shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Mal ein paar doofe Fragen zu den Eigentumsverhältnissen im Allgemeinen und Genossenschaften im Besonderen …

with 16 comments

Bleiben wir doch noch mal bei Herrn von Mises. Auf S. 56 unterscheidet er folgende Typen wirtschaftlicher Organsation:

„Das Zusammenwirken der einzelnen in der arbeitsteiligen Gesellschaft kann man sich in verschiedener Weise vorstellen. Wir können fünf Systeme der Organisation der Gesellschaft unterscheiden: das System des Sondereigentums an den Produktionsmitteln, das wir in seiner entwickelten Form als Kapitalismus bezeichnen, das System des Sondereigentums an den Produktionsmitteln mit periodischer Einziehung allen Güterbesitzes und darauf folgender Neuverteilung, das System des Syndikalismus, das System des Gemeineigentums an den Produktionsmitteln, das unter dem Namen Sozialismus oder Kommunismus bekannt ist, und schließlich das System des Interventionismus. „

Ludwig von Mises, Liberalismus, S. 53

Weiter im Text:

„In großen Teilen des übrigen Osteuropa ist die Aufteilung des landwirtschaftlichen Großgrundeigentums an Kleinbauern unter dem Namen Agrarreform das Ideal einflußreicher politischer Parteien. Es ist überflüssig, sich mit diesem System näher auseinanderzusetzen. Daß sein Erfolg nur in der Herabminderung des Ertrages der menschlichen Arbeit besteht, wird kaum bestritten. Nur dort, wo die Landwirtschaft noch in primitivster Form betrieben wird, kann man die Produktivitätsminderung, die durch die Verteilung eintritt, verkennen. Daß die Zerschlagung eines modern eingerichteten Meierhofes unsinnig ist, wird jeder zugeben. An die Übertragung des Teilungsprinzipes auf die Industrie oder das Verkehrswesen ist überhaupt nicht zu denken. Eine Eisenbahn, ein Walzwerk, eine Maschinenfabrik können nicht aufge-teilt werden. An die Durchführung der periodischen Neuaufteilung des Eigentums könnte man nur schreiten, wenn man vorerst die ganze auf der Grundlage des unbehinderten und unbeschränkten Sondereigentums ausgestaltete arbeitsteilige Volkswirtschaft wieder zerschlägt und zum tauschlosen Nebeneinanderbestehen von selbstgenügsam wirtschaftenden Bauernhöfen zurückkehrt. „

Ebd., S. 54

Soweit zum Thema Öko-Landwirtschaft in kleineren, landwirtschaftlichen Einheiten. Bei Autoren, die sich ständig auf irgendwas, was offenkundig sei, berufen, muß man ja vorsichtig sein. Die haben eigentlich immer was zu verbergen. Floskeln wie „wird jeder zugeben“, autsch, aber wer’s braucht …

Was ich mich so im Anschluß frage, ist ja einserseits das Prinzip der Aktiengesellschaft, andererseits der Genossenschaft. Sind ja prinzipielle Möglichkeiten der zumindest Anders-Verteilung von Eigentum. Wird ja kaum jeder zugeben, auch wenn Herr von Mises das gerne so hätte, daß aus der vermeindlichen Unsinnigkeit, unter „modernen“ Arbeitsbedingungen und der Notwendigkeit der Arbeitsteilung – vielleicht isses ja auch nur ein Notbehelf, die Arbeitsteilung – bei gleichzeitiger Nicht-Teilbarkeit der Produktionsmittel dann eben deren Besitz in einer Hand folgen würde. Zudem faktisch sowieso das meiste eher den Banken gehört.

Zurück zur Teilbarkeit des Eigentums an Produktionsmitteln: Belegschaften zu Zeiten der New Economy wurden ja damit eingelullt, daß sie nun alle Unternehmer seien, das ganze als Form innerbetrieblicher Demokratie gefeiert, die ja viel moderner sei als die „anachronistische“ Rechtsinstitution des Betriebsrates.

