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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Das Provotariat hat nichts zu verlieren…

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Wir wollten eine Bewegung schaffen, die sich an das richtete, was wir später das »Provotariat« nannten, das heißt, die Zusammenballung aller Studenten, Künstler, Beatniks, Mods, Rocker und so weiter, die alle auf ihre Art schon protestieren, aber noch ohne politisches Bewußtsein.“

Martin Lindt

Der Happening-Künstler Robert Jasper Grootveld, den wir letzte Woche kennengelernt haben, gehörte, wenn wir ihn überhaupt einordnen wollen, im weitesten Sinne zu dem, was in den 60er Jahren „Gegenkultur“ genannt wurde. Diese hatte sich, ausgehend von Kalifornien, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entwickelt und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, irgendwann in den nächsten Wochen Thema sein. Heute soll es darum gehen, wie sich diese Gegenkultur politisch radikalisierte und vor allem um die Person, die diese Politisierung als bewußte Strategie entwickelte: Roel van Duyn.

Natürlich waren die gegenkulturellen Strömungen nicht unpolitisch. Aber ihre Vorstellung von Politik drückte sich primär in einem recht naiven Pazifismus aus. Wenn sich die Gegenkultur der späten 50er und frühen 60er Jahre politisch positionierte, dann im Rahmen der diversen Aktionsbündnisse gegen nukleare Bewaffnung. Allerdings begann sich Mitte der 60er Jahre eine Kritik an den ritualisierten Formen des pazifistischen Protestes zu artikulieren. Eines der ersten Flugblätter der Kommune I wurde am 26. März 1967, wenige Wochen vor dem Pudding-Attentat, auf dem Ostermarsch in Berlin verteilt:

„Ostermarschierer, Ostermärtyrer,
Ihr demonstriert für die Zukunft.
In der Gegenwart paßt ihr euch an.
Ihr protestiert gegen die Bombe.
Selber wollt ihr keine legen.“ (zit. nach [2], S. 112)

Doch wie schon beim Pudding-Attentat kopierte die Kommune hier ein Amsterdamer Vorbild. Bereits knapp zwei Jahre zuvor, am 25. Mai 1965, war in Amsterdam zur Unterstützung einer neuen Zeitschrift namens „Provo“ aufgerufen worden, die ab Juli 1965 erscheinen sollte. In diesem Aufruf hieß es:

„Genossen!
Die Bewegung gegen die Atombombe, die das einzig dynamische Element in der holländischen Linken zu sein schien, hat sich in einen Hinterhof verkrochen. Die „ban-de-bom“-Gruppen haben ihre Arbeit eingestellt. […] Der jährliche Marsch durch Amsterdam, der mit der schmerzhaften Regelmäßigkeit und Sinnlosigkeit eines Rituals vollzogen wird, hält die Flamme gerade so am Leben.
Die holländische Linke wird neue Wege finden müssen, um wirkliche Resultate zu erzielen, bevor sie jegliche Anziehungskraft verliert. Wir glauben, daß gewaltloser Widerstand nur deshalb zufällig unseren Zielen angemessen ist, weil er nicht massenhaft stattfindet.
Wenn Parolen und Gesten nichts mehr fruchten, dann müssen wir uns der Aktion und dem Angriff zuwenden. Wir glauben, daß nur eine revolutionäre linke Bewegung eine Veränderung bewirken kann!
Die Bevorzugung direkter Aktion führt uns zu anarchistischen Konzepten. Anarchismus propagiert die unmittelbarste Rebellion gegen alle Authorität, egal ob sie demokratisch oder kommunistsch ist.“ ([1], S. 20)

Diese Ankündigung wurde auf dem Spui während der samstäglichen Happenings Grootvelds verteilt. Doch nicht nur die Zeitschrift wurde angekündigt, sondern auch eine Reihe von Flugblättern, die unter dem Titel „Provokatie 1“, „Provokatie 2“ usw. erscheinen sollten (auch hier hat sich die Kommune I mit ihren nummerierten Flugblättern von den Provos inspirieren lassen). Die erste Provokation (Gut daß es die Polizei gibt…) lief noch ins Leere, doch schon die zweite wurde ein durchschlagender Erfolg. Das lag nicht nur am Inhalt – Provokatie 2 richtete sich unter dem Titel Claus von Amsberg, Persona Non Grata gegen den Verlobten von Prinzessin Beatrix – sondern vor allem am originellen Vertriebsweg: Der Provo Olaf Stoop, der als Zeitungsverkäufer am Amsterdamer Flughafen arbeitete, legte sie der konservativen Tageszeitung De Telegraaf bei. Stoop wurde natürlich gefeuert, doch die öffentliche Aufmerksamkeit, die dadurch hergestellt wurde, war unbezahlbar. Provokatie 3 vom 3. Juli 1965 wurde dann beschlagnahmt – wegen Verletzung des Urheberrechts, weil für dieses Flugblatt ein Zeitungsphoto des Prinzen Bernhard verwendet worden war. ([3], S. 39-45)

