Archiv für die Kategorie ‘Wissenschaft’
Nachschlag: Zur angeblichen Erblichkeit von Intelligenz
Ein interessanter Artikel in der New York Times:
http://www.nytimes.com/2009/04/16/opinion/16kristof.html?_r=1&em
Die subjektive Wissenschaft
Objektive Wissenschaft gibt es nicht. Schon das physikalische Theorem von Schrödingers Katze, das quantenphysikalische Erkenntnisse vom Standpunkt des Betrachters abhängig macht zeigt dies eindrucksvoll. Umso mehr gilt dies für Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften, wo außer der subjektiven Wahrnehmung als Solcher noch der weltanschauliche Standpunkt eine Rolle spielt. Als Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftskritiker habe ich mich oftmals damit auseinandergesetzt, z.B. bezüglich sozialdarwinistischer Annahmen in der Biologie, Humangenetik, Medizingeschichte, Geschichtsforschung, Ethnologie und Anthropologie. Kürzlich aber stieß ich auf zwei bis heute höchst wirkungsmächtige Irrtümer. Einmal in der Ur-und Frühgeschichte, einmal in der Ethologie bzw. Tierverhaltensforschung. Ziemlich beeindruckend, wie hier Betrachterperspektive und Empirie auseinanderklaffen.
1) Ur- und Frühgeschichte: Bis heute taucht in Museumskatalogen, Geschichtsbüchern usw. regelmäßig die Behauptung auf, spezifisch für die Germanen wären große Langhäuser (Hallenhäuser) gewesen, die als Pfostenhäuser mit einem gemeinsamen Dach über Stallungen, Lagerräumen und Wohnbereich erbaut wurden. Die Außenwände (der Begriff „Wand“ kommt von „winden“) hätten aus miteinander verwundenen Weidenruten bestanden, die dann mit Lehm beworfen wurden. Im Gegensatz dazu hätten Kelten in überdachten Wohngruben (bzw. genauer gesagt Häusern mit über einem Keller errichteten Spitzdach und extrem niedrigen Wänden unter dem Dach), runden oder quadratischen Hütten aus Bruchsteinen mit Strohdach und Slawen in Blockhütten oder den keltischen ähnlichen, aber einfacheren Grubenhäusern mit nur 4-6 Pfosten gewohnt.
Nun, alle diese Hausformen existierten tatsächlich. Aber das Langhaus verbreitete sich seit der Jungsteinzeit in Europa und war schon von den Angehörigen der vorindogermanischen Donaukultur gebaut worden. Kelten wie Germanen wie Slawen errichteten weiterhin solche Häuser, aber eben nicht nur. Eine spezifisch keltische Hausform gab es gar nicht. Hallenhäuser, nun aber aus Balkenfachwerk errichtet, sollten in nachantiker Zeit zum Standardtyp des niederdeutschen Bauernhauses werden.
Die deutsche Ur-und Frühgeschichte, Siedlungsgeschichte und Ostforschung behauptete aber seit Kaisers Zeiten und besonders im NS das Langhaus als typisch germanische Hausform, um in Osteuropa nachzuweisen, dass in bestimmten Regionen Germanen gelebt hätten, um daraus Gebietsansprüche abzuleiten. Hausformen, Keramikformen oder Gürtelschnallen wurden als „artgemäß“ einer als biologische Abstammungsgemeinschaft, als „Volkskörper“ begriffenen germanischen Prä-Nation begriffen, nicht als Anpassungsform an eine Landschaft oder Wirtschaftsweise. Diese völkische Denke existiert heute nicht mehr, immer noch aber die aus ihr gezogenen falschen Schlussfolgerungen.
2) Verhaltensforschung: Es gibt keine Alpha-, Beta, und Omegawölfe. Das Wolfsrudel ist weitgehend hierachiefrei. Die angebliche Rangordnung der Wolfsrudel kam dadurch zustande, dass in Freigehegen miteinander nichtverwandte Wölfe in nach Wolfsmaßstäben drangvoller Enge zusammengebracht wurden. Dadurch entwickelten sich Konkurrenz- und Dominanzverhaltensweisen, die es in freier Wildbahn nicht gibt, die von den Verhaltensforschern aber allen Wölfen angehängt wurden. Es ist so, als ob man aus den beobachteten Verhaltensmustern von Gefängnisinsassen Rückschlüsse auf Menschen an sich ableiten würde.
Zwei äußerst beeindruckende Irrtümer, finde ich.
Die „Grüne Hölle“ – eine Post-Doomsday-Apocalypse
Neue Forschungen haben ergeben, dass ein Großteil des amazonischen Regenwalds kein Urwald, sondern aus dem Brachliegen von Anbauflächen entstandener Sekundärwald ist. Vor dem Eintreffen von Kolumbus in der Neuen Welt war das Amazonasbecken eines der dicht besiedeltsten Gebiete der Welt überhaupt, mit einer mehrfach höheren Einwohnerdichte als das damalige Europa und einem Organisationsgrad in den Siedlungen, der von den mittelalterlichen Städten in keinster Weise erreicht wurde. Allerdings kann man sich das nicht wie europäische Städte und Anbaugebiete vorstellen, es war vielmehr eine Art Wohnwald: Dorfartige Siedlungen und Gartenstädte, die durch ein planvolles Netz von Zehntausenden Kanälen und Uferpfaden verbunden waren gingen gleichsam fließend in Anbaugebiete über, bei denen es sich um Palmen- und Obstbaumkulturen handelte, die von stehengelassenen Urwaldriesen abgeschirmt wurden. Es war eine vorbildliche Plenterwaldkultur, von der heutige Agrarökonomen viel lernen könnten. Während der eigentliche Regenwaldboden Amazoniens dünn und nährstoffarm ist (immergrüne Bäume, die keine Blätter abwerfen produzieren nunmal kaum Humus), finden sich hier in riesigen Arealen andere Böden: Die Tierra Negra, einen von den Einwohnern Amazoniens künstlich hergestellte Humuserde. Dem Waldboden wurden menschliche Exkremente, Küchenabfälle, Herdasche und eigens zu diesem Zwecdk hergestellte Holzkohle beigemengt. Wie Kohletabletten Im Darm Giftstoffe binden, so hielt die Holzkohle Nährstoffe im Boden fest. Einige Spanier, wie Carajal, hatten von riesigen Städten im Wald berichtet, aber als die Expeditionen der Conquistadores dort eintrafen fanden sie nichts vor – außer vereinzelten Gruppen von Indios, die sie oft mit ungeheurer Feindseligkeit angriffen. Sie begriffen nicht, was geschehen war, nahmen die verwilderten Plantagen auch nicht als Anbauflächen, sondern als Dschungel wahr. Mit den ersten Europäern waren der Schnupfen, die Grippe und die Pocken nach Südamerika gekommen, Krankheiten, gegen die die Waldbewohner keine Abwehrkräfte hatten und die in 3-5 Jahren 90% der Bevölkerung vernichteten. Der Schwarze Tod war eine Kinderkrankheit dagegen. Die Jäger und Sammler des Urwalds sind keine ursprünglichen Wildbeutler, sondern die letzten Überlebenden einer hohen Zivilisation.
