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Cordula Meyer sagt, wie es nicht ist
Was diese Frau uns so bietet im SPIEGEL ist schon ein sehr starkes Stück.Muss man eigentlich, um heute beim SPIEGEL erfolgreich schreiben zu können (ich schrieb da auch mal, aber das ist echt lange her und war auch nur kurz) dieses neoliberal/neocon-Neusprech draufhaben?
„Er eignet sich als Galionsfigur für Protestbewegungen gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen Unrecht im US-Justizsystem, gegen Globalisierung, gegen alles, was Linke weltweit an Amerika hassen.“
Wenn ich jetzt mal im Netbitch-Style eine logische Umkehrung anwende, bedeutet das also links=antiamerikanisch, und proamerikanisch sei es, für Todesstrafe, für die US-amerikanische Vergeltungsjustiz, für Globalisierung und Rassist zu sein. Für solches Phrasendenken dürfte in seriösen Medien eigentlich kein Platz sein, das ist Bild-Niveau. Vielleicht sollte sich der SPIEGEl hinsichtlich Journalistendeutsch mal an Dotcomtod orientieren, wo auf Phrasendenken noch regelmäßig die Drohung des Nörglers folgte, eigenhändig in den Häcksler gesteckt zu werden.
Weiter im Text: „Er gehörte zum Umfeld der Kultbewegung Move. Die Mitglieder dieser Schwarzenkommune propagierten die Revolution und das unbedingte Lebensrecht von Kakerlaken. Zum Schluss trugen die Sektierer dann Waffen.“ — Aus der Tatsache, das MOVE zeitweise mit den Positionen radikaler Tierrechtler liebäugelte, wird ein Satz konstruiert, der rein semantisch radikale Schwarze mit langen Rasta-Locken in die Nähe von Ungeziefer rückt. Na ja, und für Ungeziefer gab es ja schon immer die Gaskammer, nicht wahr?
Nicht auf der reinen Faktenebene, sondern in gewissen sprachlichen „Besonderheiten“ liegt das Üble dieses Artikels, dessen Tendenz dann eben auf eine Befürwortung der Todesstrafe für Mumia hinausläuft, aber so geschickt formuliert, dass die Autorin direkt niemand festnageln kann. Und die eigentlichen Hammer-Aussagen kommen dann eben auf Metaebenen, da mit Assoziationen und nicht mit klaren Bekenntnissen zu dem Ungeheuerlichen gearbeitet wird, das da latent mitschwingt. Man kann diesem Kommentar nur zustimmen:
„Was also will nun die Dame Cordula Meyer mit ihrem Geschreibsel? Will sie uns damit vermitteln, daß man den einen Schwarzen ruhig noch vergasen/totspritzen/verbrennen kann, bevor man endlich mal wieder eine ernsthafte Diskussion über „Sinn und Nutzen“ der Todesstrafe in einem „G8-Staat“ anregen kann? Oder wie? Warum kein empörter Artikel über dieses Thema Todesstrafe insgesamt?
So kommt es für mich leider so rüber, wie oben schon erwähnt: Die Frau hat Recht auf ihre Rache, der Schwarze ist schuldig, bringt ihn um!“
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,645083,00.html
Welcome to the seventies!
Ich bin ja schon lange nicht mehr in der Mensa gewesen, und so wunderte ich mich, mit was für einem Outfit mir da ein paar Studenten entgegenkamen: Lange Haarmähnen, Fusselbärte, Jeans, Parka oder Cordanzug. So sahen die typischen Studenten aus, als ich noch Kind war. Ist das ein neuer Trend?
Zur kulturellen Verortung oder was man so liest und schaut
Wenn ich in anderen Blogs so lese, was dort wiederum gelesen wird und welche Fernsehprogramme für relevant erachtet werden fallen mir mitunter gewaltige Diskrepanzen ein. Momorulez zum Beispiel hat ein ganz anderes Verhältnis zu Sendungen, zu denen ich teilweise gar nichts sagen kann, wo ich aber auch nicht auf die Idee kommen würde einzuschalten (Deutschland sucht den Superstar etwa). Zum Anderen hat er scheinbar keinerlei Bezug zum größten Teil der Romanliteratur, die ich so lese. Don besitzt erst gar keinen Fernseher und bewegt sich hinsichtlich der Literaturrezeption zwischen dem Barock und Tucholsky, Frau Modeste findet die deutsche Nachkriegsliteratur vor den 90ern, also Böll, Bamm, Bachmann, Johnson, Grass und so weiter fast durch die Bank schlecht, kann aber mit Christian Kracht wieder etwas anfangen, den ich ja eher unter Irrungen/Wirrungen verbuchen würde – nein, nicht mit Fontane vergleichen, sondern voll daneben finden. Mein weiteres Lebensumfeld bzw. alt angestammter Freundeskreis hat so einen gewissen gemeinsamen Fundus, der in meiner Lebenswelt fast als Standard gilt. Da lesen die meisten Leute moderne historische Romane wie „Die Säulen der Erde“, „Die Varus-Legende“, „Das Blut der Könige“ oder „Der 77. Grad“. Science fiction und Fantasy, vor allem in ihren satirischen Varianten sind viel frequentiert, und Douglas Adams, Terry Pratchett und Walter Moers gehören ebenso zur Allgemeinbildung wie Asterix, Donald, japanische Mangas oder französische, spanische und italienische Erwachsenencomics. Cineastisch teilt sich mein Umfeld in eine Fraktion, die praktisch nur Autorenfilme sieht und Hollywood boykottiert (Ich habe tatsächlich Freunde, die mit den Namen Bruce Willis und Denzel Washington nichts anfangen können) und eine Gruppe, die auf harte Actionfilme abfährt und Arnie ebenso kultet wie Alien, Matrix, Star Trek und James Bond. Na ja, und ich bin mitten dazwischen, habe mir auch Titanic angetan, liebe andererseits Godard, Bunuel, Yilmaz Günay, solch gänzlich unbekannte Filme wie das kurdische Guerrilla-Drama „Ein Lied für Beko“ oder „Eine Saison in Hakkari“ und habe gerade mit Begeisterung „Buddenbrooks“ und „Effi Briest“ gesehen. Und natürlich sind auch der „Herr der Ringe“ und der „Goldene Kompass“ Kult. Eine besondereSchwäche habe ich für opulente Naturfilme wie Attenborough oder Fothergill sie machen (Top Act: „Blauer Planet“), während ich mit der deutsche Fernsehunterhaltung auf privaten Kanäle so wenig anfangen kann, dass mir die Sätze „Ich bin ein Star! Holt mich hier raus!“ auf einem Blog nicht mehr sagten, als es jetzt vielleicht eine Sentenz auf Tagalok oder Kiowa getan hätte – buchstäblich überhaupt nichts. Es sollte jedoch niemand auf die Idee kommen, mich anzurufen, wenn „Tatort“ läuft. Und nun frage ich mal einfach in die Runde: Wie schaut das bei Euch so aus?
