Archiv für die Kategorie ‘Das Netz’
Solidarity
Der Germanistik-Student Kouadio Atobé interpretiert vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in seinem Heimatland Elfenbeinküste den Text des Solidaritätslieds von Bertolt Brecht gegenwartsbezogen. Atobé arrangierte den Text über einen Beat und realisierte zusammen mit dem Chor des Deutschclubs der Universität Cocody und befreundeten Germanistik-Studenten eine Poetry-Performance.
Das Internet-Manifest und seine Gegner
Es ist lustig,
da machen sich gestandene Blogger und Journalisten ernsthaft nette Gedanken, entwerfen in Asta-esker Gemeinschaft ein Internet-Manifest – und dann werden sie als Berliner Clique beschimpft.
Wie kann das passieren?
Weil die deutsche Bloggerlandschaft eine kleine inzestiöse Mischpoke ist, die Seilschaften und eitlen Feindschaften in Journalisten-Kreisen der 90er Jahre d.l.J. zur Ehre gereicht?
Zuwenig Humor für meinen Geschmack. Zeit für eine Alternative?
Zur historischen Schwäche der Linken
Niemals war, zumindest hierzulande, die Linke als historische Kraft so schwach wie in den letzten Jahren, in der Defensive aber ist sie seit knapp zwei Jahrzehnten. Die Bonner Wende 1982 leitete eine Entwicklung ein, welche die Erfolge und Modernsierungseffekte, die 67er und Brandt´sche Reformpolitik erreicht hatten, kanalisieren und eindämmen, langfristig auch da, wo sie nicht zu einer Effektivierung des Kapitalismus führten, sondern soziale Forderungen über das Bestehende hinaus hervorbrachten rückgängig machen sollte. Der Rollback wäre auch ohne Kohl gekommen, denn schon Schmidt hatte mit NATO-Doppelbeschluss und Rotstiftpolitik die Grundlagen geschaffen. wahrscheinlich war es funktionaler für das System, wenn die FDP putschte und eine schwarzgelbe Regierung die Drecksarbeit erledigte, verhindete dies doch einen Linksruck innerhalb der SPD, deren Basis schon damals gegen Schmidt rebellierte. Eine SPD in der Opposition wirkte auch stabilisierend hinsichtlich der damals ja als Massenbewegung auftretenden Neuen sozialen Bewegungen, die sich mit einer SPD an der Regierung nicht für sozialdemokratische Politik vereinnahmen hätten lassen und möglicherweise sich radikalisiert hätten. Wi9e auch immer, den eigentlichen neoliberalen Durchmarsch nahm dann erst ausgerechnet Gerhard Schröder vor und brachte mit HartzIV und Dauerauslandseinsätze der Bundeswehr seine Partei politisch und moralisch auf den Tiefpunkt. Ich bin ja durchaus der Auffassung, dass sich trotz “geistig-moralischer Wende” die westdeutsche Gesellschaft während der Achtziger durchaus noch nach links entwickelte, aber diese Entwicklung ist mit fortschreitender Tendenzen zur Entmündigung ganzer Bevölkerungsteile und einer repräsentativen Kulturpolitik für die Eliten einerseits und dem tittytainment des Unterschichtenfernsehens andererseits nachhaltig umgedreht.
Wenn ich da ein paar Blogs weiter immer noch etwas darüber lese, dass diese Gesellschaft von der Linken dominiert sei, es einen linken Mainstream in den Medien gäbe usw. frage ich mich, ob gewisse Autoren noch bei Verstand sind.
Ach, wenn man mal zustimmen kann, sollte man das tun!
Hoffen wir mal, daß es wirklich klappt, toi, toi, toi, bin da ja schon noch ängstlich – “Signed, Sealed & Delivered, I’m Yours!” hat er ja immer gespielt bei seinen frühen Wahlkampfveranstaltungen …
Wie wir sind, Teil 2
“Die Linken sind allem spinnefeind, was eine generelle Freiheit fordert.
Ihr Ideal ist die “Freiheit” unter (links definierter) staatlicher Fuchtel mit Umverteilungsautomatismus (…) . Denn was die Linken wollen, ist nichts anderes als die Kontinuität feudalen Anspruchs unter linken Vorzeichen. Für jeden freiheitlich Gesinnten eine horrible Vorstellung.”