Cluster: Von der Zurichtung des Menschen zum Funktionieren in der postfordistischen Gesellschaft und der Perspektive des Widerstands
Ich gestehe, ich werde rückfällig. Ich gebe nicht, wie geplant, meine endgültige Rezension des Buchs von Detlef Hartmann und Gerald Geppert erst nach vollständiger Lektüre zum Besten, sondern mache da weiter, wo ich jetzt bin. Auch wenn jene Textpassage, die Momorulez so aufbrachte, anderes anzudeuten scheint, aber die Autoren sind keineswegs die Seher auf dem Elfenbeinturm, sondern durchaus Empiriker. Empiriker im Sinne der militanten Untersuchung.
http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/birke.html
In diesem Fall bestand diese im Bezug auf die teilnehmende Beobachtung am Streik bei Gate Gourmet. Auch die Frage, was in der sehr viele Schlagworte unerklärt und in höchst dramatisierender Sprache vortragenden Einleitung mit sich selbst neu erfinden bzw. einem gesellschaftlichen Zwang dazu gemeint ist, wird noch viel klarer, sowohl bei neuen Eliten, die sich selbst neu erfinden und viel unhierarchischer und sympathischer wirken, in ihrem tatsächlichen Wirken aber nicht besser sind als die alten Mächtigen, als auch im Anpassungszwang bei den Unterworfenen, die in McKinsey-geschulten Programmen zur Verinnerlichung marktwirtschaftlichen Denkens, schlanker, von eigenverantwortlicher Arbeitsweise geprägter Betriebsstrukturen und Effizienzdenken bis in ihre Gefühlsökonomie hinein angehalten werden. Selbst das Burn-Out-Syndrom wird in therapeuthischen Modellen zur Arbeitseffiziensteigerung sozusagen nach vorne kuriert, um nur ja keine Ursachen außerhalb der Verarbeitungsweise der eigenen Persönlichkeit erkennbar werden zu lassen. Der Mobbing-Gegner hatte mit solchen Strukturen seine speziellen Erfahrungen gemacht.
http://che2001.blogger.de/stories/349727/
http://che2001.blogger.de/stories/716362/
Schließlich wird dennoch eine Perspektive auf Widerstand durch Behauptung des Eigen-Sinns erkennbar. Ich möchte jetzt eng an Textauszügen arbeiten, vielleicht wird damit auch verständlich, was bislang beim lesenden und kommentierenden Publikum eher für Ratlosigkeit gesorgt hat.
„Nicht eiserner Rationalisierungszugriff charakterisiert exemplarisch die Mitarbeiter der neuen Spitzenunternehmen im Silicon Valley, sondern der sogenannte Googleness-Faktor: spitzenabschluss einer Spitzenuniversität ja, Führungserfahrung ja, aber keine Grabenkämpfe, kein Machtgehabe. Die Google-Gründer möchten das Universitätsflair erhalten, das sie als Stanford-Zöglinge genossen haben: Die Unbeschwertheit, den Mut, Unerlaubtes zu denken, kindlich neugierig und schlecht angezogen zu sein. Die Spiegel-Berichterstatterin Michaela Schiessel jubelt in ihrem Artikel: „Vielleicht ist das ja das wahre Erfolgsgeheimnis der Firma Google: Alphamännchen müssen draußen bleichen.“
Verfrühter Jubel. In der Transformation der innovativen Technologien und ihres Unterwerfungsmanagements haben sich periodisch immer neue Gestalten des Alphamännches hervorgebracht. Der Google-Typus ist nicht der alte servant of power der tayloristischen Stab-Linienhierarchien – Leittypus auch einer neuen Bürgerlichkeit. Google, Yahoo und ihre Konkurrenten stellen derzeit die Upstarts der neuen „social networks“ wie Flickr, Facebook, MYSpace, You Tube in ihren Dienst, deren kreative Innovateure diesem neuen Sozialtypus neue Gestalten und Gesichter geben. Ihr Charkater ist keine Maske. Sie sind die kreativen Unternehmer neuer Initiativen kapitalistischer Bemächtigung im Sinne Schumpeters. Wie sehr es neben Reich- und Herrentum auch der Drang zur Selbstverwirklichung ist, der sie treibt, enthüllt auch ein Bericht über die Eliten von Silicon Valley von Gary Rivlin, den die New York Times kürzlich im Rahmen ihrer Serie über das „Age of Riches, die Junior Mogule“ abdruckte. Nach dem Erfolg machen junge Unternehmer immer weiter, sagt er und zitiert einen am unteren rand der Milliardengrenze angekommenen Jungunternehmer: „Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn ich nicht Unternehmen gründen würde. Vielleicht würde ich daran denken, mir die Pulsadern aufzuschneiden.“ Dieser Typus bildet den hegemonialen Kern der „ganz kreativen Klasse“, die Holm Friebe und Sascha Lobo als führendes Element der prekarisierten Intelligenz ausmachen“
- Ob prekarisiert oder tatsächlich mächtig, ob idealtypisches Muster neben anderen, teils ähnlichen, teils alternierenden Möglichkeiten, die Betrachtung typisiert eine Art von Unternehmertum einschließlich einer sich in ihrem ideologischen Schlepptau befindlichen Boheme, die für das digital-neoliberal-deregulierte Zeitalter so archetypisch erscheint wie liberale Bourgeoisie und klassische Boheme sowie keynesianische, teils industrielle, teils bürokratische Elite und in gesellschaftlichen Nischen sich einrichtende Alternativszene für das bürgerliche Zeitalter und die Nachkriegsgesellschaft des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus. Diese tatsächlichen und vermeintlichen Eliten korrespondieren und wechselwirken mit einem veränderten Proletariat. Längst befasst sich eine Flut von Coaching-Literatur damit, wie Arbeitnehmer dazu gebracht werden können, sich zu „optimieren“ und, selbst angesichts persönlicher Lebenskrisen im Zusammenhang mit Überlastung das für den Job optimale Maximum aus sich herauszuholen, ja, Burnoutsyndrome als Herausforderungen zu betrachten. Das betrifft nicht etwa nur, wie in den Diskussionen zum Burnout in den Achtzigern Manager und Führungskräfte, sondern abhängig Beschäftigte bis zum HartzIV-Empfänger. „Die Komponente der geistigen Erschöpfung bezieht sich vor allem auf eine negative Einstellung im Hinblick auf das Selbst, die Arbeit und das Leben im Allgemeinen. Darunter fällt auch die Tendenz zur Dehumanisierung. Das Bild des idealen Arbeitnehmers mutierte vom angepassten Befehlsausführer hin zum unternehmerisch Mitdenkenden, Verantwortung übernehmenden Quasi-Unternehmer. … Orientiert an diesem Bericht aus der kapitalistischen Propagandaproduktion… bleibt es ein „Defekt“ der Seele unter den nur oberflächlich kritisierten Diktaten postmoderner Selbstoptimierungszwänge. Der Angriffscharakter wird ausgeblendet, der Antagonismus (der Klassenverhältnisse, Anm. d,. Verf) gerät nicht in den Blick und damit auch nicht der unergründliche Rückraum für die Herausbildung neuer Formen des widerständischen Selbst. Meditation, Qigong und Yoga, richtiges Atmen etc. gehören mit zur Rezeptur. Der Bezugsrahmen der wissensökonomischen Offensive leuchtet auch darin auf, dass der „Vertrag mit sich selbst analog einer persönlichen Zielvereinbarung nach dem Management-by-Objectives-Modell“ wie im Produktionsbereich und im HartzIV-Fallmanagement zu den Techniken therapeuthischer Selbsteinspeisungspraktiken gezählt werden. Neben und auch angeregt durch Microsoft haben eine reihe weiterer Unternehmen Work-Life-Balance-Coaching in ihre Personalmanagementprogramme aufgenommen…. Der innerbetriebliche Drucl, sich den Coachingprogrammen zu unterwerfen, erschließt dem Wissensmanagement neue Felder – Ressourcen und Labore in einem. hierin berühren und verweben sie sich mit den Strategien der Arbeitsressourcenerschließung im HartzIV-Fallmanagement. In dieser Zuspitzung inmitten der Krankheitssymptomatik der Selbstunterwerfungskrisewird gleichwohl deutlich, was die Geschichte der Klassenauseinandersetzungen – auch im Spiegel ihrer Arbeitspsychologie und Philosophie – imer wieder und nunmehr auf neuem historischen Niveau zeigt: Das Selbst ist nicht operationalisierbar, es sperrt sich in immer neuen Ausdrucksformen gegen die Strategien inwertsetzender Gewalt und Zugriffe.“
Dies wäre wahrscheinlich ein Satz für Momorulez und sozusagen Gegenpart zu der Kontextualisierung, mit der Hartmann weiter oben denBegriff des Sich neu Erfindens gebraucht hatte. Insofern bin ich auch nicht der Meinung, dass hier ein Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Am Beispiel des Streiks bei Gate Gourmet umreisst Hartmann dann,wie sich einerseits die McKinsey-induzierten Anpassungs- und Selbsterziehungzwänge anfühlen und wie gerade diese Zwänge zur Reibungsfläche wurden, an der der Widerstand etflammte: „Ob man das glaubt oder nicht: wir haben uns während des Streiks öfter darüber unterhalten: Ich kriege diesen Virus nicht raus. Wenn ich in meiner Küche einen Kaffee koche, dann überlege ich mir schon, welche Wege kann ich sparen, oder welche Sachen kann ich gleich mitnehmen, damit ich nicht dreimal laufe. Das Unterbewusstsein ist soweit festgenagelt, dass du dir jeden einzelnen weg überlegst: Was kannst du damit verbinden, wie kannst du noch optimaler deinen tag durchziehen und das im privaten Bereich – soweit sind wir!….Mit demStreik haben die Arbeiterinnen die Reißleine gezogen. Es ging auch , aber nicht allein um die Löhne. MENSCHENWÜRDE war ein Wort, das fast auf allen Transparenten stand. Im Laufe der Zeit wurden Beziehungen zu den Arbeiter/innen, die gegen Gate Gourmet auf dem Londoner Flughafen Heathrow streikten geknüpft, gegenseitige Besuche organisiert. es wurden Zugänge zu anderen Bereichen gesucht, in denen McKinsey ähnliche rationalisierungsstrategien verfolgt, wie zum Beispiel in Krankenhäusern. Es war der Streik selbst, in dem die Arbeter/innen ihre Menschenwürde zurückeroberten, ihre sozialen Zusammenhänge, ihr individuelles und kollektives Selbst wiederherstellten….Für kurze Zeit gewann das Gestalt, was Walter Benjamin in dem Satz ausdrückte: das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Es wurde deutlich, dass es keine Wissenschaftlichkeit, kein Gegenstandswissen zu diesen Prozessen geben kann, sondern das die einzige Wissenschaftlichkeit das im Kampf entwickelteGegenwissen ist, das erst die Bedeutung der neuen sozialtechnischen Strategien als Strategien des sozialen Kriegs offenlegt. Es verweist die Wissenschaftlichkeit der Beratungsunternehmen, der Arbeitswissenschaften und -soziologie in den Bereich der Kriegswissenschaften. Es gibt keine idealtypik, keine Paradigmen, diese stellen nur die wechselnde Leitbegrifflichkeit an den beweglichen Fronten der auseinandersetzungen dar. WISSEN ist das asus den Auseinandersetzungen hiermit gewonnene GEGENWISSEN. Es ist das Wissen nicht des Getriebes, sondern des Sands.“
Und aufgrund dieser Schlussfolgerng bin ich er Auffassung, dass Sennett allerdings Hartmann und Geppert nicht ersetzen kann.
