University 2010, http://rave.ohiolink.edu/etdc/view?acc_num=kent1279565524.
[4] Žižek, S., Der erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus, Wien – Berlin 1992.
[5] Kanzleiter, B. & Stojaković, K. (Ed.), 1968 in Jugoslawien. Studentenproteste und kulturelle Avantgarde zwischen 1960 und 1975, Bonn 2008.