Archiv für die Kategorie ‘Nicht kategorisiert’
Von der Utopie (1) – Ein Nachtrag zu „Was tun mit Kommunismus?“
„Pures wishful thinking diskreditierte seit alters die Utopien, sowohl politisch-praktisch wie in der ganzen übrigen Anmeldung von Wünschbarkeiten.“
Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung
Noch eine Fahrplanänderung hier im Blog: Statt die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013 in Mannheim zu besprechen, eine erneute Abschweifung. Und zwar dieses mal zur Kategorie der „konkreten Utopie“, deren Verächtlichmachung ich in einigen Kommentaren beschuldigt worden bin. Nun, der Befund ist zweifellos richtig, ich habe für die „konkrete Utopie“ wenig übrig; will das aber nicht in Form bloß konträrer Meinungen stehen lassen. Sondern etwas weiter ausholen, warum ich den Gebrauch dieser Kategorie für politischen Unsinn halte, insbesondere in der Form, wie er etwa in dem Sammelband „Was tun mit Kommunismus?“ verwendet wird. Und, um gleich etwas Spannung aufzubauen: Das wird durchaus auf eine Verteidigung der Utopie, aber eben nicht der „konkreten“ hinauslaufen.
Doch beginnen wir von vorne, mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung, und zwar zunächst einmal unter Weglassung des „konkreten“ an der Utopie. Fangen wir also in gut dialektischer Weise damit an, was Utopie nicht ist. Utopie ist nicht einfach etwas, was es nicht gibt und das erst noch hergestellt werden muß. Denn die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was es noch nicht gibt und es dann zu produzieren, ist eine Eigenschaft, die das Handeln der Gattung Mensch ganz grundsätzlich beschreibt. Der große Antiutopiker Karl Marx hat das durchaus eindrücklich formuliert:
„Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ ([2], S. 193)
Die Menschheit verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, aufgrund dessen sie in der Lage ist, sich Dinge auszudenken, die es vorher nicht gab und die sie dann, gegen mancherlei Widerstände herstellt. Diese Widerstände können sehr unterschiedlicher Art und Weise sein. Bei Gebrauchsgütern sind das etwa Widerstände des Materials, im politischen Bereich eher die bestimmter Interessen. Trotzdem würde niemand die Konstruktion eines Smartphones oder die Einführung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften als Realisierung einer Utopie bezeichnen. Das Ziel ist klar, dem Ganzen stehen auch keine prinzipiellen Hürden entgegen. Es ist nur eine Frage geduldigen Arbeitens, bis das Ziel, das vorher schon in der Vorstellung ideell vorhanden war, tatsächlich realisiert wird. Es geht allein darum, etwas, das vorher bloß möglich war, jetzt in die Realität zu überführen. Das noch nicht Existierende, aber prinzipiell Machbare, kann schwerlich als Utopie bezeichnet werden.
Damit erweist sich die Kategorie der Utopie als deutlich vertrackter, wie sie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Denn so wenig sie einfach das Mögliche, aber noch nicht Realisierte bezeichnet, so wenig bezeichnet sie das schlechterdings Unmögliche. Ich kann mir noch sehr so vornehmen, 1000 Jahre alt zu werden, dieses Ziel liegt einfach außerhalb des Bereichs des tatsächlich Realisierbaren. Eine solche „Utopie“ wäre bloße Spinnerei (auch wenn Ray Kurzweil dies anders sehen würde).
Mit „Utopie“ wollen wir also etwas bezeichnen, das weder im Bereich des realisierbar Möglichen, noch im Bereich des schlechterdings Unmöglichen angesiedelt ist. Ist die Utopie also einfach etwas, von dem wir nicht wissen, ob es möglich ist oder nicht? Das in einem unsicheren Zwischenbereich zwischen dem zweifellos Möglichen und dem sicher Unmöglichen liegt? Nicht wirklich. Denn zwischen der bloßen Möglichkeit und ihrer Realisierung liegt grundsätzlich das potentielle Scheitern. Auch die besten Pläne können schief gehen. Und andererseits werden von äußerst hartnäckigen Menschen gelegentlich Dinge verwirklicht, die man zuvor für unmöglich gehalten hat. Mit anderen Worten: Der Entwurfscharakter als solcher macht die Utopie nicht aus. Er ist zwar notwendig, denn natürlich ist die Utopie Entwurf, aber damit ist eben nicht gesagt, wie sich ein utopischer Entwurf von einem ganz alltäglichen Entwurf, wie ihn ein normaler Ingenieur oder Politiker entwickelt, unterscheidet. Oder von bloßer Spinnerei.
Was also ist das Spezifikum des utopischen Entwurfs, das ihn sowohl von alltäglicher Planung wie von unrealistischer Spinnerei unterscheidet? Um diese Frage zu beantworten ist es ganz hilfreich, sich dem Werk zuzuwenden, das der Utopie den Namen gegeben hat: Thomas Morus’ Utopia. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen, beschreibt Morus darin einen perfekt organisierten Staat, in dem das Privateigentum ebenso wie der Geldverkehr abgeschafft ist, eine staatliche Arbeitspflicht für alle existiert, die tägliche Arbeitszeit dafür aber auf zweimal drei Stunden mit einer zweistündigen Siesta dazwischen reduziert ist. Die Beschreibung dieses Gemeinwesens, das auf der fernen Insel Utopia existieren soll, ist aber eingebettet in eine Rahmenhandlung. Morus trifft – so die fiktive Rahmenhandlung – in Antwerpen einen weitgereisten Seemann namens Raphael Hythlodaeus, der eben nicht nur über die Zustände auf der Insel Utopia zu berichten weiß, sondern dem Morus zunächst einmal eine vehemente Kritik der politischen und ökonomischen Zustände Englands in den Mund legt. Und er legt den Finger in die größte Wunde des zeitgenössischen Englands: Die Vertreibung der Bauern von ihrem Land, um daraus Schafweiden für den Wollexport in die aufblühende flandrische Tuchindustrie zu machen.
„Eure Schafe […] pflegten sonst gar sanft zu sein und mit so wenig vorlieb zu nehmen; heutzutage aber sind sie offenbar gefräßig und bösartig geworden, verschlingen die Menschen und verwüsten und entvölkern das Land, die Gehöfte, die Dörfer.“ ([3], S. 30)
Diese grundlegende ökonomische Umwälzung, die erst das Proletariat hervorbrachte, das später dann in die Fabriken gejagt werden konnte, hat Marx dann später im Kapital, unter anderem auch mit Verweisen auf diese Passage in der Utopia, als die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, den Sündenfall des Kapitalismus, analysiert ([2], S. 747/764). Morus’ Utopie steht also nicht im luftleeren Raum, sondern sie hat einen ganz konkreten Bezug auf die politische und ökonomische Situation des Englands unter Heinrich VIII. Sie ist nicht einfach Entwurf einer anderen Ordnung des Gemeinwesens, sondern wesentlich Gegen-Entwurf, Kritik der bestehenden Zustände.
Damit verschiebt sich der Begriffsinhalt der Utopie. In dem Maße, in dem es sich um einen Gegen-Entwurf handelt, um Kritik am Bestehenden, in dem Maße wird der Entwurfscharakter als solcher in den Hintergrund zu treten. Für den normalen, alltäglichen Entwurf ist es von entscheidender Wichtigkeit, ob er realisierbar oder unrealisierbar ist; für den Gegen-Entwurf der Utopie hingegen ist das beinahe nebensächlich. An Morus’ Utopia kann man das sehr schön sehen. Diverse Beschreibungen der Sitten in Utopia sind offensichtlich rein satirischer Natur, etwa wenn er die Verwendung von Gold und Silber bei den Utopiern beschreibt:
„Denn während ihnen zum Essen und Trinken Geschirr aus Ton und Glas dient – freilich sehr schönes, aber wenig wertvolles –, stellen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die gemeinsamen Hallen, sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachttöpfe und zu den geringsten Diensten verwendete Gefäße her, schmieden auch die Ketten und schweren Fesseln, in die sie die Sklaven legen, aus denselben Metallen, und denen, die ein Vergehen ehrlos gemacht hat, hängen von den Ohren goldene Ringe herab, umgibt Gold die Finger, umfaßt eine Goldkette den Hals und umspannt ein Goldstreifen den Kopf. So sorgen sie auf jede Art dafür, daß bei ihnen Gold und Silber im Verruf stehen.“ ([3], S. 102f)
Die Aufgabe der Utopie ist es also in erster Linie, den Blick auf die realen Mißstände der Gegenwart zu richten, fiktiv eine Position einzunehmen, aus der heraus sich die Gegenwart als unzumutbar und absurd erweist. Wesentlich ist der Utopie, daß sie ein kritisch-distanziertes Verhältnis zur Gegenwart hervorbringt, nicht, ob sie wirklich realistisch ist oder nicht. Niemand würde die oben zitierte Passage über die Verwendung von Gold als ernsthafte Handlungsanweisung interpretieren, doch der utopische-kritische Gehalt bleibt davon völlig unberührt.
Das allein reicht allerdings nicht aus, den begrifflichen Gehalt der Utopie hinreichend zu bestimmen. Denn es wäre das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, würde man sie auf ihren kritischen Gehalt reduzieren. Thomas Morus hat eben, anders als Marx, keine wissenschaftliche Abhandlung über die Einhegungen des Gemeindelandes geschrieben, sondern ein literarisches Werk. Auch wenn der Inhalt der Utopie wesentlich Kritik ist, so ist ihre Form eben doch die des Entwurfes, egal wie realistisch oder unrealistisch, ernstgemeint oder satirisch sich dieser darstellt. Und der Dialektiker weiß, daß die Form dem Inhalt keineswegs äußerlich ist.
Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es damit weiter geht, daß Ernst Bloch orakelt:
„Leicht ist zu sagen, was man jetzt und nachher will. Aber niemand kann angeben, was er überhaupt will, in diesem doch sehr zweckhaften Dasein.“ ([1], S. 343)
Nachweise
[1] Bloch, E., Geist der Utopie, Frankfurt a.M. 1980.
[2] Marx, K.: „Das Kapital Bd. I“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 23, Berlin 1956ff.
[3] Morus, T., Utopia, Zürich 1981.
Hinweis…
für die treuen Leserinnen und Leser: Der Blogtext für diese Woche verzögert sich und wird Sonntag oder Montag erscheinen.
Jahresrückblick 2012
Ich weiß, daß ich ein miserabler Blogger bin. Dieses Blog verstößt so ziemlich gegen alle etablierten Regeln, wie man ein Blog zu führen hat, um eine möglichst hohe Zahl von Klicks, Kommentaren und trackbacks zu bekommen. Und die Folgen bleiben ja nicht aus. Die Zahl der Leserinnen und Leser ist im Laufe dieses Jahres ziemlich gesunken; eine aktive Beteiligung in Form von Kommentaren gibt es praktisch überhaupt nicht mehr. Es wird also Zeit, Selbstkritik zu üben. Und so gehe ich, während sich das Jahr seinem Ende zuneigt, in mich und gestehe meine Sünden.