Theorie und Praxis 2: It stroke me like a flash
Meine Genossen Detlef Hartmann und Gerald Geppert haben ein neues Buch geschrieben: Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus= Materialien für einen neuen Antiimperialismus 8. Das lese ich gerade und bekomme gerade Nachttischlampenfieber, es enthält nämlich ziemlich viele analytisch erhellende Wahrheiten in dichter Folge.
„Nehmen wir die schillernden Etiketten Neoliberalismus oder neoliberale Globalisierung, die alles und nichts erklären. Man könnte selbstredend auch andere gebräuchliche Formeln der globalisierungskritischen Bewegungen nehmen. Inzwischen sind diese Etiketten weit davon entfernt, Werkzeug für kritisch differenziertes Denken zu sein. Abgesehen davon bleiben diese Etiketten, auch wenn in kritischer Absicht benutzt, herrschafts- und kapitalkonform.Sie waren vielleicht geignet, die Theorie der Friedman-Schule, die Konterrevolution in Chile, die Politik der eisernen Lady, die Reaganomics und die Schuldendiktate des IWF oder auch die Operationen der Kohl-Administration, welche in die fischergrünen und sozialdemokratischen Arbeitsmarktreformen mündeten, terminologisch vom Gegenbegriff des Keynesianismus als sozialdemokratischer Etappe abzuheben…Schließlich lassen uns aber die geronnenen Generaletiketten, aller Dynamik des Sozialen entleert, angesichts eines differenzierten gesellschaftlichen Umbruchs eher hilfs- und begriffslos zurück. Dieses ganze aufeinander bezogene Begriffsinstrumentarium ist u.E. ungeeignet, die neuen kapitalistisch staatlichen Feingriffe auf menschliche, sprich soziale Subjektivität und die damit verwobene komplexe Dynamik in den metropolitanen Gesellschaften annähernd zu erfassen, auch wenn sie in den ideologischen Begriffswolken des Neoliberalismus (Qualitätsmanagement, Projekt, empowerment usw.) daherkommen. Die offensive Fortentwicklung des Toyotismus in den Betrieben, zugleich als Industrie- und Sozialpolitik …. angewandt, die mit der bundesdeutschen Arbeitsmarktstrukturierung nun auf die untersten Segmente des Arbeitsmarkts durchschlägt, und die neuen Zumutungen der Selbstvermarktung müssen u.. vielmehr als der Versuch eines totalitären Zugriffs auf menschliche subjektivität beschrieben werden, als eine sich des Sozialen bemächtigende Machtstrategie gezielter und gesteuerter Vereinzelung, der Zurichtung sozialer lebendigkeit auf die Erfordernisse politischer machtentfaltung und kapitalistisch markrwirtschaftlicher Rationalität, die Herz und Verstand, aber auch den Körper des einzelnen umfassen. Angesichts eines solchen Gesellschaftssystems der totalen Subjekt- und Bevölkerungsbewirtschaftung erscheint Neoliberalismus geradezu verharmlosend.“
Und in einer Steilkurve geht es in eine Synopse westlicher Gouvernementalität im Jahre 2008 an sich.
„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“
Na, die Schülerproteste am heutigen Streiktag waren doch ganz ordentlich. Besonders spannend fand ich den Versuch, in Hannover den Landtag zu besetzen. Diese jungen Leute lassen nicht mehr alles mit sich machen. Vielleicht sieht die Zukunft so schlecht gar nicht aus.
Der Neoliberalismus ist historisch zuende
Das jedenfalls meint Habermas, mit dessen hier referierten Positionen ich keineswegs in Gänze übereinstimme (Es gibt eben doch eine Alternative zum Kapitalismus) , der hier aber zumindest kluge und interessante Gedanken formuliert. Tante Zeit hat doch noch etwas zu bieten.
http://www.zeit.de/2008/46/Habermas
Mythos, Kunst, Kiefer
Eigentlich darf man da nix rausreißen. Das ist ein durchkomponierter Text über die lauten, leeren Räume, in denen erst man sich aneignen kann, was war und was ist, eben weil sie leer sind, weilein Echo der Ereignisse eindringt und jeden durchdringt, der sie betritt – jene Rede Anselms Kiefers bei der Entgegennahme des Friedenspreises, in der er u.a. trauert, daß die ehemaligen Niemandsländer zwischen den Deutschländern nicht in Zen-Gärten verwandelt wurden. Kannte er den „Tresor“, der dort sich fand und Anarchie und Lärm ermöglichte?
Diese Forderung wurde dann, ganz, wie es sich gehört, allerorten zitiert, was schade ist, ist’s doch ein völliges Fehlgehen, da eine isolierte, quasipolitische Forderung herauszulösen: Tatsächlich wie ein Bild baut Kiefer seinen Stoff aus Schlaglichtern, der Reflexion auf Materialität und verschiedenen Schichten der eigenen Biographie und der Realgeschichte mit vielen Anspielungen und Ausführungen zu jüdischem Denken und jüdischen Geschichten – vom einsamen Radiohören in der Kindheit, als die Stimmen von Ernst Bloch und Nelly Sachs, letztere später, zu ihm drangen in einer Zeit ohne Internet und Fernsehen, bis hin zum Emporsteigen seiner Werke aus einer Unruhe, die ihn erfaßt und Wirklichkeit, also Bild werden will.
Gestern war die Rede ganz abbgedruckt in der FR, habe sie online leider nicht gefunden – denn so dolle auch gebaut ist, was Herr Kiefer da spricht, so richtig seine Angriffe auf die Annahme einer „Stunde 0″ ‘49 und ‘90 auch sein mögen, war ja allerorten zitiert – irgendwas machte mich unruhig bei der Lektüre, vielleicht auch gerade, weil der Text selbst künstlerisch, nicht rational-diskursiv zu lesen ist, obgleich er Diskursives suggeriert.
