shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archiv für die Kategorie ‘Sucht- und Genußmittelkonsum

Christiania als Modell der New World Order

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Oder: Wie marktradikales Denken dem real existierenden Kapitalismus den Boden so dermaßen unter den Füßen wegzieht, wie nicht mal Christian Klar es könnte.

Man kennt sie ja zur Genüge, jene konservativ-liberalen Argumente gegen soziale Experimente, die diesen das Existenzrecht absprechen, weil sie auf Kosten Dritter, namentlich des Steuerzahlers, des Staates oder der “Gemeinschaft” (ein Schelm, wer “Volks”- dabei denkt) gingen. Ähnlich wie bei Bastiats Parabel vom zerbrochenen Fenster, bei dem es eigentlich nur darum geht, dass der Spießer seine Angst ums Geld zu einem Gedankengebäude rationalisiert, funktioniert eine solche Argumentationsweise zwar im Horizont eines Bilanzbuchhalterdenkens, Politik und Geschichte aber gehen zumeist andere Wege. Und die Bilanzbuchhalterdenke lässt für letztere Faktoren entscheidende Dinge wie menschliche Würde, soziale Perspektiven, Wege der politischen Willensbildung, spezifische Gruppeninteressen usw. einfach völlig außen vor und ist daher auch gänzlich ungeeignet zur Beschreibung des Politischen oder Sozialen. Nun hat der Großmeister des zum Prinzip erhobenen sozialen Vorurteils und des als journalistische Kategorie preisgekrönten Dummschwätzens, der Broderich, einen hochnotpeinlichen Artikel zu seinen Erlebnissen in Christiania (“Mami, die pösen Hippies ham mir die Kamera weggenommen!”), und das führte einen Kommentator bei den Bissigen Liberalen zu diesen schönen Formulierungen:

“Gibt es per Saldo nennenswerte Sozialtransfers in dieses Gebilde?
Falls ja (was ich vermute), ist Christiana also nicht selbständig überlebensfähig sondern braucht die Allimentierung von Außen.
Damit ist es aber kein Modell für eine Gesellschaft.
Denn ganze Gesellschaften müssen insgesamt per Saldo ohne Transfers von Außen auskommen. Sonst sind sie nicht “nachhaltig”.” —–

Denkt man diese “Ich bin für die Schließung aller selbstverwalteten Jugendzentren” – Logik auf der Ebene kompletter Gesellschaften, auf die der Autor sie ja selbst gehoben hat zu Ende, landen wir bei einem knallharten Antiimperialismus.
Daraus folgt nämlich, dass die USA kein Modell für eine Gesellschaft sind (praktisch vollständig von den Transfers der öligen Emire, chinesischer, indischer und europäischer Investoren abhängig), die Schweiz ist das erst recht nicht (ein Großteil ihre Wirtschaftsmodells basiert nur darauf, Gelder aus anderen Ländern dorthin zu transerieren), die Industriestaaten insgesamt sind nicht legitimierbar, da sie vom Transfer von Rohstoffen außerhalb ihres eigenen Hoheitsgebiets anhängig sind zu Preisen, die von den Rohstoffexporteuren zum großen Teil nicht aktiv mitgestaltet weden können, aber natürlich sind die Entwicklungsländer, die wiederum vom Geldhahn der Industriestaaten abhängig sind, ebenfalls nicht legitimierbar. Christiania als Modell zur Deligitimierung der gesamten Weltordnung, das lob ich mir!

Unterwegs im Zug

mit einem Kommentar

Da saß ich im Großraumwagen und hörte, wie sich zwei Studenten unterhielten. “Die Polizei holt inzwischen die übermäßig betrunkenen Fußballfans aus den Zügen, die kommen nicht nur nicht zum Spiel, sondern erst gar nicht in den Zielbahnhof, zumindest ist das der Plan. Auch noch nach dem Spiel werden die aufgegriffen und fahren erstmal ne Nacht ein.” “Sehr schön, es wird die Zeit kommen, da macht man das mit allen ernsthaft Betrunkenen, wenn die sich in der Öffentlichkeit zeigen.” “Übertriebener Alkoholkonsum sollte generell verboten werden.”

Na toll, jetzt sagen so etwas schon STUDENTEN. Das kann ja in Zukunft heiter werden mit solchen Mutanten in den Bildungsschichten.

