shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Meine subkulturelle Verortung

with 10 comments

Wenn schon Momo hier auf seine Roots Bezug nimmt, so will ich mich dem gleich anschließen. Nicht lila Friedenstuch und Kirchentag, sondern schwarz-weiß gewürfelte Kufaya (das „Palästinensertuch“, das im Ursprung ein Kurdentuch ist) und Internationmalismustage, das war so mein Background. Die grün-alternative Szene war für uns ein unzuverlässiger Bündnispartner, von dem anzunehmen war, dass er uns im Stich ließ, sobald der Staat mit einer Kriminalisierungswelle zuschlug. Dementsprechend war unser Verhältnis zu diesem Lager kritisch und ironisch. Parolen wie „Wer hat uns verraten, Spezialdemokraten, wer verrät uns schneller, Grüne und ALer“ gehörten ebenso zum guten Ton wie Anti-Wahlaufkleber mit Parolen wie „Von Krefeld bis zum Kirchentag: Die LiberALen“ und Spaßlisten mit Namen wie „WAHL-Liste“ (Wahrhaft alternative Hochschulliste) und „LOLA“ (Liste ohne lästige Ansprüche). Im Gegensatz zu verschnarchten Marxisten-Leninisten mit ihrem lächerlichen Proletkult waren wir bemüht, hip zu sein, was dann schonmal dazu führte, dass jemand seinen schwarzen Demohelm so pflegte wie der Mantafahrer seinen Hobel. In den 1990ern adaptierte man den Tarantinio-Schwarzenegger-Look, und es gab Plakate, die Arnie mit Pumpgun zeigten und dazu die Parole „Terminiert die herrschende Klasse“. So martialisch waren wir aber in der Realität nicht, eher eine abenteuerlichere Caritas. Man veranstaltete Straßenfeste und Infoveranstaltungen, um Geld zu sammeln, das dann nach Kurdistan, Nicaragua oder Chiapas gebracht wurde, um es den Bedürftigen life in die Hand zu drücken (in Kurdistan-Irak durchaus mit bewaffneter Eskorte, was Osthoff passiert ist wäre den Unsrigen nicht geschehen), und unsere Asylarbeit war in weiten Strecken unbezahlte Sozialarbeit und teilweise sogar Ausländerbeiratstätigkeit, aber die Bereitschaft, im Falle von Pogromen von Neonazis auch die körperliche Auseinandersetzung mit diesen zu führen auch immer vorhanden. Wir haben eine Stadt eine Weiler nazifrei gehalten, weniger durch Gewalt als vielmehr durch Präsenz: s gab eine Telefonkette, die in der Lage war, bei jedem rassistischen Vorkommnis zu jeder Tages- und Nachtzeit 400 Leute binnen einer halben Stunde an den Ort des Geschehens zu mobilisieren. Wenn da 10 Nazis waren, reichte die pure Masee, sie in Schach zu halten.

Unsere Subkultur war kein aus unserer Sicht schon etwas verstaubtes Hippietum, sondern ein Crossover aus Punk, Metal und Hip Hop. In einer befreundeten WG stand ein Schild „Swine Feaver no dismounting“ original vom Truppenübungsplatz, und auf diesem klebte eine Damenbinde mit den mit Edding geschrieben Worten „So ordinär“, und das war Kunst in der Wohnung .

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Written by che2001

20. August 2007 um 20:07

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

10 Antworten

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  1. […] ich Neid entwickeln, wenn andere von ihren Subkulturen berichten? […]

  2. Ja, da muss ich dem Rayson recht geben. Was macht man denn dann, wenn man nur an Lagerfeuern und Menschenketten mitgehangen hat, an denen alle mitgehangen haben? Wenn man den Slogans bei MTV „free your mind“ noch glaubte?

    Ich gebe gerne zu, dass ich mich über alte Testosteronspielchen und Musik definiert habe, nur an Lagerfeuern und wenn es allzu arg wurde politisch wurde. Eigentlich harmlose 17-jährigen Revolutionsfolklore. Hing viel auf St. Pauli rum, um dann am frühen Morgen ins beschauliche Blankenese zu wanken, später wankend zu fahren.

    Uns hat Mitte der 80er eigentlich die Bandenproblematik beschäftigt. Die St. Pauli Champs, als 300 Mann starke Trupope, die regelmäßig Parties im Westen Hamburgs auseinander nahmen. Das faszinierte und schreckte zugleich. Politisch motiviert war diese Auseinandersetzug aber nie.

    ring2

    21. August 2007 at 8:14

  3. Ah … ihr sammelt, zwischen der ekeligen eierleckerei, noch Material zum Thema „Alte Maenner“.

    Loeblich loeblich

    loellie

    21. August 2007 at 8:25

  4. Na ja, ich sehe mich nicht als alter Mann, das Geschilderte ist eher ein Programm, das mich bis heute prägt und im Grunde jederzeit wieder abrufbar. Ich habe eher das Problem, dass ich in meiner derzeitigen sozialen und beruflichen Umgebung im Grunde noch gar nicht angekommen bin und auch nicht angekommen sein will. Sind ja auch erst 8 Jahre, da hat man sich noch nicht eingewöhnt 😉 Die Szene-Wohn-und Provokationskultur ist für mich auch bis heute mit einem Heimatgefühl verbunden. Bürgerlich sieht es bei mir dementsprechend nicht aus, sondern ziemlich chaotisch.

    che2001

    21. August 2007 at 9:11

  5. Ihr koennt doch machen …
    mir gings ja noch nichtmal um den Beitrag, ich mein inhaltlich, sondern dass solche Beitraege und Kommentare immer andere zur folge haben. Dat riecht dann immer so nach ’ner Mischung aus „frueher war mehr Lametta“ und AA-Gruppe.

    loellie

    21. August 2007 at 9:58

  6. Mir geht es da eigentlich um was Anderes. Eher Stoßrichtung „Wie kann sich eine Szene reproduzieren, wenn ihre Angehörigen nicht mehr unter 30 sind?“ Oder auch anders gefragt, unter welchen Rahmenbedingungen kann sich Kritikpotenzial entfalten? Das ist durchaus nicht auf die Vergangenheit bezogen. In Bremen und Göttingen haben wir ja durchaus die Situation, dass Leute, die als Studierende in die Subkulturen gekommen sind, denen auch mit 60 noch angehören oder dass 40 Jährige nach wie vor in WGs zusammenwohnen, aber es ist nicht der Regelfall. Oder ich kann auch sagen: „Ich will aber wieder mehr Lametta!“

    Die andere, die biografische Komponente ist aber noch unter anderen Gesichtspunkten interessant, ein bißchen schon in Raysons Antwort auf meinen Beitrag angelegt. Ohne nun spezifisch links oder rechts oder liberal oder esoterisch oder weiß der Zinker wie ausgerichtet zu sein sind einfach gewisse Freiräume nötig, um seine Weltsicht entfalten zu können. Ich hatte mal das Erlebnis, dass ich mich im Rahmen einer größeren Gruppe mit ausgerechnet einem alten Burschenschafter gut verstand und ein gewisses Lebensgefühl teilte, während der Rest der Leute uns beiden als langweilig, konventionell, moralinsauer und irgendwie lebensunerfahren erschien. Es waren ausnahmslos Leute, die ein straight karriereorientiert als Berufsausbildung gedachtes Studium im Schnellritt durchgezogen hatten. Studienzeit als Lebensform, als kreative Muße und als eine Zeit, in der man mit dem eigenen Leben experimentiert und öfter über die Stränge zieht, das hatten er und ich gemeinsam und es trennte uns von allen Anderen. Ich finde solche Beobachtungen einfach interessant.Meine Motivation, den Beitrag zu posten, intendierte jedenfalls keine „Schwanzvergleiche“ 😉

    che2001

    21. August 2007 at 10:24

  7. Ich finde Eierleckerei klasse und führe stolz meinen Weg zuende: hin zum verdorbenen Alten Mann. Herrlich.

    ring2

    21. August 2007 at 11:57

  8. Na, bis dahin dauert es bei mir noch etwas. Der Nörgler sagte aber mal, Dirty-Old-Man-Gesinnung und -Gesittung müsste liebevoll gepflegt werden.

    che2001

    21. August 2007 at 12:38

  9. […] sind ja mächtig Mode dieser Tage. Kommt wohl daher, dass viele Autoren, die ich kenne und lese, eben die magische […]

  10. […] und Che geben ja schöne Einblicke in ihre jugendliche Entwicklung, die man psychologisch sicher […]


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