De facto blieben aber über 70% in Händen der Alt-Gesellschafter wie auch neuer Vorstandsmitglieder, die man brauchte, um den ganzen Börsendiskurs nach außen angemessen zu führen, und der Rest wurde gestreut. Also ungefähr jene Stimmenverhältnisse, die Wirtschaftsapaologeten auch gesamtgesellschaftlich – vermutlich nur – ideal fänden.

Und wie ist das jetzt bei Genossenschaften? Ich kenne diese Modelle viel zu wenig, und meines Wissens haben die sich als Antwort auf das skizzierte, „Misessche Problem“ gebildet. Sie entsprechen wohl dem, was er als „Syndikalismus“ so klassifiziert:

Die Idee des Syndikalismus stellt den Versuch dar, das Ideal der gleichmäßigen Verteilung des Eigentums den Verhältnissen der modernen Großbetriebe anzupassen. Der Syndikalismus will das Eigentum an den Produktionsmitteln weder einzelnen noch der Gesellschaft übertragen, sondern den in dem betreffenden Betriebe oder Produktionszweig beschäftigten Arbeitern.

Da nun in den verschiedenen Produktionszweigen das Verhältnis, in dem die sachlichen und die persönlichen Produktionsfaktoren kombiniert werden, nicht dasselbe ist, würde auf diesem Wege keineswegs Gleichheit der Besitzverteilung erreicht werden können. Von vornherein schon wird in einigen Erwerbszweigen der Arbeiter eine größere Besitzausstattung empfangen als in anderen. Nun denke man erst an die Schwierigkeiten, die durch die immerfort in der Wirtschaft gegebene Notwendigkeit, Kapital und Arbeit zwischen den Produktionszweigen zu verschieben, entstehen müssen. Wird es möglich sein, einem Produktionszweig Kapital zu entziehen, um einen anderen damit reicher auszustatten? Wird es möglich sein, Arbeiter aus einem Produk-tionszweig abzuziehen, um sie in einen anderen zu versetzen, in dem die Kapitalausstattung pro Kopf des Arbeiters geringer ist? „

Ebd., S. 54-55

Ich verstehe die Frage gar nicht. Die stellt sich doch nur, wenn man eine Gesamtheit von Arbeitenden behauptet, die dann insgesamt und übergreifend zu organsieren wären, nicht jedoch, wenn sich ein paar Leute zusammentuen und ’nen Mähdrescher kaufen. Kann man auch in einer GbR oder GmbH machen, sowas, aber worin unterscheidet sich nun davon das genossenschaftliche Modell?

Interessant ist entsprechend auch die folgende Behauptung:

„Sozialismus und Kommunismus ist jene Organisation der Gesellschaft, bei der das Eigentum – die Verfügungsgewalt über alle Produktionsmittel – der Gesellschaft, das ist dem Staat als dem gesellschaftlichen Zwangsapparat, zusteht.“

Das ist ja für mich immer schon unplausibel und hat z.B. mit Marx auch nicht allzu viel zu tun, soweit ich weiß, wieso denn dann automatisch „Staat“ in’s Rennen geschickt werden müßte.

Gemeinschaftseigentum an Produktionsmitteln muß doch nicht notwendig staatlich organisiert sein; es bedarf lediglich der Rechtsinstitutionen, die andere Gesellschaftsformen ermöglichen. Und wenn man z.B. diese statt Börsengewinnen steuerlich priveligierte, wie’s beim gemeinnützigen Sektor auch der Fall ist, wo ist denn da das Problem?

Das zieht sich auch so durch durch den Mises-Text: Der geht auf’s Ganze, nicht auf die Teile. Das ist doch eine in sich schon völlig krude Vorstellung, die sich wohl seines Utilitarismus verdankt, wobei er auf die Formulierung des „größtmöglichen Wohls der größtmöglichen Zahl“ abhebt, was ja noch irgendwelche realen Referenzen vorstellbar macht. Und wenn’s dann eben nur wenigen gut geht, war’s halt unter aktuellen Bedingungen die größtmögliche Zahl, so what, so kann man sich dann ja immer rausreden.

