shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Juli 2007

Gouvernementalität

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„Könnte man nicht, zum Beispiel, nicht gerade von der Einheit, nicht einmal von dieser Dualität Natur-Staat ausgehen, sondern von der Multiplizität außerordentlich vieler Vorgänge, wo man gerade diese Widerstände gegen das Pastorat, diese Verhaltensaufstände fände, wo man Stadtentwicklung fände oder wo man die Einführung, die Entfaltung der Algebra, die Experimente zu den Fallgesetzen … fände? Und es würde sich darum handeln, die Intelligibilität der Vorgänge, über die ich zu ihnen spreche, zu begründen, indem man zeigt, welches die Phänomene der Koagulation, der Unterstützung, der wechselseitigen Verstärkung, des Zusammenhalts, der Integration waren, kurz, das ganze Bündel von Vorgängen, das ganze Geflecht von Verhältnissen, die schließlich als Massenwirkung die große Dualität, Schnitt und Zäsur auf einmal, induziert haben (…) .

Die Intelligibilität der Geschichte beruht vielleicht auf etwas, das man die Konstitution oder Komposition von Wirkungen nennen könnte. Wie setzen sich globale Wirkungen zusammen, wie setzen sich Masseneffekte zusammen? Wie hat sich diese globale Wirkung, welche die Natur darstellt, gebildet? Wie hat sich der Effekt Staat gebildet, ausgehend von tausend verschiedenen Vorgängen, von denen ich Ihnen lediglich einige zu nennen versucht habe? Das Problem ist, zu wissen, wie sich diese beiden Wirkungen gebildet haben, wie sie sich in ihrer Dualität und entsprechend ihres, wie ich denke, wesentlichen Gegensatzes zwischen der A-Gouvernementalität (…) der Natur und der Gouvernementalität des Staates gebildet haben.“
M. Foucault (2006): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 346f.

Diese Stelle macht m.E. ziemlich gut deutlich, worin es um die Argumentation in den Studien zur Gouvernementalität geht. Gouvernementalität ist nicht Governance. Auch wenn Governance eine Reihe an Regierungspraktiken darstellt (z.B. als „nation building“) die einer eigenständigen Rationalität des Regierens folgt. Governance ist ein Teil der modernen Gouvernementalität im politischen Feld. Der Staat, der Markt, der Wettbewerb: das ist weder immer schon gegeben, noch natürlich. Das wussten im übrigen schon die ordo- und neoliberalen Theoretiker: Eucken, Röpke, Hayek, von Mises. Für sie stand nicht der Markt im Zentrum, sondern der Wettbewerb als formaler Mechanismus, der nur dank einer Rahmengesetzgebung institutionalisiert werden könne. Die Gouvernementalität der modernen neoliberalen Regierung beruht folglich auf den folgenden zwei Imperativen:
(1.) „Begrenze als Staat deine eigene Reichweite!“ und
(2.) „Formiere die Gesellschaft nach dem Modell des Unternehmens“.
Die Frage des Denkverbots, wie sie unten diskutiert wurde, und die Momo ebenfalls mit Foucault als „Diskurspolizei“ begriffen wurde, hießt letztlich nicht Denkverbot, sondern Denkregierung. Schalte schon mal alles aus, was nicht einer wettbewerbsfähigen Form entspricht. Denken als Unternehmung – Entrepreneurship.
Was heißt das für eine „Regierung der Kultur“? Häufig ließt man von den neuen Kooperationmodellen der Kulturfinanzierung: public/private-, public/public- und private/private-Partnerships sind die neuen Lösungen.
Auf der anderen Seite kann man wie Beat Wyss in der SZ punkten, wenn man die Veranstalter der Documenta Naivität unterstellt, indem man die Documenta zum Katalysator der Wettbewerbsfähigkeit der ausgestellten Künstler erklärt. Und man selbst ist dem gandenlosen Konkurrenzkampf der Drittmittelförderung ausgeliefert. Neuerdings frage ich mich, ob diese Formen der Kulturregierung nicht so etwas wie kollektive Diätetik sind. Nur nicht zuviel des Guten, aber das Wenige wird teuer bezahlt.

Written by lars

31. Juli 2007 at 14:58

Veröffentlicht in Ökonomie, Regierung der Kultur

„Nuttig“ und „prollig“

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Es war doch ein Fehler.

Nein, nicht unwahr, es war eine falsche Handlung, meine ich (jetzt kommt gleich wieder irgendwer um die Ecke und behauptet, ich wolle durch diese Unterscheidung irgendwen unterdrücken).

Daß ich mich vom Klassik-Radio wecken lasse. Einschlafen mit denen ist super, diese Nachtschiene mit „DJ Nathan“ oder wie der heißt ist großartig.

Nee, aufwachen mit denen ist herbe, da kommen nämlich um 7.30 h, wenn mein Wecker loslegt, immer Nachrichten. Und die riechen streng. Nach diesem Spruch „Willkommen auf der Erfolgsschiene!“ des  meines Wissens final defizitären „Metropolitan“. Da wird kurz irgendwas erzählt, und dann folgen: Börsenkurse. Irgendwie herausgepickt. Heute: Der Fall der Danone-Aktie. Mußte da gleich an Feynsinns Eintrag zu dem Unsinn von Börsennachrichten denken. Und dann wird durchgesagt, welche Flieger verspätet sind. Die Klassik-Radio-Zielgruppe fliegt offensichtlich den ganzen Tag betont kosmopolitisch durch die Gegend. Bloß keine Seßhaftigkeit vortäuschen! Wir sind mobil!

So verusachen die Nachrichten dieses Senders bei mir immer das starke Bedürfnis, mal eben 1,2,3 Dosen Bier zu kaufen und mit der Alki-WG gegenüber ausgiebig zu frühstücken (Korn haben die bestimmt!) …

Dann, mittlerweile in der Küche angelangt, berichtet NDR 2 über steigende Lebensmittelpreise. Da kann man wenigstens kurz mit Marie-Antoinette leiden, innerlich, denkt an leckeren Kuchen (angeblich hat sie das ja nie gesagt) und stimmt dem kurz darauf zitierten Ottmar Schreiner zu, daß daraufhin doch bitte schleunigst die Hartz IV-Sätze angehoben werden sollten (der will ja auch nicht enden wie Marie-Antoinette, das hat er von Bismarck).

Und weiß wieder, was man am Öffentlich-Rechtlichen hat. Deswegen wettern ja die von weiter rechts immer dagegen: Weil sie lieber hätten, daß nur noch Programme für „werberelevante Zielgruppen“gesendet werden. Und dem „Unterschichtenfernsehen“ ist’s ja hinsichtlich der werbetreibenden Industrie auch nicht gut bekommen, daß man es so nannte, ’ne andere Wahl als Lidl oder Aldi oder Penny haben diese Leute ja eh nicht, und Nachrichten sind da eh nicht wichtig, eher Brot und Spiele.

Um dann doch was gegen öffentlich-rechtlich zu sagen: Bei der doch amüsanten Sendung „Hitlisten des Nordens“ über stilistische Geschmacksverirrungen in Sachen Klamotten waren die häufigsten Negativ-Prädikate der O-Tongeber „nuttig“ und „prollig“. Nicht wörtlich, also „nuttig“ fiel nicht wörtlich, „prollig“ schon – alles Lüge halt. Als seien Huren nicht die mit Abstand ehrlichsten im real-existierenden Kapitalismus …

