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Artikel getaggt mit ‘“Monopol”

Beat Wyss und der “ewige Hitlerjunge”: Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder

mit 49 Kommentaren

Blöd für manche, daß der Titel “Der ewige Jude” schon vergeben ist. Anspielungsreich das Ausweichmanöver: So ist ein “Essays”, abgedruckt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Monopol” zum Thema Joseph Beuys, überschrieben mit “Der ewige Hitlerjunge”. Als sei das nicht schon schlimm genug, kündigt eine Schrift auf dem Titelblatt den Text mit den folgenden Worten an: “Mythos Beuys: Wieso die künstlerische Heilsfigur ein Wiedergänger der dreißiger Jahre war”.

Nun ist’s vielleicht wirklich überinterpretiert, in’s “Wiedergänger”-Motiv den Mythos von Ahasver hinzudeuteln, aber in welche Richtung dieses “Essays” weist, wird dennoch deutlich: Ganz auf der Linie von Zettel, Grass-Bashern und Götz Aly wird versucht, jegliche sinnvolle Analyse des “3. Reiches” zu unterbinden, indem man es in ’68 und die Bewegten hineinprojiziert. Und umgekehrt.

Habe ein wenig über Herrn Wyss gegooglet, scheint ja über ein gewisses Renomée zu verfügen, der Mann; liest man den Text, so fragt man sich doch, warum denn eigentlich. Bei ihm mutieren die dreißiger Jahre, als Kommunisten umgebracht, Erich Mühsam massakriert und Carl von Ossietzky eingekerkert, Bücher verbrannt und Juden zunächst mal “nur” enteignet und aus allen öffentlichen Ämtern verbannt und boykottiert wurden, als unter Zuarbeit von Carl Schmitt Rassengesetze erlassen wurden, zu einer anthroposophisch untermauerten Feier von Wandervogel und Jugendbewegung mit sozialrevolutionärem Anspruch und “antiautoritärem” Charakter.

Da reibt man sich erstaunt die Augen, der entsprechende Passus sei gleich noch mal zitiert, enthält er doch noch ‘ne dolle, dialektische Wende; und natürlich gibt es Linien, die von Wandervogel und Jugendbewegung in’s “3. Reich” wiesen, natürlich verstand es sich auch als sozialrevolutionär, und natürlich finden sich bei Steiner und der historischen Anthroposophie allerlei völkische Akzente.

Es wäre auch erstaunlich, wenn bei Beuys nix hängengeblieben wäre von alledem, 1933 war er zwölf Jahre alt, hat also prägende Jahre als Pimpf erlebt. Der Artikel weiß auch zu zitieren, wie Beuys selbst in einer Veröffentlichung von 1973 von dieser Zeit berichtete:

“Man muss ja zugeben, dass – etwa im Gegensatz zu heute – damals die Situation für jugendliche in gewisser Weise ideal war, um sich auszuleben. Es kann keine Rede davon sein, daß wir manipuliert worden sind; gut, man stand in Reih und Glied und trug die Uniform, aber ansonsten fühlten wir uns unabhängig.”

Das “Essays” fügt an’s Zitat, “Beuys schwamm wie in Fisch im Wasser des braunen Zeitgeistes”. Weil er sich ja , im Zitat erkenntlich, ausgiebig für antisemitische Hetze, “Volk braucht Raum”-Ideologie und Hingabe an den Führer erwärmte, auch retrospektiv.

Ich kenne diese Geschichten von der HJ als eine Art spaßige Pfadfinderlager noch von meinem Vater, Jahrgang 1927; der hat sie mir eher erzählt, um zu demonstrieren, daß natürlich über solch ein Jugendabenteuer-Surrounding  auch ihm die Nazi-Überzeugungen vermittelt wurden. Und dies wiederum berichtete er, um den heute noch gültigen und bis hin zu Knopp verbreiteten Mythos, die Deutschen seien Hitlers Opfer gewesen, zurückzuweisen: Nö, die haben halt kräftig mitgemischt, und es hat ihnen grauenhafter Weise sogar Spaß gemacht. Würde meinerseits das Beuys-Zitat genau so auch lesen, “nee, wir waren nicht manipuliert, wir fanden das auch noch gut” – für Wyss ist dies Schwärmerei.

