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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Kurras

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Bewegungslehre spezial

„Ich habe unmittelbar nach der Ermordung von Ohnesorg meinen Studenten im Soziologischen Seminar gesagt, dass die Studenten heute die Rolle der Juden spielen würden – und ich werde dieses Gefühl nicht los.“

Theodor W. Adorno

Was bisher geschah: Die letzten Wochen haben wir uns etwas genauer angeschaut, wie sich die merkwürdigen PEgIdA-Demonstrationen aus bewegungstheoretischer Sicht deuten lassen.

Heute geht es um ein ganz anderes Thema, das aber doch einige Berührungspunkt mit den Überlegungen der letzten Wochen hat. Es geht um die paradoxe Rolle, die der Polizisten Karl-Heinz Kurras in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielte. Erst jüngst wurde bekannt, daß Kurras im Dezember 2014, kurz nach seinem 87. Geburtstag verstorben ist und in einem anonymen Grab verscharrt wurde. Die Tat, wegen der er als eine durch und durch verachtenswerte Gestalt in die Geschichte eingegangen ist, ereignete sich am 2. Juni 1967: Im Anschluß an eine Demonstration gegen den persischen Schah jagten Greiftrupps der Polizei die sich zerstreuenden Demonstranten. Der Sinn dieser Aktion war vor allem, den Demonstranten eine Lehre zu erteilen – was nicht nur eine Vermutung ist, sondern sich auch aus inzwischen aufgefundenen Stasi-Aktion über den damaligen Einsatzleiter, Helmut Starke belegen läßt:

„Kurras’ Vorgesetzter war ein großer Freund von Zucht und Ordnung, der meinte, dass endlich mal »einer aufräumen« müsste. Die Studenten würden sich noch wundern, »was ihnen blüht«, denn »die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei.«“ ([3])

Kurras ging dann noch ein Stück weiter als seine Kollegen. Während diese nur die Studenten, deren sie habhaft werden konnten, niederknüppelten, griff Kurras zur Waffe. Der Student Benno Ohnesorg, der sich vor einem der polizeilichen Greiftrupps in einen Hinterhof geflüchtet hatte, war dort bereits von Kurras’ Kollegen verprügelt worden. Kurras schoß ihn dann in den Hinterkopf. Was dann folgte war noch unglaublicher als dieser kaltblütige Mord. Systematisch vertuschte die Berliner Polizei das Geschehen. Es wurde gelogen, daß sich die Balken bogen.

„Helmut Starke […] sorgte auch dafür, dass nicht einmal die wichtigsten Spuren am Tatort und am Täter – von der Patronenhülse über dessen Kleidung bis zur Waffe – gesichert, sondern verwischt werden konnten. Letzten Endes trug dies dazu bei, dass Kurras in zwei Prozessen freigesprochen werden musste.“ ([3])

Angesichts dieses faschistischen Corpsgeistes der Berliner Polizei ist es schon unfreiwillig komisch, daß dieser Kollege, den sie schützten, sie für die ostdeutsche Staatssicherheit ausspioniert hatte. Als Kurras’ Arbeit für die Stasi 2009 bekannt wurde, ging ein großes Raunen durch die bundesrepublikanische Presse. Die Geschichte wäre, so kolportierte man, anders verlaufen, wenn diese Stasi-Verstrickung des Mörders von Benno Ohnesorg bekannt gewesen wäre.

Tatsächlich ist das ziemlicher Unsinn. Ohnesorgs Tod war ein Ereignis im Sinne der Bewegungslehre, wie ich sie hier in den letzten Wochen und Monaten entwickelt habe. Es war dieses eine, einmalige Geschehnis, dessen Stelle in der historischen Konstallation bereits vorbereitet war, dessen Eintreten einfach eine Frage der Zeit war. Denn der Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung, der den Beweggrund der antiautoritären Bewegungen bildete, war längst manifest. Es brauchte nur noch irgendein Ereignis, das auf Grund seiner Symbolkraft genau das Trauma erzeugen würde, das die ursprüngliche Bindung an die alte Ordnung zerriß. Wäre Benno Ohnesorg damals nicht von Kurras hingerichtet worden, hätte sich ein anderes Ereignis gefunden, das die Rolle des Katalysators gespielt hätte. Und auch wenn damals bekannt geworden wäre, daß Kurras’ ein Stasi-Agent war, hätte dies nichts an der Symbolik des Ereignisses geändert.

Dazu müssen wir uns die Symbolik des 2. Juni 1967 etwas genauer anschauen. Was bei den allermeisten Betrachtungen des 2. Juni unter den Tisch fällt, ist der eigentliche Anlaß der Demonstration, die einen so blutigen Ausgang nahm. Klar, es wird darauf hingewiesen, daß gegen den Schah von Persien demonstriert wurde; und daß sogenannte „Jubelperser“ – persische Geheimdienstmitarbeiter – Studenten unter den Augen der Polizei verprügeln konnten, ohne daß diese eingegriffen hätten.

Doch der Schah war nicht einfach nur einer der üblichen Dritte-Welt-Potentaten, die auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik kamen und gegen den das übliche Häuflein Querulanten demonstrierte. Er war ein typisches Beispiel dafür, wie der Westen seine Interessen in der sogenannten Dritten Welt durchsetzt. Persischer Diktator wurde er im Jahr 1953. Und zwar wurde er durch die CIA an die Macht geputscht. Der Grund dafür war, daß der damals regierende Ministerpräsident Mossadegh die Iranische Erdölindustrie verstaatlicht hatte. Diese war zum größten Teil in den Händen der Briten gewesen, die damit gigantische Profite erwirtschafteten, während der Lebensstandard des größten Teils der iranischen Bevölkerung katastrophal war. Als die Briten versuchten, Mossadegh zu stürzen, durchkreuzte dieser ihre Pläne und schloß die britische Botschaft. Ohne eine Basis im Iran waren sie hilflos, weswegen sie sich der Mitwirkung der USA versichern wollten. Allerdings stand ihnen der demokratische Präsident Truman dabei im Weg. Erst als im Frühjahr 1953 der Republikaner Eisenhower zum Präsidenten gewählt wurde, witterten sie erneut eine Chance:

„Die Britischen Beamten waren so ungeduldig, den Staatsstreich in Gang zu bringen, daß sie beschlossen, sofort einen Vorschlag zu machen, ohne überhaupt die offizielle Amtseinführung Eisenhowers abzuwarten. Sie schickten einen ihrer Top-Geheimdienstmitarbeiter, Christopher Montague Woodhouse nach Washington […]. Woodhouse und anderen britischen Beamten war klar, daß ihre Rechtfertigung – Mossadegh muß gestürzt werden, weil er eine Britische Ölgesellschaft verstaatlicht – die Amerikaner nicht zum Handeln aufrütteln würde. Sie mußten eine andere finden. Und es war nicht nötig, besonders tief nachdenken, was es sein sollte. Woodhouse erzählte den Amerikanern, daß Mossadegh den Iran in den Kommunismus führen würde.“ ([1], S. 120f)

Das war natürlich, wie später Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen, kompletter Blödsinn. Mossadegh war ein persischer Nationalist, der mit Kommunismus absolut nichts am Hut hatte. Sein einziges Vergehen war, daß er die iranischen Bodenschätze zu Gunsten der iranischen Bevölkerung ausbeuten wollte. Doch im Klima der antikommunistischen Hysterie in den USA gelang es, die US-amerikanische Regierung zu überzeugen, einen Putsch gegen Mossadegh zu inszenieren. Der Putsch gelang – doch er sollte sich auf die Dauer als Pyrrhussieg erweisen: Hatten bis zum Sturz Mossadeghs die arabischen Völker durchaus mit den USA sympathisiert, begann mit dem von der CIA inszenierten Putsch das ganze Elend im Nahen Osten, vor dem wir heute stehen.

