shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für Januar 6th, 2012

Jahresrückblick

mit 18 Kommentaren

“I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.”

Laurence Sterne, Tristram Shandy

Ist es wirklich erst ein dreiviertel Jahr her, daß ich begonnen habe, hier auf shifting reality zu schreiben? Irgendwie kommt es mir deutlich länger vor. Ursprünglich war das Ganze nur eine vage Idee, die ich unvorsichtigerweise che gegenüber geäußert hatte; wenige Tage später erhielt ich durch ches Vermittlung von momorulez die Zugangsberechtigung – und damit hatte ich den Salat: Ich mußte anfangen zu schreiben.

Ehrlich gesagt, ich hatte kein großes Konzept, sondern nur einige vage Ideen. Es sollte um die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre gehen; und ich wollte etwas über die jugoslawische Praxis-Philosophie machen, die mich zu dieser Zeit beschäftigte. Zudem las ich fatalerweise zu der Zeit gerade von Karl May Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde, was mir wohl die Vorstellung in den Kopf setzte, es wäre ganz lustig, das Ganze als eine Art historisch-philosophischen roman feuilleton aufzuziehen: Jede Woche sollte eine Folge mit einer bestimmten Länge erscheinen, am besten mit einem Cliffhanger am Ende jeder Veröffentlichung; dazu kämen wechselnde Schauplätze, die ich immer wieder überraschend verlassen würde, um woanders hinzuspringen, um dann irgendwann genauso überraschend den Faden wieder aufzunehmen. Jeder Beitrag sollte rund 1000 Wörter umfassen und immer Freitags erscheinen. Schnell kam das Konzept dazu, an den Anfang ein Zitat als eine Art Motto zu stellen und ihn mit einem Zitat zu beenden, das auf den Text der nächsten Woche neugierig machen soll.

Das alles ist im Großen und Ganzen auch gelungen – die Texte sind im Durchschnitt eher etwas länger, bis auf eine Woche habe ich jeden Freitag meinen Beitrag fertigbekommen und offensichtlich gibt es auch eine kleine, aber hartnäckige Schar von Lesern, die hier halbwegs regelmäßig hereinschaut. Ich kann mich also nicht beklagen.

Eine Paradoxie des Bloggens besteht, zumindest für mich, jetzt darin, daß ich viel weniger am Computer und vor allem weniger am Internet hänge, sondern viel mehr Bücher und Aufsätze lese (ganz zu schweigen davon, daß mein Konsum schlechter Filme rapide abgenommen hat). Und es macht mir, ganz ehrlich, tierisch Spaß, in den totgesagten Holzmedien auf Spurensuche zu gehen. Ich habe im letzten Dreivierteljahr mehr geschrieben und gelesen als in all den Jahren seit dem Ende meines Studiums.

Worum ging es nun inhaltlich? Im groben Rückblick lassen sich, glaube ich, drei Blöcke identifzieren: Zum einen ist dies die Auseinandersetzung um die jugoslawische Studentenbewegungen und ihr Bezug zur Philosophie der Praxis-Gruppe. Der zweite Block ist das Verhältnis von politischer und künstlerischer Bewegung, von politischer Revolution und von der Kunst inspirierter Umwälzung des Alltags. Und der dritte Block ist der Konflikt von Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration, der die Revolte der 60er Jahre befeuerte.

Die Auseinandersetzung mit der spezifisch jugoslawischen Situation begann am 13. Mai mit einem Überblick über die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens und die Auseinandersetzungen innerhalb der jugoslawischen Philosophie. Ich schloß eine Erörterung über den Kunst-Begriff einiger Praxis-Philosophen an, um dann die Realgeschichte der jugoslawischen Bewegungen darzustellen, die in der Besetzung der Belgrader Universität im Juni 1968 kulminierte. Die Problematik des politischen Revolutionsbegriffs der Neuen Linken wurde dann anhand der Sommerschule von Korčula 1968 thematisiert, wobei ich im Juli dann Gajo Petrovićs brillianten Aufsatz Philosophie und Revolution hier erstmals in deutscher Sprache publizierte. Persönlicher Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Jugoslawien war für mich dann die Konferenz auf Korčula, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Praxis-Philosophie veranstaltete und von der ich direkt aus Kroatien berichtete.

Das Thema des zweiten Blocks, das Verhältnis von künstlerischer und politischer Bewegung, tauchte in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder auf. Die erste kleinere Folge von Texten findet sich im April, wo ich mit der Diskussion über die Formen direkter Aktionen im bundesrepublikanischen SDS begann; hier wurde die direkte Aktion aber nur als neues taktisches Mittel für klassische politische Ziele begriffen. Dies kontrastierte ich dann mit den Thesen der französischen Situationisten, die unter dem Einfluß Henri Lefebvres eine Umwälzung des Alltags auf die Tagesordnung setzten. Erneut aufgenommen wurde das Thema dann am 10. Juni, als ich die subkulturellen Strömungen in Jugoslawien abhandelte; und im Prinzip ging es darum auch in einem dreiteiligen Exkurs über die These vom „Ende der Kunst“, der ab dem 22. Juli erschien. Die zwiespältige Zusammenführung von Subkultur und politischer Bewegung mußte dann thematisiert werden, als ich die Suche der Bewegung nach einer eigenen Sprache beschrieb. Diese wird dann notwendig, wenn sich im spontanen Ereignis die Bewegung konstituiert, diese sich aber ihrer selbst noch nicht bewußt ist und sich von der politischen Linken eine Sprache erborgt. Das daraus mögliche Mißverständnis, gewaltsame politische Revolution und provokative symbolische Aktion fälschlich zu identifizieren, führte mich dann zu einer Kritik des linken Terrorismus, wie sie sich in der BRD als Bewegung 2. Juni beziehungsweise RAF manifestierten.