Good Luck, Mr. President!
Das ist schon eine mächtig symbolträchtige Veranstaltung: Amtseinführung am Martin-Luther-King-Tag, und die First Lady packt Care-Pakete. Da bin ich ja wirklich gespannt, wie sich die Amtszeit gestaltet und wünsche Obama alles Gute.
Für das sich episodisch neu erfinden!
Wo ich mit schon andernorts mit Mitbloggern heftig über das unten stehende Zitat streite, sei es doch noch mal hoch geholt, vielleicht steckt da ja mehr drin, als es mir auffällt:
“Erfolgte die Stabilisierung des Selbst im sozialdemokratischen Zeitalter vielfach durch konsumtive Attribute, die aufgrund der Ausbeutung einer zerstreuten Millionenzahl von Weltmarktarbeiterinnen erschwinglich war, so mindern nun andere, noch billigere Räusche die Scham des Herabgesetztseins und das Gefühl der Entwertung. Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen werden zu einem Elixier vermengt, wie es uns täglich aus dem Fernsehen und aus den Portalen entgegenschwallt. Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie gepräögten Abläufen. Der Einzelne erfindet sich episodisch neu, sehr wohl in der Ahnung, dass die Bausteine seines Selbst außerhalb vorfabriziert werden. Eine Welt genormter Individualisten und medial geformter Lebensstile ersetzt die postnazistische Forderung nach Konformität. Heute weicht jeder genüsslich von der Norm ab. Das Biedere, Langweilige, Komplizierte wird argwöhnisch beäöugt. Gleichwohl sind dem spaßigen treiben staatlich enge Grenzen gesetzt, wie jüngst die Rostock-people knüppeldich zu spüren bekamen. Bei ernsthaft renitenter Individualität besteht Terrorismusgefahr! Aus all diesen Facetten wird ein unternehmerisches Selbst formiert, mit allen individuellen Freiheiten ausgestattet, und nur der einzigen Drohung ausgesetzt, im kreativen Rattenrennen nicht schlapp machen zu dürfen. That´s the mystery!”
Ich frage mich ja bei solchen Expertisen über das post-post-moderne Leben immer, aus welcher Perspektive sie formuliert sind.
Woher wissen die das? Wieso können sie dem totalen Verblendungszusammenhang entrinnen – oder ist der Text selbst Ausdruck von „Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen“ ? Worin unterscheidet sich denn diese „“noch billigere“ Form von der davor? Daß es früher ein schärferes Pornographiegesetz gab? Und man sich beim Amusement so schön schämte?
Wie kommt es denn, daß in den 80ern allerlei Leute, z.B. Lydia Lunch und der Herr Thirwell, in der Pornographie progressives Potenzial witterten, und wann haben Alice Schwarzer und Andrea Dworkin trotzdem recht? Wäre ja interessant, darüber was zu erfahren, aber ganz wie Evangikale in den USA stellen sie dann „Porno“ in’s Zimmer und gucken’s böse an. In New York führte solche Denke dazu, daß es sehr schwierig ist, eine Lizenz für’s Tanzlokal zu erhalten, weil schon Arschwackeln irgendwie anrüchig sein könnte und vielleicht sogar Spaß macht … na ja, Grönemeyer kann ja auch nicht tanzen. Und die Autoren haben dem Rest der Menscheit Ganz-Wissen voraus, offenkundig, und flüchten vor jeder Unterhaltung. So kommt dann ein Monolog bei raus.
Gegen so eine latent debile Reihung von Assoziationen - „Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie geprägten Abläufen“, das ist doch selbst nur „Ich gucke Werbung und halte das dann für die Welt“ – verfügt selbst „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ über mehr Potenzial zur Diagnostik, weil man da wirklich sehen kann, wie man Kids in einem annähernd surrealen Raum zu trimmen versucht, nur zu was ganz anderem, als hier suggeriert wird: Das ist die ganz klassische Konformität ohne alle dialektischen Schlenker. Natürlich gibt es nur Wahl zwischen Coca und Pepsi Cola, aber das ist ja das Schlimmste an diesen Versatzstücken: Das haben Horkheimer, Adorno und Marcuse alles schon und alles schon besser formuliert.
Wo nimmt denn der Großteil der Bevölkerung an einem „kreativen Rattenrennen“ teil? Lange nicht mehr auf’m Dorf, auf’m Flughafen, auf’m Bahnhof gewesen …. und selbst beim DSDS-Casting auf Malloca stehen ja keine 80 Millionen Schlange.