Um gleich mit der Kardinalsünde anzufangen, von der sich alle anderen Sünden ableiten lassen: Dieses Blog ist nicht subjektivistisch genug. Der Autor, der sich hinter dem albernen Pseudonym „Alter Bolschewik“ und sein Gesicht hinter einer Sturmhaube verbirgt, bringt sich so gut wie überhaupt nicht als Person in sein Blog ein. Als es vor knapp zwei Jahren los ging, erfuhr man wenigstens noch ein bißchen was über den Menschen hinter den Texten; doch damit war bereits nach der ersten Folge Schluß. Und seither wird (fast) jeden Freitag ein Text von ca. 8000 Zeichen ins Netz gestellt, ganz egal, ob die Sonne scheint oder ob’s regnet, ob der Autor gut gelaunt oder depressiv ist. Nur einmal dieses Jahr fiel der Text aus mit der lapidaren Begründung, es gäbe etwas zu feiern, ohne daß dem neugierigen Publikum mitgeteilt worden wäre, was denn nun der Anlaß der Freude war.
So geht das nicht, Herr Bolschewik! Wenn man eine dauerhafte Leserinnenbindung etablieren will, dann muß man dem Publikum auch etwas bieten. Und das Publikum giert nicht nach Exzerpten aus vierzig Jahre alten, modrig riechenden rororo-aktuell-Bändchen, sondern es will einen privilegierten Einblick in das Privatleben des Autors; und damit ist nicht die Information gemeint, daß er an seinen freien Abenden mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa lümmelt und Texte liest, die vernünftigere Leute schon vor zwanzig Jahren ins Altpapier gegeben hätten. Die Leute wollen wissen, was Sie im Innersten bewegt. Sie wollen die Gründe wissen, warum Sie sich in schlechte Ausstellungen über Demonstrationen schleppen oder den Umtrieben längst vergessener Performance-„Künstler“ hinterherrecherchieren.
Und dann diese Sprache! Dieser überhebliche Gestus des distanzierten, allwissenden Autors. Literaturnachweise in einen Blog! Damit schließen Sie doch von vornherein jede Diskussion aus! Können Sie nicht, wie andere Blogger auch, frisch von der Leber weg schreiben, was Ihre Meinung zu diesem oder jenem Thema ist, nach Möglichkeit bitte einseitig zugespitzt, aber ohne irgendwelche Angaben allgemein nachvollziehbarer Gründe? Da könnte man dann wenigstens wirklich kommentieren, zustimmend („You made my day, Alter Bolschewik!“) oder ablehnend („Ich werde Sie nie mehr lesen!“). Aber so? Begreifen Sie nicht, daß es beim Bloggen nicht um Recherche, sondern um Polarisierung geht? Nur ein Blog, das zwischen Freund und Feind einen klaren Trennungsstrich zieht, wird erfolgreich sein. Nehmen Sie sich doch die „Achse des Guten“ oder „Politically Incorrect“ zum Vorbild – das sind politische Blogs, wo die Luzi abgeht. Schreiben Sie sich hinter die Löffel: Es geht beim politischen Bloggen nicht um Erkenntnis, sondern darum, das längst ad nauseam Gesagte so zu formulieren, daß ein neuer Aufreger daraus wird.
Aber was machen Sie? Nehmen wir nur mal eines der wenigen Beispiele, wo Sie im vergangenen Jahr tatsächlich ein Thema aufgegriffen haben, das die „Netzgemeinde“ bewegt hat, den skandalösen Prozeß gegen die drei Mitglieder der Band Pussy Riot. Statt gehörig zu polarisieren rekonstruieren Sie oberlehrerhaft eine Tradition politisch-künstlerischen Protestes in Kirchen, die fast hundert Jahre zurückreicht. Wer will so etwas denn wissen? Es geht um das Hier und Jetzt, um Aktualität. „Echtzeit“ – haben Sie davon überhaupt schon einmal gehört? Wen interessieren denn Internetdebatten von vor zwei Wochen noch? Und da kommen Sie mit Geschichten, die mehr als vierzig Jahre zurückliegen!
Was soll ich dazu sagen? Ich weiß, diese Vorwürfe sind nur allzu berechtigt. Und ein paar kommen noch dazu: Die Texte sind zu lang. Wer hat denn Zeit, einem Gedankengang über mehrere Seiten hinweg zu folgen. Und dann auch noch in Fortsetzungen: Elf (!) Folgen von April bis Juli über Henri Lefebvre. Und Marcuse ist jetzt schon vierzehn Folgen lang Thema, ohne daß ein Ende abzusehen wäre. Es kann doch nicht Sinn und Zweck eines Blogs sein, daß hier ellenlange Abhandlungen in Fortsetzungen veröffentlicht werden. Kein Wunder, daß die Leserinnen in Scharen (ok, zugegeben, es waren nie Scharen) davonlaufen! Selbst wenn es nur um ein kleines Heftchen wie die Broschüre über das Elend im Studentenmilieu geht, muß man das fünf Folgen lang ertragen.
Dabei fallen mir diese Textmassen noch nicht einmal besonders leicht. Ich bin ein langsamer und umständlicher Schreiber. Allein an der Abfassung einer einzigen Folge sitze ich rund vier Stunden – reines Schreiben, wohlgemerkt, die Lektüre noch gar nicht mit eingerechnet. Andere schicken schnell über Twitter 140 Zeichen raus und haben 40.000 Follower, während dieses Blog an manchen Tagen gerade einmal 13 Zugriffe hat, wovon die meisten dann noch auf irgendwelche jahrealten Einträge gehen, die überhaupt nicht von mir sind.
Kurz und gut: Als Blogger bin ich ein Versager. Ich müßte kurz, witzig, aktuell und subjektiv schreiben, dann hätte ich vielleicht eine Chance auf dem Markt der Aufmerksamkeit. Aber so, wie das hier abläuft, wird das nie etwas.
Doch um ganz ehrlich zu sein: Mich juckt das nicht besonders. Nicht, daß ich nicht gerne viele Leserinnen und Leser hätte, stolz darauf wäre, wenn meine Kommentarsektion von lebhaften Debatten nur so überquellen würde. Ich freue mich ehrlich über jede und jeden, die oder der hier vorbeischaut und sich gut unterhalten oder zumindest informiert fühlt. Aber daraufhin lege ich meine Texte nicht aus.
Mein Ziel ist ehrgeiziger: Zu verstehen, was die antiautoritäre Revolte der 60er Jahre war. Nicht, was sie sich einbildete, zu sein, sondern was sie tatsächlich war:
„So wenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebenso wenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewusstsein beurteilen, sondern muss vielmehr dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.“ ([3], S. 9)
Was nicht heißt, wie das vulgärmarxistisch oft genug gedeutet wurde, daß man ignorieren könnte, was die Menschen in einer solchen Umwälzungsepoche gedacht haben. Das Bewußtsein ist keine vernachlässigbare Instanz, sie ist dem menschlichen Handeln wesentlich. Gesellschaftsverändernde Praxis läßt sich nicht unvermittelt auf die Widersprüche zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen zurückführen. Diese Widersprüche müssen, um menschliches Handeln zu bestimmen zu können, ins Bewußtsein treten. Nur treten sie eben nicht als das, was sie sind, ins Bewußtsein; nicht als bloßer Reflex. Erfahrung ist nie unmittelbar, sondern immer vermittelt. Vermittelt durch vorhergehende Erfahrungen, aber vor allem durch vorgängige Diskurse, die es überhaupt erst erlauben, Erfahrungen zu machen. Das Neue kann nie als unvermittelt Neues gedacht werden, sondern zunächst immer nur im Lichte des Alten. Deshalb ist es der Erfahrung des Neuen immanent, daß die Sachverhalte selbst verkannt werden: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ ([2], S. 115) Erst allmählich sickert das Neue in die bestehenden Diskurse ein, transformiert diese und macht das Neue als Neues für das Denken transparent. Gehandelt wird immer unter falschen Voraussetungen.
Und so wissen bis heute nicht, was die antiautoritäre Revolte der 60er Jahre wirklich war. Wir interpretieren sie – zumindest wenn wir sie politisch ernst nehmen und nicht als popkulturelles Oberflächen-Phänomen abtun – immer noch weitgehend in der Tradition der Arbeiterbewegung. Damit wird aber das eigentlich Neue an dieser Revolte verfehlt. Zumindest ist das meine persönliche Überzeugung. Und deshalb versuche ich hier, die historischen Erfahrungen dieser Epoche und die Diskurse, die sie begleitet haben, in ihrer gegenseitigen Durchdringung zu rekonstruieren. Denn wie wollen wir die Umwälzungen unserer Zeit richtig mißverstehen, wenn wir noch nicht einmal die Mißverständnisse der vergangenen Epoche begriffen haben? Deshalb schreibe ich dieses Blog, auf meine langsame und umständliche Art, als eine große Materialsammlung, die ich hoffentlich in den nächsten Jahren zu einem mehr oder minder kohärenten Ganzen zusammenführen kann. Als Blog mag das nicht allzuviel taugen, aber mir macht es Spaß, und den wenigen Leserinnen und Lesern hoffentlich auch.
Und so danke ich meinen Leserinnen und Lesern für ihre Aufmerksamkeit und hoffe, daß Sie mir auch im nächsten Jahr gewogen bleiben.
Und nächste Woche ist wieder Schluß mit lustig, es geht weiter mit Marcuse. Freuen Sie sich also darauf, daß er schreibt:
„Das Lustprinzip muß durch das »Realitätsprinzip« ersetzt werden, wenn die Menschengesellschaft von der Tierstufe zur Stufe des Menschenwesens fortschreiten soll.“ ([1], S. 430)
Nachweise
[1] Marcuse, H.: „Die Idee des Fortschritts im Lichte der Psychoanalyse“, in: Adorno, T. W. & Dirks, W. (Hg.), Freud in der Gegenwart, Frankfurt a.M. 1957, S. 425 – 441.
[2] Marx, K.: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 8, Berlin 1956ff, S. 111 – 207.
[3] Marx, K.: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 13, Berlin 1956ff, S. 3 – 160.
Hinweis für die treuen Leserinnen und Leser
Mir ist heute nicht danach, einen Text zu verfassen. Mir ist nach feiern. Und das werde ich tun…
Bis nächste Woche.
