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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Nationalität als Kulturgut? Protokoll einer Besichtigung

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Jeder hat so seine kleinen Idyllen. Für mich ist das irgendwie Island. Fragt nicht warum. Es gibt genug Gründe dagegen: Neben gewissen kulinarischen Differenzen wären da vor allem: Die Sprach- und Einwanderungspolitik (danbk Peter Weiss ist mir bekannt, dass sich Island auch während des Nationalsozialismus recht unrühmlich verhielt). Bei der Energiepolitik bin ich etwas gespalten: obwohl die natürlich ressourcenmäßig super ausgestattet sind (Vulkanismus!; Wind!; Wasser!), verstört es doch, wenn draußen der Motor am Laufen bleibt, während drinnen in der Raststätte der Fahrer genüßlich sein Würstchen oder seinen Hamburger verdrückt.

Der richtige choc kam dann aber erst im Nationalmuseum. Eigentlich dürfte mich nichts mehr wundern. Benedict Anderson hatt ja schon vot längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, dass sich Nationen über Museen, Geschichtskonstruktionen, Kalender, Landkarten und Romane realisieren. Folglich findet man überall Hinweise auf die Romane von Halldór Laxness, nahezu überall sind Ruinen von Torfgehöften (oder wahlweise auch: natur- äh… geschichtsgetreue Rekonstruktionen) zu sehen, die Landkarten sind in einem geradezu ausuferndem Maße vorahnden (Okay, hier mache ich eine Ausnahme: Ein Land, dass halbjährlich von Wandertouristen überfallen wird, braucht die), ein ganzer Touristenmarkt speziaisiert sich auf Geschichtstourismus (DAS große Ding neben Schneekatzen-Gletscher-Fahrten, Hot Pots, Wasserfallfotografie und Wellness). Der Kalender kommt etwas zu kurz, aber dafür hat mich das Nationalmuseum dann richtig umgehauen.

Die ständige Ausstellung heißt: „The Making of a Nation“ und hat den Anspruch 1200 Jahre Kultur und Gesellschaft zu repräsentieren. Nun gut, Komplexitätsreduktion auf zwei Stockwerken, klingt ziemlich nach einer affirmativ gewendeten „Invention of Tradition“-Rezeption. Aber genau das ist ja das Problem. Die wissen genau, dass eine Nation weder heilig, noch ursprünglich, noch immerwährend ist. Und feiern das trotzdem.

Aber weiter: Das Museum gliedert sich in 7 chronolgische Abschnitte (streng genealogisch im Vor-Nietzscheanischem Sinne). Im Zentrum jedes Ausstellungsblockes steht ein Schlüsselexponat.

1. 800-1000: Die Anfänge der Besiedelung Islands ; Schlüsselexponat ist eine Statuette des Gottes Thor, von der die neuere Forschung behauptet, sie könne auch Christus darstellen, der Hammer in seinen Händen könne auch ein Kreuz sein…

2. 1000-1200: Christliche Godenmacht; Schlüsselexponat ist ein Kruzifix; im Prinzip geht es um die Etablierung des CVhristentums.

3. 1200-1400: Königreich Norwegen; Shclüsselexponat: Überreste eines Holztores; Damit beginnt die natioanale Tragödie des Landes: Fremdherrschaft bis in die Neuzeit.

4. 1400-1600: Königreich Dänermark, dito + Reformation: Entsprechnd ist das Schlüsselexponat die erste gedruckte Bibel.

5. 1600-1800: DerKönig als Alleinherrscher; Ein Trinkhorn eines bekannten isländischen Schnitzers. Thema sind neben der reformation vor allem die Obrigkeit, die Hexenverbrennungen und die Volkstzählung im Jahre 1703 (das wusste ich wirklich nicht; die erste überhaupt noch vor den bemühungen der Statistiker in Preußen).

