shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Juli 2007

Gouvernementalität

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„Könnte man nicht, zum Beispiel, nicht gerade von der Einheit, nicht einmal von dieser Dualität Natur-Staat ausgehen, sondern von der Multiplizität außerordentlich vieler Vorgänge, wo man gerade diese Widerstände gegen das Pastorat, diese Verhaltensaufstände fände, wo man Stadtentwicklung fände oder wo man die Einführung, die Entfaltung der Algebra, die Experimente zu den Fallgesetzen … fände? Und es würde sich darum handeln, die Intelligibilität der Vorgänge, über die ich zu ihnen spreche, zu begründen, indem man zeigt, welches die Phänomene der Koagulation, der Unterstützung, der wechselseitigen Verstärkung, des Zusammenhalts, der Integration waren, kurz, das ganze Bündel von Vorgängen, das ganze Geflecht von Verhältnissen, die schließlich als Massenwirkung die große Dualität, Schnitt und Zäsur auf einmal, induziert haben (…) .

Die Intelligibilität der Geschichte beruht vielleicht auf etwas, das man die Konstitution oder Komposition von Wirkungen nennen könnte. Wie setzen sich globale Wirkungen zusammen, wie setzen sich Masseneffekte zusammen? Wie hat sich diese globale Wirkung, welche die Natur darstellt, gebildet? Wie hat sich der Effekt Staat gebildet, ausgehend von tausend verschiedenen Vorgängen, von denen ich Ihnen lediglich einige zu nennen versucht habe? Das Problem ist, zu wissen, wie sich diese beiden Wirkungen gebildet haben, wie sie sich in ihrer Dualität und entsprechend ihres, wie ich denke, wesentlichen Gegensatzes zwischen der A-Gouvernementalität (…) der Natur und der Gouvernementalität des Staates gebildet haben.“
M. Foucault (2006): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 346f.

Diese Stelle macht m.E. ziemlich gut deutlich, worin es um die Argumentation in den Studien zur Gouvernementalität geht. Gouvernementalität ist nicht Governance. Auch wenn Governance eine Reihe an Regierungspraktiken darstellt (z.B. als „nation building“) die einer eigenständigen Rationalität des Regierens folgt. Governance ist ein Teil der modernen Gouvernementalität im politischen Feld. Der Staat, der Markt, der Wettbewerb: das ist weder immer schon gegeben, noch natürlich. Das wussten im übrigen schon die ordo- und neoliberalen Theoretiker: Eucken, Röpke, Hayek, von Mises. Für sie stand nicht der Markt im Zentrum, sondern der Wettbewerb als formaler Mechanismus, der nur dank einer Rahmengesetzgebung institutionalisiert werden könne. Die Gouvernementalität der modernen neoliberalen Regierung beruht folglich auf den folgenden zwei Imperativen:
(1.) „Begrenze als Staat deine eigene Reichweite!“ und
(2.) „Formiere die Gesellschaft nach dem Modell des Unternehmens“.
Die Frage des Denkverbots, wie sie unten diskutiert wurde, und die Momo ebenfalls mit Foucault als „Diskurspolizei“ begriffen wurde, hießt letztlich nicht Denkverbot, sondern Denkregierung. Schalte schon mal alles aus, was nicht einer wettbewerbsfähigen Form entspricht. Denken als Unternehmung – Entrepreneurship.
Was heißt das für eine „Regierung der Kultur“? Häufig ließt man von den neuen Kooperationmodellen der Kulturfinanzierung: public/private-, public/public- und private/private-Partnerships sind die neuen Lösungen.
Auf der anderen Seite kann man wie Beat Wyss in der SZ punkten, wenn man die Veranstalter der Documenta Naivität unterstellt, indem man die Documenta zum Katalysator der Wettbewerbsfähigkeit der ausgestellten Künstler erklärt. Und man selbst ist dem gandenlosen Konkurrenzkampf der Drittmittelförderung ausgeliefert. Neuerdings frage ich mich, ob diese Formen der Kulturregierung nicht so etwas wie kollektive Diätetik sind. Nur nicht zuviel des Guten, aber das Wenige wird teuer bezahlt.

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Written by lars

31. Juli 2007 at 14:58

Veröffentlicht in Ökonomie, Regierung der Kultur

„Nuttig“ und „prollig“

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Es war doch ein Fehler.