Wieso sind die „Rostock-People“ wahrhaft individuell – was haben die Fragen nach legitimer, politischer Aktion mit jenen der „Individualität“ zu tun?
Das würde man ja gerne erfahren, das sind wichtige, brandaktuelle Fragen, aber: Sie sagen’s nicht und klagen an wie die Haßpriester auf Trinidad, die „Homosexualität“ niederpredigen wollen – und sich wahrscheinlich kurz danach mal wieder ordentlich durchficken lassen. Wurde mir zumindest bereichtet, daß das da gelegentlich so läuft.
„Der Einzelne erfindet sich episodisch neu“ – ja, zum Glück, schön wär’s, wenn’s denn so wäre … die Möglichkeit dazu nennt man Freiheit. Und genau die ist’s doch, die aktuell fehlt.
Gewesene Linke: Die Autonome Antifa (M) 2.Teil
Theoretisch orientierte die M sich wiederholt und schnell um. Vom nur kurze Zeit vertretenen Neuen Antiimperialismus schwenkte man um auf Antiimp-Linie, die wurde dann zu einem klassischen Marxismus-Leninismus eingedampft, der sich anfühlte wie bei der KPD der 20er Jahre. Später wurde jäh und unvermittelt zur Wertkritik von Robert Kurz und Krisis umgeschwenkt. Begründet wurden diese inhaltlichen Umorientierungen nie, die M nahm auch nicht an den gruppenübergreifenden Theoriediskussionen der übrigen Göttinger autonomen Szene teil. So blieb sie bei den für Teile des Spektrums außerordentlich wichtigen Sexismus- Rassismus- Eurozentrismus- und Selbstverständnisdiskussionen völlig außen vor. Während nach Hoyerswerda, Rostock und Mölln andere autonome Gruppen die Tatsache kritisierten, dass der Rassismus-Begriff der bisherigen Antifaarbeit in den Flüchtlingen zu beschützende Objekte sah, ebenso wie Kirchens und Wohlfahrts Flüchtlings wohlwollend bevormundeten und daraus die Konsequenz zogen, die Nähe der Flüchtlinge zu suchen und mit ihnen gemeinsam politische Praxis zu entwickeln ließ die M sich auf solche Niederungen des Alltags nie herab. So diskutierte sie eigentlich nie mit anderen Gruppen, sie verlautbarte. Da sie ja ohnehin sehr techno-discolike auftrat und ihre Ideologieschwenks von außen nicht nachvollziehbar waren, sprach unsereins von Theorieresampling.
Dabei muss allerdings gesagt werden, dass sie in den 1990ern die zahlenmäßig stärkste linke Gruppe in Göttingen war und ihr Konzept der bundesweiten Organisation (Antifa BO, von uns Antifa B0 genannt) anfangs auch funktionierte. Brachte es die durchschnittliche autonome Gruppe in Göttingen auf 10 oder 15 Mit- und ohne Glieder, so waren das bei der M in den besten Zeiten um die 50, das mobilisierbare Umfeld hingegen ging in die Tausende. Das dogmatische Auftreten und die Diskussionsverweigerung der M, aber auch persönliche Animositäten und schließlich unterschiedliche Verständnisweisen von Antifa-Arbeit führten zu einer Spaltung der autonomen Szene in Göttingen, und über Jahre fanden zu allen wichtigen Themen, die Leute auf die Straße bringen oftmals zwei getrennte Demos statt: Einmal die M und Umfeld, einmal die übrige autonome Szene, Bündnispartner wie DGB, Uniszene, Göttinger BürgerInnen gegen Rechts, VVN usw. hielten es mal mit den Einen und mal mit den Anderen, bis dann die M mehr und mehr in die Isolation hineingeriet. Der Tonfall, in dem da miteinander umgegangen wurde war nicht gerade freundlich. Eine Nordirland-Soligruppe aus dem Antiimp-Spektrum schrieb über Kritiker der M:“Selig sind die Bekloppten, denn sie brauchen keinen Hammer.“, und in Bremen wurde die neugegründete Ortsgruppe der AABO im Sielwallhaus als „der letzte Kegelverein“ und „Schießbudenfiguren, über die wir lachen können“ bezeichnet. Ob Pro Antifa-Bundesorganisation oder dagegen, man schenkte sich nichts. Stark ausgeprägt war in der linken Szene die Mythenbildung um die M, wie es auch generell einen Göttingen-Mythos gab. Ich kann mich erinnern, wie ich beim Vorbereitungstreff zu einer bundesweiten Demo durchs Megafon ansagte, wo sich der Göttinger Block versammelt, und aus der Menge dann respektvolles Geraune hörte und so Sprüche wie: „Die Göttinger sind da. Dann wird´s wohl hart abgehen!“, und es ist uns echt passiert, dass uns Autonome aus einer hessischen Kleinstadt fragten „wie schätzen denn die großen Meister die Lage ein?“. Zum Mythos gehörten auch interessante Gerüchteküchen (Anekdote: Genossin D. erzählt „wir saßen in gemütlicher Runde zusammen, und Che war gerade ein Gerücht kochen“ – aber nein, über die M kochte ich keine, das schafften die schon selber). Da gab es zum Bleistift die Geschichte mit den „Orden“. Schon etwas länger als die M existierte die Initiative K & K, was nicht Kaiser und König, sondern Kunst und Kampf hieß. Diese Gruppe, deren Mitglieder auch fast alle in der M waren, entwarf das Layout der M-Publikationen, machte eine Ausstellung über militaristische Heraldik mit Orden und Ehrenzeichen, denen sie sehr wenig überzeugend rote Sterne und linke Parteiabzeichen als angebliche Gegenkultur gegenüberstellte, veranstaltete Besuche in KZ-Gedenkstätten, einer ihrer Vertreter malte Bilder, die irgendwo zwischen Sozialistischem Realismus und naiver Malerei angesiedelt waren. Die Mitglieder der K & K trugen das Logo ihrer Initiative, ein affenähnliches Männlein, das in einer Hand eine Comedia-dell-Arte-Maske und in der anderen eine 9mm Mauser hielt als Anstecknadel. Diese Nadeln gab es in Gold, Silber und Bronze, und sehr schnell verbreitete sich das Gerücht, dies seien drei Klassen von Orden, an denen die M ihre Mitgliederhierarchie festmache.
