shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Ein paar Selbstverständlichkeiten

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Kann mir da jemand weiterhelfen? Die 3-Welten-Lehre Poppers kenne ich tatsächlich nur aus der Sekundärliteratur, Rolf Wiggershaus zufolge läßt sich jedoch anhand dieser ganz gut deutlich machen, worüber wir und die von gegenüber uns immer streiten, sei’s nun bei Pinker, Adorno oder sonstwem.

Ich zitier mal eine Zusammenfassung von einer mir politisch oder erkenntnistheoretisch nicht allzu nahe stehenden Seite:

 

„Welt 1: die anfaßbare, meßbare Wirklichkeit.

Welt 2: die subjektive Empfindungswirklichkeit.

Welt 3: die menschengemachte Welt der Kulturdinge: Musik, Gesetze, Bücher, Theorien, Wissenschaft, auch alle falschen Theorien, Meinungen usw.“

 

 

Kurz: 1.) Metaphysischer Realismus, also das Vorurteil der „gegebenen Welt“, 2.) Sinnesdaten, Gefühle, Stimmungen und zudem andere Rationalitätstypen als jene, denen das wissenschaftlichen Experiment folgt, 3.)  Kultur und Gesellschaft. Haut das hin?

 

In von mir und anderen hier Diskutierenden vertretenen Thesen bedingt Welt 3, was in Welt 1 jeweils Thema wird, und Mittel dazu ist das Verhältnis von 2 und 3. In der Tat gehen hingegen viele gegenüber davon aus, daß ein Erfassen von Welt 1 unabhängig von den anderen beiden Welten möglich sei, was ich ja in der Tat für höheren Nonsens halte, was sich aber, glaubt man Wiggershaus, auf Popperimus berufen kann:

 

„Der logische Empirismus oder Neopositivismus hatte ein Wissenschaftsideal auf die Wissenschaftspraxis projiziert, ohne sich um die wirkliche Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis zu kümmern. Er betrachtete – in Übereinstimmung mit einer bis in die 60er Jahre hinein vorherrschende Ansicht von der wesentlich wissenschaftsintern bestimmten Entwicklung der Wissenschaft – Wissenschaft als eine im Prinzip ahistorische „Dritte Welt“ (Popper) des objektiven Wissens, deren innere Struktur und Entwicklung alleine der Logik unterliege. Popper weitete den Blick und rückte das Problem des Wissenschaftsfortschritts  in den Vordergrund, allerdings unter Einschränkung auf den „context of refutation“ – also die erkenntnistheoretische und logische Überprüfung theoretischer Entwürfe und ihre am Prinzip der Falsifikation orientierte, experimentelle Überprüfung mit dem Ziel der fortgesetzten Annäherung an die Wahrheit. Den „context of discovery“, die für die Logik der Forschung vermeintlich irrelevanten externen Einflüsse psychologischer und sozioökonomischer Art, schloß er aus.“

 

Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, München 1991 (3. Auflage), S. 634

 

Wiggershaus gibt in „Die Frankfurter Schule“ eine ganz gute Zusamenfassung des „Positivismusstreites“, ich hoffe, daß seine Wiedergabe der Position  Poppers korrekt ist und bitte, wenn nicht, um Korrektur.

Klar ist, daß dieses die Position vieler Diskutanten von gegenüber ist; wenn’s denn stimmt, was sich da wiedergegeben findet, ist das eine Form des Platonismus, bei dem man sich eben nicht an die ewigen Ideen, sondern an eine invariante „Wahrheit“ annähert.

Das ist reine Ontologie, während alle richtigen Kantianer dieser Welt das „Ding an sich“, also Welt 1, allenfalls als Denknotwendigkeit, nicht jedoch im Sinne einer Ontologisierung für vertretbar halten.

Sowohl die Kritische Theorie als auch die Poststrukturalisten gehen darüber hinaus davon aus, daß das, was Kant dem Subjekt an Erkenntnisfähigkeit noch zugetraut hat, nur vermittelt über Institutionen und deren Zulassungsweisen und institutionsinternen Regeln, über Machtverhältnisse, Sprache etc. dem Subjekt zugänglich sei, so daß aus dieser Perspektive das „Ding an sich“noch nicht mal mehr denknotwendig, sondern wahlweise als Ideologie oder Konstruktion interpretierbar sei. Eine Position, die sich übrigens mit der eines Willard van Orman Quine durchaus fusionieren ließe  (natürlich nur mit Teilen dessen, was der so vertreten hat, das verschiebt aber die Perspektive mal ein wenig weg von politischen Grenzziehungen).

Popper hingegen hat durch die prinzipielle Möglichkeit der Fasifikation und der Unmöglichkeit des Beweises eine Art Totalisierung von Skepsis betrieben, was noch mal was ganz anderes ist als das, was seine Adepten von Steffen H. über Boche bis hin zu Zettel so vertreten – oder? Die argumentieren zumeist eher im Sinne der ersten Hälfte des obigen Zitates, und komischerweise findet sich sowieso bei den Adepten des Kritischen Rationalismus der metpahysische Realismus wie auch die geforderte, wissenschaftliche Methodologie deutlich prononcierter vertreten als der Fallibilismus. Armer Popper.

 

All das sei nur noch mal referiert,weil’s vielleicht klar macht, worüber man sich überhaupt streitet.