Ich sag zu meinem Dealer: Heute Tequila

mit 8 Kommentaren

So weit kommt´s noch. Scheinbar nähern wir uns wirklich step by step einer neuen Prohibition. Gruselige Vorstellung, was hier unter Gesundheitspolitik verkauft wird. Wenn die letzte Bar für Nichtclubmitglieder off limits, die letzte Eckkneipe durch eine Burgerbude ersetzt, das letzte Weinregal mit Fitnessdrinks gefüllt und der letzte Feinkostladen zum Reformhaus geworden ist werdet Ihr feststellen, dass man bei der Apotheke nachts um halb eins kein Bier bekommt.

http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/deutschland/8098310-Alkohol-und-Tabak-nur-noch-auf-Rezept,cc=000005507900080983101uZHOY.html

Wir sind die VeteraaaanInnen der sexuellen Revolutioooon!

mit 55 Kommentaren

Trommelwirbel, Schalmeientöne, dazu stampfender Techo-Rhythmus.
Vorbeimarsch der Parade der VeteranInnen der sexuellen Revolution.

Cassandra und ich hatten gerade eine Plauderei über die guten alten Zeiten, die wir hiermit der Öffentlichkeit, der Lächerlichkeit, der Unsittlichkeit und auf cheden Fall der Diskussion preisgeben. Und ansonsten gute Unterhaltung damit!

Cassandra:
.. vor langer, langer Zeit…

… in a galaxy far, far away…

… da galt BDSM unter “Politlesben” als der letzte Schrei der selbstbestimmten Sexualität und es wurden sogar Infoveranstaltungen mit Referentinnen aus lesbischen BDSM-Zusammenschlüssen veranstaltet.
Ich persönlich bezweifle ja mittlerweile, dass mindestens eine der “Szeneköniginnen”, die sich danach auf das Begeisterste tagelang über das Thema ausliessen, praktisch-anatomische Erfahrungen mit überhaupt irgendeiner der dort referierten Techniken hatte.

Che:

Ja, das klingt nach Kopfkino. In welchem Zusammenhang war die Szenekönigin denn verortet, so ganz grob?

Netbitch told me, dass im *völlig unbekannterLaden* vor einer Aktion mal gesagt wurde, “hoffentlich ziehen auch die Schwanzlutscherinnen mit und machen nicht wieder alles zunichte”.

Und Tempo oder der Wiener feierte so um 1990 mit der Cover-Story “Schwarzer Engel, flieg mit mir” SM-Sex von Lesben als expliziten Angriff auf Alice Schwarzer und Political Correctness.

Cassandra: Was nicht geht: mir haben jetzt wirklich mehrere Fachfrauen
versichert, dass eine geballte Faust in eine bestimmte Körperöffnung
gestossen zu bekommen (gestossen wohlgemerkt) mit inneren Verletzungen
belohnt werden würde. Geballte zu stecken geht auch nicht, da ist die
weibliche Anatomie gegen (manchmal ist raus doch nicht dasselbe wie
rein), es sei denn die betreffende Frau hat mehrere Kinder geboren
ist ist deswegen geweitet.
Ausprobieren würde ich es auf keinen Fall, dazu hasse ich die
Notfallgynäkologie im Klinikum zu sehr.

Che: Ähem, ein Fistfuck heißt zwar so, da wird aber nicht eine geballte Faust eingeführt, sondern mehrere gestreckte Finger (mindestens 2), so wie beim Blowjob ja auch nicht geblasen wird. Da hat die Dame wahrscheinlich aus der Wortbedeutung Falsches abgeleitet;-)

Diese ganzen ultramoralisch aufgeladenen Sexismusdiskussionen waren für mich ab 1992 passé. Im *namenlose sozialrevolutionäre Gruppe* gab es darüber keine Debatten die *unennbare Person* sagte irgendwann mal, dass Sexismus, Klassenwiderspruch und Rassismus auf den gleichen Grundwiderspruch zurückgingen stünde schon bei Engels, und damit war das Thema durch. Und in der *anonyme private Hilfsorganisation* ging es um so handfeste Dinge wie Giftgas, Folter und den Wiederaufbau zerbombter Dörfer. Für die Bremer GenossInnen hieß Göttingen “PCHausen” und war so eine Art Kasperletheater. Die moralinsauren Debatten in der GÖ-Szene habe ich ab da nur noch als Kinderkram wahrgenommen, über den ich mich aus der Erwachsenenperspektive lustig machte.

Das ging ja so weit, dass bei einem Treffen gesagt wurde: “Es riecht hier schlecht.” “Ja, es stinkt, weil hier zu viele Männer sind!” Und dann *Der Mann mit dem irrelevanten Namen*: “Ja, Achselschweiß, Motoröl, Pulverdampf, so lieben wir das!”.

