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	<title>shifting reality</title>
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	<description>Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!</description>
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		<title>shifting reality</title>
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		<title>Der große Ökostrom-Studien-Schwindel</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Jan 2012 16:11:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[„Klewes gehört zu den wenigen Menschen, denen man schon im Alter von Mitte 40 den Titel der grauen Eminenz anhängte. Das liegt zweifellos an seinen Verdiensten für die PR-Branche.“ Handelsblatt, 19. Oktober 2006 Aus aktuellem Anlaß gibt es heute einen Beitrag, der nur indirekt mit dem eigentlich zu verhandelnden Thema, dem Verhältnis von antiautoritären Bewegungen [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2045&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<em>Klewes gehört zu den wenigen Menschen, denen man schon im Alter von Mitte 40 den Titel der grauen Eminenz anhängte. Das liegt zweifellos an seinen Verdiensten für die PR-Branche.“</em></p>
<p style="text-align:right;"><i>Handelsblatt</i>, 19. Oktober 2006</p>
<p style="text-align:left;">Aus aktuellem Anlaß gibt es heute einen Beitrag, der nur indirekt mit dem eigentlich zu verhandelnden Thema, dem Verhältnis von antiautoritären Bewegungen und den Medien zu tun hat – damit geht es nächste Woche weiter. Dafür geht es heute um eine „wissenschaftliche“ Studie, an der ich gebeten worden bin, teilzunehmen.</p>
<p style="text-align:left;">Dazu muß ich vielleicht einiges vorausschicken. Wenn man, wie ich, in der selbsternannten „Green City“ Freiburg lebt, dann hat man ein Problem. Zumindest als Alter Bolschewik. Denn dann verachtet man einerseits das spießige grün-alternative Manufactum-Bürgertum aus tiefster Seele. Zum anderen muß man allerdings, wenn man ehrlich ist, zugeben, daß man mit diesem mehr gemein hat, als einem lieb ist. Natürlich habe ich die Erde nicht von meinen Kindern geborgt. Um genau zu sein: Ich würde mich hüten, überhaupt irgendwelche unerzogenen Blagen in die Welt zu setzen und dann „Luca“ zu nennen. Ich kontrolliere auch nicht, ob meine Nachbarn den Müll korrekt trennen (und wenn, dann höchst selten). Aber ich habe statt eines Autos einen Fahrradanhänger. Ich bemühe mich, meine Lebensmittel direkt beim Erzeuger zu kaufen. Und ich beziehe meinen Strom von einem Ökostromanbieter, so einem richtigen, nicht einem, der verschiedene „Tarife“ anbietet und dann rein bilanztechnisch den Atomstrom auf die nicht Ökostrombezieher verschiebt. Nein, die Anbieter meines Ökostroms sind honorige Leute, absolut integer, die seit Jahrzehnten gegen die Atomlobby aktiv sind. Und um das zu unterstützen, bin ich durchaus bereit, für meinen Strom ein paar Kröten mehr springen zu lassen (so viel mehr ist das übrigens gar nicht).</p>
<p style="text-align:left;">Ich bilde mir also zusammen mit vielen meiner Freiburger Mitbürger ein, ich sei ein „kritischer“ Konsument. Zwar glaube ich nicht, daß ich die Welt dadurch retten werde, weil ich statt zu dem einen Konsumgut zu einem anderen greife, aber es schadet auch sicherlich nicht. Und so bin ich beim selben Ökostromanbieter wie viele meiner umweltbewußten, grün wählenden Mitbürger. Das hat natürlich auch mit der Freiburger Geschichte zu tun, mit der Verhinderung des Atomkraftwerks in Wyhl (das, für die norddeutschen Leserinnen, „Wiehl“ ausgesprochen wird, nicht „Wühl“). Hier findet sich also noch ein Residuum der Bewegungsgeschichte. Geblieben ist davon allerdings nicht viel mehr als eine bestimmte Form des Konsums, die der Illusion aufsitzt, sie sei mehr als bloßer Konsum.</p>
<p style="text-align:left;">Allerdings ist diese Art des Konsums für manche Menschen ein Problem. Nämlich für die Werbewirtschaft. Denn wir uns „kritisch“ dünkende Konsumenten sind für sie sehr schwer erreichbar. Das hängt auch mit der Bewegungsgeschichte, und ja, mit deren Verhältnis zu den Medien zusammen. Das reicht zurück bis in die 60er und 70er Jahre. Die <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2012/01/20/enteignet-springer/" target="_blank">letzte Woche</a> beschriebene Konfrontation mit der Springer-Presse, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre begann, hat ein grundsätzlich kritisches Bewußtsein gegenüber den Medien hinterlassen, das diesen ein manipulatives Interesse unterstellt. Noch schlimmer ist es um die „Botschaften“ der Werbeindustrie bestellt: Diese sind für uns „kritische Konsumenten“ nichts als Lüge und Manipulation: Zwischen der <i>Bild</i>-Zeitungs-Redaktion und einer Agentur für „Kommunikationsberatung“ ist, in unserer Sicht der Welt, kein wesentlicher Unterschied festzustellen. Das heißt, eigentlich sind wir für diese Menschen nicht erreichbar.</p>
<p style="text-align:left;">Nun könnten wir friedlich in unseren Welten nebeneinander herleben, wenn, ja, wenn die Werbeindustrie nicht ein ausgeprägtes Interesse an uns hätte. Einmal ganz davon abgesehen, daß wir über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen, wir sind sogar bereit dazu, für bestimmte Produkte mehr zu zahlen, zum Beispiel für Ökostrom, ohne daß wir das geringste davon haben. Meinem Laptop, mit dem ich das hier schreibe, ist es völlig egal, ob er mit Ökostrom oder Atomstrom betrieben wird. Wenn ich mein Gemüse auf dem Markt statt beim Diskounter kaufe, dann erhalte ich für mein Geld wenigstens auch bessere Qualität. Doch wenn ich Ökostrom kaufe, dann bringt mir das, zumindest auf das Produkt selbst bezogen, überhaupt nichts, es kostet nur mehr. Könnte man also, und hier fängt der „Kommunikationsmanager“ an zu träumen, herauskriegen, warum es Menschen gibt, die sich ökonomisch offensichtlich komplett irrsinnig verhalten; und ließen sich diese Mechanismen im Detail studieren und auf andere Produkte anwenden, dann, ja dann hätte man den Heiligen Gral der Werbung gefunden.</p>
<p style="text-align:left;">Doch wie gesagt, wir „kritischen“ Konsumenten sind ein widerborstiges Völkchen, was unser Verhältnis zur Werbung angeht. Klingelte also jemand von einer Werbeagentur, nennen wir sie mal <a href="http://www.ketchum.de/de" target="_blank">Ketchum Pleon</a>, bei uns und fragte höflich, ob wir an einer kleinen Umfrage über unser Konsumverhalten teilnehmen würden, dann müßte dieser jemand sehr schnell seine Nase zurückziehen, weil sie sonst schmerzhaft Kontakt mit unserer Tür aufnehmen würde. Es ist also nicht so ganz einfach, uns die Information aus der Nase zu ziehen, warum wir unser Geld so und nicht anders ausgeben.</p>
<p style="text-align:left;">Es muß also irgendwie anders gehen. Man kann sich lebhaft die Brainstorming-Sitzungen in unserer Werbeagentur vorstellen, wie dieses Problem zu lösen sei. Bis auf einmal der Seniorpartner der Agentur, nennen wir ihn einmal <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Klewes" target="_blank">Joachim Klewes</a>, eine glorreiche Idee hat: Ich gründe eine „unabhängige“ Stiftung, die dann derartige Untersuchungen durchführt. Wenn man nicht als Werbeagentur, sondern als gemeinnützige Stiftung vor der Tür steht, dann sind die Erfolgschancen sicherlich deutlich höher. Gesagt, getan, die Stiftung wird gegründet und nennt sich <a href="http://change-centre.org/" target="_blank">Change Centre Foundation</a>. Allerdings ist die Verbandelung dieser „unabhängigen“ Stiftung mit der Werbe- und Kommunkationsindustrie so offensichtlich, daß man wahrscheinlich auch nicht besonders erfolgreich sein wird: Man holt sich vielleicht keine blutige Nase, wird aber trotzdem freundlich abgewimmelt.</p>
<p style="text-align:left;">Es muß also zusätzlich Vertrauen geschaffen werden. Und wem vertraut der Deutsche? Die <a href="http://www.ifd-allensbach.de/news/prd_1102.html">jüngste Allensbachstudie</a> zum Berufsprestige behauptet, daß nach Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern, Handwerkern und Ingenieuren ausgerechnet Professoren das höchste Ansehen genießen (Kommunikationsberater tauchen in der Allensbach-Studie gar nicht auf, wahrscheinlich ist ihr Prestige eher im Bereich des Tierreiches, irgendwo im Umfeld von Kakerlaken, anzusiedeln). Nun trifft es sich, daß unser Stiftungsgründer auch Lehrveranstaltungen an der Universität Düsseldorf anbietet und sich deshalb <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Honorarprofessor" target="_blank">„Honorarprofessor“</a> nennen darf. Wenn er jetzt noch <a href="http://change-centre.org/foundation/stiftungsprojekte/aufruf-zur-wechsler-studie/" target="_blank">eine der Studentinnen aus seinem Seminar</a> vorschickt, die erklärt, sie arbeite im Auftrag der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und in Zusammenarbeit mit der unabhängigen, gemeinnützigen Change Centre Foundation, tja, dann weiß ich nicht, dann lasse ich sie vielleicht doch über meine Schwelle.</p>
<p style="text-align:left;">Um das Ganze aber wasserdicht zu machen, braucht es noch jemanden, der – in der Sprache der „Kommunikationsberater“ – als <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Testimonial" target="_blank">„Testimonial“</a> auftritt, also jemand, dem ich grundsätzlich erst einmal vertraue. Und so schreibt mich der Geschäftsführer meines Ökostrom-Anbieters mit folgenden wohlklingenden Worten an:</p>
<blockquote><p>„Lieber Alter Bolschewik,<br /> heute möchte ich Sie auf ein Forschungsprojekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufmerksam machen. Unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Klewes beschäftigt sich ein Team junger Wissenschaftler mit der Frage, unter welchen Bedingungen individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung möglich sind.“</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Und damit hatten sie mich am Haken – schließlich interessiert mich individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung ungemein (in diesem Blog geht es ja im Prinzip um nichts anderes).</p>
<p style="text-align:left;">Es behaupte also keiner, er sei nicht manipulierbar – es ist nur eine Frage der Mittel. Und Vertrauen ist der Hebel schlechthin. Ich vertraue meinem Ökostrom-Anbieter (und ich bin nach wie vor überzeugt, daß von dieser Seite aus nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt wurde und sie einfach über den Tisch gezogen wurden) und habe den „Professor“ Klewes und seine „Change Centre Foundation“ nicht so genau unter die Lupe genommen, wie ich das sonst getan hätte.</p>
<p style="text-align:left;">Und dieses Problem ist nicht zu umgehen. Ich muß tagtäglich Menschen vertrauen, es geht gar nicht anders, ich kann nicht immer alles selbst nachprüfen. Ziel der „Kommunkationsberater“ ist es, genau dieses notwendige Vertrauen zu manipulieren. Und am besten gelingt dies natürlich, wenn die Verbreiter bestimmter Botschaften sich gar nicht dessen bewußt sind, daß sie mißbraucht werden. Der neuste Werbe-Hype <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Virales_Marketing" target="_blank">„virales Marketing“</a> beruht gerade darauf. Wenn mir eine Werbeagentur eine eMail zuschickt, in der sie mich auf ein angeblich interessantes oder lustiges Video auf youtube hinweist, dann landet das sofort im virtuellen Papierkorb. Wenn die Werbeagentur aber einen meiner Freunde dazu bringt, mir eine eMail mit dem selben Inhalt zu senden, dann werde ich mir das Video wohl ansehen. Die Agentur Ketchum Pleon ist sehr stolz darauf, <a href="http://www.ketchum.de/de/ketchumpleon/pm_bayer_lefax" target="_blank">daß sie diese Technik beherrscht</a>.</p>
<p style="text-align:left;">Und so ließ ich mich also vermittels des Vertrauens, das ich in meinen Ökostrom-Anbieter setze, dazu manipulieren, Klewes Fragebogen auszufüllen. Allerdings stellte ich recht schnell fest, daß es im Fragebogen überhaupt nicht um „individuellen Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung“ ging, sondern allein um die Frage, warum ich bereit bin, ein teureres Produkt, nämlich Ökostrom zu kaufen, obwohl ich persönlich davon überhaupt keinen Nutzen habe.</p>
<p style="text-align:left;">Doch selbst als mir das bewußt wurde, stellte mir meine Arroganz noch einmal ein Bein – was wiederum zeigt, wie erfolgreich zumindest ich manipulierbar bin. Spätestens jetzt hätte ich zunächst einmal recherchieren müssen, ob die „Verengung“ der angeblichen Fragestellung auf bloßen Konsum kein Zufall ist. Und sonderlich schwierig wäre das nicht gewesen: Es reicht, „Joachim Klewes“ bei Wikipedia einzugeben. Stattdessen ließ ich mich auch noch dazu hinreißen, nach Abschluß des Fragebogens die Erforscher „individuellen Verhaltenswandels und gesellschaftlicher Veränderung“ darauf hinzuweisen, daß sich dieser nicht auf Konsumentscheidungen reduzieren lasse, im Gegenteil.</p>
<p style="text-align:left;">Kaum hatte ich meinen Kommentar abgeschickt, schwante mir natürlich auf einmal, daß der von mir kritisierte „Fehler“ der Studie in Wirklichkeit gar keiner war, sondern exakt deren Intention beschrieb. Es treibt mir nachträglich die Schamröte ins Gesicht, wie Klewes über meine Naivität gegackert haben muß. Es ist wohl diese narzisstische Kränkung, die mich heute dazu bewogen hat, über diesen „Großen Ökostrom-Studien-Schwindel“ zu schreiben. Und wer weiß, vielleicht findet ja auch dieser Artikel eine virale Verbreitung, die den Manipulationen eines Klewes etwas entgegensetzt.</p>
<p style="text-align:left;">Nächste Woche geht es aber weiter im Thema antiautoritäre Bewegungen und Medien, wenn das Darmstädter Echo 1967 meint:</p>
<blockquote><p>„Ein Meinungskonzern überwacht die politische Wohlanständigkeit in Berlin; nur wenige riskieren es, ihn gegen sich zu haben. Die kritischen FU-Studenten gehören zu dieser Minorität.“</p></blockquote>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/shiftingreality.wordpress.com/2045/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/shiftingreality.wordpress.com/2045/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2045&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Enteignet Springer!</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 16:26:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[2 juni 1967]]></category>
		<category><![CDATA[bild zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[„SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“ Bild-Zeitung vom 12. April 1967 Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2038&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<i>SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“</i></p>
<p style="text-align:right;">Bild-Zeitung vom 12. April 1967</p>
<p style="text-align:left;">Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die Gründe, warum Teile der antiautoritären Bewegungen in eine sinnlose Gewaltspirale abglitten, die dann in den 70er Jahren dazu führte, daß sich tatsächlich klandestine bewaffnete Gruppen bildeten. Unter anderem hatte ich als einen Grund für die Eskalation folgendes angegeben:</p>
<blockquote><p><a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/09/23/von-der-schwerkraft-der-begriffe/" target="_blank">„Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte.“</a></p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Der Grundgedanke war, daß die mediale Aggression auf Seiten der Betroffenen selbst Aggressionen erzeugten, bis sie irgendwann glaubten, zurückschlagen zu müssen. Machten sich linke Studenten in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch über die Springerpresse lustig, begriffen sie zusehends, daß es sich um eine Macht handelte, und zwar eine parteiische Macht. Nach der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schah-Besuch_1967" target="_blank">Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967</a> wurde das ganz offensichtlich. Und zwar teilten diese Meinung nicht nur linke Studenten. So erklärte beispielsweise auch der RCDS in Mainz:</p>