Aber zurück zum antiautoritären Charakter des Nazi-Regimes:

“Im Künstlerhabitus verinnerlichte Beuys Ideen und Symbole, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte: An erster Stelle stand die antiautoritäre NS-Jugendpolitik, die es darauf anlegte, die Kinder als verwegene Phalanx des Systems und Aufpasser gegen die Eltern und Lehrer einzustezen. Denn die Jugend unter dem Hitler-Regime war bildbarer und kontrollierbarer als die Elterngeneration; indoktriniert von Schulen und Vereinen, kannte sie nichts anderes als die Ideologie des 3. Reiches. Die Jugend wurde geradezu angehalten, sich gegen die Autorität der alten liberalen, aber auch religiösen Eltern respektlos, zugleich aber der Neuordnung autoritär verpflichtet zu zeigen. Diese Doppelstragie funktionierte bei den Achtundsechzigern  nicht anders: Sie waren aufsässig gegen das “faschistische” Bürgertum”, hörig den kommunistischen Ideologien. Sie waren beherrscht vom antiautoritären Autoritarismus. Beuys hat die Zangenoperation in’s Kunstsystem übertragen.”

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, in: Monopol Nr. 10/2008, S. 81-82

Da haben wir sie wieder, die konservative Zangenoperation: Ganz wie im Heimatfilm brach wie aus dem Nichts über sittliche Kirchen und vorbildlich liberales Bürgertum ’33 wie auch ’68 die Aufsässigkeit der wilden Horden.

Der antiautoritäre Geist von Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder” kehrte ja auch wieder als Slogan aus Gammler-Mündern, und die Entgegnung liberaler Atoritäten formulierte dann Freddy Quinn in “Wir”. Brandschatzend zogen die Nazis durch die Kirchen und Villen des nicht-jüdischen gehobenen Bürgertums und ließen derweil Sozialdemokraten und kommunistische Sozialrevolutionäre in Ruhe, die ja auch Liberales und Klerikales so gar nicht teilen wollten. Die Vereine und Schulen erfolgten derweil in jugendlicher Selbstorgansiation, ganz die linken Ideale von später vorwegnehmend, dort die vorbildich demokratische Elterngeneration von Weimar im Zaume haltend.

Es soll ja gar nicht bestritten werden, daß es sowas wie einen “autoritären Antiautoritarismus” gegeben hat unter 68ern. Das hat nur mit dem “3. Reich” nix zu tun.

So geht’s dann auch fröhlich weiter im Text: Das clowneske Schamanentum von Beuys bezieht Beat Wyss auch auf Beckett, aber auch das ist eigentlich nazistisch, weil er ja sowas wie ‘ne Uniform trug, der Beuys.

Wie ja eh der Nationalsozialismus als Höhepunkt des Schamanentums zu rezipieren ist, wo Beuys den Künstler-Schamanen tatsächlich gab. An nordischen Mythen hat er sich auch vergriffen, weil das auch und immer schon nur und ausschließlich Nazis waren, die diese kommentierten – und der “dritte Weg” zwischen “Kommunismus und Kapitalismus”, den Beuys “predigte”, war ein “Gemeinplatz völkischer Nationrevolutionäre im Klima der Lebensreform”, da hatte Ludwig Erhardt seine “sozialen Marktwirtschaft” dann wohl auch her. Wie die Suche nach dem “3. Weg” wiederum zum Hörigsein den kommunistischen Ideologien gegenüber paßt, das erläutert Herr Wyss nicht.

Beuys Vorstellung von Politik als “sozialer Plastik” sei “patriachal bis in’s Mark”; inwiefern, das wird nicht weiter begründet, stattdessen geht Herr Wyss direkt über zur “Honigpumppe am Arbeitsplatz” und der Beuysschen “Materialsemantik”, die “wenig demokratische Transparenz” verrate.