Der Schah war also nicht einfach irgendwer, sondern die prominenteste Verkörperung einer, wie es damals hieß, „Marionette des US-Imperlialismus“. Und trotz des sektiererischen Geruchs, den dieser Begriff ausströmt: Genau das war Schah Reza Pahlavi, ein bloßer Popanz von Gnaden der CIA. Die persische Entwicklung hatte also exemplarischen Charakter. Treffend drückte dies der Titel eines Buches aus, das wenige Monate vor dem tödlichen Schuß auf Benno Ohnesorg veröffentlicht wurde: Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Dikatatur der Freien Welt ([2]). Innerhalb von zwei Monaten waren die 20.000 Exemplare der ersten Auflage bereits verkauft, weitere Auflagen folgten.

Reza Pahlavi war also an sich schon ein Symbol, ein Symbol für die unerträgliche Doppelmoral des Westens, der seine „Freiheit“ auch mit moralisch und völkerrechtlich unzulässigen Mitteln verteidigte. Gleichzeitig stand der Nationalismus eines Mossadegh für eine Alternative zum bipolaren Denken des Kalten Krieges. Die antiautoritären Bewegungen begeisterten sich ja nicht zufällig für die anti-kolonialen Befreiungsbewegungen. Es ging dabei darum, sich nicht mehr der Alternative „unfreier Osten“ oder „freier Westen“ beugen zu müssen. Die Proteste gegen den Schah brachten genau dies zum Ausdruck: Kritik an der Politik des Westens beinhaltete eben nicht, sich mit der Politik des Ostens zu identifizieren. Denn daß im Osten autoritäre Regime herrschten, war den Antiautoritären ohnehin klar; es mußte aber auch der Bruch mit der westlichen Ordnung vollzogen werden.

Wenn also im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt worden wäre, daß Kurras ein Stasi-Agent war, dann hätte das, im Verbund mit den Vertuschungsaktionen der Polizeispitze, diese Neue Linke in ihrer Ablehnung sowohl des Ostens wie des Westens eher bestätigt als widerlegt. Und es wäre vielleicht sogar etwas Gutes dabei herausgekommen: Möglicherweise hätte ein derartiges Wissen verhindert, daß in der Phase der Orientierungslosigkeit der antiautoritären Bewegungen ein folgenschwerer Fehler gemacht wurde. Vielleicht wäre uns mit dem Wissen um die Stasi-Tätigkeit von Kurras dieses Furunkel am Arsch der radikalen Linken, die Deutsche Kommunistische Partei, erspart geblieben.

Und damit verabschiede ich mich von Dir, liebe Leserin, lieber Leser. Ich werde eine Auszeit nehmen. Im Augenblick stecke ich ziemlich viel Zeit in ein anderes Projekt, das leider Priorität hat. Deshalb gönne ich mir jetzt einmal zwei Monate Pause. Pünktlich zum 1. Mai wird es hier mit der 200sten Folge wieder weitergehen. Und wer gerne daran erinnert werden möchte, kann mir eine email an alterbolschewik[at]posteo.de schicken. Dann gibt es eine Benachrichtigung ins Postfach, wenn hier wieder faszinierende Erkenntnisse aus der bunten Welt der Bewegungen veröffentlicht werden.

Nachweise

[1] Kinzer, S., Overthrow. America’s century of regime change from Hawaii to Iraq, New York 2006.

[2] Nirumand, B., Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt, Reinbek bei Hamburg 1967.

[3] Sontheimer, M. & Wensierski, P.: „Der Staatsschützer und der Stasi-Friseur (7.3.2012)“, URL: http://www.spiegel.de/einestages/fall-kurras-a-947505.html, abgerufen am 27. Februar 2015.

Written by alterbolschewik

27. Februar 2015 at 16:30

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Über Rassismus

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Bewegungslehre spezial

„Die Kollektivierung des Leidens unterscheidet sich von der Vergesellschaftung des Leidens dadurch, daß sie im imaginären Raum stattfindet und einen Sündenbock konstruiert.“

Byung-Chul Han

Was bisher geschah: Vor zwei Wochen hatte ich versucht, die PEgIdA-Bewegung bewegungstheoretisch zu erklären. Und ich hatte sie auf die Erfahrung eines Bruchs in der gesellschaftlichen Ordnung zurückgeführt, wobei ich die auslösende Störung der Ordnung im Zusammenbruch der DDR ausgemacht hatte. Im letzten Beitrag habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum PEgIdA ausgerechnet und ausschließlich in Dresden Erfolge feiern konnte. Eine mögliche Ursache hatte ich in der speziellen Dresdner Geschichte gefunden: Die Bombardierung der Stadt am Ende des 2. Weltkrieges und die widersprüchliche Aufarbeitung dieses Ereignisses.

Es bleiben aber noch zwei wichtige Fragen offen. Zum einen: Warum tritt die Bewegung jetzt erst auf, 25 Jahre nach dem von mir postulierten auslösenden Ereignis? Und warum artikuliert sie sich primär rassistisch?

Auf die erste Frage habe ich keine wirklich schlüssige Antwort, sondern nur eine Vermutung. Wenn es richtig ist, wie ich vermute, daß es der Zusammenbruch von 1989 ist, der den traumatischen Kern der Bewegung ausmacht, dann muß dieses Trauma reaktualisiert worden sein, um die Menschen auf die Straße zu treiben. Die aktuelle Situation muß an die Konstellation vor einem Vierteljahrhundert erinnern. Deshalb vermute ich ich, daß der von Russland in der Ostukraine verdeckt geführte Krieg die Erinnerung an den Ost-West-Konflikt aktualisiert hat. Offenkundig treibt eine ganze Menge der PEgIdisten die Angst um, die etablierte Ordnung werde durch einen neuen Kalten Krieg wieder in Gefahr gebracht.

Um diese Vermutung noch etwas zu unterstützen: Meines Erachtens können die „Montagsmahnwachen für den Frieden“, die schon in der ersten Jahreshälfte 2014 in Berlin und anderen Städten mehrere hundert Spinner angezogen haben, als Blaupause für PEgIdA gelten. Allerdings blieben bei diesen „Mahnwachen“ die paranoiden Verschwörungstheoretiker weitgehend unter sich und schafften es nicht, wirkliche Massen zu mobilisieren. Aber ein Teil der Agenda, die auch die PEgIdA-Demonstranten umtrieb, wurde schon damals gesetzt.

Ging es bei den „Mahnwachen“ der Verschwörungstheoretiker primär um den Konflikt in der Ukraine, verknüpfte PEgIdA dies dann mit dem Krieg des sogenannten „Islamischen Staates“, der ebenfalls als Bedrohung der inneren Ordnung der BRD imaginiert wurde. Die erste PEgIdA-Demonstration wurde explizit als Demonstration mit Bezug auf die Kämpfe in Syrien angemeldet. Paradoxerweise allerdings als Demonstration gegen die säkulare PKK, die den Islamisten dort militärisch entgegentritt. Was auf den ersten Blick völlig skurril erscheint, hat aber wahrscheinlich eine einfache Logik: Die kurdischen Kämpfer werden von den USA unterstützt. Und wenn man sich als Opfer des Zusammenbruchs von 1989 begreift, dann wird natürlich dem Westen und insbesondere den USA die Rolle des Schurken zugeschrieben.

Ich denke also, daß es die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und in Syrien sind, die das Trauma von 1989 reaktivierten, indem sie als Neuauflage des Kalten Kriegs interpretiert wurden.

Bleibt noch die Frage nach dem Rassismus. Ich hatte schon im vorletzten Beitrag geschrieben, daß ich nicht der Meinung bin, daß Rassismus der primäre Beweggrund ist, der die PEgIdA-Demonstranten auf die Straße treibt – schon gar nicht die bloßen Mitläufer. Und ich habe auch schon erklärt, daß mich diese Mitläufer mehr interessieren als der harte Kern. Ein paar Spinner lassen sich immer auf die Beine bringen – siehe die „Montagsmahnwachen“. Interessant wird es ja erst dort, wo diese Spinner als tatsächlicher Massenkristallisationspunkt wirken und Menschen außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds mobilisieren können.

Primär sind diese Menschen einfach der Meinung, daß die gesellschaftliche Ordnung fundamental gestört ist. Und ihre Beteiligung an einer Massenbewegung dient mehreren Zwecken: Zum einen der Versicherung, daß sie mit ihrer Meinung, daß die Ordnung gestört ist, nicht alleine sind. Und zum zweiten, die Störung dieser Ordnung wieder zu beseitigen. Um jedoch diesen zweiten Punkt umsetzen zu können, müssen Ursachen identifiziert werden, die der Störung der Ordnung zu Grunde liegen. Diese Ursachenforschung unterscheidet sich aber außerordentlich, je nachdem, ob es sich um eine autoritäre oder eine anti-autoritäre Bewegung handelt. Und bei PEgIdA handelt es sich zweifellos um eine autoritäre Bewegung.

