shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Der Zar und das Mädchen

with 12 comments

So, fangen wir doch mal.

Generieren wir unseren eigenen Kanon.

Fuck Luther, setzen wir uns doch lieber mal mit den Wiedertäufern auseinander.  Und wer las schon Bücher? Macht heute doch auch kaum jemand. Also: Fuck Gutenberg, setzen wir uns doch einfach um brennende Mülltonnen auf öffentlichen Plätzen und erzählen uns was.  Und zählen die Minuten, bis die Polizei kommt.

Berichten uns von der ersten, Münchener Räterepublik zum Beispiel – wieso gibt’s eigentlich so viele Friedrich-Ebert, aber keine Erich Mühsam, Ernst Toller oder Gustav-Landauer-Straßen und Plätze? Und lieber ’ne Ludwig von Mises, ja, sogar der, -Allee, als überall diese Bismarck-Denkmäler. Lieber Else Lasker-Schüler- als Goethe-Institute, „Deine Schlankheit fließt wie sanftes Geschmeide“, und warum eigentlich nicht Bob Marley- (jetzt kommen gleich die kleinen Jungs von Gaywest und proklamieren die wesenhafte Homophobie des Reggae, weil das Sein ja west, so kann man „prowestlich“ ja auch mal lesen) inmitten Fürths oder Janis-Joplin-Gedenkkirchen? Wieso nicht Tenessee-Williams-Theater und  das Laotse-Ufer inmitten Kiels?

Man sollte sowieso mal anfangen, die „Camp“-Strategien auf Museen und Kanonisierungen anzuwenden.

 „(Camp) beklagt nicht die von der Massenkultur bedingte Verflachung der Kultur, der Lüge oder Täuschung der Konsumenten, die Theoretiker der Massenkultur bzw. Kulturindustrie konstatierten. Er geht von der Künstlichkeit der Massenkultur aus, und entdeckt gerade in dem, was in ihr unecht und vorgetäuscht ist, eine andere Art von Authentizität. In der durch und durch als artifziell wahrgenommenen Welt wäre das einfach Authentische Täuschung.“

Frank Illing, Kitsch, Kommerz und Kult, Soziologie des schlechten Geschmcks, Konstanz 2006, s. 227

In welche historischen Feldern dieses möglich ist und in welchen nicht, das zu diskutieren wäre ja alleine schon erhellender als  geschlechtersparierte britisch-norwegische Gen-Cocktails. Die Wahrheit der deutschen Kultur liegt auf den Bühnen von Travestie-Kabaretts in den 70ern, als Mehrfach-Mireille-Mathieus mit den Armen ruderten.

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Written by momorulez

12. September 2007 um 7:04

Veröffentlicht in Regierung der Kultur

12 Antworten

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  1. Wie wäre es mit einer Hester-Jonas-Straße, einer Max-Hölz-Allee (in Göttingen unterschrieben Antifas früher Flugblätter mit dem Impressum „Ernst Schneller, Max-Hölz-Allee 129a)“), einem Ernst-Schneller-Platz oder der Umbenennung von Wilhelmshaven in Primo-Levi-Stadt? Anstelle der ganzen Denkmäler fleischgewesener, steingeworener Gemütszerstörer (ist man in Bremen und sieht den Roland denkt man „ja, Teutoburger Wald, Hermann“)Bildnisse von Hans Arp, Carl von Ossietzky, Klara Schumann, Hannah Ahrendt, Karl Valentin, und gerne auch haufenweise Aphrodites und Bacchi und Cupidi?

    che2001

    12. September 2007 at 7:43

  2. Ja, immer damit! Weitere Vorschläge dringend erbeten!

    momorulez

    12. September 2007 at 7:52

  3. Ich hätte ganz gern den Charles Fourier als Portrait auf dem Euro, den ich in „Teddie“ umbenennen würde. Und natürlich sollte man nicht die imaginierten Helden und Heldinnen vergessen. Ich möchte bitte schön eine ganze Matt-Ruff-Stadt.

    lars

    12. September 2007 at 9:15

  4. Mr. Spock, Barbarella, Frodo, Gandalf, Aragorn, Arven, der rote Korsar, Prinz Eisenherz, Pumuckl, der Klabautermann, der Fliegende Holländer und sein Pendant Jan van Achtern (der fickende Holländer) sollten zumindest als Straßennamen berücksichtigt werden.

