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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Die Schweiz sieht aus wie die Elbchaussee mit Bergen, mit ungewaschenen Schmuddelkindern, nicht wie auf St. Pauli

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WoZ-Online
17.10.2002

Augenschein an der Langstrasse

Wo die Liebe ein Geschäft ist

Johannes Wartenweiler

Ein paar arrogante Dealer sorgen an der Langstrasse zurzeit für Aufregung. Kann das Sexbusiness im Zürcher Kreis 4 auf ein quartierverträgliches Mass zurückgestutzt werden?

Zwei Angestellte eines Take-away schauen gelangweilt durch die Glasscheibe in die regnerische Nacht. Keine Kundschaft. Dabei beginnt hier die bekannteste Vergnügungsstrecke der Schweiz – die Langstrasse im Zürcher Kreis 4. Doch zwischen Olé-Olé, St-Pauli-Bar und Hotel Rothaus, zwischen Lugano-Bar, Gambrinus und Schweizerdegen, zwischen Piranha, Aladin, Aargauerhof, Krokodil, Lollypop, Disco Club Tropical und Restaurant Gotthard Bar ist nicht viel los an diesem Abend.
Trügt der Schein? Die Langstrasse ist seit Wochen in den Schlagzeilen. Anfang Oktober kündigte Stadträtin Monika Stocker Massnahmen gegen den Strassendeal an, gegen Szenenbildung, aber auch gegen Milieubetriebe und Freier.
Verantwortlich für die Zuspitzung der Probleme an der Langstrasse seien die Kleindealer aus Afrika, schrieben die lokalen Medien. Die gemäss Polizeiangaben aus Sierra Leone, Nigeria, Ghana und Gambia stammenden Asylbewerber seien arrogant und penetrant, sie belästigten die Anwohnerinnen und forderten offen die Polizei heraus.
Die Piranha-Bar steht im Zentrum der Milieu- und Drogen-Meile. Auf dem Parkplatz davor warten Taxis, beim Grillstand kann man sich zwischenverpflegen. Hier soll, so hört man, die Dealer-Ecke Nummer eins sein. Zu sehen ist keiner. Aber sowohl Michael Herzig, städtischer Drogenbeauftragter, als auch Koni Loepfe, Präsident der Stadtzürcher SP und Kenner der Langstrasse, bestätigen, dass die Dealer aus Schwarzafrika zurzeit unangenehm in Erscheinung treten. BewohnerInnen aus dem Quartier stellen diese Tendenz ebenfalls fest. Alle sind der Ansicht, dass die Schwarzafrikaner aber nur das sichtbare Symptom einer tiefer gehenden Malaise seien.

Keine Zurückhaltung mehr
Auf der Langstrasse entwickelte sich in den letzten zwanzig Jahren das Sexbusiness vom Handwerk zur Industrie. Und zwar nicht im einst von der Drogenszene am meisten betroffenen Kreis 5, sondern vor allem in jenem Teil der Langstrasse, der im traditionellen Arbeiterquartier Aussersihl liegt, dem Kreis 4. «Früher gab es nur wenige Nachtclubs, heute sind es mindestens zwanzig.»
Gleichzeitig diversifizieren Teile des Sexgewerbes ins Drogenmilieu. «Früher gab es eine klare Trennung zwischen den beiden Milieus», erklärt Loepfe. «Inzwischen übernehmen Prostitutierte Mittlerfunktionen für die Dealer und bunkern zum Beispiel Drogen.» Expansionsstrategie oder schiere Not? Tatsache sei, so Loepfe, dass sich ein Teil der Prostituierten im Armutsbereich bewege.
Einer langjährigen Anwohnerin fällt auf, dass das Sexgewerbe seine Zurückhaltung abgelegt habe. Geschäfte – deren Auslagen früher dezent mit Klebefolie abgedeckt gewesen seien – würden heute ihr ganzes Programm ins Schaufenster stellen: Pornokassetten, Reizwäsche, Riesendildos. Dieser Markt hinter dem Schaufenster schwappt auf die Strasse. Die Langstrasse ist sexualisiert, alle Frauen werden zu potenziellen Sexobjekten. Die Freier machen keinen Unterschied mehr zwischen Prostituierten und Quartierbewohnerinnen.
Die einseitige Ausrichtung auf das Sexgewerbe ist inzwischen das zentrale Problem der Langstrasse. Ursprünglich war sie eine Vorstadtader mit einem durchmischten Angebot. Einige Geschäfte trotzen bis heute allen Schwierigkeiten. Mode Kurt führt weiterhin Damen- und Herrenkonfektion, bei Da Leo Sempre Fresco gibt es weiterhin italienische Spezialitäten, und Schirm-Fredi verkauft immer noch Schirme. Viele andere haben aufgegeben. Frei werdende Ladenflächen gehen meistens an Geschäfte aus dem Sexgewerbe, allenfalls kommt ein Take-away-Restaurant zum Zug.
Trotzdem ist das Quartier auch für viele AnwohnerInnen attraktiv. Sie wollen bleiben und arrangieren sich mit den Verhältnissen. Allenfalls aus einzelnen Siedlungen wie Hellmi und Müllereck kommt sporadischer Widerstand gegen das Milieu und die Drogenszene.
Ein normales Quartier ist der Kreis 4 nicht. «Die Langstrasse war schon immer auf ein grösseres Einflussgebiet angewiesen, ob es sich nun ums Sexbusiness, die gewöhnlichen Geschäfte oder die Fressbeizen handelt», sagt Loepfe. «Der Kreis 4 kann nicht aus sich selber leben.»