Die Vergewaltigungsdiskussionen 1989/90 hatten natürlich noch ein ganz anderes Kaliber gehabt, aber was im Zuge der 90er kam war einfach nur noch bizarr. Tatsächlich wurde die Bizarrologie als Disziplin ja in dieser Zeit vom legendären Terrassenplenum gegründet. Auch, um in Anbetracht einer völlig moralinsauren Herangehensweise an das Thema Sexualität nicht nur einer lustvollen, sondern auch ener lustigen Sicht der Dinge eine Gasse zu schaffen.

Zu Anfang meiner Göttinger Zeit war es normal, dass mein Genosse *Der Erste der Nine Unknown Men* erzählte, dass er mit seiner WG-Mitbewohnerin *Kenntenich* morgens vor dem Aufstehen eine Nummer schiebe, wobei sowohl er als auch sie ihre festen Beziehungen hatten. Oder mir eine Genossin auf einem Plenum an die Eier fasste, und dann ab in die Büsche. Das war vor den unseligen Porno- und Vergewaltigungsdebatten in der Göttinger Szene Normalzustand…

Cassandra:

“Angst” fällt mir dazu ein. Und “Unsicherheit”.
Das ist besser als jeder Zensor. es ist viel effektiver, IN jedem Kopf eine
Schere unterzubringen als eine Zensurbehörde zu unterhalten.
Dahinter steckt die massive Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Und
Schuldgefühle von Männern gegenüber Frauen, die der Gleichberechtigung nicht
wirklich helfen. Und Unsicherheit, wie denn nun, da man die “bürgerlichen
Modelle” ablehnt, Sex nun aussehen soll.

Che:

Was für mich nur striking war, war die Tatsache dass innerhalb weniger Jahre das Klima in der linken Szene von der Orgie zur moralischen Besserungsanstalt kippte. Das war natürlich ein Generationenwandel, aber dabei gings um Altersunterschiede von vielleicht 5-7 Jahren. Hängt aber stark mit der sozialen Neuzusammensetzung der Szene zusammen. Zum Beispiel damit, dass ab 1985 die Arbeiterkinder weniger wurden und Leute aus hauptberuflichen Moralproduzentenhaushalten (Lehrer- und Pastorenkinder) in der Szene in Schlüsselpositionen gelangten.

Wie Sex aussehen soll: Ich erinnere mich da an grauenvolle Diskussionen in *Grppe, deren Name nun wirklich nicht interessiert*. Da wurde zum Beispiel vertreten, mann müsse, wenn mann mit einer Frau vögelt diese vor jeder körperlichen Berührung fragen, ob mann das jetzt dürfe bzw. frau es angenehm finde. Als ich sagte, ich nähme keinen Knigge mit ins Bett und Sex hätte immer mit Spontanität und auch Grenzüberschreitungen zu tun, wenn etwas nicht gewollt würde müsse es halt deutlich gemacht werden und Sex hieße für mich zumindest mitunter übereinander herfallen, da war ich ein ganz Dumpfer der nichts begriffen hätte. Und dann gab es da die Position, wer z.B. Füße oder Ohren erotisch nicht interessant finde und nur auf Penetration und Oralsex festgelegt sei habe eine phallische Fixierung und sei damit weniger weit als andere Leute mit variantenreicherer Praxis. Das wurde tatsächlich als eine Frage des politischen Bewusstseins betrachtet, daran machten Leute sogar zumindest im eigenen Kopf so etwas wie soziale Hierarchien fest.

Cassandra:

Hey, ich bin mit diesen Lehrer- und Pastorenkindern zur Schule gegangen und
ich versichere dir: die waren eigentlich ganz nett- aber im “falschen” Teil
der Truppe :) und selbst ganz gut dabei.
Einige von den Mädels hatten sehr klare Meinungen (mit denen sie auch nicht
zurückhielten) über Frauen, die um Rache an ihrem Ex zu nehmen sich durch
dessen Freundeskreis schliefen. Das hatte was mit “saudämlich” zu tun. Ich
hab’ die Betreffende später kennengelernt und weiss seitdem, dass
“saudämlich” noch nett war. Dabei ging es um den expliziten Rachegedanken,
und nicht dadrum, dass generell Sex böse sei oder so was.