<blockquote><p>„Die Wurzel für die Dauerunruhen scheint uns vor allem in der verantwortungslosen Hetze der Berliner Presse gegen die Studentenschaft zu liegen. Seit Monaten versuchen die Berliner Zeitungen, in einer regelrechten Kampagne die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufzubringen.“ (zit. nach [1], S.&nbsp;69)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">In der Tat hatte die Springer-Presse mit beispielloser Aggressivität agiert und damit ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in der Gewalt gegen demonstrierende Studenten völlig legitim erschien. Die <em>Bild</em>-Zeitung rief beispielsweise bereits am 14. Dezember 1966 auf zum Austeilen von „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um möglicherweise noch vorhandenen Grips locker zu machen“ (zit. nach [3], S.&nbsp;541). Am 11. Januar 1967 forderte dann die ebenfalls zum Springer-Konzern gehörende <em>Berliner Morgenpost</em>, man müsse „Störenfriede ausmerzen“ (zit. nach [1], S.&nbsp;69).</p>
<p style="text-align:left;">Am Tag nach dem Tod von Benno Ohnesorg forderten dann auch Studenten in Westberlin das Abgeordnetenhaus auf, „aufgrund der Bestimmungen der Verfassung von Westberlin und des Grundgesetzes der BRD die Enteignung des Springerkonzerns vorzubereiten.“ (zit. nach [1], S.&nbsp;78) – natürlich ohne Erfolg. Doch damit nahm die sogenannte Springer-Kampagne ihren Anfang. Im Wintersemester 1967/68 bildete sich im Rahmen der Kritischen Universität an der FU Berlin ein Springer-Arbeitskreis, der zusammen mit anderen Gruppen wie dem Republikanischen Club ein Hearing im Frühjahr 1968 vorbereitete. Am 2. Februar wurde eine vorbereitende Veranstaltung durchgeführt, in der Arbeitsgruppenergebnisse vorgetragen wurden.</p>
<blockquote><p>„Anschließend an diese Referate wurde ein 5-Minuten-Film von Holger Meins über die Herstellung und Verwendung von Molotowcocktails gezeigt. In derselben Nacht wurden die Fensterscheiben von 7 Morgenpost-Filialen mit Steinen zertrümmert.“ ([2], S.&nbsp;122)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Die Eskalation der Gewalt hatte begonnen. Das eigentliche Springer-Hearing sollte nicht mehr stattfinden, denn die Ereignisse überschlugen sich, als am 11. April 1968 das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi_Dutschke#Attentat" target="_blank">Attentat auf Rudi</a> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi_Dutschke#Attentat" target="_blank">Dutschke</a> verübt wurde. Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden. In einem Flugblatt schrieb der Berliner SDS:</p>
<blockquote><p>„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“ (zit. nach [1], S.97)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Bereits am Abend des Attentats versammelten sich 5000 Demonstranten vor dem Springer-Haus und bewarfen es mit Steinen. Ein Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern konnte nicht verhindern, daß fünf Auslieferungswagen abgefackelt und zehn weitere umgekippt und demoliert wurden. Das Berliner Beispiel machte Schule:</p>
<blockquote><p>„In allen Städten der Bundesrepublik, in denen die »Bild«-Zeitung gedruckt oder ausgeliefert wird, kam es nach dem Dutschke-Attentat zu Blockadeversuchen. In Hamburg, Frankfurt, Essen, Köln und München gelang die Blockade in der Nacht zum Samstag; in Hannover verzögerten sich die Auslieferungen um einige Stunden, in Esslingen bei Stuttgart bis zum frühen Morgen.“ ([1], S.&nbsp;100)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Die Aktionen zogen sich über das Oster-Wochenende hin und erreichten ihren Höhepunkt am Ostermontag. Zwei Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben: Der Photograph Klaus Frings wurde von einem Stein tödlich getroffen, der Student Rüdiger Schreck starb wahrscheinlich aufgrund von Polizeiprügeln. 400 weitere Personen wurden verletzt.</p>
<p style="text-align:left;">Es ist also durchaus plausibel, die massenmediale Vermittlung des Protestes für die Gewalteskalation verantwortlich zu machen. Zumindest die Springerpresse als geschworene Gegnerin der Protestbewegungen trug ein hohes Maß an Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes.</p>
<p style="text-align:left;">Doch so unbestreitbar richtig, wie diese Einsicht ist, so vereinfachend ist sie auch. Zum einen bestand die bundesrepublikanische Medienlandschaft in den 60er Jahren nicht nur aus den Blättern der Springerpresse. Es gab andere, durchaus meinungsbildende Publikationen, in deren Blättern die neu entstehende gesellschaftliche Unruhe im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft begrüßt wurde. Darauf werde ich nächste Woche genauer eingehen. Aber auch das Verhältnis zur Springerpresse selbst war ambivalenter als das oben skizzierte Freund-Feind-Schema suggeriert.</p>
<p style="text-align:left;">Tatsächlich erkannten Teile der Bewegungen, daß die Polarisierung, die der Boulevardjournalismus betrieb, keineswegs sein intendierte Ziel erreichte. Dieses Ziel, wenn es denn überhaupt jenseits der Auflagensteigerung ein politische Ziel gab, bestand darin, die Bewegungen zu isolieren und zum Abschuß freizugeben. Und wo die Springersche Meinungsmacherei auf bereits bestehende autoritäre Fixierungen traf, wirkte sie auf diese sicherlich verstärkend. Andererseits aber waren ihre Mittel derart grotesk und überzeichnet, daß sie durchaus in die Gegenrichtung mobilisierend wirken konnten. Wo die Schmähungen so übersteigert waren, konnten sie leicht dazu führen, die Geschmähten zu medialen Helden zu stilisieren.</p>
<p style="text-align:left;">Paradebeispiel derartiger, durch die Boulevardpresse überhaupt erst hervorgebrachter Helden waren die Bewohner der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kommune_I" target="_blank">Kommune I</a>. Deren Entstehung läßt sich – über die Subversive Aktion und die Gruppe <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/SPUR" target="_blank">Spur</a> – bis zur <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/04/22/der-kunstler-als-experimentator/" target="_blank">Situationistischen Internationale</a> zurückverfolgen. Ob nun diese Verbindung zu den Theoretikern der „Gesellschaft des Spektakels“ ausschlaggebend war oder ob es sich um puren Instinkt handelte: Die Kommune I betrachtete die Springer-Presse völlig zurecht nicht nur als Gegner, sondern auch als ein Medium, um den Spaß an der antiautoritären Revolte unter das Volk zu bringen.</p>
<blockquote><p>„Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevardpresse und Fernsehen (die bis heute noch nicht wissenschaftlich untersucht worden ist) hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikatoren-Funktion. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und später auch Georg von Rauch lasen nur noch Bild und BZ. Waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.“ ([2], S.103)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Tatsächlich dürften sie damit eine ganze Menge Jugendliche, vor allem auch Lehrlinge, erreicht und mobilisiert haben. Was der Elterngeneration zum Schrecken dienen sollte, diente der jungen Generation zur Anfeuerung. Jerry Rubin hat das in <em>Do it!</em> knapp und einleuchtend erklärt:</p>
<blockquote><p>„Allein die Idee einer »Story« ist revolutionär, weil eine »Story« die Unterbrechung des normalen Lebens impliziert. Jeder Reporter ist ein Dramatiker, der Theater aus dem Leben schafft.<br /> Verbrechen auf den Straßen ist eine Nachricht; Recht und Ordnung sind es nicht. Eine Revolution ist eine Nachricht; der status quo ist es nicht.<br /> Die Medien <em>berichten</em> nicht über eine »Nachricht«, sie <em>schaffen</em> sie. Ein Ereignis <em>geschieht,</em> wenn es ins Fernsehen kommt und ein Mythos wird.<br /> Die Medien sind nicht »neutral«. Die Anwesenheit einer Kamera verwandelt eine Demonstration, sie macht uns zu Helden. […] Ich habe niemals eine „schlechte“ Berichterstattung über eine Demonstration gesehen. Es ist egal, was sie über uns <em>sagen</em>. Die Bilder sind die Geschichte.“ ([4], S.106ff)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Zum Problem wird dies allerdings, wenn die so geschaffenen Helden selbst glauben, Helden zu sein, wenn sie glauben, man sei Revolutionär, wenn man von der <em>Bild</em>-Zeitung als solcher bezeichnet wird, kurz: wenn man sich selbst im Gewirr der Mythen des Boulevardjournalismus verfängt. Dann wird aus der spielerisch-provokativen Herausforderung irrationaler Autoritäten ein blutiger Krieg, der von einer kleinen radikalen Minderheit nur verloren werden kann.</p>
<p style="text-align:left;">Nächsten Freitag widmen wir uns den publizistischen Unterstützern der antiautoritären Bewegungen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Sie im Berliner Ärzteblatt lesen können:</p>
<blockquote><p>„Die Studentenschaft als Organ der Universität, nicht als ihr Objekt – das ist etwas, woran sich viele, vor allem ältere Professoren nicht gewöhnen können, es widerspricht allzusehr den patriarchalischen Verhältnissen des Obrigkeitsstaates traditioneller Prägung. Und es bringt Unruhe. Demokratie ist immer unbequem, und wir haben so wenig Übung darin.“ (zit. nach [3], S.493f)</p></blockquote>
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<h3><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a> Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;">[1] <b>Bauß, G.</b>, <i>Die Studentenbewegung der sechziger Jahre</i>, Köln 1977.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>Fichter, T. &amp; Lönnendonker, S.</b>, <i>Kleine Geschichte des SDS</i>, Berlin 1977.</p>
<p style="text-align:left;">[3] <b>von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. &amp; Schumm, W.</b>, <i>Freie Universität und politisches Potential der Studenten</i>, Neuwied und Berlin 1968.</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a>[4] <b>Rubin, J.</b>, <i>Do it!</i>, London 1970.</p>
</p></div>
<p style="text-align:left;">
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/shiftingreality.wordpress.com/2038/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/shiftingreality.wordpress.com/2038/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2038&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>Die geschmähte Generation</title>
		<link>http://shiftingreality.wordpress.com/2012/01/13/die-geschmahte-generation/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 14:40:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Generationenkonflikt]]></category>

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		<description><![CDATA[„Es lohnt sich für uns alle, wenn wir uns das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 wieder vergegenwärtigen, das kein Honiglecken für das deutsche Volk, sondern die härteste Prüfung auf Herz und Nieren gewesen ist.“ Hans Filbinger, Die geschmähte Generation In einem Kommentar zum Jahresrückblick letzte Woche hat g. auf einen Mangel in diesem Blog hingewiesen. [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2031&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<i>Es lohnt sich für uns alle, wenn wir uns das Jahrzehnt von 1945 bis 1955 wieder vergegenwärtigen, das kein Honiglecken für das deutsche Volk, sondern die härteste Prüfung auf Herz und Nieren gewesen ist.“</i></p>
<p style="text-align:right;">Hans Filbinger, <i>Die geschmähte Generation</i></p>
<p style="text-align:left;">In einem Kommentar zum Jahresrückblick letzte Woche hat <a href="http://hinkenderbote.blogger.de/" target="_blank">g.</a> auf einen Mangel in diesem Blog hingewiesen. Bislang bin ich nicht darauf eingegangen, daß die antiautoritären Bewegungen auch deshalb entstanden, weil nach 1945 eine nicht unerheblich Zahl alter Nazis wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden. Dies ist zweifellos richtig, in beiderlei Hinsicht: Zum einen war es tatsächlich so, und zum anderen habe ich das bislang noch nicht thematisiert.</p>
<p style="text-align:left;">Ich habe das bislang nicht thematisiert, weil ich glaube, diese Konfliktsituation ist inzwischen schon beinahe zum Klischee verkommen. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beate_Klarsfeld" target="_blank">Beate Klarsfelds</a> Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger darf inzwischen in keinem noch so kurzen Abriß über die „68er“-Bewegung fehlen. Und es ist auch ein Ziel dieses Blogs, die sich im Umlauf befindenden Stereotypen zu den antiautoritären Bewegungen zu hinterfragen.</p>
<p style="text-align:left;">Dabei will ich keineswegs behaupten, daß die Konflikte mit alten Nazis in Schulen und Behörden, auf Ämtern und Gerichten, an den Universitäten und in der Politik nicht existiert hätten. In meiner oberschwäbischen Heimat (wo auch der unselige Kanzler Kiesinger herkam) habe ich das in den 70er Jahren noch selbst miterlebt. Dennoch hat es mich immer gestört, wenn die Nazivergangenheit der Elterngeneration als ein wesentlicher Grund für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen genannt wurde, und zwar deshalb, weil diese Bewegungen international waren. In den USA hatte es die aufrührerische Generation nicht mit alten Nazis zu tun, sondern mit Eltern, die diese vernichtend geschlagen hatte. Oder um ein anderes, bereits <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/08/19/generationenkonflikt/" target="_blank">in diesem Blog dargestelltes Beispiel</a> zu nennen: In Jugoslawien richtete sich der Protest gegen eine explizit antifaschistische Elterngeneration, die im Partisanenkrieg aktiv war.</p>
<p style="text-align:left;">Und so schien mir der „Muff von tausend Jahren“ immer ein eher lokalspezifisches Phänomen zu sein, das aber eigentlich aus einer internationalen Perspektive zu betrachten wäre. Das wiederum hieße zu untersuchen, was diese spezifische deutsche Elterngeneration mit eben derselben Generation in den USA oder in Frankreich gemein hatte. Ich will dazu heute eine Hypothese aufstellen, die dann im weiteren Verlauf dieses Blogs immer wieder einmal mit den konkreten Auseinandersetzungen in den verschiedenen Ländern konfrontiert werden soll.</p>
<p style="text-align:left;">Grundannahme für diese Hypothese: Es gab nach 1945 keine Nazis mehr. Bevor ich sofort als Geschichtsrevisionist entlarvt werde, gleich eine Präzisierung: Nach 1945 gab es in der BRD nur noch <i>ehemalige</i> Nazis. Und das ist keine leere Sophisterei, sondern wirklich ein Unterschied. Die Anzahl derer, die wirklich noch voll hinter all dem standen, was sie zwischen 1933 und 1945 gedacht und getrieben hatten, war sicherlich verschwindend gering. Diese besonders unappetitlichen Exemplare gab es zweifellos auch, doch sie bildeten eine absolute Minderheit.</p>
<p style="text-align:left;">Der Feld-, Wald- und Wiesen-Ex-Nazi hingegen entwickelte eine ganz eigene, neue Ideologie, die keineswegs identisch war mit der von vor 1945. Vielmehr wurde die alte nazistische Ideologie in einzelne Bausteine zerlegt, der neuen politischen Situation angepaßt und in veränderter Form wieder neu zusammengesetzt. Wenn man so will, wurde die alte Ideologie im hegelschen Sinne „aufgehoben“, nämlich einerseits verändert, andererseits aber auf neuer Stufenleiter reproduziert. So war zum Beispiel offener Antisemitismus verpönt, stattdessen wurden, wie Che <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/09/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-2/#comment-13578" target="_blank">jüngst in einem Kommentar anmerkte</a>, die Erfolge der israelischen Armee gefeiert, das heißt, Antisemitismus wurde in eine höchst seltsame Form von Philosemitismus transformiert. Andere nazistische Ideologiebausteine hingegen mußten überhaupt nicht umgestülpt werden, sondern konnten fast nahtlos übernommen werden. Der Antibolschewismus des Dritten Reiches wurde umstandslos in den Antikommunismus des Kalten Krieges überführt, und man konnte sich dabei sogar des Beifalls der Befreier (die allerdings eher als Besatzer wahrgenommen wurden) sicher sein.</p>
