Archiv für Januar 13th, 2012
Die geschmähte Generation
„Es lohnt sich für uns alle, wenn wir uns das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 wieder vergegenwärtigen, das kein Honiglecken für das deutsche Volk, sondern die härteste Prüfung auf Herz und Nieren gewesen ist.“
Hans Filbinger, Die geschmähte Generation
In einem Kommentar zum Jahresrückblick letzte Woche hat g. auf einen Mangel in diesem Blog hingewiesen. Bislang bin ich nicht darauf eingegangen, daß die antiautoritären Bewegungen auch deshalb entstanden, weil nach 1945 eine nicht unerheblich Zahl alter Nazis wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden. Dies ist zweifellos richtig, in beiderlei Hinsicht: Zum einen war es tatsächlich so, und zum anderen habe ich das bislang noch nicht thematisiert.
Ich habe das bislang nicht thematisiert, weil ich glaube, diese Konfliktsituation ist inzwischen schon beinahe zum Klischee verkommen. Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger darf inzwischen in keinem noch so kurzen Abriß über die „68er“-Bewegung fehlen. Und es ist auch ein Ziel dieses Blogs, die sich im Umlauf befindenden Stereotypen zu den antiautoritären Bewegungen zu hinterfragen.
Dabei will ich keineswegs behaupten, daß die Konflikte mit alten Nazis in Schulen und Behörden, auf Ämtern und Gerichten, an den Universitäten und in der Politik nicht existiert hätten. In meiner oberschwäbischen Heimat (wo auch der unselige Kanzler Kiesinger herkam) habe ich das in den 70er Jahren noch selbst miterlebt. Dennoch hat es mich immer gestört, wenn die Nazivergangenheit der Elterngeneration als ein wesentlicher Grund für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen genannt wurde, und zwar deshalb, weil diese Bewegungen international waren. In den USA hatte es die aufrührerische Generation nicht mit alten Nazis zu tun, sondern mit Eltern, die diese vernichtend geschlagen hatte. Oder um ein anderes, bereits in diesem Blog dargestelltes Beispiel zu nennen: In Jugoslawien richtete sich der Protest gegen eine explizit antifaschistische Elterngeneration, die im Partisanenkrieg aktiv war.
Und so schien mir der „Muff von tausend Jahren“ immer ein eher lokalspezifisches Phänomen zu sein, das aber eigentlich aus einer internationalen Perspektive zu betrachten wäre. Das wiederum hieße zu untersuchen, was diese spezifische deutsche Elterngeneration mit eben derselben Generation in den USA oder in Frankreich gemein hatte. Ich will dazu heute eine Hypothese aufstellen, die dann im weiteren Verlauf dieses Blogs immer wieder einmal mit den konkreten Auseinandersetzungen in den verschiedenen Ländern konfrontiert werden soll.
Grundannahme für diese Hypothese: Es gab nach 1945 keine Nazis mehr. Bevor ich sofort als Geschichtsrevisionist entlarvt werde, gleich eine Präzisierung: Nach 1945 gab es in der BRD nur noch ehemalige Nazis. Und das ist keine leere Sophisterei, sondern wirklich ein Unterschied. Die Anzahl derer, die wirklich noch voll hinter all dem standen, was sie zwischen 1933 und 1945 gedacht und getrieben hatten, war sicherlich verschwindend gering. Diese besonders unappetitlichen Exemplare gab es zweifellos auch, doch sie bildeten eine absolute Minderheit.
Der Feld-, Wald- und Wiesen-Ex-Nazi hingegen entwickelte eine ganz eigene, neue Ideologie, die keineswegs identisch war mit der von vor 1945. Vielmehr wurde die alte nazistische Ideologie in einzelne Bausteine zerlegt, der neuen politischen Situation angepaßt und in veränderter Form wieder neu zusammengesetzt. Wenn man so will, wurde die alte Ideologie im hegelschen Sinne „aufgehoben“, nämlich einerseits verändert, andererseits aber auf neuer Stufenleiter reproduziert. So war zum Beispiel offener Antisemitismus verpönt, stattdessen wurden, wie Che jüngst in einem Kommentar anmerkte, die Erfolge der israelischen Armee gefeiert, das heißt, Antisemitismus wurde in eine höchst seltsame Form von Philosemitismus transformiert. Andere nazistische Ideologiebausteine hingegen mußten überhaupt nicht umgestülpt werden, sondern konnten fast nahtlos übernommen werden. Der Antibolschewismus des Dritten Reiches wurde umstandslos in den Antikommunismus des Kalten Krieges überführt, und man konnte sich dabei sogar des Beifalls der Befreier (die allerdings eher als Besatzer wahrgenommen wurden) sicher sein.
