shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Urlaub!

leave a comment »

Eigentlich dachte ich ja, daß ich im Urlaub Zeit und Lust hätte, einen Text zu verfassen. Ich habe festgestellt: Dem ist nicht so. Deshalb gibt es die nächste Fortsetzung erst am kommenden Freitag.

Dafür gibt’s als kleines Trostpflaster einen interessanten ästhetischen Blickwechsel, nämlich den zwischen Jeff Koons Puppy vor dem Guggenheimmuseum in Bilbao und einer Werbeschönheit auf der Fassade gegenüber:

Puppy vs. Chanel

Written by alterbolschewik

22. Mai 2015 at 16:13

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Warum Ordnung?

with one comment

Zur Kategorie der Ordnung (1)

„Je älter man wird, desto mehr schätzt man Ordnung.“

Jean Paul

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde das bislang recht vage gehaltene Verhältnis zwischen Masse und Bewegung genauer herausgearbeitet. Dabei blieb allerdings ein zentraler Begriff weiter in der Schwebe, der der Ordnung.

Es ist beinahe ein Mantra dieses Blogs, so oft wie ich das schon wiedergekäut habe: Die Masse ballt sich zusammen, wenn ein Ereignis die Ordnung stört. Und wenn diese Störung der Ordnung Symbolcharakter annimmt, dann kann aus der Masse eine Bewegung werden. So weit, so gut. Doch was genau soll denn diese „Ordnung“ sein, die derart gestört wird? Die Antwort auf diese Frage blieb bislang offen. Und sie wird es auch in diesem Beitrag bleiben. Heute geht es erst einmal darum, die Problematik etwas genauer zu beleuchten, zu deren Lösung mir der Begriff der Ordnung dient. Denn dieser Begriff, zumindest so wie ich ihn verwendet sehen möchte, soll helfen, eine Lücke zu überbrücken, und zwar die Lücke zwischen den objektiven und den subjektiven Bedingungen fundamentaler gesellschaftlicher Veränderungen. Und so dient der heutige Text hauptsächlich dazu, die Problematik zu entfalten, für die der Begriff dann als Lösung herhalten soll.

Ich hatte bereits letzte Woche Marx‘ berühmtes Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie zitiert, in dem er seine Revolutionstheorie skizziert. Zur Erinnerung: Die Ursache gesellschaftlicher Veränderungen ist primär in der Weiterentwicklung der Produktivkräfte zu finden. Die historisch-spezifische Bestimmtheit der Produktivkräfte (und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung) führt zu bestimmten gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen. Eine rein agrarische Gesellschaft wird anders strukturiert sein als eine Industriegesellschaft. Und über diese Basis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wölbt sich ein im weitesten Sinne kultureller Überbau, den Marx als „ideologisch“ bezeichnet. Wobei diese Charakterisierung bei Marx nicht abwertend gemeint hat: Mit ihr versucht er nur anzudeuten, daß sich die objektive Gesellschaftsstruktur auch in den Köpfen der Menschen abbilden muß, in Form bestimmter Vorstellungen oder eben: Ideen.

Doch die Revolutionstheorie, wie sie Marx in diesem Text formuliert (und er hat sie nirgendwo präziser formuliert), ist an entscheidender Stelle unvollständig: Sie gibt keine Antwort darauf, welche Rolle der ideologische Überbau im gesellschaftlichen Transformationsprozeß spielt. Bei Marx heißt es nur:

„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb derer sie sich bisher bewegt haben. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“ ([1], S. 9)

Gesellschaftliche Veränderungen ereignen sich aber nicht einfach wie ein Naturereignis. Naturereignisse kommen ohne Subjekte aus. Ein Erdbeben gibt es dann, wenn sich durch die Verschiebung der Kontinentalplatten Spannungen aufbauen, die sich dann in einem Beben entladen. Doch gesellschaftliche Spannungen entstehen nicht automatisch dadurch, daß Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse sich gegeneinander verschoben haben. Denn gesellschaftliche Veränderungen sind das Resultat menschlichen Handelns; und das Handeln der Menschen ist immer mit Bewußtsein verbunden. Der Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen muß also in das Bewußtsein der Menschen treten, damit sie überhaupt handlungsfähig werden. Und genau hier liegt der Hund begraben.

Denn leider ist es nicht einfach so, daß sich die historische Überholtheit bestimmter Produktionsverhältnisse transparent im Bewußtsein der Menschen abbildet. Marx wußte das nur zu genau:

„In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen.“ ([1], S. 9)

Mit anderen Worten: Im Bewußtsein der Menschen, die sich gezwungen sehen, die Gesellschaft umzubauen, weil die Entwicklung der Produktivkräfte das bislang funktionierende Gesellschaftsganze unterminiert hat, bildet sich der Sachverhalt in einer weitaus komplexeren Art und Weise ab, als es das einfache Schema von den Produktivkräften, die die bestehenden Produktionsverhältnisse sprengen, suggeriert.

Leider wurde in den allergrößten Teilen der marxistischen Tradition dieser Marxsche Hinweis ignoriert. Man meinte, den Zusammenhang zwischen der sogenannten „ökonomischen Basis“ und dem „Überbau“ schon begriffen zu haben, wenn man sich auf den wenig ergiebigen Begriff des „materiellen Interesses“ stützte. „In letzter Instanz“ – wie die abgedroschene Formel immer hieß – sollten sich die ganzen juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen und philosophischen Bewußtseinsformen auf das bloß ökonomische Interesse reduzieren lassen. Andere Auffassungen wurden als bloßer „Idealismus“ abgetan.

Ironischerweise war der Marxismus damit dem Liberalismus näher, als er wohl selber wahrhaben wollte. Die Behauptung, die Interaktion der Menschen in der Gesellschaft sei wesentlich durch ihre materiellen Interessen bestimmt, entstammt eher dem Arsenal des bürgerlichen Liberalismus als den Theorien eines Karl Marx. Und natürlich ist das Unsinn. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte dann auch ganz evident, daß die proletarischen Massen sich keineswegs gemäß ihrer ureigensten Klasseninteressen verhielten. Erst ließen sie sich in einem imperialistischen Weltkrieg verheizen, dann erwiesen sie sich gegenüber dem Faschismus keineswegs in dem Maße resistent, wie es die marxistischen Politiker erwartet hatten.

Zwar konnte der orthodox Marxismus an der Tatsache, daß die Arbeiterklasse gegen ihre eigenen Interessen handelte, nicht einfach vorbeigehen. Doch die Antwort darauf, warum das so ist, blieb erschreckend naiv. Letztendlich lief alles auf eine Manipulationsthese hinaus: Die Arbeiterklasse werde von den Herrschenden, der Kirche, der Sozialdemokratie oder wem auch immer ideologisch manipuliert. Und offensichtlich wurde ihr unterstellt, sie sei so blöd, auf derartige Manipulationen hereinzufallen.

Den Intelligenteren unter den Marxisten fiel natürlich auf, daß eine derartige Vorstellung von den entscheidenden Triebfedern des gesellschaftlichen Handelns der Menschen hoffnungslos unterkomplex, um nicht zu sagen rundweg falsch war. Wahrscheinlich könnte man eine ganze Geschichte der marxistischen Dissidenz gegenüber der leninistischen Orthodoxie anhand genau dieser Frage schreiben. Doch auch dort wurde oft genug die Fragestellung nur abstrakt umgedreht: Man suchte einfach nach der Antwort dafür, warum die Menschen nicht gemäß ihrer ureigensten Interessen handeln. Aus diesem Geist etwa wurde die Ideologiekritik der Frankfurter Schule geboren, die zwar Antworten auf die Frage gab, warum die Menschen gegen ihre Interessen handeln. Doch in abstrakter Negation setzten sie dabei dem Fortschrittsoptimismus der marxistischen Orthodoxie nur ihren eigenen Fortschrittspessimismus entgegen.

