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Kritik des Leistungsprinzips

mit 14 Kommentaren

„Nirgends zeigt sich Eros mehr als der Todfeind des Bestehenden als in dem unzerstörbaren Wunsch nach der Ewigkeit der Lust: der Kampf um die freie Zeit ist in der Tat der Kampf ums Ganze.“

Herbert Marcuse, Jenseits des Realitätsprinzips

Zu Beginn des neuen Jahres will ich noch einmal auf Marcuses Thesen, die er in Eros and Civilization entwickelt hat, zurückkommen. Auch wenn ich mich diesem Buch schon einmal kurz gewidmet habe: Eine Auseinandersetzung mit den wesentlichen Kategorien dieses Werkes scheint mir, nicht nur für das Verständnis von Marcuse, sondern für das Verständnis der antiautoritären Bewegungen allgemein, von zentraler Bedeutung zu sein.

Beginnen wir mit der Kategorie des Fortschritts. Ähnlich wie bei Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung war bei Marcuse der Fortschritt eine äußerst ambivalente Kategorie. Einig waren sich die kritischen Theoretiker darin, daß der Fortschritt der Produktivkräfte, der doch die zunehmende Befriedigung menschlicher Bedürfnisse erst erlauben sollte, zugleich mit einem Anwachsen von Herrschaft erkauft wird – eine zeitgemäße Interpretation der Marx/Engelschen Formulierung von der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen.

In der Marxschen Theorie wird der Fortschritt der Produktivkräfte dadurch in Gang gesetzt, daß die herrschenden Klassen ein Mehrprodukt aus den Beherrschten herauspressen. Wie das geschieht, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen. Ist es einmal unmittelbarer Zwang, wie etwa in antiken Sklavenhaltergesellschaften, so sind es in der Neuzeit die Gesetze des Marktes, die die Kapitaleigentümer gegenüber den abhängig Beschäftigten privilegieren. Wenn man aber, so die optimistische These von Marx, der kapitalistischen Produktionsweise ihre spezifisch kapitalistische Hülle abstreifen würde, dann würde der materielle Fortschritt in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden können.

Die kritischen Theoretiker erkannten, daß es so einfach nicht sein konnte, daß dem Fortschritt, den die gesellschaftliche Arbeit unter dem Zwang der Klassenverhältnisse gemacht hat, diese Verschwisterung mit der Herrschaft nicht äußerlich ist. Fortschritt und Herrschaft bilden eine dialektische Einheit, bei der die Marxsche Metaphorik von Hülle und Kern nicht wirklich greift. Der Fortschritt selbst, nicht nur seine Monopolisierung durch herrschende Klassen, wurde ihnen zum Gegenstand der Kritik. Sowohl bei Horkheimer/Adorno wie bei Marcuse geht es um eine Dekonstruktion des nicht nur von bürgerlichen Apologeten vertretenen, sondern auch in der Arbeiterbewegung weit verbreiteten Fortschrittsglaubens. Unterschiede gab es jedoch in der Herangehensweise. Horkheimer und Adorno entfalten ihre Kritik spekulativ, indem sie von der bestimmten Form der Rationalität ausgehen, die dem rein technischen Fortschritt zu Grunde liege. Es ist – ganz verkürzt – das bereits in dieser Rationalität liegende Herrschaftsverhältnis gegenüber der Natur selbst, das sich auch in den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen niederschlägt.

Bei Marcuse hingegen spielt dieses Vernunftverhältnis zur äußeren Natur, die Rationalität naturwissenschaftlicher Kategorienbildung, keine entscheidende Rolle. Er bezieht sich eher auf das ältere, Marxsche Konzept des notwendigen äußeren Zwangs, das er allerdings mit den kulturkritischen Spekulationen des späten Freud kombiniert. Mit Freud geht Marcuse davon aus, daß es zwei zentrale Triebe gibt, die das menschliche Verhalten steuern: Den erotischen Trieb und den Todestrieb. Der erotische Trieb – der Marcuse zufolge nicht mit dem Sexualtrieb verwechselt werden darf – zielt vor allem auf unmittelbare Lustgewinnung. Der Todestrieb – oder besser: Nirvanatrieb – strebt hingegen einen spannungslosen Zustand an, wie ihn das Kind ursprünglich im Mutterleib erlebt hatte. Diese beiden Triebe, darin ist sich Marcuse mit Freud einig, sind dem Fortschritt grundsätzlich feindlich gesonnen, denn dieser zielt eben nicht auf Triebbefriedigung, sondern fordert Triebaufschub.

Von Freud wird die Genese dieses Triebaufschubes in einen Mythos verpackt, den von der Brüderhorde, die den tyrannischen Vater erschlägt. Dies sei der historisch/mythische Punkt, von dem aus die Internalisierung der Macht, ihr Einwandern in die Psyche der Menschen, ihren Weg genommen habe:

„Sie haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war.“ ([1], S. 197)

Die Macht, die zum Triebverzicht zwingt, ist nicht mehr nur eine äußere – der tyrannische Vater –, sondern eine innere, die sich in Form von Tabuvorschriften manifestiert, die sich aus der Sühne für den Mord ergeben. Von nun an muß sich der zivilisatorische Fortschritt nicht mehr allein auf Gewalt stützen, sondern hat, in Form des Über-Ichs, einen mächtigen Verbündeten in der Psyche des Menschen selbst. Das wiederum ist die Voraussetzung dafür, daß sich ein sogenanntes Realitätsprinzip gegen das Lust- und das Nirvanaprinzip durchsetzen kann.

Doch die libidinöse Energie, die nun von Tabuvorschriften gehemmt wird, verschwindet nicht einfach. Sie muß anderweitig kanalisiert werden. Und eine Weise, wie die gehemmte Triebenergie in neue Bahnen gelenkt werden kann, ist die Arbeit. Die erotische Energie wird auf die genitale Sexualität im Dienste der Fortpflanzung eingeschränkt, der energetische Überschuß, der darin nicht aufgeht, soll hingegen in der Arbeit abgebaut werden. Erst diese Triebbändigung erlaut es, gesellschaftlichen Reichtum jenseits der unmittelbaren Bedürfnisse anzuhäufen. Einerseits wird der Drang zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung gehemmt, andererseits sorgt der Abfluß libidinöser Energien in die Arbeit dafür, daß die Produktivität steigt. Heute würde man das eine win-win-Situation nennen.

Im Laufe der menschlichen Entwicklung (Marcuse ist da nicht sehr präzise) entwickelt sich daraus das, was Marcuse das „Leistungsprinzip“ nennt. Dieses verinnerlichte Leistungsprinzip führt dazu,

„daß das Leben als Arbeit erlebt und gelebt, daß die Arbeit selbst Lebensinhalt wird. Arbeit wird als gesellschaftlich nützliche, notwendige, aber nicht unbedingt individuell befriedigende, individuell notwendige Arbeit begriffen. Das gesellschaftliche Bedürfnis und das individuelle Bedürfnis treten auseinander, und dies wahrscheinlich um so mehr, je mehr die Industriegesellschaft unter dem Fortschrittsprinzip sich entwickelt. Mit anderen Worten: die Arbeit, die zum eigentlichen Leben wird, ist entfremdete Arbeit. Sie wäre zu definieren als eine, die den Individuen ihre menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse zu erfüllen verweigert und die eine Befriedigung, wenn überhaupt, immer nur beiläufig oder nach der Arbeit gewährt.“ ([4], S. 427)

Wir haben hier eine Dialektik, die der von Horkheimer und Adorno beschriebenen ähnelt. Diese hatten in der Dialektik der Aufklärung zu zeigen versucht, wie technische Rationalität in ihr Gegenteil umschlägt, in barbarische Irrationalität: „die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ ([2], S. 25) Marcuse sieht eine ähnliche, aber doch davon deutlich unterschiedene Dialektik am Werk: Dasjenige, was überhaupt erst wirklich menschlichen, nicht nur animalischen Genuß ermöglicht, die Steigerung der Produktivität, zerstört durch die notwendige Triebunterdrückung die Fähigkeit, den ganzen geschaffenen Reichtum tatsächlich zu genießen. Es werden unermessliche Produktivkräfte angehäuft, aber in diesem Prozeß verlieren die Menschen das Vermögen, diesen Reichtum sinnvoll nutzen zu können. Leistung und Wachstum werden selbst zu Fetischen, statt daß sie bestenfalls als bloße Mittel erkannt werden.

Mit dieser Kritik am Leistungsprinzip rannte Marcuse, angesichts einer Gesellschaft des Überflusses, in den 60er Jahren bei der Nachkriegsgeneration offene Türen ein. Eine Gesellschaft, in der die Belohnung für sinnlose Leistung ein ebenso sinnloser Konsum sein sollte, erschien ihnen, die in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen waren, selbst sinnlos. Beatniks, Gammler, Hippies, Provos: Das waren die ersten Symptome dafür, daß die Geltung des Leistungsprinzips nicht absolut sein konnte. Und so begann eine Suche nach Alternativen, die man aus heutiger Sicht belächeln mag. Vom Zen-Buddismus bis zur Landkommune wurden Lebensentwürfe entwickelt, die sich jenseits des Leistungsprinzips verorten wollten.

Davon ist nicht viel übrig geblieben – was möglicherweise ein Grund dafür ist, daß Marcuse in aktuellen politischen Diskussionen überhaupt keine Rolle mehr spielt. Im Gegenteil: Das Leistungsprinzip wird an Orten mit Zähnen und Klauen verteidigt, wo man solches nicht erwartet hätte. Ausgerechnet im Blog von Don Alphonso, der ja immer als personifizierte Verweigerung des Leistungsprinzip auftritt, wurde jüngst das hohe Lied der Leistung gesungen. Anlaß dafür war der Text einer Berliner Bloggerin, die in einem mild ironischen Blogbeitrag nach einer Festanstellung suchte (nachdem sie wohl die Möglichkeit, in der FAZ ein bezahltes Profiblog zu führen, grandios versemmelt hat). Ich kenne diese Bloggerin nicht, und was ich inzwischen über sie weiß, würde mich auch nicht dazu animieren, mit ihr ein Bier trinken zu wollen. Aber die Kübel an Gülle, die Don Alphonso und seine Kommentatoren über sie ausschütteten, sind – vorsichtig ausgedrückt – erstaunlich. Der Don selbst gab die Marschrichtung vor:

„Anstrengen gehört am Anfang mit dazu, und wer gut ist, hört nicht einfach auf – das ist etwas, das man sich in kreativen Berufen wirklich nicht leisten kann, nirgendwo.“

und die Hetzmeute in der Kommentarsektion folgte ihm, und zwar bis in Abgründe, die an Widerlichkeit kaum zu überbieten sind:

„Ich glaube sogar, die betreffende Dame würde hier in München fündig werden. In Unterföhring [Münchner Straßenstrich, AB] suchen sie doch genau solche Gestalten…“

Je weniger das Leistungsprinzip tatsächlich darüber entscheidet, ob jemand einen guten Job hat und sich die eine oder andere Annehmlichkeit leisten kann, die der Kapitalismus für treue Arbeitssklaven bereithält, umso mehr ist offensichtlich das Bedürfnis vorhanden, dieses Leistungsprinzip mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Diejenigen, die der Meinung sind, es „geschafft“ zu haben, versuchen sich mit solchen Angriffen einzureden, daß es ausschließlich ihre eigenen Leistungen gewesen seien, der sie ihre gesellschaftliche Position verdanken. Die eigene Krupperei wird als Talisman geschwenkt, der einen vor den Unwägbarkeiten kapitalistischer Ökonomie schützen soll. Auf mich wirkt das wie ein Abwehrzauber, der die Bestätigung dafür liefern soll, daß man, wenn man sich nur immer brav an die Spielregeln hält und die geforderte Leistung bringt, davor gefeit sei, sich irgendwann einmal auf Hartz IV-Niveau wiederzufinden. Und das ist mindestens so naiv wie die angefeindete Suche nach einer Festanstellung und würde den selben Spott verdienen.

Doch genug mit derart unangenehmen Zumutungen der Gegenwart. Nächste Woche gehen wir wieder zurück in die 60er Jahre und schauen uns die falsche Aufhebung des Leistungsprinzips, die repressive Entsublimierung an. Freuen Sie sich also darauf, wenn Marcuse schreibt:

„Die Revolution der Liebe, die gewaltlose Revolution, stellt keine ernsthafte Bedrohung dar; die herrschenden Mächte sind mit den Kräften der Liebe stets gut fertig geworden.“ ([3], S. 111)

Nachweise

[1] Freud, S., Totem und Tabu, Frankfurt a.M. 1991.

[2] Horkheimer, M. & Adorno, T. W.: „Dialektik der Aufklärung“, in: Horkheimer, M., Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1985ff, S. 11 – 290.

[3] Marcuse, H.: „Konterrevolution und Revolte“, in: Marcuse, H., Gesammelte Schriften Bd. 9, Springe 2004, S. 7 – 128.

[4] Marcuse, H.: „Die Idee des Fortschritts im Lichte der Psychoanalyse“, in: Adorno, T. W. & Dirks, W. (Hg.), Freud in der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1957, S. 425 – 441.

Geschrieben von alterbolschewik

Januar 4, 2013 um 16:57

Der Mythos der „Revolution“

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„Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß […] alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören, in dem einzigen Gedanken: »möglichst rasch und möglichst viel.«

Michail Bakunin, Die Prinzipien der Revolution (1869)

Der gefährlichste Mythos, den die antiautoritären Bewegungen aufbrachten, war zweifellos der Mythos der „Revolution“. Gefährlich deshalb, weil er zu Aktionen verführte, bei denen es nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich um Leben und Tod ging. Die bislang angekratzten Mythen des „Proletariats“ und der „Räte“ waren in dieser Hinsicht einigermaßen harmlos: Wer in der Fabrik versuchte, die Arbeiterklasse zu organisieren oder im selbstverwalteten Betrieb rätedemokratische Strukturen vorlebte, der lernte dabei zumindest etwas für das Leben. Doch was lernten die „Revolutionäre“ in den kapitalistischen Zentren, die irgendwann begannen, das „System“ mit der Waffe in der Hand zu bekämpfen? Weniger als nichts, wie ich bereits letztes Jahr anhand der beiden Terroristinnen Inge Viett und Margrit Schiller konstatieren mußte.

