shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Würde, Ehre und Stolz in der „westlichen Kultur“

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„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so heißt es im Grundgesetz ja  völlig zu Recht (schreibt man bei „zu Recht“ „Recht“ eigentlich wirklich groß?).

Ist ein Soll-Satz: Daß sie de facto permanent und überall angetastet werden kann und wird, dazu braucht man ja nicht erst „Dschungelcamp“ zu  schauen. Als harmloses Beispiel. Man kann auch bei Youtube „Opfer“ oder „schwul“ als Suchbegriffe eingeben. Und sich dann langsam steigern, während man so in der Welt herumschaut …

Nun ist seit geraumer Zeit trendy, die „Kultur der Muslime“ als „Kultur der Ehre“ beschreiben zu wollen. Wohl auch, weil man dann so praktisch fix bei „Ehrenmorden“ und ähnlichem landet.  Neulich schreibt mir ein muslimischer Kumpel, er könne diese ganze Hetze gegen seinereins nicht mehr ertragen, man habe ja auch seinen Stolz. Und dann kommt mit  Sicherheit irgendwer um die Ecke und sagt oder schreibt, daß „die Muslime“ sich ständig beldeidigt fühlten. Als sei es irgendwie normal, daß man sich gerne beleidigen läßt. Was passiert da eigentlich in mir, wenn ich etwas als Beleidigung empfinde?

„Würde“, „Ehre“, „Stolz“, hängt das nicht irgendwie zusammen? „Ehre“ ist hierzulande ja zumeist diffus militärisch konnotiert, „Ruhm und Ehre“, das wirkt irgendwie anachronistisch. Trotzdem, als mir neulich von einem Kunden vorgeworfen wurde, „unjournalistisch“ gearbeitet zu haben, war meine spontane Entgegnung, es sei „ehrenrührig“, so etwas zu sagen.
Aber dennoch eher ungewöhnlich, eine solche Begriffsverwendung.

Und so sitzt man beim Putensalat des mittags und kaut auf Gemüse, blättert im mitgebrachten Merve-Band und stößt auf folgende Sätze:

„Kurzum, der Terrorist bietet sein Leben für den Potlatsch, aber nicht seine Würde“

Boris Groys, Die Körper von Abu Ghraib, in: Peter Gente u.a. (Hg.): Philosophie und Kunst. Jean Baudrillard, Berllin 2005, S. 40

Was Potlatsch ist, kann ja jeder selbst recherchieren in Zeiten des Internets; gemeint sind Selbstmordattentäter.  Denen ihre Opfer erstaunlich schnurz und austauschbar erscheinen, so Boris Groys,  weil’s eben – anders als bei der RAF und Schleyer z.B. – gar nicht um diese ginge, sondern um die Inszenierung des je eigenen Todes auf möglichst medienwirksame Weise.

Seien ja allesamt durch’s westliche System des symbolischen Tausches gegangen, die Jungs, die sowas machen, das könnnen sie und wissen, wie man maximale mediale Aufmerksamkeit generiert. Soweit nix Neues, aber Schlimmes,  weniger interessant als das, was Groys über die Attentäter schreibt ist seine Beschreibung des „westlichen Kultur“ als jener der systematischen Entwürdigung.

 „Der westliche Mensch klammert sich tatsächlich an sein Leben.  Allerdings ist der westliche Mensch jederzeit bereit, eine Würde zu verlieren und zu opfern. “

Ebd.

( Sah sie sofort vor mir, die Kollegen, die neulich den Investor und neuen Chef vollschleimten in ihren ekligen auf Berliner Chic getrimmten Anzügen … Groys bezieht das gemeinerweise auf die  moderne Kunst, auf Pasolini und so. Aber nicht nur):

„Der programmatische, kalkulierte Verlust der menschlichen Würde ist übrigens längst zum Hauptverfahren der westlichen, kommerzielllen Massenkultur geworden. Wir kennen dieses Verfahren vor  allem aus den TV-Shows und aus der Boulevardpresse. Ständig wird dort öffentlich nach den schmutzigen Geheimnissen gesucht. Die Schamgrenze wird permanent überschritten. (…) Der Westen will sich von allen anderen Zivilisationen dadurch unterscheiden, dass in der freiheitlichen Demokratie westlicher Prägung die menschliche Würde geschützt und intakt bleibt. Aber was bedeutet es eigentlich? Das bedeutet nichts anderes, als daß die Würde des einzelnen sein privates Eigentum ist (…) Demnach kann der Einzelne seine Würde sowohl auf der symbolischen Ebene als auch auf der finanziellen Ebene zu einer Ware machen. Die Garantie der menschlichen Würde bedeutet im Kontext der westlichen Zivilisation nicht anderes als die Freiheit, mit der eigenen Würde, wie mit jeder anderen Ware, zu handeln. Diese Freiheit gibt es in anderen Zivilistionen freilich nicht, denn in ihnen wird die individuelle Würde in komplizierte hierararchische Ordnungen eingeschrieben, über die der Einzelne nicht verfügt. (…) Das heißt aber auch, daß die Videos von Abu Ghraib nicht nur zur westlichen Kultur gehören, sondern eigentlich die Wahrheit dieser Kultur offenbaren. Sie zeigen nämlich genau das, was in der westlichen Kultur als Wahrheit verstanden wird und akzeptiert wird, d.h. sich als Wahrheit innerhalb einer medialen und künsterischen Szene des Westens situieren läßt. Diese Videos zeigen die arabischen, muslimischen Körper als nackte, begehrende, dem Blick des Anderen total ausgeliferte Körper, jenseits einer sie schützenden kulturellen Symbolik, die Körper an sich,  die Körper auf der Ebene des „einfachen Lebens“, die „wahren“ Körper.“

Ebd., S. 40-43 + 47

Da war jetzt natürlich ein Riesen-Gedankensprung drin, aber auch dieser letzte Gedanke ließ mich dann gar nicht mehr los nach der gestrigen Lektüre. Pointe ist, daß im großen, symbolischen Tauschgeschäft zwischen Terroisten und „dem Westen“ „der Westen“ dann eben im Gegenzug jenen, denen das Leben am Arsch vorbei geht,  die Würde nimmt. Weil er das so gewöhnt ist. Und wenn die von selbst ihre Würde veräußern, dann eben unter Zwang, ganz, wie es unserern Darstellungsgewohnheiten entspricht.

Mit dieser Darstellung will Herr Groys irgendwie auch den Künsten auf die Glocke geben, und diese totalisierenden Beschreibungen „westlicher“ wie auch „muslismischer“ Kultur sind ja eigentlich das Problem, nicht die Lösung. Ein wenig scheint mir der Text auch über den Umweg des „würdevollen“ Islam dann dem Kulturkonservatismus das Wort reden  zu wollen, das finde ich freilich doof. Diese Globaldeutung desen, was denn „der Islam“ sei, scheint mir zudem eh eine Projektion zu sein. In der eigenen Kultur kennt er sich vermutlich besser aus.

Deutlich macht der Text jedoch diese bigotte Verlogenheit jener, die von „westlichen Werten“ reden und sich dabei dann immer das rauspicken, was auf den Fluren der Arbeitsamt-Agenturen mit Sicherheit nicht sich wiederfindet, geschweige denn in Abu Ghraib.

Diese ganzen Konstitution von Regel und Ausnahme, die hier propagandistisch vollzogen wird in Selbstbeschreibungen „westlicher Kultur“, während man parallel als Erfolg feiert, irgendwelche Leute an Flugzeugsessel zu schnüren, um dann sie möglichst weit weg wieder auszusetzen. Während man forciert, daß menshen sich aus Papierkörben ernähren. Während man den Billiglohnsektor fordert, damit das noch ein paar mehr werden. Tbc. – mit der Würde ist das halt so eine Sache.

Und wie Stolz, Würde und Ehre begrifflich zusammen hängen, da bin ich auch noch nicht durchgestiegen …. daß die Möglichkeit ihres Veräußerns de facto alltäglich gegeben ist und gefördet wird, da hat er wohl recht, der Mann.

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Written by momorulez

20. Juli 2007 um 7:48

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

8 Antworten

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  1. Du bist nicht der erste, der Probleme mit der Beschreibung von Ehre hatte:

    „Die Ehre ist — die Ehre.“

    – Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm –

    ring2

    20. Juli 2007 at 9:08

  2. Hier noch was Trockenes dazu:

    Ludgera Vogts Arbeit zeigt theoretisch wie empirisch auf, daß Ehre als ein werthaltiges Zuschreibungsmuster von sozialer Anerkennung den Strukturierungsprozeß von Gegenwartsgesellschaften nachhaltig prägt. Im Rückgriff auf moderne Klassiker der Soziologie und die durch sie begründeten Denktraditionen werden zunächst die zentralen Funktionen von Ehre in der Moderne bestimmt: Differenzierung und Machtgenierung einerseits (von Weber über Veblen und Goffman zu Bourdieu); Integration andererseits (von Simmel über Korff und Honneth zu Coleman). Diese thheoretischen Klärungen werden dann zur Analyse von gegenwärtigen Ehrdiskursen herangezogen, wobei Formen der Ehrung und Entehrung im Mittelpunkt stehen.Den Schluß des Buches bildet eine Bestimmung der Funktion der Ehre in der Moderne, die in kritischer Auseinandersetzung mit aktuellen Modernitätstheorien verdeutlicht, daß es gerade vermeintlich ‚unmoderne‘ Phänomene wie die Ehre sind, die das fragile Gebilde der Gegenwartsgesellschaft zusammhalten.Ludgera Vogt arbeitet derzeit am Institut für Soziologie der Universität Regensburg.

    Ludgera Vogt: Zu Logik der Ehre in der Gegenwartsgesellschaft, Frankfurt a.M., 1997. [enthält eine umfangreiche Bibliographie zum Thema]

    ring2

    20. Juli 2007 at 9:11

  3. Literaturempfehlung 😉
    Vance, Jack (1975): Die Mondmotte. – eine S.F.-Geschichte über eine interessante Abart von Sozialkapital bzw. symbolischem Kapital

    ring2

    20. Juli 2007 at 9:16

  4. Gute Tipps! Danke!

    PS: Wie kriegt man hier eigentlich den Autorennamen sichtbar?

    MomoRulez

    20. Juli 2007 at 9:25

  5. Die Vogt war Zweitgutachterin meiner Diplomarbeit! Ist nämlich mittlerweile Prof für Mikrosoziologie in Wuppertal.

    lars

    20. Juli 2007 at 10:07

  6. Wenn man in der ökonomischen Dimension bleibt und Ehre, Stolz und Würde als Ware denkt, würde da die Folgerung dann auch eine ökonomische Verwertbarkeit (oder Instrumentalisierung, wenn man den Begriff verwenden will) von verwandten Phänomenen – Moral & Ethik beispielsweise – sein?

    Auch eine grundsätzlichen Definition von Ehre, Menschenwürde etc. z. B. als kleinster gemeinsamer Nenner der Anforderungen an ein humanes Leben müsste sich dann immer dem unterwerfen. Die alte Geschichte von den Idealen, und ob die real umsetzbar sind.

    P.S.: Ob die Autorennamen sichtbar sind, hängt vom verwendeten Template ab, da lässt sich leider auch nichts konfigurieren.

    Mark

    20. Juli 2007 at 10:12

  7. @Mark:

    Danke für den Tipp! Jetzt haben wir zwar ein häßlichen, liberales Blau, aber dafür sieht man wenigstens, wer was schreibt …

    Wenn man das ökonomisch denken will, dann ja. Man kann ja auch Moral vertreten, mit der man sich besonders gut verkauft anstatt jener, die man für für richtig. Oder auch z.B. im Falle politischer Praxis jene Opfer-Gruppen unterstützen, die gerade einen besonders hohen „Marktwert“ haben, weil man dann besonders viel Schotter zusammenkratzt.

    Ist jetzt vielleicht über das hinausgehend, was ich oben geschrieben habe, aber mal so frei daher gebrainstormt …

    Grundsätzliche Definitionen kann es in einem solchen Szenario gar nicht geben, weil alles an die Dynamik der Märkte des Symbolischen gekoppelt bliebe …

    MomoRulez

    20. Juli 2007 at 10:26

  8. Nun ja, Bourdieu sprach ja von Ehre als symbolischem Kapital. Was jetzt nicht heißt, dass das eine Ware ist (Waren- und Geldwirtschaft sind nur eine spezielle Ökonomie). Der relative Wert im Vergleich zu anderen Kapitalien hing von den Möglcihkeiten der Umdefinition und Neubewertung hab. Wie wichtig so was wie Kapital ist. Wahrheit z.B. wäre ein anderes symbolisches Kapital, Deutungshoheit eben. Und ob dann die Ehre wichtiger oder zentraler sei als Wahrheit, hängt von der Konfiguration des gesellschaftlichen Feldes ab: also welche konkreten Akteure dann etwa in den Verlagen, Medienagenturen, Radiosendern, Kabinettssesseln etc. sitzen.

    lars

    20. Juli 2007 at 11:20


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