shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Wie die Pfalz wirklich ist

mit einem Kommentar

[Diesen Text schrieb ich am 1.10.2003 auf DotComTod. Die Jahreszeit paßt. Die Links, zB den zur Insolvenzwebsite, habe ich herausgenommen, da sie nicht mehr funktionieren.]

 

Tod im Weinberg

Die Haardt leuchtet. In einem schon kälteren Blau über den Bergen bäumt der Sommer sich auf in einer Erinnerung an ihn selbst. Was aus den Weinpressen schäumt, ist sein Vermächtnis an die Nachwelt, der unverdient die Natur sich schenkt, wenn Hefebakterien die Fructose aufspalten in Kohlensäure und Alkohol.

Jenes höchste Wesen, das wir verehren, hat den Herbst für die Haardt erfunden. Der Duft der gepressten Trauben hängt schwer und betörend in den Gassen. Wir treten hinaus aus dem Ort in die Weinberge, wo jetzt der späte Riesling noch hängt, und wer je sein Gesicht in die noch am Rebstock hangenden Tauben vergrubt, um einzutauchen in die Wollust eines unendlichen Saftes, hierbei der völligen Versauung seiner Kleidung nicht achtend, versteht, warum sie in der Bibel stehen: die Weingleichnisse, -bilder und -metaphern.

Solcher Wanderungen bedarf es zweimal im Jahr: zum zweiten Mal jetzt, und zum ersten Mal Anfang September, vor aller Ernte. Während die Mädels, wofür wir sie doch schätzen, kreatürlich-erdverhaftet genießen, glänzen die Weinfachhengste mit professioneller Traubendiagnostik inmitten der Rebzeilen:

„Hm, mampf, Müller-Thurgau, schmeckt hier schon wie Flachscheiße, kein Wunder daß das in der Flasche erst recht nix wird.“ – „Echt das Letzte!“ – „Den Winzer sollte man an den Haaren durch den Wingert schleifen.“ – „Die Plörre intravenös, bis er blau anläuft!“ – „Ich sag nur: Müll-Thurgau!“ (allgemeine Heiterkeit) Denn alle wissen: Wer bei den verbalen Verachtungsorgien des Müller-Thurgau nicht mitwütet, geht besser nachhause und bleibt auch dort.
30 Meter weiter der Ruf:

„Ey, Leute, Silvaner!“ Hinterher! Kennerische Verkostung.

„Silvaner? Scheint mir doch eher Weißburgunder zu sein, schon vom Geschmack. Und guck auf die Blätter: Gewebestruktur in der Stilbucht. Klar Weißburgunder! Außerdem sehen die Trauben völlig anders aus, na ja, hehe, irgendwie weiß sind sie natürlich alle, huhuu.“

Wir trotten weiter, schlabbern am Proviant, während die Mädels weiter hinten gnickern und gackern. Da! Ein Schrei von vorne:

„Rot! Rot!“

„Waas? Ich werd nicht mehr. Ich dachte, die bauen den Dornfelder nur noch in Banktresoren an.“ *Hechelkeuch*, da es bergauf geht.

„Jaaa! Jetzt fressen wir ihnen den teueren Dornfelder weg!“

„Bin mir nicht so sicher. Von den Trauben her könnte es auch Portugieser oder Spätburgunder sein. Kennt jemand die Blätter?“

„Dornfelderblätter sind dunkelgrün.“

„Äh?“

„Ja, dunkelgrün mit 5 Ecken.“

„Shit! Dann ist es kein Dornfelder. Egal.“

„Es wird ein Wein sein, und wir wern nimmer sein“

So singt der Österreicher, der damit die vom Demiurgen nach dem Gesetz der Selbstähnlichkeit geschaffene Welt beschreibt. Der zyklischen Erneuerung der Natur scheint die ebenso zyklische „Depreziation des Kapitals“ (Marx) zu entsprechen: Zuerst schäumt es gewaltig auf und landet dann im Ausguß wie nur ein Müller-Thurgau oder Huxl, den durch Gier blind gewordene Winzer in der früher nur den Kartoffeln und Runkelrüben vorbehaltenen Ebene anbauen. Der Riesling verweigert sich derlei anti-önologischen Locations, daher ja die Neuzüchtungen, die selbst noch den polaren Nanuk zum Winzer mutieren lassen möchten. Das Gejammer „Es gibt zuviel Wein in der Pfalz“ verkennt, daß es lediglich zu viel schlechten Wein in der Pfalz gibt, da es, seit die Menschheit Wein herstellt, zuviel guten Wein noch nie gegeben hat. Irgendwann, nämlich vor 80 Jahren, haben die Pfälzer Winzer die Richtung nicht mehr gesehen und die Orientierung und den bis dahin von ihnen qua Riesling beherrschten Weisswein-Weltmarkt verloren.

Äch bänn ein Pfälzer

Was da vom globalen Markenbild „Pfalz/Riesling/trocken/Mittelhaardt“ noch übrig blieb, haben sie dann durch die gasgestützte Entfernung der jüdischen Weinhändler endgültig eliminiert, was der Gauleiter Westmark und Hitler-Intimus Joseph Bürckel eigeninitiativ ausführte. Die bis heute bestehende „Deutsche Weinstraße“ entstand durch Bürckels Intervention bei Hitler, weil Büggi sah, wie die von ihm persönlich verauschwitzten Juden (die man aus den Häusern und Villen herausgeprügelt hat, um sich die Häuser und Villen und Unternehmen anzueignen) im Vino-Bizz fehlten. Es fehlten plötzlich die Vollgas-Juden. Während der pfälzische Ex-Weinhändler in Auschwitz einmal tief durchatmen durfte, waren vor Ort die Handelsketten zerbrochen. Ab 1940 war der Weinhandel in der Pfalz zum Erliegen gekommen. Die Winzer rauften sich die Haare, und sie erinnerten sich der Nachtszene, in welcher der Nachbar und seine um Hilfe schreiende Frau verschwanden, ohne daß jemand „Was tun Sie hier?! Halt!“ gerufen hätte. Eine leidenschaftlich glühende Daisy Cutter sollte man denen noch nachträglich in die Weinberge und auf ihre Häuser schmeißen, damit sie die Erfahrung machen dürfen, wie Scheiße es ist, wenn man verreckt.

Denn die Sache ist nicht ausgestanden. Schülerprojektgruppen sind der Vergangenheit nachgegangen. Sie haben sich regional und lokal nicht beliebt gemacht. Doch es geht auch anders:

Komkom, Bübo – Koma

Die Stadt Bad Dürkheim und die GKD Medien präsentierten in den vergangenen Tagen [Tage, die längst vergangen sind; Nörgler] gemeinsam auf der in Mannheim stattfindenden KOMCOM, der bundesweit größten IT-Fachmesse für Kommunen und Stadtwerke, die speziell für Bürgerbüros entwickelte Software „Bübo für Kommunen“.

„Komkom“ und „Bübo“ indizierten bereits sprachlich die infantilitätsbasierte Verwesung, wenngleich man das damals nicht so sah. Damals: Das war der Elevator Pitch in der NTV-Unternehmershow und der „Wirtschaftswoche“-Krakeel von der anderen Ökonomie. Auf den Deutschen, diesen Vorhermitmacherundesnachhernichtgewesenseinwoller, war wie immer Verlaß. Alle waren dabei, auch die Schulen, deren Pflicht der Wahrung von Distanz ihnen als uncool galt.

Tour d’Innovation 2000/2001 – Schülerinnen und Schüler entdecken erfolgreiche Innovationen in ihrer Umgebung
Berufsbildende Schule Bad Dürkheim
StR’in A. Föhner
StR D. Wehrmaker
Im Salzbrunnen 7
67098 Bad Dürkheim
13. Oktober 2001

In der Zeit spielt Dons Roman „Liquide“.

