shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Bescheidenheit und Konsum

with 13 comments

Es macht natürlich Laune, mit einem 500 g Rinderfilet mit gegrillten Pfefferschoten und teuflisch scharfer Harissa intus und einem Grand Vin de Bordeaux vor sich über Bescheidenheit zu bloggen, aber das hier will ich einfach mal losswerden. Niemals in der deutschen Nachkriegsgeschichte war das Leben hierzulande so teuer. Als Besserverdienender habe ich zwar keine finanziellen Probleme, aber das Gefühl, mir insgesamt so viel leisten zu können wie ich vor über 10 Jahren als ABM-Kraft mir geleistet habe, tendenziell eher weniger. Immer mehr Menschen nehmen Kredite auf, um sich ihren täglichen Konsum leisten zu können bzw. um mit ihrem Dispo nicht in die Miesen zu rücken. Ein neues Auto kauft praktisch niemand mehr bar, sondern lässt es sich finanzieren. In meiner Jugend war Leasing oder Finanzierung etwas, das hauptsächlich Marken wie Jaguar betraf, den Kleinwagen bezahlte man bar, teilweise blätterte man dem Autohändler das Geld noch hin. Das Einzige, was man sich finanzieren lies war das Eigenheim, nur war Baufinanzierung im heutigen Sinne viel seltener als heute. Der typische Bauherr war jemand, der sich einen Bausparvertrag angespart und ausbezahlt bekommen hatte, natürlich wurde dann noch eine Hypothek auf Omas Haus aufgenommen, entscheidend war aber, dass man Eigenkapital über viele Jahre angespart hatte un auf das eigene Haus so lange wartete wie der Ossi auf den Wartburg. Entsprechend waren die typischen Häuslebauer nicht wie heute junge Familien, sondern40+ Eltern mit Kindern in der Pubertät . Da machen sich zwei Unterschiede zu heute fest: Die Menschen haben weniger disponibles Geld und weniger soziale Sicherheit als in den 1970ern, wollen aber mehr konsumieren. Die Billig-Discount-Kette Penny, die sich im Augenblick bemüht, das Preissegment unterhalb von Aldi und Lidl zu besetzen, hat, von Bier , Milch, Eiern und bestimmten Gemüsesorten abgesehen, ein reichhaltigeres und in Teilen auch besseres Angebot als noch in den 1980ern das mittlere Segment der Supermärkte wie Tengelmann, Helco oder Marktkauf. So etwas wie die Angebotspalette eines großen Real-Marktes war in den 1970ern vielleicht bei Galeries Lafayette, Selfridges und dem KaDeWe zu finden, so etwas wie die Outlet-Center und Shoppingmalls unserer Großstädte gab es erst jenseits des Atlantik.

Als ich anfing zu studieren war das Leben äußerst bescheiden. Da wir weit weg von der Uni wohnten und mene Lehrveranstaltungen meist nicht um die ittagszeit waren kochten wir meist selber, Standardgericht war „Reis mit Scheiß“: Gekochter Reis mit ein paar, nun, sagen wir, Küchenabfällen und scharfer roter Soße, dazu aß man selbstgemachten Salat aus im Park gepflücktem Löwenzahn, Brunnenkresse und auf der Terrasse angebauten Tomaten und trank „Pennerglück“, Rotwein aus dem Tetrapack. Obst bekam man vom „Obsti“, einem Berber, der die abgelaufenen Obstabfälle vom Supermarkt in einem Einkaufswagen durch die Gegend schob und für Pfennigbeträge weiterverkaufte. Da fällt mir noch das besetzte Haus ein, das von Nachbarn kiloweise Weizennudeln und Erbsendosen spendiert bekommen hatte. Entsprechend war die Verpflegung: Heute Spaghetti mit Erbsen, morgen Erbseneintopf mit Gabelspaghetti, übermorgen Wassersuppe mit Erbsen, den nächsten Tag Wassersuppe mit Gabelspaghetti, dann wieder Makkaroni mit Erbsen, zum Frühstück und Abendessen Schwarzbrot mit Palmin (statt Margerine). Zwischendurch gab es Haferschleim, Salat eigener Ernte (Löwenzahn, Klee und Petersilie) und sogar selbstgemachte Bonbons – alte Brotkrumen feucht gemacht, dick mit Zucker eingepudert und in der Pfanne gebraten, bis eine Art Karamell herauskam. Immerhin konnten die betreffenden Leute 6 Wochen praktisch ohne Geld leben. Darauf war man stolz: Der Versuch, sich der kapitalistischen Verwertung zu entziehen.