Am vehementesten regte sich Widerstand in mir bei den folgenden Passagen:
„Nach dem Krieg stand die Beschäftigung mit der Mythologie unter Verdacht: Evident war, wie gefährlich es ist, wenn Politik die Mythen verwendet, missbraucht, als Handlungsanleitungen und Rechtfertigungen interpretiert. Aber ist es nicht noch gefährlicher, die Mythen gleichsam ins kollektive Unbewußte zu versenken, statt an ihnen – für alle sichtbar – weiterzuarbeiten?
Die Wissenschaften können nicht die mythischen Bilder und ihre Kraft ersetzen. Der Fortschrittsglaube der Wissenschaften ist womöglich selbst ein Mythos; wissenschaftliche Ergebnisse sind zumeist vorläufig; jede Entdeckung öffent eine weitere Tür zu einem größeren Feld des Unbekannten.“
Anselm Kiefer, In einem leeren Raum, FR 20. Oktober 2008, S. 20-21
Puuh. Da ist ja nix wirklich falsch dran, außer, daß so vieles, was bei den alten Griechen, den Mythologen, als Wissenschaft auftrat, auch heute noch gültig ist, vor allem in der Mathematik, oder irre ich? – aber aus welcher Perspektive konstatiert man denn sowas? Aus der mythischen wohl kaum, die politische weist Kiefer explizit zurück, auf C.G. Jung spielt er an, jenen Psychoanalytiker, der mit seinen „Archetypen“ ungewollt ganz Hollywood renovierte, weil alle Drehbuch-Autoren sich an ihnen orientieren, an der „Heldenreise“, dem „Hüter der Schwelle“, dem „Gestaltwandler“ usw., „Star Wars“ ist so gebaut, weiß Kiefer das und meint er das?
Und macht es Sinn, Wissenschaft und Mythos dergestalt zu verschlingen und zugleich gegeneinander auszuspielen? Ja, „Dialektik der Aufklärung“, trotzdem?
Kleiner Versuch über den Kommunitarismus
Ich hatte ja schon verschiedentlich zu dem Thema etwas gepostet und möchte es an dieser Stelle einfach noch einmal zusammenfassen und zur Diskussion stellen. In den USA treten Kommunitaristen sowohl als Gegner der Neocons als auch der Liberals auf, eine wirkliche Alternative sehe ich in ihrem Weg aber nicht.
Zunächst war der Kommunitarismus, der heute mit dem Anspruch auftritt, DIE gegenbewegung zum Neoliberalismus zu sein, ein Problem der Diskursethik; wichtige Philosophen sind Charles Taylor, Michael Walzer, Bellah, der Brite Alexander MacIntyre. Etzioni ist ein kommunitaristischer Politiker, kein Philosoph. Der Kommunitarismus fußt auf der Philosophie von Rawls, dessen Theorie der Gerechtigkeit am Liberalismus Kritik übt, die wiederum aber auch die Kommunitarier kritisieren. Greift darüberhinaus auf viel ältere Elemente zurück, z.B. vorliberale Traditionen des amerikanischen Puritanismus. Entscheidend: hohes Maß an sozialer Verbindlichkeit und autonomer Organisation in den frühen Siedlergemeinden. Bei McIntyre findet sich außerdem ein Rückgriff auf die aristotelisch-thomistische Tugendethik, bei Taylor auf Hegels Rechtsphilosophie. Der Kommunitarismus betont sehr stark die Wichtigkeit des Gemeinnutzes und der Gerechtigkeit, geht aber wenig darauf ein, ob das Gerechte auch gut sei. Karl-Otto Apel weist in Gemeinschaft und Gerechtigkeit von Brumlik und Brunkhorst darauf hin, daß wir Deutschen aufgrund der NS-Erfahrung damit unsere Schwierigkeiten hätten. Programmatisch sei der Kommunitarismus von der pragmatisch-lingiustisch-hermeneutischen Philosophie in der Tradition Heideggers, Wittgensteins und Gadamers geprägt. Daraus ergibt sich eine apriorische Bezogenheit: jede Art von politischem Denken und Handeln ist bedingt durch ein bestimtes persönliches und soziokulturelles Umfeld und von diesem nicht abtrennbar. Gegenteil von Universalismus. Angesichts des zur absoluten Weltgeltung drängenden Neoliberalismus scheint eine Gegenbewegung dringend notwendig, es stellt sich nur die Frage, ob der Kommunitarismus nicht viel zu kurz greift. Immerhin: Der Neoliberalismus ist universalistisch und bringt die Ideologie der One World und der Globalisierung mit ihrem mörderischen Anpassungsdruck hervor. Der Kommunitarismus kritisiert schon den Universalismus eines Hobbes und Kant und führt infolgedessen zum Denken in kleinen Zusammenhängen, er kommt ohne den Gesamtbezug aus und läuft tendenziell eher auf Selbstgenügsamkeit hinaus. Der Kantsche Kategorische Imperativ wird bei Rawls kritisiert, weil er losgelöst von jedem kulturellen und sprachlichen Kontext ist. Der Kommunitarismus ist demgegenüber werterelativistisch: gut ist, was innerhalb einer bestimmten Gesellschaft im Rahmen von deren überlieferten Werten und anerkannten Traditionen gut ist.
Kant stellt die kulturelle Prägung der eigenen Wertvorstellungen nicht in Frage; der Kommunitarismus argumentiert in dieser Hinsicht gewissermaßen ethnologisch-interkulturell und leitet seine Positionen hierbei von Gadamer und Heidegger ab. Der Kommunitarismus formuliert kein gesamtgesellschaftliches Fernziel und ist philosophisch nicht imstande, ethische Normen über einen bestimmten kulturellen Horozont hinaus zu vermitteln. Orientiert an Aristoteles, Wittgenstein, Hegel und Gadamer, ist er eine Philosophie der Inhärenz, nicht der Transzendenz. Rorty begründet einen liberalen Kommunitarismus: Er vertritt liberale Werte und Normen, gibt aber zu, daß er diese einem Angehörigen eines völlig anderen Kulturkreises gegenüber nicht begründen könnte. Für Karl-Otto Apel (Habermas-Schüler) stellt sich damit die Frage, ob der Kommunitarismus aus der Ex-post-These eines konkreten Kulturzusammenhanges heraus in der Lage sei, das Selbstverständnis eines weltbürgers zu formulieren. Konkreter formuliert: Die Identität eines modernen Menschen, der auch den Traditionen nichtokzidentaler Kulturen gerecht wird. Apel ist der Auffassung, daß der Kommunitarismus dies nicht zu leisten imstande ist – und im Zweifelsfalle zieht er die Kant´sche Universalethik vor.