Ja, die “möchtest du, dass ich dich jetzt hier für 3,56 Sekunden
anfasse”-Haltung… oder “aber wenn ich das will, dann muss er das tun!”…
Konkret ging es um Oralverkehr während sie blutet und er hatte keinen Bock
drauf und sie war deswegen auf dem Feministischen Kriegspfad und ich fand,das ginge mich gar nichts an und sie solle das mit ihrem Kerl klären, aber wenn ein Partner was nicht mag dann ist das nun mal so und muss respektiert
werden. Männer mussten da schon fast telepathische Fähigkeiten haben, um mit solchen Frauen risikolos ins Bett zu gehen. Warum, frage ich mich gerade, sind Artur.
und Anna nicht miteinander in die Kiste gestiegen um es politisch korrekt zu
treiben, sondern haben mich mit ihren ja sowieso schon behämmerten Thesen zu Sex belämmert? Und warum
habe ich ihnen nicht den Mund mit Tampons gestopft? Fragen über Fragen…

Hey, mein bauchnabelfreier Auftritt im Frauencafe war cool! Und der Schocker
der Woche. Es war so leicht, bestimmte Leute sprachlos zu machen…..

Che:

Und Netbitch ist mal aus dem *Irgendsonlinkerladen* geflogen, weil sie auf einer Party einmal quer durch den Raum brüllte
“Ihr Linken seid doch viel zu feige, um richtig ficken zu können!”. Während *Bizarres Model für Comics* in *Hansestadt* mit genau diesem Stil
nirgendwo rausflog und *DJ Jaine Shaine* einer ihrer wüsten Fickstories erzählte und als die Leute sie anstarrten mit den Fingern 30 Zentimeter zeigte und sagte “Ja, die Negerin, so ne tiefe Muschi!”.

Niemals fielen Kiefer tiefer als damals.

Nur zum Kontrast: Die Hardcore-Autonomen, die ich so kannte, waren praktisch durch die Bank Arbeiterkinder. In der *Schon erwähnte sozialrevolutionäre Gruppe* waren die tonangebenden Leute langzeitarbeitslose Studienabbrecher aus Arbeiterfamilien bzw. arbeitslose Industriearbeiter und solche Weltgeister wie die beiden Bobs. Und das ist dann schon ein völlig anderer Schnack. Diese Moralinscheiße passierte da einfach nicht.

Bewegte alte Zeiten.

#seufz#

Wickelt sich in seine Steppdecke, gießt den Kamillentee ein und entfernt die Bremsklötze von seinem Schaukelstuhl.

Für das sich episodisch neu erfinden!

mit 61 Kommentaren

Wo ich mit schon andernorts mit Mitbloggern heftig über das unten stehende Zitat streite, sei es doch noch mal hoch geholt, vielleicht steckt da ja mehr drin, als es mir auffällt:

“Erfolgte die Stabilisierung des Selbst im sozialdemokratischen Zeitalter vielfach durch konsumtive Attribute, die aufgrund der Ausbeutung einer zerstreuten Millionenzahl von Weltmarktarbeiterinnen erschwinglich war, so mindern nun andere, noch billigere Räusche die Scham des Herabgesetztseins und das Gefühl der Entwertung. Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen werden zu einem Elixier vermengt, wie es uns täglich aus dem Fernsehen und aus den Portalen entgegenschwallt. Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie gepräögten Abläufen. Der Einzelne erfindet sich episodisch neu, sehr wohl in der Ahnung, dass die Bausteine seines Selbst außerhalb vorfabriziert werden. Eine Welt genormter Individualisten und medial geformter Lebensstile ersetzt die postnazistische Forderung nach Konformität. Heute weicht jeder genüsslich von der Norm ab. Das Biedere, Langweilige, Komplizierte wird argwöhnisch beäöugt. Gleichwohl sind dem spaßigen treiben staatlich enge Grenzen gesetzt, wie jüngst die Rostock-people knüppeldich zu spüren bekamen. Bei ernsthaft renitenter Individualität besteht Terrorismusgefahr! Aus all diesen Facetten wird ein unternehmerisches Selbst formiert, mit allen individuellen Freiheiten ausgestattet, und nur der einzigen Drohung ausgesetzt, im kreativen Rattenrennen nicht schlapp machen zu dürfen. That´s the mystery!”

Ich frage mich ja bei solchen Expertisen über das post-post-moderne Leben immer, aus welcher Perspektive sie formuliert sind.

Woher wissen die das? Wieso können sie dem totalen Verblendungszusammenhang entrinnen – oder ist der Text selbst Ausdruck von “Unterhaltung, Konsum, Porno und Halbwissen” ? Worin unterscheidet sich denn diese “”noch billigere” Form von der davor? Daß es früher ein schärferes Pornographiegesetz gab? Und man sich beim Amusement so schön schämte?