Ich kenne die Kunst von Beuys tatsächlich nur flüchtig, aber hallo, was ist denn das für eine Vorstellung von Kunst, daß sie gewissermaßen der Logik des Grundgestzes folgen solle?

Beuys gilt natürlich gemeinhein als einer von jenen, die die Differenz von Kunst und Leben aufheben wollten, vieleicht hat Herr Wyss sogar in allem recht, aber wieso schreibt er über solche Fragen dann gerade nicht???

Es macht einen ganz irre, wie man ohne jeglichen Beleg, ohne jegliche Erläuterung da Versatzstücke aneinander gereiht liest, die etwas anderes als Denunziation gar nicht bezwecken können wollen.

Beuys habe eine Stiftung gegründet, die dann als “brauner Rand” in den frühen Grünen aufgegangen sei -kann ja sein, aber so mal eben unbelegt dahingeworfen, was erklärt das? Er habe immer an einer Theorie des “Völkskörpers” und der “organischen Gesellschaft” festgehalten, gestützt wird diese Aussage lediglich durch die Interpretation der Honigpumpe, die zumindest mir recht eigenwillig, weil angelesen erscheint: Womit jenseits der reinen Biographie, daß Beuys eben noch zur HJ-und Kriegsgeneration gehörte und diese Erfahrungen in seinem Werk auch verarbeitet hat, der einzig markante Bezug zu Nazi-Ideologien hergestellt wäre, “Volkskörper” und “organische Gesellschaft”.

Doch das federt Wyss durch die Bezüge auf Rudolf Steiner wiederum ab, von dem Beuys beeinflußt war. Welcher ja durchaus mit dem Zeitgeist der 30er Jahre in Verbindung gebracht werden kann, aber reicht das für den “ewigen Hitlerjungen”?

Das kann man allenfalls behaupten, wenn diese Jugenderlebnisse von Freiheit und Spaß selbst, die Beuys ja in der HJ erlebt zu haben glaubte, dann auch schon alles sind – und dann hätte der Text genau so gut “der ewige Pfadfinder” und “der ewgie Jugendsportler” heißen könne. Eine Gleichsetzung von Pfadfindern und HJ ist das keineswegs – daß man diese aber analog erlebt haben kann, das ist ja unabweislich und macht gerade ihren Schrecken aus.

Kann’s sein, daß Herr Wyss sich nicht vielmehr nach einer Renaissance des Autoritären sehnt? Liest man die Pointe des Textes, so will es so scheinen:

“Noch heute wird wird an an der Botschaft von Beuys fleißig weitergehäkelt: Vom Heer der Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher, die aus Kunst ein Kinderland machen wollen. Beim Fördern von Kreativität möchte man nicht auf die gemütliche Wärme verzichten, die beim gemeinsamen Basteln aufkommt.”

Beat Wyss, Der ewige Hitlerjunge, Monopol 10/2008, S. 83

Ach ja, seufz, Herr Wyss, wären Kunst und Kindheit doch wieder hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder ….

PS: Eine Reaktion in DIE WELT sei nicht vorenthalten:

“Als “niederträchtig und abstrus” bezeichnet der ehemalige Beuys-Sekretär Heiner Bastian solche Vorwürfe. “Ich fühle mich selbst betroffen. Für mich war das Studium des grauenhaften Naziregimes eine der furchtbarsten Erfahrungen. Ich habe in vielen Gesprächen mit Joseph Beuys, dessen Freund ich sein durfte, dieses Grauen geteilt. Können Sie sich ein Werk wie die ,Auschwitz-Vitrine’, eines der traurigsten und erschütterndsten, zugleich klarsten Kunstwerke, welches sich direkt auf den Zivilisationsverlust des Naziregimes bezieht, von einem Künstler vorstellten, wie er von Beat Wyss charakterisiert wurde?”, schreibt er in einem offenen Brief an die “Monopol”-Redaktion.”

Geschrieben von momorulez

September 28, 2008 um 18:25

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