Tour d’Insolvensation

Die „Tour d’Innovation“ ist Teil des Verbundprojektes „Innovationsstimulierung der deutschen Wirtschaft“ (INSTI), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurde. Ziel des INSTI-Programmes ist es, das Innovationsklima in Deutschland zu verbessern, wobei den Schulen eine wichtige Aufgabe zukommt. Die Berufsbildende Schule Bad Dürkheim wurde zusammen mit 47 anderen Schulteams für die Tour d’Innovation in einer bundesweiten Ausschreibung ausgewählt. Im Verlauf der rund achtmonatigen Tour sehen sich die Schülerinnen und Schüler in ihrem regionalen Umfeld gezielt nach Innovationen und deren Umsetzung um, erkunden und dokumentieren diese. Im direkten Gespräch mit Erfindern, Unternehmensvertretern und anderen am Innovationsprozess Beteiligten sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, wie wichtig Innovationen für die Wirtschaft und Gesellschaft sind.

Nicht erkundet wird derzeit die Wichtigkeit der Insolvensationen, auf deren Bedeutung für das wirtschaftliche Gesamtgeschehen die alte Kommunistensau – „Depreziation des Kapitals“ – doch hingewiesen hatte. Da ist er sich mit Milton Friedman einig: „Lasst diese Airlines doch ruhig Bankrott gehen. (…) Das Verlieren ist fast wichtiger als das Gewinnen.“
Ha! Milti und Charlie Hand in Hand!

Es begab sich zu der Zeit, welche die gülden umglänzte war, obzwar sie da schon fäkales Odeur angenommen hatte, daß Studienrätin Föhner und Studienrat Wehrmaker ihre Schüler in die prospektive Morgue führten, anstatt, wie es ihrem Kultur- und Bildungsauftrag entsprochen hätte, sie Gedichte von Gottfried Benn auswendig lernen zu lassen. Die ihnen hilflos Ausgelieferten werden quer durch die Landschaft der pfälzischen Unternehmerdarsteller geschleift, weil Föhner und Wehrmaker, für deren Namen der Nörgler jede Verantwortung ablehnt, die Zurichtung der Subjekte – deren bildungs- und individuationsferne Reduktion auf Funktionselemente der von gefährlichen Lachnummern wie Rogowski, Keese und Baron vertretenen Partikularinteressen – ins schulische Allgemeininteresse erhoben haben.

Als jenes höchste Wesen, das wir verehren – dessen Entscheidung jedoch, den Höllenplaneten fortexistieren zu lassen, ich zunehmend weniger verstehe -, es dem 27. April 2001 gestattete, an den Himmel zu kommen, nutzte objektive Trolltücke das hierzu:

9. Besuch der Via.net GKD multimedia GmbH am 27. April 2001
Am 27. April 2001 besuchte das Projektteam die Via.net GKD multimedia GmbH, eine Multimedia-Agentur in Bad Dürkheim. Das Unternehmen hat sich auf die Entwicklung von Internet-Anwendungen spezialisiert. Das Leistungsangebot reicht von der ersten Beratung über die individuelle Konzeption, die kreative Gestaltung und die mit aktuellstem Know-how durchgeführte Produktion bis hin zum fertigen Werbeauftritt. Auch die Entwicklung und Umsetzung von CI-Konzepten, elektronischen Produktkatalogen und Messe-Videos wird realisiert.
Für den Geschäftsführer der Vian.net GKD multimedia GmbH gehört die Online-Präsenz in unserem multimedialen Zeitalter für jedes erfolgreiche Unternehmen einfach dazu. Herr Schellenberg: „Mit der Präsentation im Web lassen sich innovative Marketing- und PR-Strategien umsetzen.“

GKD vor drei Tagen abgesetzt vom Insolvenzgericht Neustadt/Weinstraße

Und was nun, Föhner, Wehrmaker? Kann es sein, daß Sie so weitermachen? Haben Sie Ihre Schüler aufgeklärt und upgedatet? Haben Sie sich bei Ihren Schülern für Ihr Irrläufertum entschuldigt? Glauben Sie im Ernst, wenn’s die Dienstaufsicht nicht sieht, sieht es auch Dotcomtod nicht?

Besinnlicher Ausklang

Im Herbst ist die Pfalz am schönsten. Wer, und sei’s als Einheimischer, anderes behauptet, gar, wie Frauen dies oft tun, den Frühling favorisiert, ist kein Pfälzer, nicht wirklich, nicht mit dem – na ja, mit dem Herzen auch nicht.

Geschrieben von Noergler

September 21, 2009 um 9:24

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Anmerkungen zum Principium Identitatis

mit 4 Kommentaren

Der Satz der Identität ist Totalität, weil er formal die Totalität aller wahren und unwahren Sätze ist.

Durch den Satz der Identität allein lassen sich, wie Aristoteles sah, wahre und falsche Sätze nicht unterscheiden. Es lassen sich durch den Satz der Identität jedoch Sätze von Nichtsätzen unterscheiden: Wo keine Prädikation zu einem Subjekt, dort Nichtsatz, und dann eben weder eine wahre noch eine unwahre Aussage. So erweist sich der Satz der Identität als notwendige Bedingung (nicht als hinreichender Grund) der Wahrheit.

Es ist unschwer zu erkennen, dass „A=A“ weniger identitär ist, als es auf den ersten Blick scheint. Denn das A rechts vom Gleichzeichen ist nur das gleiche, nicht dasselbe, identische A, wie das, welches links steht. Sonst würde es auch nicht Gleichzeichen, sondern Selb- oder Ident-Zeichen heißen. (Die Zusammenhänge zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem scheinen so zufällig denn doch nicht zu sein, wie neuerdings bisweilen angenommen.)

Die beiden A sind nicht identisch, sondern unterschieden. Unterscheiden heißt im Griechischen „krinein“. Der Geist ist an sich selbst Kritik, nämlich als Erkenntnis des Unterschiedenen, weil er als naturbeherrschender, als die Differenz zur Natur setzender Geist entstand. Naturbeherrschung ist Identifizierung und Unterscheidung ineins: keine Unterscheidung von der Natur ohne deren Identifizierung.
Wenn ich eine Speerspitze aus hartem Material machen will, empfiehlt sich die Unterscheidung, ob ich dies mit bloßen Händen oder einem Stein mache. Wenn ich mit dem Speer einen Fisch erlegen will, muß ich dahinterkommen, also denken, wieso ich immer vorbeisteche, wenn ich meinen Augen vertraue. (Schon früh haben die Menschen erkannt, dass mit „Empirie“ und „sinnlicher Erfahrung“ nicht viel zu holen ist.) Wenn ich viel mehr Fische fangen will, muß ich das Gehirn einschalten, um auf die Idee mit den Netzen zu kommen. Und wenn mir dann nicht mehr einfällt, als die Konstruktion der Wirklichkeit im Diskurs, werde ich weiterhin die Früchte von den Bäumen lutschen.

Zweck der Naturbeherrschung ist die über die unmittelbare Reproduktion hinausgehende Produktion von Mehrprodukt. Die Produktion des Mehrprodukts setzt den Unterschied zur Barbarei des unmittelbaren Naturzusammenhangs. Darum ist das Mehrprodukt objektivierte Freiheit, und darum führt der Geist, ohne den es die Produktion von Mehrprodukt nicht gäbe, die Bestimmung der Freiheit mit sich – nicht als ausgedachte Philosophenidee, sondern materiell, hemdsärmelig und verschwitzt. (Das ist wohl der Grund, warum idealistische produktionsferne Intellektuelle immer wieder auf komische Ideen kommen.)

Der Satz der Identität ist dem naturbeherrschenden Geist konstitutiv; der Satz und der Geist sind ohne einander nicht zu haben. Er, der Geist wie der Satz, der selber Geist ist – der an sich seiende Geist erhält sich als an sich seiender nur im Bezug auf das, was nicht selbst Geist ist –, ist darum als in sich Unterschiedenes konstituiert. Anders wäre der Satz der Identität leere Identität, Identität von nichts. Identität von nichts ist keine Identität. Die reine Identität – Identität ohne weitere Bestimmung – wäre das Umgeschlagensein von Identität in Nichts. „A=A“ ist nicht reine Identität, sondern die Prädikation (rechtes A) zu einem Subjekt (linkes A).