Davon ausgehend versuchte ich in der Vorgeschichte der Bewegungen die Weichenstellungen zu finden, die eine solche Verkennung der Realität befördert hatten. Neben anderen Momenten wie der naiven Identifikation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen lief dies letztendlich auf eine Analyse des Generationenkonfliktes zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration hinaus – womit wir beim dritten thematischen Block wären. Das war bereits anhand Jugoslawiens schon einmal zur Sprache gekommen, wurde jetzt aber ausführlichst diskutiert anhand der Auseinandersetzungen um Meinungsfreiheit und Zensur in den frühen 60er Jahren. Exemplarisch zeigte ich dies in sieben langen Folgen über die Streitigkeiten zwischen der Freiburger Studentenzeitung und dem amtierenden Rektor der Universität, Hans Thieme im Jahr 1960.

Soweit der Rückblick auf die Texte. Bleibt der Rückblick auf die Kommentare. Nun, allzuviel läßt sich hier nicht sagen, da sich das Kommentaraufkommen einigermaßen in Grenzen hält. Dank auf jeden Fall an alle, die sich im letzten Jahr die Mühe machen, hier zu kommentieren – ich weiß das wirklich zu schätzen. Allerdings muß ich auch zwei Kommentatoren erwähnen, die mich genervt haben: Zum einen war das ein Kommentator namens pyrrhon, der, ohne offensichtlich jemals eine Zeile Kant gelesen zu haben, sich als großer Kant-Kritiker aufspielte, was einfach nur peinlich und lächerlich war. Daß er irgendwann nicht mehr auftauchte, war eine Erleichterung.

Komplizierter ist das ganze mit momorulez, einst ein fleißiger Autor auf diesem Blog und im letzten Jahr gelegentlicher Kommentator. Zu Beginn habe ich seine Einwände durchaus ernst genommen (und im Ausblick für das neue Jahr weiter unten wird darauf auch noch einzugehen sein). Erst eine unangenehme Debatte bei che hat mir den ganz spezifischen Charakter seiner Art der Kommentiererei klargemacht. Momorulez betreibt etwas, was mir schon bei den Antideutschen jahrelang sauer aufgestoßen ist, nämlich das, was ich „symptomatische Lektüre“ nenne würde: Ein Text wird nicht daraufhin gelesen, was der Autor damit zu sagen versuchte, sondern es wird anhand von Symptomen nach einem Text hinter dem Text gesucht. Bei den Antideutschen ist das der Antisemitismus, bei momorulez ist das Heteronormativität. Und so wie die Antideutschen überall eine antisemitische Verschwörung wittern, findet momorulez auf Stichwort latente Homophobie – zum Beispiel beim Stichwort Punk. Um den Textinhalt geht es ihm überhaupt nicht, sondern um teilweise völlig an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen, was „eigentlich“ und „unbewußt“ hinter dem Text stecke. Als ich ihn deswegen bei che angegriffen habe, fühlte er sich dadurch furchtbar „angefaßt“. Nun, er braucht keine Angst mehr zu haben, ich werde ihn bzw. seine Kommentare nicht einmal mehr mit der Kohlenzange anfassen.

Nichtsdestotrotz stimmt es natürlich – und da hat momorulez tatsächlich einen Punkt – daß eine ganze Menge Themen, die für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen wichtig sind, im letzten Jahr noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. An realhistorischen Themen liegen mir dabei die folgenden am Herzen: Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.

Doch über Realgeschichte habe ich in den letzten Wochen mehr als genug geschrieben. Und deshalb will ich in nächster Zeit erst einmal wieder auf philosophisches Terrain abschweifen. Ich will einige Philosophen portraitieren, die aus der heutigen Diskussion fast vollständig verschwunden sind, die aber für die antiautoritären Bewegungen einst eminent wichtig waren. Den Anfang macht dabei Henri Lefebvre, dessen Kritik des Alltagslebens ich schon einmal kurz gestreift habe. Gerne würde ich mich auch noch einmal mit Milan Kangrga auseinandersetzen, der mich von den Praxis-Philosophen am meisten beeindruckt hat. Ein anderer möglicher Kandidat ist Herbert Marcuse – man wird sehen…

Nächste Woche allerdings wird es, zum Abschluß des letzten Themenblocks, um das Verhältnis der Bewegungen zu den Medien gehen. Freuen Sie sich also darauf, daß die Kommune I meint:

„Springer Zeitungen sind die Krönung jedes Frühstücks“ ([1])

Literaturverzeichnis

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

Geschrieben von alterbolschewik

Januar 6, 2012 um 16:00

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