Wie kommt es denn, daß in den 80ern allerlei Leute, z.B. Lydia Lunch und der Herr Thirwell, in der Pornographie progressives Potenzial witterten, und wann haben Alice Schwarzer und Andrea Dworkin trotzdem recht? Wäre ja interessant, darüber was zu erfahren, aber ganz wie Evangikale in den USA stellen sie dann “Porno” in’s Zimmer und gucken’s böse an. In New York führte solche Denke dazu, daß es sehr schwierig ist, eine Lizenz für’s Tanzlokal zu erhalten, weil schon Arschwackeln irgendwie anrüchig sein könnte und vielleicht sogar Spaß macht … na ja, Grönemeyer kann ja auch nicht tanzen. Und die Autoren haben dem Rest der Menscheit Ganz-Wissen voraus, offenkundig, und flüchten vor jeder Unterhaltung. So kommt dann ein Monolog bei raus.

Gegen so eine latent debile Reihung von Assoziationen -  “Kommunikation erfolgt im Takt der Billigtarife, nach bestimmten, vonNetz und Telefonie geprägten Abläufen”, das ist doch selbst nur “Ich gucke Werbung und halte das dann für die Welt” – verfügt selbst “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” über mehr Potenzial zur Diagnostik, weil man da wirklich sehen kann, wie man Kids in einem annähernd surrealen Raum zu trimmen versucht, nur zu was ganz anderem, als hier suggeriert wird: Das ist die ganz klassische Konformität ohne alle dialektischen Schlenker. Natürlich gibt es nur Wahl zwischen Coca und Pepsi Cola, aber das ist ja das Schlimmste an diesen Versatzstücken: Das haben Horkheimer, Adorno und Marcuse alles schon und alles schon besser formuliert.

Wo nimmt denn der Großteil der Bevölkerung an einem “kreativen Rattenrennen” teil? Lange nicht mehr auf’m Dorf, auf’m Flughafen, auf’m Bahnhof gewesen …. und selbst beim DSDS-Casting auf Malloca stehen ja keine 80 Millionen Schlange.

Wieso sind die “Rostock-People” wahrhaft individuell – was haben die Fragen nach legitimer, politischer Aktion mit jenen der “Individualität” zu tun?

Das würde man ja gerne erfahren, das sind wichtige, brandaktuelle Fragen, aber: Sie sagen’s nicht und klagen an wie die Haßpriester auf Trinidad, die “Homosexualität” niederpredigen wollen – und sich wahrscheinlich kurz danach mal wieder ordentlich durchficken lassen. Wurde mir zumindest bereichtet, daß das da gelegentlich so läuft.

“Der Einzelne erfindet sich episodisch neu” – ja, zum Glück, schön wär’s, wenn’s denn so wäre … die Möglichkeit dazu nennt man Freiheit. Und genau die ist’s doch, die aktuell fehlt.

Die Kritik der Kritik und ihre Anwendung auf’s Fußballspiel

mit 7 Kommentaren

“Oder ihr Essay “Against Interpretation”. Darin beschwört sie das Eigenleben der Kunst und verdammt die intellektuelle Suche nach “Bedeutungen”. Die Interpretation sei die “Rache des Intellekts an der Kunst”, denn wer das Kunstwerk auf seinen “Inhalt” reduziert, der zähmt es. Es ist ein Hohelied auf die “sinnliche Erfahrung”. Es war, in gewissem Sinn, ein Angriff der Kritikerin auf ihr ureigenes Geschäft, der antiintellektuelle Wutausbruch einer Intellektuellen.

Es ist ein alteingesessenes intellektuellenfeindliches Vorurteil, dass das Denken lustfeindlich wäre. Wie falsch das ist, zeigen viele Intellektuellenleben. “Sinnliche Erfahrung”, “sensorische Fähigkeiten”, “Abstumpfung”, “Erotik der Kunst” – es sind solche Formulierungen des reichen Erlebens, die Sontags “Interpretations”-Essay durchziehen.

Antagonistisch zum kritischen Räsonieren muss eine solche Sensitivität nicht sein. “Intellektuelles ,Begehren’ wie sexuelles Begehren”, notierte sie in ihr Tagebuch.

Na gut. Als Kunstwerk war das Spiel gestern dezidiert anti-intensiv, aber auch fernab jeglicher Ironie.