Freiheit, Geist und Mehrprodukt sind Momente eines Einen, da sie ohne einander nicht wären. Das tertium comparationis, richtiger: quartum comparationis, ist die Differenz zur Natur. Die Differenz zur Natur kann sich aber als Differenz nicht aus sich selbst heraus erzeugen. Das differenzerzeugende Eine, welches bestimmt ist durch die Bestimmungen des Mehrprodukts, des Geistes und der Freiheit, ist Subjekt.
Einen anderen Begriff gibt es dafür nicht, und die Existenz des Subjekts müssen gerade diejenigen anerkennen, die es „dezentrieren“ möchten, denn die Dezentrierung des Subjekts setzt dessen Existenz immerhin voraus.

Ohne den Satz der Identität gibt es keine wahren Sätze, weil es keine Begriffe und keine konsistenten Bezeichnungen gibt. Wenn „Adorno“ auch die Bezeichnung für ein Stück Butter sein könnte, wäre die aktuelle Diskussion gar nicht möglich. (Dass auch ein Damenbindenhersteller „Adorno“ heißen könnte, wäre keine Widerlegung, da wir uns dank des Satzes der Identität darauf verständigen würden, über welchen Adorno wir sprechen.)
Zudem bräche die materielle Produktion augenblicklich zusammen. Wenn der „10er Schlüssel“ nicht identitär ist, kann ich nichtmal ein Rad wechseln.
Insofern ist die Forderung nach „Dezentrierung“ problematisch. Dezentrierung konsequent durchgeführt, und wir würden alle verhungern. Dass anderswo gehungert wird, wäre seinerseits ohne den Satz der Identität nicht aussagbar.
Man sieht hier auch, wie unsinnig das Gerede vom „Eurozentrismus“ ist. Die objektive Geltung des Satzes der Identität ist kulturübergreifend. Denn auch der Buddhist kann seine Denkweise ohne den Satz der Identität gar nicht formulieren.
Das ist ja der Witz an dem Satz: Er gilt auch dann, wenn ich nicht kenne oder ihn bestreite. Das ist Totalität.

„20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ lautet Marx’ Modell der einfachen Wertform. Die Ausdrücke rechts und links sind quantitativ und qualitativ unterschieden. Nach Identität sieht das nicht aus, und dennoch muß es etwas geben, das beiden als Gemeinsames zukommt, denn im Tausch findet die Gleichsetzung faktisch statt. Dieses Gemeinsame nennt Marx „Wert“, aus der Analyse dessen Formen schließlich der Begriff des Kapitals entwickelt wird.

„20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ ist der Satz der Identität buchstäblich, und er ist es mit böser Konsequenz: Während in „A=A“ das grammatisch prädizierende Subjekt das der emanzipierenden Naturbeherrschung ist, verdampft es in der Warenform zu subjektloser Beliebigkeit, denn daß von den 20 Ellen ausgesagt wird, sie sind 1 Rock wert, gilt nur vom Standpunkt des Leinwandverkäufers. Für den Rockverkäufer gilt: „1 Rock = 20 Ellen Leinwand wert“. Wenn aber das Subjekt die Stelle so beliebig wechselt wie die Waren im Tausch, ist Identität des Subjekts nach allem begrifflichen Sinn nicht länger existent: Wenn das Subjekt alles ist, ist es nichts Bestimmtes mehr; es ist Subjekt ohne weitere Bestimmung, und damit nichts.

Subjekt der Warenform ist der im Tausch gesetzte und zugleich ihm zugrunde liegende Wert, dessen quantitative Größe den Austausch regelt, da nur gleiche Wertgrößen getauscht werden. Aus dem Äquivalententausch grinst „A=A“ so höhnisch hervor, wie aus dem automatischen Subjekt das menschliche, dessen Bestimmungen Freiheit, Geist und Mehrprodukt verwirklicht wurden als Bestimmungen seines Gegenteils.

Geschrieben von Noergler

September 17, 2009 um 15:46

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Hans heißt die Kanaille!

mit 9 Kommentaren

Bei Che http://che2001.blogger.de/stories/1424929/#comments meint Saltoftheearth, Professor Sinn habe schon immer mit dem Herzen reguliert. Dazu das Folgende.

Neben interessanten Juden-Vergleichen, die aufhorchen ließen, verdient Prof. Sinn auch Beachtung als Vertreter jener Mentalität eines Schmierenopportunismus, der auch nach der „Wende“ schon immer SED-kritisch, und nach ‘45 schon immer im Widerstand war. Dafür ist sein jüngstes Buch der Beleg, für nichts anderes. Und was den „Laschheitswettbewerb“ der Regulierung betrifft, den Sinn konstatiert, hätte man das bereits seit Jahren bei Albrecht Müller und auf seiner Website nachlesen können. Dass Sinn auch am Kieler Institut die dort herrschende Lehre nachgebetet hat, verwundert nicht. Wenn morgen um 14 Uhr am Standort D der Realsozialismus eingeführt wird, erklärt Professor Sinn um 15 Uhr, dass er schon immer für die Planwirtschaft war.

Seit Sinn das bis dahin strikt sachliche Ifo-Institut durch, ähm, aktive Personalpolitik auf stramm neoliberal getrimmt hatte, kenne ich die Folgen dieser Sorte Wissenschaft. Bis dahin nämlich waren die Zahlen und Analysen des Instituts eine meiner unverzichtbaren Arbeitsgrundlagen für Situationsanalyse und Prognostik sowie für Strategieempfehlungen hinsichtlich Produktentwicklung, Marketing und Personalentwicklung; dies alles hauptsächlich für Klienten der Branchen Finanzdienstleistungen, Energie, Touristik. Ab Sinn war das nur noch bedingt brauchbar.

Seit 10 Jahren jodelt diese INSM-Tröte uns einen vor mit Deregulieren, Flexibilisieren, Privatisieren. In zahllosen TV-Auftritten und Interviews hat er stets und ausnahmslos genau das vertreten, und jeden, der auch nur die Worte „… und Verluste werden sozialisiert“ gebrauchte, als Linksdeppen hingestellt, der nichts von Wirtschaft versteht. Genauso wurde abgebügelt, wer vor den Gefahren der Finanzmärkte warnte. Als ausgewiesener Apologet des Gleichgewichtskäses durfte er die Warnungen gar nicht ernst nehmen.

Wo war denn der knallharte Durchregulierer Sinn, als Steinbrück und Asmussen die Finanzmarktliberalisierungsgesetze machten? Ein Pieps von ihm in Richtung Bankenregulierung, und es hätte in jeder Zeitung gestanden.
Hab ich aber nix gelesen von.

Wieso sagte er nicht, wenn er es doch meinte: ‘Lafontaine und Attac gehen mir in den Handlungsempfehlungen zwar zu weit, aber in der Warnung von den Finanzmarktgefahren haben sie nicht ganz Unrecht.’ Die Medien hätten sich überschlagen.
Hab ich aber nix gelesen von.

Wie durch einen masochistischen Magnetismus gesteuert habe ich kaum eine Sendung mit ihm versäumt, und wenngleich allein schon der Schlichtheit seiner Denkungsart ausgesetzt zu sein ein starkes Motiv für Alkoholmißbrauch ist, saß ich doch nie so besoffen vor der Glotze, um nicht zu merken, dass er seinen Ruf als führender Freimarktskrakeeler zurecht besitzt.

Dass er, wie unserem Salt träumte, „für einen starken staatlichen Ordnungsrahmen plädiert“ hat, habe ich kein einziges mal von ihm gehört.

Wohl aber hörte ich Jahr um Jahr seine Drehleier
- vom standortschädlichen Kündigungsschutz,
- vom standortschädlichen Sozialstaat,
- vom standortschädlichen Arbeitsrecht,
- vom standortschädlichen Tarifrecht,
- von den standortschädlichen „hohen Gewerkschaftslöhnen, an denen der Arbeitsmarkt krankt“,
- von der Stärkung des Standorts durch Hartz 4,
- von der Stärkung des Standorts durch „Öffnungsklauseln“,
- von der Stärkung des Standorts durch Arbeitszeit rauf und Löhne runter,
- von der Stärkung des Standorts durch konsequente „Angebotsorientierung“.

Er war der Paladin der Standorthetze. Der Standort mußte schlecht geredet werden, um den abhängig Beschäftigten mit noch größerem Anlauf in den Arsch treten und immer neue Zumutungen aufbürden zu können. Zu diesem Zweck erfand das professorale Mietmaul die „Basarökonomie“: Die Erfolge der Exportwirtschaft seien kein Zeichen der Stärke des Standorts D, weil deren Produktion sowieso bloß auf im Ausland zusammengekauften Vorprodukten bestehe. Hätte er das einem südwestdeutschen oder ostwestfälischen Maschinenbauer ins Gesicht gesagt, hätte der nicht mehr nur verbal reagiert.