Wir haben sie so geliebt, die Revolution
„1968 fing der Planet Feuer, wie auf ein weltweites Zeichen hin. In Paris wie in Berlin, in Rom oder Turin wurden die Straße und der Pflasterstein Symbol einer Generation im Aufstand.“
Daniel Cohn-Bendit, Wir haben sie so geliebt, die Revolution
1986, knapp zwanzig Jahre nach dem Höhepunkt der antiautoritären Revolte, veröffentlichte Daniel Cohn-Bendit, ein Buch mit dem Titel, den ich mir für diesen Beitrag ausgeliehen habe. Darin zieht er, in Form von Interviews mit einer Reihe ehemaliger Aktivistinnen und Aktivisten, eine Art Bilanz aus den Zeiten des Aufruhrs. Diese Bilanz fällt, naturgemäß, ernüchternd aus. Von der „Revolution“ ist Mitte der 80er Jahre mehr viel übriggeblieben. Ob Kommunen, Arbeiteragitation oder bewaffneter Kampf: Alle Versuche, den Elan der Bewegungen aus den 60er Jahren in eine grundlegende Transformation der Gesellschaft zu überführen, sind mehr oder minder gescheitert. Aus dem Maximalprogramm der Revolution wurde das Minimalprogramm der Demokratie:
„Die Revolution als Idee ist heute aus den Köpfen unserer Zeitgenossen verschwunden. Wir haben uns dem demokratischen Formalismus untergeordnet. Aber von welcher Demokratie reden wir?
Für mich bedeutet Demokratie auch die Möglichkeit, die alltäglichen Beziehungen zwischen den Menschen zu verbessern, zwischen Männern und Frauen, zwischen Frauen und Kindern, sie soll aufklären und helfen, den Alltag zu meistern.“ ([1], S. 181)
Und als ob dieses jämmerliche Geschwätz nicht peinlich genug wäre, fügte Cohn-Bendit noch hinzu:
„Ohne Zweifel ist ein solches Demokratieverständnis für mich ein Grund dafür, aktiv in einer Partei zu arbeiten, den GRÜNEN in der Bundesrepublik.“ ([1], S. 181)
War die Vorstellung von der Revolution wirklich nur ein großes Hirngespinst, ein kapitaler, wenn auch vielleicht historisch notwendiger Fehler? Und ist die Konsequenz, die aus der Erkenntnis dieses Fehlers zu ziehen ist, wirklich die parlamentarische Demokratie? Was, wenn man sich dieser Konsquenz verweigert? Schon einige Jahre zuvor hatte Cohn-Bendit in einem Nachwort zum Buch des RZ-Aussteigers Hans-Joachim Klein in schlechtem Deutsch geschrieben:
„Das Bedürfnis auf radikale subjektive Veränderung, heraus aus dem autoritären Mief der kleinbürgerlichen Mittelmäßigkeit […] fand sein Äquivalent in dem Mythos von der Revolution, dem utopischen Ort von Aufstand und apokalyptischer Veränderung. […] Ein jeder mußte nur konsequent genug sein, radikal, und wir würden es alle gemeinsam schaffen. So bekamen leere Begriffe wie Solidarität plötzlich einen warmen, lebendigen Inhalt, und selbst vorher verhaßte Begriffe wie »Disziplin« und »Organisation« bekamen durch das Beiwort »revolutionär« wieder einen Sinn – man mußte eben Opfer bringen. Und so eröffnete sich die Büchse der Pandorra [sic].“ ([2]. S.228f)
Mit der Büchse der Pandora meinte Cohn-Bendit den bewaffneten Kampf. Ultimative Konsequenz aus dem Mythos der Revolution war für Cohn-Bendit der Terrorismus, der sinnlose Krieg einer Minderheit gegen den Staat. Dem mußte Einhalt geboten werden:
„Die nicht enden wollende Todesspirale, die von den Kleinkriegsstrategen auf beiden Seiten, Staat wie Guerilla, als unabänderlich, unverhinderbar dargestellt wird, kann nur durch einen den Kreislauf transzendierenden Standpunkt unterbrochen werden: den humanitären.“ ([2], S. 230)
Hier klingen, dies nur nebenbei bemerkt, schon Ende der 70er Jahre die „humanitären“ Interventionen an, für die die GRÜNEN unter Joschka Fischer dann berüchtigt werden sollten. Doch zurück zum Argument: Es ist zweifellos richtig, daß eine ganze Reihe hochgradig hirnrissiger Experimente in den 70er Jahren darauf zurückgingen, daß man den Begriff der Revolution zu sehr an bestimmte historische Erscheinungsformen gekoppelt hatte, an den Sturm auf die Bastille, den Sturm auf’s Winterpalais. Eine derartige revolutionäre Situation aber war in den kapitalistischen Zentren in den 60er Jahren zu keiner Zeit gegeben. Genausowenig stand ein Neuerwachen proletarischen Klassenbewußtseins oder die konkrete Option der Rätedemokratie auf der Tagesordnung. Das Proletariat, die Revolution und die Räte waren zunächst einmal nur historische Mythen. Aber Mythen, die etwas bewegten, die einen bestimmten Inhalt hatten.
Als solche waren sie symbolisch zu verstehen: In ihnen artikulierten sich, in Form unklarer Bilder, die eigentlichen Bedürfnisse, für die den Protagonisten der Bewegung andere Bilder und Symbole fehlten.
Das Symbol des Proletariats repräsentierte nicht so sehr den konkreten Malocher in der Fabrik, sondern vielmehr eine Form materialer Kreativität, die im realen kapitalistischen Alltag immer mehr verkümmerte. Die Verweigerung entfremdeter Arbeit, wie sie von den Gammlern der 60er Jahre bis hin zu den alternativen Aussteigern der 70er und auch noch frühen 80er Jahre praktiziert wurde, erhielt im Symbol des revolutionären Proletariats eine Form, die der individuelle Verweigerung eine kollektive Perspektive gab.
Das Symbol der Räte stand für eine nicht nur formale, sondern tatsächlich inhaltliche Demokratie. Verantwortung sollte nicht nur delegiert werden, sondern man hoffte, jeden und jede in wesentliche Entscheidungsprozesse von persönlichem Belang mit einzubeziehen. In Cohn-Bendits Rede vom „demokratischen Formalismus“ ist noch ein leises Echo dieses kritischen Potentials, das im Symbol der Räte aufbewahrt ist, zu vernehmen, um dann in den Metamorphosen der GRÜNEN Partei endgültig zum Verstummen gebracht zu werden.
Das mächtigste dieser Symbole war allerdings das Symbol der Revolution. Es stand, als Symbol, eben nicht dem „Humanitären“ diametral entgegen. Es repräsentiert vielmehr die zutiefst humane Einsicht, daß eine Organisation der Gesellschaft auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise nicht tragbar ist. Daß diese Ordnung zutiefst inhuman ist und grundlegend verändert werden muß, während bloß kosmetische Korrekturen die Misere nur verlängern.
Das Problem dieser Symbole war nur, daß sie nicht als offene Fragen, sondern schon als Antworten begriffen wurden. Und die daraus gezogenen Konsequenzen nicht als Experimente mit offenem Ausgang, sondern als klare Rezepte. Doch die Rätselnatur derartiger Symbole erlaubt keine Eindeutigkeit, keine klaren Handlungsanweisungen. Weil aber diese spezielle Natur der Symbole verkannt wurde, entstanden eine Unzahl miteinander konkurrierender Interpretationen. Was nicht schlecht gewesen wäre, wenn diese nicht mit einem dogmatischen Ausschließlichkeitsanspruch aufgetreten wären. Dieser führte dann dazu, daß die Bewegungen nicht mehr nach außen, auf den Rest der Gesellschaft einwirkten, sondern sich in sinnlose interne Debatten und Auseinandersetzungen verstrickten.
Dieser Kleinkrieg der linksradikalen Sekten hatte zur Folge, daß die Symbole selbst entwertet wurden, ihr eigentlich vernünftiger Inhalt über Bord flog. An die Stelle der revolutionären Phraseologie der Sekten trat entweder die Resignation oder, noch schlimmer, die Phraseologie der geläuterten Radikalen, die auf einmal die parlamentarische Demokratie für sich entdeckten. Das Kind war mit dem Bade ausgeschüttet worden.
Ab nächste Woche geht es völlig anders weiter. In den nächsten Wochen will ich mich mit einem Philosophen beschäftigen, der wie kein zweiter die Bewegungen inspiriert hat. Und ich hoffe, an sein Werk keine so dummen Fragen zu stellen wie Habermas im Jahr 1977:
„HABERMAS: Jetzt kommen wir zur Einschätzung der Studentenbewegung. Inwieweit kann man heute noch ähnliche Erwartungen an die Studenten als organisationsfähige Gruppe knüpfen, wie wir das alle 1967/69 getan haben? Ist das empirisch noch zu halten?
MARCUSE: Haben wir das alle getan? Haben Sie und habe ich angenommen, daß das die Revolution war?
HABERMAS: Nein, weiß Gott nicht.
MARCUSE: Na also.“ ([3], S. 59)
Nachweise
[1] Cohn-Bendit, D., Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Berlin und Wien 2001.
[2] Klein, H.-J., Rückkehr in die Menschlichkeit. Appell eines ausgestiegenen Terroristen, Reinbek 1979.
[3] Marcuse, H.; Habermas, J.; Lubasz, H. & Spengler, T.: „Theorie und Politik“, in: Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt a.M. 1996, S. 9 – 62.
Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (3)
„Wer bringt diese Zeitung heraus? Sicherlich lauter Ausländer!“
Amtmann Wagner 1960 über die Zeitschrift konkret
Ich gebe zu, dieses Blog mäandert ganz schön durch die Gegend, um sich seinem Ziel, die antiautoritären Bewegungen der späten 60er Jahre zu verstehen, anzunähern. Vor drei Monaten hatte ich die Frage gestellt, wie es in den 70er Jahren zur Gewalteskalation der terroristischen Gruppen kommen konnte – und als eine Ursache hatte ich die schon länger, nämlich seit Ende der 50er Jahre, schwelende Erfahrungen mit Repression angeführt. Und es ist bereits zwei Monate her, daß ich begonnen habe diese Repressionserfahrungen zunächst am Beispiel der Berliner Krippendorff-Affäre zu exemplifizieren, um dann zu lokalen Ereignissen hier in Freiburg umzuschwenken.
Diese waren soweit eskaliert, daß der damalige Rektor Thieme einem griechischen Kommilitonen das Wort verbot. Daraufhin hatte ich dann in den letzten drei Wochen vielleicht etwas zu minutiös untersucht, wes Geistes Kind eigentlich dieser Rektor Thieme war. Und ausgestattet mit dem Wissen über diese von Thieme exemplarisch verkörperte Geisteshaltung nähern wir uns nun der Schlußrunde: Höhepunkt der Auseinandersetzungen in den Jahren 1960/61 bildeten Maßnahmen des Rektorats, um den Verkauf der Zeitschrift konkret an der Universität Freiburg zu unterbinden.
