Archiv für die Kategorie ‘Philosophie’
Mal wieder Kraushaar lesen
Sehr erhellend fand ich ja diese Beitrag, bei dem sich mir die Frage stellte, wie das denn jetzt ist und ob es nicht an der Zeit sei, zumindest teilweise den ursprünglichen Impetus der 68er wieder aufzugreifen – unter veränderten Zeitzeichen latürnich:
http://www1.bpb.de/publikationen/N86ETU,2,0,Denkmodelle_der_68erBeweg
Nachtrag zu einer alten Debatte
Zu den Mucken und Tücken eines Ansatzes, um dessen Richtigkeit, Plausibilität und Reichweite Momorulez, Nörgler, T.Albert und ich uns heftigst gefetzt hatten kommt hier nochmal eine Perspektive, die das Ganze in eine neue Richtung aufspannt; ist allerdings reichlich sperriger Stoff.
http://www.wildcat-www.de/wildcat/66/w66hartm.htm
Theorie und Praxis 2: It stroke me like a flash
Meine Genossen Detlef Hartmann und Gerald Geppert haben ein neues Buch geschrieben: Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus= Materialien für einen neuen Antiimperialismus 8. Das lese ich gerade und bekomme gerade Nachttischlampenfieber, es enthält nämlich ziemlich viele analytisch erhellende Wahrheiten in dichter Folge.
„Nehmen wir die schillernden Etiketten Neoliberalismus oder neoliberale Globalisierung, die alles und nichts erklären. Man könnte selbstredend auch andere gebräuchliche Formeln der globalisierungskritischen Bewegungen nehmen. Inzwischen sind diese Etiketten weit davon entfernt, Werkzeug für kritisch differenziertes Denken zu sein. Abgesehen davon bleiben diese Etiketten, auch wenn in kritischer Absicht benutzt, herrschafts- und kapitalkonform.Sie waren vielleicht geignet, die Theorie der Friedman-Schule, die Konterrevolution in Chile, die Politik der eisernen Lady, die Reaganomics und die Schuldendiktate des IWF oder auch die Operationen der Kohl-Administration, welche in die fischergrünen und sozialdemokratischen Arbeitsmarktreformen mündeten, terminologisch vom Gegenbegriff des Keynesianismus als sozialdemokratischer Etappe abzuheben…Schließlich lassen uns aber die geronnenen Generaletiketten, aller Dynamik des Sozialen entleert, angesichts eines differenzierten gesellschaftlichen Umbruchs eher hilfs- und begriffslos zurück. Dieses ganze aufeinander bezogene Begriffsinstrumentarium ist u.E. ungeeignet, die neuen kapitalistisch staatlichen Feingriffe auf menschliche, sprich soziale Subjektivität und die damit verwobene komplexe Dynamik in den metropolitanen Gesellschaften annähernd zu erfassen, auch wenn sie in den ideologischen Begriffswolken des Neoliberalismus (Qualitätsmanagement, Projekt, empowerment usw.) daherkommen. Die offensive Fortentwicklung des Toyotismus in den Betrieben, zugleich als Industrie- und Sozialpolitik …. angewandt, die mit der bundesdeutschen Arbeitsmarktstrukturierung nun auf die untersten Segmente des Arbeitsmarkts durchschlägt, und die neuen Zumutungen der Selbstvermarktung müssen u.. vielmehr als der Versuch eines totalitären Zugriffs auf menschliche subjektivität beschrieben werden, als eine sich des Sozialen bemächtigende Machtstrategie gezielter und gesteuerter Vereinzelung, der Zurichtung sozialer lebendigkeit auf die Erfordernisse politischer machtentfaltung und kapitalistisch markrwirtschaftlicher Rationalität, die Herz und Verstand, aber auch den Körper des einzelnen umfassen. Angesichts eines solchen Gesellschaftssystems der totalen Subjekt- und Bevölkerungsbewirtschaftung erscheint Neoliberalismus geradezu verharmlosend.“
Und in einer Steilkurve geht es in eine Synopse westlicher Gouvernementalität im Jahre 2008 an sich.
Der Neoliberalismus ist historisch zuende
Das jedenfalls meint Habermas, mit dessen hier referierten Positionen ich keineswegs in Gänze übereinstimme (Es gibt eben doch eine Alternative zum Kapitalismus) , der hier aber zumindest kluge und interessante Gedanken formuliert. Tante Zeit hat doch noch etwas zu bieten.
http://www.zeit.de/2008/46/Habermas
Mythos, Kunst, Kiefer
Eigentlich darf man da nix rausreißen. Das ist ein durchkomponierter Text über die lauten, leeren Räume, in denen erst man sich aneignen kann, was war und was ist, eben weil sie leer sind, weilein Echo der Ereignisse eindringt und jeden durchdringt, der sie betritt – jene Rede Anselms Kiefers bei der Entgegennahme des Friedenspreises, in der er u.a. trauert, daß die ehemaligen Niemandsländer zwischen den Deutschländern nicht in Zen-Gärten verwandelt wurden. Kannte er den „Tresor“, der dort sich fand und Anarchie und Lärm ermöglichte?