Als dann am 12. Juli die erste Nummer der Provo erschien, machte sie ihrem Namen alle Ehre: Auch sie wurde sofort von der Polizei aus dem Verkehr gezogen, „weil sie gründlich ausgearbeitete, faktisch aber nutzlose Instruktionen enthielt, wie man Sprengstoff herstellt, die aus einer Broschüre von 1910, »Der praktische Anarchist« nachgedruckt waren“ ([5], S 17). Diese gelungene Provokation war natürlich die beste Werbung, die sich die Zeitschrift wünschen konnte.

Der theoretische Kopf, der hinter dem Ganzen steckte, war Roel van Duyn, der damals gerade 22 Jahre alt war. Die Zeit, die ihn 1966 interviewte, beschrieb ihn folgendermaßen:

„Karthuizersstraat 14, Amsterdam. Das schmalbrüstige, baufällige Haus liegt in einem jener Viertel, in die sich Touristen nicht zu verirren pflegen. Drei Stufen, und wir sind in einem Raum, der einmal weiß getüncht gewesen sein mag. Ein Tisch, ein eisernes Öfchen, ein Dutzend aufgereihter Apfelsinenkisten, vollgepfropft mit Büchern, Zeitungen, Heften; der tropfende Wasserhahn in der Küche nebenan ist nicht zu überhören. In der rechten Ecke steht ein breites, niedriges Bett. In seinen mit Kaffeeflecken übersäten Decken richtet sich Roel van Duyen [sic!] nur ein wenig auf.
Er ist der Denker der »Provos«, seines Zeichens Student der Philosophie, 23 Jahre alt. Schon legt er seinen Kopf in die Kissen zurück. Ein gepflegter dunkler Bart umrahmt das blasse Gesicht, dessen melancholische Augen hinter der Brille einem russischen Emigranten von 1917 gehören könnten. Es irritiert ihn nicht, daß fünf junge Katzen seinen Bart als Punchingball benutzen, sondern er doziert bedächtig über das geistige Terrain, auf dem sich seine Provos bewegen. »Wir bilden die neue revolutionäre Klasse: das Provotariat. Unsere Angriffsziele: die Konsumgesellschaft und die staatliche Ordnung. Wir erstreben die unbeschränkte Selbständigkeit des Einzelwesens. Wir sind Anarchisten.«“ ([4]).

Van Duyn war 1943 in Den Haag geboren worden und hatte sich bereits während seiner Schulzeit politisch engagiert – gerade in der Antikriegs- und Antiatombombenbewegung, deren Lahmarschigkeit er dann später beklagte. Weil er während der Hauptverkehrszeit ein sit-in auf der Van Meerdevoord-Straße organisierte, flog er von der Schule, einem fortschrittlichen Montessori-Gymnasium. ([3], S. 38)

1963 zog er nach Amsterdam und arbeitete zunächst bei der anarchistischen Zeitschrift De Vrije mit. Über diese Arbeit lernte er Rob Stolk kennen, der neben van Duyn einer der führenden Köpfe und vor allem der Drucker der Provo werden sollte. Daß diese neue Publikation den Namen Provo trug, verdankt sie dem niederländischen Soziologen Wouter Buikhuisen, der 1965 mit der Arbeit Achtergrond von Nozemgedrag (Hintergrund des Halbstarkenverhaltens) promoviert wurde. Die Nozems, wie die Halbstarken in den Niederlanden genannt wurden, waren Jugendliche, die sich damit amüsierten, Bürger zu schrecken. In Jeans und Lederjacke, mit zur Tolle geformtem Haar lungerten sie mit ihren Motorrollern auf den Straße herum und brachten die braven Bürger gegen sich auf. Buikhuisen prägte für sie den abwertend gemeinten Namen „Provos“ – den van Duyn für die neue Zeitschrift aufgriff:

„Van Duyn hatte das Gefühl, daß junge Anarchisten ihre politische Aktivität auf das revolutionäre Potential der Nozems gründen sollten, indem sie lernen, Aggression in eine bewußte revolutionäre Gewalt zu transformieren. Auf den Seiten der Provo beschwor er Studenten, Provos zu werden, das heißt, revolutionäre Nozems. Auch wenn Anarchisten nicht länger auf eine soziale Revolution in den Niederlanden hoffen konnten, bestand er darauf, daß sie die Autoritäten und den Staat provozieren könnten und sollten.“ ([3], S. 39)

Zentrum und Ausgangspunkt der provokatorischen Aktivitäten waren zunächst die Happenings von Grootveld am Lieferdje. Hier wurde das Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei perfektioniert. Standen die Ordnungshüter den Happenings von Grootveld zunächst ratlos gegenüber, bot sich ihr nun endlich die Gelegenheit zum Einschreiten: Die Verteilung von politischem Propagandamaterial und Flugblättern war genehmigungspflichtig; und die Provos hatten natürlich keine Genehmigung eingeholt und würden das auch nicht tun. Und so kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, in denen sich die Polizei durch Überreaktion permanent ins Unrecht setzte. Das wiederum brachte den Provos Sympathien ein und rekrutierte Unterstützer und neue Aktivisten. Und so konnte aus der Idee einer Handvoll Leute tatsächlich eine Bewegung werden, die wenige Monate später in ganz Europa bekannt sein würde.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Hans Tuynman meint:

„Ich bin nur ein Provo und PROVO IST EIN IMAGE.“ ([6], S. 9)

Literaturverzeichnis

[1] [Roel van Duyn]: „”Provo” Magazine Leaflet“, in: Stansill, P. & Mairowitz, D. Z. (Hg.), By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[2] Enzensberger, U., Die Jahre der Kommune I, München 2006.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] von Kuenheim, H., „”Provotarier aller Länder…”“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.27 (1. Juli 1966), S.2.

[5] Stansill, P. & Mairowitz, D. Z., By Any Means Necessary. Outlaw Manifestos and Ephemera 1965-70, Harmondsworth 1971.

[6] Tuynman, H., Ich bin ein Provo – Das permanente Happening, Darmstadt 1967.

Geschrieben von alterbolschewik

März 2, 2012 um 14:57

It’s a happening

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Provo basiert auf zwei fundamentalen Prinzipien, einem kulturellen und einem politischen. Der kulturelle Teil ist am offensichtlichsten in unseren »Happenings«; diese gründeten ursprünglich in der kreative Aktivität einiger unengagierter Beatniks.“

Martin Lindt, Explaining Provo

Als ich vor drei Wochen begann, die Medienreaktionen auf das Pudding-Attentat genauer zu untersuchen, fielen mir die Bezüge zur niederländischen Provo-Bewegung auf. Den Rauchmantel, unter deren Schutz die Pudding-Attentäter den amerikanischen Vizepräsidenten mit einer Buttercremetorte attackieren wollten, hatten sie sich, so hieß es, von den Aktionen während der Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzessin Beatrix mit ihrem Nazi-Gemahl Claus abgeschaut. Diese Aktion der Provos ging damals durch die internationalen Medien. So konnten die deutschen Provokateure gut ein Jahr vor ihrem Versuch eines Pudding-Attentats im typisch blasierten Spiegel-Stil lesen:

„Für 200 Gulden haben Amsterdamer Provos Rauchbomben gefertigt, diese Exklusiv-Information wird, mit Gefühl für sein Bedürfnis nach präzisen Angaben, dem SPIEGEL zuteil. Und vier, fünf Stück davon platzen bereits weit vor der Bannmeile, vor dem engeren Festbezirk, den zu verteidigen die Polizei entschlossen ist. Die Gaudi (im Stil Breughels) läßt sich einfach nicht abwarten, und so stürmt die Volkserhebung voran, eine Hand vor den Augen, mit der anderen die Nase zusammenkneifend, weil der grauweiße Qualm hervorragend beißt und stinkt, von eigenen Feuerschlägen durcheinandergewirbelt.“ ([4], S. 37)

Dank der europaweiten Fernsehübertragung des Ereignisses erreichten die Amsterdamer ein Millionenpublikum. Die Zeit schrieb:

„Erst zog etwas wie Nebelbrodem am Rande der Straße auf, welche die goldene Kutsche passierte. Dann qualmte es dicker, so als setzte sich eine alte Güterzuglokomotive in Fahrt. Schließlich waberte der Qualm grau und schwer, und das heitere Bild der lächelnden und winkenden Brautleute wurde verdunkelt. Wie aus einem Tunnel kam dann die Kutsche wieder zum Vorschein, darin die junge Prinzessin und der neue Prinz, heiter, lächelnd, winkend. […] Ja, aber wem galten dann die Qualmbomben? Nun, wem sonst als den Zuschauern der »Eurovision«, soweit sie in Deutschland an den Geräten saßen.“ ([2])

Nach dieser Aktion waren die Amsterdamer Provos ein eingeführter Markenname in ganz Europa. Doch wer genau waren diese Provos? Dazu müssen wir von diesem 10. März 1966 ein Jahr zurückgehen.