Kommentar in ‘nem unverlinkbaren Blog. Die nubbeln sich da einen, das muß irgendeine Form von Pornographie sein, dieses Denken – oder zumindest ähnliche Handlungen auslösen. Nix gegen Onanie, aber wenn die das braucht, die verdinglichte Wixvorlage erst mal zu beschimpfen, “Du Nutte! Dreckstück!” oder so, dann stimmt da was nicht. Zudem sich ja dieses Denken eh auf die These “Freiheit für Vergewaltiger, die Alte gehört mir!” reduzieren läßt – zumindest in der Version eines xiongshui oder Michel. Dazu demnächst aber mal mehr, bin mal wieder aufgrund jüngster Konflikte in den Feminismus hinabgestiegen und fand da noch viel mehr Plausibles, als ich es in Erinnerung hatte.
“Ich war es nicht, es war Mabuse, der benutzte mein Gehirn” singen Locas in Love hier gerade, steckt der da vielleicht hinter?
Stammesfehden oder: Wie wir sind!
Ist das jetzt eine Vorstufe zur Ethnisierung politischer Diskussionen? Oder sind’s die Betrachtungen eines Unpolitischen? Politische Positionen, nix anderes als Charakterschwäche? Oder liegt’s einfach nur daran, daß der Autor offenkundig ausschließlich von Linken umgeben ist oder die Tendenz hat, sich die falschen Freunde zu suchen?
Kommt, laßt uns den Wahrheitsbeweis für die Aussage antreten
…
„Jede Idee, die sich nicht am Sozialen bricht und dabei verwirren, zerstören oder beglaubigen lässt, gibt es gar nicht.“ (Rainald Goetz)
Ja, ertappt. Ich bekenne mich der schlechten Texte schuldig und stoße diese Selbstkasteiung in tiefer Dringlichkeit und Leidenschaft heraus. Christliche Sedimente trägt ja jeder in sich.
Er hat ja recht, der Herr Gutmeir. Auch wenn im verlinkten “Texte zur Kunst”-Text die Pointe sich doch eher auf den ökonomischen Strukturwandel bei den Zeitungsarbeitern bezieht, so gilt das doch wohl für die Blogosphäre nur noch mehr. Und in gesteigerter Form. Meine Güte, in elendig gesteigerter Form …
Seltsam ist, daß dieses “Ich” beim Fernsehen nur Priveligierten vorbehalten ist: Wenn Gerd Ruge die Puszta bereist oder Gero von Boehm unterwegs ist. Ansonsten ist das Objekt der Berichterstattung “Ich”-Sager.
Was ja direkt zur Malerei überleitet: Die Kamera suggeriert ja so etwas wie eine Subjektive selbst dann, einen Blickwinkel, wenn sie nur statisch die Linse der Alten Meister reproduziert in all ihren Kompositionsversuchen. Obwohl so keiner guckt: Eher wie ein Schaufenster in die die Objektive nimmt das müde Volk den Blick in den Kasten wahr, trotz eindeutiger Perspektivik – oder eben als Unterhaltung, die ist zwar auch an Perspektiven gebunden, aber inwiefern sie Wahrheitsträger ist, das überforderte mich jetzt (ich!).
Läßt man hingegen den Blick schweifen mit der Kamera wie mit dem Auge, dann kann sich das eigentlich kaum jemand anschauen. Das macht einen irre, weil die immer da hinguckt, wo man gerade gar nix sehen will. Genau deshalb konnte es einen Rothko und diese solche auch erst geben, als es schon Film gab.
Mit Malerei hat das deswegen zu tun, weil eben deren interpretative Leistung die der Kamera immer toppt. Weil Malerei z.B. den Blick in Tessiner Dörfer räumlich verdichten und synthetisieren kann, viel besser als Sprache oder Linsen das je möglich wäre – oder selbst bei noch so dollen Postproduktionstechniken der Kamera es erlaubt: Diese Form der “Verdichtung” kennt auch der “Herr der Ringe” nicht.
Deshalb ist der folgende Satz aus dem verlinkten Text auch so traurig:
“Es war wohl kein Zufall, dass der Siegeszug der Verfallsformen des sogenannten Popjournalismus zur selben Zeit stattfand, als diese Entwicklung Fahrt aufnahm. Seine Vorläufer hatten mit dem Einnehmen eines subjektiven Blicks unter anderem das Unterlaufen der alten Grenzen zwischen Hoch- und Subkultur im Sinn gehabt. Alltagserfahrungen wurden vor kanonisiertem Wissen privilegiert, wobei es im besten Fall darum ging, theoretische Interessen und den genauen, so empathischen wie kritischen Blick auf popkulturelle Phänomene miteinander zu verbinden.”
Ach, heroische Zeiten. Wie kam’s eigentlich zu diesem Progarmm? Und wieso war das wichtig?