Aber dieses Sprüchelchen hält der Professor seit Krisenausbruch fein zurück, weil der Einbruch der Exporte nun auch Menschen mit begrenztem Einblick in die Wirtschaft die Substanz der sog. „Basarökonomie“ vor Augen führt.

Dieser inkompetente Hampelsack, der die Ursache der Krise in einem – Oh Jahrhundert, oh Wissenschaft! – „anonymen Systemfehler“ (!) sieht, und damit zeigt, wie man schöner eine wissenschaftliche Insolvenzerklärung nicht mehr abgeben kann, hätte in Sack und Asche zu gehen und mit hochrotem Kopf die nächste Ecke aufzusuchen.

Ich habe mich geirrt. Wofür ich eingetreten bin, war falsch. Ich überdenke meine widerlegte Wirtschaftstheorie. Ich empfinde Mitverantwortung für die gegenwärtige Situation. Ich habe gefehlt. Ich entschuldige mich beim deutschen Volk.

Hätte er Eier in der Hose, hätte er das gesagt. Aber er hat ja keine.

Geschrieben von Noergler

Juni 29, 2009 um 16:08

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Wie durch das deutsche Volk der Kapitalismus einmal in die Klemme geriet, und die Studenten ihm herausgeholfen haben

mit 15 Kommentaren

In seinem Eröffnungseintrag – http://che2001.blogger.de/stories/1415364/#comments – bezieht Che sich auf einen Artikel von Götz Aly in der „Zeit“, der, wie Dean zeigt, auch Richtiges enthält. Jedoch finden wir auch schräge Gedanken, die Aly erst seit einiger Zeit hegt:

1. Seine Darlegungen entbehren der Trennschärfe zwischen APO und den Verfallsformen, zu denen auch der maoistische Aly gehörte. Die knackhart autoritären K-Gruppen, der MSB Spartakus (dem Aly eine „massenhafte Hinwendung westdeutscher Studenten“ andichtet, vermutlich, weil die Mitgliederzahlen seiner „Roten Hilfe“ noch kümmerlicher waren als die des MSB) mitsamt RAF gehen für ihn einigermaßen harmonisch aus der gerade andersherum gestrickten APO hervor. Eben darum gingen dann Streit und Zerfall. Aly wird von seinen autoritären Dämonen eingeholt, und bekämpft sie, indem er deren Gegenteil für sie haftbar machen will.

2. Aly und Eva Herman machen den gleichen Fehler: Statt bei gesellschaftlichen Entwicklungen hinzugucken, ob deren Ursache nicht in zeitlicher Nähe zur Wirkung liegt, um erst dann, wenn man nicht fündig wird, weiter in der Geschichte zurückzugehen, sucht Herman die Gründe für das von ihr Beklagte nicht in gesellschaftlichen Prozessen der letzten 20 Jahre, sondern sie muß ein halbes Jahrhundert zurückgreifen, um „die 68er“ anzupissen, die angesichts der gigantischen Wirkung und Fernwirkung, die Herman ihnen zuschreibt, alle Gründe hätten, um noch nachträglich größenwahnsinnig zu werden.

Ebenso braucht Aly ein halbes Zurück-Jahrhundert, um mit faustisch-deutschem Tiefsinn Verbindungen zwischen NSDAP und APO zu knüpfen. Dabei liegt die Erklärung in der damaligen Gegenwart der 60er Jahre. Auch bei Aly ist zu sehen, wie jegliche „68er“-Interpretation in die Wüste läuft, wenn die Erklärung nicht aus den Zeitumständen selbst erfolgt:

Die APO bewirkte viel – nur nicht das, was sie wollte

Die altbacken gewordenen Ergebnisse der Adenauerschen Betonzeit waren für den Wirtschaftsstandort D nicht mehr funktional. Die Zeiten waren vorbei, indem man anstelle des VW-VV Nordhoff auch einen Schimpansen hätte nehmen können, bei unverändertem Unternehmenserfolg. Von ‘66 auf ‘67 hatte sich die Arbeitslosenquote verdreifacht, Indiz für die Verwertungsprobleme des Fordismus, der bis dahin durch die für ihn typische Masseneinsaugung von Arbeitskraft per Kfz- und Haushaltsgeräteproduktion die Mehrwertrate hochhielt bei gleichzeitiger die Mehrwertmasse steigernder quantitativer Ausdehnung der Produktion.

Während die Verwertungserfordernisse des Kapitals sich geändert hatten, steckte das kollektive Selbstbewußtsein der Deutschen in der Wirtschaftswunder-Vergangenheit fest. Wie so oft waren es gerade die Freunde der Marktwirtschaft, welche die Dynamik des Marktes unterschätzt und übersehen hatten. Während das Volk wie vom Bolzenschußgerät konsumistisch betäubt die samstäglich von Hand durchgeführte Wagenwäsche für den Endzweck der menschlichen Seinsform hielt, und eine jede lebensähnliche Regung von einer Horde Tabus umzingelt war, stank einem Teil der Studenten – zunehmend ab der erst recht betonmäßigen großen Koalition ab ‘66 – eine Situation, in der die Feudalherrschaft der Ordinarien Studium, Forschung und Lehre abwürgte, und überdies eine akademische Karriere nur über die Charaktermutation des maximal Hündischen noch ermöglichte.

Wenn das antistudentische Ressentiment tobte, es könne nicht sein, dass ‘die mal unsere Führungselite sind’, war das insoweit ein Volltreffer, als die Studenten keinen Bock hatten, in den ihnen bevorstehenden Jobs nur die alte dysfunktional gewordene Scheiße zu perpetuieren. Außerdem mußten die alten Säcke in Wirtschaft, Staat und Uni weg, um die lukrativen Jobs erstmal freizuschaufeln.

Die Ursache der APO war ein objektiver gesellschaftlicher Reformbedarf, für den es in Parlament und Bevölkerung jedoch keine Mehrheit gab. Die APO war – entgegen ihren Intentionen – ein innerkapitalistisches Optimierungsprogramm.  Das haben diejenigen bis heute nicht kapiert, die das für die „68er“ selber seit Jahrzehnten erledigte Thema „68″ zyklisch immer wieder aufwärmen, um jedesmal „die 68er“ nun aber und jetzt aber endgültig zu erledigen.

 Die APO wurde so zum meisterledigten Geschichtsphänomen. Auch „Kurras“, da darf man sicher sein, ist noch lange nicht die letzte endgültige Erledigung. Denn das 68er-Erledigen ist augenscheinlich eine Erbkrankheit, da der perennierende Erledigungszwang unmöglich auf einer höheren Gehirnfunktion beruht.

Die wutschnaubenden Erledigungshysteriker merken nicht einmal, dass allein sie es sind, die die Erledigung verhindern. Nur sie, die oberpeinlichen Nachkarter, die stets erneut Schlachten schlagen, die man ohne sie längst vergessen hätte (wie Rambo, der den Vietnamkrieg doch noch gewinnt; auch die „Landser“-Hefte des Bastei-Verlages wären hier zu nennen), gewährleisten die anhaltende Rückgängigmachung des Erledigtseins des längst Erledigten.

Mission accomplished

Denn der Anstoß, den die Gesellschaft brauchte, war 1969 erfolgreich ausgeführt, der Job getan. Die APO endete unweigerlich mit der Erfüllung ihrer historische Aufgabe.

Götz Aly wehklagt zurecht über das K-Gruppen-Sektierertum, das sein eigenes war, aber er kann es nicht erklären, weil er die APO falsch erklärt. Immer wenn er nicht mehr weiterweis, greift er reflexhaft zu den Nazis als einer Wunderwaffe der historischen Interpretation, so, wie Herman zu den 68ern greift. Ohne Nazis und 68er kämen Götz & Eva, verschroben wie sie sind, überhaupt nicht mehr zurecht.