<p style="text-align:left;">Mit anderen Worten: Wenn man die Elterngeneration einfach als eine Generation von Nazis betrachtet, verfehlt man den entscheidenden Punkt. Sie waren Nazis, die aus den Erfahrungen des Krieges und der Niederlage Lehren gezogen hatten. Man muß allerdings dazu sagen: Meistens die falschen. Das Problem war, daß es keine wirklich allgemeine und öffentliche Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben hatte, sondern im besten Fall eine individuelle und private. Natürlich war man irgendwie darüber betroffen, daß es mit dem nationalen Sozialismus nicht so richtig geklappt hatte und war möglicherweise auch entsetzt über die Blutspur, die man hinterlassen hatte. Doch dann log man sich seine Biographie zurecht und verdrängte die persönliche Verantwortung.</p>
<p style="text-align:left;">Professor Dr. Hans Thieme, dessen <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/02/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-1/" target="_blank">Werdegang und Geisteshaltung</a> hier bereits ausführlich thematisiert worden sind, mag als Beispiel dienen, eben weil er ein – vergleichsweise – harmloser Fall war. Ich hatte gezeigt, daß er das nationalsozialistische Regime durchaus begrüßte und sich zunächst wohlwollend und opportunistisch verhielt. Dann begann er sich zusehends abzugrenzen, um sich nach dem Krieg eher als „Opfer“ denn als Täter zu begreifen. Und in der Tat: Was hatte er getan? Nichts als seine Arbeit als Universitätsprofessor, und das wurde ihm noch nicht einmal gedankt. Mit dieser Haltung stand er nicht allein – nach 1945 verstand sich die große Masse der Deutschen als Opfer Hitlers.</p>
<p style="text-align:left;">Diese Opferrolle, die dennoch grundiert war von einem latenten Schuldgefühl, prägte die Nachkriegsideologie. So wenig man sich dem Nationalsozialismus widersetzt hatte, so vehement bekämpfte man nun den „Totalitarismus“. Das führte zu einem Paradox. Der aus der Nazi-Zeit herübergerettete Antibolschewismus fungierte als Antikommunismus in einer unfreiwillig ironischen Volte jetzt als Ausweis einer „antitotalitären“ Gesinnung.</p>
<p style="text-align:left;">Ähnlich verhielt es sich mit der an den strengen Hierarchien des Nationalsozialismus geschulten autoritären Grundhaltung. Der autoritäre Charakter wurde nicht als wesentliche Voraussetzung nationalsozialistischer Herrschaft zu erkannt. Wenn wir uns an Thieme zurückerinnern, so schreckte ihn am Nationalsozialismus zu keiner Zeit das Autoritär-Hierarchische (man denke an seine Apologie des Führer-Gefolgschaftsverhältnisses oder seine ständische Gesellschaftsauffassung), sondern vielmehr dessen pseudo-revolutionären Fassade. Vor allem eine Jugend, die sich über die traditionellen Hierarchien hinwegsetzte, wurde ihm zum Symbol nationalsozialistischer Willkür:</p>
<blockquote><p>„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA.“ ([3], S&nbsp;12)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Und so wurde in der Nachkriegszeit dann versucht, durch strikte Einhaltung der vorgegebenen Hierarchien, derartiges zu verhindern. Die Eliten, so meinte man verstanden zu haben, hätten die Aufgabe, die Jugend zu erziehen, notfalls mit harter Hand, und sie von jeglicher Infragestellung der herrschenden Ordnung abzuhalten. Ich zitiere hier noch einmal Thiemes Begründung für das Verbot, die <i>konkret</i> an der Universität Freiburg zu vertreiben, weil er diese Gesinnung in völlig unreflektierter Naivität einfach ausspricht:</p>
<blockquote lang="zxx" class="c8"><p>„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich&#8217;s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S.&nbsp;9)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Daß diese autoritäre Bevormundung gerade nicht mit einem demokratischen Gemeinwesen vereinbar ist, sondern wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie reproduzierte, kam dieser Generation überhaupt nicht in den Sinn. Aus ihrer Sicht zogen sie gerade die Konsequenz aus der Katastrophe des Nationalsozialismus. Und genau deshalb wurden die Kämpfe dann auch so erbittert geführt, weil sie überhaupt nicht begriffen, was an ihrem Verhalten kritikwürdig war.</p>
<p style="text-align:left;">Diese autoritäre Haltung, die sich zusammen mit einem militanten Antikommunismus als antitotalitär begriff, ist meines Erachtens ein wesentliches Element des Generationenkonflikts, der die antiautoritären Bewegungen im Westen hervorbrachte. Und das ist eben nicht allein ein deutsches Phänomen, auch wenn die deutsche Variante auf Grund der besonderen historischen Umstände eine spezifische Färbung besaß.</p>
<p style="text-align:left;">Nächste Woche geht es dann, wie versprochen weiter mit dem Thema „Antiautoritäre Bewegungen und die Medien“. Freuen Sie sich also darauf, wenn Jerry Rubin sagt:</p>
<blockquote><p>„Hast Du jemals im Fernsehen eine langweilige Demonstration gesehen? Schon daß sie im Fernsehen ist, macht sie aufregend.“ ([2], S.&nbsp;106)</p></blockquote>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h3><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a> Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;">[1] <b>Hemmerich, P.</b>, „Interview mit Hans Thieme“, in: <i>Die Zeit</i>, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 &#8211; 10.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>Rubin, J.</b>, <i>Do it!</i>, London 1970.</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a>[3] <b>Thieme, H.</b>, „Ankläger Jugend?“, in: <i>Göttinger Universitäts-Zeitung</i>, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.</p>
</p></div>
<p style="text-align:left;">
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	</item>
		<item>
		<title>Jahresrückblick</title>
		<link>http://shiftingreality.wordpress.com/2012/01/06/jahresruckblick/</link>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 15:00:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[about]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8222;I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.&#8220; Laurence Sterne, Tristram Shandy Ist es wirklich erst ein [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2027&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;"><em>&#8222;I know there are readers in the world, as well as many other good people in it, who are no readers at all,—who find themselves ill at ease, unless they are let into the whole secret from first to last, of every thing which concerns you.&#8220;</em></p>
<p style="text-align:right;">Laurence Sterne, <i>Tristram Shandy</i></p>
<p style="text-align:left;">Ist es wirklich erst ein dreiviertel Jahr her, daß ich begonnen habe, hier auf shifting reality zu schreiben? Irgendwie kommt es mir deutlich länger vor. Ursprünglich war das Ganze nur eine vage Idee, die ich unvorsichtigerweise <a href="http://che2001.blogger.de/" target="_blank">che</a> gegenüber geäußert hatte; wenige Tage später erhielt ich durch ches Vermittlung von <a href="http://metalust.wordpress.com/" target="_blank">momorulez</a> die Zugangsberechtigung – und damit hatte ich den Salat: Ich mußte anfangen zu schreiben.</p>
<p style="text-align:left;">Ehrlich gesagt, ich hatte kein großes Konzept, sondern nur einige vage Ideen. Es sollte um die anti-autoritären Bewegungen der 60er und 70er Jahre gehen; und ich wollte etwas über die jugoslawische Praxis-Philosophie machen, die mich zu dieser Zeit beschäftigte. Zudem las ich fatalerweise zu der Zeit gerade von Karl May <a href="http://www.karl-may-stiftung.de/roeschen.html" target="_blank"><em>Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde</em></a>, was mir wohl die Vorstellung in den Kopf setzte, es wäre ganz lustig, das Ganze als eine Art historisch-philosophischen <i>roman feuilleton</i> aufzuziehen: Jede Woche sollte eine Folge mit einer bestimmten Länge erscheinen, am besten mit einem Cliffhanger am Ende jeder Veröffentlichung; dazu kämen wechselnde Schauplätze, die ich immer wieder überraschend verlassen würde, um woanders hinzuspringen, um dann irgendwann genauso überraschend den Faden wieder aufzunehmen. Jeder Beitrag sollte rund 1000 Wörter umfassen und immer Freitags erscheinen. Schnell kam das Konzept dazu, an den Anfang ein Zitat als eine Art Motto zu stellen und ihn mit einem Zitat zu beenden, das auf den Text der nächsten Woche neugierig machen soll.</p>
<p style="text-align:left;">Das alles ist im Großen und Ganzen auch gelungen – die Texte sind im Durchschnitt eher etwas länger, bis auf eine Woche habe ich jeden Freitag meinen Beitrag fertigbekommen und offensichtlich gibt es auch eine kleine, aber hartnäckige Schar von Lesern, die hier halbwegs regelmäßig hereinschaut. Ich kann mich also nicht beklagen.</p>
<p style="text-align:left;">Eine Paradoxie des Bloggens besteht, zumindest für mich, jetzt darin, daß ich viel weniger am Computer und vor allem weniger am Internet hänge, sondern viel mehr Bücher und Aufsätze lese (ganz zu schweigen davon, daß mein Konsum schlechter Filme rapide abgenommen hat). Und es macht mir, ganz ehrlich, tierisch Spaß, in den totgesagten Holzmedien auf Spurensuche zu gehen. Ich habe im letzten Dreivierteljahr mehr geschrieben und gelesen als in all den Jahren seit dem Ende meines Studiums.</p>
<p style="text-align:left;">Worum ging es nun inhaltlich? Im groben Rückblick lassen sich, glaube ich, drei Blöcke identifzieren: Zum einen ist dies die Auseinandersetzung um die jugoslawische Studentenbewegungen und ihr Bezug zur Philosophie der Praxis-Gruppe. Der zweite Block ist das Verhältnis von politischer und künstlerischer Bewegung, von politischer Revolution und von der Kunst inspirierter Umwälzung des Alltags. Und der dritte Block ist der Konflikt von Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration, der die Revolte der 60er Jahre befeuerte.</p>
<p style="text-align:left;">Die Auseinandersetzung mit der spezifisch jugoslawischen Situation begann am 13. Mai mit einem Überblick über die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens und die Auseinandersetzungen innerhalb der jugoslawischen Philosophie. Ich schloß eine Erörterung über den Kunst-Begriff einiger Praxis-Philosophen an, um dann die Realgeschichte der jugoslawischen Bewegungen darzustellen, die in der Besetzung der Belgrader Universität im Juni 1968 kulminierte. Die Problematik des politischen Revolutionsbegriffs der Neuen Linken wurde dann anhand der Sommerschule von Korčula 1968 thematisiert, wobei ich im Juli dann Gajo Petrovićs brillianten Aufsatz <i>Philosophie und Revolution</i> hier erstmals in deutscher Sprache publizierte. Persönlicher Höhepunkt der Auseinandersetzung mit Jugoslawien war für mich dann die Konferenz auf Korčula, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur Praxis-Philosophie veranstaltete und von der ich direkt aus Kroatien berichtete.</p>
<p style="text-align:left;">Das Thema des zweiten Blocks, das Verhältnis von künstlerischer und politischer Bewegung, tauchte in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder auf. Die erste kleinere Folge von Texten findet sich im April, wo ich mit der Diskussion über die Formen direkter Aktionen im bundesrepublikanischen SDS begann; hier wurde die direkte Aktion aber nur als neues taktisches Mittel für klassische politische Ziele begriffen. Dies kontrastierte ich dann mit den Thesen der französischen Situationisten, die unter dem Einfluß Henri Lefebvres eine Umwälzung des Alltags auf die Tagesordnung setzten. Erneut aufgenommen wurde das Thema dann am 10. Juni, als ich die subkulturellen Strömungen in Jugoslawien abhandelte; und im Prinzip ging es darum auch in einem dreiteiligen Exkurs über die These vom „Ende der Kunst“, der ab dem 22. Juli erschien. Die zwiespältige Zusammenführung von Subkultur und politischer Bewegung mußte dann thematisiert werden, als ich die Suche der Bewegung nach einer eigenen Sprache beschrieb. Diese wird dann notwendig, wenn sich im spontanen Ereignis die Bewegung konstituiert, diese sich aber ihrer selbst noch nicht bewußt ist und sich von der politischen Linken eine Sprache erborgt. Das daraus mögliche Mißverständnis, gewaltsame politische Revolution und provokative symbolische Aktion fälschlich zu identifizieren, führte mich dann zu einer Kritik des linken Terrorismus, wie sie sich in der BRD als Bewegung 2. Juni beziehungsweise RAF manifestierten.</p>
<p style="text-align:left;">Davon ausgehend versuchte ich in der Vorgeschichte der Bewegungen die Weichenstellungen zu finden, die eine solche Verkennung der Realität befördert hatten. Neben anderen Momenten wie der naiven Identifikation mit den antikolonialen Befreiungsbewegungen lief dies letztendlich auf eine Analyse des Generationenkonfliktes zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration hinaus – womit wir beim dritten thematischen Block wären. Das war bereits anhand Jugoslawiens schon einmal zur Sprache gekommen, wurde jetzt aber ausführlichst diskutiert anhand der Auseinandersetzungen um Meinungsfreiheit und Zensur in den frühen 60er Jahren. Exemplarisch zeigte ich dies in sieben langen Folgen über die Streitigkeiten zwischen der Freiburger Studentenzeitung und dem amtierenden Rektor der Universität, Hans Thieme im Jahr 1960.</p>
<p style="text-align:left;">Soweit der Rückblick auf die Texte. Bleibt der Rückblick auf die Kommentare. Nun, allzuviel läßt sich hier nicht sagen, da sich das Kommentaraufkommen einigermaßen in Grenzen hält. Dank auf jeden Fall an alle, die sich im letzten Jahr die Mühe machen, hier zu kommentieren – ich weiß das wirklich zu schätzen. Allerdings muß ich auch zwei Kommentatoren erwähnen, die mich genervt haben: Zum einen war das ein Kommentator namens pyrrhon, der, ohne offensichtlich jemals eine Zeile Kant gelesen zu haben, sich als großer Kant-Kritiker aufspielte, was einfach nur peinlich und lächerlich war. Daß er irgendwann nicht mehr auftauchte, war eine Erleichterung.</p>
<p style="text-align:left;">Komplizierter ist das ganze mit momorulez, einst ein fleißiger Autor auf diesem Blog und im letzten Jahr gelegentlicher Kommentator. Zu Beginn habe ich seine Einwände durchaus ernst genommen (und im Ausblick für das neue Jahr weiter unten wird darauf auch noch einzugehen sein). Erst eine <a href="http://che2001.blogger.de/stories/1951150/#comments" target="_blank">unangenehme Debatte bei che</a> hat mir den ganz spezifischen Charakter seiner Art der Kommentiererei klargemacht. Momorulez betreibt etwas, was mir schon bei den Antideutschen jahrelang sauer aufgestoßen ist, nämlich das, was ich „symptomatische Lektüre“ nenne würde: Ein Text wird nicht daraufhin gelesen, was der Autor damit zu sagen versuchte, sondern es wird anhand von Symptomen nach einem Text hinter dem Text gesucht. Bei den Antideutschen ist das der Antisemitismus, bei momorulez ist das Heteronormativität. Und so wie die Antideutschen überall eine antisemitische Verschwörung wittern, findet momorulez auf Stichwort latente Homophobie – zum Beispiel beim Stichwort Punk. Um den Textinhalt geht es ihm überhaupt nicht, sondern um teilweise völlig an den Haaren herbeigezogenen Vermutungen, was „eigentlich“ und „unbewußt“ hinter dem Text stecke. Als ich ihn deswegen bei che angegriffen habe, fühlte er sich dadurch furchtbar <a href="http://metalust.wordpress.com/2011/12/12/bafogschwuchteln/#comment-16098" target="_blank">„angefaßt“</a>. Nun, er braucht keine Angst mehr zu haben, ich werde ihn bzw. seine Kommentare nicht einmal mehr mit der Kohlenzange anfassen.</p>
<p style="text-align:left;">Nichtsdestotrotz stimmt es natürlich – und da hat momorulez tatsächlich einen Punkt – daß eine ganze Menge Themen, die für die Entstehung der antiautoritären Bewegungen wichtig sind, im letzten Jahr noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen sind. An realhistorischen Themen liegen mir dabei die folgenden am Herzen: Ein ganz großer und wichtiger Punkt ist die schwarze amerikanische Bürgerrechtsbewegung und ihre Radikalisierung hin zur Black Panther Party. Dann sind da die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und ihre (äußerst verzerrte) Wahrnehmung von Seiten der antiautoritären Bewegungen in den kapitalistischen Metropolen. Wichtig ist aber ńicht nur der Blick nach Westen, sondern auch nach Osten: Die Emanzipationsbestrebungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“ der Sowjetunion dürfen keineswegs vernachlässigt werden. Und außerdem würde ich gerne über die Bewegungen in Mexiko und Südamerika schreiben. Was davon im nächsten Jahr wirklich realisierbar ist, läßt sich jetzt noch schwer sagen.</p>