Ist ja schon so, daß man genau das einst aufgesogen hat und dann doch nie machen durfte, in meinem Feld eher, weil Regeln des Populären schon vorm Geschriebensein den Text infizieren wie ein Pilz und jeder Versuch, ein sprachliches Bild zu finden, das aufhorchen läßt, der Zensur durch den Markt sofort zum Opfer fällt. “Das ist fein, zu fein!” bekam ich neulich mal wieder zu hören.
Umgekehrt gefragt: In welchen Feldern ist denn aktuell das Brechen des Kanonischen durch Alltagserfahrung relevant?
Welcher Kanon regiert denn eigentlich gerade? Der Einbürgerungstest? Nach bald zwei Jahren der Klassiker-Exegese habe ich nicht mehr das Gefühl, daß diese selbst es sind, sondern daß das Behaupten, es seien Klassiker, den Zugang zu ihnen versperrt, ansonsten haben die wenig beigetragen zum real-existierenden Kanon – manche haben ja eigentlich sehr viel zu erzählen. Pro Hochkultur!
Nun ist diese Position selbst schon wieder klassisch, und so dreht man sich ein in die Frage, ob diese Darstellungsformen denn nun wirklich die Relevanz haben, die Schreibende und sonstwie Darstellende ihnen zugestehen – aber was hast denn sonst Relevanz? Was ist dringlich und mit Leidenschaft anzupacken? Dann kommen nämlich die nächsten Sätze in der Abhandlung des Herrn Gutmeir, die einen völlig fertig machen, weil sie wahr sind:
“Dabei können sie gar nichts dafür, dass sie sich als Germanisten, Kulturwissenschaftler oder Kuratoren in der Welt der Exzellenzinitiativen und unter dem Regime von Bachelorstudiengängen in einer ständigen Konkurrenz um Drittmittelprojekte, Fördergelder oder Kunstmarktanteile befinden. Das zwingt sie dazu, sich plötzlich als Experten zu Klimakatastrophe, Nachhaltigkeit oder interkulturellem Austausch äußern zu müssen. So werden sie gleichermaßen zu Opfern und Akteuren eines Prozesses, in dem Kunst und Kultur als Diskursagenturen für eigentlich politische Fragestellungen missbraucht werden. Nur die Benennung und „Thematisierung“ gesellschaftlich drängender Probleme scheinen den Organisatoren von Tagungen und Veranstaltungsreihen und den Kuratoren von Ausstellungen heute Fördergelder und Aufmerksamkeit zu bescheren.”
Der Autor drüben endet ja selbst damit, daß auch die Alltagserfahrung, irrelevante, in Zeiten, da Geld für die Recherche fehlt, dann eben der einzige Stoff sei, der übrig bleibt, das billigste Material halt – für die Print-Medien. Für’s Fernsehen ja eher Archivschlachten mit Interviews vor Blau oder schwarz, Einrichtungs-, Garten- und Traumhaus-Soaps und “Mein neues Leben XXL”. Na, und Ranking halt. Und “Das Model und der Freak”.
Ja, aber was bleibt dann eigentlich noch? Außer Disco-Musik aus den 70ern, dem FC St. Pauli und der Kritik der politischen Ökonomie? Das kann doch nicht alles gewesen sein ….
Heimatkunde
Hatte damals, ’88, ein WG-Zimmer im Hochparterre am Neuen Pferdemarkt, und es war schon skurril, morgens beim Runterklettern vom Hochbett immer erst mal den Polizisten da im Mannschaftswagen vor dem Fenster zuzuwinken. Auch das staatlichgewaltmonopolistische Abtasten des frisch gekauften Gouda, wenn man von der S-Bahn kommend auf dem Weg nach Hause erst mal den Perso an der Polizeisperre vorweisen mußte, das war schon eine Erfahrung. Toller Text von Martin!