Höfe als Müllhalden
Für viele ein Ärgernis ist der Abfall. Die städtische Kehrichtabfuhr fährt zwar täglich durch die Langstrasse und zweimal wöchentlich durchs Quartier. Aber der Müll sammelt sich in den privaten Hinterhöfen an. «Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, dass sie das nichts angehe. Das stimmt zwar theoretisch, aber wenn sie etwas gegen den Eindruck der Verwahrlosung machen will, dann muss sie mehr tun als nur das Minimum», sagt Loepfe. Allen Sauberkeitsstreitereien und diffusen Ängsten zum Trotz seien die Relationen nicht aus den Augen zu verlieren, mahnt Herzig: «Klar gibt es Probleme, aber von Verslumung und Gettoisierung zu reden, ist massiv übertrieben.»
In einer Seitenstrasse stellen Zivilfahnder einen Mann. Er muss sich mit erhobenen Händen an die Wand stellen. Die Polizisten tasten ihn nach Drogen ab. Ansonsten sind weit und breit keine Uniformierten zu sehen. Eine Frau erzählt, die Polizei habe sich zur Beobachtung der Szene bei ihr in der Wohnung einnisten wollen. Vielen Dank.
«Zurzeit hat die Polizei ein Autoritätsproblem», sagt Loepfe: «Die Szene weiss, dass die Stadtpolizei nichts mehr gilt.» Die Kantonspolizei sei zuständig für die grossen Fische, die Stapo dürfe nur noch die Kleinen verfolgen. «Die Kapo hat aber keine Ahnung von den Verhältnissen auf der Langstrasse.» Diese paradoxe Situation sei eine Folge der «Urban Kapo», der Übernahme von Teilen der Stadtpolizei durch den Kanton. Ob dies wegen Korpsrivalitäten, unterschiedlicher Fahndungsmethoden oder mangelnden Informationsaustausches so sei, will er nicht entscheiden. Politisches Kalkül sei das aber nicht, sagt der Stadtzürcher SP-Chef.
Für den Drogenbeauftragten Herzig ist die aktuelle Aufregung auch auf ein Faktenblatt der Stapo zum «Sicherheitsproblem Langstrasse» zurückzuführen. «Die Fakten der Stapo zu den Problemen mit dem Strassendeal sind richtig. Aber der verwendete Begriff ‘Sicherheitslücke’ hat die Bevölkerung stark verunsichert und eine Eigendynamik ausgelöst, die weit über das eigentliche Problem des Dealens hinausgeht.»