Alle diese Konflikte wurden für die M bedeutungslos, als Razzien in Göttingen zutage förderten, dass gegen die Gruppe ein 129a)-Verfahren lief.
http://www.sooderso.net/subdomains/keinfriede/flugi94antifam01.shtml
http://www.antifakomitee.de/website/soli/rechtshilfe/129.htm
http://www.rote-hilfe.de/publikationen/die_rote_hilfe_zeitung/1996/2/wer_ist_die_autonome_antifa_m
Das Bekanntwerden der Ermittlungen führte sehr schnell zu einer allgemeinen Solidarisierungswelle. Hierbei fragten sich Viele in der Szene allerdings, wieso es gerade die M traf. Sonderlich militant war die Gruppe, trotz zur Schau getragenem Schwarzen Block nicht. In dem szeneöffentlichen Sich-Wundern schwang bei militanten Gruppen daher auch so eine Art uneingestandene Eitelkeit nach dem Motto „was haben die, was sie für den Staatsschutz interessant macht?“ mit. Tatsache ist allerdings, dass Gruppierungen wie das „Kommando Otto und Lotte Rotholz“, das versucht hatte, Karl Polaceks Haus niederzubrennen so anonym waren, dass Staatsschutzschnüffler schlechterdings außerstande waren, diese in den Szenezusammenhängen aufzuspüren, und wer sich hinter den zig autonomen Kleingruppen verbarg wussten auch nur die, die es ruhig wissen durften
Die M war offiziell, die M war extrem in den Medien präsent, die M hatte es bis ins Fernsehen geschafft. Die M war auf dem Präsentierteller.
Wir hatten damals lebhafte Diskusionen, warum die Generalstaatsanwaltschaft gerade gegen die M ermittelte, un erwogen verschiedene szenarien, bei denen u.a. das Potenzial der Bundesweiten Organisation eine Rolle spielte. Ketzerich frage ich mich heute, ob seitens des Staatsschutzes da nicht einfach eine extrem staatsautoritäre Rechtsauffassung ausreichte, kombiniert mit ziemlich viel Blindfischigkeit. Möglicherweise reichte der Anblick von uniform vermummten und behelmten Schwarzen Blöcken über Jahre hinweg ja schon aus, immerhin wurde auch gegen die Göttinger Polizei ermittelt. Für die DiD-Hypothese (Deppen im Dienst) spricht das Vorgehen einige Jahre später, als nach einem Überfall auf Polaceks Haus Beamte des Niedersächsischen Landeskriminalamts offensichtlich Neonazis um Torsten Heise herum Fotos von „Göttinger Antifas“ zeigten, die von diesen als „TäterInnen“ identifiziert wurden. In einem Mammutprozess wegen versuchten Totschlags und Schweren Landfriedensbruchs wurde die Unschuld der Angeklagten erwiesen, aber auch die Kriterien, nach denen das LKA (mit einem der damals ermittelnden Beamten hatte ich meine eigenen einschlägigen Erfahrungen gemacht) so vorging: Die „Fahndungsliste “ mit „Göttinger Antifas“ war die KandidatInnenliste der GAL zum Studierendenparlament. Die Leute, die beim Staatsschutz als „Top-Autonome“ galten, waren die auf den vorderen Listenplätzen. Die Liste war nach alphabetischer Reihenfolge zusammengestellt ;-
Wie sich denken lässt, führten die Ermittlungen zu keiner Verurteilung und wurden schließlich eingestellt, aber sie schwächten die M entscheidend. Man war nun weniger mit der konkreten Antifa-Arbeit oder dem Aufbau der Bundesweiten Organisation beschäftigt als vielmehr mit Prozessarbeit und Solidarität mit sich selbst. Hinzu kam, dass die BO allmählich bröckelte. Eine der wichtigsten Bündnisparterinnen, die Gruppe fels (Für eine linke Strömung) Herausgeberin der lesenswerten Theoriezeitschrift Arranca! brach mit der BO und kritisierte die M öffentlich wegen ihres „sinnentleerten Militanzfetisches“. Der Zerfall der Antifa BO fiel mit einer persönlichen Erschöpfung der M-AktivistInnen zusammen, gegen die sich das Ermittlungsverfahren gerichtet hatte. Ende der 190er existierte die M zwar noch, aber sie war nun nur noch eine Antifa-Gruppe unter vielen. Der 11. September 2001 brachte für die Autonome Antifa (M) den Spaltpilz: Die nun einsetzenden Diskussionen über die Unterstützung der Antideutschen für die Bush-Kriege führten zu einer Fraktionierung innerhalb der Gruppe, die schließlich in drei Einzelgrüppchen auseinanderfiel, die sich nichts mehr zu sagen hatten. Am ehesten in der Tradition der alten Autonomen Antifa (M) steht hierbei die bis heute aktive redical M.