Diese Forderung wurde dann, ganz, wie es sich gehört, allerorten zitiert, was schade ist, ist’s doch ein völliges Fehlgehen, da eine isolierte, quasipolitische Forderung herauszulösen: Tatsächlich wie ein Bild baut Kiefer seinen Stoff aus Schlaglichtern, der Reflexion auf Materialität und verschiedenen Schichten der eigenen Biographie und der Realgeschichte mit vielen Anspielungen und Ausführungen zu jüdischem Denken und jüdischen Geschichten – vom einsamen Radiohören in der Kindheit, als die Stimmen von Ernst Bloch und Nelly Sachs, letztere später, zu ihm drangen in einer Zeit ohne Internet und Fernsehen, bis hin zum Emporsteigen seiner Werke aus einer Unruhe, die ihn erfaßt und Wirklichkeit, also Bild werden will.
Gestern war die Rede ganz abbgedruckt in der FR, habe sie online leider nicht gefunden – denn so dolle auch gebaut ist, was Herr Kiefer da spricht, so richtig seine Angriffe auf die Annahme einer „Stunde 0″ ‘49 und ‘90 auch sein mögen, war ja allerorten zitiert – irgendwas machte mich unruhig bei der Lektüre, vielleicht auch gerade, weil der Text selbst künstlerisch, nicht rational-diskursiv zu lesen ist, obgleich er Diskursives suggeriert.
Am vehementesten regte sich Widerstand in mir bei den folgenden Passagen:
„Nach dem Krieg stand die Beschäftigung mit der Mythologie unter Verdacht: Evident war, wie gefährlich es ist, wenn Politik die Mythen verwendet, missbraucht, als Handlungsanleitungen und Rechtfertigungen interpretiert. Aber ist es nicht noch gefährlicher, die Mythen gleichsam ins kollektive Unbewußte zu versenken, statt an ihnen – für alle sichtbar – weiterzuarbeiten?
Die Wissenschaften können nicht die mythischen Bilder und ihre Kraft ersetzen. Der Fortschrittsglaube der Wissenschaften ist womöglich selbst ein Mythos; wissenschaftliche Ergebnisse sind zumeist vorläufig; jede Entdeckung öffent eine weitere Tür zu einem größeren Feld des Unbekannten.“
Anselm Kiefer, In einem leeren Raum, FR 20. Oktober 2008, S. 20-21
Puuh. Da ist ja nix wirklich falsch dran, außer, daß so vieles, was bei den alten Griechen, den Mythologen, als Wissenschaft auftrat, auch heute noch gültig ist, vor allem in der Mathematik, oder irre ich? – aber aus welcher Perspektive konstatiert man denn sowas? Aus der mythischen wohl kaum, die politische weist Kiefer explizit zurück, auf C.G. Jung spielt er an, jenen Psychoanalytiker, der mit seinen „Archetypen“ ungewollt ganz Hollywood renovierte, weil alle Drehbuch-Autoren sich an ihnen orientieren, an der „Heldenreise“, dem „Hüter der Schwelle“, dem „Gestaltwandler“ usw., „Star Wars“ ist so gebaut, weiß Kiefer das und meint er das?
Und macht es Sinn, Wissenschaft und Mythos dergestalt zu verschlingen und zugleich gegeneinander auszuspielen? Ja, „Dialektik der Aufklärung“, trotzdem?
Kleiner Versuch über den Kommunitarismus
Ich hatte ja schon verschiedentlich zu dem Thema etwas gepostet und möchte es an dieser Stelle einfach noch einmal zusammenfassen und zur Diskussion stellen. In den USA treten Kommunitaristen sowohl als Gegner der Neocons als auch der Liberals auf, eine wirkliche Alternative sehe ich in ihrem Weg aber nicht.
Zunächst war der Kommunitarismus, der heute mit dem Anspruch auftritt, DIE gegenbewegung zum Neoliberalismus zu sein, ein Problem der Diskursethik; wichtige Philosophen sind Charles Taylor, Michael Walzer, Bellah, der Brite Alexander MacIntyre. Etzioni ist ein kommunitaristischer Politiker, kein Philosoph. Der Kommunitarismus fußt auf der Philosophie von Rawls, dessen Theorie der Gerechtigkeit am Liberalismus Kritik übt, die wiederum aber auch die Kommunitarier kritisieren. Greift darüberhinaus auf viel ältere Elemente zurück, z.B. vorliberale Traditionen des amerikanischen Puritanismus. Entscheidend: hohes Maß an sozialer Verbindlichkeit und autonomer Organisation in den frühen Siedlergemeinden. Bei McIntyre findet sich außerdem ein Rückgriff auf die aristotelisch-thomistische Tugendethik, bei Taylor auf Hegels Rechtsphilosophie. Der Kommunitarismus betont sehr stark die Wichtigkeit des Gemeinnutzes und der Gerechtigkeit, geht aber wenig darauf ein, ob das Gerechte auch gut sei. Karl-Otto Apel weist in Gemeinschaft und Gerechtigkeit von Brumlik und Brunkhorst darauf hin, daß wir Deutschen aufgrund der NS-Erfahrung damit unsere Schwierigkeiten hätten. Programmatisch sei der Kommunitarismus von der pragmatisch-lingiustisch-hermeneutischen Philosophie in der Tradition Heideggers, Wittgensteins und Gadamers geprägt. Daraus ergibt sich eine apriorische Bezogenheit: jede Art von politischem Denken und Handeln ist bedingt durch ein bestimtes persönliches und soziokulturelles Umfeld und von diesem nicht abtrennbar. Gegenteil von Universalismus. Angesichts des zur absoluten Weltgeltung drängenden Neoliberalismus scheint eine Gegenbewegung dringend notwendig, es stellt sich nur die Frage, ob der Kommunitarismus nicht viel zu kurz greift. Immerhin: Der Neoliberalismus ist universalistisch und bringt die Ideologie der One World und der Globalisierung mit ihrem mörderischen Anpassungsdruck hervor. Der Kommunitarismus kritisiert schon den Universalismus eines Hobbes und Kant und führt infolgedessen zum Denken in kleinen Zusammenhängen, er kommt ohne den Gesamtbezug aus und läuft tendenziell eher auf Selbstgenügsamkeit hinaus. Der Kantsche Kategorische Imperativ wird bei Rawls kritisiert, weil er losgelöst von jedem kulturellen und sprachlichen Kontext ist. Der Kommunitarismus ist demgegenüber werterelativistisch: gut ist, was innerhalb einer bestimmten Gesellschaft im Rahmen von deren überlieferten Werten und anerkannten Traditionen gut ist.