Nein, nicht unwahr, es war eine falsche Handlung, meine ich (jetzt kommt gleich wieder irgendwer um die Ecke und behauptet, ich wolle durch diese Unterscheidung irgendwen unterdrücken).

Daß ich mich vom Klassik-Radio wecken lasse. Einschlafen mit denen ist super, diese Nachtschiene mit „DJ Nathan“ oder wie der heißt ist großartig.

Nee, aufwachen mit denen ist herbe, da kommen nämlich um 7.30 h, wenn mein Wecker loslegt, immer Nachrichten. Und die riechen streng. Nach diesem Spruch „Willkommen auf der Erfolgsschiene!“ des  meines Wissens final defizitären „Metropolitan“. Da wird kurz irgendwas erzählt, und dann folgen: Börsenkurse. Irgendwie herausgepickt. Heute: Der Fall der Danone-Aktie. Mußte da gleich an Feynsinns Eintrag zu dem Unsinn von Börsennachrichten denken. Und dann wird durchgesagt, welche Flieger verspätet sind. Die Klassik-Radio-Zielgruppe fliegt offensichtlich den ganzen Tag betont kosmopolitisch durch die Gegend. Bloß keine Seßhaftigkeit vortäuschen! Wir sind mobil!

So verusachen die Nachrichten dieses Senders bei mir immer das starke Bedürfnis, mal eben 1,2,3 Dosen Bier zu kaufen und mit der Alki-WG gegenüber ausgiebig zu frühstücken (Korn haben die bestimmt!) …

Dann, mittlerweile in der Küche angelangt, berichtet NDR 2 über steigende Lebensmittelpreise. Da kann man wenigstens kurz mit Marie-Antoinette leiden, innerlich, denkt an leckeren Kuchen (angeblich hat sie das ja nie gesagt) und stimmt dem kurz darauf zitierten Ottmar Schreiner zu, daß daraufhin doch bitte schleunigst die Hartz IV-Sätze angehoben werden sollten (der will ja auch nicht enden wie Marie-Antoinette, das hat er von Bismarck).

Und weiß wieder, was man am Öffentlich-Rechtlichen hat. Deswegen wettern ja die von weiter rechts immer dagegen: Weil sie lieber hätten, daß nur noch Programme für „werberelevante Zielgruppen“gesendet werden. Und dem „Unterschichtenfernsehen“ ist’s ja hinsichtlich der werbetreibenden Industrie auch nicht gut bekommen, daß man es so nannte, ’ne andere Wahl als Lidl oder Aldi oder Penny haben diese Leute ja eh nicht, und Nachrichten sind da eh nicht wichtig, eher Brot und Spiele.

Um dann doch was gegen öffentlich-rechtlich zu sagen: Bei der doch amüsanten Sendung „Hitlisten des Nordens“ über stilistische Geschmacksverirrungen in Sachen Klamotten waren die häufigsten Negativ-Prädikate der O-Tongeber „nuttig“ und „prollig“. Nicht wörtlich, also „nuttig“ fiel nicht wörtlich, „prollig“ schon – alles Lüge halt. Als seien Huren nicht die mit Abstand ehrlichsten im real-existierenden Kapitalismus …