Zuvor allerdings noch eine Korrektur: Ich hatte, als ich vor drei Monaten mit diesem Gedankengang begann, ganz allgemein von „Repressionserfahrungen“ gesprochen. Und um Repression handelt es auch, zumindest in gewissem Sinn. Allerdings ging bei alldem um eine spezielle Form der Unterdrückung, nämlich um die Unterdrückung studentischer Meinungsfreiheit. Diese Diskussion wurde von Seiten der Universitätsverwaltung und einiger – nicht aller – Professoren auf eine seltsam verdruckste Art geführt. Es wurde versucht, den Anschein zu erwecken, daß nicht Kritik als solche im Fokus stünde, sondern daß allein die Form, wie studentische Kritik geäußert würde, anstößig sei. Die angeblichen Argumente waren immer die selben: Personen seien beleidigt worden, die Würde der Universität nähme Schaden etc.
Dies sollte sich nun ändern. Beim Angriff auf die Meinungsfreiheit, der uns heute und nächste Woche beschäftigen wird, geht es nicht mehr um Beleidigungen oder die Ehre, sondern tatsächlich um politische Inhalte – auch wenn dies zunächst hinter Formalien versteckt wird.
Finale Furioso: Verkaufsverbot für die konkret
Beginnen wir mit dem eigentlichen Sachverhalt: Am 16. Mai 1960 hatte sich der uns bereits bekannte griechische Student Nikos Hadjinicolaou auf die Freitreppe der Universität gestellt und die in Hamburg erscheinende Studentenzeitschrift konkret verkauft.
Diese Zeitschrift war durchaus bekannt, in bestimmten Kreisen auch berüchtigt. Warum, ist einem Pressezitat aus dem forum academicum vom Mai 1960 zu entnehmen:
„»konkret« ist keine bequeme Erscheinung. Grundsätzlich läßt sich bei regelmäßiger Lektüre dieser Zeitschrift feststellen, daß durchweg Themen aufgegriffen werden, von denen Axel Springer nicht einmal träumt. Alles was in unserem Provisorium so schön schwach ist, etwa Nazi-Generäle in der Bundeswehr, wird vernichtend angegriffen.“ (zit. nach [3], S.14)
Es war ein offenes Geheimnis, daß die Zeitschrift der seit 1956 verbotenen KPD nahestand. Und die damit verbundene Unterstützung aus dem Osten beschränkte sich nicht nur auf finanzielle Zuwendungen: Der Zeitschrift wurden auch immer wieder Materialien zugespielt, die die Rolle, die bundesrepublikanische Funktionsträger im Nationalsozialismus gespielt hatten, belegten. Daß von Seiten der DDR damit propagandistische Absichten verfolgt wurden, ist unzweifelhaft; es besteht aber auch kein Zweifel daran, daß die derart aufgedeckten üblen Kontinuitäten durchaus äußerst real waren.
Trotz oder vielleicht auch wegen dieser eindeutigen Tendenz des Blattes verkaufte Hadjinicolaou an diesem 16. Mai innerhalb einer Stunde mehr als hundert Exemplare der Zeitschrift, bis die Obrigkeit in Gestalt eines Universitätsbediensteten auf ihn zueilte und ihn vor den Universitätsrat Dr. Curtius zitierte. Dieser beschied ihm, daß der Verkauf der konkret auf Universitätsgelände verboten sei. Hadjinicolaou erwiderte, er sei der Meinung, daß der Verkauf nur innerhalb des Kollegiengebäudes untersagt sei. Das bestritt Curtius, weigerte sich aber, Hadjinikolaou eine schriftliche Bestätigung dieses Verbotes auszuhändigen. Dieser legte daraufhin Beschwerde beim Rektor ein, der ihm beschied, daß es einen Senatsbeschluß aus dem vorhergehenden Jahr gebe, der jeglichen Zeitschriftenverkauf auf dem ganzen Universitätsgelände verbiete, es sei denn, es handle sich um universitätseigene Zeitschriften.
Tatsächlich war dies gelogen. Zwar gab es einen Senatsbeschluß vom 14. Januar 1959, in dem der Verkauf und die Werbung für Zeitungen und Zeitschriften im Kollegiengebäude verboten wurde. Daß dabei inhaltlich-politische Gründe eine Rolle spielten, war offensichtlich, denn schon damals ging es um die konkret, die laut Protokoll der Senatssitzung „keinen guten Eindruck“ mache und ein „ausgesprochenes destruktives Blatt“ sei ([5]).
Doch diese inhaltlich-politischen Fragen fließen nicht in den Beschluß ein, vielmehr werden wieder formale Gründe vorgeschoben, nämlich „unerträgliche Störungen in den ohnehin beengten Gängen des Erdgeschosses“ ([5]). Doch dieses Verschiebung der Diskussion vom Inhaltlichen auf das Formale führt dann dazu, daß der Zeitschriftenverkauf vor der Universität erlaubt bleibt. Explizit heißt es im Protokoll:
„Die Frage des Rektors, ob irgendwelche Bedenken gegen eine Werbung vor den universitätseigenen Gebäuden bestehe, wird von Herrn Gerber verneint.“ ([5])
Nicht nur, daß Universitätsrat Curtius und nach ihm dann Rektor Thieme offensichtlich gelogen haben: Die Studentenzeitung weist in ihrer nächsten Nummer außerdem darauf hin, daß dieser Beschluß ganz offenkundig im Fall einer ganzen Reihe von anderen Zeitungen und Zeitschriften keineswegs durchgesetzt werde:
„Man kann sich im vorliegenden Fall nicht des Eindrucks erwehren, daß hier mit zweierlei Maß gemessen und der Gleichheitsgrundsatz mißachtet wird. Außerdem sollte man durch derlei Maßnahmen doch nicht immer wieder die Studenten politisch ans Gängelband nehmen. Jeder Student weiß um die politische Orientierung von »konkret« oder »Student im Volk«, um die beiden extremsten Vertreter der Studentenpresse zu nennen, jeder Student wird folglich in der Lage sein, an die Lektüre mit entsprechender Reserve heranzugehen.“ ([1], S.6)
Daraufhin eskaliert die Angelegenheit. Am 15. Juni 1960 setzt der Senat das Thema wieder auf die Tagesordnung, nachdem, wie sich der AStA-Vorsitzende ausdrückte, „von einigen Studenten eine Einschränkung als Zensur und geistiger Terror betrachtet werde“ ([4]). Der Senat hält jedoch hartnäckig am Verbot fest.
Deshalb stellt Hadjinicolaou, um sich nicht noch mehr Ärger einzuhandeln, bei der Polizei einen Antrag, um die Zeitschrift außerhalb des Universitätsgeländes zu verkaufen. Die Genehmigung wird anstandslos, wenn auch nur mündlich, erteilt. Doch die Freude währt nicht lange: Als er am 23. Juni versucht, in Sichtweite der Universität, aber auf einem öffentlichen Platz, erneut die konkret zu verkaufen, wird er nach einiger Zeit von einem Polizisten auf das Polizeipräsidium zitiert, wo ihm der weitere Verkauf der Zeitschrift vom stellvertretenden Polizeidirektor Greß und Amtmann Wagner verboten wird.
Als dann eine Delegation der Freiburger Studentenzeitung bei der Polizei vorspricht, stellt sich heraus, daß dieser überraschende Entzug der Verkaufserlaubnis auf einen Telefonanruf des bereits unrühmlich bekannten Dr. Curtius zurückgeht. Das Verbot selbst wird dann mit verkehrstechnischen Bedenken begründet, die dann auf Nachfrage folgendermaßen konkretisiert werden:
„a) »konkret« sei eine Zeitschrift, in der — »wie verlautet« — Artikel erschienen, »an denen sich die Gemüter erhitzten.«
b) Durch die Person des Freiburger Vertreters der Zeitung sei ein ruhiger Verkauf nicht gewährleistet. Dazu: »Herr H. ist offenbar Grieche und gehört mithin einem Volk an, das für seine Geschäftstüchtigkeit bekannt ist.«“ ([2], S.7)
Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn der Studentenrat am 26. Juni 1960 folgenden Beschluß faßt:
„Nachdem der Hohe Senat in seinem auf die Universität beschränkten Beschluß vom 15. 6. 1960 im Gegensatz zu der Meinung des Studentenrates keine Beschneidung der studentischen Informationsfreiheit sieht, ist der Studentenrat außerordentlich erstaunt, daß das Akademische Rektorat jetzt versucht, durch Beeinflussung der Polizei den Vertrieb von Studentenzeitungen auch außerhalb der Universität zu verhindern. Der Studentenrat versteht dieses Verhalten nicht und bittet das Akademische Rektorat um Stellungnahme.“ (zit. nach [2], S. 7)
Literaturverzeichnis
[1] H[orst].B[reier]., „”Konkret”-es“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.4 (Juni 1960): S.6.
[2] H[orst].B[reier]., „”Konkret”-es II“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.7.
[3] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Aus der Presse zitiert“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.14.
[4] „Senatsprotokoll vom 15. Juni 1960“, in: Universitätsarchiv Freiburg B12 (Senatsprotokolle).
[5] „Senatsprotokoll vom 14. Januar 1959“, in: Universitätsarchiv Freiburg B12 (Senatsprotokolle).
Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 3
„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben. Die Grundentscheidung, drinnen zu bleiben, war aber richtig.“
Brief von Hans Thieme an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947
Ich weiß, es ist zu viel des Guten: Drei Artikel auf die Geisteshaltung eines mehr oder minder bedeutungslosen konservativen Jura-Professors zu verschwenden, nur weil dieser sich im Jahr 1960 eine beachtenswerte Auseinandersetzung mit kritischen Studenten geliefert hat. Aber der Fall scheint mir durchaus exemplarischen Charakter zu haben. Rekapitulieren wir noch einmal, was wir über Professor Dr. Hans Thieme, 1960 Rektor der Universität Freiburg, bislang erfahren haben.
Zum einen empfand er sich, ganz subjektiv, als jemand, der mit den Nationalsozialisten nichts am Hut hatte, der im Grunde seines Herzens Antifaschist war und dessen Karriere durch den Nationalsozialismus nur Nachteile erfahren hatte. Vor allem der nationalsozialistische Studentenbund stellte in seinen Augen das Haupthindernis dafür dar, daß seine Karriere nicht in den geordneten Bahnen verlief, in denen sie auf Grund seiner Herkunft und seiner wissenschaftlichen Meriten hätte verlaufen sollen.
Zum anderen haben wir bislang aber auch erfahren, daß Thieme – wie viele seiner Klasse – gegenüber dem Volksgemeinschaftsgedanken der Nationalsozialisten durchaus aufgeschlossen war. Seine Teilnahme an der Bücherverbrennung 1933 oder sein Eintritt in die Motor-SA deuten darauf hin, daß er sich in der Anfangszeit durchaus bemühte, seine Rolle als aktives Mitglied der nazistischen Volksgemeinschaft zu spielen, sei es nun aus Überzeugung, sei es aus Opportunismus.