Doch dieser zugespitzte Irrsinn im Niedergang der Bewegungen, der bizarre Glaube, es würde irgend einen Sinn ergeben, eine parlamentarisch-demokratischen Ordnung mit Waffengewalt zu bekämpfen, ist nur der tragische Endpunkt eines Revolutions-Mythos, der in den 60er Jahren zunächst in völlig anderer Form das Bewußtsein der Revoltierenden bestimmt hatte.

Kehren wir noch einmal zurück zu dem Text, der meine Überlegungen zu den zentralen Bewegungs-Mythen angestoßen hatte, die Broschüre Über das Elend im Studentenmilieu von 1966. Der Text verwendet einen beträchtlichen Teil seiner Argumentation darauf, die Organisationen zu kritisieren, die sich einmal die Abschaffung des Kapitalismus auf die Fahne geschrieben hatten. Wo sie nicht selbst direkt Teil der Konterrevolution geworden sind, verfolgen sie, so die korrekte Diagnose, völlig veraltete, bürokratische Strategien. Das alte revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung, die Produktionsmittel zu verstaatlichen, damit die Marktmechanismen auszuhebeln und durch eine rational geplante Form gesellschaftlicher Produktion zu ersetzen, erschien den Revoltierenden der 60er Jahre nicht länger als Utopie, sondern vielmehr als Alptraum. Eine Revolution, die sich auf eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse beschränkt, das zeigten die „realsozialistischen“ Experimente nur zu deutlich, griff viel zu kurz. Für die Situationisten bedeute dies:

„Die Revolution muß zusammen mit dem Leben, das sie ankündigt, neu erfunden werden.“ ([1])

Was den antiautoritären Rebellen der 60er Jahre vorschwebte, lag völlig jenseits dessen, was sich kleine und große Parteifunktionäre vorstellen wollten und konnten. Zwar hielt man am Mythos „Proletariat“ fest, doch diesem mythischen „Proletariat“ wurde eine ebenso mythische „Revolution“ auf den Leib geschneidert:

„Die radikale Kritik und die freie Neukonstruktion aller von der entfremdeten Wirklichkeit aufgezwungenen Werte und Verhaltensweisen sind sein Maximalprogramm und die befreite Kreativität bei der Konstruktion aller Augenblicke und Ereignisse des Lebens ist die einzige Poesie, die es anerkennen kann; die Poesie, die von allen gemacht wird, der Beginn der großen revolutionären Fete. Die proletarischen Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen werden. Das Spiel ist die letzte Rationalität dieser Fete, Leben ohne tote Zeit und Genuß ohne Hemmnisse sind seine einzig anerkannten Regeln.“ ([1])

Die Revolution wurde nicht als gewaltsamer, blutiger Aufstand imaginiert, sondern als ein großes Fest, in dem sich die Banalität und Langeweile des Alltags verflüchtigt. Das Bild der Revolution, wie es Mitte der 60er Jahre die Phantasie der Rebellierenden prägte, stützte sich mindestens ebensosehr auf Louis Malles Film Viva Maria! wie auf das Kommunistische Manifest. Noch 1968 wies Bernd Rabehl völlig ironiefrei im Spiegel darauf hin:

„Die revolutionäre Leidenschaft Brigitte Bardots und Jeanne Moreaus wurde für die radikalen Studenten des SDS im Jahre 1966 zum politischen Vorbild. In einem Revuefilm – »Viva Maria« – stellten die beiden Filmstars zwei revolutionäre Marias dar, die gemeinsam den kulturellen Plunder des »geistigen Tierreichs« – der bürgerlichen Gesellschaft – zusammenschossen und einen Volkskrieg der revolutionären Bauern gegen ein Marionetten-Regime eröffneten.
In dieser Film-Fabel hatten zwei Traditionen des revolutionären Kampfes der vergangenen hundert Jahre sich zusammengefunden. Die Anarchistin Bardot drängt mit ihrer antiautoritären Haltung zur Rebellion, während die Marxistin Moreau den richtigen Zeitpunkt des Aufstandes abwägt, den ungestümen Anarchismus mit den wirklichen Verhältnissen konfrontiert.
Diese Filmkomödie zeigte im Schaubild das Selbstverständnis der antiautoritären SDSler.“ ([3])

Dieses lustbetonte Bild der Revolution, das in den Köpfen der antiautoritären Rebellen herumschwirrte, war jedoch kaum in eine stringente politische Strategie umzusetzen. So lange die Bewegung im Aufsteigen begriffen war und sich über spektakuläre Publizität nicht beklagen konnte, schienen diese mangelnden Perspektiven vernachlässigbar. Doch 1969 brach die Woge der Rebellion und flutete zurück. Die Rebellion hatte, trotz allem Gerede von Revolution, kaum einen Einfluß auf die politischen Strukturen gehabt, ganz zu schweigen von den Eigentumsverhältnissen. Jetzt, wo die Rebellen sich zersplitterten, wurden verschiedenste Versuche unternommen, den ursprünglichen Schwung der Revolte auf einer höheren Ebene zu erneuern.

Diejenigen, die sich als die entschiedensten Revolutionäre begriffen, suchten nun das Bündnis mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen. Diese waren bereits in früheren Jahren mit Sympathie betrachtet worden. Und an den Universitäten gab es genügend Kommilitonen aus diesen Ländern, die deutlich konkretere Vorstellungen von einem revolutionären Befreiungskampf hatten als ihre einheimischen Genossen. Für ihre Heimatländer stellte sich das Problem der Revolution ganz real, und zwar als militärischer Machtkampf, nicht als ein großes Fest. Ein Teil der antiautoritären Rebellen in den kapitalistischen Zentren glaubte nun, diese Kämpfe nutzen zu können, um für sich selbst eine Perspektive zu finden. Sie wollten sich nicht länger mit mehr oder minder symbolischen Solidaritätsaktionen begnügen. Der spielerische Revolutionsbegriff hatte ausgedient.

Jetzt wollte man wirklich Revolution machen, mit richtigen Pistolen und Bomben. Man begriff sich als Teil einer globalen revolutionären Bewegung, die tatsächlich die Machtfrage stellte. So unterstellte die RAF den antiautoritären Bewegung ihre eigenen antiimperialistischen Ziele:

„Was ihr das Selbstbewußtsein gab waren nicht entfaltete Klassenkämpfe hier, sondern das Bewußtsein, Teil einer internationalen Bewegung zu sein, es mit demselben Klassenfeind hier zu tun zu haben, wie der Vietcong dort, mit demselben Papiertiger, mit denselben Pigs.“ ([4], S. 347)

Vom diesem abstrakten Bewußtsein aus wurde dann in die konkrete Tat gesprungen, mit den bekannten desaströsen Folgen. Der an sich schon problematische Mythos der Revolution versteinerte zu reiner Ideologie. Als Mythos hatte die „Revolution“ zumindest eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, von den konkreten Strukturen des Alltagslebens bis hin zu den allgemein-gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnissen auf die Tagesordnung gesetzt. Und damit wurde ein gesellschaftliches Experimentierfeld eröffnet, in dem grundlegend neue Erfahrungen gemacht werden konnten. Die Verengung zu einer revolutionären Ideologie des antiimperialistischen Kampfes Seit’ an Seit’ mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen zerstörte zusehends dieses Experimentierfeld.

Dieser jämmerliche Niedergang, den die Kategorie der Revolution im Entwicklungsprozeß der antiautoritären Bewegungen erlitt, soll uns nächste Woche aber nicht am Versuch hindern, die Symbolkraft der Trias Proletariat-Räte-Revolution zu untersuchen. Freuen Sie sich also darauf, wenn wir mit Henri Lefebvre der Meinung sind:

„In den konfusen Bestrebungen einer Epoche sind Ideologie, Utopie, Mythen und Symbole derart ineinander verwoben, daß sie nicht zu entwirren sind. Die Trennung erfolgt erst nachträglich – und dies auch nur für den Analytiker, der sich damit vorrangig beschäftigt.“ ([2], S. 112)

Nachweise

[1] [Mustapha Khayati]: „Über das Elend im Studentenmilieu, betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen“, URL: http://www.bildungskritik.de/Texte/ElendStudenten/elendstudenten.htm, abgerufen am 21. Juli 2012.

[2] Lefebvre, H.: „Über das Thema des Neuen Lebens“, in: Lefebvre, H., Einführung in die Modernität. Zwölf Präludien, Frankfurt a.M. 1978, S. 81 – 115.

[3] Rabehl, B., „Karl Marx und der SDS“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.18 (29. April 1968), S.86.

[4] Rote Armee Fraktion: „Das Konzept Stadtguerilla“, in: Rote Armee Fraktion, texte: der RAF, o.O. 1983 (überarbeitete und aktualisierte Ausgabe).

Geschrieben von alterbolschewik

August 17, 2012 um 14:55

Kritik des Urbanismus

mit einem Kommentar

„Zum erstenmal in der Geschichte kann die Architektur eine echte Kunst der Konstruktion werden … Das Leben wird in der Poesie wohnen.“

Constant

Vor fünf Wochen hatte ich meine kleine Serie zu den Amsterdamer Provos jäh unterbrochen, um mich drei Wochen lang über die Frankfurter „Demonstrationen“-Austellung aufzuregen. Dann kam die aktuelle Notwendigkeit dazu, etwas zu Pussy Riot zu sagen, und so habe ich schon beinahe selbst den Faden verloren, den ich damals habe fallen lassen.

Im letzten Beitrag zu den Amsterdamer Provos ging es um die Weißen Pläne, Vorschläge für konkrete gesellschaftliche Veränderungen, die zwischen Realpolitik, Satire und Happening oszillierten. Ich hatte den berühmtesten der Weißen Pläne, den Weißen Fahrradplan erwähnt und darauf hingewiesen, daß es dabei um mehr ging als bloß um eine originelle Form des öffentlichen Nahverkehrs. Es ging darum, durch die Benutzung der Weißen Fahrräder neue Erfahrungen zu machen; zum einen natürlich die, daß es auch ohne Privateigentum an Fortbewegungsmitteln geht, zum anderen aber auch, daß die gemeinsam genutzten Fahrräder den Charakter des öffentlichen Raum selbst verändern.

Tatsächlich war die Erfahrung, daß der öffentliche städtische Raumes am zerfallen war, während der späten 50er und frühen 60er Jahre in bestimmten Kreisen ein wichtiger Diskussionspunkt. In Provo Nr. 9 vom 12. Mai 1966 erscheint ein Text, in dem es hieß:

„Das gesellschaftliche Umfeld der Stadt wird durch eine chaotische Verkehrsexplosion bedroht, die selbst das Ergebnis davon ist, daß Eigentumsrechte ins lächerliche Extrem getrieben werden. Die Anzahl der geparkten Autos übersteigt zu jedem Zeitpunkt die Zahl derer, die tatsächlich unterwegs sind. […] Die Lagerung von Privateigentum auf öffentlichem Grund – was Parken eigentlich ist – frißt nicht nur Raum, der für den Verkehrsfluß benötigt wird auf, sondern in immer größere Teile des Raums zum Leben.“ ([3])

Was hier kritisiert wird, ist weit mehr als nur eine verfehlte Verkehrsplanung. Es geht darum, daß die Stadt durch den motorisierten Individualverkehr und eine Stadtplanung, die diesen unterstützt, das verliert, was ihr über Jahrhunderte wesentlich war:

„Auf diese Weise verliert die Stadt ihre wichtigste Funktion, die eines Treffpunktes.“ ([3])

Es mag verwundern, daß ausgerechnet die Amsterdamer Provos eine solche Kritik formulierten und versuchten, mit ihren Weißen Plänen gegenzusteuern (im weiteren Umfeld der Stadtentwicklung gehörten auch der Weiße Häuser-Plan und der Weiße Schornstein-Plan dazu). Ein englischer Genosse bemerkte damals erstaunt:

„Für einen Londoner scheint sich alles in halber Geschwindigkeit zu bewegen; die Leute haben Zeit, sich in den Straßen zu bewegen und zu unterhalten. Es ist eine Stadt, die immer noch klein genug ist, daß Leute im Zentrum leben können: Die Provos reden von urbaner Krise, von Abgas-Kontrolle, von der Entvölkerung des Stadtzentrums. Sie haben natürlich recht, aber sie haben offensichtlich ein geschärftes Bewußtsein für ihre Umgebung.“ ([4], S. 237)

Tatsächlich ist die Kritik, die zu den Weißen Plänen geführt hat, nicht eigentlich in Amsterdam entstanden, sondern wurde importiert: Aus Paris. Der Autor des Artikels über neuen Urbanismus war kein junger Provo, sondern hatte bereits Erfahrungen mit der Materie. Es handelte sich um Constant Niewenhuys, ein Künstler, der zur gleichen Zeit, als er in der Provo publizierte, auch die Niederlande auf der Biennale in Venedig repräsentierte.