Autoritäre Bewegungen sehen sich in einem double bind gefangen. Als Garant der Ordnung sehen sie die Autorität an. Wenn also die Ordnung gestört ist, dann ist das ein Versagen der Autorität – in der man aber eben noch, vor dem Bruch, die Ordnung selbst verkörpert sah. Die Autorität ist also zugleich das Gute und das Schlechte – und zwischen diesen beiden Polen oszillieren dann autoritäre Bewegungen, bis sie eine Lösung für dieses Dilemma finden. Und diese Lösung kommt dann daher in der Gestalt des Dritten. Dieser Dritte muß, so die Vorstellung, die Autorität korrumpiert haben. Anders ist es nicht zu erklären, wieso die Autorität, die eben noch gut war, nun auf einmal schlecht sein soll.

Dieser Dritte tritt, je nach Typus der autoritären Bewegung, dann in unterschiedlicher Gestalt auf. Für die Nazis war es natürlich „der Jude“, der die gesellschaftliche Autorität angeblich untergraben hat. Doch diese Figur gilt nicht nur für rechte Bewegungen. Auch linke autoritäre Bewegungen konstruieren ihre Dritten, die Antiimperialisten beispielsweise „die Zionisten“ (die nur sehr schwer von „den Juden“ der Nazis zu unterscheiden sind). Es sind also nicht einfach „Vorurteile“, die in autoritäre Bewegungen dazu führen, daß derartige „Feindbilder“ entstehen. Diese Figur eines schuldigen Dritten ist eine systematische Notwendigkeit, weil man die eigentlich Verantwortlichen entlasten will. Aufklärung darüber, daß „die Juden“ gar nicht das sind und tun, was das „Vorurteil“ ihnen zuschreibt, ist deshalb vergebliche Liebesmühe. Der autoritäre Charakter braucht den äußerlichen Feind, damit er die Autorität, die er als die seine betrachtet und mit der er sich identifizieren will, entlasten kann.

Bei PEgIdA sind es nun also „die Muslime“, die von außen kommen und angeblich die Ordnung stören. Natürlich lachte zurecht die gesamte Republik über die Dresdner, die bei einem absolut minimalen Ausländeranteil in ihrer Stadt ausgerechnet diese zum Grundübel erklärten, das das Abendland bedrohen sollte. Was gab es nicht alles an „Faktenchecks“, die alle belegten, daß die von PEgIdA vorgebrachten Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen waren. Doch das Gelächter wie die Fakten gehen an der Sache vorbei. „Der Moslem“ der PEgIdA ist ein Hirngespinst, eine autoritäre Konstruktion, die mit den realen Muslimen nichts zu tun hat. Und deshalb läßt sich dieses Hirngespinst mit Aufklärung über die realen Muslime genauso wenig beseitigen wie mit einer weiteren Verschärfung der gegen Flüchtlinge gerichteten Politik.

Wenn ich behauptet habe, daß der Rassismus bei PEgIdA nicht primärer Antrieb, sondern ein abgeleitetes Phänomen sei, dann nicht, um ihn zu verharmlosen. Gerade dadurch, daß er auf einem reinen Konstrukt beruht, das einer ideologischen Notwendigkeit geschuldet ist, ist er so gefährlich. Er ist rationaler Argumentation nicht zugänglich. Das Urteil über „den Moslem“ ist längst gesprochen, die angeblichen Begründungen für diesen Urteilsspruch werden nachträglich zusammengeklaubt.

Ausbaden müssen diese Projektion allerdings die realen Muslime. Und um das zu verhindern nützt es nichts, „Vorurteile“ abbauen zu wollen und Aufklärung über den Islam zu betreiben – einmal ganz davon abgesehen, daß dieser ebenso eine Beleidigung der menschlichen Vernunft ist wie jede andere Religion. Wirkliche Aufklärung müßte an den inneren Widersprüchen der bestehenden Ordnung selbst ansetzen, deren systemischen Charakter aufzeigen und den Entwurf einer andere Ordnung projizieren. Doch diese Aufgabe ist unendlich viel schwerer als den von PEgIdA verzapften Unsinn lächerlich zu machen oder zu widerlegen.

Nächste Woche wird es aus aktuellem Anlaß um ein ganz anderes Thema gehen. Ich werde den Tod von Karl-Heinz Kurras zum Anlaß nehmen, ein paar Worte über das Ereignis „2. Juni 1967“ und seinen Verursacher zu verlieren. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Alte Bolschewik auf folgende Frage eine ganz andere Antwort gibt als die FAZ:

„Doch was wäre gewesen, wenn schon damals die DDR-Verpflichtung von Kurras bekanntgewesen wäre?“ ([1])

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2015: „Kleiner Mann, großer Fehler“ (Bannas, G.), S.4.

Written by alterbolschewik

20. Februar 2015 at 14:50

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Dresden

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Bewegungslehre spezial

„»Ich habe ja nichts gegen ältere Menschen«, sage ich. »Aber sie sollen bitte nicht mit ihrem Rassismus unsere Sozialsysteme belasten.«“

Laura Meschede

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde versucht, die hier vertretene Hypothese über die Entstehung von Bewegungen auch auf PEgIdA anzuwenden – was sich als nicht so ganz einfach erwies. Scheinbar entstand PEgIdA kontinuierlich und erwuchs nicht aus einem traumatischen Bruch der symbolischen Ordnung, wie das von meinem Modell postuliert wird. Um dennoch an meiner Hypothese festhalten zu können, hatte ich behauptet, daß das Trauma und der Bruch, der PEgIdA zu Grunde liegt, fünfundzwanzig Jahre zurück liegt – um PEgIdA zu verstehen, müsse man bis zum Untergang der DDR zurückgehen.

Als wichtiges Indiz für diese Hypothese hatte ich das sehr hohe Durchschnittsalter der PEgIdA-Demonstranten angeführt – was für Bewegungen sehr ungewöhnlich ist, da deren Durchschnittsalter in der Regel eher zwischen 20 und 30 Jahren zu suchen ist, nicht im Bereich um die 50. Für die PEgIdA-Demonstranten heißt wiederum, daß ein sehr großer Prozentsatz von ihnen bereits 1989 erwachsen war und seinen Platz in der symbolischen Ordnung der DDR gefunden hatte.

Nun war die DDR zweifellos größer als Dresden. Wenn es also das Trauma von 1989 ist, das die PEgIdA-Demonstranten heute auf die Straße treibt, dann muß man die Frage stellen: Warum gelang es in Dresden, eine rassistische Bewegung zu initiieren? Oder genauer: Warum konnte in Dresden ein kleiner rechtsradikaler Kern eine große Masse von Feld-, Wald- und Wiesenrassisten, die es überall gibt, mobilisieren, während derartige Massenkristalle in anderen Städten isoliert blieben und stattdessen eine Überzahl von Gegendemonstranten auf die Straße brachten?

Auch hier läßt sich nur eine Hypothese formulieren. Doch diese Hypothese scheint mir durchaus plausibel. Und den Kern dieser Hypothesen bildet das andere Dresdner Trauma: Die Luftangriffe, die die Stadt heute vor 70 Jahren verheerend trafen und bei denen rund 25.000 Menschen ums Leben kamen. Ein ganz wesentliches Problem der Dresdner Lokalgeschichte ist, daß dieses Trauma über Jahrzehnte nicht aufgearbeitet wurde. Schon das in den letzten Zügen liegende Dritte Reich schlachtete die Bombardierung der Stadt propagandistisch aus. Das von Goebbels formulierte Schema, nach dem die „Kulturstadt“ Dresden von alliierten „Barbaren“ in Schutt und Asche gelegt worden sei, wurde in der Zeit des Kalten Krieges von der DDR-Führung nahtlos übernommen. An die Stelle einer Aufarbeitung des Traumas trat die Identifikation mit ihm. Die Dresdner lernten über ein halbes Jahrhundert nicht, mit der Ambivalenz des Geschehens umzugehen, mit dem unleugbaren Faktum, daß die Stadt eben nicht nur einfach ein unschuldiges Opfer war. Über der Barbarei des Luftkrieges wurde verdrängt, daß das Böse auch mitten in der bombardierten Stadt saß. Stattdessen bezog die Stadt ihre Identität aus der Opferrolle.