Kant stellt die kulturelle Prägung der eigenen Wertvorstellungen nicht in Frage; der Kommunitarismus argumentiert in dieser Hinsicht gewissermaßen ethnologisch-interkulturell und leitet seine Positionen hierbei von Gadamer und Heidegger ab. Der Kommunitarismus formuliert kein gesamtgesellschaftliches Fernziel und ist philosophisch nicht imstande, ethische Normen über einen bestimmten kulturellen Horozont hinaus zu vermitteln. Orientiert an Aristoteles, Wittgenstein, Hegel und Gadamer, ist er eine Philosophie der Inhärenz, nicht der Transzendenz. Rorty begründet einen liberalen Kommunitarismus: Er vertritt liberale Werte und Normen, gibt aber zu, daß er diese einem Angehörigen eines völlig anderen Kulturkreises gegenüber nicht begründen könnte. Für Karl-Otto Apel (Habermas-Schüler) stellt sich damit die Frage, ob der Kommunitarismus aus der Ex-post-These eines konkreten Kulturzusammenhanges heraus in der Lage sei, das Selbstverständnis eines weltbürgers zu formulieren. Konkreter formuliert: Die Identität eines modernen Menschen, der auch den Traditionen nichtokzidentaler Kulturen gerecht wird. Apel ist der Auffassung, daß der Kommunitarismus dies nicht zu leisten imstande ist – und im Zweifelsfalle zieht er die Kant´sche Universalethik vor.
Walzer geht einen Schritt weiter als der „orthodoxe“ Kommunitarismus, indem er den gebundenen partikulären Gesellschaften universalistische Prinzipien, wie Menschen- und Bürgerrechte, vorschalten will. Gegensatz Liberalismus-Kommunitarismus(nach Albrecht Wellmer): Der Kommunitarismus geht davon aus, daß den modernen Gesellschaften allgemeinverbindliche moralische Vorstellungen vorgeschaltet werden müssen, welche die gleiche Bindungskraft besitzen sollten, welche früher die Religion hatte. Der Liberalismus geht davon aus, daß die Bürger-Freiheitsrechte an sich schon ausreichten, da der Mensch von Natur aus gut sei. Angesichts von Hungertoten in der Dritten Welt, angesichts der Tatsache, daß z.B. Asylsuchenden die Bürgerrechte gar nicht erst gewährt werden, erscheint weniger eine kommunitaristische Partikularethik erforderlich, als – im Marx´schen Sinne – die endliche Einlösung der Universalethik wirklich für alle vordringlich.
Vorbedingung für die Entstehung des Kommunitarismus: Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, bedingt u.a. durch Katastrophen wie Hiroshima, den Kalten Krieg, Umweltzerstörung usw., nahm die politische Philosophie in Nordamerika und teilweise auch Großbritannien Abstand vom Bezug auf das freie Individuum (liberale Philosophie) oder das Volksganze (demokratisches bis sozialistisches Denken) und bezog sich statt dessen auf partikulare Gruppeninteressen, die möglichst gerecht austariert werden müßten. Robert Dahls Who governs? und Seymour Lipsets Political Man lenkten Anfang der Sechziger den Pluralismusdiskurs auf die Elitentheorie. Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls löste 1971 die bis heute fortgeführte Debatte aus.Damals war es noch darum gegangen, einen sozialliberalen Wohlfahrtsstaat sowohl gegen die Kritik der 68er als auch gegen den Konservatismus zu verteidigen, daraus ergab sich später einerseits eine Frontstellung gegen den Neoliberalismus, andererseits ein philosophischer Dissenz, bei dem auf Kant, Hegel und Aristoteles zurückgegriffen wurde. Die Debatte kann also nur indirekt als postmodern begriffen werden, da sie tatsächlich auf historisch sehr alte Diskurslinien zurückgreift.
