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Regierung der Kultur und Kritik der Kultur
Habe das in der Freitag von letzter Woche gefunden. Das ist trifft im Kern das Problem, mit dem ich mich ja herum schlage und stammt von einem ehemaligen Prof von mir:
Happy Birthday Edgar Allen Poe!
Mein Vater hat ja immer gesagt, man müsse Hesses “Narziß und Goldmund” lesen, bevor man 20 wird. Das selbe lässt sich wohl auch von Edgar Allen Poe sagen. Der wäre nämlich heute 200 Jahre alt geworden, würden wir derart alt werden. Für mich gehört der ja noch zu den Ausläufern der Romantik, weiß aber nicht, was die Literaturwissenschaftler dazu sagen würden. Komischerweise habe ich Poe immer nur als Index wahrgenommen. Und erst als ich mich für H.P. Lovecraft zu begeistern begann, habe ich den Poe entdeckt (in der Schulzeit fehlte die anglophone Literatur gänzlich, der Englischunterricht war viel zu funktional ausgerichtet, so dass hier große Lücken herrschen). Und irgendwann realisiert man, dass drei der großen Formen der Trivialliteratur – Krimi, Horror, Abenteuerroman – ihren zentralen Fixstern in Poe finden. Außen vor bleibt einzig die Liebesgeschichte (obwohl Poe auch hier mit einigen Arabesken aufwarten kann). Alle drei sind ja – Jürgen Link würde das wohl so sagen – “nicht normale Fahrten”: Der Leser bekommt immer ein “was wäre, wenn” vorgeführt, das ihn aus seiner Normalität heraus führt. Was wäre, wenn sie nahe der Antarktis Schiffbruch erlitten (Arthur Gordon Pym, )? Was wäre, wenn die Fassaden der wohlgeordneten Welt zusammen brächen und das Monströse erschiene (Der Fall des Haus Usher)? Aber auch: was wäre, wenn man allein mittels der Deduktion die Welt wieder in Ordnung bringen könnte (Der entwendete Brief; Der Doppelmord in der Rue Morgue)? Diesen Fahrten in das Ungewisse des Schreckens und des Unbekannten wie auch der eine Rückkehr zur Normalität versprechende Logik wohnt ein Moment der Alternative inne, das es von der deutschen Märchenromantik eines Hoffmann’schen “Es war ein Mal” scharf abhebt. Freilich lassen sich aus Poe schwerlich Rückschlüsse für eine utopische Praxis ziehen – und gerade Lovecraft, der das Grauen immer aus dem moralischen Versagen einer heruntergekommenen Adelslinie entspringen lässt, die sich skrupellos der alten Mächte bedient, ist das beste Beispiel für die konservative Wende zumindestens des Horrors. Aber diese Formlosigkeit des Grauens, die Technik, die Dinge anzudeuten und nicht auszumalen (wie es dann E.T.A. Hoffmann doch immer macht; man lese etwa seinen “Sandmann” oder “Die Bergwerke zu Falun”), ebenso wie diese unbestimmt-bestimmten Schlußszenen bei Poe illustrieren einmal mehr die zweite Natur der Gesellschaft, in der die strukturierenden Prinzipien als absolut und unveränderlich präsentiert werden.
P.S.: Kannte Kafka eigentlich Poes Werk? Die SZ berichtet heute von einem Text Poes, in dem die Insassen eines Irrenhauses ein kleines Kalb zubereiten als wäre es ein Hase: Es wurde im Ganzen geröstet. Sind das nicht ähnliche Figuren wie Odradek, die Mischung aus Lamm und Kätzchen oder das Tier in der Synagoge, wie sie sich Kafka ausmalte? Sie sollen ja auch als die Welt aus der Perspektive der Versöhnung betrachten, weshalb sie uns so komisch vorkommen. Und ist das Grauen nicht eben jenes Gefühl, dass man nicht nur nicht Herr des Schicksals ist, sondern einem abstrakten anderen ausgeliefert?