Mit anderen Worten: Wenn man die Elterngeneration einfach als eine Generation von Nazis betrachtet, verfehlt man den entscheidenden Punkt. Sie waren Nazis, die aus den Erfahrungen des Krieges und der Niederlage Lehren gezogen hatten. Man muß allerdings dazu sagen: Meistens die falschen. Das Problem war, daß es keine wirklich allgemeine und öffentliche Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben hatte, sondern im besten Fall eine individuelle und private. Natürlich war man irgendwie darüber betroffen, daß es mit dem nationalen Sozialismus nicht so richtig geklappt hatte und war möglicherweise auch entsetzt über die Blutspur, die man hinterlassen hatte. Doch dann log man sich seine Biographie zurecht und verdrängte die persönliche Verantwortung.
Professor Dr. Hans Thieme, dessen Werdegang und Geisteshaltung hier bereits ausführlich thematisiert worden sind, mag als Beispiel dienen, eben weil er ein – vergleichsweise – harmloser Fall war. Ich hatte gezeigt, daß er das nationalsozialistische Regime durchaus begrüßte und sich zunächst wohlwollend und opportunistisch verhielt. Dann begann er sich zusehends abzugrenzen, um sich nach dem Krieg eher als „Opfer“ denn als Täter zu begreifen. Und in der Tat: Was hatte er getan? Nichts als seine Arbeit als Universitätsprofessor, und das wurde ihm noch nicht einmal gedankt. Mit dieser Haltung stand er nicht allein – nach 1945 verstand sich die große Masse der Deutschen als Opfer Hitlers.
Diese Opferrolle, die dennoch grundiert war von einem latenten Schuldgefühl, prägte die Nachkriegsideologie. So wenig man sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatte, so vehement bekämpfte man nun den „Totalitarismus“. Das führte zu einem Paradox. Der aus der Nazi-Zeit herübergerettete Antibolschewismus fungierte als Antikommunismus in einer unfreiwillig ironischen Volte jetzt als Ausweis einer „antitotalitären“ Gesinnung.
Ähnlich verhielt es sich mit der an den strengen Hierarchien des Nationalsozialismus geschulten autoritären Grundhaltung. Der autoritäre Charakter wurde nicht als wesentliche Voraussetzung nationalsozialistischer Herrschaft zu erkannt. Wenn wir uns an Thieme zurückerinnern, so schreckte ihn am Nationalsozialismus zu keiner Zeit das Autoritär-Hierarchische (man denke an seine Apologie des Führer-Gefolgschaftsverhältnisses oder seine ständische Gesellschaftsauffassung), sondern vielmehr dessen pseudo-revolutionären Fassade. Vor allem eine Jugend, die sich über die traditionellen Hierarchien hinwegsetzte, wurde ihm zum Symbol nationalsozialistischer Willkür:
„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA.“ ([3], S 12)
Und so wurde in der Nachkriegszeit dann versucht, durch strikte Einhaltung der vorgegebenen Hierarchien, derartiges zu verhindern. Die Eliten, so meinte man verstanden zu haben, hätten die Aufgabe, die Jugend zu erziehen, notfalls mit harter Hand, und sie von jeglicher Infragestellung der herrschenden Ordnung abzuhalten. Ich zitiere hier noch einmal Thiemes Begründung für das Verbot, die konkret an der Universität Freiburg zu vertreiben, weil er diese Gesinnung in völlig unreflektierter Naivität einfach ausspricht:
„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich’s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S. 9)
Daß diese autoritäre Bevormundung gerade nicht mit einem demokratischen Gemeinwesen vereinbar ist, sondern wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie reproduzierte, kam dieser Generation überhaupt nicht in den Sinn. Aus ihrer Sicht zogen sie gerade die Konsequenz aus der Katastrophe des Nationalsozialismus. Und genau deshalb wurden die Kämpfe dann auch so erbittert geführt, weil sie überhaupt nicht begriffen, was an ihrem Verhalten kritikwürdig war.
Diese autoritäre Haltung, die sich zusammen mit einem militanten Antikommunismus als antitotalitär begriff, ist meines Erachtens ein wesentliches Element des Generationenkonflikts, der die antiautoritären Bewegungen im Westen hervorbrachte. Und das ist eben nicht allein ein deutsches Phänomen, auch wenn die deutsche Variante auf Grund der besonderen historischen Umstände eine spezifische Färbung besaß.
Nächste Woche geht es dann, wie versprochen weiter mit dem Thema „Antiautoritäre Bewegungen und die Medien“. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jerry Rubin sagt:
„Hast Du jemals im Fernsehen eine langweilige Demonstration gesehen? Schon daß sie im Fernsehen ist, macht sie aufregend.“ ([2], S. 106)
Literaturverzeichnis
[1] Hemmerich, P., „Interview mit Hans Thieme“, in: Die Zeit, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 – 10.
[2] Rubin, J., Do it!, London 1970.
[3] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.