Was ja gar nicht das Problem ist, das Problem ist nun ausnahmsweise, daß er mit dem Begriff der „Gesellschaft“ arbeitet und dann immanent vor sich hindenkt. Da kommt dann so ein seltsamer Holismus bei raus, der all die denkbaren Strukturen ganz realen Networkings zwischen kleinen Einheiten, der bis zu einem gewissen Punkt ja auch im ganz realen Kaptalismus möglich ist, gar nicht fassen kann. Oder irre ich? Und kann mich mal jemand über Genossenschaftsmodelle aufklären? Und was tritt an die Stelle der Frage nach dem Eigentum an Produktionsmitteln, wo die Großindustrien eh schon zu großen Teilen zusammengebrochen sind bzw. die Produktion exportiert wurde und Gewinne in ganz anderen Kontexten erwirtschaftet werden? Weltweit ist’s weiterhin die Landwirtschaft und somitt Bodenbesitz und Zugang zu Wasser, z.B., , jetzt mal auf den Einzelnen, nicht die mit den größten Gewinnen bezogen – aber was is’n hierzulande aktuell das Produktionsmittel?

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Written by momorulez

9. August 2007 um 15:44

Veröffentlicht in Ökonomie

16 Antworten

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  1. Marx selbst sprach vom allmählichen Absterben des Staates im Zuge der Entwicklung des Sozialismus, ebenso, wie er die Pariser Kommune, also eine demokratisch gewählte Stadtverwaltung, die zu revolutionären Maßnahmen griff, als „Diktatur des Proletariats“ bezeichnete. Daraus eine reale Diktatur zu machen, dieser Schritt der Bolschewiki hätte ihm sehr fern gelegen. Die revolutionäre Gesellschaft in den Konzeptionen von Marx, Engels, Korsch oder Luxemburg hatte rätedemokratische und genossenschaftliche Züge, der furchtbare Kasernenhofkommunismus, der dann realisiert wurde, war ein russisch-preußischer Alptraum, der bezeichnenderweise nicht von den Arbeitermassen, sondern von kleinbürgerlichen Bürokraten realisiert wurde, die etwa die Avantgarde der russischen revolutionären Arbeiter, die Matrosen von Kronstadt erbarmungslos liqudierten.

    che2001

    9. August 2007 at 17:38

  2. Ja, eben. Deshalb ist ja diese mise – kann man ja auch als Adjektiv nutzen -, reichlich holzschnittartige Terminologie so grotesk. Weil’s auf Welt gar nicht eingeht.

    Das liest sich alles wie Glaubensbekenntnis, aber nicht wie eine Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, weil da eher begriffliche als reale Entitäten aufeinander treffen. Begriffe wie „Staat“, „Gesellschaft“, „Toleranz“ werden irgendwie in die Welt gesetzt, als würden sie keiner weiteren Erläuterung bedürfen, und ansonsten ist das reines Programm ohne jede ernstzunehmende Auseinandersezung mit anderen Positionen, zumindest auf den ersten 60 Seiten.

    Über Arbeitsteilung z.B. hat Durkheim, ob man den nun mag oder nicht, dann doch intelligentere Sachen geschrieben. Und über Wirtschaft Max Weber. Ansonsten wird der Mann, der von Mises, doch immer dafür bejubelt, durch seine Preisbildungstheorien der Marxschen Mehrwert-Theorie den Garaus gemacht zu haben. Wenn der das ähnlich macht wie in seinem Liberalismus-Evangelium, dann kann das ja so dolle nicht sein.

    Ich habe ja sogar einiges Verständnis dafür, daß man angesichts der Russischen Revolution unter Schock stehen konnte. Aber so eine flache Simplifizierung, nee.

    Ist aber gut, das nicht nur in all diesen Zitatfetzen, sondern tatsächlich am Stück zu lesen. Da wird einem doch vieles auch sehr viel klarer, was so in den Köpfen unserer aktuell allseits beleidigten, liberalen Mitdiskutanten vorgeht. Wieso immer alles auf Slogans und auf alles erklärende Binsenweisheiten reduziert wird, auch dieses Sektenhafte, was man da manchmal durchspürt. Habe nie was von Bagwhan gelesen, aber so stelle ich mir das vor – Glaubenssätze aneinander reihen. Diskussion allenfalls vortäuschen (zumindest bis Seite 60). Ein simples Begriffsfadenkreuz etablieren, das abstrakt genug ist, um alles da irgenwo einzusortieren – herrlich, diese Übersicht! Und das nicht, weil man irgendwo ja anfangen muß, begrifflich, nee, zum dabei stehen bleiben.

    Mich irritiert das nachhaltig, wenn ich auch nur an die kleinen Schriften von Kant z.B. denke, wie da umständlich hergeleitet wird – nö, nicht so bei von Mises, da ist alles einfach so der Fall. Und man kann sich dabei auch noch toll vornehm fühlen, weil der so schreibt wie Zettel oder so, tilistisch.

    Was aber nicht dran hindern sollte, diese Frage, was denn Wirtschaften aus linker Perspektive aktuell heißen kann, hinten anzustellen. Für mich war das schon ein zentrales Anliegen bei der Idee, dieses Gruppenblog zu installieren.

    momorulez

    9. August 2007 at 18:23

  3. „Ansonsten wird der Mann, der von Mises, doch immer dafür bejubelt, durch seine Preisbildungstheorien der Marxschen Mehrwert-Theorie den Garaus gemacht zu haben. Wenn der das ähnlich macht wie in seinem Liberalismus-Evangelium, dann kann das ja so dolle nicht sein.“

    Gäääääääähn. Wenn Du irgendwann mal wieder damit aufhören solltest, Strohmänner aufzubauen, dann fällt Dir vielleicht auch auf, daß das nicht Mises, sondern Jevons, Menger und Walras waren.

    statler

    9. August 2007 at 18:32

  4. Na, dann Danke für den Hinweis!

    Kannste vielleicht so einen mal geben, so einen Hinweis, meine ich, ohne von Strohmänneraufbau zu schreiben? Habe echt keine Lust mehr, mir ständig von Polemikern Polemik unterstellen zu lassen … da wurde tatsächlich häufig in euren Blogs auf von Mises als Preisbildungshohepriester geschrieben. Irgendwas von ’24 oder so.

    Immerhin habe ich mir heute 60 Seiten von Mises angetan, schön war das nicht, während ich bei euch noch rein gar nix von jenseits des Evangeliums fand …

    momorulez

    9. August 2007 at 19:33

  5. *Gebetsmühlenmodus* Poulantzas lesen, Poulantzas lesen!

    che2001

    9. August 2007 at 19:54

  6. Komm, mit dem Gebetsmühlenmodus imitierst jetzt aber in polemischer Absicht den Klassenfeind 😉 … wer war noch Poulantzas? Kenne nur Polenta … und Poulet oder Poulard oder wie dat heißt … bin ja ungebildet und denke immer an Weihnachten, siehe oben. Ach nee, Weihnachten waren ja StrohSTERNE, noch nicht mal mehr das bekomme ich richtig zusammen …

    MomoRulez

    9. August 2007 at 20:04

  7. Nun ja, einer der wichtigsten Faschismustheoretiker der Linken, habe ich oben ja referiert und sogar präferiert. Zumindest hast Du damit, dass unsere wirtschaftsliberalen Gesprächspartner sich verpissen aber doch unrecht.

    che2001

    9. August 2007 at 20:31

  8. @MR

    Jenseits aller Ideologie: In Genossenschaften zählt „one man (one comrade), one vote“. Das läuft meistens darauf hinaus, dass jeder Genosse auch genau denselben Kapitalbeitrag einbringt. Insofern sind die Grenzen zur AG so deutlich nicht. Das Pferd wird eher sozusagen von hinten aufgezäumt. Genossenschaften bieten sich daher an, wenn die potenziellen Kapitaleinbringer auch noch ein ganz bestimmtes Interesse jenseits der Rendite einbringen. Also nichts für anonyme Kapitalgeber, sondern eher das Prinzip für eine Sache unter Bekannten bzw. Gleichen. Unter den Bedingungen kann das gut funktionieren. Wenn die Organisation nicht zu groß wird – dann erfolgt der Umschlag von Quantität in Qualität…

    @Che

    Ich verpisse mich. Und zwar gerne.

    Rayson

    9. August 2007 at 21:14

  9. Nur eine, fast OT, Notiz am Rande

    … ist die Aufteilung des landwirtschaftlichen Großgrundeigentums an Kleinbauern unter dem Namen Agrarreform das Ideal einflußreicher politischer Parteien. Es ist überflüssig, sich mit diesem System näher auseinanderzusetzen. Daß sein Erfolg nur in der Herabminderung des Ertrages der menschlichen Arbeit besteht, wird kaum bestritten. Nur dort, wo die Landwirtschaft noch in primitivster Form betrieben wird, kann man die Produktivitätsminderung, die durch die Verteilung eintritt, verkennen.

    Nehmen wir mal an, die Produktivität je Arbeitskraft sinkt, dann ist das jedoch nur die eine Seite, da umgekehrt die Produktivität des Landes stark ansteigt. Zu Zeiten des real existierenden Sozialismus wusste das jeder, heute wird dieses nur zu leicht freudig übersehen. Betrachte ich die derzeitige Situation mit gezielter Nahrungsmittelverknappung, so ist in globalem Maßstab betrachtet, die Produktion je Flächeneinheit bedeutender als die Produktion je AK.

    Median Farm Size Category (Acres)-/-Average Gross Output($/Acre)-/-Average Net Output($/Acre)

    4 acre – 7424$/acre – 1400$/acre
    entsprechend geht’s weiter
    27 / 1050 / 139
    58 / 552 / 82
    82 / 396 / 60
    116 / 322 / 53
    158 / 299 / 55
    198 / 269 / 53
    238 / 274 / 56
    359 / 270 / 54
    694 / 249 / 51
    1364 / 191 / 39
    6709 / 63 / 12
    Source: U.S. Agricultural Census, vol. 1, part 51, pp. 89-96, 1992.

    In den USA, in Kuba oder in Brasilien ist die Produktivität der Arbeitskräfte auf Großbetrieben sicherlich bedeutend höher als die der Small Farmer, dennoch liefern letztere einen, wesentlich höheren Anteil an Nahrungsmittel von bedeutend geringerer Fläche.

    balou

    9. August 2007 at 21:22

  10. @rayson: Wie soll ich Deinen letzten Satz jetzt verstehen? Dass Du gerne auch mal daneben pinkelst oder dass Du von der Diskussion nichts mehr wissen willst? Eigentlich sind wir doch in einer recht fruchtbaren Debatte.

    che2001

    9. August 2007 at 21:23

  11. @Che

    Ersteres ganz bestimmt 🙂 Heute z.B. an einer Raststätte der A6 mit Genuss praktiziert!

    Aber ich werde mich in „Feindesland“ nur noch zu Sachfragen äußern, und das möglichst wertneutral. Die Hoffnung auf eine übergreifende Debatte habe ich mittlerweile aufgegeben, und daraus erklärt sich auch der Grad des Engagements. Wo mir fiese Motive oder ersatzweise Dummheit unterstellt werden, tue ich Leuten wohl einen Gefallen, wenn ich meine Meinung bei ihnen nicht mehr äußere. Daran halte ich mich.

    Rayson

    9. August 2007 at 22:22

  12. @Rayson:

    Danke für die Aufklärung in Sachen Genossenschaft. Auch dafür, daß Dir im Gegensatz zu Statler (der muß sich ’nen Virus eingefangen haben) der sachliche Gehalt des Eintrags da oben nicht entgangen ist. Weil ich ja das von Mises-Kapitel zum Faschismus auch weiterhin ziemlich deutlich katastrophal finde, aber schon noch das Gefühl hatte, andere Fragen, um die’s ihm geht, dann noch mal rauslösen zu müssen.

    Wozu ja auch das in der Weinarer Republik und drumherum ausgesprochen relevante Eindreschen auf Duckmäusertum und Untertanengeist gehört, das er vollzieht, und es war auch dieses wilhelminsche Trainiertsein im nach unten treten, nach oben buckeln, das in’s 3. Reich führte.

    Dazu kann ich dann aber die Äußerungen zum Faschismus nicht wirklich in Beziehung setzen. Und dann kann ja nur die Eigentumsfrage der Schlüssel sein, was zwar kein originelles Ergebnis ist und eigentlich schon 1789 oder 1870 oder so klar, egal, dann muß man halt da weitermachen.

    Sauf nicht ab!

    @Balou:

    Danke! Konnte das gerade erst freischalten!

    momorulez

    10. August 2007 at 6:25

  13. Momorulez, Du stellst mit der Frage nach dem Genossenschaftseigentum und der Frage nach den Produktionsmitteln zwei sehr grundsätzliche und umfassende Fragen, an denen sich bereits mehrer Generationen von Ökonomen, Soziologen und Praktikern versucht haben.

    Es wäre verblendet, wenn ich behaupten würde, ich könnte Deine Fragen beantworten. Ich versuche das also nicht, aber gebe ein paar, hmm, Anmerkungen:

    1. Das radikale (und radikal vereinfachte) neoklassische Modell geht vom Ideal des Eigentümerunternehers aus. Ein Schritt danach kommt v.a. die Aktiengesellschaft. Hier schafft man es, die (oft verschwiegenen) ideologischen Grundlagen, mikroökonomische Fundierung und Empirie miteinander zu versöhnen – ja, sogar brauchbare Vorhersagen über wirtschaftliches Verhalten zu generieren.

    2. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die Neoklassik trotz der bei ihr vorhanden, teils extremen Versimplifizierungen (z.B. „homo oeconomicus“) gegenüber anderen Wirtschaftstheorien Vorteile hat, und zu denen rechnet (als Teil des Wissenschaftsmarketings) auch, dass man in dieser simplifizierten Modellwelt einen scheinbar exakten mathematischen Formalismus nach Herzenslust betreiben kann – auch, wenn die Ergebnisse derlei Treibens am Ende oft eher sehr arm ausfallen.

    3. Ich wollte die Neoklassik diesmal aber loben. Hmm. Dass mir das immer so schwer fällt… Also, hier mein Lob: Es gibt zu ihr kaum theoretisch bzw. praktisch tragfähige grundsätzliche Alternativen.

    4. Das versimpelte neoklassische Begreifen des Produktionsprozesses (v.a. als Ausdruck eines „Kapitalmaximierungsstrebens“ von „Kapitalbesitzern“) geht zwar in beachtlichen Teilen mit der Wirklichkeit konform, lässt allerdings jene Bereiche der Wirklichkeit zu gering beachtet, die zu dieser theoretischen Welt nicht passt. Und, sobald es nun um „alternative Besitzverhältnisse“ geht, ähem, da beißt sich das doch irgendwie mit den theoretischen Grundlagen des Faches bzw. mit den impliziten und für selbstverständlich gehaltenen Grundannahmen.

    5. Man geht – zumal bei angelsächsicher Prägung – mit einer arroganten und kontrafaktischen Selbstgewissheit vom stets und ständig einzutretenden „Elend der Almende“ aus. Und vergisst dabei, dass es in der Praxis durchaus erfolgreiche (!) Beispiele alternativer Ordnung der Besitzverhältnisse gibt.

    6. Tja, und nun wird es kompliziert, denn wir betreten den Bereich der Utopie – und nähern uns dem Bereich, auf den Momorulez abzielt. Ich stelle mal Momrulez Fragen anders und zwar so:

    Funkioniert das Wirtschaften nur im Besitzverhältnis des Eigentümerunternehmers sowie in Kapitalgesellschaftlicher Form?