Written by momorulez

31. Juli 2007 at 7:23

Veröffentlicht in Medien

Denkangst und gefährliche Gedanken. Paul Feyerabend

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Eigentlich wollte ich ja zu was wichtigem etwas schreiben: der Jasper-Johns-Ausstellung im Basler Museum.
Das hat aber mit dem Thema des Denkens angeblicher, vorgeblicher und wirklicher gefährlicher Gedanken zu tun.
Man kann auch gefährlich denken, das ist dann was anderes als angebliche, vorgebliche und wirklich gefährliche Gedanken herzustellen und mit dem dringlichen Hinweis auf ihre Gefährlichkeit (für wen, fragt sich ja immer, der konservative Revolutionär meint sich schliesslich nicht selbst) mit Imperativen versehen unter die Leute zu bringen. Jasper Johns denkt aber gefährlich, und das als Malerei zu sehen, ist wiederum eine gefährliche Handlung, die ziellos und zwecklos ersteinmal Kriterien ausser Kraft setzt, die die eigene Denkangst pausenlos instrumentalisiert.
Damit wäre ein Betrachter der Johns`schen Bilder gemeint, aber der Maler meint sich auch selbst, weswegen vielleicht auch gesagt werden könnte, er denkt gefährdet. Schliesslich ist er kein malender Vorreiter der konservativen Revolution mit ästhetischen Mitteln. Er gefährdet sein eigenes Denken und die lächerlichen Kriterien und Kategorien, auf denen ästhetische und wissenschaftliche Denkangst beharrlich rumreitet, um nicht denken zu müssen, sondern in menschlicher und ästhetischer Falschheit zu repräsentieren. Es geht nicht darum, Aura zu erzeugen. Er führt gewissermassen die Arbeit wieder ins Bild ein, wie andere auch, Serra oder Eva Hesse oder Bruce Nauman, und während Serra die Arbeit zeigt, wie wir Raum machen oder uns zumindest in einer Anstrengung vorstellen könnten, zeigt Johns die Arbeit des Sehens und des Sprechens, des Bezeichnens und Verknüpfens ungewisser Bedeutungen. Unsichere Denkarbeit. Die Bilder sind kritische Punkte, die keine Entscheidungen fordern, aber Entscheidungen ermöglichen, deren Ausgang nicht erkennbar ist. Um es mal ungefähr mit Donald Judd bezüglich Barnett Newman zu sagen: das reicht für eine Kultur. Oder: Die Künstler sind die Elite der dienenden Klasse, sagt Jasper Johns. Wir machen nämlich „die Kultur“.
Johns zeigt also, dass uns das Material verunsichern kann, wenn wir nicht feststellen können, dass seine Zusammenfügung einer uns bekannten Methode folgt, dass wir nicht weiter kommen mit unseren erlernten Spielen der Selbstvergewisserung anhand irgendwelcher Vergleiche von Artefakten oder den eingelesenen Interpretationen und Funktionalisierungen, die uns ein auswendig gelerntes System der historischen Beziehungen von Kunstwerken verfügbar hält. Wir finden keine Methode vor, dass heisst, entweder entschliessen wir uns die Sache zu ignorieren, oder wir nehmen die Arbeit, die derjenigen des Malers entspricht, auf uns und versuchen, das Bild als Wirklichkeit aufzufassen, von der wir uns auf irgendeine eigene, individuelle Weise so etwas wie eine Theorie machen müssen. Die hat mit unseren Erfahrungen zu tun. Das beschreibt Paul Feyerabend ganz gut, wie ich finde, und ein Johns-Bild ist darum oft exemplarisch in dieser Hinsicht, weil es selbst so arbeitet.

Also Feyerabend:

…Und das ist keine Ausnahme-es ist der Normalfall: Theorien werden klar und „vernünftig“, erst nachdem inkohärente Bruchstücke von ihnen lange Zeit hindurch verwendet worden sind. Ein solches, unvernünftiges, unsinniges, unmethodisches Vorspiel erweist sich also als unerlässliche Vorbedingung der Klarheit und des empirischen Erfolgs.
Wenn man nun derartige Entwicklungen in allgemeiner Form beschreiben und verstehen will, dann muss man sich natürlich der vorhandenen Sprachformen bedienen, die ihnen nicht entsprechen und die verbogen, missbraucht, gewaltsam umgeformt werden müssen, um auf unvorhergesehene Situationen zu passen (ohne ständigen Sprachmissbrauch keine Entdeckung und kein Fortschritt). (…) So entsteht das dialektische Denken als eine Denkform, die „die Bestimmungen des Verstands in NIchts auflöst“, eingeschlossen die formale Logik.
(…) Es ist also klar, dass der Gedanke einer festgelegten Mehode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen beruht. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nnicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, „Objektivität“, „Wahrheit“, der wird einsehen, dass es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten lässt. Es ist der Grundsatz:Anything goes.

absolute Paul Feyerabend, Freiburg 2002, p82f

Written by talbert

31. Juli 2007 at 1:55

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Die zersetzende Idee der Gewerkschaften!