In den Papieren, die sich im Konvolut seiner Entnazifizierungsakten findet, beteuert er immer wieder, daß seiner Mitgliedschaft in verschiedenen nazistischen Organisationen die innere Überzeugung gefehlt hätte, ja, daß sie ihm eigentlich immer gegen seinen Willen aufgezwungen worden sei. Typisches Beispiel hierfür ist seine Beschreibung, wie und warum er Mitglied der NSDAP wurde:
„Ich bin Mai 1937 Mitglied der NSDAP geworden. Der Vorgang war folgender: Ich erhielt eines Tages, ohne jeden diesbezüglichen Schritt meinerseits, einen Brief meines zuständigen Fachgruppenführers im nat-soz. Dozentenbund, er habe mich zur Aufnahme in die Partei vorgeschlagen; ich möchte einen entsprechenden Antrag stellen. Hätte ich mich darauf ablehnend verhalten, so wäre ich als Professor – ich war damals Extraordinarius in Breslau – wie als Beamter überhaupt erledigt gewesen. Das weiss jeder, der im Dritten Reich gelebt hat. Da ich übrigens die Voraussetzungen für die Aufnahme in die Partei – Verdienste um die Bewegung, Betätigung als Amtswalter usw. nicht erfüllte, erfolgte meine Aufnahme schliesslich nicht einmal auf Grund meines Antrags, sondern auf Antrag des Gauleiters, also ohne jede Einflussnahme meinerseits.“ ([6])
Er hat zwar einen Antrag gestellt, aber er wurde gar nicht auf Grund seines Antrags in die Partei aufgenommen. So leicht konnte man damals also in eine Partei hineinrutschen, mit der man eigentlich nichts am Hut hatte. Thieme beteuert in den Akten weiter, er sei in der NSDAP immer nur eine Karteileiche gewesen, sei nie zu den Parteiversammlungen gegangen und habe auch das Parteiabzeichen niemals angesteckt. Eine aktive Rolle habe er nie gespielt.
Für die Partei stimmt das wahrscheinlich auch, denn zur Zeit seines Parteieintrittes wandte sich Thieme wieder der Kirche zu, aus der er 1933 ausgetreten war. Was er aber in allen Dokumenten zu seiner Entnazifizierung völlig ausblendet, ist seine Rolle im nationalsozialistischen „Rechtswahrer-Bund“. Denn hier hat sich Thieme in den Jahren 1934/35 durchaus aktiv eingebracht und in dessen von Hans Frank herausgegebenem Zentralorgan Deutsches Recht drei Artikel publiziert.
Diese Artikel sind vor allem deshalb interessant, weil sich Thieme in diesem Fall nicht damit herausredet, er habe sie wider besseres Wissen, quasi auf Druck von außen verfaßt. Als ihn Otto Köhler 1961 in einem Artikel in der konkret als einen von „Hitlers willigen Denkern“ bezeichnet, rechtfertigt sich Thieme in einem Leserbrief. Natürlich weist er wieder einmal darauf hin, „welches die Situation junger Dozenten, die nicht zur Partei gehörten, damals war – nicht zuletzt gerade wegen des Drucks ihrer Studenten“ ([7]); viel interessanter als dieses uns inzwischen bekannte Stereotyp aber ist, daß er Köhler vorwirft, nur die Tatsache der Publikation in einem solchen Blatt für seinen „Rufmord“ heranzuziehen, „ohne zu berücksichtigen, was dort überhaupt steht“ ([7]). Wir können also davon ausgehen, daß Thieme nicht der Meinung ist, sich inhaltlich von dieser Artikelserie distanzieren zu müssen. Aus diesem Grund erweist sich ihr Inhalt für die Kontinuität von Thiemes Rechts- wie auch Gesellschaftsauffassung als ziemlich erhellend.
Um es gleich von vornherein zu sagen: Es steht nichts Rassistisches oder Antisemitisches in diesen Artikeln; und was Thieme schreibt, fügt sich nahtlos in die Kontinuität seines Denkens auch nach dem 2. Weltkrieg ein. Deshalb sah Thieme wohl auch keinen Grund dafür, sich inhaltlich von diesen Artikeln distanzieren zu müssen. Aber er erachtet gerade das als unbedenklich, was die Nazis mit den konservativen Bürgerlichen verband: Die Vorstellung der Nation als einer hierarchisch gegliederten Volklsgemeinschaft.
Thema aller drei Artikel ist das letzte Woche bereits erwähnte „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ oder einfacher Arbeitsordnungsgesetz (AOG) ([11]). Ziel dieses Gesetzes war es, die notwendigen Interessenskonflikte in den Betrieben wegzudefinieren, um damit den Arbeitern jegliche Kampfmittel aus der Hand zu nehmen.
Dazu wird erst einmal das Vertragsverhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern zugunsten eines Verhältnisses von Führer und Gefolgschaft uminterpretiert (§1). Thieme sieht ganz deutlich, daß es darum geht, den objektiven Interessensgegensatz zu Gunsten der Volksgemeinschaftsideologie einfach wegdekretiert. Um diesen „revolutionären“ Gehalt des AOG herauszuarbeiten, vergleicht er es mit Roosevelts New Deal, bei dem es ja auch um eine Neuordnung der Arbeitsverhältnisse während der Großen Depression ging:
„Auch unter der Herrschaft der NIRA (National Industrial Recovery Act) stehen sich die Partner der Arbeitsordnung als feindliche Parteien gegenüber. Vereinigiungs- und Streikrecht sind ausdrücklich bestätigt [...]. Anders die Gedankenwelt des neuen deutschen Arbeitsrechts [...]. Nicht mehr als feindselige Prozeßgegner sollen Gefolgschaft und Betriebsführer den Treuhänder anrufen, sondern als gemeinschaftsbewußte Glieder eines Ganzen.“ ([3], S.466)
Der Jurist Thieme begrüßt also ausdrücklich, daß an die Stelle bürgerlicher Vertragsverhältnisse ein autoritäres Regime tritt: Die „Gefolgschaft“ hat dem „Betriebsführer“ „die in der Betriebsgemeinschaft begründete Treue zu halten“ (§2).
Was aber, wenn sich die Konflikte nicht wirklich wegdekretieren lassen, wenn es trotzdem zum Konflikt kommt? In diesem Fall tritt der „Treuhänder der Arbeit“ auf den Plan, der „für die Erhaltung des Arbeitsfriedens zu sorgen“ hat (§19). Dazu greift der „Treuhänder der Arbeit“ mit Hilfe von Richtlinien in die Tarif- und Betriebsautonomie ein.
Es ist eine mehr als ironische Pointe, daß Thieme diesen autoritären Eingriff des „Treuhänders der Arbeit“ in die Betriebsautonomie nicht nur rechtfertigt, sondern die Befugnisse des Treuhänders viel weiter gefaßt sehen will, als dies der Schöpfer des AOG, Werner Mansfeld, intendierte. Bei Mansfeld handelte es sich um einen Freikorps- und wahrscheinlich Stahlhelm-Kämpfer, der in der Weimarer Republik für den Verein für die Bergbauliche Interessen unter anderem die Tarifverhandlungen mit den bzw. gegen die Gewerkschaften führte. In die NSDAP trat er erst 1933 ein ([2], S.330). Mansfeld ging es vor allem darum, die Gewerkschaften auszuschalten, das bereits vor dem AOG existierende Konstrukt eines „Treuhänders der Arbeit“ diente mehr oder minder als Feigenblatt, um dem Ganzen einen national-„sozialistischen“ Anstrich zu geben. Mansfeld nahm ganz klar eine unternehmerfreundliche Position ein und wollte in den Treuhänder-Richtlinien nur unverbindliche, lediglich zur Berücksichtigung empfohlene Hinweise sehen.
Dagegen positionierte sich Thieme als der bessere Nationalsozialist. Ihm zufolge geht es, wenn der Treuhänder Richtlinien erläßt, „nicht an, daß die Betriebsführer sich darüber hinwegsetzen und bestenfalls ehrengerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.“ ([3], S.467) Der „Betriebsführer“ ist für ihn eindeutig dem „Treuhänder“ untergeordnet.
Thieme ist es also mit der „Volksgemeinschaft“ richtig ernst, das bürgerliche Recht hat für ihn ausgedient, an seine Stelle tritt ein „deutsches“ Recht, das sich einen feuchten Dreck um Gesetzestexte schert, sondern vor allem den „Geist“ eines Gesetzes zum Rechtfertigungsgrund juristischen Handelns erklärt:
„Absichtlich war das AOG von seinen Schöpfern elastisch gefaßt; das heißt, es ist mehrdeutig und empfängt sein Gepräge aus der Hand der Rechtswahrer, die es anwenden und durch den Geist, in dem dies geschieht.“ ([4], S. 214)
Mit anderen Worten, es herrscht pure Willkür in seiner Anwendung. Oder um es mit Thiemes eigenen Worten zu sagen:
„Positivistisches Rechtsdenken und nationalsozialistische Gesetze können schwerlich gut zusammenpassen.“ ([5], S. 502)
An die Stelle verbindlicher Richtlinien tritt deshalb das autoritäre Führer-Prinzip. Der „Betriebsführer“ hat die absolute Macht über die „Gefolgschaft“, der „Treuhänder“ dann wieder über den „Betriebsführer“. Der eigentliche Witz ist, daß Thieme diese autoritäre Hierarchie keineswegs als Herrschaft verstanden wissen will. Vielmehr behauptet er,
„daß Führung als Tätigkeit heute die wesensmäßige, existenzielle Verbundenheit mit einer Gefolgschaft bedeutet und sich dadurch von bloßer Herrschaft unterscheidet [...] Der Gemeinschaftsgedanke ist dem Führergrundsatz immanent und ebenso die »Verantwortung nach oben.«“ ([4], S. 215)
Das einzige, was Thieme zufolge das Willkürhandeln eines solchen „Führers“ einschränkt, ist der „Maßstab der sozialen Ehre“, was für ihn ein „Wiederaufleben deutschen Rechtsdenkens“ darstellt ([4], S. 215). Dieses „deutsche Rechtsdenken“ ist eben kein bürgerliches Recht mehr:
„Das heutige Rechtsdenken nun erfaßt das Arbeitsrecht wieder als ständisches Recht und stellt »Arbeiter« neben »Unternehmer« und »Bauer«. Wie überhaupt der Gedanke ständischer Verschiedenartigkeit des Rechts [...] im Gegensatz zum 19. Jahrhundert neu lebendig ist.“ ([5], S. 502f)
Damit hat das bürgerliche Recht ausgespielt:
„[V]om ständischen Recht her muß heute die Erneuerung des für alle geltenden geschehen. Wenn auch das BGB noch lange bleibt, so wird doch vom Erbhofrecht her das Bodenrecht neu durchdacht; die Marktordnung des Reichsnährstandes gibt den Austauschgeschäften ein neues Gesicht, und so kann auch das Arbeitsrecht dazu verhelfen, das Vertragsdenken zu überwinden [...].“ ([5], S. 503)
Ein distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus sieht, vorsichtig formuliert, anders aus. In den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes ist Thieme also durchaus ein eifriger Verfechter der neuen, autoritär-hierarchischen Gesellschaftsordnung, die mit der bürgerlichen Gleichheit vor dem Gesetz aufräumt. Daß diese Auffassung auf juristische Willkür und letztlich Gewalt hinausläuft, ignoriert er zunächst geflissentlich. Dies ist umso erstaunlicher, weil sein Bruder Karl 1933 als Professor entlassen wurde, weil er aktiver Sozialdemokrat war, und 1935, als die Gestapo ihm nachstellte, ins Exil flüchtete ([10]).