Milieu-Häuser enteignen?
Über der Kreuzung Langstrasse-Militärstrasse muss ein Schutzengel wachen. Junkies überqueren hier die Strasse, ohne nach links oder rechts zu schauen. Mit der Schliessung der benachbarten Anlaufstelle Neufrankengasse will die Stadt die Junkies aus dem Quartier verdrängen, wenigstens vorübergehend. Diese sind ein fester Teil des Strassenbildes. Einige stehen immer unter dem Bushäuschen bei der Sihlhallenstrasse. Von einer offenen Drogenszene unter den aktuellen Bedingungen zu reden, hält Herzig für übertrieben. «Das ist eine Verharmlosung der Verhältnisse, wie sie vor zehn Jahren in Zürich herrschten. Aber es zeigt, dass die Toleranz gegenüber Drogenkonsumenten laufend abnimmt.»
Mit Repressionen allein sind die Probleme langfristig nicht in den Griff zu bekommen. «Nicht nur Sicherheit und Ordnung, sondern die Verbesserung des Zusammenlebens muss im Mittelpunkt stehen», sagt Herzig. Ziel sei es, die Lebensqualität ohne Ausgrenzung zu erhöhen. Mit den Massnahmen zur Revitalisierung der Bäckeranlage sei diesbezüglich ein erster erfolgreicher Schritt gemacht worden.
Stadträtin Stocker macht auch vor unkonventionellen Vorschlägen nicht Halt. Vor einiger Zeit regte sie an, Milieu-Häuser zu enteignen. Einem derartigen Vorhaben stehen hohe rechtliche Hürden im Weg. Aber sie treffen das Problem der Langstrasse im Kern. Viele Liegenschaften wurden zum Zwecke der Spekulation in den achtziger Jahren erworben. Ohne massive Abschreibungen sind diese Liegenschaften für normale Wohnungen oder Geschäfte viel zu teuer. «Nur das Milieu oder Menschen in prekären Verhältnissen sind bereit, Mieten zu bezahlen, die eine Amortisation des Kapitals ermöglichen», sagt Loepfe. Zum Beispiel AusländerInnen, die sich zu zehnt eine Zweizimmerwohnung teilen.
Die Stadt oder ihr nahe stehende Körperschaften haben verschiedentlich interveniert. So konnte das ehemalige Restaurant Schönau übernommen werden. Allerdings führt diese Strategie höchstens langfristig zu einer Verbesserung der Verhältnisse.
Um etwas zu ändern, soll die Durchmischung von verschiedenen Nutzungen gezielt gefördert werden, notfalls mit finanzieller Unterstützung, fordert Loepfe. «Eine öffentliche Intervention ist notwendig, denn die Banken stufen den Kreis 4 als Risikoquartier ein und geben nur ungern Kredit.»
Im Regen spiegeln sich die Neonreklamen der Lokale. Taxis warten vor der Piranha-Bar auf die spärlichen Kunden. Auf der Gasse hetzen ein paar DrogenkonsumentInnen ihren Dealern nach. Prostituierte stehen im Regen. Alles ruhig.

http://www.woz.ch/archiv/old/02/42/6823.html

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Written by talbert

23. September 2007 um 8:55

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

7 Antworten

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  1. Verglichen mit Hamburg wirkte das eher wie das direkte Hansa-Platz-Umfeld auf St.Georg, St. Pauli ist irgendwie anders … mittlerweile eher so’n Ballermann mit verglichen mit dem Drogenstrich „gehobener“ Prostitution und natürlich massenhaft Sex-Shops und auch noch Table-Dance und so. Und mittdendrin dann auch „Szene“, tolle Theater (na, vom Operettenhaus mal abgesehen, aber das gehört auch dazu) und ein paar Galerien und ein paar Yuppie-Restaurants. Und eine Straßenseite der Reeperbahn gehört Leuten, na, das vertiefe ich mal lieber nicht. Und so’n hübsches Alpenpanorama haben wir auch nicht, dafür aber einen Hafenblick, angesichts dessen verzichte ich auf alle Berge liebend gerne 😉 …

    MomoRules

    23. September 2007 at 10:16

  2. Das ist zumindest das teuerste Rotlichtviertel Europas, da in Züri, und Schwyzerdytsch keine Sprache, sondern a Rrrrrrracccccchhhhnkronkheit.

    che2001

    23. September 2007 at 10:25

  3. In einem haben ja die Liberalen recht: hier sind die Steuern niedriger, da ist es im Rotlichtviertel dann schon mal etwas teurer. Man kriegt ja auch ein hübsches Alpenpanorama dazu. Das kann nur keiner sehen von hier aus. Aber die Schweiz ist, vermute ich, auch in den zürcher Kreisen 3, 4 und 5 kein Hochpreisland mehr. Ich kauf meine Schuhe nicht mehr in Deutschland, sondern auf der Langstrasse, ist auch nur 5 Minuten weg von mir, nach Deutschland brauch ich etwas länger.

    T. ALBERT

    23. September 2007 at 11:13

  4. Da kann man sich doch wohlfühlen …

    Erik

    23. September 2007 at 19:16

  5. Ich nehm mir jetzt wohl ein Hotel in dem Destrikt, wenn da noch Zimmer frei sind, das liest sich alles so vertraut …

    MomoRules

    24. September 2007 at 16:07

  6. Ich weiß nur eine: die Immobilienpreise sind in der Zürcher Innenstadt die höchsten in Europa überhaupt, über denen in City of London oder St. Tropez.Allenfalls Montecarlo könnte teilweise noch drüber liegen.

    che2001

    24. September 2007 at 18:00

  7. @Che,

    ja, aber was bedeutet das jetzt? Kommt mir immer so vor, als würde man in Deutschland meinen, hier lebten nur Milliardäre. Hier sind gerade ne Menge Leute ein bisschen sauer auf reiche Deutsche, die hier mit ihren schweizer Immobilienverkäufern eine Kaufpolitik betreiben, die allgemein auch die Mieten steigen lässt. Zürich ist übrigens meines Wissens die letzte europäische Grosstadt, die noch ein Wohnungsbauprogramm laufen hat.

    T. Albert

    24. September 2007 at 20:31


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