6. 1800-1900: Bildung eines Nationa lstaates;Schlüsselexponat ist eine Festtracht; Hier geht es interessanterweise eher um die Arbeits- und Wohnverhältnisse auf Island und auch ein wenig um Klassenunterschiede

7. 1900-2000: Wege in die Gegenwart; Schlüsseöexponat ist die isländische Fahne!; Interessanterweise ist sie wie viele Nationalsymbole (auch die vier Wächter Islands: Adler, Drache, Ochse, Riese) das geisteskind eines nationalistischen Künstlers, der damals schon zurück zu den guten alten Zeiten wollte und dem dann 1942 die Feiern für die Staatsgründung organisieren durfte. Hier verweuse ich gerne auch wieder einmal auf die Erfindung des Schottenrocks als Identitätsqausweises der einzelnen Clans durch einen englischen Fabrikanten, die Britisch-inoshce Armee unf ein nationalistisch gesinntes schottisches Künstler-Brüderpaar.

Insgesamt auf höchstem technologischen und medialem Niveau organisiert (interaktive Touchscreens, „Telefonate“ mit verschiedenen Einwohnern Islands etc.). Dazu kommen noch vier parallele Themenstränge, die durch die sieben Zeitblöcke hindurch verfolgt werden können:“Kunst und HAndwerk“; „Sozialgeschichte und Sprache“, „Wohnverhältnisse und Siedlungsformen“ und „Arbeit und Auskommen“.

Da ist dann aber auch der Haken: Geschichte zum Anfassen und Einfühlen trägt immer schon etwas affirmatives in sich (so darf man sich auch in Wikingerrüstungen oder Bäuerinnenkleider hüllen alte und neue Erfindungen in einem Memory zusammenbringen oder auf einer frühneuzeitlichen Karte Islandshinter Seemonstern Blauwale oder Delfine erkennen. Fast schon möchte man meinen, hinter dem Verschiedenen steckte das Immergleiche…Aber genau da treffen sich Nationalkonstruktion als Komplexitätsreduktion und Warenform. Und wie Benjamin bereits wusste ist nichts unkritischer als die Einfühlung in die Geschichte, die eben nicht trennt zwischen Kultur und Barbarei und verdeckt die namenlose Fron der zeitgenossen durch die großen Männer und Genien. Hier wird eben nicht gegen den Strich gebürstet, sondern der Strich noch fein säuberlich hervorgehoben.

Aber so richtig gruselig wurde es ja gelich am Anfang: Mit Hilfe der Datenbank des Unternehmens DeCode (das über eine fast vollständige Erhebung des Genpools der Isländer verfügt), wurde anhand von ausgegrabenen Leichen aus der Siedlungszeit (genauer: anhand ihrer Zähne) versucht, die geografische Herkunft der Isländer zu bestimmen. Da sich bestimmtes Erbgut nur über die Mutter, anderes wieder über den Vater vererben soll, kam man zu dem Schluss, dass die Urisländerinnen eigentlich Britinnen waren, während die Männer vorwiegend Norweger waren. Es sollen also vorwiegend Norweger Britinnen auf Island geheiratet haben… Mit Benjamin im Hintergrund ist natürlich die wichtigste Frage immer noch nicht beantwortet. Schon wieder wird nur die Geschichte der Sieger erzählt: Was ist mit den Briten, und was bitte schön mit den Norwegerinnen passiert, die nach Island aufgebrochen sind?

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Written by lars

11. September 2007 um 22:00

6 Antworten

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  1. Frage ist ja zudem, ob Dekonstruktion da die Gegenstrategie ist oder nicht vielmehr was ganz anderes … startet eine, zwei, drei Gegenkanons, sozusagen.

    momorulez

    12. September 2007 at 6:24

  2. Nun, die Britinnen wurden von den norwegischen Wikingern nach Island verschleppt und die zugehörigen Männer wie auch die vorher schon auf Island lebenden englischen Mönche erschlagen, was sonst? Mir würde dieses Museum, glaube ich, richtig Spaß machen. Ich besichtige eine römische Arena allerdings auch mit dem Gefühl, dass es zu einer KZ-Gedenkstätte keinen wirklich grundsätzlichen Unterschied gibt.

    che2001

    12. September 2007 at 6:31

  3. @Che:
    Ja, davon war aber nicht die Rede…mal davon abgesehen: Wirklich zerbreche ich mir die Köpfe über die Norwegerinnen? Unterhaltsam ist das Museum natürlich schon…und irgendwie lernt man ja auch davon.