80
Der wäre ja heute 80 geworden. ich habe eher ein gespaltenes Verhältnis zu Andy Warhol. Rein musiksozialisatorisch waren “The Velvet Underground” für mich ja ganz zentral. Die hatten historisch den Punk ja nicht nur vorbereitet, sondern biografisch eigentlich auch wieder vom Tisch gefegt. Vor dem Werk von Warhol hingegen stehe ich immer etwas sprachlos. Die Siebdruckverfahren, das Serielle der Bilder, das hat mich nie wirklich gepackt. Die Ikonen Liz Taylor, Mao oder die Monroe waren schlichtweg keine Ikonen für mich, und der Reiz der “Campbell Soup”-Dosen wurde ja schon frühzeitig durch die Museums-Shops zerstört. Das hat lustigerweise eine Reauratifizierung des Siebdrucks zur Folge. “Durchlauferhitzer des Glamours”, nennt die SZ den Warhol heute. Und “Drella” war ja auch so ein Spitzname von ihm. Dieses Bild als Künstler-Unternehmer zwischen cooler Sau und schüchterner Prinzessin, ist ja auch nicht unproblematisch. Folgerichtig wurde er dann auch zum Abziehbildchen seiner selbst. Die Zitierfähigkeit in der Popkultur wäre an ihm wohl am deutlichsten sichtbar zu machen. Und seine Time Capsules waren schon auch irgendwie Vorläufer der Blogs, in ihrer zeitgebundenen Dokumentation des Subjektiven. Wahrhols Filme stattdessen fand ich irgendwie immer super. Weiß noch, dass ich als 17-jähriger einen seiner Filme auf Arte gesehen hatte, nachts um halb 3 (müsste “Sleep” gewesen sein) Und bin selber immer wieder dabei eingeschlafen, weil sich das Bild nie änderte. Und “Blow Job” da oben, das ist ja mehr als bloße Pornoästhetik. Eigentlich geradezu der Versuch, den Idealtypus des Oralsex darzustellen, ihn aber gleichzeitig zu invertieren. Diese ganze aktiv-passiv-Differenz des Sex wird auf den Kopf gestellt. Und ein Bild des schwulen Begehrens ließe sich sicherlich auch entziffern – nicht zuletzt, weil es so mythenumrankt ist, dieses Filmchen.
Can we?
Irgendetwas ahnen sie ja was, die ehemaligen Mitdiskutanten von Gegenüber.
Daß deren Lesenswertester und Denkoffenster sich jüngst verabschiedet hat, darüber öffentlich zu trauern hatte ich in den letzten Wochen schlicht keine Zeit. Ich tu’s hiermit – vermisse Dich jetzt schon, Statler.
Nunmehr, rund um’s allseits diskutierte Thema Obama, ist die komplette Begrifflosigkeit derer, mit denen zu diskutieren lange ja Spaß gemacht hat, offenkundig.
Dieses verbale Irrlichtern und Rumgehöhne gegen genau das, was ansonsten sie lautstark einfordern, verblüfft. Diese verschnupfte “Ätschbätsch”-Haltung, die in tragischer Naivität dann zu einer Metaphorik der “Vertragsverhältnisse” übergeht, wenn sie Politik nicht begreift, weil sie weder über Begriffe kommunikativer Macht noch in Ökonomie gründender, massenmedialer Mechanismen verfügt und von Bildern ganz offenkundig schon gar keine Ahnung mehr hat. Ganz, als würden diese nicht ihr täglich Konto füllen.
Sie merken nicht, daß gerade sie eben auch zwischen Politik und Wirtschaft pro Politik unterscheiden und eigentlich eine Sehnsucht nach dem herrschaftfreien Diskurs in ihrem Denken nie gestorben ist, einer also, der sachlich das Richtige sucht – etwas, daß im Falle ökonomischer Kontexte dann zerrgespiegelt als “Vermachtung” erscheint, wenn z.B. Betriebsräte über das Firmenwohl mitdiskutieren wollen.
Etwas, daß sie handlungstheoretisch durch eine Verabsolutierung des Strategischen zurückweisen – und jetzt weinen sie danach, weil angeblich Obama genau das sonst grundbegrifflich Zurückgewiesene nicht erfüllte. Und da, wo er es doch täte, dann natürlich eigentlich ganz im Sinne ihrer objektiven Notwendigkeiten redete. Das beklagen und beschwören jene, die einen Kampf gegen Terror jenseits von Anti-Terrorgesetzen schon gar nicht mehr vorstellen können. Als ginge nicht auch, diesem die ideologische Basis und somit die Legitimation zu entziehen.
Dabei ist Obama ja unter anderem in der Art eines Quotenhits auf RTL oder, weil cooler, ProSieben, gestrickt – bei allen Mediendiskussionen wollen sie doch genau das, unsere Gegenüber: Pilcher statt 70er-Jahre-Autorenfilm, letzterer sei ja nur elitär und durch den zwanghaften Staat und dessen Subventions- und Enteignungspolitik ermöglicht.