<p style="text-align:left;">Doch über Realgeschichte habe ich in den letzten Wochen mehr als genug geschrieben. Und deshalb will ich in nächster Zeit erst einmal wieder auf philosophisches Terrain abschweifen. Ich will einige Philosophen portraitieren, die aus der heutigen Diskussion fast vollständig verschwunden sind, die aber für die antiautoritären Bewegungen einst eminent wichtig waren. Den Anfang macht dabei Henri Lefebvre, dessen <i>Kritik des Alltagslebens</i> ich <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/04/29/kritik-des-alltagslebens" target="_blank">schon einmal</a> kurz gestreift habe. Gerne würde ich mich auch noch einmal mit Milan Kangrga auseinandersetzen, der mich von den Praxis-Philosophen am meisten beeindruckt hat. Ein anderer möglicher Kandidat ist Herbert Marcuse – man wird sehen&#8230;</p>
<p style="text-align:left;">Nächste Woche allerdings wird es, zum Abschluß des letzten Themenblocks, um das Verhältnis der Bewegungen zu den Medien gehen. Freuen Sie sich also darauf, daß die Kommune I meint:</p>
<blockquote><p>„Springer Zeitungen sind die Krönung jedes Frühstücks“ ([1])</p></blockquote>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h3>Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a>[1] <b>Langhans, R. &amp; Teufel, F.</b>, <i>Klau mich</i>, Frankfurt a.M. 1968.</p>
</p></div>
<p style="text-align:left;">
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	</item>
		<item>
		<title>Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (4)</title>
		<link>http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/30/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen-4/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 15:36:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Meinungsfreiheit]]></category>

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		<description><![CDATA[„Schauen wir über Freiburg hinaus, dann mag es gestattet sein, daran zu erinnern, daß allerorten mit gleichbleibender Regelmäßigkeit die Studentenpresse von sich reden macht. Strafprozesse, Disziplinarverfahren, Gotteslästerungsprozesse, Absetzung von Chefredakteuren, Unterstellung von Kommunistenfreundlichkeit, &#8211; das ist offensichtlich schon zur lieben Gewohnheit geworden.“ Walter Vitt in Civis – Zeitschrift für christlich-demokratische Politik, November 1960 Was bisher [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2014&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<i>Schauen wir über Freiburg hinaus, dann mag es gestattet sein, daran zu erinnern, daß allerorten mit gleichbleibender Regelmäßigkeit die Studentenpresse von sich reden macht. Strafprozesse, Disziplinarverfahren, Gotteslästerungsprozesse, Absetzung von Chefredakteuren, Unterstellung von Kommunistenfreundlichkeit, &#8211; das ist offensichtlich schon zur lieben Gewohnheit geworden.“</i></p>
<p style="text-align:right;">Walter Vitt in <i>Civis – Zeitschrift für christlich-demokratische Politik</i>, November 1960</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/23/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen-3" target="_blank">Was bisher geschah</a>: Am 16. Mai 1960 wurde Nicos Hajinicolaou von der Universitätsverwaltung daran gehindert, die Zeitschrift <i>konkret</i> auf dem Universitätsgelände zu verkaufen. Trotz des Protestes der Studentenvertretung wurde dieses auf einem Senatsbeschluß vom 14. Januar 1959 fußende Verbot dann in der Senatssitzung vom 15. Juni 1960 bestätigt. Als Hajinicolaou am 23. Juni dann die <i>konkret</i> statt an der Universität auf öffentlichem Grund zu verkaufen versuchte, schritt die Polizei ein, und zwar, wie sich herausstellt, auf Drängen der Universitätsverwaltung. Daraufhin ersuchte der Studentenrat am 26. Juni das Akademische Rektorat um Stellungnahme.</p>
<p style="text-align:left;">Die Möglichkeit dazu bot sich dann auf einer außerordentlichen Studentenvollversammlung am 5. Juli 1960 im restlos gefüllten Hörsaal 1. Drei Punkte standen auf der Tagesordnung:</p>
<blockquote><p>„<i>1. Protest gegen das vom Senat verhängte Vertriebsverbot aller auswärtigen Studentenzeitungen auf dem Universitätsgelände.<br /> 2. Protest gegen die andauernde Einflußnahme des Senats auf die Meinungsfreiheit der Freiburger Studentenpresse.<br /> 3. Protest gegen die Verschleppung der Diskussion über die Mitbestimmung der Studenten in akademischen Gremien.</i>“ (zit. nach [8])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Seine Magnifizenz, der uns bereits zur Genüge bekannte Rektor <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/02/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-1" target="_blank">Hans Thieme</a>, erhielt in dieser Vollversammlung die Gelegenheit, seinen Standpunkt darzustellen. Daß das Vertriebsverbot eine Einschränkung der Meinungsfreiheit darstelle, konnte er nicht erkennen, vielmehr gehe es um die „Wahrung akademischer Ordnung“ ([8]). Allerdings beließ er es in diesem Zusammenhang nicht nur bei dieser formalen Bestimmung, sondern ergänzte, daß es um die „Bekämpfung radikaler Tendenzen“ gehe ([8]). Endlich wurde, wenn auch indirekt, zugegeben, daß es sich durchaus um eine Form politischer Zensur handelte. Die FSZ kommentiere dann auch in ihrer nächsten Ausgabe:</p>
<blockquote><p>„Außerdem – und das war für alles Kommende sehr wichtig – gab Se. Magnifizenz, Prof. Dr. Hans Thieme, zu, das Verbot richte sich ausschließlich gegen die sogenannten radikalen Studentenzeitungen »konkret« und »Student im Volk«, man habe aber »<i>der administrativen Vereinfachung halber</i>« gleich alle verboten.“ ([1], S.&nbsp;10)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Daß es bei alldem um unliebsame politische Standpunkte ging, erhärtete sich, als Thieme auf den Punkt 2 der Tagesordnung einging. Denn hier bezog er sich direkt auf die Juni-Nummer der Studentenzeitung. Das war die bereits erwähnte Nummer, in der die verschiedenen Versuche, Autoren unliebsamer Artikel zu schikanieren, dokumentiert worden war. Allerdings ging es Thieme in erster Linie gar nicht um diese Dokumentation, sondern um den eigentlichen Aufmacher dieser Nummer, nämlich einen Artikel zum 17.&nbsp;Juni. Bei diesem handle es sich, so Thieme, um einen „Verstoß gegen die akademische Zucht und Sitte“ ([8]).</p>
<p style="text-align:left;">Dieses Totschlagargument kommentierte der <a href="http://www.kipnis.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=30&amp;Itemid=26" target="_blank">Autor</a> der <i>Zeit</i>, <a href="http://www.zeit.de/1960/29/studenten-rebellion-in-freiburg" target="_blank">die über die Versammlung berichtete</a>, folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>„So gut wie alles, was mißfällt, kann also als »Stilverstoß« ausgelegt und disziplinarisch verfolgt werden, wobei der Immatrikulationseid als juristischer Bezug dienlich ist.“ ([8])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Auf das rein formale Argument aber setzte Thieme noch den inhaltlichen Vorwurf, der Artikel lasse eine „prokommunistische Tendenz“ erkennen, was einen „Orkan von Pfui- und Buhrufen“ zur Folge hatte und den Chefredakteur der Freiburger Studentenzeitung dazu veranlaßte, den Saal zu verlassen ([8]). In der Tat konnte nichts absurder sein als gerade dieser Vorwurf – denn der Artikel verteidigte vehement die Westbindung der BRD:</p>
<blockquote><p>„Der Weg, für wenigstens einen Teil Deutschlands die Freiheit zu erlangen, bestand in der engen Zusammenarbeit mit den Westmächten, in der westeuropäischen Integration.“ ([3])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Jedes Beharren auf einer deutschen Wiedervereinigung hingegen würde gerade diese Westintegration in Frage stellen:</p>
<blockquote><p>„Man verlangt auch von den westlichen Alliierten die Wiedervereinigung. Da diese sie nicht geben können, werden auch sie den Schuldigen zugerechnet. Unsere Integration wird in Frage gestellt.“ ([3])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Von einer „prokommunistischen“ Tendenz, wie sie Thieme unterstellt, konnte also nicht im geringsten die Rede sein. Allerdings paßte der Artikel einfach nicht in Thiemes national-konservatives Weltbild. Zugunsten der Westbindung auf die staatliche Einheit der deutschen Nation zu verzichten ist für jemanden wie Thieme undenkbar; und weil ihm der Artikel inhaltlich nicht paßt, wird von akademischer Zucht und Sitte schwadroniert und der Standardvorwurf herangezogen, es handle sich um kommunistisches Gedankengut – auch wenn sich beim besten Willen weder der eine noch der anderen Vorwurf nachvollziehen läßt. Die offensichtliche Absurdität dieser Argumentation kommentierte die Freiburger Studentenzeitung dann auch in ihrer nächsten Nummer zurecht mit den Worten: „Der Rektor erlebte eine der schwärzesten Stunden seines Lebens“ ([1], S.&nbsp;10).</p>
<p style="text-align:left;">Die Angelegenheit verschärfte sich in der Folge dann dadurch, daß sie überregionale Wellen schlug. Die Berichterstattung in der <i>Zeit</i> wurde schon erwähnt; doch schon vor dem <i>Zeit</i>-Artikel erschien am 8. Juli unter dem Titel „Freiburger Studenten wehren sich“ ein Artikel in der <i>Stuttgarter Zeitung</i>. Dieser hatte zur Folge, daß der Abgeordnete Saam im Stuttgarter Landtag aktiv wurde. Als Mitglied der FDP, die damals noch für Bürgerrechte und nicht für Steuersenkungen zugunsten der Besserverdienenden einstand, brachte er eine kleine Anfrage ein: „Er wollte vom Kultusminister <i>Dr. Gerhard Storz</i> wissen, ob der Minister in dem Vertriebsverbot eine Einschränkung der Informations- und Pressefreiheit sehe.“ ([2])</p>
<p style="text-align:left;">Die Antwort, die dann am 7. September aus dem Ministerium kam, klang so, als sei sie unmittelbar von der Freiburger Universitätsverwaltung verfaßt worden (was wahrscheinlich auch der Fall war). Daraufhin fragte die Freiburger Studentenzeitung bei Minister Storz brieflich um ein Interview an, worauf von Seiten des Ministeriums aber nicht reagiert wurde. Übermütig ob des publizistischen Wirbels, den sie entfacht hatte, unterlief den Redakteuren der FSZ ein schwerer taktischer Fehler, denn sie kommentierten die fehlende Reaktion folgendermaßen:</p>
<blockquote><p>„Daß Ministerialbürokratien langsam mahlen, ist hinlänglich bekannt, daß es aber ein Minister innerhalb von 40 Tagen nicht fertigbringt, einen Brief wenigstens zu bestätigen, wurde von verschiedenen Seiten als »Unverschämtheit« und »Lümmelei« bezeichnet.“ ([1], S.&nbsp;11)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Damit hatten sie, zumindest für das Jahr 1960, tatsächlich den Bogen in Sachen akademischer Stil und journalistischer Anstand überspannt. Wußten sie bislang unter dem Banner der „Mei­nungs­frei­heit“ die Mehrheit der Studentenschaft hinter sich, witterten nun bestimmte Kreise, denen die inhaltliche Ausrichtung der FSZ nicht paßte, ihre Chance. Aus dem Umfeld der Freiburger Korporierten wurde der Versuch unternommen, die Redaktion der Studentenzeitung abzusetzen. In der Sitzung vom 23. November gab es eine erbitterte Auseinandersetzung:</p>
<blockquote><p>„Die Krise um die FSZ, die mit der Novembernummer ausgelöst wurde, benutzten bestimmte Kreise der Studentenschaft dazu, nicht nur die Redaktion an die Kette zu legen, sondern die Zeitung selbst in die Hände zu bekommen. Die Diskussion im Studentenrat zeigte, daß es dabei nicht so sehr um Entgleisungen und Fehler ging, sondern um die »politische Linie«.“ ([4], S.&nbsp;9)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">In dieser Sitzung gelang es den Korporierten, mit einer Mehrheit von 15 zu 10 Stimmen bei 2 Enthaltungen, folgende Resolution durchzusetzen:</p>
<blockquote><p>„Der Studentenrat distanziert sich entschieden von den Äußerungen in der Freiburger Studentenzeitung, die eine wesentliche Verschlechterung der Beziehungen der Studentenvertretung zur Professorenschaft bewirkt habe.<br /> <b>»Er spricht der jetzigen Redaktion der FSZ sein Mißtrauen aus.«</b>“ ([5])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Die Redaktion weigerte sich jedoch zurückzutreten, und zwar berief sie sich dabei auf das Statut der FSZ, in dem festgelegt war, daß nur zwei Drittel des AStAs oder ein Drittel der Studentenschaft einen Antrag auf Absetzung der Redaktion stellen könnten ([9]).</p>
<p style="text-align:left;">Daraufhin nicht faul starteten die Korporierten eine Unterschriftenaktion:</p>
<blockquote><p>„+ Die Vielfalt der Meinungen der Freiburger Studenten kommt in der jetzigen Freiburger Studentenzeitung <b>nicht</b> zum Ausdruck!<br />+ Der „schnodderige“ Ton und die oberflächliche Betrachtungsweise in der FSZ sind <b>nicht</b> repräsentativ für die Freiburger Studentenschaft!<br /> + Herr Breier und seine Redaktion sollen nach dem eindeutigen Mißtrauensvotum der Studentenvertretung <b>nicht</b> mehr mit dem Geld der Studentenschaft die FSZ gestalten!<br /> [...]<br />Ihre Stimme entscheidet – deshalb unterschreiben bitte auch Sie!“ ([6])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Tatsächlich gelang es ihnen, einem Drittel der Studentenschaft eine Unterschrift abzuringen. Doch der diesesmal rechtmäßig zustande gekommene Antrag wurde in der Sitzung des Studentenrats vom 7. Dezember 1960 mit deutlicher Mehrheit abgelehnt ([7]). Stattdessen wurde eine Resolution verabschiedet, die die Mißgriffe der Novembernummer scharf kritisierte, aber auch folgendes zur Kenntnis nahm: „Die Redaktion hat sich dafür gegenüber dem Herrn Kulturminister, dem Rektor und der Studentenvertretung entschuldigt und versichert, künftig ähnliches zu vermeiden.“ ([7]) Und die Resolution schließt mit den Worten:</p>
<blockquote><p>„Wie von vielen Seiten zugegeben wird, ist es auch Aufgabe einer Studentenzeitung, zu Fragen des öffentlichen Lebens Stellung zu nehmen und sich dabei des journalistisch legitimen Mittels der pointierten Stellungnahme zu bedienen. Gerade für eine Studentenzeitung ist es Pflicht, Vorgänge, die in unserer Demokratie kritikwürdig erscheinen, aufzugreifen. <i>Der Studentenrat empfiehlt, die Redaktion der FSZ um zwei Mitglieder zu erweitern</i>, damit diesen Erfordernissen Genüge getan wird.“ ([7])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Damit endete der Freiburg Zeitungsstreit des Jahres 1960.</p>
<p style="text-align:left;">Und damit, liebe Leserinnen und Leser, endet auch mein erstes Jahr als Blogger auf shifting reality. Vielen Dank an alle für&#8217;s Lesen und Kommentieren. Nächste Woche werde ich Resümee ziehen, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen will ich noch einmal den Kampf um die Meinungsfreiheit und seine Bedeutung Anfang der 60er Jahre zusammenfassen; zum anderen möchte ich auf all das zurückblicken, was ich die letzten Monate hier zusammengeschrieben habe. Kommen Sie gut ins neue Jahr und wir lesen uns wieder nächste Woche.</p>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h3><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a> Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;">[1] <b>[o.N.]</b>, „&#8220;Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung&#8220;“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.6 (November 1960): S.10 &#8211; 11.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>b</b>, „Universität als Warenhaus? Die Antwort des Ministers beruhigt die Freiburger Studenten nicht“, in: <i>Die Zeit</i>, Jg.13 (1960), Nr.39 (23. September 1960): S.6.</p>
<p style="text-align:left;">[3] <b>Berten, R.</b>, „Nationale Illusionen“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.4 (Juni 1960): S.1.</p>
<p style="text-align:left;">[4] <b>Bluhm, G.</b>, „Linke Tendenzen?“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.7 (Dezember 1960): S.9.</p>
<p style="text-align:left;">[5] <b>Flugblatt:</b> „Heute Nacht beschloß der Studentenrat“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-075 (Studentische Mitbestimmung).</p>