    Die Antwort lautet (hier noch primitiv): Nein.

    7. Ich begehe hier zunächst ein begriffliches Verbrechen und nenne im Folgenden Produktionskapital und Boden gemeinsam „Produktionskapital“. So, und nun ein paar alternative Gestaltungen zu Besitz bzw. Eigentum von Produktionseigentum:

    Möglich wäre auch:
    – Vermieten von Produktionskapital
    – Co-Eigentum (z.B. zwischen a) privaten Eigentümern und b) staatlichen/öffentlich-rechtlichen/lokalen Eigentümern oder Arbeitereigentum)
    – Versteigerung von zeitlich limitierten Nutzungsrechten an Produktionskapital, ggf. in Kombination mit gelegentlicher Re-Allokation von Produktionskapital-Titeln (z.B. alle 7 Jahre gehen 20 % aller Kapitaltitel an einen globalen Umverteilungsfond).
    – Genossenschaftliches Eigentum
    – Managereigentum
    – Arbeitereigentum
    – Staatseigentum (z.B. anteilig, z.B. lokal organisiert)
    – Stake-Holder-Eigentum
    – ach ja, und natürlich auch Unternehmereigentum und Kapitaleigentum an Produktionskapital

    8. Alle diese Formen können miteinander gemischt (!) werden (achja: in der Praxis geschieht das, z.B. dann, wenn Manager Aktienanteile erhalten). Tja, und das kann, aber muss dann nicht zu Lasten der Effizienz gehen. Wenn es richtig geschieht, kann die ökonomische Effizienz sogar steigen. Anders, völlig anders, als es die Neoklassik vorhersagen würdee.

    9. Das Problem aller theoretisch formulierbaren alternativen Gestaltungen von Produktionskapital ist allerdings, dass alles Wirtschaften nicht zuletzt auch Lernen beinhaltet, quasi ein ökonomisches Lernkapital, und das Gelernte (z.B. der hinsischtlich Umgangs der Beteiligten miteinander) schwerlich am Reißbrett entsteht. Es entsteht erst in vielen Jahren und Jahrzehnten der Praxis – und es setzt, hier wird es leicht pervers, auch erfolgreiche Praxis wiederum voraus.

    (grau ist alle Theorie)

    10. Das Unternehmereigentum hat – in der Praxis und in der Theorie – bestechende Vorteile hinsichtlich der Anreizwirkung und der Einfachheit im Fall unternehmerischer Entscheidungen. Aber, je größer eine Produktionskapital-Einheit wird (z.B. ein Großunternehmen), umso komplizierter wird das Ganze. Außerdem wird das Problem wirtschaftlicher Macht mit zunehmender Größe schwieriger. Deutlich schwieriger.

    11. Problemlos ist es möglich, dass z.B. die Besitzer einer Aktiengesellschaft sich im Wesentlichen aus staatlichen Eigentümern und Arbeitnehmern (!) rekrutieren, oder auch Rentnern, Anwohnern usw. – und diese AG, welche in einer wettbewerblichen Ordnung bestehen muss, dies dann hervorragend und ökonomisch effizient tut. Die Salzgitter AG war über Jahrzehnte hinweg deutlich erfolgreicher als ihre „privat“ besessenen Konkurrenten.

    Das ist – jedenfalls aus eigentumsradikaler Sicht bzw. aus Sicht der österreichischen Schuler eine verblüffender und eigentlich überhaupt nicht zu erklärender Befund. Echte Ordoliberale würden antworten: Es kommt bei einem vernünftigen Wirtschaften eben v.a. auf einen effizienten und fairen Wettbewerb an – und weniger auf die tatsächliche Eigentumsordnung…

    12. Zurück zu dieser atypischen AG (die vielleicht sogar überwiegend in Mitarbeiterhand ist): Dies wäre also in gewisser Hinsicht so etwas wie eine Genossenschaft, vor allem, wenn wir uns noch zusätzlich eine Form der aktiven Mitwirkung der Arbeitnehmerschaft bei Unternehmensentscheidungen vorstellen…