Die K-Gruppe als gelebter Irrealis

 Wenn eine Aufgabe über den Zeitpunkt ihrer Erledigung hinaus betrieben wird, gewinnt der unlösbare Widerspruch von Vorbei und trotzdem Weitermachen notwendig die Verlaufsform der Gewaltförmigkeit. Gewaltförmig ist zuallererst der Umgang mit der eigenen Intellektualität: Je simpler die Erklärungsmuster, um so besser ihre Eignung als zwanghafte Identitätsstifter im kognitiv dissonanten unlösbaren Widerspruch. Je schärfer der Widerspruch, um so härter die Doktrin, die ihn ausblendet, und um so sektiererischer die Gruppe, die das vertritt.

Etwas zu tun, das schon getan ist, bedeutet eine Existenz außerhalb der Wirklichkeit. Da die immense Verdrängungsleistung nie ganz gelingt, bedarf es einer Rückversicherung in der Realität. Das war die Ursache der Identifikation mit Realentitäten in Gestalt existierender Nationalstaaten, China, UdSSR, und es ist heute die Ursache der Anlehnung der Anlehnungsbedürftigen an USA und Israel.

Es ist keine Dankbarkeit unter den Menschen

Den Muff unter den Talaren hatte die APO erfolgreich ausgelüftet. Die Ordinarienuniversität war sturmreif geschossen und wurde ersetzt durch das, was Anfang der 70er die APO-Altkämpfer mit Zorn die „technokratische Hochschulreform“ nannten, sofern sie nicht akademische Karriere machten, da nun neue Dozenten in Armeestärke einrücken durften. Diese Hochschulreform war ihrerseits der frühe Vorbereitungsschritt für die aktuelle Drittmittelvernuttung der deutschen Universität.

Deshalb eine Ermahnung an alle reaktionären Scheißer, Freunde des Terrors der Ökonomie und sonstige 68-Hysteriker: Statt immer nur Schelte wäre ein wenig Dankbarkeit durchaus angebracht.

Geschrieben von Noergler

Juni 1, 2009 um 18:10

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Die Ware als Immanenz von Kredit und Spekulation

mit 2 Kommentaren

Versprochen – gehalten! Während der Weltanschauungsmarxismus seit Generationen den Kollaps des seinem Ende entgegenfaulenden Imperialismus verheißt, dieweil das Kapital munter weiterakkumuliert, hält die Salonmarxologie Wort, da sie erst gar nichts verspricht, jedenfalls nicht praktisches.

Es war jedoch zugesagt, einige Worte zu verlieren darüber, inwieweit Kredit und Spekulation der Warenwirtschaft nicht erst äußerlich hinzutreten, sondern bereits der Warenform selbst immanent sind.

 In der Wertformanalyse zu Beginn des 1. Bandes des „Kapital“ ist der Kredit selbstverständlich kein Thema. Das wäre auch unsinnig, da gemäß dem Aufbau des Werkes Kredit und Spekulation erst viel später ihren Platz haben. Gleichwohl läßt beides sich bereits aus der Wertformanalyse heraus bestimmen.

Im direkten Tausch Ware gegen Ware – von Marx „einfache Wertform“ genannt, und durch „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“ verbeispielisiert – wird deren Werteigenschaft gesetzt als gesellschaftliche Beziehung. Die Stofflichkeit des Rockes wird hierbei zur Erscheinungsform des Werts der Leinwand. Der Wert der Leinwand erscheint als Stoff des Rockes, oder der Wert der Leinwand sieht aus wie ein Rock. Das ist alles andere als banal, denn es liegt eine doppelte Perversion, Verkehrung vor: 1. wird Stoff (!) an sich selbst und unmittelbar zu Form (was ‘eigentlich’ gar nicht geht), und 2. wird dieser Stoff, das Konkrete, zur Erscheinungsform des Abstrakten (des Werts) eines anderen (der anderen Ware).

Bereits hier macht die treudoofe Versicherung der bürgerlichen Seite schmunzeln, Ware, Markt und Geld seien nur aus praktischen Gründen erfunden, und mehr wäre da nicht dran. Allerdings bekommen sie den Übergang regelmäßig nicht hin, wie denn etwas, das bloß für die Distributionspraktikabilität funktional sein soll, zugleich höchste Menschheitswerte, „Freiheit“ und so, repräsentieren soll. Man behauptet eben beides, mal so, mal so, je nach debattiertaktischer Interessenlage. Dem Bürger geht die Marmel in der Birne, was verständlich ist, da er seine eigene Wirtschaftsweise nicht begreift. Professor Allwissend Sinn sagt in seiner luziden Krisenanalytik, es handele sich um einen „anonymen (!) Systemfehler“. Schöner kann man wissenschaftliche Insolvenz nicht anmelden.

So ganz anonym ist er nicht, der „Systemfehler“: Die Krise widerlegt praktisch das Gleichgewichtsmärchen, das in der lustigen Annahme besteht, die Zahl der Käufe und der Verkäufe sei immer gleich, indem jedem Verkauf auch ein Kauf gegenüberstünde. Wäre es so, dann wäre der Kapitalismus krisenfrei. Die Marktizisten müßten nicht Marx lesen; sie müßten bloß mal ein paar Gespräche mit Angehörigen jener Berufsgruppen führen, die davon leben, dass ständig gekauft wird, ohne dass dem Kauf ein Verkauf gegenübersteht: Es sind die Berufe des Gerichtsvollziehers und des Insolvenzverwalters, Personen, die immer dann auftreten, wenn jemand gekauft hat, ohne dass ein Verkauf in Gestalt des Warentauschs, nämlich der Bezahlung stattgefunden hat.

Das Ungleichgewicht steckt bereits in „20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert“. Wenn der Leinwandverkäufer dem Rockbesitzer sagt, er müsse den Rock erst in 10 Tagen liefern, dann gewährt er Kredit, und er kann nicht genau wissen, ob der Rockbesitzer auch liefern wird. Das ist Kredit und Spekulation in einem. Der Leinwandbesitzer kann aber schon im vorhinein nicht wissen, ob er auf dem Markt überhaupt einen anderen Privateigentümer findet, der gegen das Resultat seiner unabhängigen Privatarbeit: die 20 Ellen Leinwand etwas eintauschen will. Das heißt, in dem Moment, wo Eigentümer voneinander unabhängiger Privatarbeiten über die Marktvermittlung distribuieren, stecken sie unvermeidlich drin in Spekulation und Kredit.

Es ist dann naheliegend, beides direkt zu einem Geschäftsmodell zu entwickeln. Eine alte Freundin erzählte mir am Wochenende, sie habe im noch im Sommer 2008 einen Artikel in der FAZ gelesen, der die Auffassung vertrat, Marx habe nicht begriffen, dass die wahre und große Wertschöpfung nicht in der Industrie, sondern in der Finanzwirtschaft stattfindet. Wir sehen: Die Bürger verstehen nichts von Wirtschaft, sie können nicht mit Geld umgehen, und irgendwoher ertönt dieses homerische Gelächter des Karl Heinrich Marx.

Geschrieben von Noergler

April 22, 2009 um 21:42

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Zur Hölle mit der Praxis!

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Ein bündiger Satz, ein Credo-Konzentrat, ein Dröhnen aus der Finsternis der Negativität, in seiner Gewaltigkeit nur vergleichbar den historischen Sätzen "I have a Alp-Dream" und "Ich bin nicht nur ein Berliner, ich esse auch einen!" – da fällt "Sesam öffne dich, ich will hinaus!" schon dagegen ab.

 

Jenes "Ja wir können, aber was denn nur?" hatte meine Anhängerschaft, deren Jubel die Ebene des Frenetischen nie zu unterschreiten wußte, schon lange von mir erwartet.

 

"Zur Hölle mit der Praxis!" nun ist mein Ruf, der die Massen entfesselt: Von zuckenden Lasern verübermenscht, mit Nebelwaber dem Irdischen enthoben fliegen BHs und Höschen auf die Bühne; Suchscheinwerfer in Flak-Manier erhellen Transparente mit der Aufschrift "Nörgler, ich will ein Kind von Dir!", während junge Frauen und noch jüngere mit fanatisiert erhitzten Gesichtern von den Ordnern nur mühsam vom Erstürmen der Bühne abgehalten werden können, dieweil sie teils Wunderkerzen, teils gebrauchte Tampons hochhalten.

