shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Macht über das Leben …

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„Eine andere Folge dieser Entwicklung der Bio-Macht ist die wachsende Bedeutung, die das Funktionieren der Norm auf Kosten des juridischen Systems des Gsetzes gewinnt. Das Gesetz kann nicht unbewaffnet sein und seine hervorragendste Waffe ist der Tod. Denen, die es übertreten, antwortet es in letzter Instanz mit dieser absoluten Drohung. Eine Macht aber, die das Leben zu sichern hat, bedarf fortlaufender, regulierender und korrigierender Mechanismen. Es geht nicht mehr darum, auf dem Feld der Souveränität den Tod auszuspielen, sondern das Lebende in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren. Eine solche Macht muß aber eher qualifizieren, messen, abschätzen, abstufen, als sich in einem Ausbruch manifestieren. Statt die Grenzlinie zu ziehen, die die gehorsamen Untertanen von den Feinden des Souveräns scheidet, richtet sie die Subjekte an der Norm aus, indem sie sie um diese herum anordnet.“

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1983, S. 171 bis 172

Und wenn man per Computergrafik messen will, kann man nur entweder Punkte oder Flächen bestimmen. Schreibt Friedrich Kittler. Dazu ein anderenmal mehr, das ist kompliziert.  Hängt aber mit dem Thema zusammen; die Medien des Messens, Bestimmens und Normierens sind eben nicht nur die Bundestrojaner. Was die liberale Kritik der Macht eben zur halbierten allenfalls macht: All die fiesen, kleinen Rationalitäten, die sich Wissenschaft nennen und den mythischen Diskurs bevölkern, die sind evolutionär weit über über Stalin hinausgewachsen. Aber so ist das halt in der schönen, neuen Welt … Bushido  ist nur ein Medium der Biologie. Oder so.

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Written by momorulez

30. August 2007 um 7:33

10 Antworten

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  1. Sehr lesenwert in der Hinsicht (fpr mich von enormem Erkenntniswert): „Biopolitische Konzepte der Neuen Rechten von Reinfelder und Schwarz, wo sichtbar wird, wie Diskurse, die ihren Ursprug m Umfeld der NS-Rassenhygiene haben, verselbstständigt heute unsere Gesellschaft durchziehen und prägen. Da sind Bell Curve und Zwillinsforschung nur die Spitze des Eisbergs.

    che2001

    30. August 2007 at 8:24

  2. Wobei Foucault das deutlich früher ansetzt, das Ansteigen der Bio-Vermachtung – und die NS-Ideologie begreift er, wenn ich das jetzt richtig in Erinnerung habe, als „Regime des Blutes“, das müßte ich aber noch mal nachlesen, wie er das denn in Beziehung zur Bio-Macht setzt …

    momorulez

    30. August 2007 at 9:10

  3. Das ist mir klar, die Körpergeschichte bezieht ja z.B. den militärischen Drill in den stehenden Heeren nach dem Dreißgjährigen Krieg (New Model Army) als massenpsychologische Voraussetzung der disziplinierten Arbeitsweise in der kapitalistischen Fabrik, sozusagen als die vorbereitende Zurichtung des Proletariats, ebenso wie die Stockprügel in den damaligen Schulen als die äußere Verankerung einer noch nicht verinnerlichten Moral, die durch erst später erworbene Internalisieungsmethoden überflüssig wurden (Was geschah, als Joseph II die Folter abschaffte und die Schulpflicht einführte, mit all den Folterknechten? Und wo kamen plötzlich all die Lehrer her?). Auch die heute noch immer zumindest nicht ungültigen Geschlechtsrollenstereotypen in ihrer aktuellen Form wurden wesentlich in jener Zeit und unmittelbar davor geprägt, und da gehören dann halt auch Hexenverbrennungen mit dazu.

    Elias meets Foucault – in der Historiographie nichts Neues.

    che2001

    30. August 2007 at 9:23

  4. Nachtrag: „mit ein“

    che2001

    30. August 2007 at 9:24

  5. Nee, ich glaube nicht, daß man da Elias und Österreicher und Foucault in einem Atemzug nennen kann, und auch nicht, daß die Hexenverbrennung im Biomacht-Positiv verankert ist, und insofern auch, daß das für die Historiographie was wirklich Neues war.