    Tja, und auch hier haben wir, theoretisch wie praktisch, gleich einen ganzen bunten Strauß an möglichen Organisationsformen…

    (ich fange es darum garnicht erst an)

    13. Eine reale Genossenschaft kann in der Praxis zugleich hochbürokratisch, undemokratisch, hochkapitalistisch und zugleich erfolgreich sein (Beispiel: EDEKA). EDEKA ist – sowohl für sozialistische Theoretiker wie für Marktradikale – ein echtes Problem. Sowas kann es eigentlich nicht geben. Und schon garnicht in erfolgreicher Form. Tja.

    14. Ich denke, die Neoklassik und die davon beeinflusste ökonomische Theorie (inkl. der darauf aufbauende Neoliberalismus) tut sich aus vielerlei Gründen mit der Analyse alternativer Gestaltungen von Eigentums- und Besitzverhältnissen extrem schwer. Ein wesentlicher Grund ist m.E. ein impliziter Untertanengeist der meisten Ökonomen, welche sich sich mit ihren Analysen nicht in Widerspruch zur herrschenden Gesellschaftsform begeben wollen.

    Ökonommen sind strukturelle Feiglinge.

    Und manche von ihnen, die sich bequem an Universitäten eingerichtet haben, ahnen wohl, dass ihre Hauptfunktion darin besteht, eine Rechtfertigungsideologie zu fabrizieren.

    Insofern: Es ist auch deshalb schwierig, die Fragen von Momorulez zu beantworten. Wir befinden uns, meiner Meinung nach, auf extrem dünnen theoretischen Boden, die meisten Wege sind noch nicht gebaut und geöffnet.

    Dr.Dean

    11. August 2007 at 18:58

  14. @Dr. Dean:

    Danke für die ausführliche Antwort! Ich gehe da heute abend noch intensiver darauf ein, ich muß gleich los – klar scheint mir jedoch zunehmend zu sein, daß die Neoklassik (bzw. das, was ich von ihr weiß) einfach unzulässig wegformalisiert. Und natürlich kann man Theorien auch so abstrakt anlegen, daß sie auf jeden Fall hinhauen und trotzdem wenig aussagen, weil das, was man mit ihnen anfangen kann, eben nur bestmmte Bereiche tangiert.

    Und daß die Antwort eine materiale Theorie sein muß, die auch Machtfaktoren jenseits des Politischen berücksichtigt und auch Kultur – und Institutionenanalyse betreiben muß. Und ich wage jetzt einfach mal die Vermutung, daß es z.B. bei Max Weber sehr viele Ansätze hierzu gibt, die bislang nur von den Soziologen rezipiert wurden. Auch die Relation von Institutionen und Praktiken, wie im Werke Foucaults sie sich analysiert finden, sind einem Ansatz, der durch das Anreiz-Theorem einen einzigen Begriff an die Stelle vielzählliger Praktiken setzt, haushoch überlegen. Und von da aus kann man sich der Eigentumsfrage dann auch ganz anderes annähern als über dieses Miseshe Schubladigkeit.

    Rayson und Staler haben mal in grauen Vorzeiten bei mir auf die eher bei Institutionen ansetzenden Ökonomen verwiesen, das war auch irgendwas neueres, also nicht die Österreicher, und das fand ich ziemlich plausibel, was sie da schilderten.

    momorulez

    12. August 2007 at 7:10

  15. @MR:

    Soziologen? Oh Gott, komm bloß nicht mit Soziologen. Die kann ich dann gar nicht zitieren. Das ist schließlich keine Wissenschaft, hat man mir gesagt, da kann doch jeder alles erzählen, wie es ihm gerade gefällt.

    Der arme Max.

    Karsten

    13. August 2007 at 22:35

  16. @Karsten:

    😉 … ja, aber unsereins agiert grundsätzlich denunziatorisch.

    momorulez

    14. August 2007 at 6:26


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