shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Tucholsky lesen!

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Das ist ja schrecklich! Ich meine, daß die da in Koblenz am „deutschen Eck“ tatsächlich eine Kaiser-Wilhelm-Statue (eins, nicht zwo) neu aufgebaut haben, wenn ich mich nicht verlesen habe. Was man so alles nicht mitbekommen hat, der Koblenzer Statuenstreit ist völlig an mir vorbeigegangen.

Erst die „Ostgebiete“ da an den Sockel tackern, und dann den Wilhelm wieder aufstellen. Unglaublich. Ob da bei der WM dann auch Ghana zugejubelt wurde? Wahrscheinlich eher Togo in tiefer Trauer um die „“verlorenen Kolonien“ … aber das war, glaube ich, der zwote Willem. Außerdem habe ich keine Ahnung von den Koblenzern als solche. Wirklich nicht. Bestimmt nett da, undbestimmt auch nette Leute.

Aber wer sowas wieder aufstellt … das finde ich die final leider scheiternde Geschichte mit dem Gegendenkmal angesichts des Kriegerdenkmals hier am Dammtor einfach gelungener. Aber wahrscheinlich ist’s dem restaurativen Nach“wieder“vereinigungsdeutschland zu anstrengend gewesen, mal in’s Kaiserreich zurückzuschauen und auch da noch auf Übel zu stoßen. Ich behaupte jetzt einfach mal, daß davon schon kaum noch jemand weiß:

„Einige Wochen nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. im Jahre 1888 machte sich in staatlichen wie privaten Kreisen die Idee breit, dem verewigten Fürsten als Dank für die in drei Kriegen (1864, 1866, 1871) erkämpfte Einigung Deutschlands ein Denkmal zu errichten. „

Na, kleines Shifting Reality-Quiz: Welche drei Kriege waren’s denn, und warum? Historiker sind von der Antwort ausgeschlossen, und wer’s richtig beantwortet, bekommt einen St. Pauli-Aufkleber zugeschickt, versprochen!

Alleine schon „deutsches Eck“! Ich finde die alte Bahntrasse von Köln nach Koblenz und dieses Vorbeigefahre an der Loreley  ja auch wunderschön, großartig, toll.  Aber hätte man das nach der „Wieder“vereinigung nicht einfach wieder in Hundeschwanz zurückbenennen können,  das hätte Größe gehabt, anstatt nun ausgerechnet diesen Reichsgründungskriegskaiser da wieder aufzustellen?

Ich plädiere dafür, dem Zusammenfluß von Mosel und Rhein dieses Etikett zu entziehen und aus Gründen der Umwertung stattdessen z.B. die Ecke Schulterblatt/Susannenstraße umzubenennen. Das gäbe ’nen Dauerkontroverse, und das wäre gut.

Das reicht schließlich bis Mügeln, daß die „Reichgründungskriege“ ein bis dato nur peripher vorhandenes „Nationalbewußtsein“ erst konstituierten und gezielt dem demokratischen Geist von ’48 entgegensetzten.  Aggression nach außen als Gründungsakt, das hat schon außerordentlich nachhaltig gewirkt. Und da war vor allem der olle Bismarck, der skandalöserweise unweit des Millerntores in die Gegend glotzt, ganz ursächlich schuld dran.

Was mir jetzt die Pointe raubt: Eigentlich wollte ich ja diese Statue gegen unseren heutigen Gegner in’s Feld führen. Dumm nur, daß bei uns der Bismrack rumsteht, dann geht das eben nicht …  dann lösen wir das Ganze halt mal spielerisch und nicht moralisch 😉 …

Und irgendwie haben wir ja doch unsere Pasolinis, den Tucholsky z.B. . Auch wenn die meisten Leute glauben, der habe nur so – wundervolle! – Sachen geschrieben wie „Wie kommen die Löcher in den Käse“ oder „Schloß Gripsholm“. Und was der so zum „deutschen Eck“ zu sagen hatte, das hole ich doch einfach rüber von der Wikipedia:

 „Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; […] dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch … und fiel beinah um. Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist (…).“

Tucholsky lesen, sach ich mal. Mein Wort zum Sonntag.  Na, und natürlich ein souveräner Sieg gleich am Millerntor …

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Written by momorulez

26. August 2007 um 8:27

Veröffentlicht in Fussball

28 Antworten

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  1. Ich bin kein Historiker, dafür Science Fiction- und Fantasy-Fan, deshalb schreibe ich mal munter drauflos.
    In einer besseren Welt wären die drei „Einigungskriege“, wenn es sie dann unbedingt gegeben hätte, folgende Ergebnisse gehabt.
    Dänemark setzt die Elbgrenze durch, Schleswig-Holstein mit Hamburg und Lauenburg werden autonomer Teil des dänischen Staates (ähnlich wie damals Island oder heute Grönland und die Faröer). Damit wäre der Aufstieg des späteren Deutschen Reiches zur See- und Handelsmacht eingedämmt gewesen.
    Österreich siegt über Preußen. Damit ist die „Kleindeutschland“, das de facto ein „erweitertes Preußen“ ist, nicht mehr wahrscheinlich.
    Frankreich bzw. Napoleon III. geht nicht auf die preußisch-deutsche Provokation ein. Wenn es dennoch einen Krieg Preussens gegen Frankreich gegeben hätte, hätte ihn Preußen bei dieser Konstallation, bei dem jedem klar ist, wer der Agressor ist, alleine führen dürfen – ohne Bayern, Würtemberg, Sachsen usw. also ein Krieg, der als „Einigungskrieg“ nicht taugt.
    Das Ergebnis „Frankreich siegt auf ganzer Linie“ ist angesichts der Kräfteverhältnisse und der militärischen Fähigkeiten noch unwahrscheinlicher als ein Sieg der Dänen 1864 oder der Österreicher 1866 – deshalb die obige Alternative.
    Die politische „Lektion“, dass sich „Deutschland nur durch einen gemeinsamen Gegner zusammengeschmiedet“ werden könnte, geht bis in die „Befreiungkriege“ gegen das Frankreich Napoleon I. zurück. Und auch nach den „Einigungskriegen“ gab es genügend viel, auch „antipreussische“ deutsche Politiker, die auf dieses Rezept setzten – ich erwähne nur Adenauer, der „die Russen“ oder „die Bolschewiken“ als alte Nazis und junge Demokraten vereinendes Feindbild beschwor, oder auf der „anderen Seite“ Ulbricht, der mit dem Schreckensbild der auf Vernichtung bedachten „anglo-amerikanischen Imperialisten“ in der DDR eine ähnliche „falsche Solidarisierung“ anstrebte.
    Selbst die von mir sonst geschätzten „68er“ neigten oft zu äußerst unangenehmen, im Grunde nationalistischen, Feindbildern, die eine regelrechte Klammer um die politisch äußerst verschiedenen „Flügel“ bildete: ich meine vor allem den Antiamerikanismus, der weit über eine legitime Kritik an US-amerikanischen Aggressionen hinaus gingt und allerlei „bürgerliche“ Vorurteile übernahm („die Amis sind halt oberflächlich“, „in Amerika geht es immer nur ums Geld“ usw. usw.).

    MartinM

    26. August 2007 at 12:48

  2. In Niedersachsen ist man bis heute stolz, dass die hannöversche Armee die Preußen bei Langensalza noch einmal geschlagen hat. @Antiamerikanismus: der eigentliche Antiamerikanismus kommt von der Postnazigeneration, die das Gegensatzpaar „Alteuropäische Hochkultur – amerikanische Unkultur“ aufgestellt haben, eine Art deutscher Gaullismus, der sich gegen Rock´n Roll, Fast Food, Hochglanzmagazine usw. richtete und die provinzielle, repressiv-moralinsaure Gemütlichkeit der 50er Jahre bewahren wollte („motorisiertes Biedermeier“). Die linke Jugend war ursprünglich sehr proamerikanisch, sie übernahm ja den Lebensstil der US-Jugend. Erst mit dem Vietnamkrieg konnten die antiamerikanischen Wertvorstellungen, die ihr Eltern ihnen eingebleut hatten unter antiimperialistischen Vorzeichen ausgelebt werden.

    Wobei, was „Antiamerikanismus“ angeht: Die Amis, die ich so kennengelernt habe, waren äußerst unterschiedlich. Sehr viele Wissenschaftler aus Harvard und Berkeley dabei. Die waren für mich nicht in erster Linie Amerikaner, sondern in erster Linie Mitglieder der Scientific Community. Auffallend war an den aber eine ungemein kultivierte, höfliche, liebenswürdige Art, die bei uns altmodisch anmuten würde, Leute mit Kinderstube. Dann ein Busfahrer und eine Grundschullehrerin aus Atlanta: Herzlich, sehr emotional, keep smiling, Händedruck an der Schmerzgrenze, lebenslustige Sanguiniker, Südstaatler, wie ich mir vorher Südstaatler vorgestellt hätte. Dann ein Schwarzer aus Harlem, engagiert in der New African People´s Organistion, die Wiedergutmachungen für die Zeit der Sklaverei und selbstverwaltete Territorien für die Schwarzen in den USA fordert, ein paar aztekische Zapastistas, die ernsthaft die Errichtung einer völkerrechtlich souveränen sozialistischen Republik auf dem Territorium von Arizona, New Mexico und Colorado mit Spanisch als Amtssprache fordern, ein Oglala, der South Dakota als widerrechtlich besetztes Territorium seines Volkes betrachtet und „Ami go home!“ fordert (nämlich home to Europe). Eieiei, waren diese US-Bürger antiamerikanisch!

    Zur Abrundung noch ein paar süße California Girls, die die Schlussfolgerung nahelegten, dass die Blondinen-Klischees doch nicht so ganz falsch sind und Sex and th City vielleucht doch Realität abbildet 😉

    und ein Mann aus Oregon, der einerseits ein so tiefgläubiger protestantischer Christ ist wie ich hierzulande kaum wen kenne und andererseits sowohl Demokraten als auch Republikaner so richtig Scheiße findet und Big Government für so was Ähnliches hält wie organisiertes Verbrechen.

    Sagt selbst, bei der Mischung: Wo sollte da ein Nationalcharakter (den es sowieso natürlich nicht gibt)sichtbar werden?

    che2001

    26. August 2007 at 13:54

  3. Ach übrigens, gerade das hier gefunden. Passt ja irgendwie:

    http://netbitch1.twoday.net/stories/4198803/

    che2001

    26. August 2007 at 14:01

  4. Che, wenn Du gegen die Existenz eines „Nationalcharakters“ argumentierst, rammst du bei mir offene Türen ein. Was Du auch weißt …

    Im Übrigen finde ich es Klasse, das St. Pauli doch noch gewonnen hat.

    MartinM

    26. August 2007 at 14:36

  5. Ja,aber die Form von Werder lässt sehr zu wünschen übrig!

    che2001

    26. August 2007 at 14:50

  6. Es gibt den ideologischen Antiamerikanismus der Nachkriegsgeneration („Man muß denen nicht alles nachmachen“, „primitive Beat-Musik“ (obwohl die Beatles Briten waren, war aber egal; da klang der Haß der Nazis auf den Jazz noch nach), der auf der Empfindung einer ungerechtfertigten Suprematie der USA beruhte, wobei viele Deutsche damals sich erst noch zur offiziellen Haltung durchringen mußten, derzufolge der WK II durch Befreiung und nicht durch Niederlage endete.
    Und es gibt den faktischen Antiamerikanismus Lateinamerikas, der seine Ursache in den traumatisierenden Erfahrungen der Völker mit den Maßnahmen des US-Außenministeriums hat.

    Es hat in D weder vorher noch nachher eine derart begeistert-proamerikanische Generation gegeben, wie die der späteren Protestbewegung. „Die USA“ waren Medium und Substanz des jugendlichen Widerstands gegen die Generation der Eltern. Die erste Jeans etwa gab es, wenn es sie denn gab, erst nach erbittertem innerfamiliärem Kulturkampf. Wer meint, daß das irgendwie witzig klingt, dem sage ich: Es war nicht witzig.

    Während die AntiamerikanistInnen sauer reagierten, wenn deutsche Politiker und Medien von „unseren amerikanischen Freunden“ sprachen, war es die Generation der späteren sog „68er“, die in Familie, Schule, Beruf und Freizeit ihren hartnäckigen Proamerikanismus vertraten und praktizierten.

    Als die ersten Greuelberichte aus Vietnam eintrafen war klar, daß es sich nur um sowjetische Propaganda handelt. Als aber die Wahrheit nicht mehr zu verdrängen war, provozierte das den Protest: Man hatte selbst die US-Werte internalisiert, aber die US-Regierung inkl. interessierter Kreise trat sie mit Füßen – nicht „die USA“, da der dortige Protest wahrgenommen wurde, und zwar als vorbildhaft. Antiamerikanismus wäre es gewesen, hätte man nun die Jeans ausgezogen, die Cola ausgespuckt und die Platten weggeschmissen. Aber das fand nicht statt.

    Zwischen MartinM und mir gibt es zwei Unterschiede: Er schätzt die „68er“ (wobei schon die Bezeichnung kaum tiefergehende Kenntnis verrät: Es müßte selbstverständlich „67er“ heißen), er kennt sie aber nicht. Ich hingegen kenne sie und schätze sie nicht.
    Aber gegen falsche Argumente verteidige ich sie schon.

    MartinM schreibt:

    „Selbst die von mir sonst geschätzten “68er” neigten oft zu äußerst unangenehmen, im Grunde nationalistischen, Feindbildern, (…): ich meine vor allem den Antiamerikanismus, der weit über eine legitime Kritik an US-amerikanischen Aggressionen hinaus gingt und allerlei “bürgerliche” Vorurteile übernahm (”die Amis sind halt oberflächlich”, “in Amerika geht es immer nur ums Geld” usw. usw.).“

    Das ist frei erfunden, durch keine Realität gedeckt, und nur der Stuß, der seit Anfang der 90er von Leuten verbreitet wird, die meinen, hinsichtlich der von den Vätern verlorenen Anti-Studenten-Schlachten nachkarten zu müssen. (Das ist so wie die Vietnamfilme mit Rambo und Chuck Conners, wo der US-Held gewinnt, oder die deutschen Stammtischstrategen der 50er Jahre, die Hitler militärische Fehler nachwiesen, und wenn er diese Fehler nicht gemacht hätte …) Man hat noch eine alte Rechnung offen, und die Qual will nicht enden, weil die Vergangenheit nicht veränderbar ist.

    Ich hatte in Schule und Uni nicht zählbare Debatten und hörte in deren Verlauf so viel Unfug und habe in Büchern so viel Käse gelesen, daß ich bis heute mit „Links“ nichts zu tun haben will. (Spontis und K-Gruppen besorgten dann den Rest.) Was ich aber nie und never gehört habe, waren nationalistische Anti-USA-Feindbilder oder die von MM zitierten Sprüche. Die Sprüche gab es wohl, nur vertut sich MM in der Generation.

    „Erst mit dem Vietnamkrieg konnten die antiamerikanischen Wertvorstellungen, die ihr Eltern ihnen eingebleut hatten unter antiimperialistischen Vorzeichen ausgelebt werden.“

    Sorry, Che, habe ich nicht mitgekriegt, und ich war dabei und mittendrin, Du nicht. Der Generationen-Fundamentalkonflikt in der ersten hälfte der 60er Jahre bestand doch gerade darin, daß die Eltern fassungslos vor dem tiefempfundenen und hochemotionalen Proamerikanismus ihrer Kinder standen, den ihnen wieder auszubläuen sie keinen Weg fanden.

    Nörgler

    26. August 2007 at 15:52

  7. “Erst mit dem Vietnamkrieg konnten die antiamerikanischen Wertvorstellungen, die ihr Eltern ihnen eingebleut hatten unter antiimperialistischen Vorzeichen ausgelebt werden.”

    Sorry, Che, habe ich nicht mitgekriegt, und ich war dabei und mittendrin, Du nicht.-

    Aber meine großen Schwestern waren mittendrin und haben das so erlebt.
    By the way, es gibt da im internen Kanal eine Diskussion, zu der ich gerne Deine Meinung hörte.

    che2001

    26. August 2007 at 16:20

  8. St. Paulééééééééééééeéééééééééééééééé! Ha, 3 Punkte gegen suuuuuuuuuupernette Koblenzer Fans! Und glatt noch mit „Blogmama“ hab ich anstoßen können! Mit Ring2 an meiner Seite!

    Und ich muß doch, im Rahmen dieses Blogs ja vielleicht nicht unwichtig, betonen, daß ich nicht wüßte, bei welchem Erst-, Zweit- oder Drittligsten ansonsten Riesen-Transparente gegen die „rassistische Migrationspolitik von BRD und EU“ geschwenkt würden in der Halbzeit. Babelsberg vielleicht.

    Zum Thema: Martins historisches Szenario ist ja ganz sympathisch, und man kann zumindest in das „Kulturindustrie“-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“, wenn man böswillig ist, „strukturellen Antiamerikanismus“ hineinlesen, wenn man unbedingt Strukturelles mit Nationalem koppeln will. Ansonsten lebte selbst Marcuse in den USA, und das war das doch mit Joan Baez, den Stones, Jimi Hendrix, Hair und Woodstock, insofern auch vielen Briten, Arm in Arm Ringelreihen tanzend, was da den kulturellen Umbruch bereitete, jetzt mal ganz unabhängig davon, daß der „Inner Circle“ des SDS sich wenig um Pop scherte und auch nicht in Jeans rumlief. Und auch die Anti-Vietnam-Bewegung war kein „urdeutsches“ Phänomen, wie der Broder neulich behaupten tat, schreibend, sondern eine große Umarmung von Ströumungen im Land der Befreier.

    Insofern sucht sich doch jeder heutige „ProWestler“ einfach das raus, was ihm gerade in den Kram paßt, selbst dann, wenn jene, gegen die er wettert, den ganzen Tag Charly Parker hörten damals. Die würden doch glatt noch behaupten, die Solidarisierung mit Martin Luther King sei Ausdruck des „Antiamerikanismus“, was ein Bullshit. Pardonnez-moi, Martin.

    Alles Lüge, sach ich mal, trotz aller Kontroversen auf den „Essener Songtagen“, wo die einen Musik hören wollten, während die anderen es nötig fanden, über Politik zu diskutieren.

    momorulez

    26. August 2007 at 18:16

  9. Vielleicht sind einheitlicher Charakter, einheitliche Motivationen und Einstellungen der 67/68er ja genauso eine Chimäre wie Nationalcharakter?

    David

    26. August 2007 at 22:51

  10. Nörgler: das die „68er“ besser „67er“ genannt werden sollten, kannst Du sogar auf meinem Blog nachlesen.

    Ich glaube nicht, dass ich mich, als ich manchen „68ern“ einen gewissen Antiamerikanismus nachsagte, in der Generation getäuscht habe. Natürlich war die Jugendprotest-Welle sehr pro-westlich und pro-amerikanisch, und ich bin der Meinung, dass der kulturelle Umbruch der späten 60er Jahre, von denen die Handvoll „68er“ nur ein Teil waren, sehr viel dazu beitrugen, dass die BRD „im Westen ankam“.

    Getäuscht habe ich mich vielleicht aufgrund meines Geburtsjahrganges. Jene „Alt-68er“,die auch später zugaben, dass sie „68er“ gewesen waren, und die mir gern von „damals“ erzählten, neigten durch die Bank zu einer Haltung, die sicherlich Jeans und Rockmusik mochten – aber ansonsten gerne und undifferenziert vom „US-Kulturimperialismus“ (gemeint waren z. B. zu viele US-Serien in der Glotze) erzählten, und für die es einem Verrat gleichkam, eine Cola zu trinken. Sie hatten auch die alten, m. E. tradierten, Klischees von „oberflächlichen Ami“ drauf.

    Ich vermute, dass es so war, wie Che es beschrieb, dass im Zuge der Anti-Vietnamkriegsprosteste viele „Opportunisten“ und politisch halbgebildete tatsächlich bei den antiamerikanischen (besser: antiwestlichen) Wertvorstellungen, die sie von Eltern, aber auch Lehrern und auch aus Presse und Literatur übernommen hatten, „Halt“ suchten. Unter „antiimperialistischen“ Vorzeichen dürfte „man“ sich „als Deutscher“ endlich mal als „moralisch besserer“ Mensch fühlen, bzw. das Unbehagen darüber loswerden, dass das, was man bis zu seinem 14. Lebensjahr (und länger) geglaubt hatte, nicht nur falsch, sondern auch moralisch verwerflich, „böse“, war.
    Selbstkritik ist schwierig, und Selbsthass, die einzige moralisch legitime Form des Hasses, die außerdem die einzige Form des Hasses ist, die politisch heilsam sein kann, ist psychisch belastend. Daher mag ich Broder und anderen „ProWestlern“ nicht ganz folgen.

    MartinM

    26. August 2007 at 22:57

  11. Ach, komm, Martin, jetzt broderst Du Dir aber einen runter, trotz Schluß-Absatz.

    Es gibt verdammt gute Gründe, keine Coca Cola zu trinken, damals wie heute, und deute das, was Du schreibst, zwischenzeitlich doch mal militärisch und ökonomisch. Das ist doch alles schon einmal durch die Brille des „cultural turn“ der 80er gelesen, was Du da schreibst. Daß sowas wie ein Glauben an „amerikanische Oberflächkichkeit“ verbreitet ist, sei ja unbestriten, aber bei Deiner Argumentation muß man ja ständig „ja“ schreien, sobald irgendwas aus den USA kommt. Das ist doch einfach externalisiert völkisch, den US-Führern folgend.

    Übrigens fühle ich mich auch in der Tat moralisch besser als die SS-Leute von einst. Die einzige Möglichkeit, das nicht zu fühlen, wäre wohl, zwischendurch mal ein paar Juden zu vergasen. Diese Rhetorik ist doch totaler Schwachsinn. Und in der Tat ist das 3. Reich auch ein Negativ-Bezugspunkt, wäre ja schlimm, wenn nicht. Was ist denn da bitte die Alternative?

    Natürlich spielte auch in der Friedensbewegung der frühen 80er eine Rolle, daß man nach zwei Weltkriegen, die hier angezettelt wurden, nun mal für Frieden sein wollte. Ja, und? War mein Vater ein Arschloch, weil er als Ex-Pimpf mit 17 im Krieg ein Bein verlor und dann daraus lernen wollte, drum im Kampf gegen die Wiederbewaffnung in die SPD eingetreten ist und den Rest seines Lebens auf allerlei Ebenen für Völkerverständigung eintrat? Bei diesen Deutungsmustern, die Du hier reproduzierst, wäre das ja pure Schande und er hätte nur die Wahl gehabt, entweder die US-Staatsbürgerschaft anzunehmen oder Nazi zu bleiben, weil alles andere ja verlogen wäre. Was ein Quatsch.

    Das hat doch alles mit Varianten eines „deutschen Kulturalismus“ einen Scheißdreck zu tun.

    @David:

    Ja, ist so.

    momorulez

    27. August 2007 at 6:35

  12. Nicht umsonst sagte die Anti-Atom-Raketen-Friedensbewegung´, sie handle gemeinsam mit „Dem anderen Amerika“ (was das alles sein kann, ist in meinem Posting oben grob angerissen, damals meinte es die US-Friedensbewegung, die so „antiamerikanisch“ war, ein Atom-U-Boot auf dem Helgen wegen der Massenvernichtungskraft seiner Sprengköpfe „USS Auschwitz“ zu taufen und z.B. Leute wie den Reverend Jackson oder Senator Dellums und natürlich Dylan, Baez & Co.). Im Allgemeinen wird „Antiamerikanismus“ benutzt, um Antiimperialismus zu denunzieren.

    che2001

    27. August 2007 at 8:50

  13. Oh, MomoRules, da überinterpretierst Du mich doch gewaltig. (Zumal ich selbst nicht so „pro-amerikanisch“ wäre, dass ich zum allem „ja“ sagen würde, was aus den USA kommt. Das verlangt ja noch nicht mal der Broder – den ich eher als Israel-und-Island-Fan einschätze.)
    Nicht jeder, die die US-Regierung kritisiert, keine Soap-Operas aus den USA mag und McDonalds selbst bei knurrendem Magen weiträumig umgeht, ist Anti-Amerikaner (dann wäre ich ich auch einer). Umgekehrt ist nicht jeder, der Elvis hört, Jeans trägt und gern mal ´ne Cola trinkt, Pro-Amerikaner.

    Und es gibt leider ´ne Menge US-Bürger, die auch ihre Art so was wie „Antiamerikaner“ sind. Weil sie Werte vertreten und sich auf Traditionen berufen, die im Widerspruch zu der Werten der „amerikanischen Revolution“ und der US-Verfassung stehen. Nein, damit meine ich nicht die um ihre Rechte kämpfenden Ureinwohner. Denn deren Traditionen entstammen zwar nicht der „amerikanischen Revolution“ und der US-Verfassung, widersprechen ihr aber nicht. Hingegen vertritt sogar die derzeitige US-Regierung Standpunkte, die ich nur als dem „Geist“ der US-Verfassung widersprechend ansehen kann.

    Nebenbei: wenn ich die „68er“ durch die Bank als „antiamerikanisch / antiwestlich“ sehen würde, dann würde ich ihren Einfluss auf die politische Kultur der BRD nicht so positiv werten.

    Was ich meine: selbst die deutschen 68er waren sehr viel „deutscher“, in manchen Dingen durchaus „deutsch-nationaler“, als es ihnen klar war. Den Umschlag des „Mainstreams“ der „deutschen Linken“ von einer radikal pro-israelischen zu eine ebenso radikal anti-israelischen Haltung Ende der 60er, Anfang der 70er kann ich mir ohne den Rückgriff auf (unbeabsichtig!) übernommenes Gedankengut der „Verdränger und Verharmlosergeneration“ nicht vorstellen. Da hat der Broder IMO schon recht.

    MartinM

    27. August 2007 at 9:02

  14. @Den Umschlag des “Mainstreams” der “deutschen Linken” von einer radikal pro-israelischen zu eine ebenso radikal anti-israelischen Haltung Ende der 60er, Anfang der 70er kann ich mir ohne den Rückgriff auf (unbeabsichtig!) übernommenes Gedankengut der “Verdränger und Verharmlosergeneration” nicht vorstellen. Da hat der Broder IMO schon recht.

    che2001

    27. August 2007 at 9:13

  15. Na, wat Dich mit Broder und Liza und Konsorten eint ist, aber diese Motivkonstruktion.

    „Und es gibt leider ´ne Menge US-Bürger, die auch ihre Art so was wie “Antiamerikaner” sind. Weil sie Werte vertreten und sich auf Traditionen berufen, die im Widerspruch zu der Werten der “amerikanischen Revolution” und der US-Verfassung stehen.“

    Was für Werte denn? Inwiefern ist „Persuit of Happiness“ und „Liberty“ denn ein Wert? Ich finde die ja auch gut, die US-Verfassung, aber doch im Sinne universeller Moral und nicht im Sinne irgendeines Amerikanismus, zu man sich dann positiv oder negativ verhalten könnte. Das ist doch eine Projektion des „deutschen Wesens“, an dem dann die Welt genesen solle (höhö).

    „Was ich meine: selbst die deutschen 68er waren sehr viel “deutscher”, in manchen Dingen durchaus “deutsch-nationaler”, als es ihnen klar war.“

    Daß die hiesigen deutsch waren, ist ja einerseits unbestritten, umgekehrt ist das aber auch Blödsinn, weil ’68 nun gerade kein ausschließlich deutsches Phänomen war. Frankreich und USA waren da in ähnlichen Hinsichten auch bewegt und Prag auch.

    Natürlich fand damals erstmals auf großer Bühne eine Auseiandnersetzung mit der Väter- und Großväter-Generation statt, aber das ist ist doch nicht „deutsch-national“, Quatsch. Dann wären ja auch die Ant-Vietnam-Demos in den USA „deutsch-national“ gewesen.

    „Den Umschlag des “Mainstreams” der “deutschen Linken” von einer radikal pro-israelischen zu eine ebenso radikal anti-israelischen Haltung Ende der 60er, Anfang der 70er kann ich mir ohne den Rückgriff auf (unbeabsichtig!) übernommenes Gedankengut der “Verdränger und Verharmlosergeneration” nicht vorstellen.“

    Dazu kann der Che mehr sagen als ich, die linken Szenen, in denen ich mich so rumtrieb, waren durchgängig negativ auf Antisemtismus und den Holocaust und das 3. Reich überhaupt bezogen, und „Nie wieder!“ stand deutlichst im Zentrum aller Handlungen. Und das war noch zu Beginn der 90er nicht anders.

    Womit ich jetzt gar nicht sagen will, daß es im Umfeld der 68er nicht harsche Israel-Kritik gegeben hat.

    ber daß nun auf einmal die Linke in ihrem Mainstream eine Wende zum Antisemtismus vollzogen habe, das ist nun wirklich Demagogie, die davon ablenken soll, daß die Neue Rechte durchgehend Israel instrumentalisiert und somit mißbraucht. Und das ist ziemlich eklig, daß viele, die mit einem Fuß im Neofaschismus stehen, die Opfer dessen dann wie diese Menschen an den Autos vorne dran in Mad Max II rhetorisch vor sich her schieben.

    momorulez

    27. August 2007 at 9:27

  16. @Den Umschlag des “Mainstreams” der “deutschen Linken” von einer radikal pro-israelischen zu eine ebenso radikal anti-israelischen Haltung Ende der 60er, Anfang der 70er kann ich mir ohne den Rückgriff auf (unbeabsichtig!) übernommenes Gedankengut der “Verdränger und Verharmlosergeneration” nicht vorstellen. Da hat der Broder IMO schon recht.- Das ist bereits ein antideutsches Theorekonstrukt, das ich auf meinem Blog schon ein paarmal beim Wickel hatte. Da werden nämlich mehrere Komponenten unterschlagen.

    Die „Verdränger- und Verharmlosergeneration“ reagierte nämlich auf den 6-Tage-Krieg, indem es Mosha Dajan als „Neuen Rommel“ feierte. Die Alten Kameraden entsorgten gewissermaßen ihre antisemitische Vergangenheit indem sie sozusagen dem Juden auf die Schulter klopften und sagten „Jetzt bist Du einer von uns!“. Parallel dazu änderte die Sowjetunion nach dem Sechstagekrieg ihre Nahostpolitik. Dies hing einerseits mit Machtinteressen in der Region zusammen, dies es ratsam erscheinen ließen, im Ost-West-Konflikt auf die blockfreien, aber aufgrund vorangegangener Konflikte (Kolonialkriege, Suez-Krise) antiwestlich ausgerichteten sog. progressiven arabischen Staaten Ägypten, Algerien, Libyen, Syrien und Irak zu setzen, andererseits damit, dass die sowjetischen Juden zu diesem Zeitpunkt gerade Partizipationsforderungen erhoben (eigene Vertretung im Obersten Sowjet, besondere Minderheitenrechte)und der Sieg Israels im Sechstagekrieg (der aus Sicht der Sowjetunion ein Sieg französischer über sowjetische Waffen war)von israelischen Juden gefeiert wurde, und schließlich auch mit der Infragestellung der sowjetischen Autorität durch de Prager Frühling. Die Reaktion der UDSSR war verschärfte Repression gegen die sowjetischen Juden und in der Folge eine Neuausrichtung ihrer Außenpolitik auf eine scharf antizionistische Linie, die auch von allen Bruderstaaten außer Rumänien und einschließlich Kubas nachvollzogen wurde. Begründet wurde diese Linie mit einer antiimperialistischen Ideologie, nach der Israel neben den USA und Südafrika einer der Frontstaaten des Imperialismus sei. Und dieser Antiimperialismus wurde praktisch von der gesamten marxistisch-leninistischen Linken, auch definitiv antisowjetischen Kräften wie Maoisten und Trotzkisten aufgegriffen. Zwischen diesen beiden Bezugspunkten bewegt sich der antizionistesche Schwenk der deutschen Linken, dessen Erklärung also ganz ohne Antiamerikanismus auskommt.

    Im Übrigen ist festzustellen, dass sich bedingt durch und in Folge der Besatzungspolitik der Staat Israel seit 1967 ganz real von einem egalitären, in Teilen (Kibbuzim, Rolle der Gewerkschaften)sozialistischen Staatsmodell zu einer im höchsten Maße sozial ungleichen (größere Klassenunterschiede als in irgendeiner anderen westlichen Demokratie), durchmilitarisierten und in der Art der des Besatzungsregimes auch apartheidähnlichen Gesellschaft entwickelt hat. Insofern ist ein Stück der aus propagandistischen Gründen verkündeten antiimperialistischen Postulate von 1968 im Nachhinein tatsächlich eingetroffen.

    che2001

    27. August 2007 at 9:35

  17. Korrektur: und der Sieg Israels im Sechstagekrieg (der aus Sicht der Sowjetunion ein Sieg französischer über sowjetische Waffen war)von SOWJETISCHENJuden gefeiert wurde

    che2001

    27. August 2007 at 9:38

  18. Zur Deutschheit der Auseinandersetzung mit der Väter- und Großväter-Generation:

    „Come mothers and fathers
    Throughout the land
    And don’t criticize
    What you can’t understand
    Your sons and your daughters
    Are beyond your command
    Your old road is
    Rapidly agin‘.
    Please get out of the new one
    If you can’t lend your hand
    For the times they are a-changin‘.

    The line it is drawn
    The curse it is cast
    The slow one now
    Will later be fast
    As the present now
    Will later be past
    The order is
    Rapidly fadin‘.
    And the first one now
    Will later be last
    For the times they are a-changin‘.“
    Bob Dylan

    che2001

    27. August 2007 at 9:47

  19. Also, die mir bekannten nicht-organsierten, linksliberalen Sozialdemokraten (vor Schröder, seitdem will das ja kein Mensch mehr sein) haben als nicht-marxistisch-leninistische Linke keinen antizionitischen Schwenk vollzogen. Man erlaubte sich dennoch, das:

    „Im Übrigen ist festzustellen, dass sich bedingt durch und in Folge der Besatzungspolitik der Staat Israel seit 1967 ganz real von einem egalitären, in Teilen (Kibbuzim, Rolle der Gewerkschaften)sozialistischen Staatsmodell zu einer im höchsten Maße sozial ungleichen (größere Klassenunterschiede als in irgendeiner anderen westlichen Demokratie), durchmilitarisierten und in der Art der des Besatzungsregimes auch apartheidähnlichen Gesellschaft entwickelt hat.“

    nicht gut zu finden. Gerade weil es einen sehr hohen Identifikationsgrad mit Israel gab – und bei mir ja auch noch gibt.

    Übrigens ergänzt noch mit Argumenten, die mittlerweile von der Neuen Rechten unsittlich aufgesogen wurden: Daß es sich eben um einen verhältnismäßig pluralisischen, demokratischen Staat inmitten von Diktaturen handelt. Erinnere mich noch gut daran, mich in den frühen 90ern über islamischen Fundamentalismus aufgeregt zu haben – seitdem aber diese ganzen neurechten Spacken verlogen lauter Argumente verdreht und vereinnahmt haben, ist das Thema ja eigentlich nicht mehr diskutierbar, und da ist Broder schon an vorderster Front mitschuldig.

    Kleine Randanekdote: Mein in Frankfurt geborener, muslimischer Kumpel, Perser (sagt er selbst so), war neulich in Jerusalem und wollte die große Moschee besuchen, in die offenkundig nur Muslime dürfen. Erst war da ein israelischer Wachposten, der ihn ohne weiteres durchließ. Dann stieß er auf die arabischen Wächter der Moschee, und die ließen ihn nicht rein, weil sie ihm nicht glaubten, muslimisch zu sein …

    momorulez

    27. August 2007 at 9:57

  20. Wie in Mad Max die Vorbereitung des permanenten Verteidigungsfalls.
    Kann mich noch an den Verrückten in der Karre erinnern, der da auf die entnervten Bullen zuraste. Nichts zu verlieren, mit hysterischem Spass am Zerstören. Eben noch mal vor dem Heroentod die devote Beifahrerin erniedrigt. Wenn das mal nicht auf das Islambild der Neurechten passt.

    Übrigens auf mein Bild von manchen Hansa-Fans auch.

    ring2

    27. August 2007 at 10:15

  21. Abgesehen davon: Da macht man einen Eintrag zu Geschichte und Kaiserreich und dem Umgang damit, und was wird diskutiert? Der vermeindliche Antisemitismus und Antiamerikanismus der Linken.

    Und die Konservativen und Neuen Rechten lachen sich einmal mehr in’s Fäustchen, daß diese Strategie immer wieder funktioniert ….

    momorulez

    27. August 2007 at 10:23

  22. Stimmt, da schlagen die eingefahrene Diskussions-Gleise durch. 😉 Ich kam auf das Thema, weil ich eine geschichtliche Kontinuität des durch die Klammer des „gemeinsamen Feindbildes“ zusammengehaltenen „deutschen Nationalgefühls“ sehe – und Adenauer (und später auch z. B. Kohl, Schröder und auch Fischer) in der Feindbild-konstruierenden Tradition Bismarks, aber auch schon Fichtes und der „Nationalromantiker“, sehe. Es gibt zwar auch anderswo derartige Feindbildprojektionen, auch und gerade in den USA. Die deutsche Besonderheit besteht darin, dass der deutsche Nationalismus nicht aus sich heraus bestehen kann, sondern des „feindseligen Anderen“ bedarf. Einen „gesunden Nationalismus“ halte ich sowieso für so etwas wie „gesunden Krebs“ – Krebs kann allenfalls „gutartig“ sein. Da sich der deutsche Nationalsmus als besonders bösartig erwiesen hat, stellt sich die Frage, was ihn soviel bösartiger macht als z. B. den auch nicht völlig harmlosen französischen Nationalismus. Neben dem Konstrukt der „Kulturnation“ (statt, wie z. B. in den USA und Frankreich der „Willensnation“) und dem „organizistischen“ Staatsmodell (Staat als Gesamtorganismus, dem sogar ein einheitliches Empfinden zugesprochen wird) ist es diese „Bedrohungsklammer“, die meiner Ansicht nach den deutschen Nationalismus seine besondere Gefährlichkeit verleiht.

    MartinM

    27. August 2007 at 10:59

  23. Abgesehen davon, dass es keinen gutartigen Krebs, sondern nur gutartige Tumore gibt, ist doch eigentlich sehr positiv festzustellen, dass in Deutschland niemand mehr vom Erbfeind Frankreich spricht.

    che2001

    27. August 2007 at 11:20

  24. Ich glaube, das liegt daran, daß „Deutschland“ nicht im selben Sinne eine einheitliche Geschichte hatte wie Frankreich oder England und daß in der Tat Bismarck die Kriege brauchte, um Zusammenhalt nach innen zu stiften angesichts realer „Kleinstaaterei“ und ja damals auch noch wichtiger, konfessionaler Unterschiede – die wirkten ja bis ’68 auch noch sehr stark, und die wurden in Frankreich z.B. lieber gleich vertrieben (waren doch die Hugenotten, oder?). Habe das immer als „Wurzel des Übels“ begriffen, und nicht zufällig gab’s dann ja Faschismus auch in Italien, wo das ja historisch ähnlich war, man korrigiere mich. Also jetzt nicht hinsichtlich der Konfession, sondern hinsichtlich der „Kleinstaaterei“. Und in Belgien waren die Neo-Faschisten meiner Wahrnehmung nach die ersten, die Motive der aktuellen, neurechten Kulturalisten formulierten.

    Die 48er-Revolution hat ja noch die demokratische Partizipations-Nation zu erringen versucht, und dieser ganze romantisch inspierierte Quatsch, der dann verbreitet wurde, ist immer auch Erfindung, die als Gegenbewegung zu den tatsächlich liberalen Wurzeln von ’48 zu verstehen sind.

    Deshalb mußten doch die Nazis die Dir wichtigen Mythen dann auch vergewaltigen und sich einverleiben, um überhaupt sowas wie eine geteilte Geschichte behaupten zu können.

    Ich finde ja deshalb auch den Förderalismus eigentlich super, weil der das Problem ernst nimmt. Den sollte man eher noch ausbauen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ist eher Komplex-Kompensation, was von Bismarck bis Hitler dann unternommen wurde. Und immer dann, wenn die einsetzt, wird’s brandgefährlich, sieht man ja bei den Ossis heute auch gelegentlich.