Letztlich interessanter sind dagegen Autoren wie Ernst Bloch, Henri Lefebvre oder auch Edward P. Thompson, die genauer untersuchten, was denn das kollektive Handeln der Menschen bestimmt, wenn es nicht das unmittelbar ökonomische Interesse ist. Bloch brachte da seine Kategorie der Utopie ins Spiel, Lefebvre untersuchte das Alltagsleben und Thompson verwies auf die „moralische Ökonomie“ der Unterklassen. Diese und einige andere, in die selbe Richtung zielende Autoren grenzten sich sowohl von der marxistischen Orthodoxie mit ihrem abstrakten Interessensbegriff wie auch von der Kritischen Theorie mit ihrem „universellen Verblendungszusammenhang“ ab. Sie interpretierten das menschliche Handeln – und vor allem das kollektive Handeln – als ein komplexes System, das sich aus unterschiedlichsten Quellen speist. Zu diesen Quellen gehören unterschiedlichste Überlieferungen und Praktiken, die dann ein komplex verzahntes Gefüge bilden, das in einer bestimmten historischen Situation die Handlungsoptionen bestimmen.

Mein Versuch ist es nun, an diese Tradition anzuknüpfen, wobei ich für die Wahrnehmung dieses handlungsbestimmenden Gefüges aus Überlieferungen und Praktiken die Kategorie der „Ordnung“ vorschlage.

Warum, erfahren Sie nächste Woche, wenn es in medias res geht und wir untersuchen, ob die Kategorie der Ordnung wirklich geeignet ist, den Zusammenhang zwischen individuellem Bewußtsein und kollektivem Handeln zu erhellen.

Nachweise

[1] Marx, K.: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 13, Berlin 1956ff, S. 3 – 160.

Written by alterbolschewik

15. Mai 2015 at 14:03

Masse und Bewegung

with 6 comments

„Die Bewegung ist die Erinnerung an das Ereignis.“

Agentur Bilwet, Bewegungslehre

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde angekündigt, daß es hier im Blog nun Zeit sei, einige bislang vage gehaltene Begriffe etwas präziser zu entfalten.

Es ist zweifellos notwendig, die Begriffe von Masse und Bewegung genauer gegeneinander abzugrenzen, als es bislang geschah. Wie ich hier schon des öfteren ausgeführt und an historischen Bewegungen exemplifiziert habe, werden Bewegungen oft (nicht immer) durch bestimmte Ereignisse ausgelöst. Wobei mit Ereignis nicht einfach nur gemeint ist, daß sich irgendetwas ereignet. Sondern der Begriff des Ereignisses ist selbst aufgeladen: Mit Ereignis ist ein traumatisierendes Geschehen gemeint, das die bestehende Ordnung erschüttert. Die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 durch den Polizisten Kurras war beispielsweise ein solches Ereignis, das dann die sogenannte 68er-Bewegung auslöste.

Diese Beschreibung ist allerdings unzulässig verkürzt. Denn es genügt nicht, daß ein die bestehende Ordnung erschütterndes Ereignis eintritt, um eine Bewegung hervorzubringen. Das Ereignis führt vielmehr erst einmal nur dazu, daß sich eine Masse bildet – und daraus muß sich nicht zwangsläufig eine Bewegung bilden.

Ein Beispiel: Der plötzliche Unfalltod von Diana Spencer, Princess of Wales im Jahr 1997 war ein solches Ereignis. Es mobilisierte zweifellos Massen, die auf die Straße gingen, um vor dem Buckingham Palace tonnenweise Blumen abzuladen. Die Traumatisierung durch das Ereignis, der Schock, den der Tod der „Königin der Herzen“ auslöste, mußten offenkundig bei Vielen durch Massenbildung kompensiert werden. Auf jemanden wie mich, der kaum die Existenz von „Lady Di“ wahrgenommen hatte, wirkte das Ganze mehr als grotesk (ich war unglücklicherweise zu dieser Zeit in London). Doch die hysterischen Züge, die die Reaktion auf das Ereignis trug, sollten einen nicht verleiten, das Ganze zu leicht zu nehmen. Offenkundig haben die Menschen ein zutiefst archaisches Bedürfnis, angesichts eines schockierenden Ereignisses ihre Isolation aufzugeben und sich zu Massen zusammenzuschließen (Canetti hat zurecht auf eine der wichtigsten Eigenschaften der Masse hingewiesen, daß in ihr die normale Berührungsfurcht in ihr Gegenteil umschlägt ([1], S. 9f)).

Das Beispiel zeigt, daß der gesellschaftliche Mechanismus, der aus traumatisierenden Ereignissen Massen hervorgehen läßt, nicht zwangsläufig in eine Bewegung mündet. Die Erfahrung der Masse selbst kann schon ausreichen, um das Trauma zu bewältigen. Die Masse löst sich irgendwann wieder auf und das Ereignis bleibt folgenlos. Das Zusammenfinden der Masse selbst hat bereits kathartische Wirkung, die weitere Konsequenzen aus dem Ereignis unnötig machen.

Tatsächlich kann das Bedürfnis der Menschen, in der Masse aufzugehen, das ja in Zeiten der Krise durchaus eine politische Gefahr bildet, durch inszenierte Ereignisse ganz gut kanalisiert werden. Schon die römischen Zirkusspiele dürften dem Zweck gedient haben, das Massenbedürfnis des Plebs zu befriedigen und es gleichzeitig zu domestizieren. Bis heute ist das Stadion mit seinem aufsteigenden Oval das beste Sinnbild für eine eingehegte Masse, der jede weitergehende Dynamik verwehrt wird. Und das gilt nicht nur für den Sport. Es ist eine besondere Ironie, daß die rebellische Kraft der Rockmusik der 60er Jahren im darauffolgenden Jahrzehnt dann dadurch neutralisiert wurde, indem man die großen Massen-Konzerte in Stadien verlegte.

Kurz und gut: Die Masse, die durch das Ereignis mobilisiert wird, ist noch nicht per se Ursprung einer Bewegung. Damit aus der spontan entstehenden Masse eine Bewegung wird, bedarf es einer weiteren Bedingung, die essentiell ist. Um hier gleich die Polittechnokraten zu enttäuschen: Bei dieser weiteren Bedingung handelt es sich mitnichten um eine Avantgarde, die in der Lage wäre, der spontanen Masse eine Richtung vorzugeben. Auch die Existenz von Massenkristallen (über die ich letzte Woche geschrieben habe), ist nicht entscheidend. Diese sind eher für die Bildung der Masse verantwortlich, nicht so sehr, um dieser eine über den Augenblick hinausweisende Dynamik zu geben. Die Differenz liegt vielmehr im Ereignis selbst. Das Ereignis muß mehr sein als nur die momentane Störung der bestehenden Ordnung. Es muß eben nicht nur ein traumatisierender Einbruch in das bestehende Koordinatensystem sein, sondern zugleich ein Zeichen. Es hat über seine Unmittelbarkeit hinaus einen Bedeutungsüberschuß. Es repräsentiert zugleich sich selbst wie auch ein Allgemeines. Damit wird das Ereignis zu einem Symbol.

Nur ein symbolhaftes Ereignis ist in der Lage, eine Bewegung in Gang zu setzen. Und die Bewegungsgeschichte ist voll solcher Symbole. Nehmen wir nur den bereits erwähnten 2. Juni. Dieser ist ein ganz starkes Symbol, in dem sich die ganzen politischen Konflikte der dem Ereignis vorhergehenden Monate und Jahre exemplarisch verdichteten (ich werde hier irgendwann in nächster Zeit die gesamte Semantik des 2. Juni aufdröseln). Das Symbol greift aber auch noch viel weiter in die Geschichte zurück, indem es die uralte Figur des Märtyrers reaktiviert. Ohnesorgs Tod legte Zeugnis darüber ab, daß all das, was die angeblichen „Radikalinskis“ behauptet hatten, korrekt war. Daß dann auch noch ausgerechnet ein Theologe, der Berliner Oberbürgermeister Albertz, die Blutzeugenschaft Ohnesorgs in Frage stellte, erhöhte nur noch die emotionale Wucht des symbolischen Ereignisses.