Gewesene Linke, heute: Die Autonome Antifa (M)
Mit der M hat es eine ganz eigene Bewandtnis. Entstanden war sie als eine Gruppe, die mit der autonomen Politik, wie sie bis dahin betrieben worden war gebrochen hatte. Witzigerweise wird selbst ihre Nachfolgerorganisation redical M von heute aktiven Autonomen, die altersmäßig die Kinder der Mler sein könnten, für eine „klassisch autonome Antifagruppe“ gehalten. Aber der Reihe nach.
Alles begann im Herbst 1987 in Göttingen. Zu dieser Zeit häuften sich in der Göttinger Innenstadt die Übergriffe von Neonazis. Zwar hatte es auch vorher schon Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen gegeben, und es gab in Göttingen eine sehr aktive Antifa-Gruppe. Aber bisher waren die Gegner Leute wie der NPD-Multifunktionär Hans Michael Fiedler, angebräunelte Burschenschaften oder Lyndon LaRouches EAP/Patrioten für Deutschland gewesen, keine gewalttätigen Neonazis. Das änderte sich, als der Österreicher Karl Polacek, Funktionär der weit rechts von der NPD stehenden FAP in das Haus seiner getrennt von ihm lebenden Frau in dem kleinen Dorf Mackenrode im Göttinger Wald zog. Polacek nutzte das Haus als Schulungszentrum und zog sich Nazi-Skins als persönliche Gefolgschaft heran. Von nun an trafen sich Glatzen abends bei Polacek und zogen von seinem Haus aus in die Göttinger Innenstadt, wo sie Leute zusammenschlugen, die ihnen nicht passten: Ausländisch Aussehende, vor allem Schwarze, Punks, Skateboardfahrer, auch Behinderte im Rollstuhl, die aus ihrer Sicht „Lebensunwertes Leben“ waren. Zunächst war die Reaktionsweise der linken Szene schnell, einfach und wirkungsvoll: Bei jedem rechtsradikalen Vorkommnis mobilisierte eineTelefonkette möglichst viele Leute zum Ort des Geschehens, wobei wir damals zumeist schöne Zahlenverhältnisse hatten: Auf 5 oder 10 Naziglatzen kamen zumeist 400 Linke, die zu jeder Tages- und Nachtzeit binnen einer halben Stunde zur Stelle waren. Einmal haben wir eine Kleingruppe von Glatzen quer durch die Stadt gejagt, und am nächsten Tag berichtete das Göttinger Tageblatt in großer Aufmachung darüber. Dann aber passierte es, dass eines Nachts Nazis randalierten und keine Telefonkette ausgelöst wurde, Leute zusammengeschlagen wurden, ohne dass jemand eingriff. Kurz darauf trafen sich ein DGBler und ein Antifa zufällig in einer Kneipe, sprachen über den Vorfall, und es wurde die Idee geboren, ein breites Antifa-Bündnis, organisiert und finanziert vom DGB auf die Beine zu stellen. Dieses Bündnis stand sehr schnell und reichte vom DGB über den Stadt- und KreisschülerInnenrat, die Jusos, die sich allerdings, wie für sie üblich, nach kurzer Zeit aus dem Bündnis verabschiedeten, den Pfarrer von Mackenrode, die Falken, den ASTA der Uni, die Fachschaftsräteversammlung und die linksradikalen Hochschulgruppen GAL und Linkes Bündnis bis zur Autonomen Antifa. Eine der ersten und bemerkenswertesten Aktionen des Bündnisses war eine landesweite Großdemo gegen Polacek in Mackenrode mit Tausenden von Teinehmenden, die direkt an Polaceks verbarrikadiertem und mit Drahtnetzen wie eine militärische Stellung gesichertem Haus vorbeiführte. Zu dieser Demo hatte der DGB 15 Omnibusse der Göttinger Verkehrsbetriebe angemietet (die lange Sorte, 18m-Zieharmonika-Busse), die Stoßstange an Stoßstange in einer beeindruckenden Kavalkade nach Mackenrode gebraust kamen. Nach diesem Topact blieben die Nazis erst einmal still. Indes krachte die Sollbruchstelle des fragilen Bündnisses in Gestalt eines Granitsoldaten. Dieser hatte bis dato im Göttinger Rosengarten gestanden, ein altes Kriegerdenkmal in militaristischer Tradition, vor dem alljährlich Vertriebenenverbände ihre revanchistischen Feiern abhielten. Nun begab es sich aber zu der Zeit kurz nach der Mackenrode-Demo, dass Unbekannte die Statue umkippten und den Kopf abhauten, der viele Jahre später von einem Taucher in einem See gefunden wurde. Schnell wurde die Autonome Antifa un das Antifa-Bündnis insgesamt beschuldigt, diese Aktion durchgeführt zu haben, und die Gewerkschaft der Polizei forderte die Aufkündigung des Bündnisses durch den DGB und den Sturz des damaligen DGB-Vorsitzenden, der bald darauf ins hinterste Emsland versetzt wurde. Wir feierten für ihn und den DGB-Jugendsekretär noch eine Solifete, auf der T-Shirts verkauft wurden, die Schwarzvermummte zeigten, die ein Heldendenkmal umwarfen und darunter den Text „Alle werden fallen!“. Dieses Shirt habe ich dann getragen, bis es in den späten 90ern nicht mehr lesbar war.