Written by momorulez

31. Juli 2007 at 7:23

Veröffentlicht in Medien

Denkangst und gefährliche Gedanken. Paul Feyerabend

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Eigentlich wollte ich ja zu was wichtigem etwas schreiben: der Jasper-Johns-Ausstellung im Basler Museum.
Das hat aber mit dem Thema des Denkens angeblicher, vorgeblicher und wirklicher gefährlicher Gedanken zu tun.
Man kann auch gefährlich denken, das ist dann was anderes als angebliche, vorgebliche und wirklich gefährliche Gedanken herzustellen und mit dem dringlichen Hinweis auf ihre Gefährlichkeit (für wen, fragt sich ja immer, der konservative Revolutionär meint sich schliesslich nicht selbst) mit Imperativen versehen unter die Leute zu bringen. Jasper Johns denkt aber gefährlich, und das als Malerei zu sehen, ist wiederum eine gefährliche Handlung, die ziellos und zwecklos ersteinmal Kriterien ausser Kraft setzt, die die eigene Denkangst pausenlos instrumentalisiert.
Damit wäre ein Betrachter der Johns`schen Bilder gemeint, aber der Maler meint sich auch selbst, weswegen vielleicht auch gesagt werden könnte, er denkt gefährdet. Schliesslich ist er kein malender Vorreiter der konservativen Revolution mit ästhetischen Mitteln. Er gefährdet sein eigenes Denken und die lächerlichen Kriterien und Kategorien, auf denen ästhetische und wissenschaftliche Denkangst beharrlich rumreitet, um nicht denken zu müssen, sondern in menschlicher und ästhetischer Falschheit zu repräsentieren. Es geht nicht darum, Aura zu erzeugen. Er führt gewissermassen die Arbeit wieder ins Bild ein, wie andere auch, Serra oder Eva Hesse oder Bruce Nauman, und während Serra die Arbeit zeigt, wie wir Raum machen oder uns zumindest in einer Anstrengung vorstellen könnten, zeigt Johns die Arbeit des Sehens und des Sprechens, des Bezeichnens und Verknüpfens ungewisser Bedeutungen. Unsichere Denkarbeit. Die Bilder sind kritische Punkte, die keine Entscheidungen fordern, aber Entscheidungen ermöglichen, deren Ausgang nicht erkennbar ist. Um es mal ungefähr mit Donald Judd bezüglich Barnett Newman zu sagen: das reicht für eine Kultur. Oder: Die Künstler sind die Elite der dienenden Klasse, sagt Jasper Johns. Wir machen nämlich „die Kultur“.
Johns zeigt also, dass uns das Material verunsichern kann, wenn wir nicht feststellen können, dass seine Zusammenfügung einer uns bekannten Methode folgt, dass wir nicht weiter kommen mit unseren erlernten Spielen der Selbstvergewisserung anhand irgendwelcher Vergleiche von Artefakten oder den eingelesenen Interpretationen und Funktionalisierungen, die uns ein auswendig gelerntes System der historischen Beziehungen von Kunstwerken verfügbar hält. Wir finden keine Methode vor, dass heisst, entweder entschliessen wir uns die Sache zu ignorieren, oder wir nehmen die Arbeit, die derjenigen des Malers entspricht, auf uns und versuchen, das Bild als Wirklichkeit aufzufassen, von der wir uns auf irgendeine eigene, individuelle Weise so etwas wie eine Theorie machen müssen. Die hat mit unseren Erfahrungen zu tun. Das beschreibt Paul Feyerabend ganz gut, wie ich finde, und ein Johns-Bild ist darum oft exemplarisch in dieser Hinsicht, weil es selbst so arbeitet.

Also Feyerabend:

…Und das ist keine Ausnahme-es ist der Normalfall: Theorien werden klar und „vernünftig“, erst nachdem inkohärente Bruchstücke von ihnen lange Zeit hindurch verwendet worden sind. Ein solches, unvernünftiges, unsinniges, unmethodisches Vorspiel erweist sich also als unerlässliche Vorbedingung der Klarheit und des empirischen Erfolgs.
Wenn man nun derartige Entwicklungen in allgemeiner Form beschreiben und verstehen will, dann muss man sich natürlich der vorhandenen Sprachformen bedienen, die ihnen nicht entsprechen und die verbogen, missbraucht, gewaltsam umgeformt werden müssen, um auf unvorhergesehene Situationen zu passen (ohne ständigen Sprachmissbrauch keine Entdeckung und kein Fortschritt). (…) So entsteht das dialektische Denken als eine Denkform, die „die Bestimmungen des Verstands in NIchts auflöst“, eingeschlossen die formale Logik.
(…) Es ist also klar, dass der Gedanke einer festgelegten Mehode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nnicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, „Objektivität“, „Wahrheit“, der wird einsehen, dass es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten lässt. Es ist der Grundsatz:Anything goes.

absolute Paul Feyerabend, Freiburg 2002, p82f

Written by talbert

31. Juli 2007 at 1:55

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Die zersetzende Idee der Gewerkschaften!

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Der Grund, warum es so lächerlich ist, wenn ausgrechnet manch liberaler Blogger ständig anderen Leuten „Denkverbote“ unterstellt, sollte wohl aus den folgenden Zitaten offenkundig und klar ersichtlich sein (ich betreibe jetzt auch nur noch Evidenztheoriebildung – was mir offenkundig erscheint, gilt. Jede Differenzierung ergibt grundsätzlich nur die Reaktion, daß man unterdrücken wolle. So ist das in Zeiten des Kampfes gegen „Political Correctness“ – da gibt es immer irgendeine Wahrheit, die irgendwem gerade offenkundig ist und die deshalb gilt, weil sie irgendwem gerade offenkundig ist,  und wer dem nicht zustimmt, gehört zu irgendeiner totalitär-repressiven Lobby , die die gesunde Mehrheit gängeln und infizieren will. Ganz schön viel für einen Einschub in Klammern, egal, mußte raus).  Auf Denker wie den folgenden berufen die sich nämlich, die Denkverbotsdiagnostizierer:

«Nicht nur die Praxis der Gewerkschaften ist destruktionistisch; schon der Grundgedanke, auf den sie sich aufbauen, ist es.»

Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena, 1922

 „Zersetzend“ sagte man doch eigentlich, damals in den Zwanzigern des letzten Jahrhundert? Menschen, die sich zusammentun, um ihre Interessen zu verfolgen, sind halt immer dann verdächtig, wenn sie nicht zufällig der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nachplappern. Kooperation ist totalitär! Fairness auch! Gerechtigkeit will nur unterjochen!

Und Herr von Mises weiß doch auch viel besser, was gut für die Arbeitenden wäre als diese selbst! Wenn das mal nicht ein guter Grund für eine Erziehungsdiktatur wäre, aber einfach abweichende Meinungen und andere Wissenschaftszweige und Fachbereiche mittelfristig von Universitäten zu verbannen, das reicht notfalls auch. Denn: Wie schnell man dabei ist, bei vermeindlichen „Anti-Etatisten“ dann nach Gesetzen zu schreien, belegt das folgende Zitat:

«Der Augenblick dürfte auch in Deutschland schnell herankommen, da eine gesetzliche Eindämmung der gewerkschaftlichen Monopolmacht ebenso als eine nationale Existenzfrage erkannt wird wie in den Vereinigten Staaten und damit die größte Lücke in der Antimonopolgesetzgebung geschlossen werden muß.»

Wilhelm Röpke, Gegen die Brandung, Zürich, 1959

Wobei ich Röpcke jetzt weniger klar zuordnen kann als von Mises, aber da kann mich ja vielleicht jemand aufklären, ob der eher zu den Ordoliberalen gehörte oder zu irgendwas ganz anderem. Selbst wenn, macht nix, der eliminatorische Geist neoliberaler und libertärer  Agitatoren holt sich halt, was er gerade so braucht, wenn’s darum geht, nur noch ihm genehme Instititutionen als gleichermaßenwahr und gut  zu behaupten. Schön ist ihm ja nicht so wichtig …

 (PS: Die Zitate stammen aus der Diskussion eines Blogs, das ich ab heute nicht mehr verlinke – da ja die Quellen ja deutlich angegeben sind, ist das wohl legitim. Dort sind sie durchaus umstritten, diese und darüber hinausgehende Zitate, das sei der Fairness halber angemerkt – wobei der eine oder andere Diskutant bereits den Begriff „Fairness“ schon böses, sozialdemokratisches Denken am Werkeln sieht, siehe oben. Was ja für die Idee der Sozialdemokratie spricht, die realexistierende kann’s aber auch nicht mehr retten).

Written by momorulez

30. Juli 2007 at 14:20

Veröffentlicht in Ökonomie

Mal was über Werte …

with 19 comments

Will man was über Werte lernen, so empfiehlt es sich, beispielsweise den Rolling Stone zu lesen. In der aktuellen Ausgabe der mit Abstand besten Musikzeitung hierzulande wird höchst amüsant Denkmalsschändung betrieben – diverse Autoren hauen legendäre Alben in die Pfanne als „so bedeutend dann doch nicht“. So z.B. Ian Williams „This is it“ von The Strokes, diesen ollen Jammerlappen:

„Die Strokes waren ein paar Kids aus Uptown New York, die Söhne von Supermodelagentur-Chefs, die glaubten, allein dafür hätten sie schon Respekt verdient.“

Hierzulande wären sie deshalb wohl liberale Blogger geworden 😉 …. nix für ungut, es spricht aber für die USA, daß sie es da nicht wurden. Auch die ganz Großen bekommen eins vor die Fresse. Der Beatles‘ Sgt. Pepper-Album wird von Billy Childish versenkt:

Sgt. Pepper war der Tod des Rock’n’Roll. Rock’n’Roll muß Lebendigkeit und Energie haben, und zu diesem Album fehlt beides. Eher klingt’s, als als hätte es sechs Monate gedauert, es rauszuscheißen. Die Beatles waren Opfer ihres Erfolges. Das ist Mainstreammucke für Klempner. Oder für Leute, die Citroen fahren – die Buisness-Hippies, die die Rockmusik ruiniert haben. „

Der Begriff „Distinktionsgewinn“ hat sich ja in den Fußstapfen Bourdieus dafür eingebürgert, für solche Phrasen mit den Klempnern und den Buisness-Hippies, zu denen Childish sich natürlich nicht zählt.