Aus sich selbst heraus allerdings kann ein Ereignis diese Symbolkraft nicht gewinnen. Ich hatte in diesem Blog schon früher einmal für das bewegungsstiftende Ereignis festgestellt, daß es nicht einfach aus dem Nichts kommt. Es ist in seinem Eintreten zwar unvorhersagbar, aber es wird erwartet. Genauer: Es fällt in eine bereits bestehende Leerstelle innerhalb der herrschenden Ordnung. Und indem es seinen Platz einnimmt, ist es in der Lage, die komplette Semantik dieser Ordnung umzukrempeln. Die einzelnen Elemente innerhalb dieser Ordnung bekommen durch das Ereignis eine neue Bedeutung: Dann ist die Polizei auf einmal nicht mehr der Freund und Helfer, sondern ein willfähriges Organ zur Unterdrückung oppositioneller Meinungsäußerung, um nur ein offensichtliches Beispiel einer derartigen Bedeutungsverschiebung anzuführen.

Diese Leerstelle, in die das Ereignis fällt, muß aber vorbereitet sein. Sie ist selbst ein Produkt des Geschichtsverlaufs. Das läßt sich durchaus konsequent im Sinne von Marx verstehen, der solche Veränderungen auf die Entwicklung der Produktivkräfte zurückführt:

„Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen und philosophischen, kurz: ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ ([2], S. 9)

Worauf in der Interpretation dieser Marxschen Textpassage immer viel zu wenig Augenmerk gelegt wurde, ist die von ihm angesprochene zeitliche Dimension: Die Veränderungen im ideologischen Überbau hinken der Umwälzung der Produktivkräfte zeitlich hinterher. Es ist ihre Trägheit, die zu Spannungen im ideologischen Bereich führen. Diese Spannungen zerreißen dann langsam, aber sicher die bestehende Ordnung und schaffen die Leerstellen, in die das Ereignis eindringen kann.

Hat sich das Ereignis erst einmal als Symbol in eine Leerstelle der bestehenden Ordnung eingenisten, kann sich um das symbolische Ereignis herum die Bewegung entwicklen. Deren Aufgabe ist es, die bisherige Ordnung neu zu interpretieren. Sie stützt sich dabei auf die Macht des Symboles, das aufgrund seiner geschichtlichen Aufladung mit unterschiedlichen Bedeutungsebenen der Bewegung als archimedischer Punkt dient, um den herum eine Neuinterpretation der Ordnung erfolgen kann. Damit verbindet das symbolische Ereignis die Masse sowohl mit der Vergangenheit wie auch mit der Zukunft. Die Masse zerstreut sich nun nicht mehr einfach. Selbst wenn sie sich temporär auflöst, kann sich sich im Zeichen des Symbols immer wieder neu konstituieren. Das Symbol stiftet somit eine Kontinuität in der Neuinterpretation der Ordnung, die aus der bloßen Masse dann eine Bewegung macht.

Das klingt – so hoffe ich zumindest – ziemlich schlüssig. Doch in dieser Konzeption des symbolischen Ereignisses, das der Bewegung als semantische Stütze dient, tummelt sich ein Begriff, der bislang äußerst vage gehalten ist und mehr suggeriert als tatsächlich erklärt: Der Begriff der „Ordnung“. Wenn also dieses vorgeschlagene Modell tatsächlich etwas erklären soll, müssen wir präziser wissen, was den eigentlich eine „Ordnung“ ist.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik sein ganzes Instrumentarium auspackt, um der Frage nachzugehen, was denn eigentlich eine Ordnung ist und wie diese durch ein Ereignis in Frage gestellt werden kann.

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] Marx, K.: „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 13, Berlin 1956ff, S. 3 – 160.

Written by alterbolschewik

8. Mai 2015 at 15:19

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis, Marx, Symbol

Tagged with ,

Methodisches

with 2 comments

„Die Abgehobenheit der Sprache von der Sache, die Sie in den sogenannten positiven Wissenschaften vorfinden, gilt nicht in derselben Weise für die Philosophie.“

Theodor W. Adorno, Philosophische Terminologie

Was bisher geschah: Der alte Bolschewik hatte sich für zwei Monate eine Auszeit genommen, um ein Projekt fertigzustellen, das etwas höhere Priorität hat als dieses Blog.

Natürlich hat das nicht geklappt – das genannte Projekt ist immer noch nicht fertiggestellt, aber da ich versprochen habe, mich am 1. Mai zurückzumelden, mache ich das auch. Allerdings geht es nicht ganz nahtlos dort weiter, wo ich vor zwei Monaten aufgehört habe. Zwei Monate Zeit zum Nachdenken lassen mich es notwendig erscheinen, ein paar grundsätzliche Fragen zu beantworten, die sich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht schon länger gestellt haben. Zu allererst einmal die ganz grundsätzliche Frage: Was soll das hier eigentlich?

Als ich vor vier Jahren begann, regelmäßig Texte ins Netz zustellen, hatte ich als vages Programm angekündigt, den Zusammenhang zwischen sozialen Bewegungen auf der einen Seite und Philosophie auf der anderen Seite in unsystematischer Weise auszuloten. Mehr oder minder wurde dieses Programm auch eingelöst. Auf der philosophischen Seite spielte natürlich immer wieder die Kritische Theorie eine Rolle, nicht nur die Leitfiguren Adorno oder Horkheimer, sondern auch der heute sträflich vernachlässigte Herbert Marcuse. Doch die Recherche blieb nicht im deutschen Sprachraum stehen. Gleich zu Beginn dieses Blogs richtete sich der Blick auf die jugoslawischen Philosophen und Philosophinnen um die Zeitschrift Praxis; später bildeten dann die Theorien des französischen Marxisten Henri Lefebvre einen Schwerpunkt. Flankiert wurden diese philosophischen Exkurse durch Untersuchungen zur Geschichte antiautoritärer Bewegungen. Dabei spielten naturgemäß die 60er und 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine zentrale Rolle. Immer wieder tauchen die Situationisten auf, es gab eine ausführliche Beschäftigung mit den niederländischen Provos, die Anfänge der zweiten Frauenbewegung in der BRD wurden gegen den Strich gebürstet… Allerdings wurden nicht nur sympathische Bewegungen angesprochen: Immer wieder wurden auch die die terroristischen Verirrungen der 70er Jahre thematisiert. Wir sind also ganz schön herumgekommen in den letzten vier Jahren.

Doch warum eigentlich diese Verknüpfung von Philosophie und antiautoritären Bewegungen? Das ergab sich daraus, daß ich mich von den in der akademischen Welt üblichen Beschäftigungen mit sozialen Bewegungen abgrenzen wollte. Dort gibt es im wesentlichen zwei Strömungen, die sich der Erforschung sozialer Bewegungen widmen. Es handelt sich dabei einerseits um die bloß historischen Beschäftigung mit Bewegungen, und andererseits um die soziologische Forschung. Doch warum eine solche Abgrenzung?

Die rein historischen Betrachtungsweise klebt mir in letzter Instanz zu sehr an der geschichtlichen Faktizität. Dagegen ist zwar prinzipiell nichts einzuwenden, vor allem, wenn ordentlich quellenorientiert gearbeitet wird. Es gibt hier wirklich ganz ausgezeichnete Arbeiten – ein Beispiel dafür ist etwa Detlef Siegfrieds Time is on my side. Doch der bloße Blick zurück ist mir zu wenig. Mich interessieren vor allem zukünftige Bewegungen: Wie und warum entstehen Bewegungen? Unter welchen Umständen machen sich Menschen auf, die Verhältnisse, in denen sie leben, grundlegend zu verändern? Lassen sich aus der historischen Erfahrung Vermutungen über die Zukunft anstellen?

Man sollte nun meinen, daß die Soziologen genau diese Fragen beantworten würden. Doch leider ist dem nicht so. In der soziologischen Bewegungsforschung wimmelt es nur so von schlechten Verallgemeinerungen und unzulässigen Abstraktionen. Für eine Erklärung dessen, wie Bewegungen entstehen und was sie tatsächlich sind, trägt das herzlich wenig bei – tatsächlich kann man bei den Historikern bessere Einsichten finden als bei den Soziologen. Letztere abstrahieren unsinnige Raster aus den Fakten; anschließend pressen sie dann die Bewegungen in diese Raster, um in ein Triumphgeheul auszubrechen, wenn das Raster mehr schlecht als recht auf die Empirie paßt, aus der sie das Raster abstrahierten. Mein Blutdruck steigt immer in ungesunde Bereiche, wenn ich Texte von Dieter Rucht oder einem seiner Schüler lesen muß.

Es ist nicht mit Abstraktionen getan, wenn man verstehen will, welche gesellschaftlichen Mechanismen bei der Entstehung gesellschaftsverändernder Bewegungen am Werk sind. Ihre Dynamik erschließt sich erst, wenn man nicht nur empirisch konstatierbare Merkmale aufzählt, sondern wenn man versucht, Begriffe zu entfalten. Was ich damit meine, läßt sich vielleicht an zwei unterschiedlichen Termini veranschaulichen, die eigentlich den selben Sachverhalt beschreiben.

In der soziologischen Bewegungsforschung wird beispielsweise der Terminus der „Mikromobilisierung“ gebraucht (vgl. etwa [1], S. 42). Gemeint ist damit einfach, daß einer kleinen Gruppe von Menschen ein gesellschaftliches Problem sauer aufstößt, worauf sie sich erst einmal im kleinen Kreis zusammenschließen, sich über die Problematik verständigen und unterhalb des Radars einer allgemeinen Öffentlichkeit im Kleinen mit der Mobilisierung anfangen. Mit anderen Worten: Der Terminus „Mikromobilisierung“ ist identisch mit dem, was er beschreibt, er fügt dem Phänomen, das er beschreibt, keinerlei Erkenntnis hinzu. Man wird bei vielen, aber keineswegs allen Bewegungen finden, daß in deren Vorfeld eine „Mikromobilisierung“ stattgefunden hat. Wenn man dann, ex post, eine Bewegung untersucht, kann man oft genug kleine Gruppen entdecken, die der eigentlichen Bewegung vorausgegangen sind. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Unzahl von Grüppchen, die auch eine „Mikromobilisierung“ betreiben, aus denen aber nie eine Bewegung entsteht. Für das Verständnis von Bewegungen liefert die Benutzung des Terminus „Mikromobilisierung“ keinerlei Erkenntnisfortschritt. Er beschreibt einfach nur etwas, das man bei einigen Bewegungen im Vorfeld findet, bei anderen nicht.

Um das selbe Phänomen zu beschreiben, habe ich den von Elias Canetti geprägten Begriff des „Massenkristalls“ verwendet. Dieser Begriff unterscheidet sich vom Terminus der „Mikromobilisierung“ schon dadurch, daß er nicht rein deskriptiv ist, sondern eine metaphorische Bedeutung besitzt. Die „Kristall“-Metaphorik verweist auf das bekannte physikalische Phänomen , daß man eine übersättigte Lösung schlagartig auskristallisieren kann (und dabei Kristallisationswärme freisetzt), indem man ein winziges „Impfkristall“ in die Lösung hineinwirft.

Außerhalb einer übersättigten Lösung ist das Kristall bedeutungslos, in den richtigen Kontext gebracht, entfaltet es eine ungeheure Wirkung. Das Kristall ist aber nicht die Ursache der Kristallbildung, auch kein Vorläufer, sondern ein mehr oder minder zufälliges Ding, das zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Der eigentliche Grund für die vehemente Reaktion ist die Übersättigung der Lösung selbst. Und der Auslöser muß noch nicht einmal ein Kristall vom selben Typ sein – oft genug reicht irgendein Staubkorn aus. Und manchmal – um die Metaphorik auf die Spitze zu treiben – braucht es noch nicht einmal ein Impfkristall: Schon eine plötzlich, heftige Erschütterung des Gefäßes kann den Kristallisationsprozeß auslösen.

Natürlich ist das alles Metaphorik – der Begriff arbeitet mit Analogien und Assoziationen, die bei seiner Benutzung mitschwingen. Der Begriff ist eben nicht deskriptiv, sondern er deutet sofort den Sachverhalt, der damit beschrieben werden soll. Wer eine Gruppe von Menschen als „Massenkristall“ bezeichnet, verweist damit auf die Plötzlichkeit, mit der Bewegungen auf einmal auf den Plan treten, die oft verblüffende Nichtigkeit des Anlasses, die Energie, die dabei freigesetzt wird. Das sind alles Verweise, die dem soziologischen Terminus der „Mikromobilisierung“ völlig abgehen.

Natürlich ist so etwas nicht „wissenschaftlich“ – zumindest dann, wenn man sich auf einen den Naturwissenschaften abgeschauten Erkenntnisbegriff zurückzieht. In einem solchen szientifischen Kontext, der seine Termini gerne schön eingehegt hat, damit sie genau den gewünschten Sachverhalt beschreiben und sonst nichts, sind schillernde Begriffe wie der des „Massenkristalls“ ein Ärgernis. Philosophische Begriffe versuchen gerade nicht deskriptiv zu sein. Es ist gar nicht ihre Absicht, einfach einen Sachverhalt abbilden. Sondern sie fügen dem Sachverhalt etwas hinzu, nämlich eine bestimmte Deutung. Mit anderen Worten: Der philosophische Begriff ist eben nicht mit dem identisch, was er unter sich begreift. Und gerade durch diese Nichtidentität des Begriffs mit dem von ihm gedeuteten Sachverhalt eröffnet überhaupt erst der Prozeß wirklicher Erkenntnis. Denn der Begriff, der nicht mit seinem Gegenstand identisch ist, sondern über diesen hinausweist, setzt einen notwendigen Explikationsprozeß in Gang, an dessen Ende mehr steht als eine einfache Beschreibung des in Frage stehenden Phänomens. Vielmehr entwickelt sich in der Auseinanderlegung des Verhältnisses von Begriff und Sache überhaupt erst ein wirkliches Verständnis des in Frage stehenden Gegenstandes.

Und darum wird es in den nächsten Folgen gehen: Einige Begriffe, die ich in den letzten Monaten einfach gebraucht habe, um damit bestimmte gesellschaftliche Phänomene zu beschreiben, zu präzisieren. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn der Zusammenhang zwischen Ereignis, Masse und Bewegung endlich etwas genauer beleuchtet wird.

Nachweise

[1] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

Written by alterbolschewik

1. Mai 2015 at 13:08

Veröffentlicht in Philosophie

Kurras

with 2 comments

Bewegungslehre spezial

„Ich habe unmittelbar nach der Ermordung von Ohnesorg meinen Studenten im Soziologischen Seminar gesagt, dass die Studenten heute die Rolle der Juden spielen würden – und ich werde dieses Gefühl nicht los.“

Theodor W. Adorno

Was bisher geschah: Die letzten Wochen haben wir uns etwas genauer angeschaut, wie sich die merkwürdigen PEgIdA-Demonstrationen aus bewegungstheoretischer Sicht deuten lassen.

Heute geht es um ein ganz anderes Thema, das aber doch einige Berührungspunkt mit den Überlegungen der letzten Wochen hat. Es geht um die paradoxe Rolle, die der Polizisten Karl-Heinz Kurras in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland spielte. Erst jüngst wurde bekannt, daß Kurras im Dezember 2014, kurz nach seinem 87. Geburtstag verstorben ist und in einem anonymen Grab verscharrt wurde. Die Tat, wegen der er als eine durch und durch verachtenswerte Gestalt in die Geschichte eingegangen ist, ereignete sich am 2. Juni 1967: Im Anschluß an eine Demonstration gegen den persischen Schah jagten Greiftrupps der Polizei die sich zerstreuenden Demonstranten. Der Sinn dieser Aktion war vor allem, den Demonstranten eine Lehre zu erteilen – was nicht nur eine Vermutung ist, sondern sich auch aus inzwischen aufgefundenen Stasi-Aktion über den damaligen Einsatzleiter, Helmut Starke belegen läßt:

„Kurras’ Vorgesetzter war ein großer Freund von Zucht und Ordnung, der meinte, dass endlich mal »einer aufräumen« müsste. Die Studenten würden sich noch wundern, »was ihnen blüht«, denn »die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei.«“ ([3])

Kurras ging dann noch ein Stück weiter als seine Kollegen. Während diese nur die Studenten, deren sie habhaft werden konnten, niederknüppelten, griff Kurras zur Waffe. Der Student Benno Ohnesorg, der sich vor einem der polizeilichen Greiftrupps in einen Hinterhof geflüchtet hatte, war dort bereits von Kurras’ Kollegen verprügelt worden. Kurras schoß ihn dann in den Hinterkopf. Was dann folgte war noch unglaublicher als dieser kaltblütige Mord. Systematisch vertuschte die Berliner Polizei das Geschehen. Es wurde gelogen, daß sich die Balken bogen.

„Helmut Starke […] sorgte auch dafür, dass nicht einmal die wichtigsten Spuren am Tatort und am Täter – von der Patronenhülse über dessen Kleidung bis zur Waffe – gesichert, sondern verwischt werden konnten. Letzten Endes trug dies dazu bei, dass Kurras in zwei Prozessen freigesprochen werden musste.“ ([3])

Angesichts dieses faschistischen Corpsgeistes der Berliner Polizei ist es schon unfreiwillig komisch, daß dieser Kollege, den sie schützten, sie für die ostdeutsche Staatssicherheit ausspioniert hatte. Als Kurras’ Arbeit für die Stasi 2009 bekannt wurde, ging ein großes Raunen durch die bundesrepublikanische Presse. Die Geschichte wäre, so kolportierte man, anders verlaufen, wenn diese Stasi-Verstrickung des Mörders von Benno Ohnesorg bekannt gewesen wäre.

Tatsächlich ist das ziemlicher Unsinn. Ohnesorgs Tod war ein Ereignis im Sinne der Bewegungslehre, wie ich sie hier in den letzten Wochen und Monaten entwickelt habe. Es war dieses eine, einmalige Geschehnis, dessen Stelle in der historischen Konstallation bereits vorbereitet war, dessen Eintreten einfach eine Frage der Zeit war. Denn der Bruch in der gesellschaftlichen Ordnung, der den Beweggrund der antiautoritären Bewegungen bildete, war längst manifest. Es brauchte nur noch irgendein Ereignis, das auf Grund seiner Symbolkraft genau das Trauma erzeugen würde, das die ursprüngliche Bindung an die alte Ordnung zerriß. Wäre Benno Ohnesorg damals nicht von Kurras hingerichtet worden, hätte sich ein anderes Ereignis gefunden, das die Rolle des Katalysators gespielt hätte. Und auch wenn damals bekannt geworden wäre, daß Kurras’ ein Stasi-Agent war, hätte dies nichts an der Symbolik des Ereignisses geändert.

Dazu müssen wir uns die Symbolik des 2. Juni 1967 etwas genauer anschauen. Was bei den allermeisten Betrachtungen des 2. Juni unter den Tisch fällt, ist der eigentliche Anlaß der Demonstration, die einen so blutigen Ausgang nahm. Klar, es wird darauf hingewiesen, daß gegen den Schah von Persien demonstriert wurde; und daß sogenannte „Jubelperser“ – persische Geheimdienstmitarbeiter – Studenten unter den Augen der Polizei verprügeln konnten, ohne daß diese eingegriffen hätten.

Doch der Schah war nicht einfach nur einer der üblichen Dritte-Welt-Potentaten, die auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik kamen und gegen den das übliche Häuflein Querulanten demonstrierte. Er war ein typisches Beispiel dafür, wie der Westen seine Interessen in der sogenannten Dritten Welt durchsetzt. Persischer Diktator wurde er im Jahr 1953. Und zwar wurde er durch die CIA an die Macht geputscht. Der Grund dafür war, daß der damals regierende Ministerpräsident Mossadegh die Iranische Erdölindustrie verstaatlicht hatte. Diese war zum größten Teil in den Händen der Briten gewesen, die damit gigantische Profite erwirtschafteten, während der Lebensstandard des größten Teils der iranischen Bevölkerung katastrophal war. Als die Briten versuchten, Mossadegh zu stürzen, durchkreuzte dieser ihre Pläne und schloß die britische Botschaft. Ohne eine Basis im Iran waren sie hilflos, weswegen sie sich der Mitwirkung der USA versichern wollten. Allerdings stand ihnen der demokratische Präsident Truman dabei im Weg. Erst als im Frühjahr 1953 der Republikaner Eisenhower zum Präsidenten gewählt wurde, witterten sie erneut eine Chance:

„Die Britischen Beamten waren so ungeduldig, den Staatsstreich in Gang zu bringen, daß sie beschlossen, sofort einen Vorschlag zu machen, ohne überhaupt die offizielle Amtseinführung Eisenhowers abzuwarten. Sie schickten einen ihrer Top-Geheimdienstmitarbeiter, Christopher Montague Woodhouse nach Washington […]. Woodhouse und anderen britischen Beamten war klar, daß ihre Rechtfertigung – Mossadegh muß gestürzt werden, weil er eine Britische Ölgesellschaft verstaatlicht – die Amerikaner nicht zum Handeln aufrütteln würde. Sie mußten eine andere finden. Und es war nicht nötig, besonders tief nachdenken, was es sein sollte. Woodhouse erzählte den Amerikanern, daß Mossadegh den Iran in den Kommunismus führen würde.“ ([1], S. 120f)

Das war natürlich, wie später Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen, kompletter Blödsinn. Mossadegh war ein persischer Nationalist, der mit Kommunismus absolut nichts am Hut hatte. Sein einziges Vergehen war, daß er die iranischen Bodenschätze zu Gunsten der iranischen Bevölkerung ausbeuten wollte. Doch im Klima der antikommunistischen Hysterie in den USA gelang es, die US-amerikanische Regierung zu überzeugen, einen Putsch gegen Mossadegh zu inszenieren. Der Putsch gelang – doch er sollte sich auf die Dauer als Pyrrhussieg erweisen: Hatten bis zum Sturz Mossadeghs die arabischen Völker durchaus mit den USA sympathisiert, begann mit dem von der CIA inszenierten Putsch das ganze Elend im Nahen Osten, vor dem wir heute stehen.

Der Schah war also nicht einfach irgendwer, sondern die prominenteste Verkörperung einer, wie es damals hieß, „Marionette des US-Imperlialismus“. Und trotz des sektiererischen Geruchs, den dieser Begriff ausströmt: Genau das war Schah Reza Pahlavi, ein bloßer Popanz von Gnaden der CIA. Die persische Entwicklung hatte also exemplarischen Charakter. Treffend drückte dies der Titel eines Buches aus, das wenige Monate vor dem tödlichen Schuß auf Benno Ohnesorg veröffentlicht wurde: Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Dikatatur der Freien Welt ([2]). Innerhalb von zwei Monaten waren die 20.000 Exemplare der ersten Auflage bereits verkauft, weitere Auflagen folgten.

Reza Pahlavi war also an sich schon ein Symbol, ein Symbol für die unerträgliche Doppelmoral des Westens, der seine „Freiheit“ auch mit moralisch und völkerrechtlich unzulässigen Mitteln verteidigte. Gleichzeitig stand der Nationalismus eines Mossadegh für eine Alternative zum bipolaren Denken des Kalten Krieges. Die antiautoritären Bewegungen begeisterten sich ja nicht zufällig für die anti-kolonialen Befreiungsbewegungen. Es ging dabei darum, sich nicht mehr der Alternative „unfreier Osten“ oder „freier Westen“ beugen zu müssen. Die Proteste gegen den Schah brachten genau dies zum Ausdruck: Kritik an der Politik des Westens beinhaltete eben nicht, sich mit der Politik des Ostens zu identifizieren. Denn daß im Osten autoritäre Regime herrschten, war den Antiautoritären ohnehin klar; es mußte aber auch der Bruch mit der westlichen Ordnung vollzogen werden.

Wenn also im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt worden wäre, daß Kurras ein Stasi-Agent war, dann hätte das, im Verbund mit den Vertuschungsaktionen der Polizeispitze, diese Neue Linke in ihrer Ablehnung sowohl des Ostens wie des Westens eher bestätigt als widerlegt. Und es wäre vielleicht sogar etwas Gutes dabei herausgekommen: Möglicherweise hätte ein derartiges Wissen verhindert, daß in der Phase der Orientierungslosigkeit der antiautoritären Bewegungen ein folgenschwerer Fehler gemacht wurde. Vielleicht wäre uns mit dem Wissen um die Stasi-Tätigkeit von Kurras dieses Furunkel am Arsch der radikalen Linken, die Deutsche Kommunistische Partei, erspart geblieben.

Und damit verabschiede ich mich von Dir, liebe Leserin, lieber Leser. Ich werde eine Auszeit nehmen. Im Augenblick stecke ich ziemlich viel Zeit in ein anderes Projekt, das leider Priorität hat. Deshalb gönne ich mir jetzt einmal zwei Monate Pause. Pünktlich zum 1. Mai wird es hier mit der 200sten Folge wieder weitergehen. Und wer gerne daran erinnert werden möchte, kann mir eine email an alterbolschewik[at]posteo.de schicken. Dann gibt es eine Benachrichtigung ins Postfach, wenn hier wieder faszinierende Erkenntnisse aus der bunten Welt der Bewegungen veröffentlicht werden.

Nachweise

[1] Kinzer, S., Overthrow. America’s century of regime change from Hawaii to Iraq, New York 2006.

[2] Nirumand, B., Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt, Reinbek bei Hamburg 1967.

[3] Sontheimer, M. & Wensierski, P.: „Der Staatsschützer und der Stasi-Friseur (7.3.2012)“, URL: http://www.spiegel.de/einestages/fall-kurras-a-947505.html, abgerufen am 27. Februar 2015.

Written by alterbolschewik

27. Februar 2015 at 16:30

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

Tagged with , ,

Über Rassismus

with 7 comments

Bewegungslehre spezial

„Die Kollektivierung des Leidens unterscheidet sich von der Vergesellschaftung des Leidens dadurch, daß sie im imaginären Raum stattfindet und einen Sündenbock konstruiert.“

Byung-Chul Han

Was bisher geschah: Vor zwei Wochen hatte ich versucht, die PEgIdA-Bewegung bewegungstheoretisch zu erklären. Und ich hatte sie auf die Erfahrung eines Bruchs in der gesellschaftlichen Ordnung zurückgeführt, wobei ich die auslösende Störung der Ordnung im Zusammenbruch der DDR ausgemacht hatte. Im letzten Beitrag habe ich mir darüber Gedanken gemacht, warum PEgIdA ausgerechnet und ausschließlich in Dresden Erfolge feiern konnte. Eine mögliche Ursache hatte ich in der speziellen Dresdner Geschichte gefunden: Die Bombardierung der Stadt am Ende des 2. Weltkrieges und die widersprüchliche Aufarbeitung dieses Ereignisses.

Es bleiben aber noch zwei wichtige Fragen offen. Zum einen: Warum tritt die Bewegung jetzt erst auf, 25 Jahre nach dem von mir postulierten auslösenden Ereignis? Und warum artikuliert sie sich primär rassistisch?

Auf die erste Frage habe ich keine wirklich schlüssige Antwort, sondern nur eine Vermutung. Wenn es richtig ist, wie ich vermute, daß es der Zusammenbruch von 1989 ist, der den traumatischen Kern der Bewegung ausmacht, dann muß dieses Trauma reaktualisiert worden sein, um die Menschen auf die Straße zu treiben. Die aktuelle Situation muß an die Konstellation vor einem Vierteljahrhundert erinnern. Deshalb vermute ich ich, daß der von Russland in der Ostukraine verdeckt geführte Krieg die Erinnerung an den Ost-West-Konflikt aktualisiert hat. Offenkundig treibt eine ganze Menge der PEgIdisten die Angst um, die etablierte Ordnung werde durch einen neuen Kalten Krieg wieder in Gefahr gebracht.

Um diese Vermutung noch etwas zu unterstützen: Meines Erachtens können die „Montagsmahnwachen für den Frieden“, die schon in der ersten Jahreshälfte 2014 in Berlin und anderen Städten mehrere hundert Spinner angezogen haben, als Blaupause für PEgIdA gelten. Allerdings blieben bei diesen „Mahnwachen“ die paranoiden Verschwörungstheoretiker weitgehend unter sich und schafften es nicht, wirkliche Massen zu mobilisieren. Aber ein Teil der Agenda, die auch die PEgIdA-Demonstranten umtrieb, wurde schon damals gesetzt.

Ging es bei den „Mahnwachen“ der Verschwörungstheoretiker primär um den Konflikt in der Ukraine, verknüpfte PEgIdA dies dann mit dem Krieg des sogenannten „Islamischen Staates“, der ebenfalls als Bedrohung der inneren Ordnung der BRD imaginiert wurde. Die erste PEgIdA-Demonstration wurde explizit als Demonstration mit Bezug auf die Kämpfe in Syrien angemeldet. Paradoxerweise allerdings als Demonstration gegen die säkulare PKK, die den Islamisten dort militärisch entgegentritt. Was auf den ersten Blick völlig skurril erscheint, hat aber wahrscheinlich eine einfache Logik: Die kurdischen Kämpfer werden von den USA unterstützt. Und wenn man sich als Opfer des Zusammenbruchs von 1989 begreift, dann wird natürlich dem Westen und insbesondere den USA die Rolle des Schurken zugeschrieben.

Ich denke also, daß es die militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine und in Syrien sind, die das Trauma von 1989 reaktivierten, indem sie als Neuauflage des Kalten Kriegs interpretiert wurden.

Bleibt noch die Frage nach dem Rassismus. Ich hatte schon im vorletzten Beitrag geschrieben, daß ich nicht der Meinung bin, daß Rassismus der primäre Beweggrund ist, der die PEgIdA-Demonstranten auf die Straße treibt – schon gar nicht die bloßen Mitläufer. Und ich habe auch schon erklärt, daß mich diese Mitläufer mehr interessieren als der harte Kern. Ein paar Spinner lassen sich immer auf die Beine bringen – siehe die „Montagsmahnwachen“. Interessant wird es ja erst dort, wo diese Spinner als tatsächlicher Massenkristallisationspunkt wirken und Menschen außerhalb ihres unmittelbaren Umfelds mobilisieren können.

Primär sind diese Menschen einfach der Meinung, daß die gesellschaftliche Ordnung fundamental gestört ist. Und ihre Beteiligung an einer Massenbewegung dient mehreren Zwecken: Zum einen der Versicherung, daß sie mit ihrer Meinung, daß die Ordnung gestört ist, nicht alleine sind. Und zum zweiten, die Störung dieser Ordnung wieder zu beseitigen. Um jedoch diesen zweiten Punkt umsetzen zu können, müssen Ursachen identifiziert werden, die der Störung der Ordnung zu Grunde liegen. Diese Ursachenforschung unterscheidet sich aber außerordentlich, je nachdem, ob es sich um eine autoritäre oder eine anti-autoritäre Bewegung handelt. Und bei PEgIdA handelt es sich zweifellos um eine autoritäre Bewegung.

Autoritäre Bewegungen sehen sich in einem double bind gefangen. Als Garant der Ordnung sehen sie die Autorität an. Wenn also die Ordnung gestört ist, dann ist das ein Versagen der Autorität – in der man aber eben noch, vor dem Bruch, die Ordnung selbst verkörpert sah. Die Autorität ist also zugleich das Gute und das Schlechte – und zwischen diesen beiden Polen oszillieren dann autoritäre Bewegungen, bis sie eine Lösung für dieses Dilemma finden. Und diese Lösung kommt dann daher in der Gestalt des Dritten. Dieser Dritte muß, so die Vorstellung, die Autorität korrumpiert haben. Anders ist es nicht zu erklären, wieso die Autorität, die eben noch gut war, nun auf einmal schlecht sein soll.

Dieser Dritte tritt, je nach Typus der autoritären Bewegung, dann in unterschiedlicher Gestalt auf. Für die Nazis war es natürlich „der Jude“, der die gesellschaftliche Autorität angeblich untergraben hat. Doch diese Figur gilt nicht nur für rechte Bewegungen. Auch linke autoritäre Bewegungen konstruieren ihre Dritten, die Antiimperialisten beispielsweise „die Zionisten“ (die nur sehr schwer von „den Juden“ der Nazis zu unterscheiden sind). Es sind also nicht einfach „Vorurteile“, die in autoritäre Bewegungen dazu führen, daß derartige „Feindbilder“ entstehen. Diese Figur eines schuldigen Dritten ist eine systematische Notwendigkeit, weil man die eigentlich Verantwortlichen entlasten will. Aufklärung darüber, daß „die Juden“ gar nicht das sind und tun, was das „Vorurteil“ ihnen zuschreibt, ist deshalb vergebliche Liebesmühe. Der autoritäre Charakter braucht den äußerlichen Feind, damit er die Autorität, die er als die seine betrachtet und mit der er sich identifizieren will, entlasten kann.

Bei PEgIdA sind es nun also „die Muslime“, die von außen kommen und angeblich die Ordnung stören. Natürlich lachte zurecht die gesamte Republik über die Dresdner, die bei einem absolut minimalen Ausländeranteil in ihrer Stadt ausgerechnet diese zum Grundübel erklärten, das das Abendland bedrohen sollte. Was gab es nicht alles an „Faktenchecks“, die alle belegten, daß die von PEgIdA vorgebrachten Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen waren. Doch das Gelächter wie die Fakten gehen an der Sache vorbei. „Der Moslem“ der PEgIdA ist ein Hirngespinst, eine autoritäre Konstruktion, die mit den realen Muslimen nichts zu tun hat. Und deshalb läßt sich dieses Hirngespinst mit Aufklärung über die realen Muslime genauso wenig beseitigen wie mit einer weiteren Verschärfung der gegen Flüchtlinge gerichteten Politik.

Wenn ich behauptet habe, daß der Rassismus bei PEgIdA nicht primärer Antrieb, sondern ein abgeleitetes Phänomen sei, dann nicht, um ihn zu verharmlosen. Gerade dadurch, daß er auf einem reinen Konstrukt beruht, das einer ideologischen Notwendigkeit geschuldet ist, ist er so gefährlich. Er ist rationaler Argumentation nicht zugänglich. Das Urteil über „den Moslem“ ist längst gesprochen, die angeblichen Begründungen für diesen Urteilsspruch werden nachträglich zusammengeklaubt.

Ausbaden müssen diese Projektion allerdings die realen Muslime. Und um das zu verhindern nützt es nichts, „Vorurteile“ abbauen zu wollen und Aufklärung über den Islam zu betreiben – einmal ganz davon abgesehen, daß dieser ebenso eine Beleidigung der menschlichen Vernunft ist wie jede andere Religion. Wirkliche Aufklärung müßte an den inneren Widersprüchen der bestehenden Ordnung selbst ansetzen, deren systemischen Charakter aufzeigen und den Entwurf einer andere Ordnung projizieren. Doch diese Aufgabe ist unendlich viel schwerer als den von PEgIdA verzapften Unsinn lächerlich zu machen oder zu widerlegen.

Nächste Woche wird es aus aktuellem Anlaß um ein ganz anderes Thema gehen. Ich werde den Tod von Karl-Heinz Kurras zum Anlaß nehmen, ein paar Worte über das Ereignis „2. Juni 1967“ und seinen Verursacher zu verlieren. Freuen Sie sich also darauf, wenn der Alte Bolschewik auf folgende Frage eine ganz andere Antwort gibt als die FAZ:

„Doch was wäre gewesen, wenn schon damals die DDR-Verpflichtung von Kurras bekanntgewesen wäre?“ ([1])

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2015: „Kleiner Mann, großer Fehler“ (Bannas, G.), S.4.

Written by alterbolschewik

20. Februar 2015 at 14:50

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

Tagged with ,

Dresden

leave a comment »

Bewegungslehre spezial

„»Ich habe ja nichts gegen ältere Menschen«, sage ich. »Aber sie sollen bitte nicht mit ihrem Rassismus unsere Sozialsysteme belasten.«“

Laura Meschede

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde versucht, die hier vertretene Hypothese über die Entstehung von Bewegungen auch auf PEgIdA anzuwenden – was sich als nicht so ganz einfach erwies. Scheinbar entstand PEgIdA kontinuierlich und erwuchs nicht aus einem traumatischen Bruch der symbolischen Ordnung, wie das von meinem Modell postuliert wird. Um dennoch an meiner Hypothese festhalten zu können, hatte ich behauptet, daß das Trauma und der Bruch, der PEgIdA zu Grunde liegt, fünfundzwanzig Jahre zurück liegt – um PEgIdA zu verstehen, müsse man bis zum Untergang der DDR zurückgehen.

Als wichtiges Indiz für diese Hypothese hatte ich das sehr hohe Durchschnittsalter der PEgIdA-Demonstranten angeführt – was für Bewegungen sehr ungewöhnlich ist, da deren Durchschnittsalter in der Regel eher zwischen 20 und 30 Jahren zu suchen ist, nicht im Bereich um die 50. Für die PEgIdA-Demonstranten heißt wiederum, daß ein sehr großer Prozentsatz von ihnen bereits 1989 erwachsen war und seinen Platz in der symbolischen Ordnung der DDR gefunden hatte.

Nun war die DDR zweifellos größer als Dresden. Wenn es also das Trauma von 1989 ist, das die PEgIdA-Demonstranten heute auf die Straße treibt, dann muß man die Frage stellen: Warum gelang es in Dresden, eine rassistische Bewegung zu initiieren? Oder genauer: Warum konnte in Dresden ein kleiner rechtsradikaler Kern eine große Masse von Feld-, Wald- und Wiesenrassisten, die es überall gibt, mobilisieren, während derartige Massenkristalle in anderen Städten isoliert blieben und stattdessen eine Überzahl von Gegendemonstranten auf die Straße brachten?