Stellen wir uns vor, es sei 1965, ein schöner Samstagabend im Frühling und wir schlenderten, nachdem wir gut gegessen und ein paar Bierchen gezischt hätten, noch durch Amsterdam. Kurz vor Mitternacht kämen wir an dem kleinen Platz Het Spui vorbei. Merkwürdigerweise scheint sich eine Menschenmenge um die Statue eines kleinen Jungen, genannt Het Lieverdje (kleiner Liebling) zu versammeln. Und es sind nicht gerade ehrbare Bürger, die sich hier zusammenrotten – eher schon Halbstarke mit Jeans und Lederjacken, die in Amsterdam Nozems genannt werden. Aber wir würden auch Langhaarige mit Bärten sehen, der Geruch von Marihuana läge in der Luft. Neugierig blieben wir stehen.

Schlag Mitternacht taucht eine seltsame Gestalt auf – der Zwarte Piet, das niederländische Äquivalent zum Knecht Ruprecht. Daß es Frühling ist, scheint unseren niederländischen Knecht Ruprecht nicht weiter zu bekümmern. Die skurrile Gestalt hebt an zu einer Tirade, deren Sinn und Zweck schwer zu durchschauen ist. Einerseits kündigt er das Kommen von Klaas an, womit, angesichts seiner Verkleidung, möglicherweise der Nikolaus gemeint ist. Andererseits geht es wohl auch um eine Anklage gegen das Rauchen, gegen die Sucht, den Konsumismus. Die Anwesenden kennen das Ritual offensichtlich: Als der Zwarte Piet die Anwesenden auffordert, sich an dem keuchenden Sprechgesang „Ouche, Ouche, Ouche“ zu beteiligen, stimmen sie bereitwillig mit ein.

Daß diese Happenings jeden Samstag um Mitternacht auf dem Spui stattfinden, hängt damit zusammen, daß die kitschige Statue des Lieverdje vom Zigarettenkonzern Philipp Morris gestiftet wurde. Der Zwarte Piet, der mit bürgerlichem Namen Robert Jasper Grootveld hieß, hatte bereits 1962 mit seinen Performances gegen das Rauchen begonnen. Um seine künstlerische Intention zu verstehen ist es hilfreich zu wissen, daß er als Seemann in Afrika gewesen war:

„Einmal dort angekommen fiel ihm die Ähnlichkeit zwischen Stammesritualen und dem, was er die Abhängigkeit des Konsumenten in der modernen Gesellschaft nannte, auf, insbesondere das, was er den Götzendienst des Zigarettenrauchers nannte. Nach seiner Rückkehr verglich er Raucher mit kultischen Opfern, die zum schrecklichen Schicksal des Lungenkrebs verurteilt waren. […] Er beschloß, daß die Zeit für Protest gekommen war.“ ([3], S. 24)

Seine ersten Aktionen bestanden darin, Zigarettenreklamen in Amsterdam mit dem Wort Kanker (Krebs) oder einfach K zu verunstalten. Die Werbefirmen begannen sich juristisch dagegen zu wehren und Grootveld landete für 60 Tage im Knast, weil er die Strafe nicht bezahlen konnte. Nicht lange nach seiner Entlassung wurde er wieder inhaftiert, weil die Inschriften erneut erschienen. Der wichtigste Effekt dieser Eskalation war allerdings, daß die Presse ausführlich über Grootvelds Ein-Mann-Kreuzzug berichtete. Diese Berichterstattung verschaffte ihm kostenlose Werbung und damit genügend Aufmerksamkeit, die es ihm erlaubte, mit finanzieller Unterstützung des Amsterdamer Restaurantbesitzers Nicolaas Kroese einen „Tempel gegen das Rauchen“ zu eröffnen. Hier fanden seine ersten Happenings statt. Nicht, daß bei diesen Performances nicht geraucht wurde, im Gegenteil. Das folgende Video von Bas van der Lecq dokumentiert eine Performance in Grootvelds „Tempel“:

Die Performances gehen allerdings nicht allzu lange gut:

„Am 18. April 1964 brannte er das Lagerhaus nieder, das er nun Kirche der bewußten Nikotinabhängigen nannte. Während er benzingetränkte Zeitungen in Brand setzte, rief er: »Denkt an Van der Lubbe« (ein Verweis auf den Holländer, der angeklagt worden war, den 1933 den Deutschen Reichstag in Brand gesetzt zu haben, ein Ereignis, das die Macht der Nazis gefestigt hatte). Zunächst dachte sein Publikum, es handle sich um einen Witz, dann aber flohen sie die Räumlichkeiten, als sie erkannten, was wirklich los war.“ ([3], S. 25f)

Im Juni 1964 setzte Grootveld seine Performances im öffentlichen Raum fort, nämlich auf dem Spui vor dem Lieverdje, das dabei ebenfalls oft genug in Brand gesteckt wurde.

Was war das nun, das Grootveld auf diesem kleinen Platz inszenierte und das Woche für Woche ein immer größeres Publikum anzog? Kunst? Im Kontext der 60er Jahre sicherlich. 1959 hatte Allan Kaprow in New York eine neue Kunstform entwickelt. „Eighteen Happenings in Six Parts“ hieß die Inszenierung, die der Kunstform ihren Namen gab: Happening. Beim Happening ging es darum, eine Umgebung zu schaffen, in der dann das Publikum in die künstlerische Aktion mit einbezogen wird und sich nicht Vorhergesehenes ereignet.

Das erste Happening in Amsterdam wurde am 9. Dezember 1962 unter dem Titel Open Het Graf (Öffne das Grab) inszeniert, andere folgten. Richard Kempton erklärt in seinem Buch über Provo, daß die Amsterdamer Happenings um einiges durchgeknallter waren als die New Yorker. Fred Wessels beispielsweise riß während einer Frostperiode alle Fenster auf, öffnete die Wasserhähne und machte aus seiner Wohnung eines Eislaufbahn, auf der dann eine Frau in Klompen, den niederländischen Holzschuhen, Schlittschuh lief ([3], S.19ff). Kempton resümiert:

„Das Happening war eine völlig offene Form, die unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten bot, und es war in Amsterdam, dem leidenschaftlich bewunderten »Magischen Zentrum« der holländischen Avantgarde, daß ein begabter neuer Meister ihm verblüffende neue Nutzanwendungen erschloß.“ ([3], S. 21)

Indem Gootveld den Spui zum Ort eines wiederkehrenden, ritualisierten Happenings machte, gab er dem Platz eine völlig neue Bedeutung. Daß es bei seinen Happenings gegen das Rauchen ging, hatte dabei eher etwas von einem MacGuffin. Wichtig ist, daß das Ritual einen Ort und eine Zeit definierte, an dem sich Menschen treffen können, ein Austausch stattfindet, sich eine gewisse „Szene“ konstituiert. Schon letzten Sommer hatte ich den Vorschlag gemacht, die Fortführung der Kunst nach dem Ende des Werks als temporäre Festlegung eines Ortes zu begreifen. Eines Ortes, an dem nicht Kunst gemacht wird, sondern Kunst sich ereignet. Genau dies machte Grootveld 1965 mit dem Spui in Amsterdam. Jeden Samstagabend um Mitternacht vollzog sich die Transformation des Spui von einem normalen Platz zu einem geheimnisvollen Ort, an dem die üblichen alltäglichen Spielregeln nicht mehr existierten.

Das begriff auch die Amsterdamer Polizei, die das ganze Treiben höchst mißtrauisch beäugte, aber weder Grund noch Handhabe fand, um gegen das Tun der Menge einzuschreiten. Das sollte sich ändern, als der Anarchist Roel van Duyn auf dem Spui auftauchte und die aufregenden Möglichkeiten erkannte, die in Grootvelds Happenings schlummerten.

Seien Sie deshalb auf nächste Woche gespannt, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVO weiß, die Sieger werden letztendlich die anderen sein. Trotzdem wird sich PROVO die Chance nicht entgehen lassen, diese Gesellschaft noch einmal zu provozieren.“ ([1], S. 4f)

Literaturverzeichnis

[1] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[2] J. M.-M., „Rauchbomben“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.12 (18. März 1966), S.64.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] Mauz, G., „Die Verschwörung der Provos zu Amsterdam“, in: Der Spiegel, Jg.20 (1966), Nr.12 (14. März 1966), S.37 – 39.

Geschrieben von alterbolschewik

Februar 24, 2012 um 16:07

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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