Nach der Auflösung des Bündnisses konnte in der Autonomen Antifa keine Einigung über eine gemeinsame Praxis mehr erzielt werden. Die Einen diskutierten über eine Rückkehr zu genuin autonomen Positionen und einer Besinnung auf die Möglichkeiten der linksradikalen Szene ohne bürgerliche bzw. klassisch-arbeiterbewegungsmäßige Bündnispartner, die Anderen wollten das Bündnis ohne den DGB fortsetzen. Parallel dazu nutzten die Neonazis die momentane Schwäche des antifaschistischen Spektrums zu forcierten Angriffen, und es kam zu einer Eskalation der Gewalt, die ihren Höhepunkt mit dem Tod von Conny fand.
http://che2001.blogger.de/stories/970268/
Anfang der 90er konsolidierten sich aus den Zerfalls- und Umordnungsprozessen in der Antifaszene neue Gruppen. Aus dem Umfeld des Stadt- und KreisschülerInnenrats ging die Antifa-Jugendfront (AJF) hervor, aus der ursprünglichen Autonomen Antifa zwei Gruppen, von denen sich eine Mittwochs traf. Diese Mittwochsantifa nannte sich seit Anfang 1991, das Mittwochsdatum zur Symbolik machend, Autonome Antifa (M). Der kryptische Klang dieses Begriffs passte zu dem, was die M auch sonst intensiv betrieb: Selbstinszenierung.
Die Autonome Antifa (M) nahm für sich in Anspruch, ihre Lehren aus dem Scheitern des Antifa-Bündnisses gezogen zu haben, als da waren
1) Breite ambivalente Bündnisse bieten keine Sicherheit, Autonome müssen auf ihre eigene Stärke vertrauen.
2) Klassisch autonome Politik ist ebenfalls gescheitert. Agieren in Kleingruppen und militantes Vorgehen bedeuten ein hohes Kriminalisierungsrisiko, große persönliche Gefahr für Leib und Leben und läuft oft auf eine Auseinandersetzung hinaus, die primär mit der Polizei geführt wird, weniger mit den Neonazis und erst recht nicht mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen.
3) Daher muss die Autonome Antifa sich zahlenmäßig vergrößern und eine bundesweite Antifa-Organisation geschaffen werden.
Dieses Konzept wurde von der M Anfang 1992, ein Jahr seit ihrem Bestehen und nach einer uniform vermummten und behelmten Neujahrsdemo verkündet. die M sprach zwar selbst davon, eine „Organisierungsdebatte“ zu führen, aber die führte sie allenfalls intern. Gegenüber anderen Gruppen wurde das Modell der bundesweiten Organisation offensiv vertreten, aber nicht als hinterfragbar angesehen. Ansonsten frappierte und brüskierte die M: Ihre Demos erschienen als ultramilitant wirkende Schwarze Blöcke mit schwarzen Helmen, sie agierten aber nicht militant. Die klassischen Schwarzen Blöcke waren in Auseinandersetzungen entstanden, in denen die Polizei selber mit brutaler Gewalt vorging, sie waren eine Mobilisationsform für den Straßenkampf.
Die Schwarzen Blöcke der M marschierten vermummt und behelmt auf, wo dafür beim besten Willen keine notwendigkeit zu sehen war, und die Polizei ging nicht gegen sie vor. Man erklärte, dass man stolz darauf sei, eine vermummte und behelmte Demo durchgesetzt zu haben, und das war es dann schon. Man meldete Demos nicht an, warf aber einen Routenplan mit minutiöser Angabe der Quadratmetergröße der mitgeführten Transparente in den Briefkasten des Ordnungsamts. Ein spöttelnder Text bezeichnete eine typische M-Demo als „Ritterspiele im Dorf“.
Spielerisch war überhaupt vieles, was die M machte. Straßentheater und Happenings in der Göttinger Fußgängerzone gehörten zum Standardprogramm, und mitunter erinnerten die Aktionen an das Ziehen von Motivwagen beim Karneval. Mit ihrem plakativen Auftreten und dem aufwändigen, mit dem linksradikalen Schmuddeldruck radikal brechendem Layout ihrer Flyer und Publikationen (einige Mitglieder waren Drucker, Setzer oder Werbeleute) sprach die auch Leute an, die für die klassischen Autonomen nicht erreichbar gewesen wären. Das zog sich durch wie eine schwarzrote Linie:Überwog bei den klassischen Autonomen das Streetfighter-Outfit mit schwarzen Lederjacken, Dr.Martens und Springerstiefeln, zogen sich sehr vieler Mer immer genau das Outfit an, das in der Dancefloor- und Techno-Szene gerade angesagt war. Mit Adidas-Hosen, Carharrt-Kapuzis, Nike- und Reebok-Pump-it-up-Schuhen war die M schon Anfang der 90er unterwegs. Eine Theatertruppe verglich das M-Outfit mit dem von Star-Trek und machte dazu das Stück „Raumschiff Cloppenburg“.
Inhaltlich gesehen war es schwer, mit der M zusammenzuarbeiten. Bei Bündnisdemos hielt die Gruppe sich regelmäßig nicht an Absprachen, Theoriediskussionen fanden mit ihnen praktisch nicht statt.
Ihre eigenen theoretischen Positionen unterschieden sich ziemlich von dem, was sonst in der Szene diskutiert wurde. In der Anfangszeit vertraten sie zunächst noch den Neuen Antiimperialismus, ich glaube allerdings nicht, dass sie ihn auch verstanden. Jedenfalls erinnere ich mich an eine Diskussion, bei der es um die finanzielle Lage des Jugendzentrums Innenstadt (JUZI) ging, und ein Redner der M schaffte es, einen Rundumschlag von Industrialisietungsprojekten in Schwellenländern und Begehrlichkeiten der EU-Wirtschaft nach Osteuropa mit der messerscharfen Folgerung zu verbinden, dass in einer solchen Situation keine kommunalen Mittel für das JUZI übrig seien
Wird fortgesetzt
„Gottseidank nicht England“: Wie wir wurden, was wir sind
Nun bin ich, Anfang der 70er geboren, erstmals mit der deutschen Musik in faszinierende Berührung geraten, als die Neue Deutsche Welle aufkam. Ich habe Nena, Trio und Extrabreit nicht als kommerzielle Popstars angesehen, sondern als Heil bringende deutsche Revolutionäre. Überhaupt: Viele Angehörige meiner Generation sieht genau diese Musikbands der frühen 80er Jahre als eben das an, was die Punkpioniere der 70er für sich selbst in Anspruch nehmen und Bands wie Nena absprechen. Wie geht das zusammen?