Constant hatte als Maler begonnen und gehörte neben Asger Jorn zu den Begründern der Gruppe CoBrA. Wie Jorn schloß er sich Ende der 50er Jahre der Situationistischen Internationale an und wandte sich, anders als Jorn, unter deren Einfluß von der Malerei ab. Stattdessen arbeitete er zwischen 1959 und 1974 an einem Projekt das er New Babylon taufte: Eine Architektur-Utopie, die dem Unitären Urbanismus eine konkrete Gestalt geben sollte (ab 3:35 erläutert Constant das Konzept):

New Babylon sollte das gerade Gegenteil dessen sein, was sich damals Stadtplanung schimpfte und eine Trennung des Raumes nach rein funktionalen Nützlichkeitskriterien propagierte. Es war die Zeit, als die entsetzlichen Vorstädte entstanden, ein Zwischenbereich, der weder Stadt noch Land war. Wohnen, Arbeiten und Konsumieren wurden räumlich brutal auseinandergerissen und durch den motorisierten Individualverkehr nachträglich wieder verknüpft. Dahinter steckte durchaus ein politisches Konzept, wie die Situationisten richtig erkannten:

„Der Verkehr ist die Organisation der Isolation aller und insofern das Hauptproblem der modernen Städte. Er ist das Gegenteil der Begegnung, nämlich die Absorption der für Begegnungen oder sonst eine Art von Beteiligung verfügbaren Energien.“ ([1], S. 223)

Die funktionale Trennung der gesellschaftlichen Sphären soll dazu führen, daß jedes unvorhersehbare Ereignis, das aus der Begegnung des Inkompatiblen entstehen könnte, von vornherein ausgeschlossen war. Constant schrieb in Provo:

„Der Akkulturationsprozeß findet in einer gesellschaftlichen Umgebung statt. Wenn diese Umgebung nicht existiert, kann sich keine Kultur bilden. Je zahlreicher und unterschiedlicher die Kontakte sind, umso intensiver erblüht die Akkulturation. […] Die Tatsache, daß Bürokraten in die Ordnung, in eine regulierte Gesellschaft verliebt sind, treibt sie dazu, Zonen der Akkulturation zu zerstören. Baron Haussmann schlitzte seine breiten Boulevards durch solche Zonen in Paris, um schnelle Truppenbewegungen zu ermöglichen. In Marseille rissen die Nazis das alte Hafenviertel nieder, um den Widerstand der Bürger zu brechen. Die gegenwärtige Neuordnung der Stadtzentren und die Deportation der Bewohner in die Vororte hat einen ähnlichen Effekt.“ ([3])

Die Happenings der Provos sorgten dafür, daß genau dieses Kalkül nicht aufging. Grootvelds Aktionen auf dem Spui bestimmten die Funktion des Platzes neu. Sie definierten ihn als einen Ort der Begegnung und des Ereignisses. Und damit zog er die ganzen gelangweilten Jugendlichen aus den Vorstädten an. Constant sah das durchaus als einen Vorboten seines Neuen Babylons:

„Die genannten Punkte erklären, warum die jugendliche Revolte gegen die versteinerten Standards und Bedingungen der Vergangenheit hauptsächlich auf die Rückeroberung des gesellschaftlichen Raumes – die Straße – zielt, damit die Begegnungen, die für das Spiel wesentlich sind, hergestellt werden können.“ ([3])

Doch diese ganzen Theorien über die Veränderungen des öffentlichen Raums und die Formulierung von Gegenstrategien, die im Umfeld der frühen Situationistischen Internationale entstanden sind, wären ohne einen Mann undenkbar gewesen: Henri Lefebvre. Dieser erinnerte sich 1983:

„Ich verbrachte außerdem Zeit mit Constant in Amsterdam. Das war der Augenblick, in dem die Provo-Bewegung in Amsterdam mit ihrer Idee sehr mächtig wurde, daß man das städtische Leben intakt halten und die Stadt davor bewahren müsse, zugunsten von Autobahnen ausgeweidet und für den Kraftverkehr geöffnet zu werden. Sie wollten, daß die Stadt bewahrt und transformiert wird, statt dem Verkehr ausgeliefert zu werden.“ ([5])

Lefebvre war für die Situationisten in den ersten Jahren eine wichtige Inspirationsquelle gewesen – nicht nur, was die Kritik der modernen Stadt und die Formulierung des Unitären Urbanismus betraf, sondern bis hin zu so zentralen Begriffen wie dem der „Situation“, der Lefebvres Konzept des „Moments“ zu erweitern versuchte. Auch nach dem von Debord provozierten Bruch mit den Situationisten hatte Lefebvre als Hochschullehrer zunächst in Strasbourg und dann in Nanterre einen immensen Einfluß auf die entstehende Bewegung.

Vor einem Jahr hatte ich bereits einmal kurz auf Lefebvre verwiesen. Inzwischen scheint mir seine Bedeutung für die antiautoritären Bewegungen so wichtig, daß ich ihm und seinem Denken eine längere Artikelserie widmen werde. Freuen Sie sich also in den nächsten Wochen darauf, daß Henri Lefebvre erklärt:

„Ich habe mir die Philosophie nicht ausgesucht. Ich habe mich von ihr aussuchen lassen, so wie manche, die glauben, sie würden ein Mädchen verführen, von diesem verführt werden.“ ([2], S. 357)

Literaturverzeichnis

[1] Kotanyi, A. & Vaneigem, R.: „Elementarprogramm des Büros für einen Unitären Urbanismus“, in: Situationistische Internationale (Hg.), Gesammelte Ausgaben des Organs der Situationistischen Internationale Band 1, Hamburg 1976.

[2] Lefebvre, H., La Somme et le reste, Paris 1959.

[3] Nieuwenhuys, C., „Nieuw Urbanisme“, in: Provo, Jg.2 (1966), Nr.9 (12. Mai 1966).

[4] Radcliffe, C., „Day trip to Amsterdam“, in: Anarchy, Jg.6 (1966), Nr.8 (August 1966), S.237 – 242.

[5] Ross, K.: „Interview mit Henri Lefebvre (Original in October 79, Winter 1997)“, URL: http://www.notbored.org/lefebvre-interview.html, abgerufen am 15. April 2012.

Geschrieben von alterbolschewik

April 20, 2012 um 11:00

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Moderne

Free Pussy Riot!

mit 4 Kommentaren

Selig sind / die vmb gerechtigkeit willen verfolget werden / denn das Himelreich ist jre“

Sanct Matthes, 5,10

Es begab sich am 21.Februar im Jahr unseres Herrn 2012, daß eine Gruppe junger Frauen die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau aufsuchte, um ein Gebet an die Jungfrau Maria zu richten. Ihr Anliegen war ein durchaus vernünftiges, denn sie baten die Gottesmutter, Rußland von Putin zu erlösen:

Leider wurde diese Manifestation eines tiefen Vertrauens in die Macht der Himmelskönigin von der russisch orthodoxen Kirche keineswegs gewürdigt, im Gegenteil. Das mag daran liegen, daß nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und einer chaotischen Übergangsperiode die autoritäre Staatsmacht eine enge Symbiose mit der orthodoxen Kirche eingegangen ist. Insofern sah sich die Kirche natürlich in einem gewissen Zwiespalt, was den Inhalt des Gebetes anging. Merkwürdigerweise thematisierte sie aber gerade nicht diesen Konflikt, sondern konzentrierte sich auf die etwas unorthodoxe Form der Fürbitte. Statt anzuerkennen, daß die jungen Frauen immerhin zum Gebet zurückgefunden hatten, beschuldigten sie diese der Ketzerei:

„Es handelte sich um eine Entweihung des Tabernakels, des Leibes und des Blutes Christi, die am Altar aufbewahrt wurden, dem die blasphemischen Frauen ihre Rücken zukehrten, während sie gotteslästerliche Worte schrien und teuflische Tänze aufführten. […] Wir hoffen, daß der Staat, basierend auf diesen Tatsachen, angemessene Entscheidungen treffen wird.“ ([1])

Nun, der Staat traf, nach Aufforderung durch die Kirche, „angemessene“ Entscheidungen. Drei Mitglieder der feministischen Punk Band Pussy Riot, Maria Alyokhina, Nadezhda Tolokonnikova und einige Tage später Ekaterina Samutsevic wurden festgenommen und seither in Haft gehalten. Am 19. April soll ihnen der Prozeß wegen „Hooliganismus“ gemacht werden, wobei ihnen bis zu sieben Jahre Straflager drohen.

Während diese Strafandrohung singulär ist, war es die Aktion von Pussy Riot keineswegs – vielmehr steht sie in einer langen Tradition provokativer Interventionen, die das Spannungsfeld zwischen Kunst, Religion und Politik ausloten.

Natürlich könnte man hier bei den Ketzerbewegungen anfangen, die bereits im Mittelalter die ungute Verquickung von Religion und gesellschaftlichen Machtstrukturen kritisierten und mit häretischen Ansichten und Aktionen versuchten, diesen Zusammenhang aufzusprengen. Greil Marcus hat – nicht ganz zu unrecht – eine Traditionslinie von den Brüdern und Schwestern des Freien Geistes bis hin zur Punk-Bewegung gezogen ([3]).

Doch in einem engeren Sinne knüpfen Pussy Riot nicht an religiöse, sondern an künstlerische Aktionsformen an, die mitten in den Geburtswehen des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Am 18. November 1918 berichtete die Deutsche Zeitung unter der Überschrift „Zwischenfall im Dom“:

„Als gestern Oberhofprediger D. V. Dryander im Dom den Gottesdienst abhielt, unterbrach ihn ein besser gekleideter Herr mittlerer Jahre und hielt von der Empore herab eine Ansprache, die mit den Worten schloß: »Jesus Christus ist uns Wurst«. Pfuirufe ertönten, viele Frauen brachen in Tränen aus, der Geistliche barg das Gesicht in Händen. Die Gemeinde aber stimmte sofort in den Choral ein: »Ein feste Burg ist unser Gott!« Man warf den Mann aus dem Gotteshaus.“ (zit. nach [6], S. 196)

Bei dem „besser gekleideten Herrn“ handelte es sich um Johannes Baader, einem etwas abgedrehten Architekten, der von den Berliner Dadaisten zufällig entdeckt und zum „Oberdada“ ernannt worden war. Die Aktion selbst hatte – soweit mir bekannt – kein Nachspiel, was daran gelegen haben kann, daß Baader, wie sich die Dadaisten ausdrückten, einen „Jagdschein“ hatte: Er war von den Behörden für unzurechnungsfähig erklärt worden.

Umso größer war die Resonanz gut dreißig Jahre später in der Kirche von Notre Dame in Paris. Am 9. April 1950, dem Ostersonntag, nutzte ein gewisser Michel Mourre, der sich als Dominikanermönch verkleidet hatte, eine Pause nach dem Credo, um zum Altar hinaufzusteigen. Dort hielt er eine Predigt, die mit folgendem Passus enden sollte:

Serge Berna, Michel Mourre, Ghislain de Marbaix

„Wahrlich, ich sage Euch: Gott ist tot!
Uns kotzt die röchelnde Seichtigkeit Eurer Predigten an,
denn Eure Predigten sind der schmierige Dünger für die Schlachtfelder Europas.
Geht hinaus in die tragische Wüste, die herrliche Erde, auf der Gott tot ist,
und bestellt von neuem die Erde mit Euren nackten Händen,
Euren Händen des Stolzes,
Euren Händen ohne Gebete.

Heute, am Ostersonntag des heiligen Jahres,
hier im Zeichen der Basilika von Notre Dame de Paris,
erklären wir den Tod des Christengottes, um endlich den Menschen leben zu lassen.“ (zit. nach [3], S. 289)

Tatsächlich kam Mourre nicht über die Zeile mit „Gott ist tot“ hinaus: „Mit gezückten Schwertern stürzten sich die Schweizergardisten der Kathedrale auf die Verschwörer und versuchten, diese zu töten.“ ([3], S. 290) Einer der Mitverschwörer – Jean Rullier – zog sich eine klaffende Gesichtswunde zu; nur die Verhaftung durch die Polizei verhindete, daß Mourre und seine drei Unterstützer gelyncht wurden.

Kannte Mourre die Aktion Baaders? Unmöglich ist es nicht. Serge Berna, der den Text zu Mourres Predigt verfaßt hatte, gehörte zum Pariser Künstler- und Literatenzirkel der Lettristen, die sich in der Tradition von Dada und den Surrealisten verstanden. Wie diese akzeptierten sie Kunst nicht mehr als einen abgetrennten gesellschaftlichen Bereich, sondern verwandelten sie in eine Revolte gegen die Gesellschaft. „12 000 000 JUGENDLICHE WERDEN DIE STRASSEN EROBERN, UM DIE LETTRISTISCHE REVOLUTION ZU MACHEN“ plakatierten sie bereits 1948 im Pariser Quartier Latin ([3], S. 280). Die Aktion in Notre Dame war ein Anfang…

Die Störung des Gottesdienstes aber blieb für die Mourre und seine Genossen folgenlos. Während die drei Unterstützer Berna, Rullier und de Marbaix sofort freigelassen wurden, hatte Mourre eine Anzeige des Erzbischof wegen Mißbrauchs von Priestergewändern am Hals; doch auch er wurde dann nach elf Tagen Untersuchungshaft auf freien Fuß gesetzt ([3], S. 293f).

Von der Gruppe der Lettristen spaltete sich später, unter der Führung von Guy Debord, die Lettristische Internationale ab – zwei der Verschwörer von Notre Dame, Serge Berna und Ghislain de Marbaix waren mit von der Partie. Aus der Lettristischen Internationale ging dann die Situationistische Internationale hervor, der sich in den frühen 60er Jahren die Münchner Künstlergruppe SPUR anschloß. Auch diese handelte sich Ärger mit der Kirche ein.

Nach dem Tod des Erzbischofs von München-Freising, Joseph Wendel, verfaßte Dieter Kunzelmann für die Zeitschrift SPUR einen Text mit dem Titel Der Kardinal, der Film und die Orgie. Darin hieß es:

„Der Kardinal ist von uns gegangen. Vergebens warteten wir auf das Segnen der Bundeswehr bei dem Kreuzzug gegen den Osten. Ebenso warteten wir darauf, daß der Kardinal uns seinen Platz auf der Kanzel eines Tages zur Verfügung stellen würde, um neuen mythologischen Experimenten den Weg zu ebnen. Warteten wir doch auf die solang ersehnte Freigabe der Frauen- und aller anderen Kirchen, um sie ihrer eigentlichen Bestimmung, dem FEIERN NEUER ORGIASTISCHER FESTE UND EXSTATISCHER SPIELE, DIE AUF DER AKTIVEN TEILNAHME ALLE BERUHEN, zu übergeben.“ ([2], S. 42)

Im Gegensatz zu Frankreich, wo selbst die tatsächliche Störung eines Gottesdienstes folgenlos blieb, reichte in München bereits der Wunsch nach einer Zweckentfremdung von Kirchen für eine Verurteilung zu fünf Monaten und zwei Wochen Gefängnis „wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, Religionsbeschimpfung und Gotteslästerung.“ In der Berufung wurde das Urteil dann allerdings zu fünf Wochen auf Bewährung abgemildert. – wobei das Landgericht „den Passus von der Empörung der Geistlichkeit fast wörtlich in sein Berufungsurteil“ übernahm ([5], S. 42).