<p style="text-align:left;">[6] <b>Flugblatt:</b> „Die FREIBURGER STUDENTENZEITUNG – Ihre Visitenkarte ???“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-075 (Studentische Mitbestimmung).</p>
<p style="text-align:left;">[7] <b>Flugblatt:</b> „„Zeitungsstreit“ beendet“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-075 (Studentische Mitbestimmung).</p>
<p style="text-align:left;">[8] <b>P.L. [Peter Hemmerich]</b>, „Studentenrebellion in Freiburg“, in: <i>Die Zeit</i>, Jg.13 (1960), Nr.29 (15. Juli 1960): S.4.</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end2" id="JR_bib_end2"></a>[9] <b>Redaktion der Freiburger Studentenzeitung</b>, „Liebe FSZ-Leser!“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.7 (Dezember 1960): S.2.</p>
</p></div>
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	</item>
		<item>
		<title>Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (3)</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 15:21:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nicht kategorisiert]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wer bringt diese Zeitung heraus? Sicherlich lauter Ausländer!“ Amtmann Wagner 1960 über die Zeitschrift konkret Ich gebe zu, dieses Blog mäandert ganz schön durch die Gegend, um sich seinem Ziel, die antiautoritären Bewegungen der späten 60er Jahre zu verstehen, anzunähern. Vor drei Monaten hatte ich die Frage gestellt, wie es in den 70er Jahren zur [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2008&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<i>Wer bringt diese Zeitung heraus? Sicherlich lauter Ausländer!“</i></p>
<p style="text-align:right;">Amtmann Wagner 1960 über die Zeitschrift <i>konkret</i></p>
<p style="text-align:left;">Ich gebe zu, dieses Blog mäandert ganz schön durch die Gegend, um sich seinem Ziel, die antiautoritären Bewegungen der späten 60er Jahre zu verstehen, anzunähern. <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/09/16/ihre-moral-und-meine" target="_blank">Vor drei Monaten</a> hatte ich die Frage gestellt, wie es in den 70er Jahren zur Gewalteskalation der terroristischen Gruppen kommen konnte – und als eine Ursache hatte ich die schon länger, nämlich seit Ende der 50er Jahre, schwelende Erfahrungen mit Repression angeführt. Und es ist bereits zwei Monate her, daß ich begonnen habe diese Repressionserfahrungen zunächst am Beispiel der <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/10/28/meinungsfreiheit-und-zensur" target="_blank">Berliner Krippendorff-Affäre</a> zu exemplifizieren, um dann zu <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/11/11/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen" target="_blank">lokalen Ereignissen</a> hier in Freiburg umzuschwenken.</p>
<p style="text-align:left;">Diese waren soweit eskaliert, daß der damalige Rektor Thieme <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/11/19/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen-2" target="_blank">einem griechischen Kommilitonen das Wort verbot</a>. Daraufhin hatte ich dann in den letzten drei Wochen vielleicht etwas zu minutiös untersucht, <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/02/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-1" target="_blank">wes Geistes Kind</a> eigentlich dieser Rektor Thieme war. Und ausgestattet mit dem Wissen über diese von Thieme exemplarisch verkörperte Geisteshaltung nähern wir uns nun der Schlußrunde: Höhepunkt der Auseinandersetzungen in den Jahren 1960/61 bildeten Maßnahmen des Rektorats, um den Verkauf der Zeitschrift <i>konkret</i> an der Universität Freiburg zu unterbinden.</p>
<p style="text-align:left;">Zuvor allerdings noch eine Korrektur: Ich hatte, als ich vor drei Monaten mit diesem Gedankengang begann, ganz allgemein von „Repressionserfahrungen“ gesprochen. Und um Repression handelt es auch, zumindest in gewissem Sinn. Allerdings ging bei alldem um eine spezielle Form der Unterdrückung, nämlich um die Unterdrückung studentischer Meinungsfreiheit. Diese Diskussion wurde von Seiten der Universitätsverwaltung und einiger – nicht aller – Professoren auf eine seltsam verdruckste Art geführt. Es wurde versucht, den Anschein zu erwecken, daß nicht Kritik als solche im Fokus stünde, sondern daß allein die Form, wie studentische Kritik geäußert würde, anstößig sei. Die angeblichen Argumente waren immer die selben: Personen seien beleidigt worden, die Würde der Universität nähme Schaden etc.</p>
<p style="text-align:left;">Dies sollte sich nun ändern. Beim Angriff auf die Meinungsfreiheit, der uns heute und nächste Woche beschäftigen wird, geht es nicht mehr um Beleidigungen oder die Ehre, sondern tatsächlich um politische Inhalte – auch wenn dies zunächst hinter Formalien versteckt wird.</p>
<h2>Finale Furioso: Verkaufsverbot für die <i>konkret</i></h2>
<p style="text-align:left;">Beginnen wir mit dem eigentlichen Sachverhalt: Am 16. Mai 1960 hatte sich der uns bereits bekannte griechische Student Nikos Hadjinicolaou auf die Freitreppe der Universität gestellt und die in Hamburg erscheinende Studentenzeitschrift <em>konkret</em> verkauft.</p>
<p style="text-align:left;">Diese Zeitschrift war durchaus bekannt, in bestimmten Kreisen auch berüchtigt. Warum, ist einem Pressezitat aus dem <i>forum academicum</i> vom Mai 1960 zu entnehmen:</p>
<blockquote><p>„»konkret« ist keine bequeme Erscheinung. Grundsätzlich läßt sich bei regelmäßiger Lektüre dieser Zeitschrift feststellen, daß durchweg Themen aufgegriffen werden, von denen Axel Springer nicht einmal träumt. Alles was in unserem Provisorium so schön schwach ist, etwa Nazi-Generäle in der Bundeswehr, wird vernichtend angegriffen.“ (zit. nach [3], S.14)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Es war ein offenes Geheimnis, daß die Zeitschrift der seit 1956 verbotenen KPD nahestand. Und die damit verbundene Unterstützung aus dem Osten beschränkte sich nicht nur auf finanzielle Zuwendungen: Der Zeitschrift wurden auch immer wieder Materialien zugespielt, die die Rolle, die bundesrepublikanische Funktionsträger im Nationalsozialismus gespielt hatten, belegten. Daß von Seiten der DDR damit propagandistische Absichten verfolgt wurden, ist unzweifelhaft; es besteht aber auch kein Zweifel daran, daß die derart aufgedeckten üblen Kontinuitäten durchaus äußerst real waren.</p>
<p style="text-align:left;">Trotz oder vielleicht auch wegen dieser eindeutigen Tendenz des Blattes verkaufte Hadjinicolaou an diesem 16. Mai innerhalb einer Stunde mehr als hundert Exemplare der Zeitschrift, bis die Obrigkeit in Gestalt eines Universitätsbediensteten auf ihn zueilte und ihn vor den Universitätsrat Dr. Curtius zitierte. Dieser beschied ihm, daß der Verkauf der <em>konkret</em> auf Universitätsgelände verboten sei. Hadjinicolaou erwiderte, er sei der Meinung, daß der Verkauf nur innerhalb des Kollegiengebäudes untersagt sei. Das bestritt Curtius, weigerte sich aber, Hadjinikolaou eine schriftliche Bestätigung dieses Verbotes auszuhändigen. Dieser legte daraufhin Beschwerde beim Rektor ein, der ihm beschied, daß es einen Senatsbeschluß aus dem vorhergehenden Jahr gebe, der jeglichen Zeitschriftenverkauf auf dem ganzen Universitätsgelände verbiete, es sei denn, es handle sich um universitätseigene Zeitschriften.</p>
<p style="text-align:left;">Tatsächlich war dies gelogen. Zwar gab es einen Senatsbeschluß vom 14. Januar 1959, in dem der Verkauf und die Werbung für Zeitungen und Zeitschriften im Kollegiengebäude verboten wurde. Daß dabei inhaltlich-politische Gründe eine Rolle spielten, war offensichtlich, denn schon damals ging es um die <i>konkret</i>, die laut Protokoll der Senatssitzung „keinen guten Eindruck“ mache und ein „ausgesprochenes destruktives Blatt“ sei ([5]).</p>
<p style="text-align:left;">Doch diese inhaltlich-politischen Fragen fließen nicht in den Beschluß ein, vielmehr werden wieder formale Gründe vorgeschoben, nämlich „unerträgliche Störungen in den ohnehin beengten Gängen des Erdgeschosses“ ([5]). Doch dieses Verschiebung der Diskussion vom Inhaltlichen auf das Formale führt dann dazu, daß der Zeitschriftenverkauf <i>vor</i> der Universität erlaubt bleibt. Explizit heißt es im Protokoll:</p>
<blockquote><p>„Die Frage des <i>Rektors</i>, ob irgendwelche Bedenken gegen eine Werbung <i>vor</i> den universitätseigenen Gebäuden bestehe, wird von Herrn Gerber verneint.“&nbsp;([5])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Nicht nur, daß Universitätsrat Curtius und nach ihm dann Rektor Thieme offensichtlich gelogen haben: Die Studentenzeitung weist in ihrer nächsten Nummer außerdem darauf hin, daß dieser Beschluß ganz offenkundig im Fall einer ganzen Reihe von anderen Zeitungen und Zeitschriften keineswegs durchgesetzt werde:</p>
<blockquote><p>„Man kann sich im vorliegenden Fall nicht des Eindrucks erwehren, daß hier mit zweierlei Maß gemessen und der Gleichheitsgrundsatz mißachtet wird. Außerdem sollte man durch derlei Maßnahmen doch nicht immer wieder die Studenten politisch ans Gängelband nehmen. Jeder Student weiß um die politische Orientierung von »konkret« oder »Student im Volk«, um die beiden extremsten Vertreter der Studentenpresse zu nennen, jeder Student wird folglich in der Lage sein, an die Lektüre mit entsprechender Reserve heranzugehen.“&nbsp;([1], S.6)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Daraufhin eskaliert die Angelegenheit. Am 15.&nbsp;Juni 1960 setzt der Senat das Thema wieder auf die Tagesordnung, nachdem, wie sich der AStA-Vorsitzende ausdrückte, „von einigen Studenten eine Einschränkung als Zensur und geistiger Terror betrachtet werde“ ([4]). Der Senat hält jedoch hartnäckig am Verbot fest.</p>
<p style="text-align:left;">Deshalb stellt Hadjinicolaou, um sich nicht noch mehr Ärger einzuhandeln, bei der Polizei einen Antrag, um die Zeitschrift außerhalb des Universitätsgeländes zu verkaufen. Die Genehmigung wird anstandslos, wenn auch nur mündlich, erteilt. Doch die Freude währt nicht lange: Als er am 23. Juni versucht, in Sichtweite der Universität, aber auf einem öffentlichen Platz, erneut die <em>konkret</em> zu verkaufen, wird er nach einiger Zeit von einem Polizisten auf das Polizeipräsidium zitiert, wo ihm der weitere Verkauf der Zeitschrift vom stellvertretenden Polizeidirektor Greß und Amtmann Wagner verboten wird.</p>
<p style="text-align:left;">Als dann eine Delegation der <em>Freiburger Studentenzeitung</em> bei der Polizei vorspricht, stellt sich heraus, daß dieser überraschende Entzug der Verkaufserlaubnis auf einen Telefonanruf des bereits unrühmlich bekannten Dr.&nbsp;Curtius zurückgeht. Das Verbot selbst wird dann mit verkehrstechnischen Bedenken begründet, die dann auf Nachfrage folgendermaßen konkretisiert werden:</p>
<blockquote><p>„a) »konkret« sei eine Zeitschrift, in der — »wie verlautet« — Artikel erschienen, »an denen sich die Gemüter erhitzten.«<br /> b) Durch die Person des Freiburger Vertreters der Zeitung sei ein ruhiger Verkauf nicht gewährleistet. Dazu: »Herr H. ist offenbar Grieche und gehört mithin einem Volk an, das für seine Geschäftstüchtigkeit bekannt ist.«“ ([2], S.7)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn der Studentenrat am 26. Juni 1960 folgenden Beschluß faßt:</p>
<blockquote><p>„Nachdem der Hohe Senat in seinem auf die Universität beschränkten Beschluß vom 15. 6. 1960 im Gegensatz zu der Meinung des Studentenrates keine Beschneidung der studentischen Informationsfreiheit sieht, ist der Studentenrat außerordentlich erstaunt, daß das Akademische Rektorat jetzt versucht, durch Beeinflussung der Polizei den Vertrieb von Studentenzeitungen auch außerhalb der Universität zu verhindern. Der Studentenrat versteht dieses Verhalten nicht und bittet das Akademische Rektorat um Stellungnahme.“&nbsp;(zit. nach [2], S.&nbsp;7)</p></blockquote>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h3><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a> Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;">[1] <b>H[orst].B[reier].</b>, „&#8220;Konkret&#8220;-es“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.4 (Juni 1960): S.6.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>H[orst].B[reier].</b>, „&#8220;Konkret&#8220;-es II“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.7.</p>
<p style="text-align:left;">[3] <b>Redaktion der Freiburger Studentenzeitung</b>, „Aus der Presse zitiert“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.14.</p>
<p style="text-align:left;">[4] „Senatsprotokoll vom 15. Juni 1960“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> B12 (Senatsprotokolle).</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a>[5] „Senatsprotokoll vom 14. Januar 1959“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> B12 (Senatsprotokolle).</p>
</p></div>
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		<item>
		<title>Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 3</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Dec 2011 13:55:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nicht kategorisiert]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben. Die Grundentscheidung, drinnen zu bleiben, war aber richtig.“ Brief von Hans Thieme an Arthur Baumgarten [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=2001&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;">„<i>Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben. Die Grundentscheidung, drinnen zu bleiben, war aber richtig.“</i></p>
<p style="text-align:right;">Brief von Hans Thieme an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947</p>
<p style="text-align:left;">Ich weiß, es ist zu viel des Guten: Drei Artikel auf die Geisteshaltung eines mehr oder minder bedeutungslosen konservativen Jura-Professors zu verschwenden, nur weil dieser sich im Jahr 1960 eine beachtenswerte Auseinandersetzung mit kritischen Studenten geliefert hat. Aber der Fall scheint mir durchaus exemplarischen Charakter zu haben. Rekapitulieren wir noch einmal, was wir über Professor Dr. Hans Thieme, 1960 Rektor der Universität Freiburg, bislang erfahren haben.</p>
<p style="text-align:left;">Zum einen empfand er sich, ganz subjektiv, als jemand, der mit den Nationalsozialisten nichts am Hut hatte, der im Grunde seines Herzens Antifaschist war und dessen Karriere durch den Nationalsozialismus nur Nachteile erfahren hatte. Vor allem der nationalsozialistische Studentenbund stellte in seinen Augen das Haupthindernis dafür dar, daß seine Karriere nicht in den geordneten Bahnen verlief, in denen sie auf Grund seiner Herkunft und seiner wissenschaftlichen Meriten hätte verlaufen sollen.</p>
<p style="text-align:left;">Zum anderen haben wir bislang aber auch erfahren, daß Thieme – wie viele seiner Klasse – gegenüber dem Volksgemeinschaftsgedanken der Nationalsozialisten durchaus aufgeschlossen war. Seine Teilnahme an der Bücherverbrennung 1933 oder sein Eintritt in die Motor-SA deuten darauf hin, daß er sich in der Anfangszeit durchaus bemühte, seine Rolle als aktives Mitglied der nazistischen Volksgemeinschaft zu spielen, sei es nun aus Überzeugung, sei es aus Opportunismus.</p>
<p style="text-align:left;">In den Papieren, die sich im Konvolut seiner Entnazifizierungsakten findet, beteuert er immer wieder, daß seiner Mitgliedschaft in verschiedenen nazistischen Organisationen die innere Überzeugung gefehlt hätte, ja, daß sie ihm eigentlich immer gegen seinen Willen aufgezwungen worden sei. Typisches Beispiel hierfür ist seine Beschreibung, wie und warum er Mitglied der NSDAP wurde:</p>