Und doch sind es gute Gründe, die ihn antreiben: In der Tat ist ja das Paradigma des guten Pop immer noch Elvis Presley und nicht die Beatles. Werte sind halt „Bewertungen von“, und ein ausgefächerter Pool von Gründen kann dann stützen, was man wie bewertet.

Anderes Beispiel für die aktuelle Werte-Debatte: Die aktuellen Kunstzeitschriften. Die schreiben jetzt erst mal alles nieder, was zuvor sie groß ankündigten, die Documenta z.B.:

„Ruth Noack und RogerM. Buergel haben die ganz große Idee nicht hinbekommen, sind aber auch im Kleinen gescheitert. Ihr Leitmotiv der Migration der Form ist aufgeblasen und hätte sich bestenfalls als Nebenschauplatz geeignet. Für 19 Millionen haben Buergel und Noack eine Ausstellung nach ihrem Privatgeschmack gemacht, für Leute wie sie, die sich für viele interessieren, aber nicht direkt für zeitgenössische bildende Kunst. Buergel will sich nun altem Kundtshandwerk zuwenden, denn „ich mache nur Sachen, die ich noch nicht kann!. Dann dürfte er noch mal eine Documenta kuratieren.“

Silke Hohmann, Pleiten, Pech und Posenenske, in: Monopol Nr. 8/2007, S. 120

Der Werte bzw. Bewertungsfrage kommt man ja durch solche Texte ein bißchen näher. Also der Frage, worum es sich bei einer solchen Frage überhaupt handelt. Kann was mit Handlung zu tun haben – indem z.B. der Anspruch, die Zielvorstellung eines Handelns, formuliert wird, dem das Resultat des Handelns dann nicht entspricht. Ein teleologisches Handlungsmodell, sozusagen, und der Betrachter findet das nicht gut, was verwirklicht wurde. Aaaah, „gut„!

Werte scheinen irgendwas mit der Verwendungsweise von „gut“ zu tun zu haben (alter Hut, ich weiß,  sowas ist aber ja wie alles eine Frage der Textdramarturgie). Aber wieso ist Scheitern, einen Anspruch nicht einlösen, eigentlich nicht gut?

Fällt mir, ganz ehrlich, gerade keine Antwort drauf ein. Es geht doch um’s Tun und nicht um’s Siegen, hat der Konstantin Wecker einst gesungen. Da ging es um die „Weiße Rose“ in dem Lied. Wo liegt denn jetzt der Unterschied zwischen Buergel und dem Scheitern der „weißen Rose“? Das ist kein unverschämter Vergleich, das verweist auf zwei Verwendungsweisen von „gut“ – der moralischen und der, ja, welche Verwendungsweise ist das eigentlich bei Frau Hohmann, dieses „gut gemacht“ oder auch nicht?

Gemeinhein gilt da das Funktionale – „gut zum“. Zweckrationalität. Diese Messer ist gut zum Brotschneiden. Jemand, der kuratieren kann, ist gut zum Documenta-Machen. Die Verwendung von „können“ ist eng an die Zweckrationalität geknüpft. Ernst Tugendhat wollte dem in „Probleme der Ethik“ eine „aboslute“, nicht-relationale Verwendungsweise von „gut“ entgegensetzen: Ein guter Mensch sein. Das, was „die weiße Rose“ hinsichtlich ihre Handelns war.

Entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß die schlimmsten Moralisten im Netz so gerne gegen „Gutmenschen“ wettern. Spricht aber für sie, daß man auch als nicht-guter Mensch Gutes in ihrem Sinne tun kann, ohne Frage.

Hinsichtlich des Funktionalen ja sowieso – die schlimmsten Schurken sind noch dazu in der Lage, effizient, also gut, zu foltern, z.B. Was als Beispiel ja eigentlich ausreichen müßte, um die funktionale Verwendung von „gut“ zumindest nicht als Maßtstab der Moralität gelten zu lassen – aber da hat sich ja was getan. In Zeiten von Schäuble und Bush ist es neuerdings trendy zu behaupten, man müsse Schlechtes tun, um Gutes zu erreichen. Als töten, foltern, entrechten und rumschnüffeln im Namen – ja, in wessen Namen denn eigentlich?

Bei Schäuble wird das mit Sicherheit als „hohem Gut“ begründet. Was sind Güter? Dinge, die für jemanden wichtig sind. Dieses „gut für“ steckt wohl hinter allen Wendungen und Verwendungen von „gut“ und somit hinter allem, was an über Werte sinnvoll sagen kann, stelle ich einfach mal als These auf. Das ist was anderes als die zweck-orientierte Variante, wo etwas gut hinischtlich eines Zweckes und nicht hinsichtlich einer Person ist, für die allerdings auch ein Zweck gut sein könnte. Und es ist eng verwandt mit dem Begriff des Interesses, den Frau Hohman auch dem Herrn Buergel ankreidet: Er hätte bei der Gestaltung der Documenta nur sein Interesse und das von Leuten, die so denken wie er, berücksichtigt. Aber wessen denn sonst? Will Frau Hohman sagen, die Documenta sei nicht gut für sie?

Oben habe ich einmal gemogelt. Eigentlich hätte ich schreiben müssen: „Jemand, der kuratieren kann, ist gut für die Documenta.“Das entspricht Sätzen wie „Jemand, der gut repräsentieren kann, ist gut Deutschland, wenn er Bundespräseindet wird.“

Ja,, aber was ist Deutschland? Und was repräsentiert er denn wie?  Eine weitere Verwendungswesie von „gut“: Die Ästhetik. Das Geschmacksurteil. Siehe die Plattenkritiken oben – auch die sind zwar auf einen Pool von Gründen bezogen, aber eben auch nicht richtig „objektiv“.

Es scheinen viele Geschmäcker zu teilen, daß sie das Repräsentative z.B. mit dem „würdevollen Anzug“ verknüpfen. Das Unfrisierte beim Köhler hingegen fanden viele gar nichtgut.  Soziale Rollen haben halt ihre Ästhethik, und wenn dann so’n Mullah im Gewande und mit ’nem Bart, der an jüdische Karrikaturen aus der Nazizeit erinnert, die Bühne betritt, dann paßt das halt ebensowenig in die hiesige Ästhetik wie sich küssende Männer.

Ich glaube, daß es das ist, was hinter den berühmten „westlichen Werten“ steckt: 1.) eine Frage der Ästhetik ist und somit schlicht jener, die man gewöhnt ist, und 2.) das „gut für“.  Also ein standpunktabhängiges Gutes, das sich von reiner Zweckrationalität eben dadurch unterscheidet, daß es nicht auf das erreichen eines Zieles, sondern auf Personen oder Personengruppen bezogen ist, also: parteiisch.

Unparteiische Werte  kann ich zumindest schlecht mir vorstellen.  Deshalb liest es sich auch so niedlich, wenn so, na, rhetorisch überbordende Jungs (andere, ziemlich zutreffende Prädikate spare ich mir mal) sich auf einmal erstaunt sich zeigen, daß Andere unter den von ihnen proklamierten „westlichen Werte“ sowas ganz anderes verstehen als sie selbst

Aber die Menschenrechte!

Das sind halt keine Werte. Das sind Handlungregeln, auf die man vernünftig sich einigen kann, wenn man bereit ist, vom je  eigenen Standpunkt zu abstrahieren. Also das, was Kunstritik zur schlechten macht, wenn man das da macht. Handlungsregeln, die gerade aus Opposition zu einer Verwendung von „gut“ sich speisen: Nämlich dem Kantischen „Zweck an sich selbst“. Also dem „Instrumentalisiere niemanden!“.  Der „gute Mensch“, das ist dann einer, der sich davon überzeugen läßt … und was es mit Kriterien für „gute Günde“ auf sich hat, das verschiebe ich auf ein anderes mal.