Am deutlichsten belegt dies der kollektive Aufschrei, als eine Historikerkommission 2008 eindeutig und abschließend belegte, daß die realen Opferzahlen deutlich geringer waren als immer behauptet (wobei das eigentlich seit den 60er Jahren bekannt war). Statt froh zu sein, daß die Angriffe deutlich weniger Opfer gekostet hatten, fühlten sich viele Dresdner in ihrer Identität angegriffen.

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR, rund ein halbes Jahrhundert nach dem eigentlichen Ereignis, begann eine kritische Auseinandersetzung mit dieser problematischen Form der Erinnerungskultur. Und diese Auseinandersetzung führte prompt zu einer Spaltung der Dresdner Bürgerschaft. Wobei dieser Bruch, wie ich glaube, komplizierter ist, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Denn es handelt sich meines Erachtens nicht einfach darum, daß auf der einen Seite verstockte Traditionalisten stehen, die sich ihre Identität als unschuldige Opfer nicht nehmen lassen wollen; und auf der anderen Seite die Kräfte des Guten, die souverän mit der Ambivalenz des Ereignisses umgehen können. Meine Vermutung ist, daß diese Auseinandersetzung einen Subtext hat. Und dieser Subtext verbindet das eine traumatische Ereignis, die Bombardierung, mit dem anderen Trauma, dem Kollaps der DDR.

Wir haben in den Jahren nach 1989 zunächst einmal die traumatische Erfahrung, daß die bestehende Ordnung praktisch von einem Tag auf den anderen kollabiert, eine Neuorientierung schwierig und schmerzhaft ist. Doch dies gilt für das ganze Gebiet der ehemaligen DDR. In Dresden kam jedoch noch etwas anderes hinzu: Das bisherige identitätsstiftende Moment der Dresdner, das kollektive Selbstverständnis als unschuldige Opfer eines angeblich barbarischen Kriegsverbrechens, wurde zur selben Zeit unterminiert. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, daß eine solche Umorientierung in der Art und Weise der Erinnerung sachlich geboten war. Wichtiger ist die subjektive Empfindung in einer sowieso als krisenhaft empfundenen Umbruchsphase. Ich bin mir ziemlich sicher, daß vielen Dresdnern die nun auf einmal abverlangte Selbstkritik primär als ein aufgezwungener Westimport vorkam. Besserwessis erklärten einem, wie man der eigenen Geschichte zu gedenken habe. Und das provozierte dann instinktiv eine Abwehrhaltung, die, so falsch sie auch faktisch war, dann fatale Folgen zeitigen sollte.

Hätte einfach nur die offizielle Gedenkkultur einen Schwenk gemacht, wäre diese ursprüngliche Abwehrhaltung mit der Zeit sicherlich abgeklungen. Man hätte sich daran gewöhnt, so wie man im Westen auch in jeder Stadt am 9. November routiniert irgendwo einen Kranz abwirft. Doch dann tauchten Ende der 90er Jahre die Neonazis auf, die das Ereignis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten. Und damals wurde ein schwerwiegender politischer Fehler begangen. Es wurde versäumt, bei den Gedenkveranstaltungen eine klare Kante zu zeigen und sich von den Nazis zu distanzieren – was sicherlich daran lag, daß die Form des Gedenkens sich damals noch im Umbruch befand. Wäre damals aus der Mitte der Dresdner Bürgerschaft ein friedlicher, aber bestimmter Protest gegen die Neonazi-Aufmärsche organisiert worden, hätte dies den rechten Rand mit großer Wahrscheinlichkeit schnell ziemlich isoliert. Doch dies wurde ein Jahrzehnt lang versäumt. Erst 2009 gründete sich das breite Bündnis Dresden Nazifrei, dem es dann gelang, die Versäumnisse des vorhergehenden Jahrzehnt langsam wieder gut zu machen. Das scheint auch weitgehend gelungen zu sein: Wie es aussieht, gibt es dieses Jahr in Dresden keinen Naziaufmarsch mehr.

Doch auch diese Bündnisaktionen hatten einen Schönheitsfehler. Stellenweise kam es zu Entgleisungen angereister Antifa-AktivistInnen, die sich als ziemlich kontraproduktiv erwiesen. Höhepunkt dieser Entgleisungen war letztes Jahr die Aktion einer Piratenpolitikerin, die sich mit entblößtem Oberkörper ablichten ließ, auf den sie „Thanks Bomber Harris“ gepinselt hatte. Ich hatte die Aktion bereits letztes Jahr analysiert. Mein kritisches Fazit damals lautete:

„Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. […] Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.“

Ich will jetzt nicht behaupten, daß PEgIdA die Quittung für derartige dumme Aktionen ist. Aber sie verschob für eine nicht unerhebliche Masse die berühmte rote Linie, die Linie, mit wem man sich gemein macht und mit wem nicht. Es ist bezeichnend, daß PEgIdA das Antifa-Emblem übernommen hat, auf dem ein Hakenkreuz in einem Mülleimer entsorgt wird; in der von PEgIdA verwendeten Variante landet aber auch das Antifa-Logo mit im Müll.

In anderen Städten gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso viele Menschen, die die selben rassistischen Ansichten im Kopf haben wie die PEgIdA-Demonstranten. Aber anders als in Dresden würden sie sich damit nicht auf die Straße trauen, weil sie wissen, daß sie sich damit außerhalb des lokalen Konsenses stellen würden – was dann am Stammtisch immer mit der schwachsinnigen Parole kommentiert wird, man dürfe bestimmte Sachen nicht sagen. Tatsächlich darf man alles sagen – man muß nur darauf gefaßt sein, ordentlich Widerspruch zu ernten. Und sich dem zu stellen, dazu ist der normale Stammtischrassist einfach zu feige. In Dresden gehen diese Menschen hingegen auf die Straße – weil sie wissen, daß sie nur auf den Widerstand einer Minderheit gefaßt machen müssen. Wobei ich noch nicht einmal glaube, daß es in Dresden so viel weniger Menschen gibt als anderswo, die PEgIdA für absolut inakzeptabel halten. Aber diese Menschen lassen sich nicht in einem breiten antirassistischen Konsens mobilisieren. Sie haben nämlich keine Lust, sich von angereisten Antifas selbst als halbe Nazis beschimpfen zu lassen, nur weil sie die Bombardierung Dresdens nicht als ein rundum begrüßenswertes Ereignis abfeiern wollen.

Diese Bruchlinien und Verschiebungen in der Erinnerungskultur Dresdens machen meines Erachtens die Sonderstellung der Stadt aus, die dann eine Bewegung wie PEgIdA möglich machten. Damit ist allerdings noch lange nicht erklärt, warum das Trauma von 1989 sich fünfundzwanzig Jahre später in Form eines dümmlichen Rassismus artikuliert.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik die Rolle des Rassismus bei PEgIdA zu erklären versucht, während die Bewegung selbst schon auf dem Müllhaufen der Geschichte verrottet.

Written by alterbolschewik

13. Februar 2015 at 17:34

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Trauma mit Zeitzünder

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Bewegungslehre spezial

„»Pegida« ist ein Gefühl. Von ganz tief drinnen. Und eigentlich wissen das die Dresdner Demonstranten auch: Es ist ihr Rückzugskampf gegen die offene Gesellschaft. Die lässt sich nicht mehr schließen. Nicht in einer Demokratie.“

Anetta Kahane

Was bisher geschah: Letzte Woche hatte ich versucht, den gemeinsamen Auftritt von mehr als 40 Staatschefs auf der Trauerkundgebung anläßlich der Terroranschläge in Paris zu deuten. Meine These war, daß dieser Auftritt weniger ein Signal in Richtung der Islamisten darstellte, als vielmehr die verschiedenen rechtspopulistischen Bewegungen in Europa adressierte.