<blockquote><p>„Ich bin Mai 1937 Mitglied der NSDAP geworden. Der Vorgang war folgender: Ich erhielt eines Tages, <i>ohne jeden diesbezüglichen Schritt meinerseits</i>, einen Brief meines zuständigen Fachgruppenführers im nat-soz. Dozentenbund, er habe mich zur Aufnahme in die Partei vorgeschlagen; ich möchte einen entsprechenden Antrag stellen. Hätte ich mich darauf ablehnend verhalten, so wäre ich als Professor – ich war damals Extraordinarius in Breslau – wie als Beamter überhaupt erledigt gewesen. Das weiss jeder, der im Dritten Reich gelebt hat. Da ich übrigens die Voraussetzungen für die Aufnahme in die Partei – Verdienste um die Bewegung, Betätigung als Amtswalter usw. nicht erfüllte, erfolgte meine Aufnahme schliesslich nicht einmal auf Grund meines Antrags, sondern <i>auf Antrag des Gauleiters</i>, also ohne jede Einflussnahme meinerseits.“ ([6])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Er hat zwar einen Antrag gestellt, aber er wurde gar nicht auf Grund seines Antrags in die Partei aufgenommen. So leicht konnte man damals also in eine Partei hineinrutschen, mit der man eigentlich nichts am Hut hatte. Thieme beteuert in den Akten weiter, er sei in der NSDAP immer nur eine Karteileiche gewesen, sei nie zu den Parteiversammlungen gegangen und habe auch das Parteiabzeichen niemals angesteckt. Eine aktive Rolle habe er nie gespielt.</p>
<p style="text-align:left;">Für die Partei stimmt das wahrscheinlich auch, denn zur Zeit seines Parteieintrittes wandte sich Thieme wieder der Kirche zu, aus der er 1933 ausgetreten war. Was er aber in allen Dokumenten zu seiner Entnazifizierung völlig ausblendet, ist seine Rolle im nationalsozialistischen „Rechtswahrer-Bund“. Denn hier hat sich Thieme in den Jahren 1934/35 durchaus aktiv eingebracht und in dessen von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Frank" target="_blank">Hans Frank</a> herausgegebenem Zentralorgan <i>Deutsches Recht</i> drei Artikel publiziert.</p>
<p style="text-align:left;">Diese Artikel sind vor allem deshalb interessant, weil sich Thieme in diesem Fall nicht damit herausredet, er habe sie wider besseres Wissen, quasi auf Druck von außen verfaßt. Als ihn Otto Köhler 1961 in einem Artikel in der <i>konkret</i> als einen von „Hitlers willigen Denkern“ bezeichnet, rechtfertigt sich Thieme in einem Leserbrief. Natürlich weist er wieder einmal darauf hin, „welches die Situation junger Dozenten, die nicht zur Partei gehörten, damals war – nicht zuletzt gerade wegen des Drucks ihrer Studenten“ ([7]); viel interessanter als dieses uns inzwischen bekannte Stereotyp aber ist, daß er Köhler vorwirft, nur die Tatsache der Publikation in einem solchen Blatt für seinen „Rufmord“ heranzuziehen, „ohne zu berücksichtigen, was dort überhaupt steht“ ([7]). Wir können also davon ausgehen, daß Thieme nicht der Meinung ist, sich inhaltlich von dieser Artikelserie distanzieren zu müssen. Aus diesem Grund erweist sich ihr Inhalt für die Kontinuität von Thiemes Rechts- wie auch Gesellschaftsauffassung als ziemlich erhellend.</p>
<p style="text-align:left;">Um es gleich von vornherein zu sagen: Es steht nichts Rassistisches oder Antisemitisches in diesen Artikeln; und was Thieme schreibt, fügt sich nahtlos in die Kontinuität seines Denkens auch nach dem 2.&nbsp;Weltkrieg ein. Deshalb sah Thieme wohl auch keinen Grund dafür, sich inhaltlich von diesen Artikeln distanzieren zu müssen. Aber er erachtet gerade das als unbedenklich, was die Nazis mit den konservativen Bürgerlichen verband: Die Vorstellung der Nation als einer hierarchisch gegliederten Volklsgemeinschaft.</p>
<p style="text-align:left;">Thema aller drei Artikel ist das <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/09/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-2/" title="Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 2" target="_blank">letzte Woche</a> bereits erwähnte „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ oder einfacher Arbeitsordnungsgesetz (AOG) ([11]). Ziel dieses Gesetzes war es, die notwendigen Interessenskonflikte in den Betrieben wegzudefinieren, um damit den Arbeitern jegliche Kampfmittel aus der Hand zu nehmen.</p>
<p style="text-align:left;">Dazu wird erst einmal das Vertragsverhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern zugunsten eines Verhältnisses von Führer und Gefolgschaft uminterpretiert (§1). Thieme sieht ganz deutlich, daß es darum geht, den objektiven Interessensgegensatz zu Gunsten der Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie einfach wegdekretiert. Um diesen „revolutionären“ Gehalt des AOG herauszuarbeiten, vergleicht er es mit Roosevelts New Deal, bei dem es ja auch um eine Neuordnung der Ar­beits­verhältnisse während der Großen Depression ging:</p>
<blockquote><p>„Auch unter der Herrschaft der <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/National_Industrial_Recovery_Act" target="_blank">NIRA (National Industrial Recovery Act)</a> stehen sich die Partner der Arbeitsordnung als feindliche Parteien gegenüber. Vereinigiungs- und Streikrecht sind ausdrücklich bestätigt [...]. Anders die Gedankenwelt des neuen <em>deutschen</em> Arbeitsrechts [...]. Nicht mehr als feindselige Prozeßgegner sollen Gefolgschaft und Betriebsführer den Treuhänder anrufen, sondern als gemein­schafts­bewußte Glieder eines Ganzen.“ ([3], S.466)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Der Jurist Thieme begrüßt also ausdrücklich, daß an die Stelle bürgerlicher Vertragsverhältnisse ein autoritäres Regime tritt: Die „Gefolgschaft“ hat dem „Betriebsführer“ „die in der Betriebsgemeinschaft begründete Treue zu halten“ (§2).</p>
<p style="text-align:left;">Was aber, wenn sich die Konflikte nicht wirklich wegdekretieren lassen, wenn es trotzdem zum Konflikt kommt? In diesem Fall tritt der „Treuhänder der Arbeit“ auf den Plan, der „für die Erhaltung des Arbeitsfriedens zu sorgen“ hat (§19). Dazu greift der „Treuhänder der Arbeit“ mit Hilfe von Richtlinien in die Tarif- und Betriebsautonomie ein.</p>
<p style="text-align:left;">Es ist eine mehr als ironische Pointe, daß Thieme diesen autoritären Eingriff des „Treuhänders der Arbeit“ in die Betriebsautonomie nicht nur rechtfertigt, sondern die Befugnisse des Treuhänders viel weiter gefaßt sehen will, als dies der Schöpfer des AOG, Werner Mansfeld, intendierte. Bei Mansfeld handelte es sich um einen Freikorps- und wahrscheinlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stahlhelm,_Bund_der_Frontsoldaten" target="_blank">Stahlhelm</a>-Kämpfer, der in der Weimarer Republik für den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Verein_f%C3%BCr_die_bergbaulichen_Interessen_im_Oberbergamtsbezirk_Dortmund" target="_blank"><em>Verein für die Bergbauliche Interessen</em></a> unter anderem die Tarifverhandlungen mit den bzw. gegen die Gewerkschaften führte. In die NSDAP trat er erst 1933 ein ([2], S.330). Mansfeld ging es vor allem darum, die Gewerkschaften auszuschalten, das bereits vor dem AOG existierende Konstrukt eines „Treuhänders der Arbeit“ diente mehr oder minder als Feigenblatt, um dem Ganzen einen national-„sozialistischen“ Anstrich zu geben. Mansfeld nahm ganz klar eine unternehmerfreundliche Position ein und wollte in den Treuhänder-Richtlinien nur unverbindliche, lediglich zur Berücksichtigung empfohlene Hinweise sehen.</p>
<p style="text-align:left;">Dagegen positionierte sich Thieme als der bessere Nationalsozialist. Ihm zufolge geht es, wenn der Treuhänder Richtlinien erläßt, „nicht an, daß die Betriebsführer sich darüber hinwegsetzen und bestenfalls ehrengerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.“ ([3], S.467) Der „Betriebsführer“ ist für ihn eindeutig dem „Treuhänder“ untergeordnet.</p>
<p style="text-align:left;">Thieme ist es also mit der „Volksgemeinschaft“ richtig ernst, das bürgerliche Recht hat für ihn ausgedient, an seine Stelle tritt ein „deutsches“ Recht, das sich einen feuchten Dreck um Gesetzestexte schert, sondern vor allem den „Geist“ eines Gesetzes zum Rechtfertigungsgrund juristischen Handelns erklärt:</p>
<blockquote><p>„Absichtlich war das AOG von seinen Schöpfern elastisch gefaßt; das heißt, es ist mehrdeutig und empfängt sein Gepräge aus der Hand der Rechtswahrer, die es anwenden und durch den Geist, in dem dies geschieht.“ ([4], S.&nbsp;214)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Mit anderen Worten, es herrscht pure Willkür in seiner Anwendung. Oder um es mit Thiemes eigenen Worten zu sagen:</p>
<blockquote><p>„Positivistisches Rechtsdenken und nationalsozialistische Gesetze können schwerlich gut zusammenpassen.“ ([5], S.&nbsp;502)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">An die Stelle verbindlicher Richtlinien tritt deshalb das autoritäre Führer-Prinzip. Der „Betriebsführer“ hat die absolute Macht über die „Gefolgschaft“, der „Treuhänder“ dann wieder über den „Betriebsführer“. Der eigentliche Witz ist, daß Thieme diese autoritäre Hierarchie keineswegs als Herrschaft verstanden wissen will. Vielmehr behauptet er,</p>
<blockquote><p>„daß <em>Führung als Tätigkeit</em> heute die <em>wesensmäßige, existenzielle Verbundenheit</em> mit einer <em>Gefolgschaft</em> bedeutet und sich dadurch von bloßer <em>Herrschaft</em> unterscheidet [...] Der <em>Gemeinschaftsgedanke</em> ist dem Führergrundsatz immanent und ebenso die <em>»Verantwortung nach oben.«</em>“ ([4], S.&nbsp;215)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Das einzige, was Thieme zufolge das Willkürhandeln eines solchen „Führers“ einschränkt, ist der „Maßstab der <em>sozialen Ehre</em>“, was für ihn ein „Wiederaufleben deutschen Rechtsdenkens“ darstellt ([4], S.&nbsp;215). Dieses „deutsche Rechtsdenken“ ist eben kein bürgerliches Recht mehr:</p>
<blockquote><p>„Das heutige Rechtsdenken nun erfaßt das Arbeitsrecht wieder als <em>ständisches Recht</em> und stellt »Arbeiter« neben »Unternehmer« und »Bauer«. Wie überhaupt der Gedanke ständischer Verschiedenartigkeit des Rechts [...] im Gegensatz zum 19. Jahrhundert neu lebendig ist.“ ([5], S.&nbsp;502f)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Damit hat das bürgerliche Recht ausgespielt:</p>
<blockquote><p>„[V]om <em>ständischen</em> Recht her muß heute die Erneuerung des für <em>alle</em> geltenden geschehen. Wenn auch das BGB noch lange bleibt, so wird doch vom Erbhofrecht her das Bodenrecht neu durchdacht; die Marktordnung des Reichsnährstandes gibt den Austauschgeschäften ein neues Gesicht, und so kann auch das Arbeitsrecht dazu verhelfen, das Vertragsdenken zu überwinden [...].“ ([5], S.&nbsp;503)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Ein distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus sieht, vorsichtig formuliert, anders aus. In den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes ist Thieme also durchaus ein eifriger Verfechter der neuen, autoritär-hierarchischen Gesellschaftsordnung, die mit der bürgerlichen Gleichheit vor dem Gesetz aufräumt. Daß diese Auffassung auf juristische Willkür und letztlich Gewalt hinausläuft, ignoriert er zunächst geflissentlich. Dies ist umso erstaunlicher, weil sein Bruder Karl 1933 als Professor entlassen wurde, weil er aktiver Sozialdemokrat war, und 1935, als die Gestapo ihm nachstellte, ins Exil flüchtete ([10]).</p>
<p style="text-align:left;">Es ist schwer zu sagen, was Hans Thieme dann in der zweiten Hälfte der 30er Jahre bewogen hat, auf größere Distanz zu gehen. Möglicherweise spielten die eigenen Erfahrungen mit seiner Ordinierung in Breslau eine Rolle:</p>
<blockquote><p>„Intrigen, wie sie damals an der Tagesordnung waren, wurden gegen mich gesponnen, das Parteiministerium, aber auch die Studentenschaft spielten eine dunkle Rolle; man sagte mir allerhand nach, was Ehre und Ruf schädigen sollte.“ ([8], S.&nbsp;136)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Der Eintritt in die NSDAP verhalf ihm dann zwar zu seinem Ordinariat, doch habe ich aus der Zeit danach keine Zeugnisse für einen positiven Bezug auf den Nationalsozialismus mehr gefunden; stattdessen wandte sich Thieme jetzt wieder der Religion zu. Aber seine „Utopie“ der Volksgemeinschaft, die Vorstellung von Führung und Gefolgschaft, die selbstverständliche Annahme einer hierarchischen Rangordnung innerhalb der Gesellschaft, verließ ihn auch nach 1945 nie.</p>
<p style="text-align:left;">Wie sehr Thieme diese gesellschaftlichen Rangordnungen verinnerlicht hat, zeigt sich nur allzudeutlich in seinem Ende der 40er Jahre redigierten Kriegstagebuch. Dort distanziert er sich, wenig verwunderlich, vehement von den Gräueltaten der SS und strickt mit am Mythos der „sauberen Wehrmacht“. Als er 1944 zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands abkommandiert wird, schreibt er:</p>
<blockquote><p>„Wir hatten es bisher mit anständigen, soldatischen Aufgaben zu tun gehabt und wollten uns nun nicht in elfter Stunde noch in die Schweinereien jener Kreise [der SS] hineinziehen lassen.“ ([9], S.&nbsp;301)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Um aber die besondere Perfidie der SS-Schergen deutlich zu machen, beschreibt er einen Flüchtlingszug von polnischen Frauen und Kindern. Schaudernd wendet er sich ab von dem kalten Zynismus des SS-Offiziers, der diese Flüchtlinge nur ziehen läßt, weil er nicht genügend Munition hat, um mehr als die Männer zu erschießen. Doch beim Versuch, diesem Zynismus seine eigene Empathie mit den polnischen Flüchtlingen entgegenzustellen, kommt der ihm eigene, durch seiner eigenen Vorstellungen von gesellschaftlicher Hierarchie und Wertigkeit geprägte Zynismus erschreckend zum Vorschein:</p>
<blockquote><p>„Was einem in diesem Elend besonders naheging, war, daß es sich diesmal nicht, wie in Rußland, um ganz arme, sowieso schon jammervolle Gestalten handelte, sondern um Menschen unserer Gesellschaftsschicht, Damen in Pelzmänteln, hübsche, bis vor 2 Tagen noch »gepflegte« Kinder.“ ([9], S.&nbsp;304)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Bei russischen Hungerleidern hält sich das Mitleid des nun wieder christlichen Thieme in Grenzen, aber wenn die Opfer Pelzmantel tragen, ist er erschüttert. Nicht, daß sich Thieme damit auf die selbe Ebene wie den von ihm beschriebenen SS-Schergen stellen würde, aber es macht deutlich, wie schwer diesen konservativ-bürgerlichen Kreisen der Gedanke der Humanität, der nicht diskriminierenden Empathie mit den Opfern von Terror und Gewalt, fällt.</p>
<p style="text-align:left;">Wie diese Geisteshaltung dann 1960 den Konflikt mit der <i>Freiburger Studentenzeitung</i> prägt, lesen Sie nächste Woche, wenn Thieme meint:</p>
<blockquote><p>„Man muß sich sehr genau überlegen, wo man den Mittelweg findet zwischen dem berechtigten Informationsstreben der jungen Generation und der Verantwortung der Älteren – wenn ich&#8217;s kraß ausdrücken soll – jugendgefährdende Schriften eben von der Jugend fernzuhalten. In diesem Sinne sind auch die Besucher an der Universität in meinen Augen noch Objekte unserer Erziehung, auch wenn ihnen schon staatsbürgerliche Rechte zustehen.“ ([1], S.9)</p></blockquote>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h3><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a> Literaturverzeichnis</h3>
<p style="text-align:left;">[1] <b>Hemmerich, P.</b>, „Interview mit Hans Thieme“, in: <i>Die Zeit</i>, Jg.16 (1961), Nr.15 (7. April 1961): S.9 &#8211; 10.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>Mason, T. W.:</b> „Zur Entstehung des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934: Ein Versuch über das Verhältnis »archaischer« und »moderner« Momente in der neuesten deutschen Geschichte“, in: <b>Mommsen, H.; Petzina, D. &amp; Weisbrod, B. (Hg.)</b>, <i>Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik Bd.1</i>, Kronberg/Ts. 1977.</p>
<p style="text-align:left;">[3] <b>Thieme, H.</b>, „Die rechtliche Stellung des Treuhänders der Arbeit“, in: <i>Deutsches Recht</i>, Jg.4 (1934), Nr.19 (10. Oktober 1934 1934): S.466 &#8211; 468.</p>
<p style="text-align:left;">[4] <b>Thieme, H.</b>, „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: <i>Deutsches Recht</i>, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935): S.214 &#8211; 217.</p>
<p style="text-align:left;">[5] <b>Thieme, H.</b>, „Nationalsozialistisches Arbeitsrecht“, in: <i>Deutsches Recht</i>, Jg.5 (1935), Nr.19/20 (15. Oktober 1935): S.501 -504.</p>
<p style="text-align:left;">[6] <b>Thieme, H.:</b> „Brief an nicht genannten Adressaten vom 2. Juni 1945“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
<p style="text-align:left;">[7] <b>Thieme, H.:</b> „Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-075 (Studentische Mitbestimmung).</p>
<p style="text-align:left;">[8] <b>Thieme, H.:</b> „Letzte Vorkriegsjahre an der Breslauer Universität“, in: <b>Hupka, H. (Hg.)</b>, <i>Meine Heimat Schlesien</i>, München und Wien 1980.</p>
<p style="text-align:left;">[9] <b>Thieme, H.:</b> „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: <b>Martin, B. &amp; Lewandowska, S. (Hg.)</b>, <i>Der Warschauer Aufstand 1944</i>, Warschau 1999.</p>
<p style="text-align:left;">[10] <b>Thieme, K.:</b> „Eidesstattliche Erklärung vom 10. Juni 1946“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end2" id="JR_bib_end2"></a>[11] <b>Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom 20. Januar 1934</b> (Arbeitsordnungsgesetz &#8211; AOG): http://www.verfassungen.de/de/de33-45/arbeit34.htm</p>
</p></div>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a></p>
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		<title>Anatomie einer Geisteshaltung, Teil 2</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 13:28:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nicht kategorisiert]]></category>

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		<description><![CDATA[„Von der »Volksgemeinschaft« zu reden hieß nach 1945 zugleich, von Exklusions- und Distinktionsmechanismen zu schweigen.“ Malte Thießen ([7]) Wenn wir, wie letzte Woche angekündigt, begreifen wollen, was Thiemes Denken mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbindet, dann müssen wir uns zunächst ganz allgemein das anschauen, was als ideologische Brücke vom Bürgertum zu den Nazis führte: Die [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=1988&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;"><em>„Von der »Volksgemeinschaft« zu reden hieß nach 1945 zugleich, von Exklusions- und Distinktionsmechanismen zu schweigen.“</em></p>
<p style="text-align:right;">Malte Thießen ([7])</p>
<p style="text-align:left;">Wenn wir, <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/12/02/anatomie-einer-geisteshaltung-teil-1/" title="Anatomie einer Geisteshaltung,  Teil 1" target="_blank">wie letzte Woche angekündigt</a>, begreifen wollen, was Thiemes Denken mit der Ideologie des Nationalsozialismus verbindet, dann müssen wir uns zunächst ganz allgemein das anschauen, was als ideologische Brücke vom Bürgertum zu den Nazis führte: Die Ideologie der Volksgemeinschaft. Denn diese Ideologie war keineswegs das ausschließliche Monopol der Nationalsozialisten; auch für die bürgerlichen Parteien im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (bis hin zu den liberal-konstitutionellen) stellte die Volksgemeinschaft ein Ideal gesellschaftlicher Organisation dar.</p>
<p style="text-align:left;">Man vereinfacht nicht allzu sehr, wenn man die „Volksgemeinschaft“ als bürgerlichen Gegenbegriff zum „Klassenkampf“ ansieht. Die <i>Deutsche Demokratische Partei</i> etwa verwendete für die Wahlen von 1924 den Slogan: „Demokratie heißt Überwindung des Klassenkampfgedankens durch Volksgemeinschaft.“ (zit.nach [8], S.&nbsp;29) Imaginiert wird eine Gesellschaft, in der die Klassen zwar weiter existieren, aber zum Wohle des ganzen Volkes in Harmonie zusammenarbeiten. Dabei wird das Bild einer pseudo-mittelalterlichen Ständeordnung beschworen, wo jeder seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllt und damit glücklich ist. Konsequenterweise ist in diesem ideologischen Rahmen dann auch immer von „Ständen“ statt von Klassen die Rede.</p>
<p style="text-align:left;">Daß dieses Gesellschaftsmodell der Realität des Industriekapitalismus Hohn sprach, entwertete es keineswegs, sondern machte es umso attraktiver. Man wollte die Industriegesellschaft, aber bitteschön ohne Klassenkampf, so wie es in einer imaginären guten alten Zeit der Fall gewesen sein sollte. Und wenn die zeitgenössische Realität dem nicht entsprach, dann mußte jemand daran schuldig sein: Offenbar waren zersetzende Elemente am Werk, die die schöne Harmonie zwischen Bürgertum, Arbeitern, Bauern und Soldaten (so die gängige Klassifizierung der gesellschaftlichen „Stände“) zerstörten. Bei der Identifizierung dieser zersetzenden Elemente gab es allerdings gewisse Differenzen zwischen Nationalsozialisten und bürgerlichen Konservativen. Die Nazis verstanden die Volksgemeinschaft vor allem „rassisch“, die zersetzenden Elemente, die man vernichten mußte, um eine harmonische Volksgemeinschaft herzustellen, wurden als feindliche „Gegenrassen“ identifiziert: Insbesondere den Juden wurde vorgeworfen, die Volksgemeinschaft von innen zu zersetzen. Bei den bürgerlichen Konservativen, soweit sie nicht selbst antisemitisch und rassistisch eingestellt waren, wurde diese zersetzende Tätigkeit gewissenlosen sozialistischen Agitatoren unterstellt. Ohne deren Zutun, so die Vorstellung, wäre die Arbeiterklasse mit ihrem Los durchaus zufrieden.</p>
<p style="text-align:left;">Die Übergänge zwischen diesen beiden Formen des Volksgemeinschaftsdenkens (es gab auch noch eine dritte, demokratische) waren fließend. Es gibt aber einen zentralen Überschneidungspunkt. Konservative stimmten mit den Nationalsozialisten in einem militanten Anti-Bolschewismus überein. Selbst dort, wo die Konservativen die antisemitische Gleichsetzung von „Bolschewismus“ und „Judentum“ als unsinnig ablehnten, waren sie durchaus mit der allgemeinen Stoßrichtung zufrieden. Verhinderten die Nationalsozialisten, daß sozialistischen Agitatoren die Arbeiterklasse gegen das Bürgertum aufhetzten, so war der Antisemitismus ein kleiner Preis, den man dafür gerne zu zahlen bereit war.</p>
<p style="text-align:left;">Und so bildeten Volksgemeinschaftsdenken und Anti-Bolschewismus das ideologische Bindeglied zwischen Nationalsozialisten und Bürgertum, selbst dort, wo der antisemitische Kitt der nationalsozialistischen Ideologie nicht griff. Auch in den Teilen des Bürgertums, die den handgreiflichen Antisemitismus des Nazipöbels abstoßend fanden, erschien die nationalsozialistische Machtergreifung als kleineres Übel verglichen mit der als chaotisch empfundenen Weimarer Republik. Als die Nazis als erstes die Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse ausschalteten, schien die vom Klassenkampf befreite Volksgemeinschaft in greifbare Nähe zu rücken. Am 20.&nbsp;Januar 1934 wurde der Klassenkampfes mit dem „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ offiziell beendet, das harmonische Miteinander von Kapitalisten und Arbeiterklasse wurde Gesetz. Dessen <a href="http://www.verfassungen.de/de/de33-45/arbeit34.htm" target="_blank">erster Paragraph</a> lautete:</p>
<blockquote><p>„Im Betriebe arbeiten der Unternehmer als Führer des Betriebes, die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft gemeinsam zur Förderung der Betriebszwecke und zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat.“</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">So viel zum ideologischen Hintergrund, ohne den so jemand wie Hans Thieme nicht zu verstehen ist. Denn die Volksgemeinschaft ist und bleibt für Thieme, auch nach 1945 ein erstrebenswertes Ideal. Im Jahr 1969, als an der Universität erste zaghafte Versuche unternommen werden, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, hält Thieme einen Vortrag, der dann in der <i>Freiburger Studentenzeitung</i> ausführlich rezensiert wurde. In dieser Rezension heißt es:</p>
<blockquote><p>„Trotz seiner Abneigung gegen die meisten Ergebnisse des Faschismus gibt Thieme zu bedenken, daß der positive erzieherische Wert des Dritten Reiches nicht einfach unterschlagen werden dürfe. <b>Schließlich seien »viel Egoismus und – wie man heute sagt – &#8216;ohne mich&#8217; – Denken &#8230; damals bekämpft bekämpft und wenigstens zeitweise und bei beträchtlichen Teilen der Bevölkerung wirklich überwunden worden.«<br /></b>Thieme möchte gern die »Werte« retten, die der Faschismus für falsche Ziele »mißbraucht« hat. Für Thieme ist z. B. ein vom Nationalsozialismus pervertierter, aber an sich brauchbarer Wert: <b>»Hoch und Niedrig im Dienste an der Volksgemeinschaft zu vereinigen«.</b> Wie das nicht pervertiert vor sich gehen soll, ist uns schleierhaft. Unseres Wissens ist gerade dieser <b>»Wert« Thiemes ein Kernstück nationalsozialistischer Ideologie.</b> Er beinhaltet nämlich nichts anderes, als daß die Entrechteten und Unterprivilegierten ihre Klassenlage und ihre Wut auf die Ausbeuter vergessen sollen, um gemeinsam mit den Kapitalisten der »Volksgemeinschaft« zu dienen.“ ([1], S.&nbsp;9)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Der Vorwurf ist sicherlich gerechtfertigt; und trifft doch nicht exakt ins Schwarze. Thiemes Vorstellung von „Volksgemeinschaft“ ist eine andere als die der Nazis. Die terroristische Durchsetzung einer völkisch-homogenen Gemeinschaft, war ihm – das ist durchaus glaubwürdig – ein Gräuel. Weder war Thieme Antisemit noch ein Freund von Gewalt. Was die Nazis zunächst in den Straßen und dann in den okkupierten Ländern veranstalten, stieß ihn zutiefst ab. Aber er hielt dennoch am Ideal einer Gesellschaft fest, in der einerseits die bestehenden Klassenverhältnisse nicht angetastet würden, sich die Klassenkonflikte aber dennoch einfach in Luft auflösten. Nur sollte dieser idyllische Zustand nicht durch Gewalt hergestellt werden.</p>
<p style="text-align:left;">Diese Ideologie einer Klassenversöhnung ohne Aufhebung der Klassen zieht sich durch Thiemes ganzes Denken. In einem mit „Bürgertum“ betitelten Artikel aus dem Jahr 1948 wünscht er sich eben dieses Bürgertum „aufgeschlossen, verantwortungsbewußt, frei von Dünkel, aber auch ohne Minderwertigkeitskomplex. Und es wird hoffentlich ein Arbeitertum geben, das diesem Bürgertum nicht mehr feindselig gegenübersteht, sondern mit ihm zusammen die gemeinsamen Aufgaben angeht und es mit frischem Blut immer wieder verjüngt.“ ([3], S.&nbsp;2)</p>
<p style="text-align:left;">In Thiemes Vorstellung muß das Bürgertum mit gesundem Selbstbewußt seiner eigentlichen gesellschaftlichen Führungsverantwortung gerecht werden. Das Problem der Vergangenheit sieht er darin, daß das Bürgertum sein Selbstbewußtsein verloren und sich dem militanten Pöbel unterworfen habe. An diesem mangelnden Selbstbewußtsein verantwortlich war, wenn wir Thieme glauben schenken wollen, „der antibürgerliche Affekt bei der deutschen Jugendbewegung. Sie hat das Bürgertum am meisten diskreditiert.“ ([3], S.&nbsp;1) Als das Bürgertum nicht mehr willens war, seine Werte von Ordnung, Anstand und Sauberkeit rigoros durchzusetzen, begann der Niedergang: „Mit lügnerischen Plakaten fing es an, mit Bierseidel-Schlachten ging es weiter, und mit dem »Größten Feldherrn aller Zeiten« hörte es auf.“ ([4], S.&nbsp;4)</p>
<p style="text-align:left;">Der wahnhafte Glaube, die klassischen bürgerlichen Werte stünden im Gegensatz zum Nationalsozialismus, nimmt bei Thieme streckenweise groteske Züge an. In seinen Ende der vierziger Jahre anhand von Tagebuchnotizen diktierten Kriegserinnerungen berichtet er, wie er nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 auf Heimaturlaub durch das besetzte Polen reiste:</p>
<blockquote><p>„Ich muß sagen, es war erstaunlich, wie aufgeräumt und wohlverwaltet das Generalgouvernement [d.&nbsp;i. Polen] aussah. Vom Feldzug des Jahres 39 war so gut wie nichts mehr zu sehen. Ordnung, Sauberkeit, Wiederaufbau, zumal auf dem flachen Land. »Kirchhofsruhe« – aber doch ein Zeugnis,daß wir nicht so unfähig sind, fremdes Land zu verwalten, wie man hinterher sagt.“ ([5], S.&nbsp;306)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Eine andere Bezeichnung als „pervers“ fällt mir angesichts derartiger Äußerungen einfach nicht ein. Thieme ist mental in der Lage, den Nationalsozialismus vollständig vom Bürgertum anzukoppeln. Nationalsozialismus ist für ihn einfach nur Gewalt, Terror, Herrschaft des Pöbels und – für Thieme ganz wichtig – einer respektlosen Jugend. Das Bürgertum hingegen steht für Anstand, Ordnung, Sauberkeit und eine dem Gemeinwohl verpflichtete Führung.</p>
<p style="text-align:left;">Natürlich weiß Thieme um die Kapitulation des deutschen Bürgertums vor dem Nationalsozialismus:</p>
<blockquote><p>„Das politische Versagen weiter Kreise des Bürgertums wollen wir nicht beschönigen. Es fragt sich nur, ob es die anderen Stände besser gemacht haben, die Bauern, die Soldaten, die Arbeiter. Gab es nicht überall Einsichtige und Irrende? War einer dieser Stände derart führend bei der Katastrophe, die wir erlebt haben, daß ihm die Hauptschuld zufällt?“ ([3], S.&nbsp;1)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Damit ist das Bürgertum als Klasse exkulpiert und das ganze Problem löst sich auf in eine nebulöse Unterscheidung von Einsichtigen und Irrenden. Daß es gerade seine bürgerlichen Werte waren, die ihn zumindest in den ersten Jahren nach der Machtergreifung in bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus brachte, ignoriert Thieme geflissentlich. Ein krasses Beispiel findet sich in seiner Entnazifizierungsakte, in der er seine Teilnahme an der Bücherverbrennung auf dem Frankfurter Römerplatz 1933 legitimiert:</p>
<blockquote><p>„Ich sah in dieser Aktion trotz allem Über-das Ziel-Hinausschießen (so hat man sogar Fontane und Hofmannsthal verbrannt!) und trotz der antisemitischen Komponenten in erster Linie eine sympathische Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden, was auch mich an unsrer Litteratur und Kunst vielfach abgestoßen hatte, etwa im Feuilleton der sonst von mir sehr geschätzten Frankfurter Zeitung (Soma Morgenstern, Heinrich Simon, Bernhard von Brentano, Franz [gemeint ist wohl Siegfried] Krakauer, Erik Graf Wickenburg und wie jene Litteraten alle hießen) und meinte, man müsse die Jugend, die nun zu einer – allerdings tumultarischen – Maßnahme dagegen schritt, welche von Fern an das Wartburgfest erinnerte, dabei nicht im Stich lassen.“ ([6])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Man muß es sich wirklich klarmachen: Dies ist ein Text, den Thieme dem Entnazifizierungsausschuß vorlegte. In der Geisteswelt seiner bürgerlichen Werte ist die „Abkehr von allem Ungesunden, Zersetzenden“ in Kunst und Literatur völlig legitim. Wenn Kunst und Literatur nicht dem harmonischen Zusammenwirken der verschiedenen „Stände“ in der Volksgemeinschaft dienen, dann findet ein Bürger wie Thieme es einfach sympathisch, wenn einmal ein Zeichen gesetzt wird, auch wenn das etwas über das Ziel hinausschießt.</p>
<p style="text-align:left;">Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn wir uns genauer anschauen, was Thieme zum „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“ ([2]) zu sagen hat.</p>
<div id="JR_bib" dir="ltr">
<h4><a name="JR_bib_end2" id="JR_bib_end2"></a> Literaturverzeichnis</h4>
<p style="text-align:left;">[1]<b>Becker, N.</b>, „Thieme“, in: <i>Freiburger Studentenzeitung</i>, Jg.19 (1969), Nr.9 (4. Dezember 1969): S.9.</p>
<p style="text-align:left;">[2]<b>Thieme, H.</b>, „Führerprinzip in der Arbeitsverfassung“, in: <i>Deutsches Recht</i>, Jg.5 (1935), Nr.8 (25. April 1935 1935): S.214 &#8211; 217.</p>
<p style="text-align:left;">[3]<b>Thieme, H.</b>, „Bürgertum“, in: <i>Göttinger Universitäts-Zeitung</i>, Jg.3 (1948), Nr.17 (13. August 1948): S.1 &#8211; 2.</p>
<p style="text-align:left;">[4]<b>Thieme, H.</b>, „Anstand in der Politik“, in: <i>Göttinger Universitäts-Zeitung</i>, Jg.3 (1948), Nr.25 (3. Dezember 1948): S.4.</p>
<p style="text-align:left;">[5]<b>Thieme, H.:</b> „Erinnerungen eines deutschen Stabsoffiziers an den Warschauer Aufstand“, in: <b>Martin, B. &amp; Lewandowska, S. (Hg.)</b>, <i>Der Warschauer Aufstand 1944</i>, Warschau 1999.</p>
<p style="text-align:left;">[6]<b>Thieme, H.:</b> „Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
<p style="text-align:left;">[7]<b>Thießen, M.:</b> „Schöne Zeiten?“, in: <b>Bajohr, F. &amp; Wildt, M. (Hg.)</b>, <i>Volksgemeinschaft</i>, Frankfurt a.M. 2009.</p>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end1" id="JR_bib_end1"></a>[8]<b>Wildt, M.:</b> „Die Ungleichheit des Volkes“, in: <b>Bajohr, F. &amp; Wildt, M. (Hg.)</b>, <i>Volksgemeinschaft</i>, Frankfurt a.M. 2009.</p>
</p></div>
<p style="text-align:left;"><a name="JR_bib_end" id="JR_bib_end"></a></p>
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	</item>
		<item>