Dabei raus kommt das, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen dann im Offtext daraus macht, die sind mittlerweile im Bereich Show und Infotainment sehr an der Nachfrage, soll heißen: Quote orientiert und formulieren dann ganz ähnlich wie die Marketing-Strategen in Obamas Rücken. Ein “Yes, we can!” würde da nicht weiter auffallen. Und ob das Klöppel oder Kerner ausstößt, das ist ja eigentlich auch schnurz. Wer alles privatisieren will, landet genau da, formal gesehen.
Das wurde ja schon an Schröder gegeißelt, daß er als “Medienkanzler” nur leere Worthülsen proklamiere, etwas, was in der i-phone-Werbung sich ja jeglicher Kritik entzöge, weils da vermeindlich privat sei.
Während Sadam um die Ecke bringen und Bomben schmeißen so richtig schön handfest und unmittelbar verifizierbar ist; insofern korrespondiert das dann auch mit erkenntnistheoretischen Erwägungen, die bei unseren im 19. Jahrhundert es sich gemütlich eingeigelt habenden Gegenübern so trendy sind.
Das ist in der Tat Wein trinken, Wasser predigen: Obama bedient schlicht das, was Werbung, Wirtschaft und Weltpolitik gleichermaßen zusammenhält – und was im Falle von Wirtschaft kein Schwein mehr anrüchig findet, ja, was dort als Erfolg gefeiert wird und diesen auch erst möglich macht. Kann man ja noch so doll funktional sinnvolle Produkte erfinden; wenn keiner die mitkriegt, der Vertrieb fehlt und die Produkt-Propaganda ebenso, dann bleiben die auch in des Erfinders Scheune stehen.
Genau an diesem Punkt bekommt das Netz als neue Distributionsform ja seine Durchschlagskraft: Daß Obama zunächst als Internet-Politiker gehandelt wurde und Youtube ihn zum Weltphänomen werden ließ, das sind halt jene Mechanismen jenseits von Wahrhaftigkeit und Richtigkeit, die Macht generieren helfen.
Frage ist ja eher: Kann das zusammengehen, Politik und, ich sach’s mal reduziert, Marketing? Gibt es dann noch eine “Message” jenseits der Form selbst?
Ist ja die alte “Kulturindustrie-Kapitel”-Frage, die jüngst auch hinsichtlich linker Politikaufkam drüben beim Che. Da war’s die Diskussion um die Postmoderne und Postrukturalismus, die zu jener Frage Frage führte, ob Dekonstruktion und “zersetzende” Anti-Theorien denn das Denken “der Linken” geschwächt hätten (Gedanken, die manchen Internet-Chef-Autisten dazu trieben, sich mit Dildos bewehrte Stuten vorzustellen oder so ähnlich) – vielleicht ja gerade, WEIL sie versuchten, jenseits des Slogans anzusetzen und deshalb wahrer sind, nur daß sie Wahrheit eben reflexiv, prozessual und dynamisch, nicht vom Objekt her gedacht bestimmen?
Mit anderen Worten: Muß man, um politisch nicht schwach zu sein, sich ggf. genau jenen Regeln unterwerfen, die den Medienzirkus zur Ideologie verkommen lassen? Uralt, die Frage, und doch brandaktuell.
Das ist nun eine in der Tat sogar weltpolitisch entscheidende Frage, wenn man Obama so erlebt. Und das ist, was die Gegenüber ahnen: Würde wirklich ihre Welt wahr, in der Politik nur noch Eigentum schützt und für Sicherheit sorgt, ansonsten aber ALLES, eben auch Medien, nur noch in privater Hand sich befänden – könnte sie dann ihre Kritik an Worthülsigkeit und Messiahshaftigkeit überhaupt noch anbringen? Oder hätte die tatsächlich ihren Gegenstand verloren, weil Berlusconi eigentlich auch nicht weiter schlimm ist?
Und welche Ebene ist’s denn, auf der sie in dieser Frage ihre Kritik ansiedeln? Vertragsverhältnis? Angebot und Nachfrage? Negative Freiheit? Kommt da nicht doch auch Sprache in’s Spiel?
Und vor allem: Kann es trotz alledem auch wahr und richtig sein, mit Obama zu fiebern, gerade weil seine Bildgewaltigkeit auch neue Denkräume erschließt? Weil Weltbürgertum im Sinne der Bürgerrechte eben auch eine als Slogan tragfähige Message ist, die einst sogar die Mauer zum Einsturz brachte – und weil sich diese Botschaft gerade NICHT aus den ökonomistischen Imperativen herleiten läßt? Und weil, vielleicht deshalb der öffentlich-rechtliche Off-Text gar nicht so übel ist, der rein werbefinazierte bei RTL aber eben doch?