Diese drei Beispiele, in deren Tradition Pussy Riot stehen, zeigen: Es war zwar nicht wirklich ein Zuckerschlecken, sich im 20. Jahrhundert mit der Kirche anzulegen, aber es war auch nicht mehr wirklich gefährlich. Immerhin, so viel hatten Aufklärung und die Trennung von Kirche und Staat bewirkt, daß niemand mehr in dunklen Verliesen verschwand oder auf dem Scheiterhaufen endete.

Leider kann man das im 21. Jahrhundert nicht mehr unbedingt behaupten. Die verhafteten Frauen in Rußland sitzen nun schon seit über einem Monat ein – obwohl sie noch nicht einmal einen Gottesdienst, sondern bestenfalls ein paar Touristen und möglicherweise einige Betschwestern gestört haben. Und angesichts des Zustands, in dem sich das russische Justizwesen befindet, muß man man befürchten, daß es ihnen wie den beiden tunesischen Bloggern ergeht, die im März wegen Blasphemie zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurden.

Deswegen brauchen Pussy Riot Unterstützung. Wer nicht wie ich willens und in der Lage ist, eine Opferkerze anzuzünden und die Heilige Jungfrau und Mutter Gottes um ihre Freilassung zu bitten, findet auf http://freepussyriot.org die Möglichkeit, für den Unterstützungsfond zu spenden.

Nächste Woche kehren wir ein letzte Mal zu den Provos zurück. Seien Sie also darauf gespannt, wenn Constant Nieuwenhuys erklärt:

„Die mechanisierte Welt der Kybernetik und der Automation wird eine Menge Freizeit einbringen, und in dieser freien Zeit wird die Menschheit ein eigenes Gemeinwesen in kollektiver Kreativität erschaffen.
Dieses Gemeinwesen nennen wir Neues Babylon.“ ([4], S. 232)

Literaturverzeichnis

[1] Council of Orthodox Public Organizations: „Statement regarding blasphemous performance in the Cathedral of Christ the Savior“, URL: http://freepussyriot.org/news/statement-council-orthodox-public-organizations-regarding-blasphemous-performance-cathedral-chr, abgerufen am 11. April 2012.

[2] Kunzelmann, D.: „Der Kardinal, der Film und die Orgie“, in: Böckelmann, F. & Nagel, H. (Hg.), Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern., Frankfurt a.M. 1976.

[3] Marcus, G., Lipstick Traces, Hamburg 1992.

[4] Nieuwenhuys, C., „About New Babylon“, in: Anarchy, Jg.6 (1966), Nr.8 (August 1966), S.232.

[5] Redaktioneller Beitrag, „Anstoß gesucht“, in: Der Spiegel, Jg.18 (1964), Nr.3 (15. Januar 1964), S.42.

[6] Riha, K.: „Der Oberdada im Urteil der Dadaisten“, in: Bergius, H.; Miller, N. & Riha, K. (Hg.), Johannes Baader – Oberdada, Lahn – Gießen 1977.

Geschrieben von alterbolschewik

April 13, 2012 um 12:00

Die weißen Pläne

mit 2 Kommentaren

Auke will seinen Weißen-Hühner-Plan zur Eröffnung der Fotoausstellung starten. Er braucht zwanzig weiße Hühner, die er sich irgendwo im nördlichsten Zipfel Nordhollands beschaffen muß.“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

Die Originalität der Provos bestand darin, daß sie sich während der kurzen Zeit ihres Bestehens wirklich darum bemühten, unberechenbar zu sein. In der provotarischen Konzeption der Unberechenbarkeit spielten die „Weißen Pläne“ eine zentrale Rolle: Konkrete, direkt umsetzbare Vorschläge für die Behebung von Mißständen und die Veränderung der Gesellschaft. Der eigentliche Witz der Pläne aber war, daß nie ganz klar war, ob sie rein satirischer Natur oder ernst gemeint waren. Und so trug auch der „positive“ Teil ihrer Programmatik zur Verunsicherung, die die Provos in die Gesellschaft tragen wollten, bei.

Zweifellos ernst gemeint war der „Weiße Frauen Plan“, den Irène Van de Wetering entwickelte. Hans Tynman schildert in seinem Buch Full Time Provo, wie alles begann:

„Ich bin mit Roel und Carla unterwegs. »Komm doch eben mit rein«, sagt Roel, »es ist jemand da mit einem Plan.«
»Wer?« frage ich.
»Du kennst sie nicht, Sie will irgendwas mit Sexualität.«
»Tag«, sage ich. Sie gibt mir die Hand, was mir ein ungewohntes Gefühl beschert.
Dann wird sie herzerwärmend offen:
»Die sexuelle Aufklärung ist bis dato lächerlich. Das muß anders werden.«
Ich nicke lebhaft. […]
»Was denkt Provo darüber?« fragt sie.
»Provo steht hinter dir«, versichere ich ihr feierlich. […]
»Was kann ich tun?« fragt sie mit überraschender Sachlichkeit. Zögernd beginne ich, an die Emanzipation zu glauben.
»Du ruftst jetzt die NVSH [Niederländische Vereinigung für sexuelle Reform] an«, schlage ich vor. »Du mußt ja Unterlagen haben. Statistiken über die zunehmende Anzahl lediger Mütter. Dann solltest du die Kinderheime anrufen. Angaben über Personalmangel und so.«
Dann dürftest du sehr böse werden, denke ich. »Die Zunahme der unehelichen Mütter beweist, wie notwendig eine bessere sexuelle Aufklärung ist, nicht wahr, und dann stellst du eben einen Plan auf. Anschließend mußt du in den Gemeinderat gewählt werden, um diesen Plan zu verwirklichen.« […]
Sie macht sich Notizen. »Bist du ledige Mutter?« frage ich zur Sicherheit.
»Nein, ich bin richtig verheiratet. Hausfrau mit Kindern.«
Leute, denk ich, es gibt noch Hoffnung.“ ([6], S. 94ff)

Natürlich wirkt Tuynmans paternalistisches Gehabe heute mehr als antiquiert – dennoch zeigt die beschriebene Szene sehr deutlich, was allein die Existenz von Provo bewirkte: Daß Menschen beschlossen, Dinge, die sie an der Gesellschaft störten, nicht mehr als unabänderlich und gegeben zu akzeptieren. Eine Woche später stand van de Wetering auf Platz zwei der Provo-Liste für die Wahlen zum Amsterdamer Gemeinderat. Tatsächlich gewannen die Provos einen Sitz, den van de Wetering für ein Jahr lang einnahm, da die Provos ein Rotationsprinzip beschlossen hatten, um der Verfestigung von Machtstrukturen entgegenzuwirken.

Mehr satirischer Natur war der „Weiße Hühner Plan“. Was im Deutschen der Bulle, ist im Niederländischen das „Kip“, das Hühnchen: Ein Spitzname für die Polizei. Im Flugblatt zum „Weißen Hühner Plan“, das sich besorgt um das Image der Polizei zeigte, heißt es:

„Die Gesellschaft der Freunde der Polizei schlägt folgendes Programm vor: Aus den blauen Hühnern werden weiße Hühner. Sie zeigen dies dadurch, daß sie eine weiße Uniform tragen. Die GFP akzeptiert eine Übergangsperiode, während der blaue Mützen durch weiße ersetzt werden. Das weiße Huhn wird das weiße Fahrrad benutzen. […] Das weiße Huhn ist unbewaffnet und wird stattdessen eine Tüte mit Verbandszeug, Aspirin, Streichhölzern und kleinen Orangenschnitzen mit Hühnerfleisch bei sich tragen.“ ([1], S. 33)

Die blauen Hühner erweisen sich allerdings als äußerst beratungsresistent. Tuynman berichtet in Full Time Provo:

„Auke hat sich zum kommandierenden General aufgeworfen im Kampf um friedliche Kommunikation mit der Polizei. Ein Polizist hat sich besonders weit in die wartende Menge gewagt. Wir umzingeln ihn und versuchen, ihm den Weiße-Hühner-Plan zu überreichen. Auke bricht einen persönlichen Zweikampf vom Zaun und verfolgt ihn, wobei er einen Wortschwall über ihn ausschüttet, der die sozjale Funkzion der Polizei verdeutlichen soll. Einen Augenblick scheint es so, als finge der Polizist an zuzuhören, dann aber zieht er entschlossen den Gummiknüppel und schlägt Auke ins Gesicht. Ein »Ungenügend« für die Polizei, konstatiere ich düster. Jetzt entbrennt der Kampf auf einem anderen Niveau.“ ([6], S. 44)

Offensichtlich war dem „Weiße-Hühner-Plan“ kein durchschlagender Erfolg beschieden. Allerdings wird in ihm auf den berühmtesten aller „Weißen Pläne“ angespielt. Das „weiße Fahrrad“, auf dem das „weiße Huhn“ fahren soll, bezieht sich auf den von Luud Schimmelpennink entwickelten „Weißen Fahrradplan“. Dieser Plan war so simpel wie genial:

„Dreißig Genossen malten ihre Fahrräder weiß an und machten publik, daß jeder sie benutzen könne. Die einzige Bedingung war, daß die Leute, nachdem sie ihre Fahrt beendet hatten, die Fahrräder für den nächsten, der sie benutzen wollte, auf der Straße stehen lassen sollten.“ ([5], S. 227)

Man sollte meinen, daß dieser Aktion jeder provokative Charakter fremd gewesen wäre. Doch weit gefehlt:

„Die Idee verbreitete sich sehr schnell, bis die Fahrradhersteller, die Versicherungen und die Polizei einschritten. Die Polizei beschlagnahmte die Fahrräder unter dem Vorwand, daß sie »Gefahr liefen, gestohlen zu werden«.“ ([5], S. 227)

Tatsächlich gab es in Amsterdam ein Gesetz, das Fahrradbesitzer verpflichtete, ihr Fahrrad abzuschließen, wenn sie es auf der Straße stehen ließen. Der Grund dafür war natürlich, daß die Polizei möglichst wenige Anzeigen wegen Fahrraddiebstahls bearbeiten wollte; die Provos sahen darin jedoch insofern ein Problem, als daß damit die Öffentlichkeit unter Generalverdacht gestellt wurde. Insbesondere Roel van Duyn vertrat die Auffassung, daß gegenseitige Hilfe und Respekt eher der menschliche Normalzustand seien, nicht die Pathologie eines bürgerlichen Egoismus (er führte das später in seinem Buch Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens ([2]) aus, das sich vor allem auf Kropotkins Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt ([4]) berief). Man mag das als naiv abtun, doch zumindest war das ein Versuch, praktisch am bürgerlichen Eigentumsbegriff und Egoismus zu rütteln.

Tatsächlich muß man den „Weißen Fahrradplan“ nicht nur nach seiner Praktikabilität beurteilen (die gar nicht so schlecht ist, wie ähnliche Konzepte in Frankreich zeigen, die angesichts des drohenden Verkehrskollapses der Innenstädte umgesetzt werden), sondern vor allem in ihrem Symbolcharakter. Und dieser beschränkte sich nicht allein im Bezug auf die anarchistische Tradition; der Plan stellt eine direkte Verbindung zu Grootvelds Happeningaktionen her. Man muß sich nur die begleitende Provokatie 10 anschauen:

Hier wird Grootvelds Beschriftung von Zigarettenreklamen mit Kanker (Krebs) wieder aufgenommen, nun aber bezogen auf Autoabgase. Und so wie es bei Grootveld nicht in erster Linie um die Gesundheit ging, sondern primär um die Kritik an einer sinnlosen Abhängigkeit von Konsumgütern, für die sogar gesundheitliche Schädigungen in Kauf genommen werden, so auch in Bezug auf das Auto.

Wir haben es also nicht nur mit einem praktisch-politischen Projekt zu tun, sondern mit einer Aktion, die eine Reihe von Bezügen herstellt, die weit über den Vorschlag einer originellen Form öffentlichen Nahverkehrs hinausgeht. Es geht nicht um technische Planung, sondern um ein Netz symbolischer Beziehungen; nicht um die Lösung eines verkehrstechnischen Problems, sondern um mögliche neue Erfahrungen. Im Kern handelt es darum, durch die Aktion festzementierte Werte und Denkmustern in Frage zu stellen und aufzubrechen.

So betrachtet erinnert der „Weiße Fahrradplan“ mehr an künstlerische Konzepte als an einen konkreten Vorschlag zur Verkehrsplanung – obwohl er letzteres auch ist. Tatsächlich geht die Bedeutung des „Weißen Fahrradplans“ weit über die bereits angerissenen Bezüge hinaus. Es geht in ihm um nichts weniger als um eine Infragestellung dessen, was öffentlicher Raum ist, wer ihn wie definiert und sich aneignet. Künstlerische und politische Strategien überlagern sich, ergänzen sich gegenseitig und setzen einen Prozeß in Gang, der über die Vorstellung von Kunst als Produktion eines „Werkes“ hinausgeht. Doch das wird Thema eines Textes in ein oder zwei Wochen sein.

Nächste Woche wird sich dieser Blog kurzfristig einem aktuellen Thema zuwenden, nämlich einer aktuellen Ausstellung in Frankfurt zum Thema „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“. Freuen Sie sich also darauf, daß der Alte Bolschewik bullshit wie den folgenden auseinandernimmt:

„Die in der Ausstellung gezeigten Bilder, Installationen und Performances lassen sich als eine ästhetische Verfremdung der Performanz im Werden normativer Ordnungen verstehen.“ ([3], S. 20)

Literaturverzeichnis

[1] [Auke Boersma]: „White Chicken Plan“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] van Duyn, R., Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens – Das politische Konzept der Kabouter, Wuppertal 1971.