Written by momorulez

29. Juli 2007 at 10:47

Veröffentlicht in die Moral, Ja

Pinkers Test

with 22 comments

Zum Test von Herrn Pinker, ob man ein Faschist ist, oder lieber doch nicht, während die in USA wie Europa überaus populären Testfragen – sie werden ja in jeder Mittagspause von nichtwissenschaftlichen Mehrheiten besprochen – zu Tabufragen erklärt werden, fällt mir ein altes Zitat ein:

„Die herrschenden Mächte sind heute nicht mehr klerikal-faschistisch, nicht mehr repressiv. Ihnen gegenüber können wir nicht mehr die Argumente benutzen, die wir immer und immer wieder gegen die klerikal-faschistischen, gegen die repressiven Mächte ins Feld geführt hatten (Argumente, die uns so vertraut, ja geradezu ans Herz gewachsen waren).
Die neuen konsumistischen und permissiven Mächte haben sich unserer geistigen Errungenschaften-des Antiklerikalismus, der Aufklärung, des Rationalismus-bedient, um sich daraus ihr Gebäude von falschem Antiklerikalismus, falscher Aufgeklärtheit, falscher Rationalität zu zimmern. Sie haben sich unserer „Gotteslästerungen“ bedient, um sich von einer Vergangenheit zu befreien, die mit all ihren entsetzlichen und idiotischen Heiligtümern nur noch hinderlich war.“
Pasolini, 1975

Pinker bezieht sich auf das letzte Vierteljahrhundert, in dem seine Fragen angeblich bei Verfolgung nicht gestellt werden durften:

„By „dangerous ideas“ I don’t have in mind harmful technologies, like those behind weapons of mass destruction, or evil ideologies, like those of racist, fascist or other fanatical cults. I have in mind statements of fact or policy that are defended with evidence and argument by serious scientists and thinkers but which are felt to challenge the collective decency of an age. The ideas listed above, and the moral panic that each one of them has incited during the past quarter century, are examples. Writers who have raised ideas like these have been vilified, censored, fired, threatened and in some cases physically assaulted.“
http://www.suntimes.com/news/otherviews/469317,CST-CONT-danger15.article

Natürlich sind seine 22 Fragen nicht politisch, wie in den Mittagspausen. Bei ihm sind sie reine Wissenschaft im letzten Vierteljahrhundert. Vor dem letzten Vierteljahrhundert waren sie auch nicht politisch, weil die Faschisten von den Mittagstischen naturgemäss apolitisch waren, wie ihre Gewalt, mit der sie diese Fragen beantworteten.
Jetzt ist das alles wieder andersrum, und die Fragesteller sind die Verfolgten.

Written by talbert

28. Juli 2007 at 18:24

Veröffentlicht in Antirassismus, Ökonomie

Umverteilende unter sich!

with 6 comments

Wo der Bodo recht hat, hat er ja recht (oder Recht hat, hat er ja Recht? Kann mir grenzdementem Vertreter der Generation 40+ mal jemand erläutern, wie man das schreibt? Wie ich den Bodo-Text direkt verlinken kann, habe ich auch nicht begriffen … gemeint ist der mit „Eins, Zwei, Drei … Keins“ überschriebene):

Auch und gerade in unserem System drückt sich Macht durch (nicht ohne Grund längst monopolisierte) Geld aus,“

Genau!

„… genauer: durch Verfügung über eigenes oder fremdes (Kapital-)Vermögen. Der Teil des Gesamtvermögens (Y = Volkseinkommen), über den heute „auf deutschem Boden“ am meisten verfügt wird, ist der fremde Teil, das Geld anderer also. „

Ja, sehe ich ja auch so, wenn ich mir angucke, wie meine Chefs das Geld einsacken, das ich erwirtschafte … zudem in Zeiten, da Bezirksämter „Kundenzentren“ heißen und Professoren-Schüler-Verhältnisse auf eben diesem terminologischen Wege verdreht werden, dieses „Verfügen über das Geld Anderer“ eben auch kundenorientiertes Handeln nach sich zieht: Wer mehr zahlt, bekommt halt vom Staat auch mehr Rechte eingeräumt. Im Grunde genommen ein im liberalen Sinne doch fairer Tauschhandel?

Umverteilende, Staat und Wirtschaft, unter sich, sozusagen, und was dabei dann rauskommt, könnte man, wenn man da mehr Ahnung hätte als ich, bestimmt am Beispiel des Hamburger Senats und den hiesigen Bauunternehmern beobachten, vermute ich lediglich. Aber dazu wollte ja Erik mal was schreiben …

Written by momorulez

25. Juli 2007 at 8:08

Veröffentlicht in Ökonomie

Wo bleibt die Produktion? Gedanklich dilettieren rund um Marx

with 11 comments

„Der besagte Prozeß – die kapitalistische Produktion und der Tausch – kann durch verschiedene „Repräsentationssysteme“ in einem jeweils anderen ideologischen Rahmen ausgedrückt werden. Es gibt den Diskurs des „Marktes“, den der „Produktion“ und den des Kreislaufes: Jeder dieser Diskurse produziert eine Definition des Systems und weist uns auch einen anderen Platz zu – als ArbeiterInnen, KapitalistInnen, LphnarbeiterInnen, LohnsklavInnen, ProduzentInnen, KosumentInnen etc.. Jeder Diskurs situiert uns als soziale Akteure, also sozialer Akteur oder Mitglied einer sozialen Gruppe mit einer bestimmten Beziehung zum kapitalistischen Prozess und schreibt uns soziale Identitäten ein. Anders gesagt positionieren uns die gängigen, ideologischen Kategorien gemäß der durch den Diskurs diktierten Darstellung des Prozesses. Das bedeutet, daß diejenigen Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihre Existensweise im kapitalitischen Prozess als „KonsumentInnen“ begreifen und auf diese Weise in das System eintreten, am Prozess durch unterschiedliche Praktiken teilhaben; Praktiken, die von der ins System eingeschriebenen Facharbeiterin bis zur nicht ins System eingeschrieben Hausfrau reichen .“Stuart Hall, Die Ideologiefrage: Marxismus ohne Garantie, in: Justin Hoffmann/Marion von Osten, Das Phantom sucht seine Mörder, Berlin/Zürich 1999, S.262

All das nur „Vertragsfreiheit“ auf der Mikro-Ebene, die dann ziemlich unvermittelt den großen Erzählungen auf der Makro-Ebene gegenüber steht?

Wenn ich Stuart Hall richtig verstehe, dann ist „falsches Bewußtsein“ und „Ideologie“ im Sinne von Marx dann der Fall, wenn nur jeweils einen Ausschnitt des „Ganzen der Ökonomie“ thematisiert: Die Produktion, der Markt oder den Konsum. Z.B. „Kaufkraft stärken zum Anregen der Binnennachfrage“ würde dann eben nur die Konsumenten, nicht aber das Produzieren berücksichtigen; ebenso würden die großen Theorien von den Nicht-Eingriffen in ein idealisiertes Marktgeschehen nur den Kreislauf, aber nicht das Produzieren berücksichtigen – erstaunlich nur, daß das Produzieren als solches in Diskussionen über die Lohnhöhe oder Controlling sich aufgelöst zu haben scheint, seit Exklusionsdrohungen derart massiv den Markt mit jener Angst versorgen, die er braucht, um Gewinnmaximierung totalisieren zu können.

Nix mehr zu sagen zur Produktion? Abgesehen vom Ökologie-Diskurs der Nachhaltigkeit, der aber indirekt auf die konkrete Produktionsweise zugeht, und Kritik von Arbeitsbedingungen z.B. in China scheint sie verschwunden, oder irre ich? Der hegemoniale, neoliberale Diskurs hat die Welt wirklich fest im Griff, ist’s ihm das gelungen, alles nur auf die Realtion Staat-Wirtschaft zu reduzieren; das Individuum beschwört er nur.

Das Totalitäre desselben zeigt sich ja gerade darin, daß er die frei flottiereden Strukturen dieser Hyperrealität „Markt“ allem individuellem Wohlbefinden überordnet, um dessen Wahl dann auf der Mikro-Ebene mal eben so als „frei“ zu behaupten. Daß die Hyperrealität die Bedingungen schafft, in denen dann die Wahl situiert ist, wird irgendwie wohl zugestanden, doch nicht vertieft, und die Produktion ist komplett aus dem Blickpunkt geraten und wird nur noch im Bezug auf die Intervention von Staat und Bürokratie thematisert, die dann alles erschwerten.

Weiß ja auch nicht mehr so genau, ob’s richtig war, daß Foucault den Mensch verschwinden ließ wie ein Gesicht am Strand …

Written by momorulez

23. Juli 2007 at 7:29

Veröffentlicht in Ökonomie

„Araber singen besser“???

with 13 comments

Da hat man gerade mal ein paar Tage dieses Blog, schon kommt jemand mit dem Wachturm um die Ecke. Also mit einer Botschaft, die er unaufgefordert und ganz unabhängig vom Gegenstand des kommentierten Eintrages loswerden will und wahrscheinlich überall losläßt, wo man einfach so drauflosschreiben kann. Liest hier „links“ und „Islam“, und los geht’s: Die Kommentarspalte wird als Pissrinne mißbraucht. War mir zu blöd, die Hetze, die dabei rauskam. Prompt ’nen ersten Kommentar gelöscht.

Einzig dieser neuerdings genüsslich verbreitete Vorwurf des „Positiv-Rassismus“, der da auch stand neben „Jungle World“-Links, bedarf ob seiner Blödheit vielleicht der Kommentierung.

Weiß schon, allein schon, weil ich diese Begriffskopplung jetzt schreibe, kommen gleich wieder lauter Leute, die endlich wieder mal ganz eigentümlich frei Rassisten sein wollen, aus ihren Löchern gekrochen und lassen die Sau raus. Ja, es gibt auch eine Instrumentalisierung des Rassismus-Vorwurfes, ebenso eine des Antisemtismus-Vorwurfes, wobei ich mich selbst frage, warum ich das eigentlich unterscheide und ob ich dabei jenen, die so gerne verbreiten, Kapitalismuskritk sei „strukturell antisemitisch“, nicht längst schon auf den Leim gegangen bin.

„Positiv-Rassismus“ gibt’s ja tatsächlich. Z.B., wenn man betont, daß Schwarze besser tanzen, besser ficken, besser singen, also irgendwie näher an der Natur sind. Ziemlich gängig, diees Klischee, auch bei der Linken in ihrer Vielfalt, ist invertiert dies nur jene Hetze, daß die Schwarzen „unsere Frauen vergewaltigen“.

„Positiv-Rassismus“ ist das deshalb, weil eben aufgrund irgendwelcher vermuteten, „rassischen“ Eigenschaften, die dann angeboren seien, auf das Verhalten und die Eigenschaften der Person geschlossen wird. So, ganz schlicht, ist ja die Struktur des Rassismus – manchmal werden dann auch ganze Kulturen, die daraus entstünden, beschrieben. Z.B. die bei Kant faul am Strande sich sudelnden Südseebewohner, die nur der Neigung, nicht der Pflicht folgten. Bei Gauguin gibt es das dann invertiert, das ist das Exotismus-Stereotyp.

Alle jene, die glauben, per Demographie würde Europa „islamisiert“, folgen dann der rassistischen Struktur, wenn sie glauben, daß das, was sie am Islam kritisieren zu können, würde sozusagen „vererbt“ und bliebe invariant von Generation zu Generation als deren Eigenschaft bestehen.

Ebenso, wenn sie aufgrund des „südländischen Aussehens“ auf bestimmte Eigenschaften der jeweiligen Person schließen, also glauben, eine bestimmte Hautfarbe bedinge ein bestimmtes Verhalten. Das ist dann der Alltags-Rassismus. Ganz schlicht.

Wo gibt’s nun im Gegenzug „positiven Rassismus“ hinsichtlich der Araber, Perser usw.? Broder hat mal versucht, den Topos des „edlen Wilden“, den er irgendwo gelesen hat, auf die Wahrnehmung „der Linken“ im Bezug auf die Diskussion rund um Muslime zu beziehen, und das haben dann diese ganzen Nachplapperer in allerlei Blogs abgeschrieben. Den gibt’s auch im Bezug auf Indianer oder Schwarze, aber im Bezug auf Araber, Perser, Türken?

Mir sind ehrlich gesagt keine Analogien bekannt, die z.B, behaupten, Araber könnten besser tanzen, ficken oder singen, wie dieses bei Schwarzen der Fall ist. Falls irgendjemand dergleichen bei „Gutmenschen“, „Multikulti-Schwuchteln“ oder ähnlichem, linken Gesocks aufgespürt hat, kann er sich ja melden.

Written by momorulez

22. Juli 2007 at 9:58

Veröffentlicht in Antirassismus

Das Problem der Institutionen, oder: »Wie entsteht Kontinuität mit der Vergangenheit?«

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Die ist ein Abschnitt aus den Notizen zu meiner Diss, die sich ja mit dem Regieren über Kultur beschäftigt – es ist eine von fünf Vorannahmen, die ich getroffen habe. Es sind noch recht viele Zitate drin.

Der historische Nominalismus rät, sich auf die diskontinuierlichen Praktiken zu konzentrieren und Institutionen weder als universal noch als über die Zeit hinweg unverändert bestehend zu betrachten. Selbst größere soziale Einheiten wie Wissenschaften, Religionen oder Kulturen sind nur die sichtbaren Spitzen von Eisbergen, die als historisch einzigartige Konstellationen zu begreifen sind:

»›Mißtraut den falschen Kontinuitäten‹. Ein falscher natürlicher Gegenstand, wie die Religion oder wie eine bestimmte Religion, die ein Aggregat aus ganz unterschiedlichen Elementen ist (Ritual, Heilige Bücher, Geborgenheit, verschiedene Emotionen etc.); diese Elemente werden in anderen Epochen auf ganz andere Praktiken verteilt und dadurch in ganz anderen Gesichtern objektiviert.« (Veyne 1992, 56).

Gesellschaftliche Formen sind also als historische zu betrachten. Doch weder existieren sie in einem luftleeren Raum, noch schreiben sie sich einer tabula rasa ein. Stattdessen wäre mit materialistischen Theorien darauf zu verweisen, dass Soziales auf einem geschichtlich vorstrukturiertem Terrain operiert, d.h. dass Geschichte eine Auswirkung auf das Handeln und Denken hat:

»Aber er (der Materialismus, L. A.) faßte es im Gegensatz zum Idealismus immer als das Denken bestimmter Menschen in einer bestimmten Zeit. Er bestreitet seine Autonomie.« (Horkheimer, 1933/1992, 29).

Von Anfang an bewegt man sich in einem organisierten Feld, dass Sinnangebote präsentiert, die aufgegriffen oder zurückgewiesen werden können, zu denen man sich also unweigerlich positioniert, die aber keinesfalls als ursprünglich zu begreifen sind. Gegen solche Versuche, ein Letztes oder Ursprüngliches hinter den Dingen zu entdecken, richtet sich die materialistische Methode der frühen Kritischen Theorie:

»Nicht die Systeme als Ganze werden von ihm (dem Materialismus, L.A.) angegriffen, sondern die Behauptung eines ursprünglichen Sinnes des Geschehens. Diese liegt nicht bloß bei ausgeführten Sinndeutungen, sondern schon überall dort vor, wo von einer ursprünglichen und maßgebenden Struktur der Welt oder des Menschen die Rede ist, gleichgültig ob diese Struktur als ›Gegenstand‹ oder Geflecht von Akten, die aller Gegenständlichkeit vorhergehen, gelten soll. Eine so geartete Anthropologie muß notwendig davon absehen, daß die Richtung der Abstraktion oder des entdeckenden Verfahrens, mittels welcher die Kenntnis der grundlegenden Strukturen jeweils gewonnen wird, selbst einer bestimmten geschichtlichen Situation zugehört, das heißt das Produkt eines dialektischen, niemals in sauber voneinander getrennte subjektive und objektive Elemente zu zerfällenden Prozesses ist« (Horkheimer, 1933/1992, 29 f.).

Wenn das Problem der Institutionalisierung sich gerade nicht als Frage nach den Ursprüngen, sondern als Frage nach der Konstruktion und Aneignung einer kontinuierlich vorgestellten Geschichte stellt, dann muss also ein Konzept von Geschichte eingeführt werden, welches die historische Genese ebenso berücksichtigt wie die gegenwärtigen Zugriffe auf die Geschichte. Denn es soll ja gerade nicht behauptet werden, dass es keine Institutionen gäbe, sondern lediglich ihre Selbstverständlichkeit und ihre kontinuierliche Beständigkeit kritisch analysiert werden.

Auch wenn Pierre Bourdieu es nicht so nennt, geht er wie Foucault von einem historischen Nominalismus aus, indem er den Subjektstatus von Institutionen kritisiert, der ihnen in der alltäglichen Sprache zugesprochen werden:

»Die Geschichtsphilosophie, die in den ganz alltäglichen Gebrauch der Umgangssprache eingegangen ist, führt dazu, daß die Wörter zur Bezeichnung von Institutionen oder Kollektiven: Staat, Bourgeoisie, Unternehmertum, Kirche, Familie, Justiz, Schule, zu historischen Subjekten hypostasiert werden, die ihre eigenen Zwecke zu setzen und zu realisieren vermögen (›der – bürgerliche Staat entscheidet …‹, ›die – kapitalistische – Schule eliminiert…‹, ›die Kirche von Frankreich bekämpft…‹).« (Bourdieu, 1997, 18).

Dass Institutionen vorgängig definierte Zwecke oder Absichten zugesprochen werden, ist für Bourdieu der Effekt einer »retrospektive(n) Illusion« (Bourdieu 1997, 27), die den Operationen erst nachträglich ein telos hinzufügt und sich den sozialen Konfigurationen einschreibt, die diese immer wahrscheinlicher werden lässt:

»Der Prozeß der Instituierung, der Etablierung, d.h. die Objektivation und Inkorporation als Akkumulation in den Dingen und den Körpern eine ganzen Ensembles von historischen Errungenschaften, die den Stempel ihrer Produktionsbedingungen tragen und die Tendenz haben, die Bedingungen ihrer eigenen Reproduktion zu erzeugen…, negiert in einem Fort alternative Möglichkeiten.« (Bourdieu 1997, 51).

Etablierung und Instituierung vollzieht sich bei Bourdieu ganz prominent im Körper des Einzelnen, und sind damit Effekte zweier Geschichten, die in jeder Gegenwart aufeinander treffen:

»die Geschichte im objektivierten Zustand, d.h. die im Laufe der Zeit in den Dingen (Maschinen, Gebäuden, Monumenten, Büchern, Theorien, Sitten, dem Recht usf.) akkumulierte Geschichte und die Geschichte im inkorporierten Zustand, die Habitus gewordene Geschichte.« (Bourdieu 1997, 28).

Dabei aktualisiert die Körper gewordene Geschichte (Habitus) die Ding gewordene Geschichte (Institution), während umgekehrt gerade die objektivierte Geschichte bestimmte Aktualisierungen näher legt als andere. Dieses wechselseitigen Verhältnis beider Geschichten gehen in einer »ontologischen Komplizenschaft« (Bourdieu 1997, 29) auf:

»Das doxische Verhältnis zu der Welt, in die man hineingeboren wurde, diese Art ontologische Bindung, die der praktische Sinn herstellt, ist ein Verhältnis von Zugehörigkeit und Besitz, in welches der von der Geschichte angeeignete Körper sich die von derselben Geschichte bewohnten Dinge auf unbedingte und unmittelbare Weise aneignet.« (Bourdieu 1997, 29).

Die doxa aber ist die für soziale Felder (der Kunst, Religion, Politik usw.) typische Rationalität und Funktionsweise, welche die darin Agierenden an spezifische Grundüberzeugungen bindet – etwa das ›l’art pour l’art‹ im Feld der Kunst. Um in einem sozialen Feld aber handeln zu können, müssen die Akteure die jeweilige doxa anerkennen, die in diesem Feld herrscht. Erst wenn ein Akteur über diesen grundlegenden Glauben verfügt, kann er seine Ressourcen oder Fähigkeiten einsetzen, um die Gültigkeit bestimmter Regeln ausser Kraft zu setzen oder Rationalitäten zu transformieren. Soziale Felder sind als soziale Gebilde zu verstehen, die von Bewegungen und Kämpfen um symbolische Herrschaft durchzogen sind, und indem einzelne oder Gruppen Positionen (im Sinne objektivierter Geschichte als Habitat) einnehmen, gleichzeitig aber auch über aktualisierende Dispositionen (im Sinne inkorporierter Geschichte als Habitus) verfügen:

»Analytisch gesprochen wäre ein Feld als ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen zu definieren. Diese sind in ihrer Existenz und auch in ihren Determinierungen, denen die auf ihnen befindlichen Akteure oder Institutionen unterliegen, objektiv definiert, und zwar durch ihre aktuelle und potentielle Situation (situs) in der Struktur der Dispositionen der verschiedenen Arten von Macht (oder Kapital), deren Besitz über den Zugang zu den in diesem Feld auf dem Spiel stehenden spezifischen Profiten entscheidet, und damit auch durch ihre objektiven Relationen zu anderen Positionen (herrschend, abhängig, homolog usw.).« (Bourdieu/Wacquant 2006, 127).

In den Feldern akkumulieren sich nun beide Geschichten nun vor allem derart, dass die mit einem ihren Positionen und Dispositionen enstprecheden Realitätssinn ausgestatteten Akteure im Feld derart agieren, dass sie nicht nur ihre Positionen erhalten und verbessern, sondern auch, dass sich bestimmte »Sicht- und Teilungsprinzipien« (Bourdieu 2001, 69) im Feld verwirklichen. Es geht also darum, eine Art Zensur einzuführen, die eine Reihe an Positionen und Zwecke verunmöglichen soll. Für das politisch Feld exemplifiziert Bourdieu:

»Das heißt, das politische Feld übt in der Tat eine Art Zensur aus, indem es das Universum des politischen Diskurses und damit des politisch Denkbarn auf den endlichen Raum der Diskurse beschränkt, die in den Grenzen der politischen Problematik produziert oder reproduziert werden können, als dem Raum der im Feld realisierten, das heißt aufgrund der den Zugang zum Feld regelnden Gesetze soziologisch mögliche Stellungnahmen.« (Bourdieu 2001, 69 f.).

Damit verfügt ein Feld über eine begrenzte Anzahl an Positionen und Handlungsmöglichkeiten, die eben in den Zulassungs- und Schließungseffekten, bzw. in den Aneignungs- und Enteignungseffekten ihren Ausdruck finden, d.h. durch die Aktualisierung der objektivierten Geschichte durch die inkorporierte Geschichte.

»Die politische Absicht konstituiert sich nur im Verhältnis zu einer bestimmten Konstellation des politischen Spiels, genauer: des Universums der Handlungs- und Ausdruckstechniken, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt bietet.« (Bourdieu 2001, 70).

Da diese Handlungs- und Ausdruckstechniken nicht nur ungleich verteilt sind, sondern ihr Erwerb eben auch an freie Zeit gebunden ist, reproduziert sich in dieser Geschichte als nicht nur Institutionen, sondern auch die Positionen in Form von Klassenlagen, die sich über die Generationen hinweg über klassenspezifische Dispositionen vererben. Stabilität entsteht so durch eine Erbschafts-Heimsuchung. Bourdieu zitiert dazu Karl Marx: »le mort saisit le vif«, ein Phrase, die sich im Vorwort zum ersten Band des Kapitals findet. Er zielt dabei auf die Perpetuierung eben jener doxa durch die Interaktion der zwei Geschichten:

»Wenn das Erbe sich den Erben angeeignet hat, wie Marx sagt, kann der Erbe sich das Erbe aneignen. Um diese Aneignung des Erben durch das Erbe, die Anpassung des Erben an das Erbe, die die Bedingungen für die Aneignung des Erbes durch den Erben ist (und die weder etwas Mechanisches noch Schicksalhaftes hat) vollzieht sich durch den kombinierten Effekt der in die Lebensbedingung des Erben eingeschriebenen Konditionierungen und der pädagogischen Aktion seiner Vorfahren, der angeeigneten Eigentümer.« (Bourdieu 1997, 30).

Dieser Konzeption der Institutionalisierung als Vererbung und Heimsuchung in Kategorien von Eigentum und Besitz kann allerdings auch eine Konzeption der Beschwörung und Austreibung1 gegenüber gestellt werden, die eben jenen Geschichten erst eine Form geben, indem die Akteure darauf Bezug nehmen. In seiner historischen Studie zur Politik von Napoleon III. betont Karl Marx diese Problematik, indem er geschichtlich vorgeformte Strukturen als ein Element betrachtet, auf das zurückgegriffen wird, nicht um alte Strukturen zu stabilisieren, sondern gerade um eine Umordnung der Gesellschaft zu legitimieren:

»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwört sie ängstlich die Geister der Vergangenheit herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.« (Marx 1852/2004, 32).

Man sieht nun, dass es keine einfache Determiniertheit der Situation gibt, weder auf dem ökonomischen, noch auf dem ideologischen Terrain. Marx beschreibt die revolutionäre Situation von 1789 als eine, in der tatsächlich etwas neues passiert. Während die Französische Revolution die moderne bürgerliche und kapitalistische Gesellschaft organisierte, griff sie auf die Antike zurück. Aber weder war sie die Antike, noch ging es ihr um die Wiederherstellung derselben:

»Bei Betrachtung jener weitgeschichtlichen Totenbeschwörung zeigt sich sofort ein springender Unterschied. Camille Desmoulins, Danton, Robespierre, St. Just, Napoleon, die Heroen, die Parteien und die Masse der alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Kostüme und mit römischen Phrasen die Aufgabe ihrer Zeit, die Entfesselung und Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft.« (Marx 1852/2004, 32 f.).

D.h. nun, dass die Akteure einer historisch präzisierbaren Situation keineswegs beliebige Ereignisse aktualisieren. Damit stellen sie jedoch eine bestimmte Kontinuität zur Vergangenheit her. Diese Kontinuität gibt aber weniger Auskunft über eine „wahre“ Rekonstruktion einer tatsächlichen Vergangenheit, sondern vielmehr Aufschluss über die Situation selbst, in der diese Konstruktion von Vergangenheit vollzogen wird. Und diese Kontinuität muss immer wieder bekräftigt werden, will sie über die Zeit hinweg bestehen bleiben.
Zwar bietet das Terrain, auf dem man sich bewegt, Strukturen, Objekte, Argumentationen, rhetorische Positionen und dergleichen an. Auf wen oder was jedoch referiert wird, ist nicht vorgegeben. In diesem Sinne konnte Angela Merkel auf Willy Brandt zurückgreifen, wenn sie „Mehr Freiheit wagen“ zur Parole ihrer eigenen Politik macht und dabei den Begriff ›Demokratie‹ gegen den der ›Freiheit‹ austauschte. Damit reihte sich die Bundeskanzlerin explizit in die Tradition derjenigen Bundeskanzler ein, die ihre Politik auf einen Slogan zu reduzieren wussten, und stellte gerade über diese implizite Differenz im Inhalt eine Kontinuität in der Form her. Walter Benjamin verwies darauf, dass die Konstruktion von Geschichte sich bislang als eine Geschichte der Sieger verwirklichte, indem man sich in die Tradition der Vorgänger stellte, und dadurch eine Reihe an positiv gesetzten Kontinuitäten hervorhob, negative Kontinuitäten jedoch verschwieg oder gar zurückwies:

»Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. (…) Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen.« (Benjamin 1940/1977, 254).

Freilich liegt das Anliegen Benjamins in der Kritik einer besonderen Geschichtsschreibung, die sich an nationalen und epochalen Wendepunkten, und an Persönlichkeiten im Feld der Geschichte orientierte, also an siegreichen Schlachten und Staatsverträgen bzw. Feldherren und nationalen Ikonen. Und obwohl sein Denken den expliziten Stempel eines säkularisierten Messianismus trägt, d.h. auf einen erlösten Zustand der Gesellschaft hofft, plädiert er keinesfalls für eine Universalgeschichte. Dem gegenüber postuliert er eine Geschichte der kleinen Ereignisse, die Auskunft über die Vergangenheit geben können. Diese zu montieren und dadurch das geschichtliche Terrain freizulegen, ist Aufgabe der materialistischen Geschichtsschreibung, wie sie Benjamin vorschwebt:

»Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.« (Benjamin 1940/1977, 252).

Benjamin geht ihm also um die Kritik einer Geschichtsschreibung, die sich in die Vergangenheit und deren Protagonisten einfühlt, um eine Kontinuität mit der Vergangenheit, aber auch um eine Kohärenz von sich gleichzeitig Ereignendem herzustellen, die in einer universalen Fortschrittsgeschichte kumuliert.

»Die Vorstellung eines Fortschritts der Menschengeschlechts in der Geschichte ist von der Vorstellung ihres eine homogene und leere Zeit durchlaufenden Fortgangs nicht abzulösen.« (Benjamin 1940/1977, 258).

Diese leere homoge Zeit ist jedoch das Ergebnis nicht nur einer spezifischen Geschichtsschreibung, sondern verdankt sich auch einer Reihe an Erfindungen, wie der mechanischen Uhr, der Kalender (in den Daten eingetragen werden können) und auch eine Romantechnik, die parallele Handlungsstränge miteinander verbindet. Benedict Anderson zeigt, wie die Konstruktion solcher leerer homogener Zeiträume die Grundlage des Entstehens von Nationen sind:

»Die Vorstellung eines sozialen Organismus, der sich bestimmbar durch eine homogene und leere Zeit bewegt, ist eine genaue Analogie zur Nation, die ebenfalls als beständig Gemeinschaft verstanden wird, die sich gleichmäßig die Geschichte hinauf (oder hinunter) bewegt. Ein Amerikaner wird niemals mehr als eine Handvoll seiner vielleicht 240 Millionen Landsleute kennenlernen oder auch nur deren Namen wissen. Er hat keine Vorstellung, was sie irgendwann gerade tun. Doch er hat volles Vertrauen in ihr stetes, anonymes, gleichzeitiges Handeln.« (Anderson 1988/2005, 33 f.).

Gerade in der nationalistischen Literatur findet Anderson eine Reihe von Techniken, die einen solchen sozialen Organismus zum Vorschein bringen, aber auch die moderne Form der Zeitung, die der eines Romans ähnelt. Denn zum einen erzeugt die Zeitung eine zeitliche Koinzidenz:

»Das Datum am Kopf der der Zeitung, als ihr allerwichtigstes Emblem, stellt die wesentliche Beziehung her – das ständige Vorwärtsschreiten einer ›homogenen und leeren Zeit‹. Innerhalb dieser Zeit schreitet ›die Welt‹ unaufhaltsam weiter: Wenn Mali nach zwei Tagen, un denen Reportagen über die dortige Hungersnot gebracht wurden, für Monate von den Seiten der New York Times verschwindet, denken die Leser keinen Augenblick, Mali sei verschwunden oder alle Einwohner seien verhungert. Die romanartige Aufmachung der Zeitung gibt ihnen Gewißheit, daß es mit dem ›Akteur‹ Mali irgendwie weiter geht und er auf sein nächstes Auftauchen in der Handlung wartet.« (Anderson 1988/2005, 40).

Andererseits erzeugt auch gerade dieser Fortsetzungscharakter zusammen mit dem täglichen Erscheinungsintervall eine zeitliche Rhythmisierung der vorgestellten Gemeinschaft:

»Das Veralten der Zeitung am Tag nach ihrem Erscheinen – wie seltsam, daß ein so frühes massenproduziertes Gut sich den geplanten Verschleiß moderner Konsumgüter vorwegnimmt – bringt darum eine außergewöhnliche Massenzeremonie: der praktisch gleichzeitige Konsum der Zeitung als Fiktion. Wir wissen, daß Morgen- und Abendausgaben immer zwischen dieser und jener Stunde konsumiert werden und nur an diesem Tag nicht am nächsten.« (Anderson 1988/2005, 41).

Durch eine solche Reihe an Techniken, Objekten und Konstruktionen entsteht schließlich die Fiktion einer nationalen Gemeinschaft, die Nation als begrenzte und souveräne imagined community, die sich selbst durch eine Politik der Repräsentation erfindet, und nicht durch einen Akt der Selbstbewußtwerdung zu sich kommt. Als typisches Beispiel solcher öffentlichen Repäsentation von imagined communities sind

»die Ehrenmäler und Gräber der unbekannten Soldaten. Die öffentlichen Reverenzen, die diesen Denkmälern gerade deshalb erwiesen werden, weil sie entweder leer sind oder niemand weiß, wer darin bestattet ist, haben keine Vorläufer in früheren Zeiten.« (Anderson 1988/2005, 18).

Eric Hobsbawm macht wie Anderson im Bezug auf solche leeren Objekte ein typisches Merkmal moderner Gesellschaften aus und spricht von der Erfindung von Traditionen:

»›Traditions‹ which appear or claim to be old are often quite recent in origin and sometimes invented.« (Hobsbawm 1983a, 1).

Der Begriff der Erfindung meint dabei sowohl die zielgerichtete Konstruktion und Durchsetzung von Traditionen sowie auch das Auftauchen und Selbstverständlich werden von Praktiken in einem relativ kurzen Zeitraum. Diese Praktiken sind dabei immer mit einem historischen Index versehen, der eine Kontinuität mit der Vergangenheit herstellt:

»›Invented tradition‹ is taken to mean a set of practices, normally governed by overtly or tacitly accepted rules and of a ritual or symbolic nature, which seek to inculcate certain values and norms of behaviour by repitition, which automatically implies continuity with the past. In fact, where possible, they normally attempt to establish continuity with a suitable past.« (Hobsbawm 1983a, 1).

In der Auswahl einer passenden Vergangenheit findet sich der Grund dafür, dass die Art und Weise, wie sie hergestellt wird, mehr über die Gegenwart aussagt als über die Vergangenheit selbst:

»However, insofar as there is such reference to a historic past, the peculiarity of ›invented‹ traditions is that the continuity with it is largely factitious. In short, they are responses to novel situations which take the form of reference to old situations, or which establish their own past by quasi-obligatory repitition. It is the contrast between the constant change and innovation of the modern world and the attempt to structure at least some parts of social life within it as unchanging and invariant, that makes the ›invention of tradition‹ so interesting for historians of the past two centuries.« (Hobsbawm 1983a: 2).

Derart zeigt sich ein Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Massenproduktion von Kitsch im ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Auftreten von nationalen Zeichen. Briefmarken, allegorische Figuren wie die Marianne oder der Deutsche Michel, Jahrestage von Krönungen und auch Gedenkstätten und Bauwerke werden in Unmengen produziert, distribuiert und gefeiert. Typisch dafür ist z.B. die weite Verbreitung von Bismarcktürmen, die nicht nur über eine standardisierten Bauform verfügen, sondern in innerhalb eines extrem kurzen Zeitraum errichtet wurden:

»…within one year of Bismarck’s death in 1898, 470 municipalities had decided to erect ›Bismarck columns‹.« (Hobsbawm 1983b, 264).

Die Erfindung von Traditionen ist jedoch nicht einfach nur politisch motiviert. Hobsbawm macht stattdessen zwei verschiedene Formen von Traditionserfindungen aus, eine eher offizielle, staatlich geregelte ›politische‹ Form, für die die oben genannten Beispiele typisch sind, und eine eher inoffizielle, nicht formal organisierte ›soziale‹ Form, für die typischerweise Sportveranstaltungen, der Tag der Arbeit oder die Studentenkorps mit ihren Rangstufen, Abzeichen und Bändern zu nennen wären.