Später entwickelte sie sich zu einem Streit um Neoliberalismus auf der einen und ethisch verankerte politische Philosophie ohne universellen Bezugsrahmen auf der anderen Seite.
Alasdair Mac Intyre begreift den Verlust an historischem Denken von Locke bis Rawls als Wertezerfall. Während etwa für Rawls die Auflösung in unterschiedliche partikulare Wertsysteme einen Wertepluralismus darstellt, ist dies für MacIntyre ein Verlust. Desgleichen stellt der Liberalismus für ihn in erster Linie ein Wertedefizit dar.
Michael Walzer unterscheidet in Sphären der Gerechtigkeit zwischen unterschiedlichen Formen von Gerechtigkeit. So führt er das Beispiel des gegenseitigen Schenkens in Westpolynesien, u.a. auf den Trobriandinseln an, das keinerlei ökonomischer Rationalität folgt, aber Verbundenheit schafft. Verbundenheit steht im Mittelpunkt von Walzers gesamten Denken. Er postuliert unterschiedliche Sphären der Gerechtigkeit, die einander nicht durchdringen würden und in denen unterschiedliche Gesetze herrschen. So sei der Kapitalismus außerhalb unmittelbarer Warentauschbeziehungen ungerecht, das Problem sei, daß er andere Gerechtigkeitssphären von sich abhängig mache. Anzustreben sei, daß in jeder Sphäre – also auch in den verschiedenen Aktions- und Lebensbereichen des täglichen Lebens – eine andere Form von Gerechtigkeit herrsche und dort eingehalten würde. Walzer hält es für möglich, eine Gesellschaft zu errichten, die gerecht sei, schweigt sich aber darüber aus, ob diese auch gut sei. Totalitarismus sieht Walzer als die schlimmste Form der Tyrannei an, gerade weil dieser alle Sphären der Gesellschaft durchdringt und damit interpersonelle, kleinräumige und zwischen Kleingruppen vermittelbare Formen von Gerechtigkeit nicht mehr möglich mache.
Die positive Forderung ist bedingt durch das Modell der komplexen Gleichheit, welches besagt, daß zwar in unterschiedlichen Sphären unterschiedliche Wertsysteme herrschen, daß diese aber innerhalb des eigenen Kontextes gerecht sein müssen. Außerdem müßten alle Menschen in der Gesellschaft in bestimmten Sphären Regierende und in anderen Sphären Regierte sein. Als anzustrebendes Gesellschaftsmodell für die USA entwirft Walzer einen dezentralen demokratischen Sozialismus, in dem die Arbeiter die Kontrolle über Fabriken und Großbetriebe haben und Arbeit und Freizeit in der gesamten Gesellschaft gleichmäßig verteilt sind. In Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie beschreibt Walzer die Einwanderergesellschaft der USA, lobt die Integrationsleistung der US-Gesellschaft bezüglich der Einwanderer, während er den Rassismus gegenüber Indigenen und Schwarzafrikanern kritisiert (wie auch die Rolle des Kapitalismus). Auf die Situation der Einwanderer bezogen, stellt er die US-Gesellschaft für zu schaffende Vereinigte Staaten von Europa als vorbildlich hin; insbesondere bezogen auf die „neuen Stammesgesellschaften“ Osteuropas, die es in Zukunft noch zu integrieren gälte.
In Zweifel und Einmischung beschreibt Walzer die Biographien von insgesamt 11 kritischen Intellektuellen –u.a.Martin Buber, Antonio Gramsci, Simone de Beauvoir und Breyten-Breytenbach und reflektiert dieser unter dem Aspekt der Verbundenheit bzw. Unverbundenheit. Er konstatiert, daß Kritik nur dann von Erfolg gekrönt sei und Sinn mache, wenn die KritikerInnen einerseits der Sache, für die sie einstehen und der Gruppe, der sie angehören, persönlich verbunden seien, andererseits aber kritische Distanz aufwiesen –Reflex auf Selbstbezogenheit, Bauchnabel (Walzer sieht sich in Breytenbach wieder etc.). Am Schluß Interkulturalismus einfließen lassen!
Den Beginn des Kommunitarismus markieren drei Monographien aus den frühen achtziger Jahren: Alasdair MacIntyres After Virtue,(1981), Michael Sandels Liberalism and the Limits of Justice (1982) und Michael Taylors (nicht zu verwechseln mit Charles Taylor) Community, Anarchy, and Liberty (1982). Zentrale Thesen:
1) Der Kommunitarismus als Moralphilosophie richtet sich als erstes gegen Aufklärung und universalistische Ethik. Insbesondere Hume und Kant werden kritisiert; McIntyre geht so weit, daß er jede absolute, naturrechtlich gesetzte Ethik ablehnt und nur im genuinen kulturellen Kontext von Ethik zu sprechen bereit ist – Fluchtpunkt Gewohnheitsrecht.
2) Gleichzeitig tritt der Kommunitarismus für eine Tugendethik ein. McIntyre plädiert für einen verläßlichen Charakter mit festen moralischen Prinzipien anstelle der unpersönlichen allgemeinen Ethik.
3) Der Kommunitarismus tritt für die gewachsenen Lebensformen der Community ein und weist damit die Altes zerstörenden Tendenzen des Liberalismus zurück. Die Umwälzung der Welt im Sinne eines nivellierenden Fortschrittsbegriffs wird abgelehnt.