 

Was war geschehen? Der Nörgler hatte, ganz aus dem Geiste der Salonmarxologie geschöpft, nur einige wenige Anmerkungen zu Theorie und Praxis unter die vorgenannte Headline gestellt. Hier Auszüge aus meiner Rede, welches alles ab Pubertät in den Paroxysmus fallen ließ:

 

"Ich sag mal so: Hätte Marx [die Menge kreischt begeistert auf] diese beschissene sog. „gesellschaftsrelvante verändernde Praxis“ einfach gelassen, – die sich am Ende als nullrelevant herausstellte, da ja nichts verändert wurde -; hätte er nicht einen großen Teil seiner Lebenskraft und Lebenszeit in folgenlosen Kämpfen verballert, im „Bund der Gerechten“, dann „Bund der Kommunisten“ und der I. Internationale [langes "Buhh" des Publikums ], die er dann doch lieber zum Teufel gehen ließ [ Rufe aus der Gothic-Fraktion: Ja Satan, komm zu mir Satan! ], als deren Blödsinn noch länger mitzumachen – in Kämpfen, die negative Folgen nur für ihn selbst aber nicht für den Kapitalismus hatten, nämlich Verfolgung, ständiges Umsiedeln, Finanznot und Krankheit, dann hätte er seine Gesundheit nicht ruiniert, hätte mit weniger Streß und größerer Lebensqualität länger gelebt, vielleicht hätte es auch die Suizide in seiner Familie nicht gegeben, wenn die Töchter, statt dem Alten letal hinterherzuimitieren und "Praxis" zu machen, sie ihm gesagt hätten: ‘Lass den Polit-Quatsch. Du bist der größte lebende Intellektuelle, und einer der größten je. Konzentriere Dich aufs Kerngeschäft. Mache das und nur das, was Du am besten kannst: Theorie!’, und wir hätten heute auch den 2. und 3. Band in der Endfassung von ihm und nicht von dem etwas trockenen Engels, und wir hätten den 4. Band des „Kapital“. Denn die von ihm entwickelte Theorie ist das, was bleibt, das, was er in die Waagschale zu werfen hat. Von Marx’ „Praxis“ aber ist nichts, nada, null, niente geblieben. [ Rufe: Scheiß Praxis, Theory Rulez! ]

 

Ich [ Aufkreischen der Menge ] kannte diese Zusammenhänge und ich kannte Marx’ Biographie, als ich in den 70ern Hornhaut am Hintern hatte, nicht von sündigem Treiben mit Männern [vereinzelt schwulenfeindliches Auflachen ], sondern vom Sitzen an meinem Schreibtisch und in der Bibliothek, während die Kommilitonen Hornhaut an den Füßen hatten vom Dauerdemonstrieren. Sie nannten es „Praxis“, ich nannte es „Spazierengehen als symbolische Politik“, hinsichtlich derer der Kapitalismus nicht einmal den Arsch hat, an dem es ihm vorbeigeht. Sie sagten, ich sei „verkopft“, ich antwortete, „lieber verkopft als verbaucht“. Sie kamen mir mit "Kopflastigkeit", ich konterte, dann seien sie wohl schwanzlastig. Sie warfen mir „Seminarmarxismus“ vor, ich antwortete, sie selber hätten ja noch nicht einmal das Niveau eines Proseminarmarxismus erreicht. Den Einwand der „Praxisferne“ konterte ich mit Marxens Hinweis, dass die radikale Veränderung zur Voraussetzung hat, dass „die Theorie die Massen ergreift“.

 

Und wenn ich auf Grund meiner Studien – die so ganz ‚unpraktisch’ auch nicht waren, wenn ich daran denke, dass die „Kapitalgruppe Hannover“ in den 70ern für etliche Semester auf dem Höhepunkt mit 160 Marx-geschulten Stundentinnen und Stundenten die Fakultät V rockte – heute jungen Menschen [die Menge reagiert tumultarisch; einige Worte gehen im Lärm unter ] hätte ich damals vor 35 Jahren meine Zeit bei den Demo-Latschern verschwendet – dann würde ich die ‚praktischen’ Kommilitonen von damals heute gerne fragen, wer denn nun unterm Strich als ‚gesellschaftsrelevanter’ sich erweist: sie oder ich.

 

Danke, und bei nächsten mal erkläre ich, wieso schon in der einfachen Wertform "20 Ellen Leinwand = 1 Rock wert" Kredit und Spekulation drinstecken.

Geschrieben von Noergler

April 22, 2009 um 1:40

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Wie der Nörgler und der Herold die DDR besuchten

mit 128 Kommentaren

 

Während mein Verhängnis, Herolds geradezu hieroglyphisch-kryptischem Kommentar 4. April, 08:15 intellektuell mich zu nähern, mir zum Schicksal ward, und bei

 

Allein die Vorstellung, man könnte zwar in einem Land Leben und auch im politisch-administrativen Komplex Karriere mache aber stehe irgendwo auf Weltmenschenebene und könnte so eine Art Deutschland verrecke-Position auch als Erwachsener umsetzen, führt zu merkwürdigen polit. Wünschen“

 

ich zuerst nur „Bahnsteig 3 abfahren!“ verstand, weil eine Zuordnung auch nur irgendwelcher Art nicht gelingen wollte; und dann ich dachte, das hätte er adäquater auf einer Website der „Antideutschen“ gepostet, obwohl ich es noch immer nicht verstand da marmelte es mir wie aus nebelhaften Fernen durch die Birne, dass er dergleichen nicht zum erstenmal äußert.

 

Und tatsächlich! Entsprechend meinem Mission-Credo: „Django vergibt – Nörglers Festplatte nie“ stelle ich fest, dass einer der Topoi des Herold der lange Marsch der 68er durch die Institutionen ist, wo heuer die linke Mischpoke das Leben ihm schwer macht, während sie selbst am Schreibtisch pensionsberechtigt abschnarcht, dieweil er ihr den Hartz 4-Gulag vergeblich an den Hals wünscht.

 

Es begab sich nämlich am Samstag – Ha! Diese Samstage! – dem 9. Juni 2007, 11:20 Uhr auf Dons Rebellmarkt, dass ich kommentierte: „Ein Land ist erst dann wirklich ökonomisch effektiv, wenn es die Straßenlaternen mit Immobilienmaklern schmückt.“

 

Daraufhin um 12:31 der Herold: „Straßenlaternen? Spielt das Bürgertum wieder Revolution? Ich dachte, alle Revolutionäre in Deutschland hätten schon ein warmes Plätzchen im Öffentlichen Dienst gefunden“, und plötzlich verstehen wir den motivischen Anklang in seinem aktuellen Kommentar bei Che.

Wir verstehen weiterhin, wie nicht nur die historischen Dokumente der sprachlichen Hochkulturen, sondern auch die subnoetischen Pawlow-Reflexe der schriftgelehrten Exegese bedürfen.

 

So beschreibt auch Karl Kraus immer wieder den erstaunlichen Effekt, wie Geistiges nicht durch Geistiges, sondern durch dessen Gegenteil angeregt wird. Im Banne dieses Effekts dauerte es an jenem Samstag keine halbe Stunde, bis ich sie erschuf:

 

Die Makler-Hymne

 

Sommerodem, linde Lüfte
trägt der Wind uns übers Land.
Stolz grüßen Laternengrüfte,
wo ich meinen Makler fand.

Sanft geschaukelt, halbvermodert,
enden hier Lug, List und Schmach.
Freude hoch im Volke lodert:
„Hängt die andern gleich ans Dach!“

Endlich hat sich’s ausgemakelt –
Schluß mit „Courtage“ und „Provision“!
Der Haifisch, der hat abgetakelt:
„Schau’n Se rauf – da hängt er schon!“

Es atmet freier sich die Luft,
vom Parasit entbunden.
So hat nun selbst der Maklerschuft
den Schöpfungsplatz gefunden.