[3] Günther, K. & Siller, P.: „Sichtbar machen – Zur Performanz im Werden normativer Ordnungen“, in: Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

[4] Kropotkin, P., Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Leipzig 1908.

[5] Schubert, J., „Revolution and white bikes“, in: Anarchy, Jg.6 (1966), Nr.66 (August 1966), S.225 – 228.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Geschrieben von alterbolschewik

März 16, 2012 um 14:06

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Imaazje!

mit 3 Kommentaren

Mich überfällt wieder der Gedanke, daß mir jede Imagebildung aus den Fingern geglitten ist. […] »Der Provo Hans Tuynman«, überlege ich, »ist ein Image geworden. So sei es!«“

Hans Tuynman, Ich bin ein Provo

„Ouche-Ouche-Ouche“ keuchten die Besucher der Happenings von Robert Jasper Grootveld – um den Raucherhusten nachzumachen, der den Sklaven der Tabakindustrie blühte. Von den heutigen fanatischen Gegnern des Rauchens (und ihren faschistischen Vorläufern) unterschied sich Grootvelds Protest aber dadurch, daß es ihm nicht primär um die Gesundheit, und schon gar nicht um die Volksgesundheit ging. Die Kritik richtete sich in erster Linie gegen die Enteignung des Lebens durch die Reklame. Alles hatte damit angefangen, daß Grootveld ursprünglich, wie bereits geschildert, Werbeplakate der Zigarettenindustrie attackiert hatte. Es nimmt also nicht wunder, daß ein ebenso fester Bestandteil der Happenings ein Lied über die Werbung war: „»Werbung, Werbung, Werbung, meeeeeeeeeeehr Werbung.« Alle sangen mit bis niemand mehr bei dem ansteigenden Tempo mitkam.“ ([4], S. 25)

Werbung – so die Kritik – reduziert das gelebte Leben, den kreativen Umgang mit der eigenen Umwelt auf bloßen Konsum. Die Menschen definieren sich nicht mehr durch das, was sie tun, sondern durch das, was sie kaufen können. Das mag jetzt keine besonders tiefsinnige Kritik moderner kapitalistischer Verhältnisse sein, doch sie brachte ein weitverbreitetes Unbehagen am damals noch neuen Modell des Nachkriegskapitalismus zum Ausdruck. Dieser setzte auf Massenkonsum, um Loyalität gegenüber der etablierten Ordnung zu garantieren. Menschliches Glück, so die von den Werbeagenturen verbreitete kapitalistische Propaganda, ist nichts anderes als immer größerer Konsum – wobei es zusehends weniger um den konkreten Gebrauchswert, als vielmehr um den Statuswert der Produkte ging. Für die Kritiker dieser Propaganda verflüchtigt sich das gelebte Leben zunehmend in die Repräsentation, in ein bloßes Spektakel. Man hängt vor der Glotze und läßt das Leben von anderen leben. Es sind die Bilder der Stars aus den Filmen und Magazinen, die scheinbar das Leben repräsentieren, und man kommt diesem Leben nur nahe, indem man dasselbe konsumiert wie sie.

Dieses Unbehagen an der Reduzierung des Lebens auf den Konsum, auf ein bloßes Bild des Lebens, war durchaus nicht marginal – 1965 sangen die Rolling Stones in (I Can’t Get No) Satisfaction:

„When I’m watchin’ my T.V.
And that man comes on to tell me
How white my shirts can be
But he can’t be a man ’cause he doesn’t smoke
The same cigarrettes as me“

Oder mit den Worten des Provos Roel van Duyn:

„Das Proletariat hat sich seinen politischen Führern unterworfen und hockt zufrieden vor den Fernsehgeräten. Es ist mit seinem alten Rivalen, der Bourgeoisie, zu einem großen, grauen Scheißvolk zusammengeschmolzen.“ ([2], S. 20)

Das Abbild des Lebens in den Medien ersetzt das Leben selbst. In Die Gesellschaft des Spektakels wird dies Guy Debord zwei Jahre später auf den Punkt bringen:

„Alles, was einmal unmittelbar gelebt wurde, hat sich in eine Repräsentation verflüchtigt. Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgelöst haben, vereinigen sich zu einem allgemeinen Kreislauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht mehr hergestellt werden kann.“ ([1], S. 766)

Aus dieser Einsicht zimmerten die Amsterdamer Provos dann einen ihrer zentralen Schlachrufe: „Imaazje!“ – die niederländische Schreibweise des französischen „image“. In diesem Ruf konzentrierten sie diese Verflüchtigung des gelebten Lebens in eine bloße Repräsentation. Und Polizei und Justiz nahmen diesen Ruf offenkundig sehr ernst: Am 23. April 1966 wurde der Provo Hans Tuynman wegen einer Verletzung von Bewährungsauflagen verhaftet und dann zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er bei einem Happening vor dem Lieverdje „Imaazje!“ gerufen hatte ([4], S. 77).

Allerdings ist diese Parole um einiges hintersinniger, als es den ersten Anschein hat. Denn Grootveld und die Provos hatten erkannt, daß sie der kapitalistischen Bilderproduktion eine eigene entgegenstellen konnten. Wenn Hans Tuynman in dem Buch, das er während seiner Haft verfaßte, schreibt, „PROVO IST EIN IMAGE“ ([5], S. 9), dann ist damit genau das gemeint, daß es nämlich möglich ist, diese Waffe gegen die kapitalistisch-bürokratische Gesellschaft selbst zu kehren, der kapitalistischen Bildproduktion eine anarchistische entgegenzustellen.

Und so wurde ein Image von Provo konstruiert, das den pas­siv-konsumistischen Images der Warenwelt das aktivistische Image der Provokateure entgegensetzte. Dieses Image entstand keineswegs zufällig, sondern wurde bewußt konstruiert. Zum einen gehörte dazu ein Logo. Grootveld hatte Amsterdam als das „magische Zentrum“ beschrieben, und das Logo sollte dies ausdrücken: Ein Apfel (mit Stiel), der Amsterdam repräsentierte. Der Apfel selbst hatte einen Fleck, und dieser Fleck wiederum stand für den Spui-Platz mit dem Lieverdje, wo die Happenings stattfanden. Dieses Logo war einfach zu zeichnen und leicht wiederzuerkennen – und so tauchte es überall auf den Häuserwänden Amsterdams auf.

Wichtiger noch als das Apfel-Logo war die in Anspruchnahme einer bestimmten Farbe, oder vielmehr einer Nichtfarbe, durch die Provos: Weiß – die Farbe, die alle anderen Farben einschloß. Gegen die bunten Farben der Werbung setzte Provo die Reinheit und Unschuld des Weiß. Dementsprechend sah die „Uniform“ der Provos aus: Sie verschmähten das traditionelle Schwarz der Anarchisten – das die Autonomen später einfaltslos kopieren sollten – sondern traten in weißen Jeans und Jacken auf.

Diese Produktion eines wiedererkennbaren Provo-Images war keine müßige Spielerei. Es ging hier um etwas wesentliches, nämlich um die Organisationsfrage. Die Organisationsformen der „alten Linken“, das heißt, der Arbeiterbewegung, beruhten auf expliziter Mitgliedschaft. Mit dem Eintritt in das Arbeitsleben wurde man, wenn man aus einem halbwegs klassenbewußten Haushalt kam, Mitglied in der Gewerkschaft. Man erhielt seine Mitgliedsnummer, zahlte den monatlichen Beitrag, ging zu den Versammlungen und Veranstaltungen (oder auch nicht) und war damit offizielles Mitglied der Arbeiter-„Bewegung“. Das ist jetzt, zugegebenermaßen, stark vereinfacht, aber im Prinzip funktionierte die Arbeiterbewegung genau so.

Die neuen Bewegungen, die sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre neu herauszubilden begannen, funktionierten nicht mehr nach diesem Schema. Es ging nicht darum, bestimmte Klasseninteressen in Form adäquater Organisationen, deren Zweck eben die Interessensvertretung war, zu bündeln. Es ging im Gegenteil darum, heterogene Gruppen zusammenzubringen. Roel van Duyn erklärte dies explizit:

„[D]as Provotariat ist keine Klasse, dafür ist sein Erscheinungsbild viel zu heterogen. Das Provotariat ist de-klassiert. Das Provotariat ist eine anonyme Menge subversiver Elemente.“ ([2], S. 20f)

Es ging den Provos nicht darum, Interessen zu vereinheitlichen, sondern darum, kollektiv die allgemeinen Schranken, die der individuellen Kreativität durch die Gesellschaft gesetzt wurden, zu durchbrechen. Insofern konnte sich prinzipiell jeder selbst zum Provo erklären – es bedurfte keines Mitgliedsantrags oder eines Monatsbeitrags. Symbole wie das Apfel-Logo und die weiße Farbe dienten dazu, einen Zusammenhalt zu stiften, ohne diesen zu einem Allgemeinen zu verdinglichen. Nicht Objektivität, sondern Subjektivität war das Ziel.

Natürlich konnte das nur für kurze Zeit funktionieren, bis Provo selbst durch die mediale Vermittlung zu einer Marke wurde. Solange es möglich war, Provo unberechen- und unvorhersehbar zu halten, war es möglich, den Autoritäten eine lange Nase zu drehen. In dem Maße, in dem die Provo-Bewegung unter dem Druck einer medialen Öffentlichkeit begann, eine Programmatik zu entwickeln begann, lief sie Gefahr, zu einer tatsächlichen Organisation zu degenerieren. Es gehört deshalb zur Größe der Provo-Bewegung, daß sie diese Gefahr erkannte, und sich am 13. Mai 1967 im Vondelpark bei einem letzten Happening, auflöste.

Nichtsdestotrotz schließen wir damit dieses Kapitel zu den Amsterdamer Provos noch nicht ab, sondern beschäftigen uns nächste Woche eben mit der Programmatik der Provos, den „Weißen Plänen“. Freuen Sie sich also noch einmal auf die Provos, wenn Roel van Duyn erklärt:

„Unsere Angriffstaktik gegen die autoritäre Gesellschaft muß aus einer Kombination von Reformismus und Provozismus bestehen. Wir müssen gegen jeden Teil der gesellschaftlichen Maschinerie mit konstruktiven Weißen Plänen, genauso wie mit negativen Provokationen vorgehen. Positiv und negativ, doch beide Male extrem.“ ([3], S. 25)

Literaturverzeichnis

[1] Debord, G.: „La Société du spectacle“, in: Debord, G., Œuvres, Paris 2006.

[2] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[3] van Duyn, R.: „The technique of how to provocate“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[4] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[5] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Geschrieben von alterbolschewik

März 9, 2012 um 14:39

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Getaggt mit

Das Provotariat hat nichts zu verlieren…

mit 7 Kommentaren

Wir wollten eine Bewegung schaffen, die sich an das richtete, was wir später das »Provotariat« nannten, das heißt, die Zusammenballung aller Studenten, Künstler, Beatniks, Mods, Rocker und so weiter, die alle auf ihre Art schon protestieren, aber noch ohne politisches Bewußtsein.“

Martin Lindt

Der Happening-Künstler Robert Jasper Grootveld, den wir letzte Woche kennengelernt haben, gehörte, wenn wir ihn überhaupt einordnen wollen, im weitesten Sinne zu dem, was in den 60er Jahren „Gegenkultur“ genannt wurde. Diese hatte sich, ausgehend von Kalifornien, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entwickelt und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, irgendwann in den nächsten Wochen Thema sein. Heute soll es darum gehen, wie sich diese Gegenkultur politisch radikalisierte und vor allem um die Person, die diese Politisierung als bewußte Strategie entwickelte: Roel van Duyn.

Natürlich waren die gegenkulturellen Strömungen nicht unpolitisch. Aber ihre Vorstellung von Politik drückte sich primär in einem recht naiven Pazifismus aus. Wenn sich die Gegenkultur der späten 50er und frühen 60er Jahre politisch positionierte, dann im Rahmen der diversen Aktionsbündnisse gegen nukleare Bewaffnung. Allerdings begann sich Mitte der 60er Jahre eine Kritik an den ritualisierten Formen des pazifistischen Protestes zu artikulieren. Eines der ersten Flugblätter der Kommune I wurde am 26. März 1967, wenige Wochen vor dem Pudding-Attentat, auf dem Ostermarsch in Berlin verteilt:

„Ostermarschierer, Ostermärtyrer,
Ihr demonstriert für die Zukunft.
In der Gegenwart paßt ihr euch an.
Ihr protestiert gegen die Bombe.
Selber wollt ihr keine legen.“ (zit. nach [2], S. 112)

Doch wie schon beim Pudding-Attentat kopierte die Kommune hier ein Amsterdamer Vorbild. Bereits knapp zwei Jahre zuvor, am 25. Mai 1965, war in Amsterdam zur Unterstützung einer neuen Zeitschrift namens „Provo“ aufgerufen worden, die ab Juli 1965 erscheinen sollte. In diesem Aufruf hieß es:

„Genossen!
Die Bewegung gegen die Atombombe, die das einzig dynamische Element in der holländischen Linken zu sein schien, hat sich in einen Hinterhof verkrochen. Die „ban-de-bom“-Gruppen haben ihre Arbeit eingestellt. […] Der jährliche Marsch durch Amsterdam, der mit der schmerzhaften Regelmäßigkeit und Sinnlosigkeit eines Rituals vollzogen wird, hält die Flamme gerade so am Leben.
Die holländische Linke wird neue Wege finden müssen, um wirkliche Resultate zu erzielen, bevor sie jegliche Anziehungskraft verliert. Wir glauben, daß gewaltloser Widerstand nur deshalb zufällig unseren Zielen angemessen ist, weil er nicht massenhaft stattfindet.
Wenn Parolen und Gesten nichts mehr fruchten, dann müssen wir uns der Aktion und dem Angriff zuwenden. Wir glauben, daß nur eine revolutionäre linke Bewegung eine Veränderung bewirken kann!
Die Bevorzugung direkter Aktion führt uns zu anarchistischen Konzepten. Anarchismus propagiert die unmittelbarste Rebellion gegen alle Authorität, egal ob sie demokratisch oder kommunistsch ist.“ ([1], S. 20)

Diese Ankündigung wurde auf dem Spui während der samstäglichen Happenings Grootvelds verteilt. Doch nicht nur die Zeitschrift wurde angekündigt, sondern auch eine Reihe von Flugblättern, die unter dem Titel „Provokatie 1“, „Provokatie 2“ usw. erscheinen sollten (auch hier hat sich die Kommune I mit ihren nummerierten Flugblättern von den Provos inspirieren lassen). Die erste Provokation (Gut daß es die Polizei gibt…) lief noch ins Leere, doch schon die zweite wurde ein durchschlagender Erfolg. Das lag nicht nur am Inhalt – Provokatie 2 richtete sich unter dem Titel Claus von Amsberg, Persona Non Grata gegen den Verlobten von Prinzessin Beatrix – sondern vor allem am originellen Vertriebsweg: Der Provo Olaf Stoop, der als Zeitungsverkäufer am Amsterdamer Flughafen arbeitete, legte sie der konservativen Tageszeitung De Telegraaf bei. Stoop wurde natürlich gefeuert, doch die öffentliche Aufmerksamkeit, die dadurch hergestellt wurde, war unbezahlbar. Provokatie 3 vom 3. Juli 1965 wurde dann beschlagnahmt – wegen Verletzung des Urheberrechts, weil für dieses Flugblatt ein Zeitungsphoto des Prinzen Bernhard verwendet worden war. ([3], S. 39-45)

Als dann am 12. Juli die erste Nummer der Provo erschien, machte sie ihrem Namen alle Ehre: Auch sie wurde sofort von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, „weil sie gründlich ausgearbeitete, faktisch aber nutzlose Instruktionen enthielt, wie man Sprengstoff herstellt, die aus einer Broschüre von 1910, »Der praktische Anarchist« nachgedruckt waren“ ([5], S 17). Diese gelungene Provokation war natürlich die beste Werbung, die sich die Zeitschrift wünschen konnte.