    Zur „verspäteten Nation“ kann Che ja vielleicht noch was sagen …

    momorulez

    27. August 2007 at 11:26

  25. @Che:

    Es gibt so Arbeitsbereiche meines ganz alltäglichen Berufslebens, da kann man das so nicht sagen 😉 …

    momorulez

    27. August 2007 at 11:27

  26. Es gibt da den Erklärungsansatz des Faschismus als durch Umstrukturierungsprobleme feudaler Agrargesellschaften bedingte Abweichung vom „normalen“ kapitalistischen Modell, das sonst ein liberaler Verfassungsstaat ist.
    (Mommsen, Jäckel, Hildebrand, Organski, Moore)
    Passt ganz gut für Deutschland, Italien, Japan,
    Spanien, Portugal und Griechenland. Es gibt ja keinen losgelösten deutschen Nationalismus an sich. Im Gegensatz zum US- oder französischen Nationalismus, der die Verteidigung der demokratischen Republik zum Inhalt hast, handelt es sich in Deutschland um einen Nationalstaat,der gegen die demokratischen Kräfte durchgesetzt wurde, gestützt auf Armeen mit feudalen Traditionen

    che2001

    27. August 2007 at 12:10

  27. Che: Ich habe da einen riesigen Bock geschossen, aus Unaufmerksamkeit, denn „gutartigen Krebs“ gibt es nicht, was ich auch weiß aber *NICHT* geschrieben habe.
    Genau so fehlerhaft aus Unaufmerksamkeit, wenn auch nicht auf ein Wort zusammenzubringen, sind meine Behauptungen über den „Antiamerikanismus“. Erst nachdenken, dann schreiben. Und alles, was man nicht weiß, nachschlagen.

    Dass die „Französisch-Deutsche Erbfeindschaft“ weitgehend begraben ist, ist ein Resultat harter Arbeit. Wie ich bei Recherchen um den „Farbfernsehstreit“ herausfand(ich habe dazu was auf meinem Blog geschrieben), war sie in den 60er Jahren durchaus noch nicht erledigt, wenn auch die deutsche Seite sich gerade mal 20 Jahre nach dem Krieg beim Spucken nationaler Töne zurückhielt (dafür, wie von einem britischen Kommentator süffisant bemerkt wurde, ziemlich arrogant auf der technischen Perfektion des PAL-Systems herumritt – und stets so tat, als ginge es ausschließlich um rein technische Fragen).

    Ich bin der Ansicht, dass die „48er Revolution“ durchaus zu einem föderativen Staat hätte führen können – aber die Gegenkräfte waren (auch militärisch) stärker. Wenn man „Adel“ und „Großbürgertum“ (schon 1848 weitgehend auf der Seite der „alten Eliten“) mit im Boot haben wollte, dann bliebt in der Tat nur Bismarks „Eisen und Blut“, um so etwas wie einen einheitlichen Nationalstaat zu „schmieden“.
    Weshalb ich dann, wie „Alternativwelt“-Autoren wie Harry Harrison (und, wenn ich ihn richtig verstehe, auch Winston Churchill) eine Welt, in der es niemals einen „zusammengeschmiedeten“ deutschen Nationalstaat gegeben hätte, für eine bessere Welt halten würde. In diesem Sinne bin ich wirklich so was wie „Antideutsch“ – besser: anti-deutschnational. Liegt vielleicht an meiner „politischen Prägung“:
    Ich erinnere mich auch an Diskussionen bei der GAL in den 80ern, als die „deutsche Einheit“ noch als „Träumerei an nationalistischen Kaminen“ galt. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass „Einheit“ und „Freiheit“ in Deutschland einfach nicht zusammengehen. Ein „demokratisches Deutschland“ sei am Besten zu verwirklichen, wenn es „lauter kleine Friesenrepubliken“ (ich glaube, das war von Thomas Ebermann) gäbe. Und es gab, als die „Einheit“ wirklich anstand, bei den Schleswig-Holsteinischen „Grünen“ eine interne Probeabstimmung in der Landtagsfraktion, ob man eine deutsche Vereinigung nach außen vertreten soll. Irgend ein Scherzbold hatte die Möglichkeit „Schleswig-Holstein sollte sich Dänemark anschließen“ mit zur Abstimmung gestellt – und diese Möglichkeit erhielt die Mehrheit der Stimmen. (Ich hätte auch so gestimmt, auch wenn ich bestimmte Aspekte des dänischen Nationalgefühls gar nicht schätze.)

    Momo: „Deshalb mußten doch die Nazis die Dir wichtigen Mythen dann auch vergewaltigen und sich einverleiben, um überhaupt sowas wie eine geteilte Geschichte behaupten zu können.“

    Eine von Frankreich geteilte Geschichte, nehme ich an? „Germanenmythen“ eignen sich trefflich dafür, einen historisch-ideologischen Graben zu den „Welschen“ (Romanen) und den „Wenden“ (Slawen) auszuheben. Wobei das ja ständig von tagespolitischen Erfordernissen überlagert wurde. Die Antwort, inwieweit die Nazis wirklich „pangermanisch“ gedacht haben, hängt sicher davon ab, welchen Nazi man gefragt hätte. Meine Vermutungen: Bei Himmler „ja“, bei Göring „is‘ mir doch egal“ (Speer dito), bei Goebbels „da richte ich mich nach dem Führer“, und im Falle Hitlers habe ich das Gefühl, das der ausschließlich nach Gefühl und Vorurteil entschied, wer als „Erbfeind“ und wer als „stammverwand“ zu gelten hätte.

    Aber es stimmt: mit Mythen lässt sich gut manipulieren. Vor allem, wenn niemand auf die Primärquellen der Mythologie zurückgreift.

    MartinM

    28. August 2007 at 6:30

  28. als schweizer, mit deutschen vorfahren, gratuliere ich euch, dass ihr über diese fragen nachdenkt. es schmerzt viele, die sich über die wiedervereinigung gefreut hatten, dass sich in diesem wieder starken, bevölkerungsreichsten land europas, nationalismus und revisionismus auf unverschämte art regen. luther, die wilhelms, bismark und die späteren üblen burschen scheinen wieder aufzuerstehen, wenn man die taktlosen, unsensiblen angriffe gegen polen liest, das under d-land viel gelitten hat. so treibt man polen in die arme des us-imperialismus. also, kämpft für eine gerechte aussöhnung, mit einem strich unter die vergangenheit

    gottstein jürg

    5. September 2007 at 15:16


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