shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Das Ganze ist das Unwahre“

with 12 comments

Auch wenn’s ja lansgam albern wird, ich geb’s zu und lasse mich dafür auch gerne beschimpfen, also,  von mir aus nennt mich Schwuchtel, bitteschön, immer her damit:

 „daß der einzelne Mensch im großen und ganzen von der Gesellschaft bestimmt wird. Man könne also die Gesellschaft nur als Ganzes verstehen, mit all ihren Widersprüchen, und dafür sei die wissenschaftliche Methode ungeeignet — nur Dialektik helfe da weiter. „

Inwiefern impliziert die Aussage, daß Menschen durch gesellschaftliche Verhältnisse bestimmt sind denn, daß man die Gesellschaft nur als Ganze bestimmen könne?  Jetzt mal ganz ab von Adorno – selbst wenn in dem ersten Teilsatz da oben  von „die Gesellschaft“ die Rede ist, ist das „also“ im zweiten Satz doch schon wieder grober Unfug? Irre ich? Was is’n das für’n Schluß?
Da ist wieder so eine pathische Projektion, die sich – Hypothese – wahrscheinlich der Verwendung von „Staat“ im liberalen Diskurs verdankt, die zwar nicht immer eine in diesem Sinne holistische ist, aber eine nominalisierende in annähernd jedem Fall. Im Falle von Markt müßte man das mal checken.  In der Tat hat man sich  bei den meisten deutschen Denkern vor dem Linguistic Turn erstmal durch viele solcher unsinnigen Nominalisierungen zu wühlen, und da die Wiwis diesen offensichtlich nicht vollzogen haben bei denen wahrscheinlich auch heute noch, und mit Sicherheit auch bei Adorno; aber seine konkreten, materialen Beschreibungen gehen schon von gesellschaftlichen Verhältnissen aus, die dann bestimmten und formten.

Und vor allem, o Schröck: Wie ist denn das eigentlich  bei Poppers „offener Gesellschaft und ihren Feinden“? Auch nur als Totalität bestimmbar, aber offen? Oder wie? „Die Gesellschaft“ schreibt der ja auch.

In der Tat wurde sich im Postivismusstreit in der Soziologie in den 60erJahren auch ausgiebig um den Begriff der Totalität gekabbelt, und in der Tat hatte da die Popper-Fraktion Recht, habe ich ja da in den Kommentaren ja auch schon geschrieben – aber inwiefern das dann mit Adornos Konzept von Dialektik zu tun hatte, das ist ja noch mal eine ganze eigene Diskussion und so klar nicht.

Die Negative Dialektik als nicht-synthetisierende Methode war explizit gegen „idealistischen Systemzwang“, also u.a. gegen Hegels „Absoluten Geist“, gerichtet, also das, was die Liberalen in der wirtschaftlichen Globalisierung am Wirken sehen, freilich mit Marx materialistisch gewendet, aber schon bestimmt als Synthese aus subjektivem und objektivem Geist; und es ist eine in der Tat übliche Kritik an Adorno, daß Dialektik ohne diesen nicht zu haben sei, also nur als sytemimmante Bewegung hin zur finalen Synthese – globaler Freihandel – denkbar sei. Schon laustig, daß sich ausgerechnet „Staat/Markt“-Dialektiker über Dialektik moquieren.

Kann ich nicht nachvollziehen, diese Kritk, die dialektische Methode Adornos ist im wesentlichen eine Kritik des „identifzierenden Denkens“, die dem Besonderen gegenüber dem Allgemeinen Geltung verschafft und mit begrifflichen Verschiebungen arbeitet, weil jeder Begriff eben notwendig allgemein ist und so dem Besonderen nicht gerecht würde und zudem im Sinne instrumenteller Vernunft lediglich verfügbar machen wolle. Was ein entscheidender Punkt ist in Adornos Wissenschaftskritik. Stattdessen wollte er durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen.

Diese Kritik am falschen Allgemeinen kann man wie alles andere dann selbst auch wieder kritisieren, dazu empfiehlt es sich jedoch, erst mal zu gucken, was er mit all dem meinen könnte, der Adorno, bevor man loslegt. Und falls das in aktuellen englischen Fachzeitschriften diskutiert wird, immer her damit! Ich vermute jedoch, das fällt da uner „kryptik“, weil man damit kein Geld verdienen kann.
Denn er hat u.a. bestimmte, wissenschaftliche Methodiken kritisiert,der Adorno,  insbesondere die Quantifizierung in der Sozialwissenschaft, weil diese menschlichen Qualitäten nicht gerecht würde. So entstand, u.a., aber nicht nur durch ihn initiiert, die qualitative Sozialforschung, die zwar auch nicht ganz ohne Quantifizierung auskommt, die aber z.B. in Gruppendiskussionen in Marktforschungsinstituten – erschütternderweise! – beobachtet werden kann.