 

 

Ich fühle, dem Maklerstande es unrecht zu tun – obzwar das bei Licht betrachtet gar nicht geht –, wenn ich ihn haftbar mache für den Herold, der im Nebenberuf seinen biologischen Antikommunismus auf Autopilot geschaltet hat, und der mit diesen Sätzen:

 

„Solch originelle Einstellung führte dann eben auch dazu, sich ernsthaft über irgendwelche Sonderlösungen für die DDR nach ´90 Gedanken zu machen und als dies funktionierte, ganz bitter von den fiesen, westgeldgeilen Ossis empört zu sein. Als ob nicht jede Fristenlösung, jeder Sonderweg zu einem Exodus geführt hätte. Und als ob dieser Exodus mit Verweis der MigrantInnen-UnterstützerInnen auf „völkisch“ hätte verhindert werden können“

 

mich schlichtweg überfordert.

 

Wer hat sich über welche Sonderlösungen Gedanken gemacht, falls man darunter nicht die Montagsdemonstranten versteht, die mir verbittert erklärten und es mir bis heute verbittert erklären, dass sie den „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zur D-Mark“-Pöbel auf den Montagsdemonstrationen nie gesehen haben?

Wer hat sich denn – nach Herold-Auffassung klaro „die Linken“ – über die „westgeldgeilen Ossis empört“, wenn nicht die Spackenmentalität, die zuvor für die armen Brüder und Schwestern in der Zone im Advent die Kerzen hinter die Fenster stellte? Das ist das Gesoxe, das gleich nach der „Wende“ der verschüchterten Ossi-Familie die Tür eintrat und erklärte: „Sie wohnen in meinem Eigentum und ich schmeiße Sie jetzt raus!“ Schon vergessen, diese Szenen? Vielleicht auch ein paar Objekte dabei, mit denen der Herold jetzt dealt, hm?

 

Ich erinnere mich an den 14. Oktober 1978, als wär’s letzte Woche gewesen. Lange war alles gutgegangen. Wir hatten jahrelang oppositionelle kirchliche Gruppen (von den wenigen; 90 % der Christen waren pro SED; bei den kirchlichen Führungskräften 99,99 %) mit Geld und Material unterstützt. Ich war immer wieder rüber gefahren und hatte auch auf Grund persönlicher Freundschaften u.a. Schallplatten und Jeans geschmuggelt. Die Grenzer wühlten alles um, schoben Spiegel unter meinen Mini Cooper, aber ich hatte die besseren Verstecke.

Am stärksten nachgefragt waren nicht Beatles und Stones, sondern „Collosseum Live“, eine gute Wahl. Vor allem ging es aber um Literatur, und darum, sich nicht isoliert zu fühlen. Mit von der Partie war ein westdeutscher Pfarrer, der – jetzt ist der Herold suizidgefährdet – ein humanistischer Linker war, und der aus dieser Haltung heraus die oppositionellen Christen in der DDR unterstützte.

 

Kommen wir aber zurück auf den 14. Oktober. Ich hatte diesmal nur die rororo-Ausgabe von Wallraffs „Industriereportagen“ dabei, weil dieses auch in der DDR erschienene Werk da nicht mehr lieferbar war. Die Grenzer griffen mich raus und hielten mir vor, „Westliteratur“ dabei zu haben. Sie spielten Guter Cop, Böser Cop. Der Böse war ein süßes blondes Girlie in Uniform, und sie war stundenlang scharf in einer Weise, die ich nicht nochmal erleben möchte. Wer mich da verhörte, das war die Partei selbst, die immer recht hat, hart, schneidend, übermächtig. Ich war die Amöbe im Angesicht der Gottheit. Ich erklärte immer wieder, ich sei mir keiner Schuld bewußt, da das Buch doch auch in der DDR erschienen sei. Sie fragte mich vorwärts und rückwärts aus. Meine Kleidung wurde untersucht und festgestellt, das mein Anorak Abnäher wie bei Damenanoraks hatte. „Sie haben Kontakt zu einer Bürgerin der DDR! Geben Sie das zu!“ Mein Anorak hatte damit nichts zu tun, aber den Kontakt gab es, scheiße auch. Sie wußten nichts, hatten ins Blaue geschossen und getroffen. Es war die Tochter des medizinischen Direktors der Kliniken Berlin Buch (ein versunkenes Traumland des 19. Jahrhunderts wie in Peter Weiß „Abschied von den Eltern“, aber das ist eine andere Geschichte). Das durften die nie nie nie erfahren. Ich bestand darauf, dass es ein Männer-Anorak sei.

Teils waren meine Kontakte offiziell von Kirche zu Kirche, teils aber auch nicht. Teils trafen wir stramm SED-treue Kirchengemeinden, die nach der Wende alle im Widerstand waren, teils aber auch nicht. Das Girlie wußte was, aber sie wußte nicht alles. (Dem Schäuble wär das nicht passiert.) Mal war es offiziös, mal witschten wir durch und landeten außerhalb des Visumsbereichs in verschwörerischen Dissidentenzirkeln.

Nach 5 Stunden war ich fertig, aber das süße Mädel schien auch nicht mehr ganz fit. Ich hatte zunehmend eine Höllenangst, die nächsten Jahre im Knast zu verschwinden. Das Girlie ging. Der gute Bulle lächelte und sagte: „Na, jetzt sagen Sie doch mal, was Sie hier machen“. Da wußte ich: Der gute Bulle ist nicht wirklich gut. Es war nun so, dass ich wie aus dem Wasser gezogen und echt am Ende war. (Ich merke an, dass ‘wie aus dem Wasser gezogen’ eine andere Bedeutung hätte, wäre es ein CIA-Verhör gewesen.) Ich lallte weiter meine Schemata, bis der ‘gute’ Bulle ging.

Die Minuten zogen sich zu Stunden, die Stunden zu Äonen. Ich sagte mir: OK, es ist noch nicht vorbei, sie lassen Dich warten um Dich weichzukochen. Bleibe ruhig, gerate nicht in Panik, bereite Dich vor, baue eine Verteidigung auf.

 

Ich blieb nicht ruhig, ich geriet in Panik, ich baute gar nichts auf.

 

Die Säcke wußten das natürlich genau, und auf dem zeitlich kalkulierten Tiefpunkt meines Zustands kam einer rein, der trug Zivil. Das war, als wenn der ausgeruhte Kriegsgott auf eine erschöpfte Amöbe trifft.

 

Ich habe abgeschlossen. OK, sie buchten dich ein, aber wenn, dann hätten sie dich schon abgeführt. Machen sie nicht. Nicht bislang. Aber ich kann nicht mehr. Meine Mutter sagt: „Rufe nicht vor 9 Uhr morgens an; Geburtstagsanrufe und weitere Aufwartungen um 11 Uhr. Keine Anrufe vor 15 und nach 17 Uhr. Lüster aus Pressglas sind degoutant. Der Handkuß deutet an, aber er berührt nicht. Die Klaviersonate Opus 111 von Beethoven ist bis heute nicht enträtselt. Ich spiele sie seit Jahrzehnten, aber es ist schwer, sie zu verstehen“.

 

Daran halte ich mich fest. Irgendwas ist meine letzte, beste und einzige Verteidigung, aber was nur? Wäre ich religiös, hätte ich gebetet. Ich bin nicht nur durchgeschwitzt, ich bin durch. Der Herr fragt mich jetzt – Phase zwei – nach meiner Familie. Ich erzähle wahrheitsgemäß von meinen Brüdern, Beruf des Vaters, Beruf der Mutter. Der Zivil fragt nach meinem Vater. Ich sage, 3 Monate im Krieg als Sani, dann wegen Untauglichkeit zurückgeschickt, schlechtes Bein von Geburt an.