Walzer geht einen Schritt weiter als der „orthodoxe“ Kommunitarismus, indem er den gebundenen partikulären Gesellschaften universalistische Prinzipien, wie Menschen- und Bürgerrechte, vorschalten will. Gegensatz Liberalismus-Kommunitarismus(nach Albrecht Wellmer): Der Kommunitarismus geht davon aus, daß den modernen Gesellschaften allgemeinverbindliche moralische Vorstellungen vorgeschaltet werden müssen, welche die gleiche Bindungskraft besitzen sollten, welche früher die Religion hatte. Der Liberalismus geht davon aus, daß die Bürger-Freiheitsrechte an sich schon ausreichten, da der Mensch von Natur aus gut sei. Angesichts von Hungertoten in der Dritten Welt, angesichts der Tatsache, daß z.B. Asylsuchenden die Bürgerrechte gar nicht erst gewährt werden, erscheint weniger eine kommunitaristische Partikularethik erforderlich, als – im Marx´schen Sinne – die endliche Einlösung der Universalethik wirklich für alle vordringlich.
Vorbedingung für die Entstehung des Kommunitarismus: Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, bedingt u.a. durch Katastrophen wie Hiroshima, den Kalten Krieg, Umweltzerstörung usw., nahm die politische Philosophie in Nordamerika und teilweise auch Großbritannien Abstand vom Bezug auf das freie Individuum (liberale Philosophie) oder das Volksganze (demokratisches bis sozialistisches Denken) und bezog sich statt dessen auf partikulare Gruppeninteressen, die möglichst gerecht austariert werden müßten. Robert Dahls Who governs? und Seymour Lipsets Political Man lenkten Anfang der Sechziger den Pluralismusdiskurs auf die Elitentheorie. Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls löste 1971 die bis heute fortgeführte Debatte aus.Damals war es noch darum gegangen, einen sozialliberalen Wohlfahrtsstaat sowohl gegen die Kritik der 68er als auch gegen den Konservatismus zu verteidigen, daraus ergab sich später einerseits eine Frontstellung gegen den Neoliberalismus, andererseits ein philosophischer Dissenz, bei dem auf Kant, Hegel und Aristoteles zurückgegriffen wurde. Die Debatte kann also nur indirekt als postmodern begriffen werden, da sie tatsächlich auf historisch sehr alte Diskurslinien zurückgreift.
Später entwickelte sie sich zu einem Streit um Neoliberalismus auf der einen und ethisch verankerte politische Philosophie ohne universellen Bezugsrahmen auf der anderen Seite.
Alasdair Mac Intyre begreift den Verlust an historischem Denken von Locke bis Rawls als Wertezerfall. Während etwa für Rawls die Auflösung in unterschiedliche partikulare Wertsysteme einen Wertepluralismus darstellt, ist dies für MacIntyre ein Verlust. Desgleichen stellt der Liberalismus für ihn in erster Linie ein Wertedefizit dar.
Michael Walzer unterscheidet in Sphären der Gerechtigkeit zwischen unterschiedlichen Formen von Gerechtigkeit. So führt er das Beispiel des gegenseitigen Schenkens in Westpolynesien, u.a. auf den Trobriandinseln an, das keinerlei ökonomischer Rationalität folgt, aber Verbundenheit schafft. Verbundenheit steht im Mittelpunkt von Walzers gesamten Denken. Er postuliert unterschiedliche Sphären der Gerechtigkeit, die einander nicht durchdringen würden und in denen unterschiedliche Gesetze herrschen. So sei der Kapitalismus außerhalb unmittelbarer Warentauschbeziehungen ungerecht, das Problem sei, daß er andere Gerechtigkeitssphären von sich abhängig mache. Anzustreben sei, daß in jeder Sphäre – also auch in den verschiedenen Aktions- und Lebensbereichen des täglichen Lebens – eine andere Form von Gerechtigkeit herrsche und dort eingehalten würde. Walzer hält es für möglich, eine Gesellschaft zu errichten, die gerecht sei, schweigt sich aber darüber aus, ob diese auch gut sei. Totalitarismus sieht Walzer als die schlimmste Form der Tyrannei an, gerade weil dieser alle Sphären der Gesellschaft durchdringt und damit interpersonelle, kleinräumige und zwischen Kleingruppen vermittelbare Formen von Gerechtigkeit nicht mehr möglich mache.
Die positive Forderung ist bedingt durch das Modell der komplexen Gleichheit, welches besagt, daß zwar in unterschiedlichen Sphären unterschiedliche Wertsysteme herrschen, daß diese aber innerhalb des eigenen Kontextes gerecht sein müssen. Außerdem müßten alle Menschen in der Gesellschaft in bestimmten Sphären Regierende und in anderen Sphären Regierte sein. Als anzustrebendes Gesellschaftsmodell für die USA entwirft Walzer einen dezentralen demokratischen Sozialismus, in dem die Arbeiter die Kontrolle über Fabriken und Großbetriebe haben und Arbeit und Freizeit in der gesamten Gesellschaft gleichmäßig verteilt sind. In Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie beschreibt Walzer die Einwanderergesellschaft der USA, lobt die Integrationsleistung der US-Gesellschaft bezüglich der Einwanderer, während er den Rassismus gegenüber Indigenen und Schwarzafrikanern kritisiert (wie auch die Rolle des Kapitalismus). Auf die Situation der Einwanderer bezogen, stellt er die US-Gesellschaft für zu schaffende Vereinigte Staaten von Europa als vorbildlich hin; insbesondere bezogen auf die „neuen Stammesgesellschaften“ Osteuropas, die es in Zukunft noch zu integrieren gälte.