Und das bringt uns zum heutigen Thema: Die seltsame Bewegung in Dresden mit dem noch seltsameren Namen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Wäre ich eine der Leserinnen dieses Blogs, würde ich jetzt entnervt aufstöhnen. Muß auch noch der alte Bolschewik seinen Senf zu PEgIdA dazugeben? Reicht es nicht, daß jeder Journalist, Politiker, Verbandsvorsitzende meint, seine Meinung zu PEgIdA in die Öffentlichkeit zu tragen zu müssen? Gefühlt bringt meine Tageszeitung täglich mindestens zwei Kommentare zu PEgIdA. Und das meiste, was zu PEgIdA verkündet wird, ist stereotyp und vorhersehbar. Nur selten sind die Statements so schön durchgearbeitet und amüsant wie Marcel Beyers Dankesrede für den Bremer Literaturpreis.

Ganz ehrlich, ich stimme Ihnen völlig zu, wenn Sie so denken. Es ist überflüssig wie ein Kropf, noch eine weitere Meinung zu PEgIdA hinauszuposaunen. Und ich werde das auch nicht tun. Natürlich habe ich eine politische und auch moralische Meinung zu PEgIdA – aber mit dieser werde ich Sie, liebe Leserin verschonen. Ich will vielmehr versuchen, sine ira et studio das Phänomen PEgIdA bewegungstheoretisch zu beleuchten. Das heißt, ich werde mir, auch wenn es schwer fällt, sarkastische Kommentare verkneifen. Und ich hoffe, daß dies interessanter ist als die x-te Selbstvergewisserung, daß wir nicht so sind wie die.

Gehen wir also bewegungstheoretisch an die Sache heran. Und da taucht dann schon das erste Problem auf: PEgIdA widerspricht (zumindest dem ersten Anschein nach), der Grundthese, die ich seit Wochen hier im Blog verkündet habe. Am Anfang einer Bewegung, so hatte ich postuliert, steht ein Ereignis. Und zwar ein Ereignis, das so traumatisierend wirkt, daß es die symbolische Ordnung erschüttert, in der wir es uns bequem gemacht haben. Diese These hatte ich gegen die akademische Bewegungsforschung in Stellung gebracht, die nicht von einem traumatischen Bruch ausgeht, sondern von einer Kontinuität. Dort verläuft die Entstehung einer Bewegung folgendermaßen: Einigen Menschen fällt ein Mißstand auf, sie organisieren sich, agitieren andere Menschen, sie finden Unterstützer und so wächst die Bewegung kontinuierlich. Und PEgIdA scheint sich ärgerlicherweise eher an dieses sozialwissenschaftliche Kontinuitäts-Modell zu halten als an meine These von traumatischen Bruch.

Die Geschichte von PEgIdA begann am 11. Oktober 2014, als Lutz Bachmann eine Facebook-Gruppe gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ anlegte. Auslöser für diese Gründung war tatsächlich ein Ereignis. Und schon hier fällt es mir schwer, meinen Sarkasmus zurückzuhalten, denn dieses Ereignis, das Bachmann so aufwühlte, hatte mit Islamisierung wirklich nichts zu tun. Es handelte sich um eine Solidaritätsdemonstration mit der PKK ([3]) – also einer säkularen Organisation, die in Syrien gegen den Islamismus kämpft. Doch dieses für Bachmann individuell auslösende Ereignis kann nicht als Ereignis im Sinne der Bewegungslehre interpretiert werden. Eine erste Demonstration am 20. Oktober mobilisierte gerade einmal 350 Personen. Dann aber wuchs die Bewegung sukzessive, wie aus dem Lehrbuch, um schließlich angebliche 25.000 Leute in Dresden auf die Straße zu bringen.

Ist also alles falsch, was ich bislang über Bewegungen geschrieben habe? Daß Bewegungen der Versuch sind, ein Trauma zu verarbeiten, das aus dem Bruch der gesellschaftlichen Ordnung resultiert? Ich behaupte: Keineswegs. Stellen wir zunächst einmal die Frage nach dem traumatisierenden Ereignis zurück. Wenn wir nur den zweiten Teil der These betrachten, den, daß Bewegungen versuchen, einen Bruch in der symbolischen Ordnung zu kitten, dann kommen wir der Sache schon etwas näher. Die PEgIdA-Demonstranten sind der Ansicht – ob zu Recht oder Unrecht, ist völlig unerheblich –, daß in der BRD die demokratischen Spielregeln eklatant verletzt werden, und zwar von zwei ganz wesentlichen Säulen der Demokratie, nämlich einerseits den gewählten Politikern und andererseits der Presse. Die Presse bringe nicht den Willen des „Volkes“ zum Ausdruck; und die Politik würde diesen Willen nicht umsetzen. Das ist meines Erachtens der eigentliche Kern dessen, was die PEgIdA-Demonstranten eint, nicht der Anti-Islamismus und die Ausländerfeindlichkeit. Letztere sind vielmehr abgeleitete Phänomene, um die es nächste Woche gehen wird.

Wir haben also den von den PEgIdA-Anhängern empfundenen Bruch in der symbolischen Ordnung gefunden: Es ist das Gefühl, daß die repräsentative Demokratie alles andere als repräsentativ sei. Die PEgIdA-Anhänger fühlen sich in dieser Demokratie ausgeschlossen. Es ist deshalb sehr stimmig und konsequent, daß nach der Spaltung von PEgIdA die „gemäßigtere“ Fraktion um Kathrin Oertel einen Verein mit dem Namen „Direkte Demokratie für Europa“ gegründet hat.

Nun ist dieses Gefühl, die Demokratie sei bloße Augenwischerei und verdecke eine Kumpanei der Eliten aus Politik, Presse und Wirtschaft durchaus weit verbreitet, im Osten wie im Westen. Und vollständig aus der Luft gegriffen ist dieses Gefühl nicht, anders etwa als die „Islamisierung des Abendlandes“. Aber außerhalb von Dresden hat dieser gefühlte Bruch in der demokratischen Ordnung nicht zu Massendemonstrationen geführt. Sondern sogar im Gegenteil: Im Westen der BRD wird eher PEgIdA als Bedrohung der Ordnung angesehen und treibt die Menschen auf die Straße. Was also macht den Osten so anders? Eben dies, daß er der Osten ist. Mit anderen Worten: Ich behaupte, daß der Zusammenbruch der DDR das eigentlich traumatische Ereignis, das uns helfen kann, PEgIdA zu verstehen. Das Trauma, das PEgIdA zu heilen versucht, liegt 25 Jahre zurück.

Das klingt wie eine sehr steile These. Doch bevor ich auf die Kritikpunkte eingehen will, schauen wir uns zunächst an, was für diese These spricht. Dazu möchte ich mich auf eine vielgescholtene Studie der TU Dresden ([2]) beziehen, der ich dennoch einen gewissen Erkenntnisgewinn zuschreibe. Zurecht wurde an der Studie kritisiert, daß 65%-Auskunftsverweigerer bei einer solchen Studie nicht einfach ignoriert werden können ([1]). Schließlich gehört es bei PEgIdA zum Programm, den politischen Dialog zu verweigern, was im Umkehrschluß heißt, daß die Studie eben nicht die Ansichten des harten Kerns von PEgIdA repräsentiert, sondern eher die der Mitläufer. Doch das ist gerade die Personengruppe, die mich von einem bewegungstheoretischen Standpunkt aus interessiert. Denn es ist zunächst einmal gar nicht so sehr interessant, was der harte Kern denkt, sondern das, was die denken, die als Masse an diesen Kern andocken.

Und dieses Andocken ist eine ganz zentraler Punkt. Harte Irgendwas-mit-gida-Kerne gibt es überall, im Westen wie im Osten. Sie kommen direkt aus der neonazistischen Ecke und versuchen überall, ähnliche Bewegungen auf die Beine zu stellen – und nichts passiert, außer daß sie Gegendemonstranten mobilisieren. Außerhalb von Sachsen gelang es nirgendwo, über die rechte Schmuddelecke hinaus Menschen zu mobilisieren. Deshalb ist es für Dresden gerade interessant, nicht was der harte Kern für Ansichten hat, sondern was die Mitläufer denken, die das Ganze überhaupt erst zur Massenbewegung adeln.