4) Der Kommunitarismus ist antietatistisch. Insbesondere Michael Taylor und Michael Walzer sind einerseits gegen den liberalen Nachtwächterstaat, andererseits gegen den starken Staat der Konservativen oder Traditionssozialisten eingestellt.
5) Während der Kommunitarismus alle Klassiker der Aufklärung ablehnt, bezieht er sich überwiegend positiv auf Aristoteles, weil dessen Polis-Begriff eine gewachsene, partikulare Gemeinschaft beinhaltet.
Dazu lassen sich nach Otfried Höffe folgende Gegenpositionen formulieren:
1) Wenn etwa Walzer eine universalistische Ethik ablehnt, aber trotzdem seiner sphärenspezifischen Gerechtigkeit allgemeingültige Prinzipien vorschalten will, befindet er sich in einem logischen Paradoxon. Die Vorstellung einer allgemeinen Ethik bei Kant negiert auch nicht, daß es verschiedene Staaten mit unterschiedlichen Rechtssystemen gibt. Von einem universalistischen Grundbegriff der Gerechtigkeit auszugehen und jeweils gruppenbezogenen Differenzierungen benötigt nicht die Aufgabe eines universellen Grundprinzips, wenn Gerechtigkeit etwa an grundsätzlicher Gleichheit vor dem Gesetz, Unparteilichkeit des Richters/Gesetzgebers usw. angenommen wird. Die Kommunitaristen verwischen die Grenzen zwischen dieser auch bei Kant unstrittigen Unterscheidung.
2) Aristoteles verwirft die gottgegebene Ethik ebenso, wie er die Verschiedenheit der Gerechtigkeitsvorstellungen betont, aber sich nicht nur auf das Herkommen (nomoi) beruft, sondern auch übergeordnete Werte (physei) anerkennt. Glück und Vernunft stellen für ihn übergeordnete Werte dar; die Bindung an die polis ist ein zeitbedingter Faktor, den seine Philosophie in ihren Konsequenzen transzendiert. Das Gute einer Gemeinschaft bedeutet bei ihm Gemeinwohl schlechthin.
3) Das Subjekt in der liberalistischen Philosophie ist nicht seine Bedürfnisse, sondern hat sie. Damit ist es falsch, wenn die Kommunitarier, wie Sandel, den Libertariern Solipsismus unterstellen.
4) Die Betonung der Communities ist unsystematisch. Wenn Familien und Gemeinden, Kirchen und Nachbarschaften, ja Staaten als Communities begriffen werden, warum nicht die gesamte Menschheit? Wenn Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik sagt, Freundschaft ginge vor Gerechtigkeit, läßt drei Deutungen zu: Ist ein Freund in seinen Interessen verletzt, gebietet die Freundschaft, über die gerechtigkeit hinaus, ihm zu helfen; Freundschaft gebietet, dem Freund mehr zu helfen, als bloße Gerechtigkeit es verlangen würde; schließlich, unter wahren Freunden braucht man keine Gerechtigkeitsgrundsätze mehr.Aristoteles verlangt nirgendwo, Prinzipien wie nicht zu stehlen, nicht zu töten etc. außer Kraft zu setzen, wenn es um die Freundschaft geht oder dem Freund gegenüber ein Auge zuzudrücken. Vielmehr bedeutet sein Freundschaftsbegriff ein hohes Ideal: wahre Freundschaft besteht nicht m gegenseitiger Vorteile willen, sondern um ihrer selbst; in diesem Sinne könnten nur gute Menschen wahre Freunde sein. Dieses Freundschaftsprinzip hat also nichts mit der Betonung überkommener Bindungen zu tun, wie es die Kommunitarier (z.B. Michael Taylor) sehen.
Fazit: Der Kommunitarismus hat mit dem Anspruch begonnen, eine Alternative nicht nur zum ökonomischen, sondern auch zum gerechtigkeitsverpflichteten, dem moralisch-philosophischen Liberalismus darzustellen. Statt Aufklärung und universalistischer Moral Traditionen und partikulare Ethiken; statt unpersönlicher Prinzipien und Pflichten personale Tugenden; statt der universellen Freiheit zur Wahl verschiedener Lebensentwürfe ein gemeinsamer Lebensentwurf; statt der staatsförmigen Gesellschaftsform kleine, homogene und möglichst herrschaftsfreie Gesellschaften; statt Kant Aristoteles.
Zu Ende gedacht, ist der Kommunitarismus wie schon gesagt ein wertkonservativer Anarchismus. Der Aristoteles-Bezug ist philosophisch unkorrekt; letzlich läuft der Kommunitarismus auf eine individualistische, interkulturelle Fortentwicklung des Liberalismus hinaus, der große Bruch wird nicht konsequent durchgehalten und ist auch ein Irrweg.
Die Population der Dramatiker
Wo der Herr Zettel schon immer hier rumschaut, uns die Wahrheit aufzuzeigen, derer wir bis dato ja nicht habhaft wurden, sonst wären wir ja kein linkes Blog, wir autoritär-linksfaschistischen Antiimps (versuche nur gerade, das Bad Blog anzuflirten), verlinke ich ihn doch noch mal – wie kommt’s, daß Shakespeare, die alte Rampensau, noch heute so viel „wahrer“ ist als manches, was „Wissenschaftler“ zu seiner Zeit so vertraten?