    @Momo: Keine Gegenstrategie, aber ein methodischer Einsatzpunkt. Ich muss Deinen Artikel noch mal lesen…. aber Landauer finde ich schonmal gut.

    lars

    12. September 2007 at 9:02

  4. che: ganz so blutig war es wohl nicht. Aber bestimmt auch nicht edel.
    Die meisten Frauen wurde wohl schlicht auf dem nächstgelegenen Sklavenmarkt gekauft.

    Das die „Landnehmer“ in Island fast nur Männer waren, wird auch durch Sagatexte bestätigt. Warum nahmen sie keine norwegische Frauen?
    Die Frauen im Nordeuropa hatten vor der Christiansierung einen besseren Status, als Frauen in Mitteleuropa – z. B. wurden sie nicht einfach gegen ihren Willen verheiratet. Die Anzahl der norwegischen Frauen, die freiwillig unter primitiven Pionier-Bedingungen auf Island leben wollten, war begrenzt (vgl. der „Frauenmangel“ im Westen der USA zur „Pionierzeit“).
    Also: die „fehlenden“ Frauen wurden von den isländischen Siedlern einfach in den auf dem nächstgelegenen Sklavenmärkten gekauft, höchstens in einzelnen Fällen vielleicht auch einfach bei einem „Strandhögg“ entführt. Da Wikinger großen Wert darauf legten, ihre bewaffneten Überfälle zu überleben, werden sie unnötige Kämpfe vermieden haben – eventuelle Rächer müssten erst mal nach Island kommen. Also wahrscheinlich keinen Massenmord zwecks Frauenraub.
    Einem dramatischen Frauenüberschuss in Norwegen infolge der Männer-Auswanderung gab es wohl nicht; es gab nur einige tausend „Ur-Siedler“ in Island (auch ein Resultat der Gen-Analyse). Außerdem gingen vor allem die „überschüssigen Söhne“ oder anderweitig landlos gebliebene oder gewordene Männer „auf die Wiking“ (ein Begriff, der Raub-, Handels-, (Klein-)Kriegs-, Entdeckungs- und Kolonisationsreisen – oder eine beliebige Kombination – einschloss).
    Die Geschichte schrieben übrigens nicht die Sieger, sondern sie blieb in den Sagatexten, Volkssagen und eddischen Liedern ziemlich deutlich erkennbar.

    Was die Thors-Statue angeht: selbstverständlich wird sie *auch* eine Christusstatue gewesen sein. Das hing von jeweiligen Besitzer ab – und auch von dem, der den Besitzer fragte. (Es gab damals auch Gussformen, mit denen ganz nach Bedarf Thorshämmer oder Kreuze gegossen werden konnten. Die Christianisierung war ein politischer Vorgang, entsprechend opportunistisch verhielt sich die Bevölkerung.

    Dass die Isländer genau wissen, dass eine Nation weder heilig, noch ursprünglich, noch immerwährend ist, und sie trotzdem feiern, ist etwas, dass ich gut nachempfinden kann. Identität findet man nicht, man erfindet sie. Da bin ich ganz bei Nietzsche.

    Das Museum (ich kenne es nicht, war leider noch nie in Island) scheint mir einfach nach dem Schema aufgebaut gewesen zu sein, nach dem bis Mitte des 20. Jahrhunderts praktisch alle „historischen Nationalmuseeum“ aufgebaut waren. Sozusagen das Museum eines Museumstyps.

    MartinM

    12. September 2007 at 18:09

  5. @MartinM: Nunja, dass ist ja gewissdermaßen die Crux, verzeihe, der Hammer: Dass das Museum geradezu idealtypisch organisiert ist.
    Wobei mich aber doch ziemlich irritiert, dass man das „The Making of A Nation“ nennt und dann kaum einen kritischen Kommentar dazu bringt. Zumal dieser isländische Künstler, desen Namen ich vergessen habe, quasi eine ganze Tradionswelt erfunden hat (inklusive der Verteidugungsmythen der Flaggenwächter), die nun als mehr oder weniger für echt genommen wird: z.B. gestaltete er Trachten, die an Nationalfeiertagen getragen werden.
    Darüber hinaus löst aber der Rekurs auf Texte nicht das Problem der Geschchte, denn Unabhängig davom, welche Bedeutung sie zu ihrer Zeit hatten, wüprde ich hiuer mal wieder die Rezeptions- und Aneignungsfrage stellen (die Du ja ebenfalls bezüglich der Statuette anschneidest): Wer benutzt diese Texte, stellt sie zusammen, editiert sie, macht sie populär etc. Ansonsten bin ich was die Identitätsfrage betrifft ziemlich d’accord. Auch wenn ich nicht verstehen kann, wie man sich zu etwas bruchlos verhalten kann, dessen Brüchkeit man selber eingesteht. Die Sprachpolitik ist ja bei aller Ulkigkeit ähnlcih wie in Frankreich etwas, was sich mir vollständig verschließt. Die einzige Antwort darauf kann ich mir nur in einer Sorge um die Tradition zusammenreimen, aber um die zu erhalten werden ein ganze Reihe an Erneuerungen in diese eingeführt, so dass von Tradition eigentlich schon gar nicht mehr die Rede sein kann.

    lars

    12. September 2007 at 18:30

  6. Die isländische Sprachpolitik geht von der Annahme aus, dass alles, was isländische Kultur wirklich ausmacht, in den isländischen Literatur liegt. (Denn darüber, dass die isländische Nationalsymbolik größtenteils „künstlich“ ist, und der augenscheinlich „gewachsene Teil“ sich kaum von denen andere nordeuropäischer Völker unterscheidet, dürfte sich jeder isländischer Kulturfunktionär im Klaren sein.) Tatsächlich war die Literatur bis weit ins 20. Jahrhundert hinnein der einzige Grund, weshalb Island überhaupt als „Kulturnation“ auf den (inneren) Landkarten eingezeichnet war.
    Literatur ist für das Nationalgefühl der Isländer wichtig (Island ist tatsächlich das Land mit den meisten Büchern pro Einwohner – aber auch bei den Internet-Zugängen ganz vorne). Damit ist auch die Sprache wichtig, denn fast nur durch die isländische Sprache lässt sich isländische Literatur von der kontinetal-„skandinavischen“ abgrenzen. Wie denn auch die Sprache an sich eines der weniger „Alleinstellungsmerkmale“ der Isländer gegenüber z. B. den Dänen und Norwegern (den früheren Kolonialmächten) darstellt. Isländer ist, wer Isländisch spricht. Weshalb ich es auch gut nachvollziehen kann, dass die Isländer bei ihren Einwanderungsgesetzen so viel Wert auf die Beherrschung der Sprache legen.
    Zur „Sprachpflege“: bei den Franzosen finde ich es kurios. (Mehr nicht.) Bei den Isländer finde ich es eher sturrköpfig und exentrisch: Mit jeden neu geschaffenen isländische Wort für ein Fremdwort bauen sie an der Identität der Isländer mit. Ich finde das ausgesprochen sympathisch.
    (Die meisten deutschen „Sprachpfleger“ finde ich hingegen weniger sympathisch, weil das „Anti-“ allzu deutlich mitschwingt. Dass ein Deutscher, wie der 1. Generalpostdirektor des Deutschen Reichs Heinrich von Stephan, zugleich Internationalist (er gilt als treibende Kraft hinter dem „Weltpostkongress“ und damit der weltumspannenden Postgemeinschaft) und erfolgreicher Sprachpfleger sein konnte, ist leider ein Ausnahmefall und lange her.)

    MartinM

    13. September 2007 at 18:22


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