shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für November 4th, 2011

Gewalt

mit 18 Kommentaren

Prolog

Dies ist nicht der Text, der ursprünglich für diese Woche geplant war. Zwei Umstände haben mich bewogen, hier und jetzt ein paar Überlegungen zu Gewalt und Gegengewalt zu formulieren. Die „Umstände“ lassen sich genauer spezifizieren: Im wesentlichen waren es zwei parallele Lektüren. Das eine war die Lektüre von Oskar Negts Buch über die 68er-Bewegung ([2]), das andere die der Text- und Kommentarschlachten im Netz, die durch Noah Sows abgesagte Veranstaltung in Fulda provoziert wurden.

Ich habe nicht vor, mich mit diesem Beitrag in das ideologische Kampfgeschehen zu werfen. Es sind inzwischen so viele Argumente, Bekenntnisse, Dummheiten, Beleidigungen und Rassismen ausgetauscht worden, daß ich nicht das Gefühl habe, in irgendeiner der erwähnten Kategorien noch etwas Substantielles beitragen zu können. Ich werde dennoch auf einen Aspekt eingehen, der zu Beginn der Auseinandersetzung am Rande eine Rolle spielte, nämlich den der Gewalt. Ich werde ihn gar nicht im Licht der Gegenwart betrachten, sondern aus dem Blickwinkel der Vergangenheit. Ob das für die gegenwärtige Diskussion und die erhitzten Gemüter irgendwie erhellend ist, wage ich zu bezweifeln, zumal ich die Angelegenheit nur zum Ausgangspunkt nehmen werde, um eine alte Debatte aus den 60er Jahren wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Allerdings wird sich dabei zeigen, daß wichtige Debatten aus der damaligen Zeit offensichtlich keineswegs erledigt, sondern nur irgendwann aus dem politischen Diskurs sang- und klanglos verschwanden, ohne daß sich an den zugrunde liegenden Sachverhalten substantiell etwas geändert hätte. Dieser Befund ist zum einen natürlich beunruhigend, gibt mir aber zum anderen zumindest subjektiv das Gefühl, daß das, was ich hier mit diesem Blog versuche, nicht ganz irrelevant ist.

I

Falls es tatsächlich Leser geben sollte, die noch nichts von der „Fulda-Affäre“ mitbekommen haben, hier die Angelegenheit in Kürze: Die Moderatorin, Musikerin und Autorin Noah Sow sollte, eingeladen vom AStA der Hochschule Fulda, zu Rassismus sprechen. Als sie den Veranstaltungsraum betrat, traf sie beinahe der Schlag: Zur Beleuchtung diente eine Lampe, die in Gestalt eines Farbigen ausgeführt war, der die Livrée eines Bediensteten oder Sklaven trägt und einen Leuchter hochhält. Daß die Autorin auf dem Absatz umdrehte und wieder nach Hause fuhr, sollte eigentlich niemanden verwundern.

In ihrem Blog berichtete sie dann davon und verlinkte auf ein Photo der Lampe mit dem Warnhinweis: „Achtung: Bild nicht gewaltfrei“. Daran und an einem unterstützenden Text von Nadine Lantzsch entzündete sich dann eine zum Teil bizarre Schlammschlacht, die ich hier nicht weiter nachzeichnen will. Ich will nur eines der mehrfach geäußerten Argumente herausnehmen: Daß von „Gewalt“ im Zusammenhang mit einer Lampe ja wohl nicht die Rede sein könne, Gewalt sei das, was irgendwelche Hooligans oder Neonazis ausüben würden; die Lampe jedoch sei eine Geschmacklosigkeit, möglicherweise auch diskriminierend, aber Gewalt sei ja doch etwas völlig anderes, da möge sie, die Autorin, doch ein bißchen differenzieren. Ihre Befindlichkeiten seien eine Beleidigung für die Opfer manifester rassistischer Gewalt.