Ja, wie kommt’s? Die Wirkung wissenschaftlichen Experimentierens? Und das, wo der Mensch doch genetisch auch nur Aasfresser und Raubtier ist?
„Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber es ist wunderbar!“
Ich beichte. Wo nur jene Normen Gesetz werden sollten, die eh schon verbreitet sind, muß man sich ja einerseits über’s gute alte Bekenntnisritual seiner selbst vergewissern, da sei Foucault vor – und zum anderen eigentlich für ein Klassik-Verbot plädieren. Sich schämend Gesetze erlassen: Ach, Du liebes Christentum, alles ist hin.
Denn ich gehöre zu jenen, die erst ein einziges Mal bewußt eine Glenn Gould-Aufnahme gehört habe, ich glaube, es waren die frühen Goldberg-Variationen. Und es war noch nicht mal Vinyl, sondern eine CD. Und das, wo der Mann irgendwann nicht mehr aufgetreten ist, um sich ganz den ausgefeilten Aufnahmen seines Werkes zu widmen.
Dachte mir aber immer schon, daß dieser exzentrische Pianisten-Gigant wahrscheinlich so was wie ein Bruder im Geiste ist – ein ungleich talentierterer freilich. Da schwingt ein Pop-Appeal mit, den ich zwar nicht habe, aber liebe. Ganz anders als bei diesen aufgeblasenen Event-Geschossen wie Villazon oder Nebtrebko, die ja – obwohl ich die ganz gerne höre – eher Pop II sind, ist Glenn Gould mythisch und in seinen Eigenarten wohl klar Pop I.
Wer mehr über diese erfahren will, sollte sich unbedingt das kleine Interveiw-Bändchen aus dem Alexander-Verlag sich zulegen. Das ist sehr witzig, den Mann zu lesen, selbst in den Passagen, wo es um Kompositionstechnicken alter Meister der Musik geht und ich kaum etwas verstehe. Muß auf jeden Fall schon früher sowas wie die Bassline gegeben haben, die House-Music später so erfolgreich machte.
Am herrlichsten jedoch ist seine Querdenke in der Herangehensweise an Popmusik. Dieser Gott am Flügel hat tatsächlich einen Aufsatz über Petula Clark („Downtown“) geschrieben, und die Bezüge, die er dabei herstellt, sind verblüffend:
„Sie wollen damit sagen, Ihr Petula Clark-Aufsatz war eine Hommage an Anton Webern?
Herrlich auch die Passagen, in denen Gould die Beatles und Mozart auseinandernimmt. Endlich mal jemand, der Gründe, die ich gar nicht verstehe, für meine Mozart-Allergie anführt – bekomme ja fast immer schlechte Laune, wenn ich den irgendwo hören muß. Zu theatralisch und substanzlos, so das Urteil Goulds – ganz ähnliches widerfährt auch den Beatles: Aus Mangel an Talent hätten sie dann einfach per Studiotechnik überproduziert und damit eine ganze Generation verdorben.
Als Vertreter der These, daß man entweder ein Elvis- oder ein Beatles-Typ beim Popmusikhören ist, gefällt mir das natürlich – würde ich mich doch immer auf die Elvis-Seite schlagen. Schon deshalb, weil der im Gegensatz zu den Beatles Gospel und Blues auch verstanden und gelebt hat.
In Arminstead Maupins „Stadtgeschichten“ stellt Michael Mouse zudem die Theorie auf, daß jeder Homo entweder eine Bette Middler oder Barbra- Streisand-Tunte sei. Ich gehöre zu letzteren, und somit freut mich auch, was Gould zu dieser zu sagen hat:
„Ich würde sagen, Barbra Streisand verhält sich zu den Beatles etwa so wie jemand à la Bellini zu …. na ja, fast zu jedem, der reich und bunt und intnsiv und lebendig ist … wie Schönberg zum Beispiel.
Das ist aber merkwürdig, denn ich würde die Streisand für eine sehr intensive Person und für eine sehr intensive Künstlerin halten, und Schönberg für einen intensiven Künstler und Menschen. Es gibt allerdings einen Unterschied – Schönbergs witzige Augenblicke waren sehr germanisch und unbeholfen, Sachen wie Ach Du lieber Ausgustin im Zweiten Quartett, während die Streisand tatsächlich eine ziemlich witzige Frau ist.“
Laß uns Wodka holen, hohohoho – die Fragen stellte Jonathan Cott, ein Journalist des Rolling Stone, und das am Telefon. Während man in den Antworten stöbert, erfährt man so viel mehr über den Umgang des Künstlers mit sich, seinem Körper, seinem Material und seinen Werkzeugen als in all den schlauen Texten zur Ästhetischen Theorie, Adorno natürlich ausgenommen, weil der eben jene Kompostionstechniken, die Gould da referiert, auch alle gelernt hat – wirklich ein Genuß, den Mann zu lesen. Um ihn selbst noch mal zu Worte kommen zu lassen:
„Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber es ist wunderbar!“
Liebe kann so weh tun …
Steven Hall, Gedankenhaie, München 2007 – die genaue Seite habe ich gerade wieder verloren …
Gefühle beim Anblick eines blöden Computerbildschirms gestern abend, 19.45 h. Sie hielten an bis heute abend, 20.45 h. Jetzt kann ich darüber schreiben.