Die Schrecken der Moderne(n)
Gestern habe ich mir die – ich sag mal: mittelprächtige – Ausstellung “ENSOR – schrecken ohne ende” im hier beheimateten nicht ganz unproblematischen Von-der-Heydt-Museum gesehen. Zu Ensor ließe sich ja auch viel sagen. Bekannt sind ja seine karnevalistischen BIlder mit Masken und Skeletten. (das wären ja zwei klassische topoi des Schreckens: die leere Maske und der Knochenschädel). Richtig gut fand ich aber seine Radierungen, die zumeist Massenszenen auf freiem Felde oder in Straßenschluchten zeigten. Die sind großartig. Wie auch seine Rochenbilder. Da sind die Formen von Hieronymus, aber auch eine Haltung, wie man sie bei Italo Calvino oder den Wimmelbildern der Kinderbücher finden kann. Die Ausstellung aber versucht das u.a. mit Gusatve Le Bon und seiner Massenpsychologie als Schrecken der Masse
zu kontextualisieren. Zitiert Cobra und die Gruppe “Les XX”, deren Mitglied Ensor war. Stellt ihn Dix, Scholz, Munch, Kollwitz, Ernst, Beckmann, Dali, Baselitz, Polke gegenüber, als bilde Ensor den Schnittpunkt aller Fluchtlinien der Moderne. Aber was sagt man denn, wenn man alle Kunst durch die Linse “Die Moderne produziere Schrecken ohne Ende” zu lesen hat? Dass schließlich die Kontextualisierung beliebig sei, sofern es Moderne sei? Schlimmer noch: dass es dem Museum darum gehe, eigentlich nicht die Arbeit Ensors, sondern ihre eigenen Lagerbestände zu präsentieren? Mich lässt etrwas ratlos, dass ich selten so viel geschmunzelt und gelacht habe ob der ausgestellten Werke, was jedoch so gar nicht zum Ausstellungstitel zu passen scheint. Man kann ja mit gutem Grund Karneval unerträglich finden, wer ihn jedoch als Schrecken bezeichnet, nimmt die Perspektive des Souveräns ein, dem es um die eigene Ordnung bange geworden ist.
Blog-Karneval/Blog-Parade “Irrelevanz”
Einen schönen Nachmittag allerseits wünsche ich. Nachdem wir ja schon mit Thor Steinar’s Ring etwas Aufmerksamkeit auf unser kleines, feines, häufig theorielastiges und ob der narrativen Diskursbögen belobigtes Blog gelenkt haben, ist es an der Zeit, den ersten offiziellen “Shifting Reality”-Blog-Karneval auszurufen! Bald ist ja der 11.11. und als Zugezogner soll man ja nicht nein sagen, zu solchen kulturellen identitätsstiftenden erfundenen Traditionen. Also: Bis zum 11.12. erbitte ich von Schreibenden, Kommentierenden und Lesenden dieses Blogs sowie auch von Schreiberlingen benachbarter Lese-Schreib-Plattformen im Web 2.0 Beiträge zum Thema:
“Irrelevanz”
Es gelten die üblichen Blog-Karneval- resp. Blog-Parade-Regeln. Es darf auch gerne dazu getwittert werden: @Irrelevanz.
Während anderswo die Formalismus-Realismus-Debatte sich an der Stalinorgel wieder entzündet, hänge ich ja immer noch an dem Mythos-Aufklärungsproblem rum. Das Bild, an dem sich das Mythische der Evolutionstheorie für mich kristallisiert, findet sich hinter diesem Link. Fernand Cormon war der Maler.
Den Weizen grün verzehren – Literatur und Spekulation
Habe ich soeben bei Rabelais’ “Gargantua und Pantagruel” von 1546 zur Moral des Spekulanten gefunden:
“Durch eine Weisung an die Regierung von Dispodien verlieh Pantagruel Panurg die Herrschaft Salmigodien, die eine feste jährliche Einkunft von 6.789.106.789 Goldgulden abwarf, wozu noch ein allerdings ungewisser Ertrag von den Maikäfern und Schnecken kam, der sich aber doch, ein Jahr ins andere gerechnet, immer noch auf 2.435.768 bis 2.435.769 Dukaten belief. Manchmal, wenn es gerade ein gutes Maikäferjahr war und die Schnecken recht begehrt wurden, stieg er auch wohl an bis auf 1.234.554.321 Zechinen; das geschah aber nicht alle Jahre. Der Burgherr wirchaftete so vortrefflich und umsichtig, daß er bereits in weniger als vierzehn Tagen mit den dreijährigen Einkünften seiner Herrschaft, das heißt mit den festen wie den zufälligen, fertig war. Nicht etwa daß er Klöster gestiftet, Kirchen gebaut, Schulen und Hospitäler dotiert oder sonst irgendwie seinen Speck vor die Hunde geworfen hätte, keineswegs. Alles ging in unzähligen kleinen Schmausereien und Gelagen drauf. Sein Haus stand offen für jedermann; was nur ein guter Kumpan war, alle jungen Damen und Herzliebchen waren willkommen. Da wurden Wälder abgeholzt, die herrlichsten Stämme verbrannt, um als Asche verhandlet zu werden, Geld vorausgenommen, teuer gekauft, wohlfeil verkauft, mit einem Wort: er verzehrte den Weizen grün.” (S. 330 f.)