Auch hier läßt sich nur eine Hypothese formulieren. Doch diese Hypothese scheint mir durchaus plausibel. Und den Kern dieser Hypothesen bildet das andere Dresdner Trauma: Die Luftangriffe, die die Stadt heute vor 70 Jahren verheerend trafen und bei denen rund 25.000 Menschen ums Leben kamen. Ein ganz wesentliches Problem der Dresdner Lokalgeschichte ist, daß dieses Trauma über Jahrzehnte nicht aufgearbeitet wurde. Schon das in den letzten Zügen liegende Dritte Reich schlachtete die Bombardierung der Stadt propagandistisch aus. Das von Goebbels formulierte Schema, nach dem die „Kulturstadt“ Dresden von alliierten „Barbaren“ in Schutt und Asche gelegt worden sei, wurde in der Zeit des Kalten Krieges von der DDR-Führung nahtlos übernommen. An die Stelle einer Aufarbeitung des Traumas trat die Identifikation mit ihm. Die Dresdner lernten über ein halbes Jahrhundert nicht, mit der Ambivalenz des Geschehens umzugehen, mit dem unleugbaren Faktum, daß die Stadt eben nicht nur einfach ein unschuldiges Opfer war. Über der Barbarei des Luftkrieges wurde verdrängt, daß das Böse auch mitten in der bombardierten Stadt saß. Stattdessen bezog die Stadt ihre Identität aus der Opferrolle.

Am deutlichsten belegt dies der kollektive Aufschrei, als eine Historikerkommission 2008 eindeutig und abschließend belegte, daß die realen Opferzahlen deutlich geringer waren als immer behauptet (wobei das eigentlich seit den 60er Jahren bekannt war). Statt froh zu sein, daß die Angriffe deutlich weniger Opfer gekostet hatten, fühlten sich viele Dresdner in ihrer Identität angegriffen.

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR, rund ein halbes Jahrhundert nach dem eigentlichen Ereignis, begann eine kritische Auseinandersetzung mit dieser problematischen Form der Erinnerungskultur. Und diese Auseinandersetzung führte prompt zu einer Spaltung der Dresdner Bürgerschaft. Wobei dieser Bruch, wie ich glaube, komplizierter ist, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Denn es handelt sich meines Erachtens nicht einfach darum, daß auf der einen Seite verstockte Traditionalisten stehen, die sich ihre Identität als unschuldige Opfer nicht nehmen lassen wollen; und auf der anderen Seite die Kräfte des Guten, die souverän mit der Ambivalenz des Ereignisses umgehen können. Meine Vermutung ist, daß diese Auseinandersetzung einen Subtext hat. Und dieser Subtext verbindet das eine traumatische Ereignis, die Bombardierung, mit dem anderen Trauma, dem Kollaps der DDR.

Wir haben in den Jahren nach 1989 zunächst einmal die traumatische Erfahrung, daß die bestehende Ordnung praktisch von einem Tag auf den anderen kollabiert, eine Neuorientierung schwierig und schmerzhaft ist. Doch dies gilt für das ganze Gebiet der ehemaligen DDR. In Dresden kam jedoch noch etwas anderes hinzu: Das bisherige identitätsstiftende Moment der Dresdner, das kollektive Selbstverständnis als unschuldige Opfer eines angeblich barbarischen Kriegsverbrechens, wurde zur selben Zeit unterminiert. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, daß eine solche Umorientierung in der Art und Weise der Erinnerung sachlich geboten war. Wichtiger ist die subjektive Empfindung in einer sowieso als krisenhaft empfundenen Umbruchsphase. Ich bin mir ziemlich sicher, daß vielen Dresdnern die nun auf einmal abverlangte Selbstkritik primär als ein aufgezwungener Westimport vorkam. Besserwessis erklärten einem, wie man der eigenen Geschichte zu gedenken habe. Und das provozierte dann instinktiv eine Abwehrhaltung, die, so falsch sie auch faktisch war, dann fatale Folgen zeitigen sollte.

Hätte einfach nur die offizielle Gedenkkultur einen Schwenk gemacht, wäre diese ursprüngliche Abwehrhaltung mit der Zeit sicherlich abgeklungen. Man hätte sich daran gewöhnt, so wie man im Westen auch in jeder Stadt am 9. November routiniert irgendwo einen Kranz abwirft. Doch dann tauchten Ende der 90er Jahre die Neonazis auf, die das Ereignis für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchten. Und damals wurde ein schwerwiegender politischer Fehler begangen. Es wurde versäumt, bei den Gedenkveranstaltungen eine klare Kante zu zeigen und sich von den Nazis zu distanzieren – was sicherlich daran lag, daß die Form des Gedenkens sich damals noch im Umbruch befand. Wäre damals aus der Mitte der Dresdner Bürgerschaft ein friedlicher, aber bestimmter Protest gegen die Neonazi-Aufmärsche organisiert worden, hätte dies den rechten Rand mit großer Wahrscheinlichkeit schnell ziemlich isoliert. Doch dies wurde ein Jahrzehnt lang versäumt. Erst 2009 gründete sich das breite Bündnis Dresden Nazifrei, dem es dann gelang, die Versäumnisse des vorhergehenden Jahrzehnt langsam wieder gut zu machen. Das scheint auch weitgehend gelungen zu sein: Wie es aussieht, gibt es dieses Jahr in Dresden keinen Naziaufmarsch mehr.

Doch auch diese Bündnisaktionen hatten einen Schönheitsfehler. Stellenweise kam es zu Entgleisungen angereister Antifa-AktivistInnen, die sich als ziemlich kontraproduktiv erwiesen. Höhepunkt dieser Entgleisungen war letztes Jahr die Aktion einer Piratenpolitikerin, die sich mit entblößtem Oberkörper ablichten ließ, auf den sie „Thanks Bomber Harris“ gepinselt hatte. Ich hatte die Aktion bereits letztes Jahr analysiert. Mein kritisches Fazit damals lautete:

„Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. […] Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.“

Ich will jetzt nicht behaupten, daß PEgIdA die Quittung für derartige dumme Aktionen ist. Aber sie verschob für eine nicht unerhebliche Masse die berühmte rote Linie, die Linie, mit wem man sich gemein macht und mit wem nicht. Es ist bezeichnend, daß PEgIdA das Antifa-Emblem übernommen hat, auf dem ein Hakenkreuz in einem Mülleimer entsorgt wird; in der von PEgIdA verwendeten Variante landet aber auch das Antifa-Logo mit im Müll.

In anderen Städten gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenso viele Menschen, die die selben rassistischen Ansichten im Kopf haben wie die PEgIdA-Demonstranten. Aber anders als in Dresden würden sie sich damit nicht auf die Straße trauen, weil sie wissen, daß sie sich damit außerhalb des lokalen Konsenses stellen würden – was dann am Stammtisch immer mit der schwachsinnigen Parole kommentiert wird, man dürfe bestimmte Sachen nicht sagen. Tatsächlich darf man alles sagen – man muß nur darauf gefaßt sein, ordentlich Widerspruch zu ernten. Und sich dem zu stellen, dazu ist der normale Stammtischrassist einfach zu feige. In Dresden gehen diese Menschen hingegen auf die Straße – weil sie wissen, daß sie nur auf den Widerstand einer Minderheit gefaßt machen müssen. Wobei ich noch nicht einmal glaube, daß es in Dresden so viel weniger Menschen gibt als anderswo, die PEgIdA für absolut inakzeptabel halten. Aber diese Menschen lassen sich nicht in einem breiten antirassistischen Konsens mobilisieren. Sie haben nämlich keine Lust, sich von angereisten Antifas selbst als halbe Nazis beschimpfen zu lassen, nur weil sie die Bombardierung Dresdens nicht als ein rundum begrüßenswertes Ereignis abfeiern wollen.

Diese Bruchlinien und Verschiebungen in der Erinnerungskultur Dresdens machen meines Erachtens die Sonderstellung der Stadt aus, die dann eine Bewegung wie PEgIdA möglich machten. Damit ist allerdings noch lange nicht erklärt, warum das Trauma von 1989 sich fünfundzwanzig Jahre später in Form eines dümmlichen Rassismus artikuliert.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn der alte Bolschewik die Rolle des Rassismus bei PEgIdA zu erklären versucht, während die Bewegung selbst schon auf dem Müllhaufen der Geschichte verrottet.

Written by alterbolschewik

13. Februar 2015 at 17:34

Veröffentlicht in Antirassismus, Bewegung, Ereignis

Tagged with , ,

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 33 Followern an