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Written by momorulez

9. September 2007 um 11:00

Veröffentlicht in Das Netz, Philosophie, Wissenschaft

7 Antworten

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  1. Poppers Drei-Welten-Hypothese kenne ich in dem Buch „Das Ich und sein Gehirn“ von Eccles und Popper, dass den „Interaktionismus“ hinsichtlich des Körper-Geist bzw. Leib-Seele Problems zum Thema hat. Das Buch gliedert sich in drei Teile: Einen Teil von Popper, einen von Eccles, die unabhängig voneinander verfasst wurden, und einen Teil, der aus dem Protokoll der Diskussion der beiden zusammengestellt wurde. Eccles, der ein gläubiger Christ war, entpuppt sich darin als Anhänger einer Interaktionstheorie zwischen einer (anscheinend immateriellen) Seele und dem Gehirn, die ich für eine aktualisierte Version der alten Spekulationen von Descartes halte. Popper weicht harten Aussagen zum Interaktionismus eher aus. Insgesamt fasste Popper nur seine aus anderen Schriften bekannten Ansichten zusammen, und das, was Eccles damals über Hirnforschung schrieb, ist teilweise schon veraltet und wird außerdem in unzähligen Sachbüchern besser erklärt. Interessant ist allenfalls der Ansatz, dass die Erkenntnisse der Quantenphysik benutzt, werden, um die Existenz eines freien Willen zu verteidigen. (Schade, dass kein Quantenphysiker mitdiskutierte.)

    Interessant ist, dass Popper sich im Zusammenhang mit seinem 3-Welten-Modell bewußt auf metaphysische, also nicht falsifizierbare Annahmen stützt.
    Popper als Metaphysiker – da war ich erst mal platt. Hingegen hatte ich nicht den Eindruck, dass er, entgegen dem, was Wiggershaus schrieb, dabei die externen Einflüsse psychologischer und sozioökonomischer Art als „irrelevant“ ausschloß. Ich sehe eher ein (idealistisches) Bekenntnis Poppers zu einer „reinen Forschung“, einem sich der Wahrheit schrittweise annähernden, sie aber nie erreichen könnenden Erkenntnisprozess, in in der die externen Einflüsse keine Rolle spielen sollten und nach Möglichkeit aus dem Erkenntnisprozess eliminiert werden müssen. Dazu müssen allerdings die psychologischen, sozialen und ökonomischen Einflüsse auf die wissenschaftliche Theorienbildung bekannt sein.
    Popper versucht, seine „Welt 3“ vom Platonismus abzugrenzen:

    Platons Welt 3 scheint mir, auch wenn sie in mancher Hinsicht sicher eine Vorwegnahme meiner Welt 3 ist, eine Fehlkonstruktion zu sein. Platon hingegen würde niemals Dinge wie Probleme oder Annahmen oder Vermutungen – vor allem falsche Annahmen – in seiner Welt der intelligiblen Gegenstände zugelassen haben.

    (s. 69)
    Popper hat, so sehe ich es, die Totalisierung der Skepsis, die er in „Logik der Forschung“ betrieb, durch die Zulassung einer modifizierten platonischen Ideenlehre aufgeweicht – vielleicht aus der Erkenntnis heraus, dass sein „idealer“ Erkenntnisprozess selbst eher eine platonische Idee als ein empirisch überprüfbares, sprich falsifizierbares, Modell darstellt. Oder anders gesagt: Popper hat seine Grenzen erkannt.

    MartinM

    9. September 2007 at 12:48

  2. Merci pour die Erläuterung! Alles wieder eher ’nen Beleg für die Differenz zwischen und seinen szentistischen Adepten 😉 …

    MomoRules

    9. September 2007 at 12:59

  3. Aber Hallo! Bei Popper steht die Idee der offenen Gesellschaft im Vordergrund und ein Begriff der Freiheit, der sehr viel differenzierter und praxisnäher ist als dieser positive/negative Freiheit-Diskurs. Popper spricht vom Paradoxon der Freiheit, das darin besteht, dass schrankenlose Freiheit Unfreiheit erzeugt. „schranlenlose Freiheit bedeutet, dass es dem Staate freisteht, den Schwachen zu tyrannisieren und ihn seiner Freiheit zu berauben. Das ist der Grund warum wir verlangen, dass der Staat die Freiheit in gewissem Ausmaß einschränke, so dass am Ende jedermanns Freiheit vom Gesetz geschützt wird. Niemand soll der Gnade eines anderen ausgeliefert sein, aber alle sollen das Recht haben, vom Staat geschützt zu werden.“ Popper plädiert übrigens auch für ein Interventionsrecht des Staates in die Ökonomie und sieht in schrankenloser wirtschaftlicher Freiheit eine der größten Bedrohungen der Freiheit überhaupt. Nachdrücklich plädiert er für eine demokratisch legitimierte, transparente und öffentliche Kontrolle wirtschaftlicher Macht (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II, S. 154 ff.)

    Ansonsten wüsste ich gerne, was Du hierzu sagst:

    http://che2001.blogger.de/stories/903641

    che2001

    9. September 2007 at 13:53

  4. Korrektur: Dem Starken freisteht, nicht dem Staate freisteht!

    che2001

    9. September 2007 at 14:22

  5. @Che:

    Muß ich denn zu allem was sagen? 😉 …

    momorulez

    9. September 2007 at 14:29

  6. Ich denke einfach, Du bist hier sehr kompetent.

    che2001

    9. September 2007 at 15:42

  7. Danke! Habe dazu gerade ’ne mail an Dich rausgeschickt, da kommt noch was! Und eine indirekte Antwort, eine auf die Kommentarsektion gibt’s hier:

    http://www.blogfrei.de/metalust/2007/09/uber_kunstwahrheit.html

    momorulez

    9. September 2007 at 15:56


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