Tja, das ist eben der Grund warum ich das Buch geschrieben habe. Weil es zwar für den Einzelnen so gewesen sein mag, dass solche Leute als Revolutionäre erschienen. Aber sie waren es halt ganz einfach nicht. Kein bißchen. Sie wurden nur so verkauft. Dass das nie erkannt oder einfach wieder vergessen wurde, lag aber natürlich nicht nur an den Medien und der Industrie. Das lag an besagter Depression, aber auch an diesem elitären Denken von Leuten wie Peter Hein, Gabi Delgado oder Blixa Bargeld.“
Puh. Stehe noch akut unter Existenzschock. Habe das Buch gerade mal wieder gelesen.
Gibt solche Erfahrungen, die einen immer wieder, immer wieder neu einholen, weil ihnen Paradigmatisches innewohnt. Weil sie ihre Aktualität nicht verlieren. Und dieser Epochenbruch in den späten 70ern, frühen 80ern ist einfach so eine Erfahrung, die sich auf Nostalgie nicht reduzieren läßt.
Es ist kein Zufall, daß gerade um die Jahrtausendwende, als kurz darauf auch diese so großartige „Verschwende Deine Jugend“ erschien, dieser Bruch bei so vielen wieder in’s Gedächtnis schwappte, und das ja nicht nur, allerdings auch wegen des Buches selbst.
Es war die Zeit, als Techno sich längst tot gelaufen hatte und Hip Hop auch nicht mehr so recht wußte, was er sein sollte oder wollte. Als man allmählich vom Schock neoliberaler Propaganda sich erholte und wieder Widerworte fand – was heißt „man“ , vielleicht ist dieser Teil wirklich reine Autobiographie, dieses Gefühl ohnmächtiger Wut fast 10 Jahre lang, das die richtigen Worte nicht mehr finden konnte. Das zwar Sätze produzierte wie „Clement ist Feind, klar“, aber darüber hinaus nicht anders sich zu helfen wußte, als zumindest teilweise einfach widerwillig mitzuspielen. Obwohl man doch wußte, daß es falsch ist, da auch noch für’s gute Gewissen anderer Leute zu sorgen. Hört ja gerade erst auf, diese biographische Phase.
Habe ungefähr zum Zeitpunkt, als Jürgen Teipel für sein Buch all die Gespräche führte, mit einem Teil der Protagonisten auch lange Interviews geführt – Gudrun Gut, Blixa Bargeld, Moritz R., die Toten Hosen. Mit Carmen Knoebel und Klaus Maeck führte ich teils lange und sehr beeindruckende Recherche-Vorgespräche.
Zeitgleich jedoch sprach ich auch mit den „Bösen“: Kai Hawaii, Anette Humpe, Wolfgang Niedecken, Klaus Hoffmann, Konstantin Wecker, Ina Deter. Das Interview mit Nena mußte jemand anders für mich übernehmen, die hatte schon mal eines mit mir abgebrochen, da bin ich bis heute stolz drauf. Die hatte ich schon damals in den frühen 80ern gehasst.
Extrabreit, Trio oder Ideal allerdings nicht, bis heute nicht. Also jene „kommerziellen Rocker“, die so wortreich in „Verschwende Deine Jugend“ an die Wand gestellt werden. Kann auch Hoffmann oder Wecker bis heute nicht hassen, ganz im Gegenteil, ich liebe sie, und der Niedecken war einfach suppernett. Auch wenn ich es im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen kann, damals bis nach Fallingbostel gefahren zu sein, um mir ein BAP-Konzert anzuschauen.
Dennoch: Hatte ja was von desorganisiertem Geschmacks-Stalinismus, dieser Indie-Purismus einst, der solche Leute schlachtete. Als seien die die Bösen gewesen. Nur daß er im Gegensatz zu Die Grünen nie den Hauch einer Chance hatte, an die Macht zu kommen – und das im Gegensatz zu denen schon programmatisch nie gewollt hätte.
Als ich die Interviews bearbeitete, flogen gerade Bomben auf den Kosovo; kurz zuvor war Lafontaine von allen SPD-Ämtern zurückgetreten. Es war grotesk, sich mit der Friedensbewegung zu beschäftigen, während ausgerechnet unter Joschka Fischer dann Deutschland in den Krieg zog.
Und liest man jetzt, wiederum, 10 Jahre später, in zwei Tagen es geradezu aufsaugend „Verschwende Deine Jugend“ wieder, die Agitation gegen die „Hippies“ erscheint ja fast prophetisch angesichts dieses Total-Desasters „Rotgrün“ und nummehr sogar „Schwarzgrün“ hier in Hamburg. Damals, als Bomben auf den Kosovo flogen, habe ich das noch als Verrat an mir persönlich erlebt, daß sie flogen, schäme mich ja bis heute nicht dafür, daß ich da einst mitmarschierte.
Und bin trotzdem bis heute ambivalent eingestellt in der Frage, ob wirklich „Mittagspause“ da die adäquate Antwort war. Und all diese großartigen Menschen, die ich befragte, die führten kruisoerweise zu was ganz anderem: Daß ich ich dann im Klaus Hoffmann Konzert saß, er „Der Boxer“ anstimmte, diese Zeile „Das geht mich immer noch an, was gewesen ist hält mich, zieht mich in Bann“ – und ich eher diese Wurzeln wieder annahm, das war ja viel schwieriger damals und ist bis heute, als von Östro 430 zu erzählen.
