shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Verzichtet nie auf Narrative!

with 4 comments

Eigentlich wollte ich nur den Momo kommentieren, und schriebe jetzt doch noch einen eigenen Beitrag. Vorneweg: Ich sehe das nicht als Gegenteil zu seiner Position, eher als Komplement und Kompliment.

Ich habe gestern die Rand ja dahingehend kritisiert, dass sie Ästhetik nicht zu den philosophischen Grundlagen der Politik zählt und genau das aber mit ihren Romanen machte.

Selber habe ich bei meiner eigenen Fachliteratur immer das Gefühl, dass sie nichts taugt, wenn sie nicht mit einer ästhetischen Erfahrung einher geht. Daher zitiere ich wohl auch häufiger Benjamin und Foucault als das Marxsche Kapital, Luhmann oder Goffman. Dasselbe gilt für meine politische Praxis. Ich habe aus einem Kafka, einer Lasker-Schüler und den Surrealisten mehr über politische Emanzipation erfahren als über die Plenen und Diskussionszirkel mancher linker Aktivisten . Die ganze Tragweite dessen, was man „das gute Leben“ nennen kann, um dass es ja in der Politik geht, ging mir aber immer an Theaterstücken, Filmen oder Romanen auf. Es war gerade das Narrative, das Erzählen von Geschichten (und sei das Prinzio p in der Praxis noch so durchbrochen), welches Geschichte sichtbar macht. Das performative Paradox bei Lyotard, ein Ende der großen Erzählungen zu proklamieren, dieses Ende aber dieses als historischen Einschnitt zu betrachten, lässt sich nur lösen, wenn man das Narrativ nicht als übergeschichtlich zu begreifen. Wir können keine Kritischen Interventionen vornehmen, wenn wir sie nicht in den Kontext einbetten, das Einzelne in ein Spannungsverhältnis zum Ganzen gestellt sehen, die Vergangenheit eben auch als ein Gespinst begreifen, dass um die Dinge gewoben wurde. Text und Textur haben nicht umsonst denselben Wortstamm.

Aber, man darf die Narrative, zu denen wir uns stellen, selbst nicht als universal, überhistorisch und als Naturtatsache betrachten. Um den Vergleich von Benjamin von den Sternen/Wesenheiten mit den Sternbildern/Ideen aufzugreifen: Wir müssen Narrative als die ästhetischen Modulationen kritischer Praktiken begreifen, als die Bezugnahme auf das andere, als Manifestation von Zeit, als Modus der Veränderung, die aber keinesfalls als ewig gültig begreift. Wenn Poesie das ästhetische Konstitutionsmoment kritischer Praktiken ist, dann ist das Narrative das Moment ihrer Konfiguration. Dabei ist das Narrative gar nicht mal eine Frage der Form, wie etwa die Unterscheidung von Gedicht und Roman es nahe legen würde, sondern eine Frage der Konstellation. Es geht darum, wie Erfahrung sich realisieren kann. Welche Beziehungen werden zu anderen Menschen, Tiere, Dinge etc. artikuliert. Insofern würe ich sagen: Verzichtet nie auf die Narrative, schon gar nicht in defr Politik, aber seid euch bewußt, dass es auch anders erzählt werden kann, dass es anders erzählt wurde und dass es anders erzählt werden kann. Die Narrative sind nicht schlecht, sie sind nicht einmal groß, sondern sie sind eine Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass es auch anders gewebt werden könnte.

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Written by lars

18. September 2007 um 22:27

4 Antworten

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  1. Das finde ich gut, diese Form von Dialog!

    Aber, ein paar Einwände:

    – Beim Politischen geht’s nicht um das gute Leben, sondern Rahmenbedingungen für dieses. Das ist ein Unterschied um’s Ganze. Politik ist ja keine Weisheitslehre. Sonst macht man ganz schnell Konservativen, Religiösen usw. ’ne Tür auf und diskutiert dann schließlich ganz wunderlich. Ist aber hier ein wirklich gutes Faß zum Aufmachen, weil ich glaube, daß Che Deiner Argumentation da näher steht als meiner,, T. Albert u.U. auch, und deshalb müßte das Thema viel hergeben 😉 … war übrigens implizit mein Magisterarbeitsthema.

    – „Selber habe ich bei meiner eigenen Fachliteratur immer das Gefühl, dass sie nichts taugt, wenn sie nicht mit einer ästhetischen Erfahrung einher geht.“ Ich glaube ja, daß man die verschiedenen Rationalitätstypen nicht gegeneinander ausspielen kann und es immer dann problematisch wird, wenn man sie gegeneinander ausspielt, also z.B. die „harten, naturwissenschaftlichen Fakten“ als irgendwie prioritär gegenüber ästhetscher Kontemplation auszeichnet, da wird’s dann mythisch. Das gilt aber auch umgekehrt.