II

Wahrscheinlich machen die meisten, die sich mit irgendwelchen Arten von Theorie beschäftigen, gelegentlich diese Erfahrung: Man wälzt ein Problem im Kopf herum und versucht, einen Sinn in disparate Erscheinungen zu bringen; dann liest man irgendeinen Text und stolpert auf einmal über eine Bemerkung, die einem schlagartig genau den Sinnzusammenhang enthüllt, nach dem man hilflos herumgetastet hatte. Bei mir war das letzte Woche die Lektüre von Oskar Negts Achtundsechzig. Ich hatte hier ja schon länger am Problem der Gewalt herumgedoktort: Ausgehend von den Autobiographien zweier „bewaffneter Kämpferinnen“ aus der Bewegung 2. Juni und der RAF habe ich angefangen, der Frage nachzugehen, warum die antiautoritären Bewegungen innerhalb von zehn Jahren in die blutige Katastrophe des Deutschen Herbstes hineinstolpern konnten. Eigentlich sollte dies nur ein kleiner Exkurs werden, der mich nun aber schon seit Wochen beschäftigt.

So greift beispielsweise der Artikel, der eigentlich heute an dieser Stelle erscheinen sollte und der nächste Woche nachgeholt wird, weit aus bis zurück in die 50er Jahre, um die Repression zu schildern, mit der sich auch nur halbwegs politisch interessierte Studenten herumschlagen mußten. Langsam schwante mir also selbst, daß das Thema der Gewalt einen viel größeren Stellenwert verdient, als ich ihm bislang zugestanden hätte: Die Gewaltfrage war für mich immer einer Frage des Niedergangs der Bewegungen. Tatsächlich steht sie aber im Zentrum bereits ihrer Entstehung – und genau dies thematisiert Negt im ersten Teil seines Buches: „Kein Thema kennzeichnet deutlicher die atmosphärischen Veränderungen der bundesrepublikanischen Gesellschaft zur Zeit der außerparlamentarischen Proteste als das der Gewalt.“ ([2], S.58)

Denn die frühe BRD-Gesellschaft verstand sich selbst – und dies ist der entscheidende Punkt an Negts Argumentation – als gewaltfrei. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus, den man als bloße Gewaltherrschaft mißverstand (um nicht zu sagen: mißverstehen wollte), bildete sich die Politik der Nachkriegszeit ein, sie hätte ein System von Institutionen und Organisationen geschaffen, mit dem die nationalsozialistische Vergangenheit bewältigt sei.

„Trotzdem war es ein angstbesetzter Institutionalismus. Man mußte ihn so verteidigen, als wäre er gesellschaftliche Natur. Den Institutionen wurde aufgebürdet, was an lebendigem demokratischen Verhalten in der Gesellschaft zunehmend verlorengegangen war. Es bildete sich, in Gesinnungen und politischer Praxis, um diese Weltanschauung der festgefügten Institutionen herum das sogenannte Establishment, die etablierte Ordnung. Eine gute und vor Selbstgerechtigkeit strotzende Gesellschaft, die alles, was radikale Kritik an diesem Zustand übte, in Gewaltverdacht brachte und mit innerstaatlichen Feinderklärungen auszugrenzen versuchte.“ ([2], S.59)

III

Tatsächlich sind die rechtsstaatlichen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft durchaus ein Versuch, Gewalt aus den gesellschaftlichen Beziehungen zu verbannen. Ihre Entstehung verdankt sich ja gerade dem Abwehrkampf gegen feudale Willkür. Rechtssicherheit gegen Geld war der Deal, den das Bürgertum zunächst mit der absolutistischen Zentralmacht gegen den Feudalismus abschloß, später dann in republikanischen Verfassungen zementierte. Der Staat garantiert durch seine Institutionen die formelle Gleichheit der Gesellschaftsmitglieder und hebelt die unmittelbaren Macht- und Gewaltverhältnisse aus. Unmittelbare Gewalt wird aus den gesellschaftlichen Verhältnissen verbannt und an Institutionen delegiert, die darauf das alleinige Monopol besitzen.

Diese Gewaltlosigkeit ist Wahrheit und Schein zugleich, und als solche Ideologie, nämlich die Ideologie der bürgerlichen Klasse (auf den Punkt gebracht hat das bekanntlich Anatole France: „Die großartige »Gleichheit vor dem Gesetz« verbietet den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln oder Brot zu stehlen.“) Indem die bloß formale Gleichheit die sehr unterschiedlichen Lebensumstände und Machtpositionen der Gesellschaftsmitglieder außen vor läßt, konstituiert sie eine neue Form von Gewalt, die sich in den gesellschaftlichen Institutionen verdinglicht.