Der theoretische Kopf, der hinter dem Ganzen steckte, war Roel van Duyn, der damals gerade 22 Jahre alt war. Die Zeit, die ihn 1966 interviewte, beschrieb ihn folgendermaßen:

„Karthuizersstraat 14, Amsterdam. Das schmalbrüstige, baufällige Haus liegt in einem jener Viertel, in die sich Touristen nicht zu verirren pflegen. Drei Stufen, und wir sind in einem Raum, der einmal weiß getüncht gewesen sein mag. Ein Tisch, ein eisernes Öfchen, ein Dutzend aufgereihter Apfelsinenkisten, vollgepfropft mit Büchern, Zeitungen, Heften; der tropfende Wasserhahn in der Küche nebenan ist nicht zu überhören. In der rechten Ecke steht ein breites, niedriges Bett. In seinen mit Kaffeeflecken übersäten Decken richtet sich Roel van Duyen [sic!] nur ein wenig auf.
Er ist der Denker der »Provos«, seines Zeichens Student der Philosophie, 23 Jahre alt. Schon legt er seinen Kopf in die Kissen zurück. Ein gepflegter dunkler Bart umrahmt das blasse Gesicht, dessen melancholische Augen hinter der Brille einem russischen Emigranten von 1917 gehören könnten. Es irritiert ihn nicht, daß fünf junge Katzen seinen Bart als Punchingball benutzen, sondern er doziert bedächtig über das geistige Terrain, auf dem sich seine Provos bewegen. »Wir bilden die neue revolutionäre Klasse: das Provotariat. Unsere Angriffsziele: die Konsumgesellschaft und die staatliche Ordnung. Wir erstreben die unbeschränkte Selbständigkeit des Einzelwesens. Wir sind Anarchisten.«“ ([4]).

Van Duyn war 1943 in Den Haag geboren worden und hatte sich bereits während seiner Schulzeit politisch engagiert – gerade in der Antikriegs- und Antiatombombenbewegung, deren Lahmarschigkeit er dann später beklagte. Weil er während der Hauptverkehrszeit ein sit-in auf der Van Meerdevoord-Straße organisierte, flog er von der Schule, einem fortschrittlichen Montessori-Gymnasium. ([3], S. 38)

1963 zog er nach Amsterdam und arbeitete zunächst bei der anarchistischen Zeitschrift De Vrije mit. Über diese Arbeit lernte er Rob Stolk kennen, der neben van Duyn einer der führenden Köpfe und vor allem der Drucker der Provo werden sollte. Daß diese neue Publikation den Namen Provo trug, verdankt sie dem niederländischen Soziologen Wouter Buikhuisen, der 1965 mit der Arbeit Achtergrond von Nozemgedrag (Hintergrund des Halbstarkenverhaltens) promoviert wurde. Die Nozems, wie die Halbstarken in den Niederlanden genannt wurden, waren Jugendliche, die sich damit amüsierten, Bürger zu schrecken. In Jeans und Lederjacke, mit zur Tolle geformtem Haar lungerten sie mit ihren Motorrollern auf den Straße herum und brachten die braven Bürger gegen sich auf. Buikhuisen prägte für sie den abwertend gemeinten Namen „Provos“ – den van Duyn für die neue Zeitschrift aufgriff:

„Van Duyn hatte das Gefühl, daß junge Anarchisten ihre politische Aktivität auf das revolutionäre Potential der Nozems gründen sollten, indem sie lernen, Aggression in eine bewußte revolutionäre Gewalt zu transformieren. Auf den Seiten der Provo beschwor er Studenten, Provos zu werden, das heißt, revolutionäre Nozems. Auch wenn Anarchisten nicht länger auf eine soziale Revolution in den Niederlanden hoffen konnten, bestand er darauf, daß sie die Autoritäten und den Staat provozieren könnten und sollten.“ ([3], S. 39)

Zentrum und Ausgangspunkt der provokatorischen Aktivitäten waren zunächst die Happenings von Grootveld am Lieferdje. Hier wurde das Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei perfektioniert. Standen die Ordnungshüter den Happenings von Grootveld zunächst ratlos gegenüber, bot sich ihr nun endlich die Gelegenheit zum Einschreiten: Die Verteilung von politischem Propagandamaterial und Flugblättern war genehmigungspflichtig; und die Provos hatten natürlich keine Genehmigung eingeholt und würden das auch nicht tun. Und so kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, in denen sich die Polizei durch Überreaktion permanent ins Unrecht setzte. Das wiederum brachte den Provos Sympathien ein und rekrutierte Unterstützer und neue Aktivisten. Und so konnte aus der Idee einer Handvoll Leute tatsächlich eine Bewegung werden, die wenige Monate später in ganz Europa bekannt sein würde.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Hans Tuynman meint:

„Ich bin nur ein Provo und PROVO IST EIN IMAGE.“ ([6], S. 9)

Literaturverzeichnis

[1] [Roel van Duyn]: „”Provo” Magazine Leaflet“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] Enzensberger, U., Die Jahre der Kommune I, München 2006.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] von Kuenheim, H., „”Provotarier aller Länder…”“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.27 (1. Juli 1966), S.2.

[5] Stansill, P. & Mairowitz, D. Z., By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Geschrieben von alterbolschewik

März 2, 2012 um 14:57

It’s a happening

mit 2 Kommentaren

Provo basiert auf zwei fundamentalen Prinzipien, einem kulturellen und einem politischen. Der kulturelle Teil ist am offensichtlichsten in unseren »Happenings«; diese gründeten ursprünglich in der kreative Aktivität einiger unengagierter Beatniks.“

Martin Lindt, Explaining Provo

Als ich vor drei Wochen begann, die Medienreaktionen auf das Pudding-Attentat genauer zu untersuchen, fielen mir die Bezüge zur niederländischen Provo-Bewegung auf. Den Rauchmantel, unter deren Schutz die Pudding-Attentäter den amerikanischen Vizepräsidenten mit einer Buttercremetorte attackieren wollten, hatten sie sich, so hieß es, von den Aktionen während der Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzessin Beatrix mit ihrem Nazi-Gemahl Claus abgeschaut. Diese Aktion der Provos ging damals durch die internationalen Medien. So konnten die deutschen Provokateure gut ein Jahr vor ihrem Versuch eines Pudding-Attentats im typisch blasierten Spiegel-Stil lesen:

„Für 200 Gulden haben Amsterdamer Provos Rauchbomben gefertigt, diese Exklusiv-Information wird, mit Gefühl für sein Bedürfnis nach präzisen Angaben, dem SPIEGEL zuteil. Und vier, fünf Stück davon platzen bereits weit vor der Bannmeile, vor dem engeren Festbezirk, den zu verteidigen die Polizei entschlossen ist. Die Gaudi (im Stil Breughels) läßt sich einfach nicht abwarten, und so stürmt die Volkserhebung voran, eine Hand vor den Augen, mit der anderen die Nase zusammenkneifend, weil der grauweiße Qualm hervorragend beißt und stinkt, von eigenen Feuerschlägen durcheinandergewirbelt.“ ([4], S. 37)

Dank der europaweiten Fernsehübertragung des Ereignisses erreichten die Amsterdamer ein Millionenpublikum. Die Zeit schrieb:

„Erst zog etwas wie Nebelbrodem am Rande der Straße auf, welche die goldene Kutsche passierte. Dann qualmte es dicker, so als setzte sich eine alte Güterzuglokomotive in Fahrt. Schließlich waberte der Qualm grau und schwer, und das heitere Bild der lächelnden und winkenden Brautleute wurde verdunkelt. Wie aus einem Tunnel kam dann die Kutsche wieder zum Vorschein, darin die junge Prinzessin und der neue Prinz, heiter, lächelnd, winkend. […] Ja, aber wem galten dann die Qualmbomben? Nun, wem sonst als den Zuschauern der »Eurovision«, soweit sie in Deutschland an den Geräten saßen.“ ([2])

Nach dieser Aktion waren die Amsterdamer Provos ein eingeführter Markenname in ganz Europa. Doch wer genau waren diese Provos? Dazu müssen wir von diesem 10. März 1966 ein Jahr zurückgehen.

Stellen wir uns vor, es sei 1965, ein schöner Samstagabend im Frühling und wir schlenderten, nachdem wir gut gegessen und ein paar Bierchen gezischt hätten, noch durch Amsterdam. Kurz vor Mitternacht kämen wir an dem kleinen Platz Het Spui vorbei. Merkwürdigerweise scheint sich eine Menschenmenge um die Statue eines kleinen Jungen, genannt Het Lieverdje (kleiner Liebling) zu versammeln. Und es sind nicht gerade ehrbare Bürger, die sich hier zusammenrotten – eher schon Halbstarke mit Jeans und Lederjacken, die in Amsterdam Nozems genannt werden. Aber wir würden auch Langhaarige mit Bärten sehen, der Geruch von Marihuana läge in der Luft. Neugierig blieben wir stehen.

Schlag Mitternacht taucht eine seltsame Gestalt auf – der Zwarte Piet, das niederländische Äquivalent zum Knecht Ruprecht. Daß es Frühling ist, scheint unseren niederländischen Knecht Ruprecht nicht weiter zu bekümmern. Die skurrile Gestalt hebt an zu einer Tirade, deren Sinn und Zweck schwer zu durchschauen ist. Einerseits kündigt er das Kommen von Klaas an, womit, angesichts seiner Verkleidung, möglicherweise der Nikolaus gemeint ist. Andererseits geht es wohl auch um eine Anklage gegen das Rauchen, gegen die Sucht, den Konsumismus. Die Anwesenden kennen das Ritual offensichtlich: Als der Zwarte Piet die Anwesenden auffordert, sich an dem keuchenden Sprechgesang „Ouche, Ouche, Ouche“ zu beteiligen, stimmen sie bereitwillig mit ein.

Daß diese Happenings jeden Samstag um Mitternacht auf dem Spui stattfinden, hängt damit zusammen, daß die kitschige Statue des Lieverdje vom Zigarettenkonzern Philipp Morris gestiftet wurde. Der Zwarte Piet, der mit bürgerlichem Namen Robert Jasper Grootveld hieß, hatte bereits 1962 mit seinen Performances gegen das Rauchen begonnen. Um seine künstlerische Intention zu verstehen ist es hilfreich zu wissen, daß er als Seemann in Afrika gewesen war:

„Einmal dort angekommen fiel ihm die Ähnlichkeit zwischen Stammesritualen und dem, was er die Abhängigkeit des Konsumenten in der modernen Gesellschaft nannte, auf, insbesondere das, was er den Götzendienst des Zigarettenrauchers nannte. Nach seiner Rückkehr verglich er Raucher mit kultischen Opfern, die zum schrecklichen Schicksal des Lungenkrebs verurteilt waren. […] Er beschloß, daß die Zeit für Protest gekommen war.“ ([3], S. 24)

Seine ersten Aktionen bestanden darin, Zigarettenreklamen in Amsterdam mit dem Wort Kanker (Krebs) oder einfach K zu verunstalten. Die Werbefirmen begannen sich juristisch dagegen zu wehren und Grootveld landete für 60 Tage im Knast, weil er die Strafe nicht bezahlen konnte. Nicht lange nach seiner Entlassung wurde er wieder inhaftiert, weil die Inschriften erneut erschienen. Der wichtigste Effekt dieser Eskalation war allerdings, daß die Presse ausführlich über Grootvelds Ein-Mann-Kreuzzug berichtete. Diese Berichterstattung verschaffte ihm kostenlose Werbung und damit genügend Aufmerksamkeit, die es ihm erlaubte, mit finanzieller Unterstützung des Amsterdamer Restaurantbesitzers Nicolaas Kroese einen „Tempel gegen das Rauchen“ zu eröffnen. Hier fanden seine ersten Happenings statt. Nicht, daß bei diesen Performances nicht geraucht wurde, im Gegenteil. Das folgende Video von Bas van der Lecq dokumentiert eine Performance in Grootvelds „Tempel“:

Die Performances gehen allerdings nicht allzu lange gut:

„Am 18. April 1964 brannte er das Lagerhaus nieder, das er nun Kirche der bewußten Nikotinabhängigen nannte. Während er benzingetränkte Zeitungen in Brand setzte, rief er: »Denkt an Van der Lubbe« (ein Verweis auf den Holländer, der angeklagt worden war, den 1933 den Deutschen Reichstag in Brand gesetzt zu haben, ein Ereignis, das die Macht der Nazis gefestigt hatte). Zunächst dachte sein Publikum, es handle sich um einen Witz, dann aber flohen sie die Räumlichkeiten, als sie erkannten, was wirklich los war.“ ([3], S. 25f)

Im Juni 1964 setzte Grootveld seine Performances im öffentlichen Raum fort, nämlich auf dem Spui vor dem Lieverdje, das dabei ebenfalls oft genug in Brand gesteckt wurde.