    – Bin auf meinen Eintrag gekommen, weil ich mal wieder einen älteren Aufsatz meines Lehrers Herbert Schnädelbach über die „Dialektik der Aufklärung“ gelesen habe, der ist veröffentlicht in der Aufsatzsammlung „Zur Verteidigung des animal rationale“. Er verstritt dort die These, daß das Narrative kennzeichnend für’s Mythische sei und die großen Sozialmythen eben die „Geschichte hinter Geschichte“ erzählen würden, was z.B. auch Adam Smiths unsichtbare Hand beträfe. Und weist dann ziemlich plausibel nach, daß es sich um einen solchen Sozialmythos auch bei „Dialektik der Aufklärung“ handelte, diese also – altes Kritikmuster, ich halte das aber für richtig – sich gewissermaßen in die von ihr diagnostiozierten Aporien selbst verstrickte. Was ja, nimmt man These 1 ernst, „schon der Mythos ist Aufklärung“, auch nur halb so schlimm ist, aber eben nur, wenn man diesen nicht exklusiv als Zugang zur Wirklichkeit behauptet, sondern als einen von vielen möglichen …

    momorulez

    19. September 2007 at 6:37

  2. Beim Politischen geht’s nicht um das gute Leben, sondern Rahmenbedingungen für dieses.

    Okay, da würde ich zustimmen, aber ich habe vor allem sozialistische Perspektiven immer in die Richtung interpretiert, dass Politik ein Modus ist, gutes Leben zu ermöglichen. Sozusagen der magnetische Pol, auf den sich der Kompaß Politik auszurichten hätte. Deswegen muss sie ja nicht gleich zur Weißheitslehre werden. Weil darin aber etwas Affirmatives steckt, setzen wir ja auch auf Kritik.

    Ich glaube ja, daß man die verschiedenen Rationalitätstypen nicht gegeneinander ausspielen kann und es immer dann problematisch wird, wenn man sie gegeneinander ausspielt, also z.B. die “harten, naturwissenschaftlichen Fakten” als irgendwie prioritär gegenüber ästhetscher Kontemplation auszeichnet, da wird’s dann mythisch. Das gilt aber auch umgekehrt.

    Ausspielen nicht, aber mir leigt halt gerade die ästhetische Rationalität besonders am Herzen. Und ich kenne das auch umgekehrt noch aus der Studierendenpolitik, wo man sich allzu bereit auf eine Flyer- + Graffiti-Ästhetik der vorhergehenden „Generationen“ verließ, und sich wunderte, dass das keinen Ansprach. Kenne aus dem selben Bereich aber auch den umgekehrten Fall, indem man auf Teufel komm raus neue Medien und neue Verpackungen erfand, und über diesem Vermittlungsrausch die Inhalte verpasste. Aber Du kennst das ja auch 😉

    Naja und ich würde schon einen Unterschied machen zwischen dem Mythos als Erklärung und dem Narrativ als ästhetische Praxis, ich habe ja bewußt von einer Modulation und nicht von einer Konstitution gesprochen.

    Aber ich verstehe ja auch den Begriff des Narrativen eher aus den Cultural Studies heraus, die den ja bewußt als subjektive Praxis und nicht als Metaerzählung verstehen.
    Vielleicht sollte man in Luhmannscher Manier zwischen Metanarrativ und Narrativ unterscheiden, und dem Metannarrativ eben solche Phänomene wie den Mythos, „unsichtbare Hand“ etc. vorbehalten, während Narrative selbst erst einmal etwas kleineres, partikulares darstellen.

    Und um mal auf die ideologietheoretische Ebene zu wechseln, könnte man ja durchaus auch die Zersetzungspolitik und das gegeneinander Ausspielen verschiedener Erzählungen als ein wichtiges Moment der aktuellen Hegemonie begreifen (sei diese nun neoliberal, konservativ oder neoliberal-konservativ…)

    Das ist ja durchaus eine Schwäche der Linken (die in anderer Hinsicht auch Vorteile hat), dass ihre Vielzahl an Erzählungen sich allzuhäufig in die Quere kommen. Dass man Gewerkschaften, Frauen, Schwulen, Schwarze, Arbeitslose und working poor systematisch entsolidarisiert und sich diese auch bewußt entsolidarisieren. Das soll kein Plädoyer für die Volksfront sein, aber was Du ja zu recht beklagst, dass schon wieder andere den Anspruch erheben, die Geschichten anderer erzählen zu wollen (das ist ja auch m.E. das stärkste Argument in der Homo-Ehen-Debatte, und dass habt ihr mir ja an anderem Ort zurecht um die Ohren gehauen), da kommt noch die Ebene dazu, dass Exklusion eben auch dadurch wirkt, dass sie Repäsentationsmodi entkoppelt und radikal trennt.

    lars

    19. September 2007 at 8:41

  3. Nörglers Begriffslexikon der Kritischen Theorie
    „Verstreiten, das“ – zunächst eine von Momorulez nur scheinbar tippfehlerhaft geschöpfte conclusio dementis aus Bestreiten und Vertreten. Dann auch triftiger und kritisch-schlüssiger Neologismus gegen intellektuell Minderjährige [> Schnädelbach], welche eine ihrem kindlichen Geistesstand entsprechende These vertreten möchten, sie jedoch eben dadurch „verstreiten“, d.h. in sich objektiv revozieren, wobei ein nestroyisch-humoristisches Moment, oft unfreiwillig, hinzutritt.

    „Schnädelbach, das“ – Bester ‚best of‘ Adorno-Schüler: besser als Adorno als Tiedemann und als Schweppenhäuser. Schnädelbachs Verdienst um die Kritische Theorie besteht in deren Verständlichmachung auch für die bildungsfernen Schichten, denen unüberschreitend er angehört.

    Nörgler

    24. September 2007 at 22:53

  4. Willste hier auf meinen Herrn Schnädelbach rumhacken? Auf mir ja immer liebend gerne, aber der ist als Philosophielehrer schon das Großartigste, was ich so erleben durfte – daß er final von Adorno sozusagen abfiel, das hatte schon gute Gründe.

    momorulez

    25. September 2007 at 6:24


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