Ebenso kritisierte er in der Tat die Kleinteiligkeit des Popperschen Ansatzes, da diese eben nicht im Kontext zu beurteilen vermöge – was ja ein Argument ist selbst dann, wenn man auf den Begriff von Totalität verzichtet, was Popper ja auch wußte, deshalb ja diese Mehrfach-Welten-Lehre, die schlage ich noch mal nach.

Insofern kritisierte Adorno auch nicht „die Wissenschaftlichkeit“, an die mancher heute noch glaubt ungeachtet aller Methodenvielfalt, sondern deren spezifische Weisen – schwierig wird es dann wieder bei der Totalkritik der „Instrumentellen Vernunft“, weil man dann, so Habermas zu recht, nicht mehr angeben könne, was denn eigentlich das Medium der Kritik ist, wenn jegliche Vernunft nur als instrumentelle vorstellbar sei.  Da ist aber sowohl die „Ästhetische Theorie“, Fragment geblieben, als auch die „Negative Dialektik“ eine ausführliche Antwort auf genau dieses Problem, einfach mal drin rumblättern.

Der Begriff der „Nicht-Identischen“, der im Zentrum der „Negativen Dialektik“ steht,  zum Beispiel jenes von Begriff und Sachverhalt, ist ziemlich konsequent anti-holistisch und schlicht kantianisch, wie Popper ja auch Kantianer war, und stand da drüben jetzt noch irgendwas Relevantes?

Nö, eigentlich nicht. Aber so von Kindergarten zu Hochschule kann ich ja eh nicht mithalten, Schande über mein Haupt und laßt mich in Ruhe spielen, denn der Mensch ist nur im Spiel er selbst (Schillr). Und das, was Glucksmann und so meinten, als sie einst von den „Meisterdenkern“ sprachen, ist heute wohl konsequent auf Milton Friedman z.B. anzuwenden.  Philosophen werden eh gerade abgeschafft – im Namen von „rational choice“.

Deshalb abschließend ein kleiner Gag für Philosophen von Karl-Otto Apel: Wie wendet man den Fallibillismus eigentlich auf sich selbst an?

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Written by momorulez

7. September 2007 um 19:40

12 Antworten

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  1. „Schillr“ find‘ ich gut … Rollt so geil rappig. Voll total echt krass unidentisch! ;-)))

    Andreas Ullrich

    7. September 2007 at 20:12

  2. Ich finde Konventionen halt Scheiße, Du, ey, hat mir mein Guru Adorno so geleert, pardon, das war der andere, der mit dem bordeauxroten Kostüm, gelehrt meine ich … habw ja sogar in der verlinkten Passage ganz am Anfang ’nen Dreher drin. Ist bei mir Stilmittel. Oder Analphabetismus der Kindergarten-Meisterdenker. Kannste Dir aussuchen 😉 …

    MomoRules

    7. September 2007 at 20:26

  3. „Habw“ ist aber auch innovativ! Es lebe der flexible Mensch! Auch in der Rechtschreibung!

    MomoRules

    7. September 2007 at 20:27

  4. Und Euch allen muss noch erst ein Habsbawm und Mason geraderücken, was die Anwendung der Theorie auf den konkreten Alltag und die real passierte Geschichte angeht!

    Ansonsten: Boykottiert alle herrschenden Systeme, indem ihr sie nur als mißratene Gaudi betrachtet. Das Recht auf die persönliche Kathedrale muss ebenso selbstverständlich werden wie das auf die massiv goldene Klobrille, ohne vom Primat des Mangels rationiert zu werden.

    che2001

    7. September 2007 at 21:35

  5. So wie das Recht Kinder zu kriegen, auch ohne Mumu!

    David

    7. September 2007 at 21:39

  6. Wenn ich jenes Zitat ”daß der einzelne … helfe da weiter“ lese, und sehe, dies soll ein „Adorno“ (Tippfehler?) vertreten haben, dann handelt es sich offenbar um einen mir bislang unbekannten und schweren Stuß erzählenden Namensvetter des Frankfurter Gelehrten Theodor W. Adorno.