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Der Grund, warum es so lächerlich ist, wenn ausgrechnet manch liberaler Blogger ständig anderen Leuten „Denkverbote“ unterstellt, sollte wohl aus den folgenden Zitaten offenkundig und klar ersichtlich sein (ich betreibe jetzt auch nur noch Evidenztheoriebildung – was mir offenkundig erscheint, gilt. Jede Differenzierung ergibt grundsätzlich nur die Reaktion, daß man unterdrücken wolle. So ist das in Zeiten des Kampfes gegen „Political Correctness“ – da gibt es immer irgendeine Wahrheit, die irgendwem gerade offenkundig ist und die deshalb gilt, weil sie irgendwem gerade offenkundig ist,  und wer dem nicht zustimmt, gehört zu irgendeiner totalitär-repressiven Lobby , die die gesunde Mehrheit gängeln und infizieren will. Ganz schön viel für einen Einschub in Klammern, egal, mußte raus).  Auf Denker wie den folgenden berufen die sich nämlich, die Denkverbotsdiagnostizierer:

«Nicht nur die Praxis der Gewerkschaften ist destruktionistisch; schon der Grundgedanke, auf den sie sich aufbauen, ist es.»

Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft, Jena, 1922

 „Zersetzend“ sagte man doch eigentlich, damals in den Zwanzigern des letzten Jahrhundert? Menschen, die sich zusammentun, um ihre Interessen zu verfolgen, sind halt immer dann verdächtig, wenn sie nicht zufällig der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nachplappern. Kooperation ist totalitär! Fairness auch! Gerechtigkeit will nur unterjochen!

Und Herr von Mises weiß doch auch viel besser, was gut für die Arbeitenden wäre als diese selbst! Wenn das mal nicht ein guter Grund für eine Erziehungsdiktatur wäre, aber einfach abweichende Meinungen und andere Wissenschaftszweige und Fachbereiche mittelfristig von Universitäten zu verbannen, das reicht notfalls auch. Denn: Wie schnell man dabei ist, bei vermeindlichen „Anti-Etatisten“ dann nach Gesetzen zu schreien, belegt das folgende Zitat:

«Der Augenblick dürfte auch in Deutschland schnell herankommen, da eine gesetzliche Eindämmung der gewerkschaftlichen Monopolmacht ebenso als eine nationale Existenzfrage erkannt wird wie in den Vereinigten Staaten und damit die größte Lücke in der Antimonopolgesetzgebung geschlossen werden muß.»

Wilhelm Röpke, Gegen die Brandung, Zürich, 1959

Wobei ich Röpcke jetzt weniger klar zuordnen kann als von Mises, aber da kann mich ja vielleicht jemand aufklären, ob der eher zu den Ordoliberalen gehörte oder zu irgendwas ganz anderem. Selbst wenn, macht nix, der eliminatorische Geist neoliberaler und libertärer  Agitatoren holt sich halt, was er gerade so braucht, wenn’s darum geht, nur noch ihm genehme Instititutionen als gleichermaßenwahr und gut  zu behaupten. Schön ist ihm ja nicht so wichtig …

 (PS: Die Zitate stammen aus der Diskussion eines Blogs, das ich ab heute nicht mehr verlinke – da ja die Quellen ja deutlich angegeben sind, ist das wohl legitim. Dort sind sie durchaus umstritten, diese und darüber hinausgehende Zitate, das sei der Fairness halber angemerkt – wobei der eine oder andere Diskutant bereits den Begriff „Fairness“ schon böses, sozialdemokratisches Denken am Werkeln sieht, siehe oben. Was ja für die Idee der Sozialdemokratie spricht, die realexistierende kann’s aber auch nicht mehr retten).

Written by momorulez

30. Juli 2007 at 14:20

Veröffentlicht in Ökonomie

Mal was über Werte …

with 19 comments

Will man was über Werte lernen, so empfiehlt es sich, beispielsweise den Rolling Stone zu lesen. In der aktuellen Ausgabe der mit Abstand besten Musikzeitung hierzulande wird höchst amüsant Denkmalsschändung betrieben – diverse Autoren hauen legendäre Alben in die Pfanne als „so bedeutend dann doch nicht“. So z.B. Ian Williams „This is it“ von The Strokes, diesen ollen Jammerlappen:

„Die Strokes waren ein paar Kids aus Uptown New York, die Söhne von Supermodelagentur-Chefs, die glaubten, allein dafür hätten sie schon Respekt verdient.“

Hierzulande wären sie deshalb wohl liberale Blogger geworden 😉 …. nix für ungut, es spricht aber für die USA, daß sie es da nicht wurden. Auch die ganz Großen bekommen eins vor die Fresse. Der Beatles‘ Sgt. Pepper-Album wird von Billy Childish versenkt:

Sgt. Pepper war der Tod des Rock’n’Roll. Rock’n’Roll muß Lebendigkeit und Energie haben, und zu diesem Album fehlt beides. Eher klingt’s, als als hätte es sechs Monate gedauert, es rauszuscheißen. Die Beatles waren Opfer ihres Erfolges. Das ist Mainstreammucke für Klempner. Oder für Leute, die Citroen fahren – die Buisness-Hippies, die die Rockmusik ruiniert haben. „

Der Begriff „Distinktionsgewinn“ hat sich ja in den Fußstapfen Bourdieus dafür eingebürgert, für solche Phrasen mit den Klempnern und den Buisness-Hippies, zu denen Childish sich natürlich nicht zählt.