    Für Foucault ist gerade der BRUCH im Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert das Entscheidende (so ja auch in DIE ORDNUNG DER DINGE und ÜBERWACHEN UND STRAFEN), und was dann im 19. Jahrhundert so entstand, hat er immer als etwas qualitativ Neues verstanden. Elias ist doch eher die naturberrschende Lineargeschichtsschreibung, oder?

    momorulez

    30. August 2007 at 9:44

  6. Ich rede nicht von einem Atemzug, sondern davon, dass methodisch solche Verbindungen in der Alltags- und Mentalitätsgeschichte schon gezogen werden, und mit „nichts Neues“, dass die entsprechenden Kategorien in den 1980ern geschaffen wurden und heute anerkannte Wissenschaft sind. Elias ist überhaupt keine naturbeherrschende Lineargeschichtsschreibung, sondern die Vorstellung von Zivilisatonsgeschichte als hochdynamischer intersubjektiver Prozess, Naturherrschung als durch oft zufällige oder unvorhersehbate Faktoren bedingter Anpassungsprozess (Pest und Syphilis als Grundlage der Verwendung von Essbesteck aufgrund Infektionsangst),die Inszenierung von körperlich empfundener Peinlichkeit und Scham als Herrschaftsinstrument und Voraussetzung des Funktionierens im kapitalistischen Produktionsprozess und die Einteilung der Geschichte in Entwicklungsphasen, die sich durch das Ausmaß unterscheiden, in dem Zwänge äußerlich zur Anwendung kommen oder verinnerlicht werden (demzufolge es z.B. Zeiten gab, in dem zu harter entfremdeter Arbeit Peitschenhiebe die Voraussetzung waren, weil es noch keinen Arbeitsethos gab, stark vereinfacht ausgedrückt). Auch für Elias ist ein großer BRuch entscheidend, er setzt den aber schon im Mittelalter an

    „Die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen ist nur die erste, die allgemeinste der gesellschaftlichen Transformationen. „Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur steht mit der Ausbildung von Monopolinstitution der körperlichen Gewalt und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang.“ Elias ist sehr viel positivistischer als Foucault, aber Berührungspunkte sind da durchaus. Die Historiographie der „Annales“ bewegt sich zwischen beiden Polen.

    Elias hat eine kopernikanische Wende in der Soziologie vollzogen: Die Abkehr der Vorstellungen von Gesellschaft als Organismus oder Vertrag zwischen Individuen und die Hinwendung zum offenen Entwicklungsprozess.

    che2001

    30. August 2007 at 10:17

  7. Den „Zwang zum Selbstzwang“ hatte ich auch noch drauf, ansonsten habe ich mich mit dem auch nur am Rande beschäftigt. Hatte in grauer Vorzeit mal ein Seminar zur „Sozialdisziplinierung in der Frühen Neuzeit“, und da wurden dann Foucault, Elias und Österreicher als konkurrierende Konzepte zur Darstellung gebracht (ich war halt der Foucault-Referent, damals, ’94. Und für die Historiker war der Foucault damals zumindest bei unseren Sozial- und Wirtschaftsgeschichtlern noch was ganz Neues).

    momorulez

    30. August 2007 at 10:26

  8. Foucault war für uns schon 1984 quasi Arbeitszeug des Historikers. Wohlgemerkt für uns als Studierende und auch fürs MPI, nicht für die Profs an der Uni, die teils bis heute Historisten sind.

    che2001

    30. August 2007 at 10:43

  9. Mir ist der dan gleich zu Beginn meines Studiums, ’87 war das, in’s Leben geschneit. Ein Vortrag und dann auch’n Seminar von und bei Herbert Schnädelbach zu „Die Ordnung der Dinge“. Und dann ließ er mich nicht mehr los …

    momorulez

    30. August 2007 at 10:55

  10. Im Übrigen: Unterschiedliche Konzepte zur Sozialdisziplinierung in der frühen Neuzeit gehen von einem gemeinsamen sozialhistorischen Paradigma aus, das einem Historisten oder einem positivistischen Industriehistoriker fremd wäre.

    che2001

    30. August 2007 at 10:56


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