Was war das nun, das Grootveld auf diesem kleinen Platz inszenierte und das Woche für Woche ein immer größeres Publikum anzog? Kunst? Im Kontext der 60er Jahre sicherlich. 1959 hatte Allan Kaprow in New York eine neue Kunstform entwickelt. „Eighteen Happenings in Six Parts“ hieß die Inszenierung, die der Kunstform ihren Namen gab: Happening. Beim Happening ging es darum, eine Umgebung zu schaffen, in der dann das Publikum in die künstlerische Aktion mit einbezogen wird und sich nicht Vorhergesehenes ereignet.

Das erste Happening in Amsterdam wurde am 9. Dezember 1962 unter dem Titel Open Het Graf (Öffne das Grab) inszeniert, andere folgten. Richard Kempton erklärt in seinem Buch über Provo, daß die Amsterdamer Happenings um einiges durchgeknallter waren als die New Yorker. Fred Wessels beispielsweise riß während einer Frostperiode alle Fenster auf, öffnete die Wasserhähne und machte aus seiner Wohnung eines Eislaufbahn, auf der dann eine Frau in Klompen, den niederländischen Holzschuhen, Schlittschuh lief ([3], S.19ff). Kempton resümiert:

„Das Happening war eine völlig offene Form, die unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten bot, und es war in Amsterdam, dem leidenschaftlich bewunderten »Magischen Zentrum« der holländischen Avantgarde, daß ein begabter neuer Meister ihm verblüffende neue Nutzanwendungen erschloß.“ ([3], S. 21)

Indem Gootveld den Spui zum Ort eines wiederkehrenden, ritualisierten Happenings machte, gab er dem Platz eine völlig neue Bedeutung. Daß es bei seinen Happenings gegen das Rauchen ging, hatte dabei eher etwas von einem MacGuffin. Wichtig ist, daß das Ritual einen Ort und eine Zeit definierte, an dem sich Menschen treffen können, ein Austausch stattfindet, sich eine gewisse „Szene“ konstituiert. Schon letzten Sommer hatte ich den Vorschlag gemacht, die Fortführung der Kunst nach dem Ende des Werks als temporäre Festlegung eines Ortes zu begreifen. Eines Ortes, an dem nicht Kunst gemacht wird, sondern Kunst sich ereignet. Genau dies machte Grootveld 1965 mit dem Spui in Amsterdam. Jeden Samstagabend um Mitternacht vollzog sich die Transformation des Spui von einem normalen Platz zu einem geheimnisvollen Ort, an dem die üblichen alltäglichen Spielregeln nicht mehr existierten.

Das begriff auch die Amsterdamer Polizei, die das ganze Treiben höchst mißtrauisch beäugte, aber weder Grund noch Handhabe fand, um gegen das Tun der Menge einzuschreiten. Das sollte sich ändern, als der Anarchist Roel van Duyn auf dem Spui auftauchte und die aufregenden Möglichkeiten erkannte, die in Grootvelds Happenings schlummerten.

Seien Sie deshalb auf nächste Woche gespannt, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVO weiß, die Sieger werden letztendlich die anderen sein. Trotzdem wird sich PROVO die Chance nicht entgehen lassen, diese Gesellschaft noch einmal zu provozieren.“ ([1], S. 4f)

Literaturverzeichnis

[1] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[2] J. M.-M., „Rauchbomben“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.12 (18. März 1966), S.64.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] Mauz, G., „Die Verschwörung der Provos zu Amsterdam“, in: Der Spiegel, Jg.20 (1966), Nr.12 (14. März 1966), S.37 – 39.

Geschrieben von alterbolschewik

Februar 24, 2012 um 16:07

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (3)

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Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Matthias Walden, Links vom Geist, in: Die Welt, 7. Januar 1967

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß die Medienberichterstattung über das Pudding-Attentat je nach Medium sehr unterschiedlich ausfiel. Während die Springer-Presse eindeutig Position gegen die „Attentäter“ und für die Polizei ergriff, schlugen sich Blätter wie Spiegel und Zeit auf die andere Seite. Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich Publikationen, die von den Autoren der bereits letzte Woche zitierten Studie als vom „affirmativer Typus“ bezeichnet wurden.

Die Haltung dieses Typus beschrieben sie anhand des Berliner Tagesspiegels folgendermaßen:

„Der Tagesspiegel begrüßt am Anfang das politische Engagement der Studenten und ist sogar bereit, Wohlwollen für Diskussionen über die amerikanische Vietnam-Politik und Aufrufe zu Protestmärschen aufzubringen, doch hat die Reaktionsweise der Studenten nach Auffassung des Tagesspiegels die »Geduld der Öffentlichkeit und ihrer Professoren aufs äußerste strapaziert« (Tagesspiegel vom 18.2.1966), mithin das Maß überschritten.“ ([1], S. 506)

Während der Springer-Konzern ohne jede Scheu auf Teufel komm heraus eine autoritäre Haltung mit einem latenten Hang zur Gewalt vertrat und jede Kritik an dem, was er unter „Recht und Ordnung“ verstand, stigmatisierte, gaben sich Blätter wie der Tagespiegel oberflächlich liberal. Doch die scheinbar „ausgewogene“ Berichterstattung täuscht. Faktisch schlugen sich auch Blätter wie der Tagesspiegel unter dem Strich auf die Seite der Autoritäten. Das gilt bereits für die noch weitgehend auf die Universität begrenzten Auseinandersetzungen der Jahre 1965/1966:

„In den Kommentaren des affirmativen Typs, die sich – wie im Falle des Tagesspiegels – kritisch mit der Praxis der FU-Autoritäten auseinandersetzen, wird nicht so sehr strukturelle vermittelte autoritäre Praxis, sondern viel eher subjektive Ungeschicklichkeit bei formaler Rechtmäßigkeit beklagt. Reaktionen, Forderungen und Aussagen von Studenten, die nicht den rechten Abstand vom außenpolitischen Gegner halten, bestimmen den unentschuldbaren Kern studentischer Provokation.“ ([1], S. 507)

Als sich die Auseinandersetzungen zuspitzen und den universitären Rahmen verlassen, kippen die Kommentatoren dieses Typs um:

„Das geplante Pudding-Attentat auf Humphrey wird zum Anzeichen dafür, daß das nun ins Zentrum der Kommentierung tretende Phänomen studentischer Proteste und Opposition in die Dimension der »Gemeingefährlichkeit« gerückt werden muß. Ordnung überhaupt scheint bedroht. […] Die Anläße, an denen [der studentische Protest] sich entzündet, die Formen, in denen er sich artikuliert, erscheinen den Kommentatoren dieses Typs dann aber derart bedenklich, daß sie im Anschluß an konkrete Aktivitäten der Studenten häufig nur noch massive Verdammungsurteile und den Ruf nach dem »groben Keil« für angemessen halten.“ ([1], S. 526f)

Das heißt, es vollzieht sich eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Medienlandschaft. Diejenigen Blätter, die eigentlich so etwas wie eine „bürgerliche Öffentlichkeit“ repräsentieren sollten, wechseln ins autoritäre Lager. Unterstützung erfahren die Bewegungen nur noch durch eine Handvoll links-liberaler Blätter und einer kleinen Riege von Autorinnen und Autoren, die diese eingeschränkte Plattform nutzen, um die Bewegungen publizistisch zu unterstützen.

Diese publizistische Unterstützung war meines Erachtens für die sich formierenden Bewegungen der 60er Jahre von außerordentlicher Bedeutung. Sie lieferten die Legitimation dafür, warum Rebellion gerechtfertigt war – weniger den Bewegten selbst, als vielmehr einer sich zaghaft konstituierenden nicht gegängelten Öffentlichkeit.

Ich will zum Abschluß dieser kleinen Serie über das Verhältnis von Bewegungen und Medien einige Vermutungen über diese Autorinnen und Autoren und über ihre Motivationen anstellen. Das ist etwas unausgegoren und müßte anhand von (auto-)biographischem Material überprüft werden. Doch da das hier schließlich ein Blog und keine wissenschaftliche Arbeit ist, sollen vorläufig einige Vermutungen genügen.

Die Autorinnen und Autoren, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die sich radikalisierenden Bewegungen publizistisch unterstützten, gehörten einer Zwischengeneration an. Sie waren zu jung, um zur eigentlichen Generation der Nazis zu gehören, waren aber Mitte der 60er Jahre bereits alt genug, um im Berufsleben zu stehen; und sie hatten einen Beruf gewählt, der zeigt, daß sie die Herstellung von Öffentlichkeit, publizistisches Wirken für ihre Berufung hielten. Der letzte Woche zitierte Otto Köhler ist Jahrgang 1935, bekannte Namen, die ebenfalls in diese Reihe gehören, sind etwa Hans Magnus Enzensberger (*1929), Alexander Kluge (*1932) oder auch Ulrike Meinhof (*1934). Diese Reihe ließe sich erweitern. Sie hatten alle den Nationalsozialismus noch als Kinder erlebt, die eigentliche Zeit ihrer schulischen und universitären Ausbildung fiel dann aber in die späten 40er und 50er Jahre.

Und ich denke, daß sie zunächst einmal durchaus an den demokratischen Neuanfang glaubten, der in den Sonntagsreden der Zeit beschworen wurde. Doch die demokratische Fassade war äußerst bröckelig, das Gerede von der westlichen Freiheit im Gegensatz zur Unfreiheit im Osten kaschierte nur sehr notdürftig, daß es dabei weniger um Freiheit ging, als vielmehr um die Fortsetzung des nazistischen Antibolschewismus mit anderen Mitteln. Ihre publizistischen Tätigkeit begriffen diese Autorinnen und Autoren deshalb als Aufgabe. Für sie ging es darum, diese abstrakte leere Freiheit, die sich in der Ablehnung der Unfreiheit im Osten erschöpfte, zur konkreten Freiheit einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit zu transformieren.

Das konnte im Rahmen der Systemkonfrontation des Kalten Krieges nicht gelingen. Kritik wurde nicht als Stärkung des demokratischen Gemeinwesens begriffen, sondern als Parteinahme für den Gegner im Kalten Krieg. Jede Kritik an unhaltbaren Zuständen oder politischen Repräsentanten wurde stereotyp damit gekontert, daß immer nur auf Mängeln im Westen herumgeritten werde, während die viel schlimmeren Zustände im Osten überhaupt nicht erwähnt würden. Und damit wurde dann zur Tagesordnung übergegangen. Die Kritik an den restaurativen Tendenzen in der BRD blieb in der Praxis völlig folgenlos.

Dennoch blätterte die demokratische Tünche immer mehr ab. Einen Wendepunkt markierte 1958 der Ulmer Einsatzgruppenprozeß. Hier zeigte sich erstmals, daß sich hinter manch bürgerlicher Fassade die Fratze eines brutalen Nazi-Killers verbarg. Der Eichmann-Prozeß 1961 und die Auschwitz-Prozesse 1963 taten ein übriges. Es wurde langsam unabweisbar, daß man nicht mehr nur mit dem Finger auf den Osten zeigen konnte, sondern daß es dringend notwendig wurde, auch vor der eigenen Tür zu kehren. Und dabei ging es nicht nur um Vergangenes. Hinzu kam der eskalierende Krieg in Vietnam mit den Greueltaten, die von der angeblichen Schutzmacht der westlichen Freiheit begangen wurden.