Und doch sind es gute Gründe, die ihn antreiben: In der Tat ist ja das Paradigma des guten Pop immer noch Elvis Presley und nicht die Beatles. Werte sind halt „Bewertungen von“, und ein ausgefächerter Pool von Gründen kann dann stützen, was man wie bewertet.

Anderes Beispiel für die aktuelle Werte-Debatte: Die aktuellen Kunstzeitschriften. Die schreiben jetzt erst mal alles nieder, was zuvor sie groß ankündigten, die Documenta z.B.:

„Ruth Noack und RogerM. Buergel haben die ganz große Idee nicht hinbekommen, sind aber auch im Kleinen gescheitert. Ihr Leitmotiv der Migration der Form ist aufgeblasen und hätte sich bestenfalls als Nebenschauplatz geeignet. Für 19 Millionen haben Buergel und Noack eine Ausstellung nach ihrem Privatgeschmack gemacht, für Leute wie sie, die sich für viele interessieren, aber nicht direkt für zeitgenössische bildende Kunst. Buergel will sich nun altem Kundtshandwerk zuwenden, denn „ich mache nur Sachen, die ich noch nicht kann!. Dann dürfte er noch mal eine Documenta kuratieren.“

Silke Hohmann, Pleiten, Pech und Posenenske, in: Monopol Nr. 8/2007, S. 120

Der Werte bzw. Bewertungsfrage kommt man ja durch solche Texte ein bißchen näher. Also der Frage, worum es sich bei einer solchen Frage überhaupt handelt. Kann was mit Handlung zu tun haben – indem z.B. der Anspruch, die Zielvorstellung eines Handelns, formuliert wird, dem das Resultat des Handelns dann nicht entspricht. Ein teleologisches Handlungsmodell, sozusagen, und der Betrachter findet das nicht gut, was verwirklicht wurde. Aaaah, „gut„!

Werte scheinen irgendwas mit der Verwendungsweise von „gut“ zu tun zu haben (alter Hut, ich weiß,  sowas ist aber ja wie alles eine Frage der Textdramarturgie). Aber wieso ist Scheitern, einen Anspruch nicht einlösen, eigentlich nicht gut?

Fällt mir, ganz ehrlich, gerade keine Antwort drauf ein. Es geht doch um’s Tun und nicht um’s Siegen, hat der Konstantin Wecker einst gesungen. Da ging es um die „Weiße Rose“ in dem Lied. Wo liegt denn jetzt der Unterschied zwischen Buergel und dem Scheitern der „weißen Rose“? Das ist kein unverschämter Vergleich, das verweist auf zwei Verwendungsweisen von „gut“ – der moralischen und der, ja, welche Verwendungsweise ist das eigentlich bei Frau Hohmann, dieses „gut gemacht“ oder auch nicht?

Gemeinhein gilt da das Funktionale – „gut zum“. Zweckrationalität. Diese Messer ist gut zum Brotschneiden. Jemand, der kuratieren kann, ist gut zum Documenta-Machen. Die Verwendung von „können“ ist eng an die Zweckrationalität geknüpft. Ernst Tugendhat wollte dem in „Probleme der Ethik“ eine „aboslute“, nicht-relationale Verwendungsweise von „gut“ entgegensetzen: Ein guter Mensch sein. Das, was „die weiße Rose“ hinsichtlich ihre Handelns war.

Entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß die schlimmsten Moralisten im Netz so gerne gegen „Gutmenschen“ wettern. Spricht aber für sie, daß man auch als nicht-guter Mensch Gutes in ihrem Sinne tun kann, ohne Frage.

Hinsichtlich des Funktionalen ja sowieso – die schlimmsten Schurken sind noch dazu in der Lage, effizient, also gut, zu foltern, z.B. Was als Beispiel ja eigentlich ausreichen müßte, um die funktionale Verwendung von „gut“ zumindest nicht als Maßtstab der Moralität gelten zu lassen – aber da hat sich ja was getan. In Zeiten von Schäuble und Bush ist es neuerdings trendy zu behaupten, man müsse Schlechtes tun, um Gutes zu erreichen. Als töten, foltern, entrechten und rumschnüffeln im Namen – ja, in wessen Namen denn eigentlich?

Bei Schäuble wird das mit Sicherheit als „hohem Gut“ begründet. Was sind Güter? Dinge, die für jemanden wichtig sind. Dieses „gut für“ steckt wohl hinter allen Wendungen und Verwendungen von „gut“ und somit hinter allem, was an über Werte sinnvoll sagen kann, stelle ich einfach mal als These auf. Das ist was anderes als die zweck-orientierte Variante, wo etwas gut hinischtlich eines Zweckes und nicht hinsichtlich einer Person ist, für die allerdings auch ein Zweck gut sein könnte. Und es ist eng verwandt mit dem Begriff des Interesses, den Frau Hohman auch dem Herrn Buergel ankreidet: Er hätte bei der Gestaltung der Documenta nur sein Interesse und das von Leuten, die so denken wie er, berücksichtigt. Aber wessen denn sonst? Will Frau Hohman sagen, die Documenta sei nicht gut für sie?

Oben habe ich einmal gemogelt. Eigentlich hätte ich schreiben müssen: „Jemand, der kuratieren kann, ist gut für die Documenta.“Das entspricht Sätzen wie „Jemand, der gut repräsentieren kann, ist gut Deutschland, wenn er Bundespräseindet wird.“

Ja,, aber was ist Deutschland? Und was repräsentiert er denn wie?  Eine weitere Verwendungswesie von „gut“: Die Ästhetik. Das Geschmacksurteil. Siehe die Plattenkritiken oben – auch die sind zwar auf einen Pool von Gründen bezogen, aber eben auch nicht richtig „objektiv“.

Es scheinen viele Geschmäcker zu teilen, daß sie das Repräsentative z.B. mit dem „würdevollen Anzug“ verknüpfen. Das Unfrisierte beim Köhler hingegen fanden viele gar nichtgut.  Soziale Rollen haben halt ihre Ästhethik, und wenn dann so’n Mullah im Gewande und mit ’nem Bart, der an jüdische Karrikaturen aus der Nazizeit erinnert, die Bühne betritt, dann paßt das halt ebensowenig in die hiesige Ästhetik wie sich küssende Männer.

Ich glaube, daß es das ist, was hinter den berühmten „westlichen Werten“ steckt: 1.) eine Frage der Ästhetik ist und somit schlicht jener, die man gewöhnt ist, und 2.) das „gut für“.  Also ein standpunktabhängiges Gutes, das sich von reiner Zweckrationalität eben dadurch unterscheidet, daß es nicht auf das erreichen eines Zieles, sondern auf Personen oder Personengruppen bezogen ist, also: parteiisch.

Unparteiische Werte  kann ich zumindest schlecht mir vorstellen.  Deshalb liest es sich auch so niedlich, wenn so, na, rhetorisch überbordende Jungs (andere, ziemlich zutreffende Prädikate spare ich mir mal) sich auf einmal erstaunt sich zeigen, daß Andere unter den von ihnen proklamierten „westlichen Werte“ sowas ganz anderes verstehen als sie selbst

Aber die Menschenrechte!

Das sind halt keine Werte. Das sind Handlungregeln, auf die man vernünftig sich einigen kann, wenn man bereit ist, vom je  eigenen Standpunkt zu abstrahieren. Also das, was Kunstritik zur schlechten macht, wenn man das da macht. Handlungsregeln, die gerade aus Opposition zu einer Verwendung von „gut“ sich speisen: Nämlich dem Kantischen „Zweck an sich selbst“. Also dem „Instrumentalisiere niemanden!“.  Der „gute Mensch“, das ist dann einer, der sich davon überzeugen läßt … und was es mit Kriterien für „gute Günde“ auf sich hat, das verschiebe ich auf ein anderes mal.