Es ist schwer zu sagen, was Hans Thieme dann in der zweiten Hälfte der 30er Jahre bewogen hat, auf größere Distanz zu gehen. Möglicherweise spielten die eigenen Erfahrungen mit seiner Ordinierung in Breslau eine Rolle:
„Intrigen, wie sie damals an der Tagesordnung waren, wurden gegen mich gesponnen, das Parteiministerium, aber auch die Studentenschaft spielten eine dunkle Rolle; man sagte mir allerhand nach, was Ehre und Ruf schädigen sollte.“ ([8], S. 136)
Der Eintritt in die NSDAP verhalf ihm dann zwar zu seinem Ordinariat, doch habe ich aus der Zeit danach keine Zeugnisse für einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus mehr gefunden; stattdessen wandte sich Thieme jetzt wieder der Religion zu. Aber seine „Utopie“ der Volksgemeinschaft, die Vorstellung von Führung und Gefolgschaft, die selbstverständliche Annahme einer hierarchischen Rangordnung innerhalb der Gesellschaft, verließ ihn auch nach 1945 nie.
Wie sehr Thieme diese gesellschaftlichen Rangordnungen verinnerlicht hat, zeigt sich nur allzudeutlich in seinem Ende der 40er Jahre redigierten Kriegstagebuch. Dort distanziert er sich, wenig verwunderlich, vehement von den Gräueltaten der SS und strickt mit am Mythos der „sauberen Wehrmacht“. Als er 1944 zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands abkommandiert wird, schreibt er:
„Wir hatten es bisher mit anständigen, soldatischen Aufgaben zu tun gehabt und wollten uns nun nicht in elfter Stunde noch in die Schweinereien jener Kreise [der SS] hineinziehen lassen.“ ([9], S. 301)
Um aber die besondere Perfidie der SS-Schergen deutlich zu machen, beschreibt er einen Flüchtlingszug von polnischen Frauen und Kindern. Schaudernd wendet er sich ab von dem kalten Zynismus des SS-Offiziers, der diese Flüchtlinge nur ziehen läßt, weil er nicht genügend Munition hat, um mehr als die Männer zu erschießen. Doch beim Versuch, diesem Zynismus seine eigene Empathie mit den polnischen Flüchtlingen entgegenzustellen, kommt der ihm eigene, durch seiner eigenen Vorstellungen von gesellschaftlicher Hierarchie und Wertigkeit geprägte Zynismus erschreckend zum Vorschein:
„Was einem in diesem Elend besonders naheging, war, daß es sich diesmal nicht, wie in Rußland, um ganz arme, sowieso schon jammervolle Gestalten handelte, sondern um Menschen unserer Gesellschaftsschicht, Damen in Pelzmänteln, hübsche, bis vor 2 Tagen noch »gepflegte« Kinder.“ ([9], S. 304)
Bei russischen Hungerleidern hält sich das Mitleid des nun wieder christlichen Thieme in Grenzen, aber wenn die Opfer Pelzmantel tragen, ist er erschüttert. Nicht, daß sich Thieme damit auf die selbe Ebene wie den von ihm beschriebenen SS-Schergen stellen würde, aber es macht deutlich, wie schwer diesen konservativ-bürgerlichen Kreisen der Gedanke der Humanität, der nicht diskriminierenden Empathie mit den Opfern von Terror und Gewalt, fällt.
Wie diese Geisteshaltung dann 1960 den Konflikt mit der Freiburger Studentenzeitung prägt, lesen Sie nächste Woche, wenn Thieme meint:
„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich’s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S.9)
Literaturverzeichnis
[1] Hemmerich, P., „Interview mit Hans Thieme“, in: Die Zeit, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 – 10.
[2] Mason, T. W.: „Zur Entstehung des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934: Ein Versuch über das Verhältnis »archaischer« und »moderner« Momente in der neuesten deutschen Geschichte“, in: Mommsen, H.; Petzina, D. & Weisbrod, B. (Hg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik Bd.1, Kronberg/Ts. 1977.
[3] Thieme, H., „Die rechtliche Stellung des Treuhänders der Arbeit“, in: Deutsches Recht, Jg.4 (1934), Nr.19 (10. Oktober 1934 1934): S.466 – 468.
[4] Thieme, H., „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935): S.214 – 217.
[5] Thieme, H., „Nationalsozialistisches Arbeitsrecht“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.19/20 (15. Oktober 1935): S.501 -504.
[6] Thieme, H.: „Brief an nicht genannten Adressaten vom 2. Juni 1945“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
[7] Thieme, H.: „Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).
[8] Thieme, H.: „Letzte Vorkriegsjahre an der Breslauer Universität“, in: Hupka, H. (Hg.), Meine Heimat Schlesien, München und Wien 1980.
[9] Thieme, H.: „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: Martin, B. & Lewandowska, S. (Hg.), Der Warschauer Aufstand 1944, Warschau 1999.
[10] Thieme, K.: „Eidesstattliche Erklärung vom 10. Juni 1946“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
[11] Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934 (Arbeitsordnungsgesetz – AOG): http://www.verfassungen.de/de/de33-45/arbeit34.htm
Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 2
„Von der »Volksgemeinschaft« zu reden hieß nach 1945 zugleich, von Exklusions- und Distinktionsmechanismen zu schweigen.“
Malte Thießen ([7])
Wenn wir, wie letzte Woche angekündigt, begreifen wollen, was Thiemes Denken mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbindet, dann müssen wir uns zunächst ganz allgemein das anschauen, was als ideologische Brücke vom Bürgertum zu den Nazis führte: Die Ideologie der Volksgemeinschaft. Denn diese Ideologie war keineswegs das ausschließliche Monopol der Nationalsozialisten; auch für die bürgerlichen Parteien im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (bis hin zu den liberal-konstitutionellen) stellte die Volksgemeinschaft ein Ideal gesellschaftlicher Organisation dar.
Man vereinfacht nicht allzu sehr, wenn man die „Volksgemeinschaft“ als bürgerlichen Gegenbegriff zum „Klassenkampf“ ansieht. Die Deutsche Demokratische Partei etwa verwendete für die Wahlen von 1924 den Slogan: „Demokratie heißt Überwindung des Klassenkampfgedankens durch Volksgemeinschaft.“ (zit.nach [8], S. 29) Imaginiert wird eine Gesellschaft, in der die Klassen zwar weiter existieren, aber zum Wohle des ganzen Volkes in Harmonie zusammenarbeiten. Dabei wird das Bild einer pseudo-mittelalterlichen Ständeordnung beschworen, wo jeder seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllt und damit glücklich ist. Konsequenterweise ist in diesem ideologischen Rahmen dann auch immer von „Ständen“ statt von Klassen die Rede.
Daß dieses Gesellschaftsmodell der Realität des Industriekapitalismus Hohn sprach, entwertete es keineswegs, sondern machte es umso attraktiver. Man wollte die Industriegesellschaft, aber bitteschön ohne Klassenkampf, so wie es in einer imaginären guten alten Zeit der Fall gewesen sein sollte. Und wenn die zeitgenössische Realität dem nicht entsprach, dann mußte jemand daran schuldig sein: Offenbar waren zersetzende Elemente am Werk, die die schöne Harmonie zwischen Bürgertum, Arbeitern, Bauern und Soldaten (so die gängige Klassifizierung der gesellschaftlichen „Stände“) zerstörten. Bei der Identifizierung dieser zersetzenden Elemente gab es allerdings gewisse Differenzen zwischen Nationalsozialisten und bürgerlichen Konservativen. Die Nazis verstanden die Volksgemeinschaft vor allem „rassisch“, die zersetzenden Elemente, die man vernichten mußte, um eine harmonische Volksgemeinschaft herzustellen, wurden als feindliche „Gegenrassen“ identifiziert: Insbesondere den Juden wurde vorgeworfen, die Volksgemeinschaft von innen zu zersetzen. Bei den bürgerlichen Konservativen, soweit sie nicht selbst antisemitisch und rassistisch eingestellt waren, wurde diese zersetzende Tätigkeit gewissenlosen sozialistischen Agitatoren unterstellt. Ohne deren Zutun, so die Vorstellung, wäre die Arbeiterklasse mit ihrem Los durchaus zufrieden.
Die Übergänge zwischen diesen beiden Formen des Volksgemeinschaftsdenkens (es gab auch noch eine dritte, demokratische) waren fließend. Es gibt aber einen zentralen Überschneidungspunkt. Konservative stimmten mit den Nationalsozialisten in einem militanten Anti-Bolschewismus überein. Selbst dort, wo die Konservativen die antisemitische Gleichsetzung von „Bolschewismus“ und „Judentum“ als unsinnig ablehnten, waren sie durchaus mit der allgemeinen Stoßrichtung zufrieden. Verhinderten die Nationalsozialisten, daß sozialistischen Agitatoren die Arbeiterklasse gegen das Bürgertum aufhetzten, so war der Antisemitismus ein kleiner Preis, den man dafür gerne zu zahlen bereit war.