In Zweifel und Einmischung beschreibt Walzer die Biographien von insgesamt 11 kritischen Intellektuellen –u.a.Martin Buber, Antonio Gramsci, Simone de Beauvoir und Breyten-Breytenbach und reflektiert dieser unter dem Aspekt der Verbundenheit bzw. Unverbundenheit. Er konstatiert, daß Kritik nur dann von Erfolg gekrönt sei und Sinn mache, wenn die KritikerInnen einerseits der Sache, für die sie einstehen und der Gruppe, der sie angehören, persönlich verbunden seien, andererseits aber kritische Distanz aufwiesen –Reflex auf Selbstbezogenheit, Bauchnabel (Walzer sieht sich in Breytenbach wieder etc.). Am Schluß Interkulturalismus einfließen lassen!
Den Beginn des Kommunitarismus markieren drei Monographien aus den frühen achtziger Jahren: Alasdair MacIntyres After Virtue,(1981), Michael Sandels Liberalism and the Limits of Justice (1982) und Michael Taylors (nicht zu verwechseln mit Charles Taylor) Community, Anarchy, and Liberty (1982). Zentrale Thesen:
1) Der Kommunitarismus als Moralphilosophie richtet sich als erstes gegen Aufklärung und universalistische Ethik. Insbesondere Hume und Kant werden kritisiert; McIntyre geht so weit, daß er jede absolute, naturrechtlich gesetzte Ethik ablehnt und nur im genuinen kulturellen Kontext von Ethik zu sprechen bereit ist – Fluchtpunkt Gewohnheitsrecht.
2) Gleichzeitig tritt der Kommunitarismus für eine Tugendethik ein. McIntyre plädiert für einen verläßlichen Charakter mit festen moralischen Prinzipien anstelle der unpersönlichen allgemeinen Ethik.
3) Der Kommunitarismus tritt für die gewachsenen Lebensformen der Community ein und weist damit die Altes zerstörenden Tendenzen des Liberalismus zurück. Die Umwälzung der Welt im Sinne eines nivellierenden Fortschrittsbegriffs wird abgelehnt.
4) Der Kommunitarismus ist antietatistisch. Insbesondere Michael Taylor und Michael Walzer sind einerseits gegen den liberalen Nachtwächterstaat, andererseits gegen den starken Staat der Konservativen oder Traditionssozialisten eingestellt.
5) Während der Kommunitarismus alle Klassiker der Aufklärung ablehnt, bezieht er sich überwiegend positiv auf Aristoteles, weil dessen Polis-Begriff eine gewachsene, partikulare Gemeinschaft beinhaltet.
Dazu lassen sich nach Otfried Höffe folgende Gegenpositionen formulieren:
1) Wenn etwa Walzer eine universalistische Ethik ablehnt, aber trotzdem seiner sphärenspezifischen Gerechtigkeit allgemeingültige Prinzipien vorschalten will, befindet er sich in einem logischen Paradoxon. Die Vorstellung einer allgemeinen Ethik bei Kant negiert auch nicht, daß es verschiedene Staaten mit unterschiedlichen Rechtssystemen gibt. Von einem universalistischen Grundbegriff der Gerechtigkeit auszugehen und jeweils gruppenbezogenen Differenzierungen benötigt nicht die Aufgabe eines universellen Grundprinzips, wenn Gerechtigkeit etwa an grundsätzlicher Gleichheit vor dem Gesetz, Unparteilichkeit des Richters/Gesetzgebers usw. angenommen wird. Die Kommunitaristen verwischen die Grenzen zwischen dieser auch bei Kant unstrittigen Unterscheidung.
2) Aristoteles verwirft die gottgegebene Ethik ebenso, wie er die Verschiedenheit der Gerechtigkeitsvorstellungen betont, aber sich nicht nur auf das Herkommen (nomoi) beruft, sondern auch übergeordnete Werte (physei) anerkennt. Glück und Vernunft stellen für ihn übergeordnete Werte dar; die Bindung an die polis ist ein zeitbedingter Faktor, den seine Philosophie in ihren Konsequenzen transzendiert. Das Gute einer Gemeinschaft bedeutet bei ihm Gemeinwohl schlechthin.
3) Das Subjekt in der liberalistischen Philosophie ist nicht seine Bedürfnisse, sondern hat sie. Damit ist es falsch, wenn die Kommunitarier, wie Sandel, den Libertariern Solipsismus unterstellen.
4) Die Betonung der Communities ist unsystematisch. Wenn Familien und Gemeinden, Kirchen und Nachbarschaften, ja Staaten als Communities begriffen werden, warum nicht die gesamte Menschheit? Wenn Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik sagt, Freundschaft ginge vor Gerechtigkeit, läßt drei Deutungen zu: Ist ein Freund in seinen Interessen verletzt, gebietet die Freundschaft, über die gerechtigkeit hinaus, ihm zu helfen; Freundschaft gebietet, dem Freund mehr zu helfen, als bloße Gerechtigkeit es verlangen würde; schließlich, unter wahren Freunden braucht man keine Gerechtigkeitsgrundsätze mehr.Aristoteles verlangt nirgendwo, Prinzipien wie nicht zu stehlen, nicht zu töten etc. außer Kraft zu setzen, wenn es um die Freundschaft geht oder dem Freund gegenüber ein Auge zuzudrücken. Vielmehr bedeutet sein Freundschaftsbegriff ein hohes Ideal: wahre Freundschaft besteht nicht m gegenseitiger Vorteile willen, sondern um ihrer selbst; in diesem Sinne könnten nur gute Menschen wahre Freunde sein. Dieses Freundschaftsprinzip hat also nichts mit der Betonung überkommener Bindungen zu tun, wie es die Kommunitarier (z.B. Michael Taylor) sehen.
Fazit: Der Kommunitarismus hat mit dem Anspruch begonnen, eine Alternative nicht nur zum ökonomischen, sondern auch zum gerechtigkeitsverpflichteten, dem moralisch-philosophischen Liberalismus darzustellen. Statt Aufklärung und universalistischer Moral Traditionen und partikulare Ethiken; statt unpersönlicher Prinzipien und Pflichten personale Tugenden; statt der universellen Freiheit zur Wahl verschiedener Lebensentwürfe ein gemeinsamer Lebensentwurf; statt der staatsförmigen Gesellschaftsform kleine, homogene und möglichst herrschaftsfreie Gesellschaften; statt Kant Aristoteles.