 

OK, abgehakt. Er checkt mich auf Nazi-Eltern/Großeltern, hab ich kapiert, wir sind auf der Faktenebene. Es geht um die Idioten-Thematik „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Er fragt jetzt nach meinem Großvater. Ich komme mir tricky vor, als ich zurückfrage, ob er mütterlicher- oder väterlicherseits meint. Keine gute Idee, denn das verschärft seine Intonation.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Mir zieht blitzhaft die von meiner Mutter kolportierte Anekdote vom Leipziger Bahnhof durchs Hirn, als ein halbblindes Mütterchen die Marineuniform für einen Bahnbediensteten hält und ihn nach dem Fahrplan fragt; mein Großvater soll leicht herrschaftsdiskursmäßig reagiert haben, aber das hilft jetzt nicht weiter. Das darf ich nicht sagen, weil: Marine in Leipzig, was ist denn das? Mein Großvater hatte niemals ein Schiff auch nur aus der Ferne gesehen. Was ihn wichtig machte war seine unternehmerische Finanzexpertise und der Umstand, dass sein Vater als einer der ersten in Deutschland, wenn nicht der erste, die Hollerith-Lochkartenmaschine in seiner Zigarrenfabrik einsetzte, und mein Großvater arbeitete zuerst in der Fabrik seines Vaters. Daher kannte er die Hollerith und wußte, wie man sie betrieblich nutzt. Meine Mutter erzählt mir, dass es im Kontor ihres Großvaters einen Raum gab, den nur der Großvater und ihr Vater betreten durfte. „Da drin ist die Hollerithen“, was für das Kind bedeutete, dass da in einem verbotenen Zimmer eine geheimnisvolle Frau lebt. (So funktioniert der Marxsche Warenfetisch als politischer Begriff, als den die Linken ihn allererst noch zu begreifen hätten, was ihnen seit 150 Jahren anhaltend nicht gelingt.)

 

Hermann Hollerith war ein Sohn deutscher Einwanderer aus der Pfalz – wie der Nörgler, wie der FCK, wie Fritz Walter, wie wir Wunderweltmeister von Bern, wie die im 19. Jahrhundert global legendären Rieslinge der Mittelhardt –, wurde am 29.2.1860 in Buffalo geboren und starb am 17.11.1929 in Washington. Zuvor hatte er die IBM gegründet, deren in den Vernichtungslagern eingesetztes Lochkartensystem die Grundlage der quantitativen Effizienz der Shoa war. Das war der profitable Beitrag eines US-Unternehmens zur Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Demokraten, Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, „Arbeitsscheuen“, Schwulen und Lesben.

 

Was ein Glück, dass mein Großvater damit nichts zu tun hatte. Was ein Unglück, dass er als hollerithkundige Führungskraft der Finanzmanager des Westwalls war.

 

Das waren 5 Sekunden, bis ich die wiederholende Stimme höre:

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“ – „Ich weiß das nicht, darüber wird doch nicht gesprochen.“ – „War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“– Am Eingang des Raums stehen zwei Uniformierte mit automatischen Waffen, deren Anwesenheit die Asymmetrie des Diskurses dokumentiert.

 

Mein Großvater war kaufmännischer Direktor der Heinckel-Flugzeugwerke, die durch die Erfindung des Düsenantriebs für Flugzeugmotoren legendär wurden. Wir sehen hier übrigens, dass die These, die Nazi-Führung habe von „Wunderwaffen“ nur gefaselt, um die Bevölkerung zum Durchhalten zu manipulieren, nicht stimmt. Es gab den Düsenjäger (Testpilotaussage, ich kenne den alten Mann persönlich: „Es ist, als schiebt ein Engel“), dessen Einsatz nur durch Treibstoffmangel verhindert wurde, und der die Lufthoheit der Alliierten gebrochen hätte. Es gab das Stealth-U-Boot, das nicht mehr zu orten war; es gab neue Panzer und Panzerabwehr und vieles mehr. 6 Monate Kriegsverlängerung und die Alliierten hätten verhandeln müssen. 2 Jahre Kriegsverlängerung, und vom Nordkap bis Biaritz wehte heute die Hakenkreuzfahne; mit den „Linken“ wäre man fertig, und der Herold müßte nicht spucken wie ein Feuersalamander.

 

Heinckel stand kurz vor dem Multimillonenreichsmarkdeal, weil mein Großvater die genialische Werbeidee hatte, und das war wirklich der Irrsinn, die Wahnsinnsidee, auf die man erst mal kommen muß: Für das Werbeland USA Werbeflugzeuge, die an ihrer Unterseite mit steuerbaren Leuchtbirnen Logos und Slogans im Nachthimmel abbilden konnte. Wow! Was für eine Geschäftsidee!

Mein Großvater reiste nach USA und kam mit einem Koffer voller Verträge zurück: Tonnen von Gold für Heinckel! Aber Scheiße. Die Nazis verboten den Export von Flugzeugen. Die profitablen Kontrakte platzten. Von da an gings bergab. Denn der Gauleiter verfügte die Entlassung des jüdischen Chefingenieurs. Die Geschäftsleitung inkl. meines Großvaters weigerte sich, den Juden zu feuern. Sie taten das freilich als Charaktermasken der Kapitalverwertung, nicht aus Humanität. Der Jude wurde deportiert, gegen alle Proteste und Eingaben der Firmenleitung.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Zu der Zeit, als man diese Frage mir stellte, gab es die Anime-Serie „Yugi-O“ noch nicht. Es geht darum, dass die Spieler durch das Ziehen von Karten Monster aufrufen, die den Gegner angreifen, um dessen Lebenspunkte zu reduzieren. Das Spiel beginnt mit 4000 Lebenspunkten. Wer zuerst auf Null ist, hat verloren. Wer die Serie kennt, weiß, was „das Herz der Karten“ bedeutet, und er weiß, dass Lebenspunkte in Hunderterschritten, niemals aber in Zehner- oder gar Einerschritten reduziert werden.

 

„War Ihr Großvater Offizier in der Wehrmacht?“

 

Ich hatte noch einen Lebenspunkt. Ich hatte alle Karten gezogen, alle Monster aufgerufen, aber ihre Monster waren stärker gewesen. Sie hatten mir in einem ganztägigen Duell meine 4000 Punkte auf „1″ reduziert. Das ist schlecht, einerseits, anderseits aber bin ich noch im Spiel, das heißt, ich kann noch eine Karte ziehen. Es muß jetzt aber die final richtige Karte sein, sonst bin ich finalisiert – Herz der Karten!

 

In einem Anfall von schwächebedingtem Irrsinn ziehe ich meinen Geldbeutel, knalle einen 20er-DDR-Mark-Geldschein auf den Tisch, eine Karte, deren Geltung der Gegner nicht bezweifeln kann. Mir ist jetzt alles wurscht, mit 1 Lebenspunkt kann man, wie es im Fußball heißt, befreit aufspielen.

Mein letzter Trick: Ich rufe nicht mein, sondern sein Monster auf.

 

„Wir sind doch hier im Sozialismus. Aber sie haben hier Geld, und auf dem Schein ist der Geldkritiker Marx abgebildet. Marx auf einem Geldschein!“

 

Das Gegenüber schweigt, und ich laufe vollends aus dem Ruder. Meine durch vielstündige Verhöre überreizten Nerven geben mir ein, aus dem Stuhl aufzuspringen (keine gute Idee) und zu brüllen: „Der Marx hätte Euch den Arsch versohlt mit dieser Geldscheiße!“ Überhaupt keine gute Idee, denn jetzt kriege ich von hinten einen Gewehrkolben an die Marmel, fühle kräftige Hände an meinem Körper und höre die Worte: „Hinsetzen!“

 

Ich sitze noch nicht richtig, da ist der Stasi weg. Eine Stunde später war ich in Westberlin.

 

Daraus habe ich für mich drei Konsequenzen gezogen:

 

1 Ich bin kein Mann der Praxis. Auf der Grundlage von 1 Lebenspunkt Karten zu ziehen, ist nicht mein Ding.

2. Der Archaismus der Herrschaft von Menschen über Menschen muß aufhören.

3. Theory rulez!

Geschrieben von Noergler

April 5, 2009 um 19:52

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Rest-Merkel-Zeit

mit 2 Kommentaren

Vorauss. noch 187 Tage, 20 Stunden, 14 Minuten, 2 Sekunden
www.ist-merkel-kanzlerin.de
#btw09 #merkel

Geschrieben von ring2

März 23, 2009 um 21:47

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Getaggt mit , ,

mit einem Kommentar

Nee Verona, ich vergesse nie, dass Du bei peep! Deine TV-Karriere gestartet hast. NIEEEE ;) #NDRTalkshow

Geschrieben von ring2

Februar 27, 2009 um 23:38

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ohne Kommentare

„Manager in Medienindustrien erfassen den Medienwandel auch deshalb nicht emotional, weil sie nicht in der Technikwelt der Nutzer leben“

Geschrieben von ring2

Februar 27, 2009 um 23:19

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