Und so bildeten Volksgemeinschaftsdenken und Anti-Bolschewismus das ideologische Bindeglied zwischen Nationalsozialisten und Bürgertum, selbst dort, wo der antisemitische Kitt der nationalsozialistischen Ideologie nicht griff. Auch in den Teilen des Bürgertums, die den handgreiflichen Antisemitismus des Nazipöbels abstoßend fanden, erschien die nationalsozialistische Machtergreifung als kleineres Übel verglichen mit der als chaotisch empfundenen Weimarer Republik. Als die Nazis als erstes die Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse ausschalteten, schien die vom Klassenkampf befreite Volksgemeinschaft in greifbare Nähe zu rücken. Am 20. Januar 1934 wurde der Klassenkampfes mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ offiziell beendet, das harmonische Miteinander von Kapitalisten und Arbeiterklasse wurde Gesetz. Dessen erster Paragraph lautete:
„Im Betriebe arbeiten der Unternehmer als Führer des Betriebes, die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft gemeinsam zur Förderung der Betriebszwecke und zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat.“
So viel zum ideologischen Hintergrund, ohne den so jemand wie Hans Thieme nicht zu verstehen ist. Denn die Volksgemeinschaft ist und bleibt für Thieme, auch nach 1945 ein erstrebenswertes Ideal. Im Jahr 1969, als an der Universität erste zaghafte Versuche unternommen werden, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, hält Thieme einen Vortrag, der dann in der Freiburger Studentenzeitung ausführlich rezensiert wurde. In dieser Rezension heißt es:
„Trotz seiner Abneigung gegen die meisten Ergebnisse des Faschismus gibt Thieme zu bedenken, daß der positive erzieherische Wert des Dritten Reiches nicht einfach unterschlagen werden dürfe. Schließlich seien »viel Egoismus und – wie man heute sagt – ‘ohne mich’ – Denken … damals bekämpft bekämpft und wenigstens zeitweise und bei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung wirklich überwunden worden.«
Thieme möchte gern die »Werte« retten, die der Faschismus für falsche Ziele »mißbraucht« hat. Für Thieme ist z. B. ein vom Nationalsozialismus pervertierter, aber an sich brauchbarer Wert: »Hoch und Niedrig im Dienste an der Volksgemeinschaft zu vereinigen«. Wie das nicht pervertiert vor sich gehen soll, ist uns schleierhaft. Unseres Wissens ist gerade dieser »Wert« Thiemes ein Kernstück nationalsozialistischer Ideologie. Er beinhaltet nämlich nichts anderes, als daß die Entrechteten und Unterprivilegierten ihre Klassenlage und ihre Wut auf die Ausbeuter vergessen sollen, um gemeinsam mit den Kapitalisten der »Volksgemeinschaft« zu dienen.“ ([1], S. 9)
Der Vorwurf ist sicherlich gerechtfertigt; und trifft doch nicht exakt ins Schwarze. Thiemes Vorstellung von „Volksgemeinschaft“ ist eine andere als die der Nazis. Die terroristische Durchsetzung einer völkisch-homogenen Gemeinschaft, war ihm – das ist durchaus glaubwürdig – ein Gräuel. Weder war Thieme Antisemit noch ein Freund von Gewalt. Was die Nazis zunächst in den Straßen und dann in den okkupierten Ländern veranstalten, stieß ihn zutiefst ab. Aber er hielt dennoch am Ideal einer Gesellschaft fest, in der einerseits die bestehenden Klassenverhältnisse nicht angetastet würden, sich die Klassenkonflikte aber dennoch einfach in Luft auflösten. Nur sollte dieser idyllische Zustand nicht durch Gewalt hergestellt werden.
Diese Ideologie einer Klassenversöhnung ohne Aufhebung der Klassen zieht sich durch Thiemes ganzes Denken. In einem mit „Bürgertum“ betitelten Artikel aus dem Jahr 1948 wünscht er sich eben dieses Bürgertum „aufgeschlossen, verantwortungsbewußt, frei von Dünkel, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplex. Und es wird hoffentlich ein Arbeitertum geben, das diesem Bürgertum nicht mehr feindselig gegenübersteht, sondern mit ihm zusammen die gemeinsamen Aufgaben angeht und es mit frischem Blut immer wieder verjüngt.“ ([3], S. 2)
In Thiemes Vorstellung muß das Bürgertum mit gesundem Selbstbewußt seiner eigentlichen gesellschaftlichen Führungsverantwortung gerecht werden. Das Problem der Vergangenheit sieht er darin, daß das Bürgertum sein Selbstbewußtsein verloren und sich dem militanten Pöbel unterworfen habe. An diesem mangelnden Selbstbewußtsein verantwortlich war, wenn wir Thieme glauben schenken wollen, „der antibürgerliche Affekt bei der deutschen Jugendbewegung. Sie hat das Bürgertum am meisten diskreditiert.“ ([3], S. 1) Als das Bürgertum nicht mehr willens war, seine Werte von Ordnung, Anstand und Sauberkeit rigoros durchzusetzen, begann der Niedergang: „Mit lügnerischen Plakaten fing es an, mit Bierseidel-Schlachten ging es weiter, und mit dem »Größten Feldherrn aller Zeiten« hörte es auf.“ ([4], S. 4)
Der wahnhafte Glaube, die klassischen bürgerlichen Werte stünden im Gegensatz zum Nationalsozialismus, nimmt bei Thieme streckenweise groteske Züge an. In seinen Ende der vierziger Jahre anhand von Tagebuchnotizen diktierten Kriegserinnerungen berichtet er, wie er nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 auf Heimaturlaub durch das besetzte Polen reiste:
„Ich muß sagen, es war erstaunlich, wie aufgeräumt und wohlverwaltet das Generalgouvernement [d. i. Polen] aussah. Vom Feldzug des Jahres 39 war so gut wie nichts mehr zu sehen. Ordnung, Sauberkeit, Wiederaufbau, zumal auf dem flachen Land. »Kirchhofsruhe« – aber doch ein Zeugnis,daß wir nicht so unfähig sind, fremdes Land zu verwalten, wie man hinterher sagt.“ ([5], S. 306)
Eine andere Bezeichnung als „pervers“ fällt mir angesichts derartiger Äußerungen einfach nicht ein. Thieme ist mental in der Lage, den Nationalsozialismus vollständig vom Bürgertum anzukoppeln. Nationalsozialismus ist für ihn einfach nur Gewalt, Terror, Herrschaft des Pöbels und – für Thieme ganz wichtig – einer respektlosen Jugend. Das Bürgertum hingegen steht für Anstand, Ordnung, Sauberkeit und eine dem Gemeinwohl verpflichtete Führung.
Natürlich weiß Thieme um die Kapitulation des deutschen Bürgertums vor dem Nationalsozialismus:
„Das politische Versagen weiter Kreise des Bürgertums wollen wir nicht beschönigen. Es fragt sich nur, ob es die anderen Stände besser gemacht haben, die Bauern, die Soldaten, die Arbeiter. Gab es nicht überall Einsichtige und Irrende? War einer dieser Stände derart führend bei der Katastrophe, die wir erlebt haben, daß ihm die Hauptschuld zufällt?“ ([3], S. 1)
Damit ist das Bürgertum als Klasse exkulpiert und das ganze Problem löst sich auf in eine nebulöse Unterscheidung von Einsichtigen und Irrenden. Daß es gerade seine bürgerlichen Werte waren, die ihn zumindest in den ersten Jahren nach der Machtergreifung in bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus brachte, ignoriert Thieme geflissentlich. Ein krasses Beispiel findet sich in seiner Entnazifizierungsakte, in der er seine Teilnahme an der Bücherverbrennung auf dem Frankfurter Römerplatz 1933 legitimiert:
„Ich sah in dieser Aktion trotz allem Über-das Ziel-Hinausschießen (so hat man sogar Fontane und Hofmannsthal verbrannt!) und trotz der antisemitischen Komponenten in erster Linie eine sympathische Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden, was auch mich an unsrer Litteratur und Kunst vielfach abgestoßen hatte, etwa im Feuilleton der sonst von mir sehr geschätzten Frankfurter Zeitung (Soma Morgenstern, Heinrich Simon, Bernhard von Brentano, Franz [gemeint ist wohl Siegfried] Krakauer, Erik Graf Wickenburg und wie jene Litteraten alle hießen) und meinte, man müsse die Jugend, die nun zu einer – allerdings tumultarischen – Maßnahme dagegen schritt, welche von Fern an das Wartburgfest erinnerte, dabei nicht im Stich lassen.“ ([6])
Man muß es sich wirklich klarmachen: Dies ist ein Text, den Thieme dem Entnazifizierungsausschuß vorlegte. In der Geisteswelt seiner bürgerlichen Werte ist die „Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden“ in Kunst und Literatur völlig legitim. Wenn Kunst und Literatur nicht dem harmonischen Zusammenwirken der verschiedenen „Stände“ in der Volksgemeinschaft dienen, dann findet ein Bürger wie Thieme es einfach sympathisch, wenn einmal ein Zeichen gesetzt wird, auch wenn das etwas über das Ziel hinausschießt.
Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn wir uns genauer anschauen, was Thieme zum „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“ ([2]) zu sagen hat.
Literaturverzeichnis
[1]Becker, N., „Thieme“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.19 (1969), Nr.9 (4. Dezember 1969): S.9.
[2]Thieme, H., „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: Deutsches Recht, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935 1935): S.214 – 217.
[3]Thieme, H., „Bürgertum“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.17 (13. August 1948): S.1 – 2.
[4]Thieme, H., „Anstand in der Politik“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.25 (3. Dezember 1948): S.4.
[5]Thieme, H.: „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: Martin, B. & Lewandowska, S. (Hg.), Der Warschauer Aufstand 1944, Warschau 1999.
[6]Thieme, H.: „Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
[7]Thießen, M.: „Schöne Zeiten?“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.
[8]Wildt, M.: „Die Ungleichheit des Volkes“, in: Bajohr, F. & Wildt, M. (Hg.), Volksgemeinschaft, Frankfurt a.M. 2009.
Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 1
„Es ist ein wenig viel, was man offenbar dem Bürgertum ankreiden möchte: Nationalismus, Versagen gegenüber der sozialen Frage, politische Reaktion, Unmoral, Nihilismus.“
Hans Thieme, 1948
Vorletzte Woche hatte ich über die Auseinandersetzung berichtet, die 1960 zwischen dem Rektor der Universität Freiburg und der Redaktion der Freiburger Studentenzeitung stattgefunden hatte. Und ich hatte die empörende Bemerkung des Rektors gegenüber dem griechischen Redaktionsmitglied Nikos Hadjinicolaou referiert, dem von eben diesem Rektor beschieden wurde: „Sie sind besser ruhig! Darüber spreche ich nur mit Deutschen!“ ([1], S. 2)
Diesen Text hatte ich während einer Zugfahrt, ohne Internetzugang geschrieben und dann sofort veröffentlich. Später interessierte mich dann doch, wer dieser Rektor namens Hans Thieme eigentlich gewesen war. Und es überraschte mich nicht im geringsten, als ich aus der Wikipedia erfuhr, daß Thieme 1937 in die NSDAP eingetreten war und im 2. Weltkrieg als Offizier gedient hatte.
Weitere Recherchen ergaben, daß Thieme dann nach dem Krieg enge Beziehungen zum rechten Rand des Konservativismus unterhielt. Der revanchistische Bund der Vertriebenen stellte da nur das Sahnehäubchen dar – eine wichtige Rolle spielte er auch im von den Altnazis Hermann Aubin und Johannes Künzig 1953 gegründeten Ostdeutschen Akademischen Arbeitskreises in Freiburg (Kopernikuskreis). Aubin kannte Thieme übrigens noch aus seiner Breslauer Zeit in den 30er Jahren, als Aubin der Nestor der rassistischen deutschen Volkskunde war.
Angesichts dieser Fakten schien sich das Bild endgültig abzurunden: Offensichtlich handelte es sich bei Thieme um einem alten Nazi und unverbesserlichen Revisionisten, der Ausfall gegen Hadjinicolaou war also durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Kurz und gut: Thieme verkörperte, zumindest dem ersten Anschein nach, exemplarisch die 68er Parole, derzufolge es unter den Talaren nach dem Muff von 1000 Jahren roch.