Zu Ende gedacht, ist der Kommunitarismus wie schon gesagt ein wertkonservativer Anarchismus. Der Aristoteles-Bezug ist philosophisch unkorrekt; letzlich läuft der Kommunitarismus auf eine individualistische, interkulturelle Fortentwicklung des Liberalismus hinaus, der große Bruch wird nicht konsequent durchgehalten und ist auch ein Irrweg.
„Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum.“
Gut, ganz nüchtern waren wir ja alle nicht mehr. Gestern, ‘ne Party nach Projektabschluss, und ehemalige Praktikanten und Volontaire schauten auch vorbei. Solche, die jetzt in Bachelor-Studiengängen leiden. Ganz schön spooky, deren Beschreibungen dessen, was an Universitäten so vor sich geht unter der Überschrift „Mehr Effizienz!“.
„Das ist reiner Faschismus“ – wenn eine bildhübsche Blondine mit Model-Qualitäten im schicken, schwarzen Kleid, die mit irgendwelchen linken Zirkeln nie irgendwas zu tuen hatte, derartiges entsetzt ausstößt, dann erschüttert das schon.
Weil’s keine Floskel war: Wenn irgendwelche Polit-Appartischiks die Sache in die Hand nehmen, noch glaubend, sie dienten damit dem Wirtschaftsleben, dann kommt offenkundig in Deutschland immer ein System von Befehl und Gehorsam hinten raus.
Wie in richtigen Konzernen auch regiert die Angst: Das meinte sie mit der Aussage. Alle würden nur noch von Furcht druchdrungen durch die Gänge schwirren, „Widerworte“ runterschlucken und schwer gestresst dafür bereit gemacht, im „Arbeitsmarkt“ dann bestens zu spuren. Wo ihnen dann trotzdem yuppieeske Youngster mitteilen werden, sie seien für diesen Job doch charakterlich gar nicht geeignet.
Wirtschafts- und Naturwissenschaften würden weiter ausgebaut, bekämen hübsche nue Wandanstriche, während die Geistes- und Sozialwissenschaftler durch weiter graue Flure schlurfen, wohlwissend, daß sie unerwünscht sind – ihr Studium mutierte so zur Drangsalierei, weil, wer selber denkt, ja nur als Masochist durch’s Leben kommt. Na, ja, auch hier im Blog gibt’s ja Kommentatoren, die durch Ausfälle gegen Frau Butler und Herrn Wittgenstein derartige Technokratie verbal noch kräftig unterstützen.
Noch schlimmer die Berichte des ehemaligen Praktikanten, der nun in Berlin in einer Künstler-WG wohnt. Dem habe ich zum Philosophie-Studium geraten; unter den verschulten Bedingungen der Bachelor-Ära scheint das keine gute Idee gewesen zu sein. Die Möglichkeiten, sich ein solches Fach, in dem es um Selberdenken geht, wirklich anzueignen, werden wohl auch dort systematisch unterbunden mittels Lehrplan.
Doch während die Hamburger-Ex-Kollegin noch mit klassisch widerständigen Reflexen glänzte, fing der Berliner -liegt wohl auch an der städtebaulichen Umgebung dort – auf einmal an, von Nietzsche und Wagner zu schwärmen. Nix gegen Nietzsche , mit 22 gehört der einfach dazu, und manche Wagner-Oper liebe ich auch, als Denker war der aber nun mal Prä-Faschist.
Und dann noch diese Namensreihungen von Ernst Jünger bis Botho Strauss, die da mit Weihrauch versehen aus dem Munde drangen, da wurde mir eiskalt. Weil das eben auch ein typisch deutscher Reflex auf Technokratie ist, dieses Suche nach auratischer Tiefe und Gegenmoderne, und daß die Künstler-Wg-Kumpels diese Namen raunen, um sich zu finden, genau die Scheiße kommt dann eben dabei raus, wenn Sozialwissenschaften durch Wiwi und die falsche Literatur ersetzt sich finden und allseits Marktgängigkeit gefordert wird.
Und das schlimmste ist: Als Exportschlager kommen diese Fichten- und Eichenwälder des Denkens in Braun und Dunkelgrün eben bestens an, weil sie ihrer Landserhaftigkeit und ihrem Größenwahn das Äquvalent zu Lederhose und Neuschwanstein in Disneyworld bedeuten.
Dann fiel es mir wieder ein, dieses krass-krude Interveiw mit dem offenkundig tief in einer Identitätskrise steckenden Daniel Richter neulich in der Sueddeutschen. Da er eben kein Quartalsirrer ist wie der großartige Meese, habe ich mich richtig erschrocken, als ich es las, weil dieses Versatzstück-Sammelsurium eines hochintelligenten Künstlers auf der Suche nach dem Irgendwas vielleicht lieber nicht hätte veröffentlicht werden sollen.
Aber der eine Satz, der aus der Überschrift zu diesem Eintrag, der ist mir dennoch hängen gelieben, weil er zusammenfaßt, was beide Ex-Praktikanten so berichten: Neo Rauch ist tatsächlich jener Maler, der es völlig unkritisch in’s Bild setzt mit nur scheinbarem Humor als Effektsauce über dem, was beeindrucken soll. Ist einer, der sich auf Jünger und Strauss beruft und doch als Kunstmarktstar belegt, daß ja egal ist, was sich verkauft, Hautptsache, es verkauft sich.
Diese Mischung aus Comic- und Werbe-Ästhetik, wilhelminisch-realsozialistischen Versatzstücken, surrealer Verrätselung zum Selbstzweck und langen Zeichenkursen, in die all das eindringt, was an Deutschland immer schon widerlich war und was als Chrakteristikum des Universitätenumbaus auch zu lesen ist - das ist die Kulturkritik, die sich nach Tiefe sehnt und dann eben nicht bei Adorno, sondern bei Heideggers „Gestell“ landet, nee, bitte, laßt es so nicht enden!
Hier aber noch mal das ganze Richter-Zitat: