shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for August 2007

„Rational Choice“

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Quelle

Das da oben spuckt die Google-Bildsuche aus, wenn man „rational choice“ eingibt. Nun stelle man sich einfach mal vor, das hinge in einer Größe von 2 mal 3 Meter an einer Museumswand. Ist das dann wie die alte Duchamps-Nummer mit dem Urinal? Oder ist ein Urinal nicht viel schöner? Hat das was mit den Konstruktivisten zu tun, das da oben?

Überhaupt: Welche Form der Literatur, des Films, der Musik imaginiert man, wenn man „rational choice“ hört, so als Wortdouble? Ein existentialistisches Drama, ein Sozialdrama über Kündigungswellen im Nordengland der späten 70er, ein Epos über einen Heiratsschwindler? Kraftwerk oder Stockhausen oder nicht doch Dieter Bohlen?

Politisch wirkt oft die Ästhetik, sach ich mal. Wie wirkt denn die da oben, und wie so ein Begriffspaar?

Written by momorulez

31. August 2007 at 7:57

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

hmmmpf hmmmpf

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Written by ring2

30. August 2007 at 9:55

Veröffentlicht in Regierung der Kultur

Der Markt als Körper

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„Wenn es also jetzt großes Misstrauen gegenüber Bankaktien gibt, so ist das nur gesund. Es spricht gerade dafür, dass die Märkte funktionieren. (…) Viel gefährlicher als die Pleite von einigen Banken und sinkende Aktienkurse sind die Therapien, die dagegen angewandt werden oder geplant werden. Da wären zunächst einmal die Liquiditätsspritzen in Milliardenhöhe.“

Schreibt Sascha Tamm da gegenüber.

Früher sprach man ja von kulturschaffenden Volkskörpern, die dann von Parasiten wie z.B. Juden befallen wurden. Wohin das führte, wissen wir ja.

Heute wird die Unterstellung des Parasitären eher auf Hartz IV-Empfänger und die „Einwanderung in das Sozialsysteme“ bezogen. Ich bekenne mich aber schuldig, das Verhalten meiner Chefs, die an meiner Arbeitsleistung rumschmarotzen, auch schon mit Begriffen wie „schmarotzen“ belegt zu haben. Was ja, zugegeben, eine identische Metapher ist.

Und das liest man über Therapien, Spritzen und  Gesundheit im Zusammenhang von Märkten- und fragt sich einmal mehr: Ist die Körper-Metapher nicht längst vom Volk auf den Markt übergegangen und richtet da das gleiche Unheil an? Aber : Wenn hier eher auf Selbstheilungskräfte und so angespielt wird, ist diese Position von  Herrn Tamm dann nicht eigentlich ein Analogon zu ganzheitlicher Medizin und Bio-Landwirtschaft?

Das Leben ist Literatur, das Leben ist Peosie und mir schwant, die WiWis sind jene mit der ausgeprägtesten Imagination bei gleichzeitigem Verzicht auf jegliche Ästhetik …. beschreibt doch mal das Naturschöne des Marktes, anstatt die aktuelle Möglichkeit des Erhabenen (Börsenchrashs, z.B.) zurückzuweisen!

Written by momorulez

30. August 2007 at 7:59

Die Macht über das Leben …

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„Eine andere Folge dieser Entwicklung der Bio-Macht ist die wachsende Bedeutung, die das Funktionieren der Norm auf Kosten des juridischen Systems des Gsetzes gewinnt. Das Gesetz kann nicht unbewaffnet sein und seine hervorragendste Waffe ist der Tod. Denen, die es übertreten, antwortet es in letzter Instanz mit dieser absoluten Drohung. Eine Macht aber, die das Leben zu sichern hat, bedarf fortlaufender, regulierender und korrigierender Mechanismen. Es geht nicht mehr darum, auf dem Feld der Souveränität den Tod auszuspielen, sondern das Lebende in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren. Eine solche Macht muß aber eher qualifizieren, messen, abschätzen, abstufen, als sich in einem Ausbruch manifestieren. Statt die Grenzlinie zu ziehen, die die gehorsamen Untertanen von den Feinden des Souveräns scheidet, richtet sie die Subjekte an der Norm aus, indem sie sie um diese herum anordnet.“

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1983, S. 171 bis 172

Und wenn man per Computergrafik messen will, kann man nur entweder Punkte oder Flächen bestimmen. Schreibt Friedrich Kittler. Dazu ein anderenmal mehr, das ist kompliziert.  Hängt aber mit dem Thema zusammen; die Medien des Messens, Bestimmens und Normierens sind eben nicht nur die Bundestrojaner. Was die liberale Kritik der Macht eben zur halbierten allenfalls macht: All die fiesen, kleinen Rationalitäten, die sich Wissenschaft nennen und den mythischen Diskurs bevölkern, die sind evolutionär weit über über Stalin hinausgewachsen. Aber so ist das halt in der schönen, neuen Welt … Bushido  ist nur ein Medium der Biologie. Oder so.

Written by momorulez

30. August 2007 at 7:33

Was ist aus den Ossis bloß geworden?

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 Sibenik

Foto/Quelle: Ferienhaus Vlahov

Da links in der Ecke haben wir, glaube ich, gesessen. Mit Vater irgendwann mitten in den 70ern. Wunderte mich so frühverdorben als Kind, wieso die Kellnerin so gar kein Engagement an den Tag legte, uns Getränke zu bringen. In der Hotelanlage gleich um die Ecke in Vodice war das anders. Und Vater erklärte, daß sie im Sozialismus ja nix davon habe,  die „Bedienung“, wenn sie mehr einnähme. Ach so! MomoRulez lernt die Welt.  Diese würdevolle Haltung, dieses „Glaubt bloß nicht, ich springe jetzt für euch, ihr Dreckstouris“ des Dunja Rajter-Doubles („Sag noch mal, sag noch mal, was Du immer sagst zu mir!“), das war mir aber irgendwie sympathisch.

Sibenik, das da oben, war übrigens, wenn ich mit recht entsinne, der Ort, wo „Katze Bulat“ herkam, kleiner Insider-Witz für St. Paulianer – nur am Rande. Eigentlich wollte ich jetzt von Supermarktkassiererinnen schwärmen. Ist sonst schon mal jemandem aufgefallen, was für ein stoisch-würdevoller Schlag Mensch das so ist?Ich bin zu niemandem freundlicher als zu Supermarkt-Kassierinnen. Und wer die anpöbelt, weil irgendwas nicht schnell genug geht oder so, der kriegts’s dann immer mit mir zu tun. Für die, die immer aussieht wie Dunja Rajter in den späten 30ern, nur fülliger, hole ich manchmal auch was aus dem Tchibo-Regal.

Und wollte eigentlich ganz im Sinne unserer Rubrik „Alte Männer plaudern von früher“ erzählen, wie ich mit der Ost-Berliner Cousine meiner Mutter an der Alster saß, damals, ’88 – so ohne Familie durfte die uns zu besonderen Anlässen besuchen – und sie sich für die Fülle von Joghurtsorten imKühlregal begeisterte.  Und ich entgegnete empört, daß sie mal bloß nicht glauben solle, daß hier ganz Wilhelmsburg jeden abend Tüten voller differenter Joghurt-Sorten nach Hause schleppen würde. Das letzte Mal, als ich sie traf, war sie höchstverschuldet und traf sich zwei mal die Woche mit ihrer Bank.

Gestern so deliererend zappend beim MDR hängen geblieben. „Wie der Osten Urlaub machte“ oder so hieß das. Diese nicht-existente Reisefreiheit – der pure Horror. Kennen Afrikaner z.B.  heutzutage ja auch gut, was das heißt. Gibt’s eigentlich ’nen Schießbefehl vor Gibraltar? Wahrscheinlich nicht. Auch in Mügeln wäre der u.U. gar nicht nötig! Aber zurück zur DDR: ‚N Drittel der Gesamtbevölkerung, wenn ich mich nicht verrechnet habe,  drängte im Sommer an den Ostseestrad, und da war’s dann eng.

Interessant war auch, und das gibt dem Klassenfeind dann recht, wie sich marktanaloge Strukturen, Privatzimmervermietung z.B., sozusagen naturwüchsig etablierten, weil die Leute keine Lust hatten, sich nur von Gewerkschaften oder Betrieben die Urlaube organisieren zu lassen. Auch die Entwicklung, daß im Zuge allgemeinen Arbeitskräftemangels – der bei möglicher Reisefreiheit wohl noch ausgeprägter gewesen wäre –  manche Betriebe dann besonders schicke Urlaubsquartiere bauten, um Personal zu werben, was ja auch so eine gegenüber favorisierte Struktur ist, zu glauben, daß da alles so funktionieren würde, warganz spannend. Weil sie zugleich auch zeigt, wieso es Interesse an Massenarbeitslosigkeit gibt, dann muß man sich solche Mühe nicht geben.

So plauderten dann diverse Ex-Urlauber von früher, und schon bei der Empörung, daß es nur 3 Wurstsorten gegeben habe, wunderte ich mich dann doch. Gut, wir fuhren immerhin nach Biarritz und nicht nach Usedom, aber da haben wir dann auch jeden abend Thunfischsalat gegessen, weil das Öl so teuer war, und in den Dosen war halt wat mit drin. Ist natürlich immer die Frage, mit was man nun gerade vergleichen will, der Jugoslawien-Urlaub mit Vater war schon üppig, als ich jedoch Anfang der 80er Schulpraktikum in einem Kindergarten in Vahrenheide/Hannover machte, da hatten die meisten Kids auch noch nie Kühe gesehen, weil sie aus ihrem Hochhaus-Viertel nie rauskamen.

Richtig geärgert hat mich die Empörung einer Interviewpartnerin aber an einem ganz anderem Punkt: Sie regte sich darüber auf, daß es jeden abend um 17.30 h Abendbrot gegeben habe, weil das Personal früh Feierabend machen wollte. Echauffierte sich geradezu über diese Unverschämtheit der Kelllner und Küchenhilfen, so ein dreistes Bedürfnis zu entwickeln.  Und endete mit der Hammer-Pointe, daß sie „perverserweise“ dafür auch noch Verständnis gehabt hätte. Unglaublich! Was eine Perversion! Zum Glück ist sie ja jetzt gesundet.

Written by momorulez

29. August 2007 at 7:15

St. Pauli Champs

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Mir fiel gerade wieder eine VHS-Kassette in die Hände, die mir einiges Wert ist. Ich habe 15 Jahre suchen müssen bis ich Ende der 90er in ihren Besitz gelangte. Und das kam so:

Dieser Post ist umgezogen … St. Pauli Champs – mit Video

Written by ring2

28. August 2007 at 20:57

Immer wieder beliebet: Suchanfragen ausbuddeln!

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Angesichts der Suchanfrage „Birkenstock Nationalsozialismus“ frage  ich mich ja: Ist das jetzt nur die nächste, vollständig beknackte Rinks-Lechts-Gleichung, oder gibt’s da eine mir bis dato nicht bekannte Firmenhistorie?

Oder will einfach jemand das Erbe meiner jugendbewegten Erinnerungen besudeln?

Oder Horden glücklicher Krankenschwestern, die auf den Dingern schlicht am besten laufen können, diskreditieren im Zuge eines fanatischen Anti-Etatismus, der sich auf’s öffentliche Gesundheistssystem einschießt und lautstark fordern will, daß Arme doch auch gerne verrecken können, weil die eh keiner braucht?

Weiß da jemand Antworten?

Written by momorulez

28. August 2007 at 7:51

Veröffentlicht in Das Netz

Der verschwiegene Hintergrund von Mügeln

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Während Inder, die nach Deutschland einreisen wollen, nachmittags für 80 Euro ihr 6-monatiges Visum abholen, werden Deutsche, die nach Indien einreisen wollen, von den indischen Behörden gefragt, ob sie Sozialhilfe
bekommen, wie hoch ihr Einkommen ist, welchen familiären Hintergrund sie haben, warum sie nach Indien reisen wollen, wo sie bleiben usw. usw. Deutsche müssen horende Summen für ein Visum nach Indien bezahlen und
alls dieses abgelehnt wird, bekommen sie auch nicht einmal das Geld  zurück….

Written by che2001

27. August 2007 at 10:42

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

„In Angleichung des Gefühlslebens an kleine Mädchen“

with 13 comments

Ähem, räusper.

Ich liebe und verehre Horkheimer und Adorno aufrichtig, finde, daß mit vielem, was sie geschrieben haben, so als begnadete Aphorismen-Schreiber (die „Minima Moralia“ ist das wohl methodisch konsequenteste Werk Adornos), auch heute noch verdammt viel anzufangen ist. Ich würde für sie mit den wehenden Fahnen der Kritischen Theorie in jede Diskussion ziehen.

Aber, als ich nun auf Ches Geheiß hin in dieser Diskussion mal wieder die „Elemente des Antisemitismus“ in der Dialektik der Aufklärung“ las, da fand ich ja doch, daß zwischen lauter Highlights auch einiges an Mist sich dort findet. Das hier zum Beispiel:

 „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ich projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefählriche Aggresionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifkation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.“

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 2004, 15. Auflage, S. 201

Das ist ja in etwa das, wenn ich nicht irre, was manche Herrn Schäuble unterschieben, wenn sie über ihn als postraumatisch Gestörtem rumpsychologisieren, was wieder Andere PI unterstellen würden: Daß nämlich eine „Reinwaschung“ z.B. durch Projektion der Unterdrückung von Frauen in muslimische Lebenswelten deshalb erfolgen würde, weil’s hier mittlerweile tabu sei, Frauen zu unterdrücken, obwohl’s natürlich Tag für Tag geschieht.

Soweit, so gut und bezüglich PI wohl auch potenziell richtig  – aber was macht „das Es“ denn da?  Warum dieser Umweg über die „ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste“, und woher kommen die denn? Und warum ist das „pathisch“? Diese Aggressionsgelüste sind so unbewußt ja nun auch nicht, siehe Mügeln. Das ist dumm, falsch, brutal, verlogen, menschenverachtend, aber doch nicht „pathisch“. Bis zu einem gewissen Punkt ist das schlicht im allerschlimmsten Sinne normal, behaupte ich jetzt einfach mal.
Wird aber noch besser, die Passage:

 „Das ist Aggression umgesetzte Verpönte ist meist homosexueller Art. Aus Angst vor der Kastration wurde der Gehorsam gegen den Vater bis zu deren Vorwegnahme in der Angleichung des bewußten Gefühlslebens ans kleine Mädchen getrieben und der Vaterhaß als ewige Ranküne verdrängt. In der Paranoia treibt dieser Haß zur Kastrationslust als allgemeinem Zerstörungsdrang. Der Erkrankte regrediert auf die archaische Ungeschiedenheit von Liebe und Überwältigung. Ihm kommt es auf physische Nähe, Beschlagnahme, schließlich auf die beziheung um jeden Preis. Da er die Begierde sich nicht zugestehen daraf, rückt er dem anderen als Eifersüchtiger oder Verfolger auf den Leib, wie dem Tier der verdrängende Somodit als Jäger oder Antreiber. Die Anziehung stammt aus allzu gründlicher Bindung oder stellt sich her beim ersten Blick, sie kann von den Großen ausgehen wie beim Querulanten und Präsidentenmörder oder von den Ärmsten wie beim echten Pogrom. Die Objekte der Fixierung sind substituierbar wie die Vaterfiguren in der Kindheit; wohin es trifft, trifft es; noch der Beziehungswahn greift beziehungslos um sich. Die pathische Projektion ist eine verzweifete Veranstaltung des Ich, dessen Reizschutz Freud zufolge innen unendlich viel schwächer als außen ist: unter dem Druck der gestauten homosexuellen Aggression vergißt der seelische Mechanismus seine phylogenetische spätestete Errungenschaft, die Selbstwahrnehmung, und erfährt jene Agggression als den Feind in der Welt, um ihr besser gewachsen zu sein.“

Ebd., S. 201-202

Mmmmpf. Ich verstehe das noch nicht mal wirklich, was die Autoren da sagen wollen. Erklär mal, Che 😉 … jetzt mal ganz ab von dem Motiv, daß natürlich nicht gelebte Lüste dem eigenen Geschlecht gegenüber schon seltsame Blüten treiben können und ich bei Abu Ghraib oder wie sich das schreibt auch immer das Gefühl hatte, da spielen Leute SM-Pornos nach unter Realbedingungen, weil sie gar nicht wissen wohin mit ihrer Lust angesichts der gedemütigten Leiber:  Was ist denn das ansonsten bitte für  ein Brei, gedanklich, das da oben?

Und das alles passiert so mit den Pathischen, so, daß sie ohne Hilfe ihres Psychoanlaytikers gar keine Chance hätten, sich das zu vergegenwärtigen? Und woher weiß ich, daß es sich bei dem Geschriebenen nicht selbst um eine pathische Projektion handelt? Auf welcher Ebene ist das konstatierbar, wer sagt mir, was mein Unbewußtes treibt, und woher weiß der das?

Und inwiefern drohen denn autoritäre Väter mit Kastration?  Klar, symbolisch, aber ist das nicht ein wenig schwanzfixiert, diese überbordende Metaphorik?

Außerdem dringt da so ein „ihr seid doch alle Schwuchteln, ihr Nazis!“ durch, aber das ist noch nicht mal der Punkt, der mich da nervt:  Ist sowas wie Mügeln nicht viel klarer? Kann man mit solchen Psychoanalytismen wirklich Faschismus erklären?

Das ist ja der Grund für’s Posting, das wurde ja unten in der Diskussion behauptet: Faschismus sei Pathologie. Ich glaub das nicht … Diskussion eröffnet.

Written by momorulez

27. August 2007 at 7:40

Veröffentlicht in Faschismus und Antifaschismus

Tucholsky lesen!

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Das ist ja schrecklich! Ich meine, daß die da in Koblenz am „deutschen Eck“ tatsächlich eine Kaiser-Wilhelm-Statue (eins, nicht zwo) neu aufgebaut haben, wenn ich mich nicht verlesen habe. Was man so alles nicht mitbekommen hat, der Koblenzer Statuenstreit ist völlig an mir vorbeigegangen.

Erst die „Ostgebiete“ da an den Sockel tackern, und dann den Wilhelm wieder aufstellen. Unglaublich. Ob da bei der WM dann auch Ghana zugejubelt wurde? Wahrscheinlich eher Togo in tiefer Trauer um die „“verlorenen Kolonien“ … aber das war, glaube ich, der zwote Willem. Außerdem habe ich keine Ahnung von den Koblenzern als solche. Wirklich nicht. Bestimmt nett da, undbestimmt auch nette Leute.

Aber wer sowas wieder aufstellt … das finde ich die final leider scheiternde Geschichte mit dem Gegendenkmal angesichts des Kriegerdenkmals hier am Dammtor einfach gelungener. Aber wahrscheinlich ist’s dem restaurativen Nach“wieder“vereinigungsdeutschland zu anstrengend gewesen, mal in’s Kaiserreich zurückzuschauen und auch da noch auf Übel zu stoßen. Ich behaupte jetzt einfach mal, daß davon schon kaum noch jemand weiß:

„Einige Wochen nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. im Jahre 1888 machte sich in staatlichen wie privaten Kreisen die Idee breit, dem verewigten Fürsten als Dank für die in drei Kriegen (1864, 1866, 1871) erkämpfte Einigung Deutschlands ein Denkmal zu errichten. „

Na, kleines Shifting Reality-Quiz: Welche drei Kriege waren’s denn, und warum? Historiker sind von der Antwort ausgeschlossen, und wer’s richtig beantwortet, bekommt einen St. Pauli-Aufkleber zugeschickt, versprochen!

Alleine schon „deutsches Eck“! Ich finde die alte Bahntrasse von Köln nach Koblenz und dieses Vorbeigefahre an der Loreley  ja auch wunderschön, großartig, toll.  Aber hätte man das nach der „Wieder“vereinigung nicht einfach wieder in Hundeschwanz zurückbenennen können,  das hätte Größe gehabt, anstatt nun ausgerechnet diesen Reichsgründungskriegskaiser da wieder aufzustellen?

Ich plädiere dafür, dem Zusammenfluß von Mosel und Rhein dieses Etikett zu entziehen und aus Gründen der Umwertung stattdessen z.B. die Ecke Schulterblatt/Susannenstraße umzubenennen. Das gäbe ’nen Dauerkontroverse, und das wäre gut.

Das reicht schließlich bis Mügeln, daß die „Reichgründungskriege“ ein bis dato nur peripher vorhandenes „Nationalbewußtsein“ erst konstituierten und gezielt dem demokratischen Geist von ’48 entgegensetzten.  Aggression nach außen als Gründungsakt, das hat schon außerordentlich nachhaltig gewirkt. Und da war vor allem der olle Bismarck, der skandalöserweise unweit des Millerntores in die Gegend glotzt, ganz ursächlich schuld dran.

Was mir jetzt die Pointe raubt: Eigentlich wollte ich ja diese Statue gegen unseren heutigen Gegner in’s Feld führen. Dumm nur, daß bei uns der Bismrack rumsteht, dann geht das eben nicht …  dann lösen wir das Ganze halt mal spielerisch und nicht moralisch 😉 …

Und irgendwie haben wir ja doch unsere Pasolinis, den Tucholsky z.B. . Auch wenn die meisten Leute glauben, der habe nur so – wundervolle! – Sachen geschrieben wie „Wie kommen die Löcher in den Käse“ oder „Schloß Gripsholm“. Und was der so zum „deutschen Eck“ zu sagen hatte, das hole ich doch einfach rüber von der Wikipedia:

 „Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; […] dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch … und fiel beinah um. Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist (…).“

Tucholsky lesen, sach ich mal. Mein Wort zum Sonntag.  Na, und natürlich ein souveräner Sieg gleich am Millerntor …

Written by momorulez

26. August 2007 at 8:27

Veröffentlicht in Fussball