Manchmal tut es noch mehr weh als sonst.
Auch wenn ich das Spiel noch nicht mal live verfolgt habe, sondern nur den Liveticker beäugte.
Wie ist eigentlich die Relation zwischen Spiel und Liveticker bestimmt, ist das ein Abbild, eine Erzählung, eine Beschreibung? Und ist das Fussball-Spiel nur ein Konzept?
Weh tut’s jedenfalls trotzdem, wenn man die gegnerischen Tore fallen liest und zwischendurch rumsurft in dem Aberglauben, daß die Gegentore bestimmt nur dann fallen, wenn man passiv auf die Aktualisierung des Tickers wartet.
Dann holen die Boys in Brown zu zehnt noch zwei Mal einen Rückstand auf, um gegen Ende wohl ausgepowert sogar noch einen Elfmeter zu fangen, das 2:5. Was für ein verfickter Saison-Beginn!
Das mußte ich nach den Diskussionen weiter unten mit Che jetzt einfach verlinken, diese olle, wunderschöne Liebeskummer-Kamelle – das ist ja das Schöne an Camp: Man kann selbst dann noch über sich lachen, wenn man so ein absurdes Trauma durchleidet wie ein verlorenes Fußballspiel. Ist ja ungefähr so irreal, wie bei einer TV-Soap in Tränen auszubrechen, und das nicht, weil sie so schlecht ist – oder nicht doch viel mehr?
Auf jeden Fall sollte der Song mal langsam als Hymne nach vergeigten Spielen am Millerntor angestimmt werden. Wäre zudem noch ein weiteres wirksames Mittel gegen Homophobie.
Verloren, Verlust – man sinniert dann über Worte. Die braucht man ja.
Wieso sagen eigentlich immer alle, in der Kultur des Kapitalismus ginge es um Eigenverantwortung und Gewinnorientierung? Geht’s nicht viel eher für die meisten um Verlustvermeidung oder gar den Erwerb der Fähigkeit, Verluste zu ertragen?
Die Kultur des Kapitalismus ist schließlich wie alle Terror-Regime eine Kultur der Angst. Was noch nicht mal melodramatisch formuliert ist, da muß ich mir nur meine Noch-Chefs anschauen. Seit sie Investoren im Boot haben und der Finanzvorstand als deren Agent agiert, sind die nur noch von Angst getrieben und trauen sich gar nicht mehr, irgendetwas zu entscheiden. Ist das Eigenverantwortung?
Gerade mit meinen wahrscheinlichen, zukünftigen Investoren zusammen gesessen – natürlich und ganz verständlich ergreifen die erst mal Maßnahmen, das persönliche Risiko für mich odentlich zu erhöhen, damit ich wirklich was zu verlieren habe und ihre Kohle nicht versenke.
Zu verlieren habe. Es sei noch einmal betont. Ich altlinkes Geistes- und Sozialwissenschaftler-Viech habe komischerweise keinen Zweifel daran, daß gar kein Risisko besteht, aber nicht umsonst sind Ärzte die schlimmsten Hypochonder.
Verlust ist ja ein Thema, das eigentlich nur dann diskutiert wird, wenn mal Flugzeuge abstürzen und die armen Hinterbliebenen dann Leichen identifzieren müssen. Und das geht durch Mark und Bein, wenn man davon hört.
Wogegen so ein verlorenes Fußballspiel so eine Art Wellness ist.
Auch Banken gehen pleite, Konkurs, Insolvenz, man macht Miese oder Minus oder schreibt rote Zahlen, aber Verlust, das scheint mir nicht allzu oft als Wort gebraucht zu werden – obwohl: Verlust des Arbeitsplatzes, das ist gängig. Und „schwere Verluste“ gibt es auch beim Kriegsgeschehen.
„Verloren“ hingegen hat so eine seltsame Doppelbedeutung. Gestern hat der ganze FC St. Pauli verloren, allesamt, die sich irgendwie dazugehörig fühlen, und Scheiße, ich hatte wirklich den ganzen Tag Depressionen heute – komischerweise verliert man aber auch sein Portemonnaie. Na, mein Vater hat im Krieeg sein Bein „verloren“, und sehr, sehr viele auch ihr Leben – das ist so krude beiläufig fomuliert, wie etwas, was aus Versehen passiert ist. Wie eine verlorene EC-Karte.
Nun will ich keinem unserer Spieler unterstellen, er habe das Spiel verlieren wollen, aber etwas anderes, als wenn einem das Handy aus der Tasche rutscht, ist das dann wohl doch. Wiederfinden kann man auch weder Spiel noch Bein. Leben unter Umständen schon, aber nicht, wenn man es wirklich verloren hat ….
Grübel da nur so lange rum, weil dieses bereits oben zitierte „Gedankenhaie“ von Steven Hall sich um einen schweren Verlust dreht. Dem dann noch ganz andere Verluste folgen: Vor allem der der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt, Konzept und Wirklichkeit, Idee und Sein, Kunstwerk und Leben, Objekt- und Meta-Sprache.