Doch die Argumentationsfiguren der Mainstreampresse, egal welchen Typus, änderten sich nicht. So heißt es, nur zum Beispiel, in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 11. 3. 1966:

„Die Vorgänge zeigen, wohin oberflächliche Einäugigkeit führen kann, wie der Regierende Bürgermeister diese Haltung einmal nannte, die nur noch die Toten in Vietnam sieht und nicht mehr die Toten an der Berliner Mauer.“ (zit. nach [1], S. 517)

Das Gefühl der Frustration, das sich bei engagierten Autorinnen und Autoren aufstaute, muß enorm gewesen sein. Als dann Mitte der 60er Jahre auf einmal Bewegungen auftraten, die nicht mit emsiger Recherche, betonter Seriosität und sorgfältig gewählten Worten den status quo in Frage stellten, sondern sich über diesen einfach mit provokanten Aktionen hinwegsetzten, muß das wie eine Erlösung gewirkt haben. Kein Wunder also, daß man sich auf die Seite der Pudding-Attentäter schlug, denn diese hatten mit ihrer zugegebenermaßen eher infantilen Aktion, die noch nicht einmal zustande gekommen war, mehr erreicht als Dutzende kluger Artikel. Und die dadurch geschlagene Bresche konnte nun publizistisch erweitert werden.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVOkation – mit all ihren kleinen Nadelstichen – ist, angesichts der Umstände, unsere einzige Waffe geworden. Sie ist unsere letzte Chance, den Autoritäten in ihre lebenswichtigen Weichteile zu treten. Durch unsere Akte der Provokation zwingen wir die Autorität, ihre Maske abzureißen. […] So werden sie gezwungen, ihre wahre Natur zu zeigen; vorgerecktes Kinn, gerunzelte Augenbrauen, die Augen starr vor Wut, nach rechts und links Drohungen ausstoßend, befehlend, verbietend, verurteilend.“ (zit. nach [2], S. 60)

Literaturverzeichnis

[1] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[2] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

Geschrieben von alterbolschewik

Februar 17, 2012 um 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Medien

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (2)

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Die Terrorisierung der Berliner Bevölkerung durch eine rote Minderheit nimmt immer stärkere Ausmaße an. […] Die pflaumenweichen Erklärungen, die Heinrich Albertz in dieser Sache bis jetzt von sich gab, lassen jedenfalls schwarzsehen. Es sei denn, es finden sich ein paar beherzte Berliner und machen es wie die Matrosen in Amsterdam. Diese ideologischen Gammler sind wahrscheinlich mit Argumenten nicht mehr zu überzeugen.“

Leserbrief von Gerd Schacht in der Berliner Morgenpost vom 11. April 1967

Für die Zeitungsausgaben am 7. April war die Freilassung der Verhafteten „Pudding-Attentäter“ zu spät gekommen – die Anhörung vor dem Untersuchungsrichter dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Während also die B.Z. noch mit dem Titel „Die Verschwörer schalten auf stur“ verkauft wurde, waren diese längst auf freien Fuß gesetzt worden. Der Tagesspiegel berichtete tags darauf sachlich und neutral:

„Der Richter hatte es abgelehnt, Haftbefehle zu erlassen, die von der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts eines Sprengstoffverbrechens beantragt worden waren.
Bei der Vernehmung kam der Richter zu der Auffassung, es bestehe kein dringender Verdacht, daß andere Gegenstände als »Rauchentwickler« hergestellt werden sollten.“ ([2])

Was bislang nur eine Behauptung der Verhafteten und ihres Anwalts war, hatte nun das Gütesiegel einer höchstrichterliche Bestätigung erhalten: Der nach der Verhaftung der „Attentäter“ herausgegebene Polizeibericht zeugte zwar von reger Phantasie, hatte aber mit der Realität wenig gemein. Man sollte glauben, daß die Springer-Presse, die von der Berliner Polizei in eine peinliche Lage gebracht worden war, empört Rechenschaft darüber verlangt hätte, wie es zu diesem fehlerhaften Bericht hatte kommen können. Doch weit gefehlt. Statt das Naheliegende zu tun, nämlich die Frage zu stellen, was die Gründe für diese Panne waren, titelte die BILD-Zeitung unverdrossen: „Die Polizei hat sich ein Lob verdient“. Und eingebettet in diesen Artikel konnte man lesen:

„Der Vernehmungsrichter setzte gestern früh um vier Uhr die acht Mitglieder des SDS wieder auf freien Fuß, obwohl der Staatsanwalt bis auf eine Ausnahme Haftbefehl beantragt hatte. Begründung des Richters: Kein dringender Tatverdacht eines Sprengstoffanschlags gegen US-Vizepräsident Humphrey! Dagegen die Polizei: »Wir konnten bei der Prominenz der Besucher kein Risiko eingehen.«“ ([5])

Skandalös! Da erdreistet sich also ein Richter gegen die geballte Autorität von Polizei und Staatsanwaltschaft zu entscheiden, es bestehe kein dringender Tatverdacht! Ja, wo kommen wir denn da hin!

Dabei war dies noch die harmloseste Variante, wie mit der behördlichen und journalistischen Katastrophe umgegangen wurde; überhaupt, und das lohnt sich wirklich festzustellen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen ausgerechnet die BILD-Zeitung als eines der eher gemäßigten Blätter des Springer-Konzerns. Deutlich heftiger sind die Kapriolen, wie sie die B.Z. schlägt, um nicht zugeben zu müssen, daß sie kritiklos und ohne Nachprüfung eine polizeilich Falschmeldung verbreitet hatte. Schon der Titel ihres Artikel gab die Marschrichtung für ihre Rechtfertigungsstrategie vor: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ Immerhin, eine gewisse Vorsicht ließ man nun walten. Angesichts des Artikel-Inhalts hätten sie durchaus auch „Die Bomben waren noch nicht fertig!“ schreiben können:

„Die Politische Polizei ist nach wie vor davon überzeugt, daß die Studenten Sprengkörper basteln wollten. Nicht verhältnismäßig harmlose Rauchbomben, wie sie behaupten. […] »Wir sind vielleicht eine Stunde zu früh gekommen.«, meinte gestern ein Beamter der Polizei.“ ([7])

Am dollsten aber trieb es wie immer die Berliner Morgenpost:

„[J]enen alles verstehenden und daher alles verzeihenden Träumern, die da meinen, unsere lieben kleinen Bombenschmeißer in West-Berlin wollten ja Herrn Humphrey nicht nach dem Leben trachten – sondern ihn nur erschrecken –, diesen Träumern sei gesagt: Einige der Verschwörer erkundigten sich vorher, wieviel Monate Knast der Umgang mit Sprengstoff hierzulande kostet – und stiegen aus.
Die anderen machten weiter mit, im festen Vertrauen auf unseren Rechtsstaat, in der Gewißheit, daß ein unabhängiger Richter sie selbstverständlich nach kurzer Zeit auf freien Fuß setzen würde und müßte, zumal die Kriminalpolizei nicht in der Lage war, zu dem geplanten (und gottlob verhinderten) Verbrechen auch noch den Gemordeten oder Blessierten mizuliefern.“ ([4])

Diese Eskalation von Seiten der Springer-Presse, die weit über einfaches journalistisches Versagen hinausgeht, läßt sich eigentlich nur auf eine einzige Weise deuten: Die Springer-Blätter verstanden sich nicht als Medium, nicht als neutraler Vermittler im Rahmen einer bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit, sondern selbst als Partei in einer Auseinandersetzung. Und ihre Position war eine durch und durch autoritäre: Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft der Meinung sind, daß bestimmte Personen hinter Schloß und Riegel gehören, dann wiegt das schwerer als der eigentliche Sachverhalt, selbst wenn dessen verhältnismäßige Harmlosigkeit durch einen Richter höchst offiziell bestätigt wurde.

Die Reaktionen der Springer-Presse machen deutlich, daß das eigentliche Verbrechen der „Verschwörer“ nicht darin bestand, den amerikanischen Vizepräsidenten in die Luft sprengen zu wollen – was definitiv und selbst für Angestellte des Springer-Konzerns erkennbar nicht der Fall war –, sondern daß sie die Legitimität der bestehende Ordnung grundsätzlich in Frage stellten. Und in dieser autoritären Logik unterscheidet sich ein Tortenwurf qualitativ nicht von einem Bombenanschlag.

Bereits im Jahr 1968 stellt eine Studie fest, daß Presseorgane wie die zitierten Blätter der Springer-presse

„die amtlicherseits verbreitete Version der Vorgänge übernommen haben, weil sie in Übereinstimmung mit den Repräsentanten der Institutionen die gleichen politischen Maximen als unantastbare voraussetzen. Die wenig explizierte Kategorie »Westliche Freiheit« bezeichnet eine Attitüde, einen Kanon von Urteilen und Standards, die nicht mehr zur Kritik gestellt sind. Proteste gegen einen ihrer Repräsentanten erscheinen zwangsläufig als Angriff auf die Existenz der »westlichen Welt«. […] Verstöße gegen den allseits gepflegten Konsensus […] werden nicht mit Argumenten, sondern mit Verdammungsurteilen belegt, die nicht nur im Falle der Springer-Zeitungen unzweideutig die Gewaltanwendung nahelegen.“ ([3], S.544)

Diese auf die Autoritäten und den Status Quo fixierte Haltung ist allerdings nur eine von insgesamt drei typischen Reaktionsweisen, die die Autoren der Studie identifizieren. Das eben beschrieben Reaktionsmuster wird dem sogenannten „restriktiven Typus“ zugeschrieben, zu dem, neben den Blättern des Springer-Konzerns, auch die Deutsche National- und Soldatenzeitung oder die Frankfurter Allgemeine zu zählen sind.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Blätter, die von den Autoren der Studie als „progressiver Typus“ bezeichnet werden. Hierzu zählen sie die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und den Spiegel. Mit unterschwelliger Arroganz konstatieren die Autoren der Studie:

„Es sind also Publikationsorgane, bei denen man nicht von einer Massenauflage reden kann und die sich weitgehend an ein Publikum mit besonderer Bildung und besonderen Interessen wenn.“ ([3], S. 487)

Auch diese Blätter agierten keineswegs neutral, sondern parteiisch, nur in die andere Richtung. Ihr Ziel war es, autoritäre Strukturen aufzubrechen und eine wirkliche, nicht nur formale Demokratisierung der Bundesrepublik zu befördern. Die Schlappe der Berliner Polizei und der Springer-Presse kam hierzu wie gerufen.

Im Spiegel kommentierte Otto Köhler den Polizeibericht über die Verhaftung der „Verschwörer“ wie folgt:

„Das war die Beschuldigung einer Behörde, die sich schon oft durch ihre frei gestaltende Phantasie im Umgang mit demonstrierenden Studenten hervorgetan hatte. Jeder Redakteur hatte somit gewiß Anlaß, sich der wiederholten Mahnungen des Deutschen Presserates an die Konvention zum Schutze der Menschenrechte zu erinnern, die vorschreibt, daß bis zur rechtskräftigen Verurteilung die Schuldlosigkeit eines Beschuldigten zu vermuten ist. Doch diese Mahnungen lagen – bestenfalls – im Archiv, der Polizeibericht aber lag auf dem Schreibtisch. Und das hatte Folgen.“ ([6])

Die Zeit ging noch einen Schritt weiter. Sie druckte eine satirische Glosse von Wolfgang Ebert ab, die angeblich das Überwachungsprotokoll aus der Zentrale des Berliner Polizeipräsidiums zitierte:

Zentrale an Dora 3: Feststellen, ob die Verschwörer in dem Laden auch Milchpulver gekauft habe. Wichtig!
Zentrale an Labor: Feststellen, was die Verschwörer mit Milch, Eier, Mehl und Puddingpulver machen können.
Labor an Zentrale: Pudding.
Zentrale an Waffenexperten: Ermitteln, wozu die Verschwörer den ganzen Joghurt brauchen könnten.
Gustav 4 an Zentrale: Die Verschwörer haben im Supermarkt Zucker und Zimt besorgt. Erbitten weitere Anweisungen.
Zentrale an Gustav 4: Feststellen, ob auch Grieß.
Dora 3 an Zentrale: Die Verschwörer haben soeben in der Molkerei vier Liter Schlagsahne gekauft.
Zentrale an Dora 3: Schlagsahne gab es in Amsterdam nicht. Offenbar eine neue Waffe. Bleiben Sie weiter am Ball!
Zentrale an Gustav 4: Was ist mit dem Grieß? Ein Präsident von Honduras wurde durch heißen Grießbrei umgebracht!
Zentrale an Otto 2: Wichtig! Sofort bei Behnke nachfragen, wie viele Eier die Verschwörer gekauft haben!
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E kommt aus Milchladen. In der Hand Quark. Macht einen verdächtigen Eindruck. Erbitten weitere Anweisungen.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B betritt Drogerie.
Otto 2 an Zentrale: 14 Eier für 11 Verschwörer, drei wahrscheinlich zum Essen.
Zentrale an Gustav 6: Was ist mit dem Quark?
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E ißt ihn. Mitten auf der Straße.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B kommt aus der Drogerie mit Ata und Vim. Angeblich zum putzen. Wahrer Verwendungszweck eindeutig.
Gustav 4 an Zentrale: Als Monteur verkleideter Beamter stellte in der Wohnung fünf Buttercremetorten fest. Ob eßbar fraglich. Verschwörer G wollte an einer Torte naschen, wurde aber von Kollegen schroff zurechtgewiesen.
Zentrale an Gustav 4: Die Buttercremetorten im Auge behalten.
Anton l an Zentrale: Verfolgen Verschwörer, der Mehlspuren hinterläßt.
Zentrale an Anton 1: Bleiben Sie ihm auf den Fersen! Immer daran denken, was Ihnen passiert, wenn Humphrey was passiert – ausgerechnet in Berlin!“ ([1])

Das war ein publizistischer Tortenwurf direkt in das Gesicht der Berliner Polizei – und es wäre durchaus interessant, der Frage nachzugehen, inwieweit deren besonders aggressives Vorgehen während des Schah-Besuches zwei Monate später eine Reaktion auf diese Lächerlichmachung in der Folge des Pudding-Attentates war. Eine halbstarke Trotzhaltung nach dem Motto: „Jetzt zeigen wir es »denen« mal richtig“ könnte da durchaus eine Rolle gespielt haben.

Eines jedenfalls machen diese Zitate aus Spiegel und Zeit deutlich: Die antiautoritären Protestgruppen waren keineswegs isoliert, sondern konnten auf eine zwar kleine, aber publizistisch rege sympathisierende Fraktion im Medienbetrieb rechnen. Ganz offenkundig war die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik der 60er Jahre nicht nur uneins, sondern massiv gespalten.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn die Kieler Nachrichten vom 7. April 1967 der Meinung sind:

„Protestieren, Demonstrieren, Rebellieren ist nun einmal das Vorrecht der Jugend. Die Jahre glätten auch diese Wogen. Heute soll man ihnen nicht nur erlauben, ein Element der Unruhe zu sein. Man soll froh darüber sein: Wären sie es nicht, wäre es um die politische Zukunft der Nation wohl viel schlimmer bestellt.“ (zit. nach [3], S.544)

Literaturverzeichnis

[1] Ebert, W., „Pudding-Mörder“, in: Die Zeit, Jg.20 (1967), Nr.15 (14. April 1967), S.7.

[2] Tagesspiegel, 08. April 1967: „Die beschuldigte “Provo”-Gruppe vom Vernehmungsrichter freigelassen“ (Eigener Bericht), S.2.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] BERLINER MORGENPOST, 08. April 1967: „Liebe kleine Bombenwerfer“ (Jo), S.2.

[5] BILD (Berlin), 08. April 1967: „SDS-Mitglieder freigelassen“ (ka), S.2.

[6] Köhler, O., „Mord“, in: Der Spiegel, Jg.21 (1967), Nr.17 (17. April 1967), S.61.

[7] B.Z., 08. April 1967: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ (L.R.), S.4.

Geschrieben von alterbolschewik

Februar 10, 2012 um 16:24

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