Nur ist, was der Fan nach dem Spiel zum Spiel schreibt, für das Spiel eigentlich das, was die Ornithologie für Vögel ist? Ist es falsch, das Spiel auf seinen Inhalt zu reduzieren – okay, gewonnen, 3 Punkte, super, man muß ja nicht immer brillieren – oder gar Bedeutungen in ihm zu suchen? Vor allem, welche fände man dann eigentlich, wenn man sie suchte? Ist “Ich will ein Kind von Dir, Brunne”, dieser wohlverständliche Sehnsuchtsschrei, heute im St. Pauli-Forum niedergeschrieben, ach, könnte ich, würde ich auch wollen, all dieses pseudointellektuelle Rumschwadronieren hier ist ja der pure Gebärneid, Teil der Bedeutung des Spiels?

Na, immerhin ist Fußball ja ein relevantes Thema. Schon wegen dieser Aufrufe gegen Rassismus und Homophobie vor dem Spiel, um das Lieschen Müller aus dem Politbüro unter den Lesern zu befriedigen. Und ich fand die auch richtig gut.

Und die Kategorie der Abstumpfung paßt ebenso auf den Stil des Fußballerns der Wehen-Wiesbandener, also, sowas leidenschaftsloses habe ich ja selten gesehen. Schön war’s trotzdem, als die beiden Wehen-Wiesbadener Mannen nach Matchende sich zu dem kleinen Rolli-Fahrer am Fuße unsers Blogs gesellten, der so vehement 120 Minuten lang die Wehen-Wiesbadener Fan-Flagge inmitten von lauter St. Paulianern geschwenkt hatte, und ihn feierten. Und klar, der eine der beiden hatte sich natürlich ein St. Pauli-Trikot geschnorrt, weil das ja auch viel cooler ist als seines.

Aber das ist ja wahrscheinlich auch schon wieder die Rache des Intellekts an der Fußballkunst, jetzt wie doof im Gedächtnis nach Randanekdötchen zu suchen, weil das Spiel so seltsam langweilig war. Bis zu diesem Doppelschlag von Brunnemann und Boll hatten sich alle wenigstens noch damit unterhalten können, gramvoll sicher zu sein, daß wir uns sowieso in der siebzigsten Minute nach einem Dutzend vergébener Chance das 0:1 vom Tabellenletzten fangen würde. Damit war man als St. Paulianer ja schon die ganze Woche beschäftigt, sich in lustvollem Fatalismus von Smalltalk zu Smalltalk zu begeben und die so anvertraute Leidensmine zu tragen, weil ja die Grundbefindlichkeit des Fanseins abgrundtiefe Enttäuschung ist, hat Hornby das nicht geschrieben?

Und dann wurde man das gar nicht, konnte trotz dieses einen, einzigen Pfostentreffers der Wehen-Wiesbadener sein intellektuelles Begehren ganz auf Björn Brunnemann richten, weil der Rest der Spieler es ja nicht wirklich brachte gestern – okay, Ebbers hat schon super gespielt, hätten die anderen Spieler das zwischendurch mal bemerkt, wie und was der eigentlich gespielt hat, hätten wir 7:0 gewonnen, aber die wollten ja durch plötzliche Vorstöße allesamt selbst brillieren. Na, und Hoilett ist natürlich ein Kleinod ohnegleichen. Was jetzt aber wohl wieder ein komplettes Verkennen des Eigenlebens der Fußballkunst meinerseits ist, hier rumzuinterpretieren. Dabei würde ich doch die Jungs nie zähmen wollen …

Würde ich mich künstlerisch dem Spiel annähern, dann müßte ich jetzt ganz ganz viel schreiben ohne jegliche Pointe, aber mit vielen Anläufen zu solchen, das kann ich gut, um dannn nach zwei Dritteln zwei Hammersätze rauszuhauen, solche, über die man noch in 2 Jahren in der Blogosphäre schreibt, um dann weiter zu labern, bis sich alle wundern, daß der Text plötzlich aufhört.

Aber das so zu sehen, das liegt wieder daran, daß ich die sinnliche Erfahrung der Spieler einfach nicht teile, so als Zuschauer, der überdacht sitzt -  die ganzen blauen Flecken, die man sich abholt, die müder werdenden Beine, dieses Gefühl der von Nieselregen und Schweiß getränkten Trikots auf dem durchtrainierten Körper (alleine schon die sinnliche Erfahrung durchtrainierter Körper ist mir etwas abhanden gekommen), das Horchen auf die gemeinen Sprüche der gegenerischen Spieler… obwohl, mal abgesehen von der 18, wenn die Wehen-Wiesbadener Sprüche so waren, wie die Fußball gespielt haben, dann war das bestimmt in der Hinsicht auch ein ödes Spiel – und ein Kritiker ist ja auch nur gut, wenn der Künstler und sein Werk als Antagonisten ihm wirklich was bieten, nicht wahr?