Doch dieses simple Bild trügt. Tatsächlich ist Thiemes Verhalten um einiges komplexer, als es der eben skizzierte Lebenslauf vermuten läßt.
Es geht im Folgenden weder darum, Thieme posthum noch einmal etwas am Zeug zu flicken, noch ihn weißzuwaschen. Es geht einfach darum, zu verstehen, was das für Persönlichkeiten waren, mit denen sich die Nachkriegsgeneration herumschlagen mußte. Thieme ist, gerade in seiner Widersprüchlichkeit, ein erschreckendes Beispiel für die Werte und Vorstellungen seiner Generation und Klasse. Denn Thieme war, zumindest in seinem eigenen Selbstverständnis, tatsächlich so etwas wie ein Gegner des Nationalsozialismus. Im Entnazifizierungsbescheid heißt es über ihn:
„Der Unterausschuss der Universität hat den Betroffenen am 20.11.1947 als »klaren Antifaschisten«für eine Einstufung nach Kat. V vorgeschlagen. Am 9.4.48 hat sich der Hauptausschuss dem angeschlossen, sodass der Betroffene unbedenklich als entlastet festgestellt werden konnte.“ ([8])
Nun sind solche Persilscheine natürlich mit Vorsicht zu genießen. Immerhin war Thieme Mitglied der Motor-SA, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund und, wie in der Wikipedia korrekt konstatiert, der NSDAP. Die Dokumente in Thiemes Entnazifizierungsakte belegen aber durchaus glaubwürdig, daß er die Nazis verabscheute und allein aus Karrieregründen den genannten Organisationen beitrat. Selbstkritisch bekannte er 1947:
„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben.“ ([5])
Daß Thieme mit der Partei, ihren Organisationen und dem ganzen nationalsozialistischen Staat am liebsten gar nichts zu tun gehabt hätte, ist ziemlich unzweifelhaft. Umso erschreckender ist es, daß wesentliche Pfeiler seiner Gedankenwelt nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel waren, sondern sich von dieser überhaupt nicht unterscheiden lassen. Doch dazu nächste Woche mehr.
In der Nachkriegszeit jedenfalls verstand sich Thieme ohne jeden Zweifel als jemand, für den eine „offene Verurteilung dieser üblen Vergangenheit, das redliche Bestreben, es besser zu machen“ selbstverständlich waren ([3], S. 4). Exemplarischer Ausdruck hierfür ist der Aufsatz „Hochschullehrer klagen an“, den Thieme 1953 veröffentlichte. Thieme setzt sich darin scharf mit einer Publikation eines Herbert Grabert auseinander, der als Vorsitzender eines „Verbandes der nichtamtierenden (amtsverdrängten) Hochschullehrer“ fungierte. Der Terminus der „amtsverdängten“ Hochschullehrer war nichts anderes als ein Euphemismus für in der Wolle gefärbte Nazis, die für die Universitäten beim besten Willen (und dieser reichte weit) nicht mehr tragbar waren. Thieme empörtesich zurecht:
„Mit keinem Wort geht er [Grabert] darauf ein, was eigentlich an den deutschen Hochschulen vor 1945 geschah. [...] Weiß er nichts mehr von Gleichgültigkeit und Eigennutz, Lieblosigkeit und Ehrgeiz, die 1933 in der deutschen Hochschullehrerschaft erschreckend zu tagen traten, Juden, Mischlinge und politisch Andersdenkende ächteten, denunzierten, depossedierten, in Not und Verzweiflung trieben, ins Exil und nicht selten in den Selbstmord? [...] Hat er nie etwas von der „Deutschen Mathematik“ gehört, von einem Anatomen, der die Skelette ad hoc ermordeter Juden sammelte, von anderen Medizinern, die Zwangsexperimente mit Häftlichen veranstalteten, von Theologen, die historisch, dogmatisch oder kirchenpolitisch Nationalsozialismus und Christentum unter einen Hut brachten, von Juristen, die den »großartigen Kampf des Gauleiters Streicher« rühmten, das Judentum als »volkgewordene Kriminalität« kennzeichneten, dem Reichsführer SS zum 50. (!) Geburtstag eine Festschrift darbrachten oder die »Kriegsschuldfrage 1939« wider besseres Wissen zurechtbogen?“ ([3], S. 3f)
Und völlig korrekt führt Thieme weiter aus:
„Eine unumgängliche Rücksicht schulden wir dagegen den aus der Emigration zurückgekehrten Kollegen. Manchem kann es nicht hoch genug angerechnet werden, daß er trotz Unbill und Leid, die ihm zugefügt wurden, wieder zu uns gekommen ist. Dürfen wir solchen Männern zumuten, in den Fakuĺtäten mit solchen zusammenzuarbeiten, die gleichsam den ordre public verletzt haben? Hier gibt es eine echte Wiedergutmachungspflicht, die selbst auf Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen hat.“ ([3], S. 5)
Thieme ist ganz offenkundig jemand, der sich tatkräftig für einen demokratischen Neuanfang engagiert und dies auch öffentlich zum Ausdruck bringt. Ausdrücklich forderte er, es gelte „den Staat vor einer reaktionären Haltung der Universitäten und die studierende Jugend vor der Gefahr neuerlicher politischer Mißleitung zu bewahren.“ ([3], S. 5)
Und in einem offenen Brief, in dem er sich gegen das Korporations(un)wesen ausspricht, bekräftigt er noch einmal:
„Wir fühlen uns für die Universität, für die geistige und politische Entwicklung und für die junge Generation verantwortlich.“ ([4], S. 11)
Genau darin aber liegt einer der Gründe dafür, daß es zu einer derartigen Entgleisung kommen konnte, wie sie sich Thieme gegenüber Hadjinicolaou erlaubte. Die beschworene Verantwortung für die Jugend äußerte sich in einer dezidiert patriarchal-autoritären Haltung. Die Lernenden sollten sich nicht einbilden, daß sie das Recht hätten, Kritik an den Lehrenden zu üben.
Dies ging durchaus auf persönliche biographische Erfahrungen während des Nationalsozialismus zurück. Thiemes Klage über aktivistische Studenten zieht sich wie ein roter Faden durch seine Schriften. Im bereits zitierten Artikel gegen Grabert beklagt er sich nachträglich über die „einflußreichen »jungen Marschierer[...]« und »politischen Soldaten« vom Studentenbund“ ([3], S. 3). In einem anderen Artikel erklärt er:
„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA. [...] Nur ein »militanter Typ« fand Gnade vor ihren Augen, keine »Intellektbestie«, wie der schöne Ausdruck lautete.“ ([2], S 12)
Ganz konkret bezieht sich dies auf ein Ereignis während Thiemes Frankfurter Zeit:
„Für das WS 33/34 hatte ich keine Vorlesungen angekündigt, um ganz für die Fertigstellung meiner Habilitationsarbeit frei zu sein; dies weckte bei der Studentenschaft die Vorstellung, als sei ich ebenso wie so viele andere politisch nicht mehr tragbar. Man wußte nicht recht, woran man mit mir war, einerseits machte ich nirgends mit, andererseits hatte man mir auch nichts Positiv vorzuwerfen. Ich wurde zur Teilnahme an einem Wehrsportlager aufgefordert, lehnte aber wegen wissenschaftlicher Arbeitsverpflichtungen ab und geriet dadurch in einen erheblichen Konflikt mit dem damaligen Fachschaftsführer Marder, einem wilden SS-Mann, in dem mich nur die persönliche energische Führsprache meines Lehrers Beyerle vor einem Verdikt der Studenten rettete.“ ([6])
Beinahe wäre es also mit der schönen Karriere zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Studentische Mitbestimmung ist ihm, wie politisches Engagement, das sich nicht in den rechtlich fest abgesteckten Bahnen bewegt, grundsätzlich suspekt. Und wahrscheinlich muß man eine derartige Haltung, die aus der Erfahrung mit den nationalsozialistischen Studenten geboren ist, bei einer großen Anzahl der damaligen Universitätsprofessoren einfach in Rechnung stellen, und zwar nicht nur bei alten Nazis oder einfachen Opportunisten wie Thieme, sondern gerade auch bei durchaus antifaschistisch gesinnten Hochschullehrern.
Schwerer jedoch als dieser, mit etwas gutem Willen auch als gut gemeint interpretierbare patriarchale Autoritarismus, wiegen die grundsätzlichen Gesellschaftsvorstellungen von Thieme, die tatsächlich mit einem demokratischen Gemeinwesen eigentlich nicht vereinbar sind.
Dazu nächste Woche mehr, wenn Thieme dann doch zugibt, daß er „tatsächlich kurze Zeit an die Möglichkeit eines »deutschen Sozialismus« unter Bewahrung christlicher und deutsch-rechtlicher Werte und an die Aufgabe, sich dafür einzusetzen“ glaubte ([7]).
Literaturverzeichnis
[1] Redaktion der Freiburger Studentenzeitung, „Eine Erklärung – kein Widerruf!“, in: Freiburger Studentenzeitung, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.2.
[2] Thieme, H., „Ankläger Jugend?“, in: Göttinger Universitäts-Zeitung, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.
[3] Thieme, H., „Hochschullehrer klagen an“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.7 (7. April 1953): S.3 – 5.
[4] Thieme, H., „An einen Alten Herrn“, in: Deutsche Universitätszeitung, Jg.8 (1953), Nr.9 (4. Mai 1953): S.11.
[5] Thieme, H.:„Brief an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
[6] Thieme, H.:„Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: Universitätsarchiv FreiburgC46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
[7] Thieme, H.:„Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-075 (Studentische Mitbestimmung).
[8] „Entnazifizierungsbescheid Thieme vom 1. Dezember 1948“, in: Universitätsarchiv Freiburg C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).
Langsam wird das hier ziemlich schlampig. Diese Woche gibt es schon wieder keinen Text. Und die Entschuldigung dafür ist ziemlich lahm: Ich bin im Urlaub. Ich hatte zwar gedacht, daß ich hier in Rom immer mal wieder Zeit (und Lust) hätte, ein paar Zeilen in den Laptop zu hacken. Doch dieses Bedürfnis stellte sich leider nicht ein – und so habe ich Kraushaars fetten Wälzer völlig umsonst nach Italien mitgeschleppt.
Zum Ausgleich gibt es zwei Bilder aus dem Palazzo Barberini. Nicht nur ist es heute möglich, endlich einmal den alten Bolschewiken in voller Größe und en face kennenzulernen. Zudem können auch diejenigen, die schon immer einmal die Hand sehen wollten, die die Texte hier im Blog verfaßt, den (leider gescheiterten) Versuch bewundern, dem versteinerte Wappentier der Barberini Leben einzuhauchen.