    Gut möglich auch, dass damit Commander „Adama“ aus der Serie „Kampfstern Galactica“ gemeint ist.

    Nörgler

    7. September 2007 at 21:44

  7. Der Völkermord ist die absolute Integration, die überall sich vorbereitet, wo Menschen gleichgemacht werden, geschliffen, wie man beim Militär es nannte, bis man sie, Abweichungen vom Begriff ihrer vollkommenen Nichtigkeit, buchstäblich austilgt. Auschwitz bestätigt das Philosophem von der reinen Identität als dem Tod… Das Unmenschliche…die Fähigkeit, im Zuschauen sich zu distanzieren und zu erheben, ist am Ende eben das Humane, dessen Ideologen dagegen sich sträuben.

    So, das sagte Adorno zu einigen Themen, die hier angesprochen wurden, und nicht Commander Adama.

    che2001

    7. September 2007 at 22:28

  8. @Che:

    Ach, und ich dachte, man müsse Popper und nicht Hobsbawm und Mason lesen, um Adorno zu verstehen?

    Im Original lesen ist ja unwissenschaftlich, eben nur schöne Literatur, also Dein Zitat da unten kannste schon mal in die Tonne treten, das ist einfach nur stumpfe Klassiker-Exegese und allen wissenschaftlichen Axiomen folgend somit das Andere der Vernunft, sozusagen (Statler ist ein Negativ-Böhme 😉 )… das korrespondiert dann auch mit der volkwirtschaftlichen Thoriebildung: Da hat man sich nicht in Betrieben und an Börsen umzuschauen, da geht’s nicht umd Menschen und wie’s denen geht und wie die miteinander reden und welchen Regeln sie dabei warum jeweils folgen, sondern man muß einfach nur nachplappern, was Friedman, die Chicago-Boys und jene, die ihnen folgten, dachten … und das ist dann Wahrheitskriterium und sichert Deinen Job!

    @David:

    Mumu? Hast der was diesen nilpferdartigen Wesen aus den Kinderbüchern hier um mich rum zu tun? Wie heißen die noch, verdmammt – Mormons oder so? Nee, ich meine nicht die Mormonen, das waren so herrliche Fantasiefiguren, Mist, die müßte ich mal wieder raussuchen …

    @Nörger:

    Du verstehst das eifach nicht – im Lberalismus geht’s nicht konkrete Individuen oder komplexe Persönlichkeiten, geschweige denn um das, was jemand tut, alles Black Box – es geht darum, was andere darüber gesagt und geschrieben haben! Und wenn dann Adorno zu Commander Adma mutiert, so mit seiner „Entfremdung vom Selbst“, dann ist das Wissenschaft!

    momorulez

    8. September 2007 at 8:10

  9. Mumu ist Möse bzw. auch Gebährmutter bei Life of Brian, was ja ein Klassiker des ironischen Films ist und deswegen, weil ja auch der Nahe Osten, das Judentum, das Christentum, die Neue Linke und die Palästinenserorganisationen, ja letztlich die Realität veräppelt werden, bestimmt auch wieder strukturell antisemitisch und überhaupt antialles.

    che2001

    8. September 2007 at 9:15

  10. Doch, den habe ich auch mal gesehen und mich königlich amüsiert! Das ist aber, glaube ich, 25 Jahre her 😦 … in einem Jugendzentrum war’s … muß ich mal bei Popper drüber lesen, um die mal wieder aufzufrischen, diese Filmguckerfahrung.

    MomoRules

    8. September 2007 at 9:21

  11. Die Mumins meinte ich:

    http://www.zeichentrickserien.de/mumins.htm

    Da gab’s auch Bücher, und die habe ich geliebt als Kind!

    Kein Wunder, daß auch Adorno später an den Frankfurter Zoo schrub, wo denn die süßen Zwergflußpferde hin seien (oder so ähnlich, stand mal bei Frau Fetcher zitiert).

    MomoRules

    8. September 2007 at 11:49

  12. Aet Noergler. Komisch sehe das gerade, Battlestar Galactica. Der Adama da kann nur Hmm, Grrrmph sagen und ansonsten grimmig schweigen. Auch schön.

    ring2

    8. September 2007 at 21:11


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