Und deshalb finde ich einige Befunde der Dresdner Studie ziemlich interessant. Zum einen das Durchschnittsalter, das bei 48 Jahren liegt. Das ist mehr als erstaunlich und ich bin verblüfft, daß darauf nicht weiter eingegangen wurde. Praktisch alle echten Massenbewegungen werden primär von jungen Menschen getragen. Auch die Anti-PEgIdA-Demonstrationen mobilisieren eine deutlich jüngere Gefolgschaft als PEgIdA selbst. Was sagt uns also dieses hohe Durchschnittsalter? Rechnen wir zurück und schauen uns das Alter des PEgIdA-Mitläufers zum Zeitpunkt des DDR-Kollapses an: Dieses liegt dann bei 23 Jahren. Mit anderen Worten, er hatte eben seine Berufsausbildung abgeschlossen, eine Familie gegründet und war, wie man so sagt, mitten im Leben angekommen. Und dann bricht, von einem Tag auf den anderen, diese Ordnung, in der man sich eben eingerichtet hatte, zusammen. Dazu paßt der Befund der Studie, daß es eher überdurchschnittlich gut ausgebildete Männer sind, die bei PEgIdA als Mitläufer auftreten. Sie hatten also in der DDR eine absehbare und durchaus akzeptable Perspektive. Und diese Perspektive ging schlagartig verloren. Das ist, auch wenn man sich danach berappelt, zunächst einmal eine traumatisierende Erfahrung. Diese Ergebnisse der Studie stützen also durchaus die Hypothese, das die Erfahrung, die mit Hilfe von PEgIdA verarbeitet werden soll, im Jahr 1989 zu suchen ist.

Die Studie bestätigt meine Hypothese noch in einem anderen Punkt, denn die Teilnehmer wurden nach dem Hauptgrund für ihre Teilnahme an den Demonstrationen gefragt. Und 54% der Interviewten gaben „Unzufriedenheit mit der Politik“ an, während „grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern“ nur von 15% der Befragten geäußert wurden und der „Protest gegen religiös oder ideologisch motivierte Gewalt“ mit 5% weit abgeschlagen ist. Das gilt, wie gesagt, sicherlich nicht für den harten PEgIdA-Kern, aber für die große Masse der Mitläufer. Denen geht es, zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung, primär um gefühlte Demokratiedefizite. Das heißt nicht, daß man diese Mitläufer vom Vorwurf des Rassismus freisprechen sollte – wer rassistischen Anführern hinterherläuft kann schlecht behaupten, daß ihm Rassismus fremd sei. Doch der Rassismus ist nicht das primäre Motiv, sondern spielt eine abgeleitete Rolle.

Allerdings beantworten diese Erkenntnisse der TU-Studie keineswegs alles. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik bei der Beantwortung folgender Fragen ins Schwimmen kommt: Warum, wenn das eigentliche Trauma 1989 zu suchen ist, hat es ein Vierteljahrhundert gebraucht, um eine Bewegung wie PEgIdA hervorzubringen? Und warum nur in Dresden? Und vor allem, was ist denn jetzt mit dem Rassismus?

Nachweise

[1] Reinboth, C.: „Was verrät uns die aktuelle Studie der TU Dresden über den »typischen« PEGIDA-Demonstranten?“, URL: http://scienceblogs.de/frischer-wind/2015/01/14/was-verraet-uns-die-aktuelle-studie-der-tu-dresden-ueber-den-typischen-pegida-demonstranten/, abgerufen am 6. Februar 2015.

[2] Vorländer, P. D. H.: „Wer geht warum zu PEGIDA-Demonstrationen?“, URL: http://tu-dresden.de/aktuelles/news/Downloads/praespeg, abgerufen am 6. Februar 2015.

[3] Weiß, V.: „Pegida ist die neue Abkürzung für »Ausländer raus«“, URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pegida-die-neue-abkuerzung-fuer-auslaender-raus-a-1007914.html, abgerufen am 6. Februar 2015.

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6. Februar 2015 at 16:05

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Das Trauma der politischen Elite

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Bewegungslehre spezial

„Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt: Der Islam gehört zu Deutschland. Und das ist so. Dieser Meinung bin ich auch.“

Angela Merkel, Januar 2015

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde anläßlich der Attentate auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Ermordeten im jüdischen Supermarkt darüber nachgedacht, welche Geschehnisse als bewegungsauslösende Ereignisse gelten können und welche nicht. Und diese Überlegungen endeten mit dem Hinweis, daß Beteiligung von über 40 Regierungschefs an der Trauer-/Protestkundgebung in Paris gesonderte Aufmerksamkeit verdient.

Um noch einmal meine Hypothese zu rekapitulieren: Wenn gesellschaftliche Ereignisse zu spontanen Massenaufläufen führen, dann ist dies ein Indikator dafür, daß solche Ereignisse als traumatisierende Störung der bestehenden Ordnung erfahren werden. Und die Massenbildung muß als ein Versuch verstanden werden, diese gestörte Ordnung durch die Bildung einer Masse zu negieren. In der Masse versichert man sich, daß die Störung der Ordnung eine Ausnahme ist, eine Singularität, und daß prinzipiell die Ordnung der Welt, wie man sie alltäglich erfährt, nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist (das gelingt nicht immer, dann kann das Ereignis zum Auslöser einer Bewegung werden, die versucht, wieder eine Ordnung herzustellen; doch dies nur nebenbei).

Ich hatte dieses Phänomen schon vor einigen Folgen angesprochen – nicht anhand eines islamistischer Attentate, sondern anhand traumatisierender Verbrechen, die keinen unmittelbar gesellschaftlichen Hintergrund haben, beispielsweise wenn ein Kind entführt, mißbraucht und ermordert wird. Dann zieht es die Menschen als Masse auf die Straße, um Plüschtiere oder Kerzen an einem symbolträchtigen Ort abzulegen. Und ein analoges Gefühl dürfte auch die große Masse derer, die dann in Paris auf die Straße gingen, angetrieben haben. Doch das Verhalten der Regierungschefs verlangt nach einer komplexeren Erklärung.

Natürlich sind auch Politiker Menschen (meistens zumindest – bei Margaret Thatcher war ich mir da nie so ganz sicher). Und insofern ist es eine ganz natürliche Reaktion, sich der Masse anzuschließen. Aber über 40 Regierunschefs zusammen? Ich hatte letzte Woche schon erwähnt, daß das für die Sicherheitskräfte ein Alptraum gewesen sein muß. Als Staatschef kann man es sich eigentlich nicht leisten, solchen Emotionen einfach nachzugeben.

Man kann natürlich auch das Gegenteil annehmen: Daß das Ganze eine ganz typische politische Inszenierung war. Man muß als Politiker in einem solchen Fall Mitgefühl und Trauer zeigen, und natürlich wäre es für Hollande äußerst unklug gewesen, nicht auf der Kundgebung aufzutreten. Doch das gilt eigentlich nur für den französischen Regierungschef, nicht für die ganzen anderen. Hier hätten die üblichen Betroffenheitsfloskeln gereicht: Man kondoliert und gibt seinen Abscheu über die feige und hinterhältige Tat zu Protokoll. Im Normalfall war’s das.

Nach den Anschlägen in Madrid 2004 beispielsweise gingen 11 Millionen Menschen auf die Straße – doch es gab keinen Block der Regierungschefs. Im Gegenteil, die mitmarschierenden Politiker der Regierungspartei Partida Popular mußten die Demonstration unter Polizeischutz verlassen. Bei den U-Bahn Attentaten in Londen 2005 versammelten sich zwar Menschen auf dem Trafalgar Square zu einer Schweigeminute – doch dazu gesellten sich keine ausländischen Regierungschefs; und diese glänzten auch durch Abwesenheit beim Gedenkgottesdienst in der St. Paul’s Cathedral.

Die Anschläge von Paris müssten sich also von denen in Madrid und London deutlich unterscheiden, damit sie so vielen Regierungschefs so unter die Haut ging, daß sie sich zu dieser Geste entschlossen. Es ist ziemlich seltsam, daß sich darüber niemand wirklich Gedanken gemacht hat. Deshalb will ich hier versuchen, dieses außergewöhnliche Verhalten zu deuten. Und diese Deutung wird in eine andere Richtung gehen, als man spontan erwarten würde.