		<title>Anatomie einer Geisteshaltung,  Teil 1</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 17:07:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>alterbolschewik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nicht kategorisiert]]></category>

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		<description><![CDATA[„Es ist ein wenig viel, was man offenbar dem Bürgertum ankreiden möchte: Nationalismus, Versagen gegenüber der sozialen Frage, politische Reaktion, Unmoral, Nihilismus.“ Hans Thieme, 1948 Vorletzte Woche hatte ich über die Auseinandersetzung berichtet, die 1960 zwischen dem Rektor der Universität Freiburg und der Redaktion der Freiburger Studentenzeitung stattgefunden hatte. Und ich hatte die empörende Bemerkung [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=1977&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:right;"><i>„Es ist ein wenig viel, was man offenbar dem Bürgertum ankreiden möchte: Nationalismus, Versagen gegenüber der sozialen Frage, politische Reaktion, Unmoral, Nihilismus.“</i></p>
<p style="text-align:right;">Hans Thieme, 1948</p>
<p style="text-align:left;"><a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/11/19/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen-2/" title="Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (2)" target="_blank">Vorletzte Woche</a> hatte ich über die Auseinandersetzung berichtet, die 1960 zwischen dem Rektor der Universität Freiburg und der Redaktion der Freiburger Studentenzeitung stattgefunden hatte. Und ich hatte die empörende Bemerkung des Rektors gegenüber dem griechischen Redaktionsmitglied Nikos Hadjinicolaou referiert, dem von eben diesem Rektor beschieden wurde: „Sie sind besser ruhig! Darüber spreche ich nur mit Deutschen!“ ([1], S.&nbsp;2)</p>
<p style="text-align:left;">Diesen Text hatte ich während einer Zugfahrt, ohne Internetzugang geschrieben und dann sofort veröffentlich. Später interessierte mich dann doch, wer dieser Rektor namens Hans Thieme eigentlich gewesen war. Und es überraschte mich nicht im geringsten, als ich aus der Wikipedia erfuhr, daß Thieme 1937 in die NSDAP eingetreten war und im 2. Weltkrieg als Offizier gedient hatte.</p>
<p style="text-align:left;">Weitere Recherchen ergaben, daß Thieme dann nach dem Krieg enge Beziehungen zum rechten Rand des Konservativismus unterhielt. Der revanchistische Bund der Vertriebenen stellte da nur das Sahnehäubchen dar – eine wichtige Rolle spielte er auch im von den Altnazis <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Aubin" target="_blank">Hermann Aubin</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_K%C3%BCnzig" target="_blank">Johannes Künzig</a> 1953 gegründeten Ostdeutschen Akademischen Arbeitskreises in Freiburg (Kopernikuskreis). Aubin kannte Thieme übrigens noch aus seiner Breslauer Zeit in den 30er Jahren, als Aubin der Nestor der rassistischen deutschen Volkskunde war.</p>
<p style="text-align:left;">Angesichts dieser Fakten schien sich das Bild endgültig abzurunden: Offensichtlich handelte es sich bei Thieme um einem alten Nazi und unverbesserlichen Revisionisten, der Ausfall gegen Hadjinicolaou war also durchaus im Rahmen des Erwartbaren. Kurz und gut: Thieme verkörperte, zumindest dem ersten Anschein nach, exemplarisch die 68er Parole, derzufolge es unter den Talaren nach dem Muff von 1000 Jahren roch.</p>
<p style="text-align:left;">Doch dieses simple Bild trügt. Tatsächlich ist Thiemes Verhalten um einiges komplexer, als es der eben skizzierte Lebenslauf vermuten läßt.</p>
<p style="text-align:left;">Es geht im Folgenden weder darum, Thieme posthum noch einmal etwas am Zeug zu flicken, noch ihn weißzuwaschen. Es geht einfach darum, zu verstehen, was das für Persönlichkeiten waren, mit denen sich die Nachkriegsgeneration herumschlagen mußte. Thieme ist, gerade in seiner Widersprüchlichkeit, ein erschreckendes Beispiel für die Werte und Vorstellungen seiner Generation und Klasse. Denn Thieme war, zumindest in seinem eigenen Selbstverständnis, tatsächlich so etwas wie ein Gegner des Nationalsozialismus. Im Entnazifizierungsbescheid heißt es über ihn:</p>
<blockquote><p>„Der Unterausschuss der Universität hat den Betroffenen am 20.11.1947 als »klaren Antifaschisten«für eine Einstufung nach Kat. V vorgeschlagen. Am 9.4.48 hat sich der Hauptausschuss dem angeschlossen, sodass der Betroffene unbedenklich als entlastet festgestellt werden konnte.“ ([8])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Nun sind solche Persilscheine natürlich mit Vorsicht zu genießen. Immerhin war Thieme Mitglied der Motor-SA, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund und, wie in der Wikipedia korrekt konstatiert, der NSDAP. Die Dokumente in Thiemes Entnazifizierungsakte belegen aber durchaus glaubwürdig, daß er die Nazis verabscheute und allein aus Karrieregründen den genannten Organisationen beitrat. Selbstkritisch bekannte er 1947:</p>
<blockquote><p>„Wenn ich mich alles in allem prüfe, so muß ich gewiß ehrlich zugeben, während des dritten Reichs auch manchen Fehler gemacht und zu der Kollektivschuld, die ich in gewissem Sinn bejahe, auch ein Teil Individualschuld auf mich geladen zu haben.“ ([5])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Daß Thieme mit der Partei, ihren Organisationen und dem ganzen nationalsozialistischen Staat am liebsten gar nichts zu tun gehabt hätte, ist ziemlich unzweifelhaft. Umso erschreckender ist es, daß wesentliche Pfeiler seiner Gedankenwelt nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie kompatibel waren, sondern sich von dieser überhaupt nicht unterscheiden lassen. Doch dazu nächste Woche mehr.</p>
<p style="text-align:left;">In der Nachkriegszeit jedenfalls verstand sich Thieme ohne jeden Zweifel als jemand, für den eine „offene Verurteilung dieser üblen Vergangenheit, das redliche Bestreben, es besser zu machen“ selbstverständlich waren ([3], S.&nbsp;4). Exemplarischer Ausdruck hierfür ist der Aufsatz „Hochschullehrer klagen an“, den Thieme 1953 veröffentlichte. Thieme setzt sich darin scharf mit einer Publikation eines Herbert Grabert auseinander, der als Vorsitzender eines „Verbandes der nichtamtierenden (amtsverdrängten) Hochschullehrer“ fungierte. Der Terminus der „amtsverdängten“ Hochschullehrer war nichts anderes als ein Euphemismus für in der Wolle gefärbte Nazis, die für die Universitäten beim besten Willen (und dieser reichte weit) nicht mehr tragbar waren. Thieme empörtesich zurecht:</p>
<blockquote><p>„Mit keinem Wort geht er [Grabert] darauf ein, was eigentlich an den deutschen Hochschulen vor 1945 geschah. [...] Weiß er nichts mehr von Gleichgültigkeit und Eigennutz, Lieblosigkeit und Ehrgeiz, die 1933 in der deutschen Hochschullehrerschaft erschreckend zu tagen traten, Juden, Mischlinge und politisch Andersdenkende ächteten, denunzierten, depossedierten, in Not und Verzweiflung trieben, ins Exil und nicht selten in den Selbstmord? [...] Hat er nie etwas von der „Deutschen Mathematik“ gehört, von einem Anatomen, der die Skelette ad hoc ermordeter Juden sammelte, von anderen Medizinern, die Zwangsexperimente mit Häftlichen veranstalteten, von Theologen, die historisch, dogmatisch oder kirchenpolitisch Nationalsozialismus und Christentum unter einen Hut brachten, von Juristen, die den »großartigen Kampf des Gauleiters Streicher« rühmten, das Judentum als »volkgewordene Kriminalität« kennzeichneten, dem Reichsführer SS zum 50. (!) Geburtstag eine Festschrift darbrachten oder die »Kriegsschuldfrage 1939« wider besseres Wissen zurechtbogen?“ ([3], S.&nbsp;3f)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Und völlig korrekt führt Thieme weiter aus:</p>
<blockquote><p>„Eine unumgängliche Rücksicht schulden wir dagegen den aus der Emigration zurückgekehrten Kollegen. Manchem kann es nicht hoch genug angerechnet werden, daß er trotz Unbill und Leid, die ihm zugefügt wurden, wieder zu uns gekommen ist. Dürfen wir solchen Männern zumuten, in den Fakuĺtäten mit solchen zusammenzuarbeiten, die gleichsam den ordre public verletzt haben? Hier gibt es eine echte Wiedergutmachungspflicht, die selbst auf Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen hat.“ ([3], S.&nbsp;5)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Thieme ist ganz offenkundig jemand, der sich tatkräftig für einen demokratischen Neuanfang engagiert und dies auch öffentlich zum Ausdruck bringt. Ausdrücklich forderte er, es gelte „den Staat vor einer reaktionären Haltung der Universitäten und die studierende Jugend vor der Gefahr neuerlicher politischer Mißleitung zu bewahren.“ ([3], S.&nbsp;5)</p>
<p style="text-align:left;">Und in einem offenen Brief, in dem er sich gegen das Korporations(un)wesen ausspricht, bekräftigt er noch einmal:</p>
<blockquote><p>„Wir fühlen uns für die Universität, für die geistige und politische Entwicklung und für die junge Generation verantwortlich.“ ([4], S.&nbsp;11)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Genau darin aber liegt einer der Gründe dafür, daß es zu einer derartigen Entgleisung kommen konnte, wie sie sich Thieme gegenüber Hadjinicolaou erlaubte. Die beschworene Verantwortung für die Jugend äußerte sich in einer dezidiert patriarchal-autoritären Haltung. Die Lernenden sollten sich nicht einbilden, daß sie das Recht hätten, Kritik an den Lehrenden zu üben.</p>
<p style="text-align:left;">Dies ging durchaus auf persönliche biographische Erfahrungen während des Nationalsozialismus zurück. Thiemes Klage über aktivistische Studenten zieht sich wie ein roter Faden durch seine Schriften. Im bereits zitierten Artikel gegen Grabert beklagt er sich nachträglich über die „einflußreichen »jungen Marschierer[...]« und »politischen Soldaten« vom Studentenbund“ ([3], S.&nbsp;3). In einem anderen Artikel erklärt er:</p>
<blockquote><p>„Die NS-Studenten sind in der Zeit des »Umbruchs« viel einflußreicher gewesen als jemals die Professoren. Sie hatten das Ohr der Partei; sie setzten die Rektoren unter Druck; sie rissen die Bücher aus den Regalen und schleppten sie zum Scheiterhaufen; sie forderten die Teilnahme der jüngeren Dozenten an Wehrsportlagern und SA. [...] Nur ein »militanter Typ« fand Gnade vor ihren Augen, keine »Intellektbestie«, wie der schöne Ausdruck lautete.“ ([2], S&nbsp;12)</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Ganz konkret bezieht sich dies auf ein Ereignis während Thiemes Frankfurter Zeit:</p>
<blockquote><p>„Für das WS 33/34 hatte ich keine Vorlesungen angekündigt, um ganz für die Fertigstellung meiner Habilitationsarbeit frei zu sein; dies weckte bei der Studentenschaft die Vorstellung, als sei ich ebenso wie so viele andere politisch nicht mehr tragbar. Man wußte nicht recht, woran man mit mir war, einerseits machte ich nirgends mit, andererseits hatte man mir auch nichts Positiv vorzuwerfen. Ich wurde zur Teilnahme an einem Wehrsportlager aufgefordert, lehnte aber wegen wissenschaftlicher Arbeitsverpflichtungen ab und geriet dadurch in einen erheblichen Konflikt mit dem damaligen Fachschaftsführer Marder, einem wilden SS-Mann, in dem mich nur die persönliche energische Führsprache meines Lehrers Beyerle vor einem Verdikt der Studenten rettete.“ ([6])</p></blockquote>
<p style="text-align:left;">Beinahe wäre es also mit der schönen Karriere zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Studentische Mitbestimmung ist ihm, wie politisches Engagement, das sich nicht in den rechtlich fest abgesteckten Bahnen bewegt, grundsätzlich suspekt. Und wahrscheinlich muß man eine derartige Haltung, die aus der Erfahrung mit den nationalsozialistischen Studenten geboren ist, bei einer großen Anzahl der damaligen Universitätsprofessoren einfach in Rechnung stellen, und zwar nicht nur bei alten Nazis oder einfachen Opportunisten wie Thieme, sondern gerade auch bei durchaus antifaschistisch gesinnten Hochschullehrern.</p>
<p style="text-align:left;">Schwerer jedoch als dieser, mit etwas gutem Willen auch als gut gemeint interpretierbare patriarchale Autoritarismus, wiegen die grundsätzlichen Gesellschaftsvorstellungen von Thieme, die tatsächlich mit einem demokratischen Gemeinwesen eigentlich nicht vereinbar sind.</p>
<p style="text-align:left;">Dazu nächste Woche mehr, wenn Thieme dann doch zugibt, daß er „tatsächlich kurze Zeit an die Möglichkeit eines »deutschen Sozialismus« unter Bewahrung christlicher und deutsch-rechtlicher Werte und an die Aufgabe, sich dafür einzusetzen“ glaubte ([7]).</p>
<h4> Literaturverzeichnis</h4>
<p style="text-align:left;">[1] <b>Redaktion der Freiburger Studentenzeitung</b>, „Eine Erklärung &#8211; kein Widerruf!“, in: <em>Freiburger Studentenzeitung</em>, Jg.10 (1960), Nr.5 (Juli 1960): S.2.</p>
<p style="text-align:left;">[2] <b>Thieme, H.</b>, „Ankläger Jugend?“, in: <em>Göttinger Universitäts-Zeitung</em>, Jg.3 (1948), Nr.19 (10. September 1948): S.12.</p>
<p style="text-align:left;">[3] <b>Thieme, H.</b>, „Hochschullehrer klagen an“, in: <em>Deutsche Universitätszeitung</em>, Jg.8 (1953), Nr.7 (7. April 1953): S.3 &#8211; 5.</p>
<p style="text-align:left;">[4] <b>Thieme, H.</b>, „An einen Alten Herrn“, in: <em>Deutsche Universitätszeitung</em>, Jg.8 (1953), Nr.9 (4. Mai 1953): S.11.</p>
<p style="text-align:left;">[5] <b>Thieme, H.:</b>„Brief an Arthur Baumgarten vom 29. 3.1947“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
<p style="text-align:left;">[6] <b>Thieme, H.:</b>„Meine politische Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b>C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
<p style="text-align:left;">[7] <b>Thieme, H.:</b>„Leserbrief an konkret vom 21.1.1961“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-075 (Studentische Mitbestimmung).</p>
<p style="text-align:left;">[8] „Entnazifizierungsbescheid Thieme vom 1. Dezember 1948“, in: <b>Universitätsarchiv Freiburg</b> C46-275 (Entnazifizierungsakten Thieme).</p>
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		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 16:27:31 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p align="left">Den <a href="http://shiftingreality.wordpress.com/2011/11/19/meinungsfreiheit-wurde-und-beleidigungen-2/" title="Meinungsfreiheit, Würde und Beleidigungen (2)" target="_blank">letztwöchigen Text</a> hatte ich im Bummelzug durch den Schwarzwald und über die schwäbische Alb geschrieben und sofort bei meiner Ankunft online gestellt. Ich hatte also keine Zeit, genauer nachzusehen, wer denn dieser Rektor war, der einem ausländischen Studenten das Wort mit der Bemerkung abschnitt, er rede nur mit Deutschen. Als ich dann später in der Wikipedia seine Magnifizenz <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Thieme" title="Hans Thieme" target="_blank">Prof. Dr. Hans Thieme</a> nachschlug, verwunderte mich der Hinweis, er sei seit 1937 Mitglied NSDAP gewesen, nicht besonders. Und da ich diese Woche Zeit hatte, beschloß ich, mich etwas näher mit diesem Mann zu beschäftigen. Thieme schien mir eine exemplarische Gestalt zu sein, wirkte doch der 68er Slogan &#8222;Unter den Talaren: Muff von 1000 Jahren&#8220; geradezu auf ihn maßgeschneidert.</p>
<p align="left">Doch die Person Hans Thieme ist viel komplexer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Und so stehe ich nach mehrtägigen Recherchen im Universitätsarchiv jetzt erst einmal vor einem Berg von Material, den ich in eine vernünftige Form bringen muß. Deshalb muß ich meine treue Leserschar diese Woche leider enttäuschen &#8211; ich bin nicht fertig geworden. Dafür gibt es nächste und übernächste Woche zwei mehr als ausführliche Texte, einen zu Hans Thieme, einen zur Auseinandersetzung um das Vertriebsverbot für Studentenzeitungen an der Universität Freiburg im Jahr 1960.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/shiftingreality.wordpress.com/1967/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/shiftingreality.wordpress.com/1967/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=shiftingreality.wordpress.com&amp;blog=1381467&amp;post=1967&amp;subd=shiftingreality&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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