Die Volxküche, wo ich ne Weile mitkochte und die allen, die vorbeikamen kostenloses Essen zur Verfügung stellte war auch nicht wirklich gourmetmäßig – Möhren, Champignons, Reis und Zwiebeln in einen Topf und ohne Fett gekocht. Es war eine Revolution, als wir aus Ägypten die dortige Nationalspeise Koscheri mitbrachten – Makkaroni, Reis und Linsen als Eintopf, machte so unglaublich satt.

Noch in den 1990ern musste ich mich gegenüber meiner eigenen WG moralisch dafür rechtfertigen, dass ich darauf bestand, zum Frühstück Orangensaft (auch nur Aldi-Ware im Tetrapack) zu trinken, das galt als Bonzentum. Als arm empfanden wir uns nicht, ich galt mit umgerechnet 300, später 400 Euro im Monat als „Vollstecker“. Dafür bekam man, wenn man kein Auto hatte (ich hatte immer eins, allerdings sponsored by Daddy), stets von GenossInnen eins geliehen, wenn man eins brauchte, jemand, der sich weigerte, sein Auto zu verleihen, wäre für ein völlig asoziales Arschloch gehalten worden, es war selbstverständlich, dass man, wenn man in fremde Städte kam, kostenlos bei GenossInnen wohnen konnte, was mitunter zu interessanten Erlebnissen Anlass gab

http://che2001.blogger.de/stories/395643/

das reichte im Zweifelsfall runter bis Kairo. Selbst nach 2000 war ich noch völlig baff, als anlässlich eines Treffens von Nicht-Szene-Leuten in einer anderen Stadt der Einladende ein Hotelliste rummailte, ich hätte es für selbstverständlich erachtet, dass wir mit Schlafsäcken bei ihm in der Wohnung pennen, nicht aus finanziellen Gründen, leisten kann ich mir ein Hotel, sondern weil das spießig ist. Immerhin, die Übernachtungs-Infrastruktur funktioniert immer noch, wenn auch nicht bis Kairo, sondern vielleicht noch bis Diyabakir.

Wir kamen uns damals nie arm vor, selbst en Sozialhilfeempfänger meinte von sich, er sei reich, weil wir als antiimperialistische Linke Lebensstandard nach dem Weltmaßstab maßen, sozusagen den Lebensstandard von Pakistan und Bangladesh mit in die Rechnung nahmen. Spießig bin ich bis heute nicht geworden, trotz gutem Einkommen, ausgeprägten Gourmet-Gewohnheiten, zeitweilig gefahrenem Sportwagen und zweimal Urlaub im Jahr. Betrachte ich aber die Konsumverhältnisse von den 1970ern und 80ern im Vergleich zu heute, finde ich nicht, dass die Dinge besser geworden sind, jedenfalls nicht im Sinne von Nachhaltigkeit. Vom Warenangebot im Dosen- oder Joghurtregal von Real fühle ich mich regelrecht erschlagen und sehne mich dann nach einem tunesischen Monoprix-Markt (der entspricht etwa einem Aldi der 70er). Aber ich kaufe ja bevorzugt im Tante-Emine-Laden um die Ecke 😉

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Written by che2001

16. September 2007 um 17:29

13 Antworten

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  1. Da der Beitrag meine Bearbeitungen nicht schluckt: Kategorien Alte Männr plaudern von früher, Posdtmoderne, Ökonomie

    che2001

    16. September 2007 at 17:33

  2. Irgendwie habt Ihr was falsch gemacht. Wir schoben regelmäßig samstags einen prall gefüllten Einkaufswagen mit besseren Lebensmitteln durch die unbesetzte Kasse eines lokalen, gehobenen Kaufhauses und weil niemand da war, der uns abkassierte, packten wir ein und gingen erstmal in die Osteria einen trinken. Das machte: Einkaufswert 100 Mark minus Osteria 100 Mark = 0. Das ist genusshafte Umverteilung. Anschließend schleppten wir die Beute nach Hause und fickten uns doof. Studi-WG.

    Arno Nühm

    16. September 2007 at 21:44

  3. Das haben wir mit einem Kasten Bier 25 mal in Folge gemacht und nannten es Einkaufen bei Fielmann – nicht einen Pfennig dazubezahlt.

    che2001

    17. September 2007 at 8:02

  4. Che, ich denke, mit Deiner Beschreibung übertreibst Du. Die Richtung stimmt zwar, aber, nun – zu weit. Wir haben in den letzten 15 Jahren einen Kaufkraftverlust des Einkommensmedians von zirka 15 Prozent erlebt. Wer am unteren Einkommensende steht, bzw. in „prekärer“ Lage, ist von dieser Entwicklung überproportional betroffen, hingegen sind Beamte und Rentner (um einmal zwei große Gruppen zu nennen) unterproportional von diesem Prozess betroffen.

    Die Arschkarte haben Normalarbeitnehmer, Studierende, Auszubildende, Migranten und ganz besonders Menschen aus dem unteren Gesellschaftsdrittel.