Ich weiß, daß ich inzwischen nur noch ein Gähnen ernten werde, wenn ich wieder einmal behaupte, daß es eine als traumatisch empfundene Störung der Ordnung ist, die die Reaktion der Regierungschefs ausgelöst hat. Doch diese Behauptung ist nicht so trivial, wie sie erscheint. Denn es ist offensichtlich nicht einfach die Tatsache eines islamistischen Anschlags, die zu dieser traumatischen Erfahrung geführt hat. Die Anschläge von Madrid oder London waren deutlich verheerender, haben aber auf Seiten der politischen Klasse nur zu business as usual geführt: Man drückte seine Abscheu über die „feigen“ Attentate aus und ging dann zur Tagesordnung über. Islamistische Attentate sind, zumindest nach 9/11 und für Politiker durchaus Teil der Ordnung. Ein häßlicher, tragischer Teil der Ordnung, aber leider etwas, mit dem man rechnen muß.

Es muß also etwas anderes gewesen sein als die bloße Furcht, ein Anschlag wie der in Paris könnte sich in näherer oder fernerer Zukunft wiederholen, die die Politiker im Rudel auf die Straße trieb. Dieser terroristische Akt mußte die bestehende Ordnung auf eine andere Art und Weise in Frage gestellt haben, als es frühere Anschläge taten. Und meine Vermutung ist, daß der spontane Gedanke, der sich einstellte, als man von den Attentaten erfuhr, eben nicht war: „Oh Gott, schon wieder ein islamistischer Anchlag“. Sondern: „Oh Gott, diese Scheiße ist Wasser auf die Mühlen von Pegida“ – oder des Front National, oder der UKIP, oder was es, je nach Land, an rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen gibt, die ihre Anhänger mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Islamophobie ködern.

Wenn diese Hypothese stimmt – und sie scheint mir mehr als plausibel –, dann war dieser große Schulterschluß der Regierungschefs kein Signal an die Islamisten, sondern an die diversen Rechtspopulisten der verschiedenen Länder. In Frankreich wurde dies unverblümt ausgesprochen, als Marine Le Pen und ihrem Front National explizit deutlich gemacht wurden, daß sie auf der Trauerkundgebung unerwünscht seien. Aber auch in der BRD wurde gebetsmühlenhaft wiederholt, daß die Anschläge keineswegs Pegida nutzen dürften. Offensichtlich wird die politische Klasse von der Furcht umgetrieben, daß rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich die bestehende politische Ordnung in Frage stellen könnten. Und es läßt sich nicht leugnen, daß der Front National in Frankreich oder die UKIP in Großbritannien auf einem unguten Weg sind, genau dies zu erreichen.

Von den Wahlerfolgen der französischen oder britischen Rechtspopulisten ist die AfD in der BRD noch weit entfernt; und ob Pegida die nächsten Wochen überlebt, ist doch sehr zweifelhaft. Dennoch ist die politische Elite auch hierzulande ziemlich verstört, wie man an den Reaktionen auf die Pariser Attentate ablesen kann. Denn es folgten eben nicht nur die üblichen und erwartbaren politischen Reflexe („Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung“ etc.). Diese gab es zwar auch, aber sie wurden übertönt von der mantrahaften Beschwörung einer Selbstverständlichkeit, nämlich der, daß die Muslime nicht pauschal für irgendwelche durchgeknallten islamistischen Kriminellen verantwortlich gemacht werden dürften.Merkel bekräftigte sogar noch einmal explizit Wulffs Diktum, daß der Islam zu Deutschland gehöre.

Der Schock für die politische Elite bestand also darin, daß sie fürchten muß, die Anschläge würden einer inneren Opposition nützen, die sich vom politischen Establishment auf die übliche Art und Weise nicht integrieren läßt. Fast könnte man diese Furcht sogar goutieren, wenn diese Opposition nicht so unappetitlich wäre. Denn tatsächlich ist es ja der Anti-Islamismus, der die verschiedenen Spielarten des Rechtspopulismus in Europa zusammenhält. Und es ist die Furcht vor dem Erstarken dieser gesellschaftlichen Kräfte, die meines Erachtens die Regierungschefs in Paris auf die Straße trieb.

Denn genau das ist die Differenz zwischen den Anschlägen in Madrid und London: Damals war der anti-islamistische Rechtspopulismus noch lange nicht so stark, als daß sich die politische Elite Europas darüber ernsthaft Gedanken machen mußte. Das hat sich im vergangenen Jahrzehnt geändert. Es gibt nicht mehr nur xenophobe Neonazis am rechten Rand, sondern die Ideologie des Anti-Islamismus reicht bis weit in die gesellschaftliche Mitte. Allein der Erfolg der kruden Thesen von Thilo Sarrazin belegt dies. Und deshalb werde ich mir nächste Woche Pegida etwas genauer anschauen.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Byung-Chul Han erklärt:

„Pegida lenkt die Öffentlichkeit vom Versagen der Politik ab.“ ([1])

Nachweise

[1] Han, B.-C., „Zuhören! Pegida ist kein politischer Protest, sondern ein Angstsymptom“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Jg.15 (2015), Nr.3 (18. Januar 2015), S.36.

Written by alterbolschewik

30. Januar 2015 at 17:04

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Warum wir Charlie sind und nicht Yoan

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Bewegungslehre spezial

Was bisher geschah: Statt sich um Gegenwartsprobleme zu kümmern, trieb sich der Autor dieses Blogs mental in der Zeit des Bauernkriegs herum, um zu begreifen, wie gesellschaftsverändernde Bewegungen entstehen und wie sie sich im Verlauf transformieren. Doch der Schein trog: Was dort, mit gehörigem historischen Abstand, sichtbar wird, ist für eine Deutung gegenwärtiger gesellschaftlicher Phänomene außerordentlich nützlich.

Dennoch hatte ich nicht vor, so schnell in die Gegenwart zurückzuspringen – noch fehlen wesentliche Bausteine, um die Dynamik auch heutiger Bewegungen zu verstehen. Ich habe mich dennoch entschlossen, zumindest für einige Folgen dieses Blogs auf die Gegenwart zurückzukommen. Zu drängend scheinen mir die Fragen, die von den jüngsten Ereignissen aufgeworfen werden, als daß ich stur meinem Plan folgen will. Deshalb wird es heute einige (vorläufige) Bemerkungen zur Gegenwart geben, zu den Attentaten in Paris und zu der „Je suis Charlie“-Euphorie, die dadurch ausgelöst wurde.

Für das, was ich im folgenden untersuchen will, ist es sehr wichtig, sich ins Bewußtsein zu rufen, daß nicht nur die Redaktion von Charlie Hebdo angegriffen wurde, sondern auch Kunden in einem jüdischen Supermarkt. Dabei will ich in dieser Folge gar nicht darauf eingehen, daß die Angreifer militante Islamisten waren. Die Bedeutung der islamistischen Bewegungen wird einer späteren Folge vorbehalten. Vielmehr geht es mir heute darum, die Attentate als Ereignis zu verstehen. Ich habe in diesem Blog schon öfter darauf hingewiesen, daß in den meisten Fällen, wenn eine Bewegung entsteht, am Anfang ein Ereignis steht; daß dieses Ereignis eine traumatisierende Wirkung entfaltet; und daß die daraus resultierende Bewegung ein Versuch ist, dieses Trauma zu bewältigen.

Die traumatisierende Wirkung der Ereignisse in Paris steht außer Frage. Dennoch sollten wir uns nicht so einfach mit dieser Feststellung begnügen, sondern dieses Trauma etwas genauer in Augenschein nehmen. Wenn wir uns die allgemeine Medienberichterstattung vor Augen führen, dann wird offensichtlich vor allem der brutale Überfall auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo als traumatisches Ereignis begriffen. Der Tod der Kunden in einem jüdischen Supermarktes spielte nur eine sehr untergeordnete Rolle (zumindest für den nichtjüdischen Teil der Öffentlichkeit): Die Parole der schnell entstehenden Bewegung war „Je suis Charlie“, manchmal auch „Je suis Ahmed“ – nach Ahmed Merabet, dem muslimischen Polizisten, der ebenfalls von den Attentätern hingerichtet wurde. Aber sie war beispielsweise nicht „Je suis Yoav“ nach Yoav Hattab, der im Supermarkt bei dem Versuch ermordet wurde, dem Attentäter eine seiner Waffen zu entwenden.

Warum gingen die jüdischen Opfer in der Berichterstattung weitgehend unter? Warum berührt ihr Tod uns nicht auf die gleiche Weise wie die der anderen Opfer (und ich nehme mich dabei nicht aus)? Um diese Fragen zu beantworten, will ich noch ein weiteres Ereignis hinzunehmen, das just am selben Tag stattfand wie der Anschlag auf Charlie Hebdo: Ebenfalls am 7. Januar massakrierte die islamistische Terrororganisation Boko Haram in der nigerianischen Stadt Baga geschätzte 2.000 Menschen. Im Gegensatz zu den Toten in Paris wurde dies kaum zur Kenntnis genommen. Doch warum? Warum wühlen uns die wenigen Opfer in Paris so viel mehr auf als 2.000 andere in Nigeria?

Die erste Hypothese, die sich aufdrängt, ist natürlich die, daß es einfach die Entfernung ist: Mit Menschen in Paris identifizieren wir uns leichter als mit Menschen in Baga (wo ist das überhaupt?). Doch dieser Hypothese widersprechen die toten Kunden im Supermarkt. Mit ihnen sollte uns eigentlich die Identifikation am leichtesten fallen. Sie haben das gemacht, was wir alle ständig machen: Sie haben im Supermarkt eingekauft. Verglichen damit sind die Redakteure von Charlie Hebdo weit von uns entfernt. Schließlich gehört es nicht zu unserem Alltag, Hohn und Spott über Religionen auszuschütten. Insofern sollte eigentlich der Identifikationsmechanismus mit den Menschen im Supermarkt unmittelbarer greifen als mit den Satirikern.

Weshalb eine zweite Hypothese naheliegt: Ist es vielleicht so, daß hier unterschwelliger Rassismus oder Antisemitismus zum Tragen kommen? Die einen Opfer waren Schwarze, die anderen Juden. Als solche, so könnten wir uns den Vorwurf machen lassen, werden sie als nicht zu uns gehörig betrachtet und verdienen damit auch nicht unsere Empathie. Ich halte das für falsch. Der Punkt ist nicht existierende oder fehlende Empathie. Wie können auch diese Attentate entsetzlich finden, aber wir reagieren anders auf sie. Sie treiben die wenigsten von uns dazu, einen Tweet mit Hashtag #jesuisjuif abzusetzen, und sie motivieren uns schon gar nicht, auf die Straße zu gehen.

Deshalb möchte ich eine dritte Hypothese zur Diskussion stellen, die ich für die plausibelste halte – obwohl so etwas natürlich schwerlich empirisch zu beweisen ist. Meine Hypothese ist, daß für uns – und das ist schwer zu schlucken – Attentate auf Juden und Massaker in Afrika einen festen Platz in unserem Weltbild haben, daß sie für uns in einem perversen Sinne „normal“ sind. Das soll nicht heißen, daß wir nicht zutiefst entsetzt sind darüber. Aber bei derartigen Ereignissen handelt es sich um Teile unseres Erfahrungschatzes, die fest in unserem Weltbild verankert sind. Es ist nichts wirklich Neues für uns, daß Juden von Terroristen ermordet werden oder daß in Afrika ganze Dörfer ausradiert werden.

Das hat sicherlich viel mit der medialen Berichterstattung zu tun. Vom ganz normalen jüdischen Leben bekommen wir in der Regel nichts mit. Nur wenn wieder irgendwo ein antisemitisches Attentat verübt wird, tritt ihre Existenz in unser Bewußtsein. Und weil wir so etwas schon oft genug gehört haben, nehmen wir es nicht als überraschend wahr. Natürlich ist es entsetzlich, wenn wir von der Ermordung jüdischer Supermarktkunden hören – aber dieses Entsetzen ist keine traumatische Erfahrung, weil wir so etwas bereits kennen. So etwas ist zutiefst traurig, aber es ist nicht schockierend. Das selbe gilt für irgendwelche Massaker in Afrika. Wir haben das schon viel zu oft im Fernsehen gesehen, als daß das unser Weltbild erschüttern würde. Das hat nicht unbedingt etwas mit Abstumpfung zu tun, obwohl das sicherlich auch ein Teil davon ist. Der entscheidende Punkt ist, daß solche Ereignisse in unserem Bild der Welt ihren Platz haben. Wenn sie dann eintreten, nehmen wir sie eher als Bestätigung unseres Weltbildes denn als eine Infragestellung wahr.

Nicht Teil unseres Weltbildes ist es hingegen, wenn jemand wegen eines schlechten Witzes mit einer Kalaschnikow niedergemäht wird. Das ist eine Tat, die genau diese schockierende Wirkung entfaltet, die notwendig ist, um unser Bild von der Ordnung der Welt ins Wanken zu bringen. Bei solchen Ereignissen tut sich ein Abgrund auf, der uns zu verschlingen droht – völlig unabhängig davon, ob wir selbst betroffen sind. Und das setzt uns dann emotional und schließlich auch tatsächlich in Bewegung. Wir suchen die Straße auf, treffen uns mit Gleichgesinnten, für die das Ereignis die selbe schockierende Wirkung gehabt hat; und wir versuchen in der Masse diesen Riß zu kitten. Das ist es, was die Massen unter der Parole „Je suis Charlie“ auf die Straße gebracht hat, die Erschütterung der Ordnung. Man mag das, angesichts der Opfer, die keine solche Erschütterung auslösen, zynisch finden – doch das ist nicht der Punkt. Das ist keine Unterscheidung zwischen Opfern erster und zweiter Klasse. Es geht darum, die Mechanismen zu begreifen, die in solchen Situationen wirksam werden.

Das ist für die treuen Leserinnen dieses Blogs natürlich keine Offenbarung. Ich habe diesen Mechanismus schon an verschiedenen Beispielen durchexerziert. Doch die Ereignisse in Paris sind ein wirklich schlagendes Beispiel dafür, daß es Risse in der symbolischen Ordnung sind, die Menschen auf die Straße bringen. Gewalt oder Elend an sich bringen keine Massen in Bewegungen. Um Ereignis zu werden, müssen die Gewalttaten oder das Elend als etwas begriffen werden können, das die bislang akzeptierte Ordnung der Welt in Frage stellt.

In zugespitzter Form gilt das auch für eine andere, unzureichend gewürdigte Reaktion auf das Ereignis. Ich meine die Demonstration der Regierungschefs. Offensichtlich hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, warum auf einmal Regierungschefs auf die Straße gehen. Stattdessen wurde herumgenörgelt, daß diese nicht mittenmang liefen, daß ihr Auftritt „inszeniert“ gewesen sei und daß die Tagesschau den Charakter dieser „Inszenierung“ nicht aufgedeckt habe. Das ist mehr als albern, denn das eigentlich Verblüffende ist, daß diese Demonstration innerhalb der Demonstration überhaupt stattgefunden hat. Für die Sicherheitsleute muß das ein totaler Alptraum gewesen sein, und ich bin mir sicher, daß es lange und harte Diskussionen gab, bevor die Verantwortlichen für den Personenschutz kleinbeigaben. Der Sicherheitsabstand zur eigentlichen Demonstration war wohl das Einzige, was den Regierungschefs abgetrotzt werden konnte. Doch warum überhaupt dieser riskante Gang auf die Straße? War das nur ein leerer Propagandacoup? Oder steckt da mehr dahinter? Ich glaube schon.

Warum ich das glaube und was diese Demonstration der Regierungchefs bedeutet, erfahren Sie nächste Woche in diesem Blog.

Written by alterbolschewik

24. Januar 2015 at 16:19

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Nochmal sorry

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Der heutige Text ist fast fertig – aber nur fast. Er wird erst morgen erscheinen.

Written by alterbolschewik

23. Januar 2015 at 18:30

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

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