Written by momorulez

29. Juli 2007 at 10:47

Veröffentlicht in die Moral, Ja

Pinkers Test

with 22 comments

Zum Test von Herrn Pinker, ob man ein Faschist ist, oder lieber doch nicht, während die in USA wie Europa überaus populären Testfragen – sie werden ja in jeder Mittagspause von nichtwissenschaftlichen Mehrheiten besprochen – zu Tabufragen erklärt werden, fällt mir ein altes Zitat ein:

„Die herrschenden Mächte sind heute nicht mehr klerikal-faschistisch, nicht mehr repressiv. Ihnen gegenüber können wir nicht mehr die Argumente benutzen, die wir immer und immer wieder gegen die klerikal-faschistischen, gegen die repressiven Mächte ins Feld geführt hatten (Argumente, die uns so vertraut, ja geradezu ans Herz gewachsen waren).
Die neuen konsumistischen und permissiven Mächte haben sich unserer geistigen Errungenschaften-des Antiklerikalismus, der Aufklärung, des Rationalismus-bedient, um sich daraus ihr Gebäude von falschem Antiklerikalismus, falscher Aufgeklärtheit, falscher Rationalität zu zimmern. Sie haben sich unserer „Gotteslästerungen“ bedient, um sich von einer Vergangenheit zu befreien, die mit all ihren entsetzlichen und idiotischen Heiligtümern nur noch hinderlich war.“
Pasolini, 1975

Pinker bezieht sich auf das letzte Vierteljahrhundert, in dem seine Fragen angeblich bei Verfolgung nicht gestellt werden durften:

„By „dangerous ideas“ I don’t have in mind harmful technologies, like those behind weapons of mass destruction, or evil ideologies, like those of racist, fascist or other fanatical cults. I have in mind statements of fact or policy that are defended with evidence and argument by serious scientists and thinkers but which are felt to challenge the collective decency of an age. The ideas listed above, and the moral panic that each one of them has incited during the past quarter century, are examples. Writers who have raised ideas like these have been vilified, censored, fired, threatened and in some cases physically assaulted.“
http://www.suntimes.com/news/otherviews/469317,CST-CONT-danger15.article

Natürlich sind seine 22 Fragen nicht politisch, wie in den Mittagspausen. Bei ihm sind sie reine Wissenschaft im letzten Vierteljahrhundert. Vor dem letzten Vierteljahrhundert waren sie auch nicht politisch, weil die Faschisten von den Mittagstischen naturgemäss apolitisch waren, wie ihre Gewalt, mit der sie diese Fragen beantworteten.
Jetzt ist das alles wieder andersrum, und die Fragesteller sind die Verfolgten.

Written by talbert

28. Juli 2007 at 18:24

Veröffentlicht in Antirassismus, Ökonomie

Umverteilende unter sich!

with 6 comments

Wo der Bodo recht hat, hat er ja recht (oder Recht hat, hat er ja Recht? Kann mir grenzdementem Vertreter der Generation 40+ mal jemand erläutern, wie man das schreibt? Wie ich den Bodo-Text direkt verlinken kann, habe ich auch nicht begriffen … gemeint ist der mit „Eins, Zwei, Drei … Keins“ überschriebene):

Auch und gerade in unserem System drückt sich Macht durch (nicht ohne Grund längst monopolisierte) Geld aus,“

Genau!

„… genauer: durch Verfügung über eigenes oder fremdes (Kapital-)Vermögen. Der Teil des Gesamtvermögens (Y = Volkseinkommen), über den heute „auf deutschem Boden“ am meisten verfügt wird, ist der fremde Teil, das Geld anderer also. „

Ja, sehe ich ja auch so, wenn ich mir angucke, wie meine Chefs das Geld einsacken, das ich erwirtschafte … zudem in Zeiten, da Bezirksämter „Kundenzentren“ heißen und Professoren-Schüler-Verhältnisse auf eben diesem terminologischen Wege verdreht werden, dieses „Verfügen über das Geld Anderer“ eben auch kundenorientiertes Handeln nach sich zieht: Wer mehr zahlt, bekommt halt vom Staat auch mehr Rechte eingeräumt. Im Grunde genommen ein im liberalen Sinne doch fairer Tauschhandel?

Umverteilende, Staat und Wirtschaft, unter sich, sozusagen, und was dabei dann rauskommt, könnte man, wenn man da mehr Ahnung hätte als ich, bestimmt am Beispiel des Hamburger Senats und den hiesigen Bauunternehmern beobachten, vermute ich lediglich. Aber dazu wollte ja Erik mal was schreiben …

Written by momorulez

25. Juli 2007 at 8:08

Veröffentlicht in Ökonomie