shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Kanon: Alles, was man wissen muß!

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Eigentlich wollte ich ja ganz situationistisch flanieren. Einfach nur herumstreifen. Mich  mal wieder frei fühlen, zwischendrin, ganz kurz nur. Umherschweifen. Finde das ja zunehmend plausibel, die Ziellosigkeiit als revolutionären Akt zu begreifen. Kann man ja sogar mit „negativer Freiheit“ begründen. Wenn man will. Grundlos wäre noch besser. Einfach reine Spontanität sein und die Sinne öffnen. Am revolutionärsten war ich ja auch ich, als ich noch die Zeit dazu hatte. Zumindest innerlich. Und das ist ja auch schon mal was.

Natürlich bin ich dann doch wieder  dem Warenfetisch verfallen, habe mich an ihm bis zur Erregung gerieben, als die „Schriften“ von Foucault mir dann trotz angestachelter Vorlust doch wieder zu teuer waren.

So kaufte ich hier ’nen Bildband und da ein „wie werde ich ein kommerziell erfolgreicher Schriftsteller“-Programm und den Herrn Ranciére weiter unten, weil der mir erstmals in dem Documenta-Heft über den Weg lief, weil man als sonst nicht flanieren Dürfender ja nicht viel vom Leben mitbekommt, Herrn Raciére zum Beispiel auch nicht, und irgendwann war ich, na, irritiert: Musealisiert sich dieses Kultur(en) in all ihrem Verfranstsein gerade wirklich? Gar, um sich abzuschotten? Ganz wie vor Gibraltar?
Gut, es gibt auch diese altchinesische Philosophie, daß das Neue ja gar nicht gut sei, sondern allenfalls der Kommentar zum Klassiker, zum I Ging und so, aber kann’s das denn sein?

Dieser ganze kanonisierte Kram von Aristoteles bis Bourdieu, von Heidegger bis Benjamin stand allerorten rum, auch in den Kunstabteilungen ging’s immerhin noch bis Lucian Freud und Warhol, okay, aber ansonsten da Vinci und Michelangelo (grundsätzlich mehr Renaissance als Barock, warum eigentlich?), Matisse und Picasso und Van Gogh – aber daß  dieses „New German Painting“ von dem Herrn Tannert sich dann überall dazwischen drängt, da erschrickt man schon fast. Legt sich schnell wieder, der Schock, weil ein guter Teil dessen, was darin zu sehen ist, selbst ästhetisch musealisiert, ja, ästhetische Musealisierung als Programm verfolgt und abschottet. Weil sich das in den USA offenkundig gut verkauft.
Nicht, daß da nicht auch neue Titel standen, vereinzelt, auf den Philosophie- und Soziologie-Regalen, zum Gebot des „unternehmerischen Selbst“ z.B. – aber ansonsten war das gar nicht so viel anders als damals, als ich noch flaneren durfte, was da stand: Die gleichen hatten ein Namens-Schild am Regal heften, Habermas. Luhmann, in der Billig-Buchhandlung lagen Marx und Adam Smith traut nebeneinander im Sonderangebot, und diese und solche dominierten deutlich die Meter von Büchern, die aufgereihten. Der einzige, der neu hinzugekommen war in den letzeten 10 Jahren, war Agamben, so mit eigenem Schild versehen.

Und dann wird man ja tiefsinnig, ganz kurz nur, über den  Begriff Kanon: Hatte  auf einmal die Vision, daß all die Blogger, mit denen man so diskutiert, im Halbkreis aufgestellt auf einer trüben Bühne stünden und  zeitversetzt ihre Namen ausstießen: Butler, Gramsci, Adorno, Foucault, Marx, Hayek, von Mises, Popper, Friedman und so.

Ist ja eigentlich schrecklich. Man müßte einfach mehr flanieren, ganz ergebnisoffen und ziellos. Aber genau daran will die Hayek-Flanke einen ja hindern, man könnte ja auf dumme Gedanken kommen 😉 …

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Written by momorulez

5. September 2007 um 17:12

8 Antworten

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  1. Wir brauchen halt die Gemeinschaft der Heiligen, sonst fühlen wir uns ganz lost in space. Bin ich aber sowieso, hab ich gestern mal wieder mittels Begegnung mit der Kuratorin unserer Ausstellung gemerkt. Sie deklariert ja ihren Kanon nicht, und meinen scheint sie nicht sehen zu können. Das lässt mich wiederum hoffen, dass mein anti-professionalistisches Konzept vielleicht doch funktioniert, nämlich einfach nicht mehr zu behaupten, es gäbe irgendwelche Antworten, die sich als schöner, böser Zauber im Kunstwerk materialisieren würden. Fragen sehen bloss nicht prächtig aus, sondern hilflos, ziellos.

    T. Albert

    5. September 2007 at 21:55

  2. Schlimm doch eigentlich, diese Gemeinschaft der Heiligen.

    Habe meine ja auch, aber in meinem anderen Leben sind wir auch ständig dabei, zu musealisieren und einen Kanon nach dem anderen zu erzeugen. Was mir jahrelang noch nicht mal auffiel, nur da wir das auf einer Baustelle gerade programmatisch machen, habe ich mich gestern richtig erschrocken. Ohne Tradition geht ja nicht, man kann nicht ernsthaft philosophieren ohne Kant, aber man muß ja nun auch nicht dabei stehen bleiben … bezeichnenderweise ist in Hamburg mittlerweile die Philosophie an die Geschichtswissenschaften gekoppelt worden. Und die sozialwissenschaften mußten mit den Wiwis fusionieren. Da muß es ’nen Zusammenhang mit der Musealisierung geben.

    Das mit der Kuratorin finde ich aber spannend! Kannste da nicht noh mal bei RAR berichten? Wir wollen ja demnächst mal selbst kuratieren … Den einzigen Kurator, den ich bisher so traf, der schien mir eigentlich eher fragend und denkoffen, der ist ja da gleich bei euch um die Ecke. Den maile ich heute mal an, ist eh nötig.

    In der ART-Kritik zur Daniel-Richter-Ausstellung hier in Hamburg stand ganz pompös empört: „Er stellte alle Fragen der Malerei und beantworte keine!“ Spricht ja für ihn …

    momorulez

    6. September 2007 at 6:20

  3. „Am revolutionärsten war ich ja auch, als ich noch die Zeit dazu hatte.“

    Was für ein Satz. Darf man den zitieren? 🙂

    Karsten

    6. September 2007 at 9:01

  4. Gerne. Ist aber völlig richtig.

    momorulez

    6. September 2007 at 9:16

  5. Der Spruch hat aber schon irgendwie was von den Revolutionären, die den Rasen nicht betreten dürfen bzw. sich erst mal eine Bahnsteigkarte kaufen… 😉

    Karsten

    6. September 2007 at 14:51

  6. Nee, der besagt lediglich, daß man vor lauter Eingespanntsein nicht dazu kommt, sich mal ernthafte Gedanken zu machen. Daß ich mir die Zeit zum Geblogge dann einfach genommen habe, das ist für mich tatsächlich wieder sowas wie ein Bewußtwerdungsprozeß. Und in der Hinsicht war ich früher schlicht weiter.

    momorulez

    6. September 2007 at 15:24

  7. Hmmm… wenn Du also dann eines Tages nicht mehr bloggst, muss ich dann davon ausgehen, dass Du eine Revolution vorbereitest? 😉

    Karsten

    6. September 2007 at 19:53

  8. Nee, keine Sorge, aber zumindest wäre das ein Zeichen dafür, daß es im „wahren Leben“ wieder besser läuft …

    momorulez

    6. September 2007 at 20:04


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