Ein wenig war das Wehen-Wiesbadener Spiel sogar der antifußballerische Ausbruch von Fußballern, und immerhin habe ich jetzt eine echte Trend-Frisur, hat mein Friseur mir gestern gesagt. Der kam nämlich gerade aus London zurück, und jeder, der da was auf sich hält, hat so eine Frisur wie ich jetzt, was aber nix gegen die von Björn Brunnemann ist, in so einem blondierten Wuschel wühlt man ja eigentlich gerne mal rum, wenn man denn dazu käme. Und auch mein Friseur fragte als nun bestimmt Zehnter in den letzten Wochen, ob ich denn im Paul Weller-Konzert gewesen wäre, und auch ihm habe ich gesagt “Nee, ich war bei Joan Baez, war am gleichen Tag”, und auch der gackerte da überheblich vor lauter Eighties-Distinktionswille, weil er der sinnlichen Erfahrung beim Joan Baez-Konzert nämlich gar nicht gewachsen wäre, jawohl – ja liebe Leser, ist so: Mehr fällt mir zum Spiel gestern tatsächlich nicht mehr ein.

Geschrieben von momorulez

Oktober 25, 2008 um 14:24

Ach, Fritz, you made my day …

mit 3 Kommentaren

“Wer ständig betont, dass er schwarze Freunde hat, ist selber latent rassistisch.”

Fritz (von weiter unten)

Geschrieben von momorulez

Oktober 17, 2008 um 22:53

Veröffentlicht in Sucht- und Genußmittelkonsum

Hatte ich gestern glatt vergessen …

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Den Weizen grün verzehren – Literatur und Spekulation

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Habe ich soeben bei Rabelais’ “Gargantua und Pantagruel” von 1546 zur Moral des Spekulanten gefunden:

“Durch eine Weisung an die Regierung von Dispodien verlieh Pantagruel Panurg die Herrschaft Salmigodien, die eine feste jährliche Einkunft von 6.789.106.789 Goldgulden abwarf, wozu noch ein allerdings ungewisser Ertrag von den Maikäfern und Schnecken kam, der sich aber doch, ein Jahr ins andere gerechnet, immer noch auf 2.435.768 bis 2.435.769 Dukaten belief. Manchmal, wenn es gerade ein gutes Maikäferjahr war und die Schnecken recht begehrt wurden, stieg er auch wohl an bis auf 1.234.554.321 Zechinen; das geschah aber nicht alle Jahre. Der Burgherr wirchaftete so vortrefflich und umsichtig, daß er bereits in weniger als vierzehn Tagen mit den dreijährigen Einkünften seiner Herrschaft, das heißt mit den festen wie den zufälligen, fertig war. Nicht etwa daß er Klöster gestiftet, Kirchen gebaut, Schulen und Hospitäler dotiert oder sonst irgendwie seinen Speck vor die Hunde geworfen hätte, keineswegs. Alles ging in unzähligen kleinen Schmausereien und Gelagen drauf. Sein Haus stand offen für jedermann; was nur ein guter Kumpan war, alle jungen Damen und Herzliebchen waren willkommen. Da wurden Wälder abgeholzt, die herrlichsten Stämme verbrannt, um als Asche verhandlet zu werden, Geld vorausgenommen, teuer gekauft, wohlfeil verkauft, mit einem Wort: er verzehrte den Weizen grün.” (S. 330 f.)

“Nichts besseres als Schulden haben! Da bittet man unablässig den lieben Gott für dich, daß er Dir ein gesundes, glückliches, langes Leben schenke, und weil man fürchtet, sein geld bei dir zu verlieren, so redet man vor den Leuten nur das Beste von dir, damit sich immer neue finden, die dir borgen, neue Quellen fließen und alte Löcher mit frischem Lehm zugeschmiert werden können, den andere hergeben sollen. Als man ehedem in Gallien die Leibeigenen, Dienstmannen und Ausrufer der Leichenfeierlichkeiten bei den Begräbnissen ihrer Herren und Gebieter dem druidischen Gebrauch gemäß lebendig verbrannte, waren da nicht jene um das Leben dieser Herren in steter Besorgnis? Mußten sie doch mitsterben, wenn diese starben. Flehten sie nicht unaufhörlich zu Merkur, ihrem mächtigen Gott, und Dis, dem Vater der Batzen, daß er ihnen ein langes Leben und kräftige Gesundheit verleihen möchte? Trugen sie nicht ängstlich Sorge, sie auf das beste zu hegen und zu pflegen? Konnten sie doch bis zu ihrem Tode mit ihnen zusammen leben. So werden Eure Gläubiger, des könnt Ihr gewiß sein, inbrünstiger für Eure Erhaltung zu Gott beten und Euren Tod umso mehr fürchten, als ihnen das Hemd näher als der Rock und das Geld lieber als das Leben ist. Beweis dafür die Wucherer von Landrousse, die sich unlängst aufhängten, weil das Korn und der Wein im Preis fielen und bessere Zeiten kamen.” (S. 334 f.)