“Nichts besseres als Schulden haben! Da bittet man unablässig den lieben Gott für dich, daß er Dir ein gesundes, glückliches, langes Leben schenke, und weil man fürchtet, sein geld bei dir zu verlieren, so redet man vor den Leuten nur das Beste von dir, damit sich immer neue finden, die dir borgen, neue Quellen fließen und alte Löcher mit frischem Lehm zugeschmiert werden können, den andere hergeben sollen. Als man ehedem in Gallien die Leibeigenen, Dienstmannen und Ausrufer der Leichenfeierlichkeiten bei den Begräbnissen ihrer Herren und Gebieter dem druidischen Gebrauch gemäß lebendig verbrannte, waren da nicht jene um das Leben dieser Herren in steter Besorgnis? Mußten sie doch mitsterben, wenn diese starben. Flehten sie nicht unaufhörlich zu Merkur, ihrem mächtigen Gott, und Dis, dem Vater der Batzen, daß er ihnen ein langes Leben und kräftige Gesundheit verleihen möchte? Trugen sie nicht ängstlich Sorge, sie auf das beste zu hegen und zu pflegen? Konnten sie doch bis zu ihrem Tode mit ihnen zusammen leben. So werden Eure Gläubiger, des könnt Ihr gewiß sein, inbrünstiger für Eure Erhaltung zu Gott beten und Euren Tod umso mehr fürchten, als ihnen das Hemd näher als der Rock und das Geld lieber als das Leben ist. Beweis dafür die Wucherer von Landrousse, die sich unlängst aufhängten, weil das Korn und der Wein im Preis fielen und bessere Zeiten kamen.” (S. 334 f.)
F. Rabelais (1546/2003) Gargantua und Pantagruel. Frankfurt/Main: Insel (Drittes Buch. Des Pantagruel zweites).
Traurigkeit und Jugendstil
Eine Freundin, die mit in Riga war (die Fotos sind übrigens von ihr), hat irgendwann bemerkt, dass es im Jugendstil keine glücklichen Gesichter gibt. Ihre Züge wären stets ernst, traurig oder schmerzhaft. Das ach so Dekorative, Florale und Naturnahe hat nicht mehr viel mit Lebensfreude zu tun. Wenn wir über die Linke und Utopien diskutieren, dann sollte man sich schon auch ab und zu vergegenwärtigen, was für Blüten denn die dem modernen Bürgertum innewohnenden Sehnsüchte so alles hervortrieb. Im Kopf habe ich ein Bonmot von Adorno, dass die Frauen im Jugendstil den Charakter des “Frigiden” besäßen, finde es aber gerade nicht. Als utopischen Kern hätte der Jugenstil zumindestens etwas Erschreckendes.
Abseits des Realismus, was wären denn die nicht-linken Utopien, sofern sie nicht ins Faschistische abgleiten? Oder haben wir es Gegenüber mit einem gänzlichen Anti-Utopismus zu tun? Will mir ja nicht ganz einleuchten, weil man ja ansonsten in eine totale Prädestinationslehre kippte oder zumindest das “Ende der Geschichte” proklamierte. Bei aller Popper’schen Hegelkritik, die Zurückweisung einer Letztbegründung kann ja nicht einfach zu einem “so-und-nie-anders” führen. Das würde mich mal echt interessieren, weil das Bürgertum ja durchaus ästhetische Praktiken kennt, die einen anderen Zustand beschwören.
Wasserstandsmeldung aus Riga
So, bin heute in Riga angekommen. Kann hier gelegentlich ja mal was zur Situation sagen. Irgendwie skandinavisch, russisch und italienisch zugleich.
Das ist nach Krakau vor 9 Jahren und Slowenien vor zwei Wochen meine erste richtige Post-Ostblock-Erfahrung. Kann allerdings noch nicht viel sagen…
Orientalismus, Regierung, Repräsentation (Said)
“Yet if we eliminate from the start any notion that ‘big’ facts like imperial domination can be applied mechanically and deterministically to such complex matters as culture and ideas, then we will begin to approach an interesting kind of study. My idea is that European and American interest in the Orient was political according to some of the obvious historical accounts of it that I have given here, but that it was culture, that created that interest, that acted dynamically along with brute political, economic, and military rationales to make the Orient the varied and complicated place that it obviously was in the field I call Orientalism.