    15 Jahre.

    Das ist in etwa auch der Zeitraum, wo sich der Begriff „Reform“ in Richtung sozialer Rückschrittlichkeit gewandelt hat. Aber nun, Che, es sind alles in allem nur etwa 15% Kaufkraftverlust (was natürlich gemessen an der Stärke im Exportgeschäft und gemessen am Produktivitätsfortschritt – in einem eigentlich prosperierenden Land immer noch eine beachtlich skurrile Erscheinung darstellt).

    Im schrägen Fokus auf vermeintliche Wettbewerbsfähigkeit und Stärkung der „Leistungsträger“ ist man inzwischen so weit gelangt, dass wegen (!) der real gesunkenen Löhne (bei gleichzeitig deutlich angestiegener Abgabenlast für Normalverdiener) rund 100.000 bis 150.000 Deutsche pro Jahr das Land verlassen, in der Hoffnung, dass woanders Arbeit wieder lohnt.

    Aber dennoch: Betrachten wie den Median der Arbeitnehmer, so sind nur ca. 15 bis 20 Prozent Kaufkraftverlust zu beklagen.

    Schwerträger

    17. September 2007 at 19:13

  5. Die Einführung des Euro kann man tatsächlich als Schnitt betrachten. Komisch und auch sehr lehrreich, dass die „Statistik“ da seit Jahren eine andere Sprache spricht. Ist wie mit der gefühlten Temperatur, die eben auf die es ankommt.

    Gefühlt ist weniger drin als früher. Und dann ist das auch so!

    ring2

    17. September 2007 at 19:24

  6. Produkte wie Autos oder Rotwein haben sich in den letzten 20 Jahren um 100% verteuert.

    che2001

    17. September 2007 at 20:03

  7. Wobei aber die Autos auch nicht mehr die Autos von vor 20 Jahren sind. Selbst ein Logan ist damit nicht mehr zu vergleichen…

    Rayson

    17. September 2007 at 20:35

  8. Das ist aber auf einer Linie mit dem Angebot in den Supermärkten: Die Qualität wird besser, die Diversität höher, aber weniger Leute können sich die Produkte leisten.

    che2001

    17. September 2007 at 21:02

  9. Na ja, die Bruttolöhne und – gehälter haben sich ja auch verdoppelt in der Zeit…

    Rayson

    17. September 2007 at 21:33

  10. Aber eben nicht bei allen Berufsgruppen. Bei Krankenschwestern und – Pflegern sind die Gehälter nahezu gleich geblieben, so etwas wie 1-Jahres-Praktikanten (in vielen Werbeagenturen mittlerweile die Hälfte oder mehr der Leute, die die konkrete Gestaltung machen)gab es überhaupt noch nicht, und auch keine 1-Euro-Jobber. In den 90ern nannte man die Lohnklasse 5 DM in der Schwarzarbeit den Tamilen-Tarif: das war der Hungerlohn, für den man auch unter Illegalen keine Kurden oder Polen mehr bekam. Heute liegt die de facto Zwangsarbeitsentlohnung für zu beschäftigende Langzeitarbeitslose deutlich darunter.

    che2001

    18. September 2007 at 6:34

  11. @Schwerträger:

    Das mit den Beamten würde ich an Deiner Stelle noch einmal überdenken bzw. bessere Informationen zu diesem Thema einholen. Durch eine reine Betrachtung der Spitzenbeamten einen Rückschluss auf mittleren und einfachen Dienst zu ziehen, ist ein häufiger Fehler in dieser Hinsicht; außerdem ist es auch ein gängiges Missverständnis, dass die Beamten keinen Abzug in ihren Nettoauszahlungen erhalten hätten, weil die Besoldungstafeln sich nicht verändert haben. Eine ganze Reihe von Sonderleistungen und -vergünstigungen sind gestrichen worden, so dass die beiden unteren Dienstgruppen inklusive nicht ausgeglichener Inflation einen praktischen Kaufkraftverlust von ca. 25% in den letzten 15 Jahren hinnehmen mussten.

    Diesen längeren Text deswegen, weil mich auch auf unserer Seite des Gartenzauns diese Pauschalisierungen über Beamte mittlerweile nerven. 🙂

    Karsten

    18. September 2007 at 6:47

  12. Lehrer müssen mittlerweile Rentabilitätsrechnungen ihrer Fachbereiche vorlegen und die skurrilste Finanzakrobatik betreiben, um Material für ihre Schulen zu akquirieren und legitimieren, inwieweit ihr Fach sich „rechnet“, z.B.

    che2001

    18. September 2007 at 7:53

  13. […] ein hübsches Wort), dass Löwenzahn essen ganz furchtbar gesund ist. Einige mussten dafür sogar in den Park gehen, um das zu pflücken, was heute teuer als Delicatessen gehandelt […]


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