F. Rabelais (1546/2003) Gargantua und Pantagruel. Frankfurt/Main: Insel (Drittes Buch. Des Pantagruel zweites).

Geschrieben von lars

Oktober 6, 2008 um 23:26

Das ungleichzeitige Lebensgefühl der Achtziger

mit 6 Kommentaren

Im Spiegel-Online-Magazin “eines tages. Wie wir wurden, was wir sind” beschreibt der ehemalige Tempo!-Redakteur Thomas Huetlin das Lebensgefühl junger Leute in den 1980ern und wie er diese Zeit wahrgenommen hat. Ich muss sagen, dass es mich etwas erstaunt und befremdet. “Nicht Rainer Langhans und John Lennon gingen uns auf die Nerven, sondern deren Epigonen. Gestalten, die ihre K-Gruppen-Dogmen über die oft funkelnden Gedanken der sechziger Jahre betonierten. Die mit mantrahaft wiederholten Theorien die Welt totdiskutierten – wohlig resigniert ahnend, dass jenes System, das ihnen den Rotwein und den muffigen Parka finanzierte, am Ende doch nicht zu besiegen sein würde. die reale Welt der Achtziger erschien erstarrt. … War es da nicht viel interessanter, die Wirklichkeit als spiel zu betrachten, das sich immer neu kombinieren ließ? War es nicht inspirierender, die Realität als eine Möglichkeit von vielen zu deuten? War der Baukasten des “Anything goes” nicht die beste Waffe gegen den erstarrten Mainstream?”

Ich habe den Eindruck, wir lebten in verschiedenen Welten. Denn ich bin wenige Jahre jünger als Huetlin, aber ich hatte diese Zeit ganz anders erlebt. Für uns waren die 68er erst unerreichtes Vorbild, dann Leute, die uns nicht konsequent genug waren, die wir überholen und übertreffen wollten. In meiner unmittelbaren Umgebung gab es davon nicht allzuviele. Unsere Lehrer waren überwiegend im Muff der Adenauer-Ära aufgewachsen und bemüht, uns zu “westlichen Werten” zu erziehen, zu denen auch Starfighter, Kommunistenhatz und Elitedünkel gehörten (“Als Gymnasiasten müsse Sie nicht Maschine schreiben können, sondern sie werde später eine Sekretärin haben. Wenn das nicht der Fall sein wird, sind sie auf der falschen Schule”.). Das, was ich von den Linken mitbekam, waren Spontis, Autonome, Feministinnen, Ökos und Punks, K-Grüppler gab es schon 1977 nicht mehr. Die trugen auch keinen Parka, sondern schwarze Lederjacken, Afghan-Kammgarn (“Teppichjacken”) oder Selbstgehäkeltes. Ich empfand die Zeit auch nicht als erstarrt, sondern als extrem dynamisch: Revolutionen im Iran und in Nicaragua, Bürgerkriege im Libanon und El Salvador, Hausbesetzungen und “Swinging Cities” mit Dauerpartystimmung in den Kiezen (wenn die Staatsmacht nicht gerade räumte), Lockerbie, Bomben über Libyen, Vernichtungskrieg in Kurdistan-Irak, Wackersdorf, Faschoaufmärsche, Kampagnen gegen Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnheimen und Einkaufsgutscheine, Umsonst&Draußen-Konzerte, viel guter Sex, darunter viele One-Night-Stands, ständige peinliche Entgleisungen Kohls, Medien wie Titanic, Tempo, Hier&Jetzt die sich genau daran abarbeiteten und eine Anti-Establishment-Haltung als Frage des guten Tons kultivierten. Für mich waren die 80er eine Art Fortsetzung der Woodstock-bis-Ölkrise-Zeit mit anderen und teils weitaus schrilleren) Mitteln

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