Daß vor meinem geistigen Aufge das hellbraun gestrichene Zimmer mit dem Ikea-Regal aufschien und ich heilfroh war, es gehabt zu haben. War ja irgendwann komplett uncool, und ich war auf einmal ganz stolz, so uncool gewesen zu sein.
Das ist der eingangs beschworene Existenzschock. Genau diese Ambivalenz. Den hatte ich damals nach Interview mit Blixa Bargeld auch. Da waren bestimmt 10 Leute im Raum um uns herum, und es war mucksmäuschenstill. Das hatte eine Intensität, von der ich mich Wochen nicht erholt habe, dabei galt er zu jenem Zeitpunkt schon als total ausgelaugt und durch. Von wegen. Er war ungewöhnlich sanft, obgleich alle ihn für einen Journalistenfresser hielten, melancholisch, man spürte Trauer und Erschöpfung, dennoch: Da drang eine Konsequenz und Kompromißlosigkeit auf mich ein, daß ich mir schon vorkam wie einer der Wirtschaftswunder-Väter mit ihrem Diktum „Keine Experimente, nur nicht auffallen, und wer’s tut, bekommt auf die Schnauze“, und das sogar völlig zu recht.
Um diese frühen Zeiten des Punk in Düsseldorf, Berlin und Hamburg miterlebt zu haben war ich einfach ein paar Jahre zu jung; und wahrscheinlich wäre ich auch so erst mal Öko geworden. Hatte trotzdem Sampler mit dem KFC und solchen, meine Östro 430- und Hans-A-Plast-Platten, die von Fehlfarben und D.A.F.natürlich auch, wie schon häufiger hier erwähnt; geht mir ja auch gar nicht um meine Plattensammlung von einst, sondern um diese seltsame Dreieck, das damals „Jugendkultur“ ausmachte und das mir immer noch so brandaktuell erscheint, so brandaktuell, daß ich manchmal das Gefühl habe, „die ‘68er“ werden bis heute nur deshalb so intensiv immer weiter bearbeitet, weil dieser Bruch damals nie aufgearbeitet wurde: Da waren eben einerseits „die Bewegten“, Ökos und Friedenskämpfer, dann anderseits der ja fast ein Jahrzehnt immer weiter zusammenbrechende Punk- und Post-Punk-Indie-Underground, aber eben auch diese Möglichkeit des Pop, in den zumindest ich mich später flüchtete. Ja, flüchtete, der mir dennoch bis heute auch was Gutes zu enthalten scheint, und zumindest Ideal sind für mich da bis heute nicht minder paradigmatisch als dieses erste Fehlfarben-Album, auch wenn Herr Teipel mir dafür wahrscheinlich ‘ne Bierdose an den Kopf schmeißen wollen würde oder ‘nen Bass über die Rübe ziehen.
Und all das stand Kohl und den Poppern, später Yuppies, den Börners und Dreggers und Lambsdorffs und Mode-Wavern gegenüber, die alle nur Seiten der gleichen Medaille waren. Und dann gab’s da, kurz darauf, noch sowas:
Puh. Auch darin besteht der Existenzschoc: Daß dieses zelebrierte Antihippietum zwar einerseits so heroisch, so großartig, so konsequent war. Daß es aber umgekehrt den Boden bereitet hat für Schröder, für liberale Blogs und all diesen ganzen Quatsch, der „gegen links“ sich generiert und allerlei Ästhtisierung dagegen setzte. Daß er unfreiwillig zur Tempo führte, zu Stuckrad Barre und Poschardt und Bushido und Mercedes Bunz. Und die Goldenen Zitronen letztlich als einsame Rufer in der Wüste zurück ließ … weil er Salonmarxologen zum Verstummen bringen wollte.
Na, aber wenigstens habe ich jetzt meine mittels Private Equity Fonds finanzierten Tage so gut wie hinter mir und fange einfach mal neu und noch mal richtig an. Man soll sich ja nicht aufgeben und selbst historisieren, nur weil man gerade „Verschwende Deine Jugend“ gelesen hat … aus der Zeit ist trotz Jute-Tasche und Strick-Pullover einst so viel in mir konserviert, daß ich gestern einen Heulkrampf bekam, als ich das hier hörte. Und dann ist ja noch alles gut.
Ein weniger bekanntes Stück von Bowie
Normalerweise kennt man das ja von Brel oder Hoffmann
http://de.youtube.com/watch?v=ejQS9kQDXmk&feature=related
Die wundervolle Leere und Tristesse der 80er
Wieder ein sinnloser Tag. Wieder dank Nicht-Befolgung des Pfadfinder-Mottos „Tue jeden Tag eine gute Tat!“ der Hölle ein Stück näher gerückt. Wer nicht alltäglich 3 x Armut kasteit oder sich wortreich in Scham über die Situation derer in den Banlieues ergeht, der ist ja so eine Art Bergsteiger.
Dabei gab es doch Zeiten, Zeiten, in denen es cool war, einfach „No Future!“ auf die Lederjacke zu sprühen, zu saufen, bis man kotzt und mit Ratten auf der Schulter durch städtische Landschaften zu spazieren. Keine weichen Fußwege wie im Schwarzwald, nein, nackter Asphalt und die Tristesse zerfallender Industriekulissen hielten die „Hansa-Pils“-Dose am Laufen. Haben die Hippies von links, rechts, links- und rechtsliberal etwa doch gesiegt? Zurück zum Beton!
Nee, ich war ja nie Punker. Sollte auch nicht so tun als ob. Habe mich in die hannöversche Kornstraße nie reingetraut, als Kaltwetterfront oder Rotzkotz da spielten. Doch als es die gab, war ich auch noch’n Tick zu jung.
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