IV

Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und angesichts der Bedrohung durch den Kommunismus (sei diese nun real oder eingebildet), feierte diese Ideologie der Gewaltfreiheit noch einmal fröhliche Urstände in der BRD. Doch ihren inneren Widersprüchen entkam sie nicht.

Eine der Institutionen, in der das bereits sehr früh zu Tage trat, war die Universität. Einerseits trug sie das hehre Ideal einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden vor sich her, brüstete sich damit, daß sie als wissenschaftliche Institution über jeden Ideologieverdacht erhaben sei und daß in der wissenschaftlichen Gemeinschaft allein Sachargumente den Diskurs bestimmen würden. Faktisch wurde aber jede noch so zaghafte Kritik an den bestehenden Institutionen sofort unnachgiebig geahndet. Das letzte Woche dargestellte Redeverbot für Erich Kuby an der Freien Universität in Berlin war dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Die von dieser institutionalisierten Gewalt unmittelbar und mittelbar Betroffenen beginnen Mitte der 60er Jahre, sich dagegen zu wehren, zunächst mit rein symbolischer Gegengewalt: Sitzblockaden, Abweichungen von genehmigten Demonstrationsrouten, Eier- und Tomatenwürfe. Das Resultat ist verblüffend:

„Dieses Institutionensystem, das Gewaltlosigkeit zum Prinzip hat, enthüllt plötzlich ein Ausmaß von Gewalt, von dem viele, die selbst gar nicht mit der Außerparlamentarischen Opposition sympathisieren, aufs Höchste überrascht und betroffen sind.“ ([2], S.60)

V

Die Abwehrstrategie, mit der die dafür Verantwortlichen den Umschlag von institutionalisierter Gewalt in manifeste Gewalt außerhalb jeder Verhältnismäßigkeit begründeten, war stereotyp die selbe: Die Opfer der Repression wurden zu den eigentlichen Aggressoren gestempelt. Noch der Tod von Benno Ohnesorg wird versucht, den niedergeknüppelten Demonstranten gegen den Schah in die Schuhe zu schieben. Der regierende Bürgermeister von Westberlin ließ am 3. Juni 1967 verlautbaren:

„Die Geduld der Stadt ist am Ende. Einige Dutzend Demonstranten, unter ihnen auch Studenten, haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft und beleidigt zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte – Polizeibeamte und Demonstranten.“ (zit. nach [1], S389f)

Diese Erfahrungen zogen dann durchaus differenzierte Debatten über die verschiedenen Formen von Gewalt nach sich: Von der latenten, institutionellen Gewalt zu den manifesten Formen in randständigen Institutionen wie Heimen oder Psychatrien, hin zur Polizeigewalt, deren Opfer man selbst schnell werden konnte, bis zur militärischen Gewalt, mit der Vietnam in die Steinzeit zurückgebombt werden sollte. Und es wurde über die Legitimität und die möglichen Formen von Gegengewalt diskutiert. Von diesen Debatten ist leider nicht mehr viel im öffentlichen Bewußtsein übriggeblieben: Sie sind spätestens 1977 im Blutbad des Deutschen Herbstes erstickt.

VI

Offensichtlich haben wir jetzt wieder diesen seligen Bewußtseinsstand erreicht, in dem eine „gute und vor Selbstgerechtigkeit strotzende Gesellschaft“ Gewalt nurmehr dort erkennen will, wo Hooligans, Neonazis oder jugendliche Randalierer zuschlagen. Der Verweis auf andere Formen der Gewalt, die nicht von randständigen Gruppen ausgehen, sondern sich in der Mitte der Gesellschaft manifestieren, provoziert wieder die gleichen Abwehrreaktionen wie vor fünfzig Jahren: Wer auf die Probleme aufmerksam macht, wird als der eigentliche Aggressor gebrandmarkt. Was an Schuldzuweisungen, persönlichen Unterstellungen und Diffamierungen in der letzten Woche über Noah Sow und Unterstützerinnen wie Nadine Lantzsch ausgekübelt wurde, steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Anlaß, sondern erinnert an die hysterischen Reaktionen von vor ’68. Willkommen zurück in den 50er Jahren.

Literaturverzeichnis

[1] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[2] Negt, O., Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, Frankfurt a.M. 1998.

Geschrieben von alterbolschewik

November 4, 2011 um 15:23

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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