Therefore, Orientalism is not a mere political subject matter or field that is passively reflected by culture, scholarship, or institutions; nor is it a large and diffuse collection of texts about the Orient; nor is it representative and expressive of some nefarious ‘Western’ imperialist plot to hold down the ‘Oriental’ world. It is rather a distribution of geopolitical awareness into aesthetic, scholarly, economic, sociological, historical, and philological texts; it is an elaboration not only of a basic geographical distinction (the world is made up of two unequal halves, Orient and Occident) but also of a whole series of ‘interests’ which, by such means as scholarly discovery, philological reconstruction, psychological analysis, landscape and sociological description, it not only creates, but also maintains; it is rather than expresses, a certain will or intention to understand, in some cases to control, manipulate, even to incorporate, what is a manifestly different (or alternative and novel) world; it is, above all, a discourse that is by no means in direct, corresponding relationship with political power in the raw, but rather is produced and exists in an uneven exchange with various kinds of power, shaped to a degree by the exchange with power political (as with a colonial or imperial establishment), power intellectual (as with reigning sciences like comparatative linguistivs or anatomy, or any of the modern policy sciences), power cultural (as with orthodoxies and canons of taste, texts, values), power moral (as with ideas about what ‘we’ do and what ‘they cannot do or understand as ‘we’ do).”
Said, Edward (1979) Orientalism, New York: Vintage Books, S. 12.
Esoterik, Mehrwert, Motivation und das Individuum
Vorgestern auf einer Party bin ich nochmal auf diesen Astro-Sender “Kanal Telemedial” respektive “Primetime” von Thomas G. Hornauer angesprochen worden. Und nun saß ich heute nachmittag nochmal vor Youtube und habe mir eine ganze Reihe von diesen Sendemitschnitten angesehen. Der mediale Eklat ist zwar schon etwas länger her, und ich hatte ein Video hier schon mal verlinkt und es mit dem Hinweis auf conspicuous consumption versehen. Das stimmte streng genommen nicht ganz, verwies das Video doch eher auf die von Adorno geprägte Variante der conspicuous production: man zeigt, was man macht, wie man es macht und das zum Verkaufswert.”Wir machen intuitives Fernsehen!” Das ganze Sendekonzept bekennt sich dazu, eine Wirtschaftsmaschine zu sein: Mehrwertfernsehen eben. Auch die hübsche Formel “Free Pay-TV-Sender” entspricht dieser durchaus gekonnten Verbindung von Anreiz und Drohung in der alten Kopplung des kapitalistischen “anything goes” mit dem Autoritarismus, des harmonistischen Imperativs mit der Verletzung des Subjekts.
Seitdem ich diese Astro-Shows das erste Mal gesehen habe, denke ich immer mal wieder daran, dass die Adorno’sche Studie zum Zusammenhang von Kapitalismus und Aberglaube wieder aufgfenommen werden müsste. In seiner Analyse der Horoskope, die in der Los Angelos Times veröffentlicht wurden, schrieb er:
“Den Lesern wird einmal empfohlen, im Kampf ums Dasein wie starke, unnachgiebige Individuen sich zu verhalten; dann wieder, sich zu fügen, nicht eigensinnig zu sein.. Die traditionell liberalistische Idee von der unbeschränkten Entfaltung des Individuums, seiner Freiheit und Unnachgiebigkeit ist nicht länger vereinbar mit einer Stufe der Entwicklung, die das Individuum zunehmend zwingt, den organisatorischen Forderungen der Gesellschaften widerstandslos sich zu unterwerfen.”
Adorno, Th.W., 1962: Aberglaube aus zweiter Hand, in ders. (2003): Soziologische Schriften I, GS 8, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 161.
Dass die Show auch nach innen, in die Motivationsschulung und in das Arbeitsumfeld hinein verlagert werden kann, zeigt dieses hübsche Dokument.
Hier zeigt sich die disziplinarische Seite all dieser soft skills-Kulturstrategie. Ulrich Bröckling hatte ja vor einiger Zeit das Problem unter dem Begriff des “unternehmerischen Selbst” untersucht.
oder, um noch mal den Teddie zu zitieren:
“Die fortgesetzte Aufforderung, sich selbst zu kritisieren, und nicht die gegebenen Bedingungen, entspricht einem Aspekt des gesellschaftlichen Konformismus, zu dessen Sprachrohr das Horoskop sich insgesamt macht.”
(ebd, S. 157)