All diese Grenzen kollabieren, und so materialisieren sich die Konzepte ganz real als sich in der Welt bewegende Buchstabenwirbel mit vernichtender Energie. Sie folgen Daten- und Informationsspuren inmitten verfallener Krankenhäuser unweit von Manchester, lösen dessen Fußboden auf, um andere materialisierte Konzepte in Menschengestalt zu köpfen und zu verspeisen, vernichten Erinnerungen. Man kann sich vor manchen boshaften, animalischen Vertretern der Wiesen durchpflügenden Informationsverarbeitungswesen nur dadurch schützen, daß man verwirrende Informationen dazwischen schaltet: Bücherstapel, Diktiergerätschaltkreise, die Konzentration auf falsche Identitäten. Das Buch ist eine Mischung aus Matrix, Moby Dick und Amnesie-Psychothrillern – und doch:Es gibt sogar ganz reale autopoetische Systeme, die immer mehr Menschen infizieren.
Aber halt: Gibt es die denn nicht wirklich? Hier ist’s der Gegenschurke zum Schwammkopf-Geisterhai, der immer mehr Personen ihrer Identität beraubt und sie besetzt, um sich zu erhalten – aber hatte ich nicht oben noch über den Kapitalismus geschrieben, daß …
Und materialisieren sich Konzepte nicht ständig? Habe ja auch gerade eine Buisness-Plan geschrieben …. dieses Spiel, was Steven Hall da literarisch treibt, spitzt all diese Fragen so derart virtuos zu, daß der Anti-Held zum Schluß sogar ein Glas mit Papierschnipseln, auf denen „Wasser“ steht, trinken kann. Wohl bekommt’s!
Leide noch unter einem richtigen Lektüre-Schock, weil das so brilliant ist, das Buch. Der Verlust am Anfang der Geschichte, erst gegen Ende ganz erzählt, der erst Identitätsverlust und dann das Zusammbrechen des Konzepts des Konzeptes bewirkt, ist eben kein Konzept, sondern eine ERFAHRUNG, und die Pointe des Buches scheint mir ganz von Tschechow zu stammen:
„Dann erzählten wir uns Witze, wobei aber ausgemacht war, dass die eigenen eigenen immer zum Ablachen und die des anderen immer grottenschlecht waren. Nach einem besonders schlechten von mir (Kommt ein Krokodil in einen Pub …) blieb Scout plötzlich stehen und schaute mich in dem Flackerschein an.
„Kapier ich nicht. Weshalb fragt der Barmann jetzt: Warum das lange Gesicht?“ Im Ernst, sie sah mich an wie das Studivolk bei einem Krawall-Talk einen besonders abgedrehten Gast. „Ich meine, das ist doch komplett unlogisch.“
„Mann, bist Du langweilig“, erwiderte ich, und in diesem Moment wurde mir klar, was Leben ist.“
Steven Hall, Gedankenhaie, München 2008, S. 192
Was dann wohl auch den Unterschied ist zwischen dem Weinen bei einer Soap im Fernsehen und dem nach einer Niederlage ausmacht – nach Heimspielen kann ich nämlich immer sagen: Ich war so sehr dabei! Auch nach verlorenen. Leider …
Aber das kommt diese Saison bestimmt gar nicht vor! Womit ich gerne das Zusammbrechen der Differenz zwischen Satz und Sachverhalt beschwören würde, damit dieses Konzept auch wahr werde … nicht unken!
China einmal anders
Zurzeit kann man über China ja scheinbar nur sprechen, wenn es um die Olympiade oder Menschenrechtsverletzungen geht, und Don bringt dann vielleicht noch Ming-Vasen oder Lackdöschen ins Spiel. Nun, ich thematisiere jetzt nur mal so zum Spaß etwas total Anderes (now to something total different), nämlich die religiöse Kunst der ethnischen Minderheit der Dong aus der Provinz Guanxhi, bekannt für ihre eigenwillige Architektur mit den oft mehrstöckig überdachten Wind-und-Regenbrücken, hölzernen Hochhäusern und den Trommeltürmen für jede Sippe. Die Dong sind nur oberflächliche Daoisten bzw. Buddhisten (sie haben synkretistisch Elemente beider Religionen aufgenommen) und hängen eigentlich einer Verbindung aus Ahnenkult, Schamanismus und Dämonenverehrung an. So werden bei manchen Stämmen bis heute bei Krankheiten die Geister der Ahnen um Hilfe gebeten.
Aus unserer Sicht bizarr sind auch die Jenseitsvorstellungen: Nach dem Tod gelangen alle Menschen in eine der 7 Höllen, wo die 7 Höllenfürsten die Strafen für ihre Sünden festlegen, z.B. Zersägen, Vierteilen, Sieden in kochendem Fett, Pfählen (alles Strafen, die es im alten China auch im Diesseits gab). Nach verbüßter Strafe werden die Menschen dann zurück auf die Welt geschickt, wo die besten als Beamte und die bösesten als Pflanzen wiedergeboren werden. Wie das zu der Verehrung aktiv wirksamer Ahnengeister passen soll bleibt eines der Rätsel der Dong-Kultur.
