Archiv für Oktober 7th, 2011
Vietnam und Straßenkampf
„Unsere Vietnamdemonstrationen sind schon längst primär Momente des gesellschaftlichen Kampfes mit unserer herrschenden Oligarchie, stehen nicht mehr unter dem Verdikt des eingepaßten pluralistischen Protestkomplexes.“
Rudie Dutschke
Ich habe letzte Woche behauptet, daß es in der Vietnam-Solidarität der 60er Jahre einen wichtigen Bruch gegeben hat, den ich mit dem Datum des 2. Juni 1967 verbunden habe. Man kann diesen Übergang als einen von der aufklärerischen Position der Neuen Linken zu der aktivistischen der antiautoritären Bewegungen beschreiben. Der zweite Vietnam-Kongreß, den der Sozialistische Deutsche Studentenbund am 17. und 18. Februar 1968 in Berlin abhielt, stand, im Gegensatz zum ersten Kongreß 1966, ganz im Zeichen der Aktion.
Gaston Salvatore und Rudi Dutschke hatten für diesen Kongreß den Text Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam! von Che Guevara übersetzt und veröffentlicht. In seinem gewalttätigen Pathos ist dieser Text heute kaum mehr erträglich:
„Der Krieg muß dorthin gebracht werden, wohin der Feind ihn bringt: zu seinem Haus, zu seinen Vergnügungsvierteln – der totale Krieg. Man muß den Feind hindern, auch nur eine Minute Ruhe zu finden, eine Minute Ruhe außerhalb seiner Kaserne und sogar innerhalb derselben. Wo auch immer er sich befinden möge, dort muß man ihn angreifen. Man muß ihn dazu bringen, daß er sich wie ein gehetztes Tier fühlt, wo auch immer er sich bewege. Dann wird seine Moral mehr und mehr sinken. Er wird noch bestialischer werden, aber es mehren sich die Zeichen des Nachlassens seiner Kräfte. Dann wird sich ein wahrer proletarischer Internationalismus herausbilden: mit internationalen proletarischen Armeen, in denen unter der Fahne der heiligen Sache der Erlösung der Menschheit gekämpft wird.“ (zit. nach [1], S.188f)
Und an anderer Stelle:
„Der Haß als Faktor des Kampfes, der unbeugsame Haß dem Feinde gegenüber, der den Menschen über die natürlichen Grenzen hinaus antreibt, und ihn in eine wirksame, gewaltsame, selektive und kalte Tötungsmaschine verwandelt. Unsere Soldaten müssen so sein; ein Volk ohne Haß kann über einen brutalen Feind nicht siegen.“ (zit. nach [1], S.188)
Diese Rhetorik wurde dann auf dem Kongreß in eine Fetischisierung der Militanz auch hierzulande transformiert. Insbesonder taten sich dabei die anwesenden französischen Trotzkisten von der Jeunesse Communiste Révolutionaire hervor, „die während der Schlußdemonstration durch ihr militantes, zugleich aber diszipliniertes Auftreten und ihre Demonstrationstechnik einen großen Eindruck auf die deutsche Studentenbewegung machten.“ ([4], S.123). Schon während des Kongresses hatte der Trotzkist Ernest Mandel Straßenmilitanz propagiert:
„Einige technische Lehren – ich weiß nicht, ob Ihr die Fotos der Zengakuren-Studenten gesehen habt, als sie gegen die amerikanische »Enterprise« mit ihren Motorrollerhelmen und ihren Stöcken in den Händen marschierten, und andere Abwehrmittel gegen die Repression der Polizei. Ich kann euch nur sagen, daß diesen Bildern, die in den Illustrierten und Wochenschauen gebracht wurden, bereits vergangene Woche in Paris durch Pariser radikale Jugendliche gefolgt wurde, und es ist ein guter Ratschlag, den ich auch den Westberliner Studenten geben möchte.“ ([5], S.65)
Diese Militanz hatte einerseits natürlich ihren Grund in der zunehmenden Repression auf der Straße (die Repression wird noch Thema eines der nächsten Blogbeiträge sein). Andererseits stand dahinter aber auch ein agitatorisches Kalkül, das vor allem von Rudi Dutschke offensiv propagiert wurde. Zur Begründung dafür wurde ein wildes Gebräu aus frühem Marx und kritischer Theorie angerührt. Die „entscheidende Wahrheit des Marxismus“ ([3], S.47) steckt für ihn in Marx’ dritter Feuerbachthese:
„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ ([6], S.5f)
Daraus leitet Dutschke ab, daß das Ziel der politischen Aktion nicht primär Aufklärung über gesellschaftliche Sachverhalte sein soll, sondern vor allem erst einmal Selbstveränderung. Diese Wendung von der Aufklärung zur Selbstveränderung wird von Dutschke mit Hypothesen der Frankfurter Schule über die bürgerliche Charakterstruktur unterfüttert. Kennzeichnend für den bürgerlichen Charakter sei, daß er die gesellschaftlichen Strukturen, die doch sein Produkt sind, als fremde Mächte erlebt und sich selbst, in dieser Entfremdung, als machtlos:
„Dieses »Gefühl der Ohnmacht« (Fromm) ist im bürgerlichen Charakter des Individuums im wesentlichen unbewußt. […] Nun meinen wir gerade, daß wir duch die aktiv-militanten Auseinandersetzungen auf der Straße diese unsere und alle Menschen in der Gesellschaft des Kapitalismus auszeichnende bürgerliche Charakterstruktur durch den Kampf modifiziert haben. Indem es uns gelang, die latente und manifeste Irrationalität des Systems, den Terror in den Institutionen und die Brutalität der Polizei in der Auseinandersetzung zu entlarven, versuchten wir – ähnlich wie der Vietkong – die Verwundbarkeit des Systems nachzuweisen.“ ([3], S.75f)
Damit verschiebt sich die Bedeutung der politischen Aktion grundlegend: Sie wird nicht mehr an konkreten politischen Zielen, die erreicht oder verfehlt werden können, gemessen, sondern sie wird zum Selbstzweck, zum Happening, oder wie man heute sagen würde: zum Event. Selten wurde dieser dieser Event-Charakter der Aktion besser zum Ausdruck gebracht als in einem Gespräch, in dem das Kommune I Mitglied Ulrich Enzensberger folgendes äußerte:
„Seit VIVA MARIA würde man wissen, daß Revolution Spaß macht, und zwar einen so ungeheuren Spaß, daß wir das für uns ausnützen könnten. Wenn die Leute (die Bevölkerung) erst einmal sehen, daß es denen, die Eier auf das Amerika-Haus werfen, Spaß macht, schließen sie sich an.“ (zit. nach [2], S.216)
Politisch ist diese Taktik natürlich außerordentlich gefährlich. Indem sie die Aktion völlig von irgendwelchen damit zu erreichenden politischen Zielen entkoppelt, nähert sie sich der Heideggerschen Entschlossenheit an, der es egal ist, für was sie sich entschließt. Jürgen Habermas’ berüchtigter „Linksfaschismus“-Vorwurf gegen Dutschke legte den Finger genau in diese Wunde, auch wenn er damit weit über das Ziel hinausschoß. Dutschke hingegen zeigte sich von derartiger Kritik wenig beeindruckt:
„Vielen Genossen von uns wurde in dieser Zeit von anderen unseres Schlages vorgeworfen, Demonstrationen durchzuführen, ohne politische Inhalte sichtbar werden zu lassen. Nun zeigte es sich aber gerade, daß diese aktive Konfrontation mit der Polizei und damit auch dem Senat und der Politik des Senats in West-Berlin, daß wir in diesen Auseinandersetzungen jenen elementaren Lernprozeß absolvieren, um überhaupt die Fähigkeit für den politischen Kampf, den Klassenkampf zu erwerben.“ ([3], S.75)
Und in der Tat ist dies eine wichtige und richtige Einsicht darüber, wie soziale Bewegungen funktionieren. In den militanten Aktionen lag, zumindest in der Periode von ca. 1965 bis 1968 ein ungeheures Mobilisierungspotential. Problematisch wurde es jedoch zu dem Zeitpunkt, als dieses Mobilisierungspotential an seine Grenzen stieß, die Bewegung nicht mehr weiterwuchs und aus mangelnder inhaltlicher Klarheit in Kleinfraktionen zersplitterte. In dieser Situation führte das Festhalten an der illegalen Aktion zu deren Fetischisierung. Nicht mehr der Spaß, auch nicht die Mobilisierungsgewinne wurden zum Maßstab für die Aktion, sondern der Grad an Militanz – und der Grad der Repression.
Und damit ist der Weg gebahnt in den „bewaffneten Kampf“ der 70er Jahre, der den Bezug der eigenen Militanz zu den Aufständen der Dritten Welt seines Symbolcharakters beraubte und unmittelbar in eins setzte.
Hinweis in eigener Sache: Die nächsten beiden Wochen werde ich in Kroatien sein, unter anderem auf einem Kongreß zur Praxis-Philosophie. Wenn ich einen Internetanschluß habe, mein Laptop nicht spinnt und ich Zeit und Lust habe zu schreiben, wird es wahrscheinlich ein oder zwei Berichte von diesem Kongreß geben. Ansonsten lesen wir uns erst in drei Wochen wieder.
Literaturverzeichnis
[1] Balsen, W. & Rössel, K., Hoch die Internationale Solidarität. Zur Geschichte der Dritte Welt-Bewegung in der Bundesrepublik, Köln 1986.
[2] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.
[3] Bergmann, U.; Dutschke, R.; Lefèvre, W. & Rabehl, B., Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, Reinbek 1968.
[4] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.
[5] Mandel, E., „Rede auf dem Vietnam Kongreß“, in: neue kritik, Jg.9 (1968), Nr.47.
[6] Marx, K.: „Thesen über Feuerbach“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 3, Berlin 1956ff.