    che2001

    12. September 2007 at 9:26

  5. Und vor allem müsste man die Kasernen umbenennen. Eine Benno-Ohnesorg-Schule, eine Erika-Mann-Universität und ein Christoffel von Grimmelshausen-Institut täten auch Not, und die Fridtjof-Nansen-Stiftung finanziert Projekte der Migrationsforschung, zur Meeresökologie und zur SETI und vergibt zu diesem Zweck Stipendien an Bürgerkriegsflüchtlinge und sans papiers.

    che2001

    12. September 2007 at 10:54

  6. von-Mises-Allee? Auch nicht schlecht.

    Es gibt übrigens eine ganze Reihe von Adornostraßen und -wegen, in Stuttgart, Berlin, München zum Beispiel. Erich-Mühsam-Straßen gibt es unter anderem in Chemnitz, Gera und Rostock, und für eine Gustav-Landauer-Straße in München kämpfen die dortigen Grünen. Österreich ist voll von Hayek-Straßen. Karl-Popper-Straßen gibt es in Linz und auch wieder in Berlin (da aber als Popperstraße, was vielleicht auch auf Momos Jugend hindeuten könnte…). Den Ernst-Schneller-Platz hingegen findet man nur in Zwickau, wie ich das sehe. Auf die Max-Hölz-Allee muss Che leider verzichten, kann sich aber zumindest an den Max-Hoelz-Straßen in Chemnitz und Burg bei Magdeburg erfreuen.

    Mein Fazit nach dieser kleinen Googelei: Der deutsche Kanon der großen Namen, nach denen Dinge und Orte benannt werden, ist viel heterogener, als ihr das hier erscheinen lassen wollt. Allerdings vor allem auch deswegen, weil die Neuen Bundesländer offenbar nach wie vor einen etwas anderen Kanon pflegen. Das erledigt zumindest die häufig geäußerte Überzeugung, alle kulturellen und politischen Traditionen des Ostens seien nach der Wiedervereinigung einfach plattgemacht und hegemonisiert worden; leider kann man daran aber immer noch die Spaltung unseres Landes sehen.

    Spannende Suche und Überlegungen, danke für die Anregung!

    Karsten

    12. September 2007 at 11:31

  7. Ich möchte aus gegebenem Anlass noch eine Joe-Zawinul-Straße im Tausch gegen eine Beethovenstraße oder einen Mozartweg fordern. Jetzt darf man das ja leider.

    Rayson

    12. September 2007 at 12:04

  8. Eine John-Lennon-Straße und eine Presleyallee wären in der Tat nicht schlecht. Oder ein Mata-Hari-Platz.

    che2001

    12. September 2007 at 12:23

  9. Dem Zawinul darf man ruhig ein ganzes Viertel geben. Die Straßen wären dann nach seinen Stücken benannt: „Heradnu“, „Black Market“, „Birdland“ oder „Body Electric“.

    lars

    12. September 2007 at 14:24

  10. Das ist schon schön. Allein der „Nachsatz“ Allee, Weg, oder Straße ist ja auch schon ein Auswahl- und Wertwerkzeug. Also. Homer-Simpson-Pfad anstatt A7.

    ring2

    12. September 2007 at 15:26

  11. @Karsten:

    Ist ja schön, daß es die eine oder andere Mühsam-Straße gibt, aber wer weiß denn bitte, wer das war? Hayek- und Popper-Straßen finde ich nicht erstaunlich, ehrlich gesagt … Popper ist ja auch druchaus Kanon, Hayek eigentlich nicht.

    @Alle:

    Jaaaaa! Wobei, bei Autobahnen anzufangen, das fände ich ja am besten 😉 … aber wahrscheonlich würde da wenn, dann ein Sponsor gesucht und das ganze nach unaussprechlichen Banken benannt.

    momorulez

    12. September 2007 at 15:35

  12. Oder die Ämter mal nach dem benennen, was sie wirklich sind: Figuren aus den Schriften Kafkas: Das Finanzministerium wäre der Kübelreiter, der Bundespräsident würde Blumfeld heißen, das Einwohnermeldeamt wäre dann natürlich „Das Schloss“, Das Innenministerium „Der Maulwurf“ und die Kulturstaatssekretäre natürlich Odradek 😉

    lars

    12. September 2007 at 19:31


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