»The distinction is one of convenience rather than principle. It is designed to draw attention to two main forms of the creation of tradition in the nineteenth century, both which reflect the profound and rapid social transformations of the period. Quite new, or old but dramatically transformed, social groups, environments and social contexts called for new devices to ensure or express social cohesion and identity and to structure social relations. At the same time a changing society made the traditional forms of ruling by states and social and political hierarchies more difficult or even impracticable. This required new methods of ruling or establishing bonds of loyality.« (Hobsbawm 1983b, 263).

Auch wenn diese sozialen Formen von erfundenen Traditionen selbst politische Funktionen übernehmen, sind diese doch stärker auf sozialorganisatorische Zwecke ausgerichtet. Im Zentrum steht dabei die Konstitution einer Geschichte, die es erlaubt, die aktuelle Situation durch den Rekurs auf Vergangenes nicht nur zu legitimieren, sondern überhaupt plausibel und verständlich zu machen.
Hieraus ergibt sich ein wichtiger Schnittpunkt mit dem symbolischen Interaktionismus, der ja auf die aktive Aneignung von Vergangenem abstellt, also die produktiven Akte der Vergangenheits-konstruktion betont, die sich sicherlich nicht frei von Erfahrung vollziehen, aber auch nicht absolut determiniert passieren, sondern als Resultate der Positionierung eines Akteurs oder eines Kollektivs zu seiner Vergangenheit begriffen werden:

»A man must be viewed as embedded in a temporal matrix not simply of his own making, but which is peculiarly and subtly related to something of his own making – his conception of the past as it impinges on himself.« (Strauss 1959/1997, 166).

Anselm Strauss beschreibt für Amerika eine typische Vergangenheitskonstruktion, die Aufstiegs-bewegungen innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges zum zentralen Kern der Geschichte macht. Diese resultiert aus der kurzen europäischen Siedlungsgeschichte, die lang zurückreichende Verwandtschaftsverhältnisse als relevantes Kriterium ausschließt und Migration betont. Doch kommt es für den symbolischen Interaktionismus gerade darauf an, wie man diese Geschichtsschreibung vollzieht, d.h. wie Identität und Geschichtsschreibung in eine Beziehung zueinander gebracht werden:

»But the impact of history upon identity involves much more than consciousness of kinship and placement in a social class.« (Strauss 1959/1997, 169)

Strauss betont dabei die eigensinnige Bezugnahme auf die Vergangenheit, die gar nicht notwendigerweise auf Fakten beruht, sondern ein imaginäres oder mythologisches Moment beinhaltet:

»The first is this: a people may create an historical past which they do not possess, or discard a past and then create a new one. Thus, in the developement of nationalistic movements, and in the nationalisms of nations, the past may recreated in the image of the desired present and future.« (Strauss 1959/1997,169)

Laut Terence Ranger orientieren sich solche mythologische Hypostasierungen z.B. in Gebieten Afrikas selbst an den kolonialen Praktiken der Engländer, die mittles der Implementation von monarchischen Strukturen die unterworfenen Gebiete restrukturierten.

»There were two direct ways in which Europeans sought to make use of their invented traditions to transform and modernie African thought and conduct. One was the acceptance of the idea that some Africans could become members of the governing class of clonial Africa, and hence the extension to such Africans of training in a neo-traditional context. The second – and more common – was an attempt to make use of what European invented traditions had to offer in terms of a redefined relationship between leader and led. The regimental tradition, after all, defined the roles of both officers and men; the great-house tradition of rural gentility defined the roles of both masters and servants; the public school tradition defined the roles of both prefects and fags. All this might be made use of to create a clearly defined hierarchical society in which Europeans commanded and Africans accepted commands, but both within a shared framework of pride and loyalty. Thus if the traditions which workers and peasants had made for themselves in Europe did not exercise much influence on Africans under colonialism, invented traditions of subordination exercised a very considerable influence indeed.« (Ranger 1983, 220 f.)

Insofern wären die postkolonialen Nationalismen ein Versuch im Sinne Bourdieus, sich die objektivierte Geschichte anzueignen, da nur im Bezug auf eine europäische Geschichtsschreibung ein der Nation äquivalentes Kollektiv begründet werden kann. Unter Verweis auf E.C. Hughes beschreibt auch Strauss die Herausbildung von nationalistischen Bewegungen im kolonialen Afrika:

»…he suggests that under conditions of tribal disintegration as in Africa, when nationalistic movements form, they and the countries which emerge from them must quite literally create new mythical national histories. They must do this in order that their heterogeneous populations be brought together under one banner. Thus the emerging cillective acts will be rationalized in terms of a symbolic past as well as a realistic present.« (Strauss 1959/1997, 169)

Gleichzeitig betont auch Strauss die historische Variation der Vergangenheitskonstruktionen und damit das andauernde Wiederherstellen von Ordnungsprozessen, die nicht einfach andauern, sondern der steten Ausarbeitung und Bekräftigung bedürfen:

»Each generation percieves the past in new terms, and rewrites its own history. Insofar as there are shared group-perspectives bearing upon the past. The selves of the component members are vitally affected. Certain groups and organizations have immensly long histories, and strong vested interests in preserving and reviewing their histories.« (Strauss 1959/1997, 169 f.)

Mit der historischen Kovariation des Terrains und der Akteure ergibt sich auch eine Veränderung der Selbstverständlichkeit und Akzeptanz der Strukturen. Als Beispiel wählt Strauss die Stadt Nürnberg, die nach dem zweiten Weltkrieg über den Wiederaufbau von öffentlichen Gebäuden zu entscheiden hatten:

»The citizens of Nuremberg have an urban history which includes a glorious sixteenth century. The signs of it are visible in the churches, in he houses, in the very street plan of the central city; so that when the center of the city was badly destroyed during the war, little or no question was afterwards whether it should be reconstructed in modern styles. It was deliberately rebuilt to recapture, if possible, something of the atmosphere of the past, and ancient public buildings were sometimes rebuilt from the ground up at great cost. This is not to say that the identities of all citizens of Nuremburg are equally involved with the city’s past, nor in the same ways: but Nuremberg’s past hovers over the city visibly, gets imto the press and into conversation; and must be taken into account even by those who spurn or fight it.« (Strauss 1959/1997, 170)

Während die Struktur des öffentlichen Raumes also durch das Bild einer reichen Tradition geprägt war, versuchten hingegen die Akteure der Nürnberger Geschäftswelt eine andere, modernere Repräsentation der Stadt zu verwirklichen.

»Nuremburg’s bustling business men have recently published a book about their city, advertising its great industrial capacity and potential. They necessarily had to couch their slogans in opposition to the city’s past, for even the outside world thinks of Nuremberg first and foremost as a treasure house of German medieval art, rather than as a progressive industrial city.« (Strauss 1959/1997, 170)

Literatur:
Anderson, Benedict (1988/2005): Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgereichen Konzepts, Frankfurt/Main: Campus.
Benjamin, W. (1940/1977): Über den Begriff der Geschichte (Geschichtsphilosophische Thesen), in ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften 1, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 251-263.
Bourdieu, P./L.J.D. Wacquant (2006): Reflexive Anthropologie, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Bourdieu, P. (2001): Die politische Repräsentation, in ders., Das politische Feld. Zur Kritik der politischen Vernunft, Konstanz: UVK, 67-114.
Bourdieu, P. (1997): Der Tote packt den Lebenden, in ders. Der Tote packt den Lebenden. Schriften zur Kultur & Politik 2, Hamburg: VSA, 18-58.
Demirovic, Alex (2004): Der Zeitkern der Wahrheit. Zur Forschungslogik kritischer Gesellschaftstheorie, in J. Beerhorst/ders/M. Guggemos (Hg.), Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main: Suhrkamp. 475-499.
Foucault, M. (2004a): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Foucault, M. (2004b): Geburt der Biopolitik, Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Hobsbawm, E. (1983a): Introduction: Inventing Tradition; in ders./T. Ranger (Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge University Press,1-14.
Hobsbawm, E. (1983b): Mass-Producing Traditions: Europe, 1870-1914, in ders./T. Ranger (Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge University Press, 263-307.
Horkheimer, M. (1933/1992): Materialismus und Metaphysik, in ders., Traditionelle und kritische Theorie. Fünf Aufsätze, Frankfurt/Main: S. Fischer, 7-42.
Marx, Karl (1852/2004): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in K. Marx/F. Engels, Studienausgabe Band IV: Geschichte und Politik 2. Herausgegeben von Iring Fetscher, Berlin: AtV, 32-128.
Ranger, T. (1983): The Invention of Tradition in Colonial Africa, in E. Hobsbawm/ders. (Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge University Press, 211-262.
Strauss, A. (1959/1997): Mirrors & Masks. The Search for Idenity, New Brunswick/New Jersey: Transaction Publishers.
Veyne, P. (1992): Foucault: Die Revolutionierung der Geschichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Written by lars

20. Juli 2007 at 13:51

Veröffentlicht in Regierung der Kultur