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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Adorno und der bildungsferne Wotruba: Von der Musik her, Theodor W. Adorno; Grosszügigkeit

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Im privaten Umgang habe ich, in Dingen der Bildhauerei nicht zuständig, Fritz Wotruba als einen mit der neuen Musik, zumal der der zweiten Wiener Schule, ungemein Vertrauten kennengelernt. Er war mit Berg befreundet, verwaltet das künstlerische Erbe des Malers Gerstl, dessen Schicksal mit dem Schönbergs und seiner ersten Frau so verhängnisvoll zusammenhing. Wie wenige andere heute übersieht er das Geflecht, das die grossen Wiener Musiker mit der vorigem Generaion verknüpft. Vor allem aber verfügt er über die subtilste Einsicht in die Beschaffenheit ihrer musik, zumal die psychologische Dimension, die dort zwischen den Komponistenund ihren Werken vermittelte. Überraschen musste mich….wie wenig nach aussen hin das Oeuvre Wotrubas dem analog ist, was man den Stil der zweiten Wiener Schule nennen mag.Ähnlichkeiten zwischen den Porträts Kokoschkas und manchen wie von leidvollen Tränen angefleckten Stücken Schönbergs lagen seinerzeit ebenso zutage wie die Affinität des Schönbergschen Konstruktivismus zu Kandinsky.Nichts dergleichen bei Wotruba…..Keinem käme es bei, die Plastiken Wotrubas irgend in die Nachbarschaft von Psychologie zu rücken;…Das unvorbereitete Auge des Musikers wird leicht dazu sich verleiten lassen, jene Plastiken archaistisch zu sehen.
Man mag….zweifeln an der Identität von Künstler und Sache: …..Die Schuld liegt beim Betrachter, nicht beim Betrachteten. Zunächst ist daran zu denken, dass das Eigengewicht der künstlerischen Materialien…grösser ist, als die Unifizierungstendenzen der zeitgenössischen Kunst es erwarten lassen. Selbst wer von der Gewohnheit sich entäussert hat, das Plastische dem Monumentalen gleichzusetzen, wird nicht darüber sich betrügen können, dass der Stein, der von sich aus Undurchdringlichkeit, eine Grenze der subjektiven Intention bekundet, nicht ebenso unmimttelbar in ein Medium des Individuums sich umformen lässt wie der klingende Ton und wahrscheinlich die Farbe auf dem Bild. Versuche in dieser Richtung, wie die Skulpturen Rodins, die das impressionistische Prinzip auf die Plastik auszudehnen suchten, sind eines Ungemässen, der Pseudomorphose an einem plastik-fremden Material verdächtig. Wo Plastik in ….Vergangenheit Ausdruck war, blieb dieser wesentlich der dargestellter Menschen. Durch sie teilte die expressive Energie des Bildhauers sich mit.Seitdem die Plastik von Abbildlichkeit sich emanzipierte, sind solche Möglichkeiten unwiederbringlich….Wer Skulpturen machen wollte, die….sind wie die Musik der zweiten Wiener Schule, verleugnet den Stein, anstatt ihn zu durchdringen. Wotruba ist ein viel zu elementares Temperament, auch viel zu klug, als dass er jener Versuchung nachgegeben hätte.
Aber damit ist die ausserordentliche Differenziertheit seiner Reaktionsweise den Gebilden nicht verloren.An ihnen lässt sich lernen, dass man anders nuanciert sein kann, heute vielleicht muss, als durch offenbare Nuance.Differenzierte Reaktionsweise vermag sich zu verwandeln in ein Syastem von Allergien, in unersättliche Empfindlichkeit all dem gegenüber, was nicht mehr geht. Die Nuanciertheit Wotrubas ist eine des Verschwindens:…durch das, was ein Künstler sich verweigert, wird das Verweigerte zugleich festgehalten. Wotruba spricht von seinen Arbeiten als von Reduktionen. Tatsächlich zeigen verschiedene Stufen desselben Gegenstandes….fortschreitenden Verzicht auf die noch von Ähnlichkeit genährte Aausgangsvorstellung.Dieser Prozess, nicht das Nettoresultat, ist der ort von Wotrubas Differenziertheit. Der Ausdruck seiner Gebilde, das wodurch die Rechnung nicht aufgeht, ist, was im Prozess… ausgeschieden ward und gleichwohl, in der Arbeit…des Eliminierens, seine Spur hinterliess. Von seinen extremen Polen her charakterisiert, wäre jener Prozess wohl der vom Akt zur Architektur. Le Corbusier hat seine architektonischen Entwürfe auf Menschenmodelle abgestellt; bei Wotruba wandern diese Menschenmodelle…in die tektonischen Gebilde ein, Bauten ohne Zweck, Chiffren des nicht länger nachahmbaren Menschen.
Wotruba,….lehrt im Begriff des Archaischen zu differenzieren.. Schlecht ist alles Archaisierende: was auf die Restitution vorgeblicher Urbilder, seis der Vorvergangenheit, seis des abstrakten Seins, hinauswill und dabei doch, unwillentlich, im Umkreis des zivilisatorisch Approbierten verbleibt.Man braucht nur die angeblich urtümlichen, oft in Wahrheit nur simplen rhythmischen Wiederholungen bei Orff…mit den komplexen Produkten Wotrubas zu vergleichen, um zu erkennen, wie wenig die gewonnene und kunstvolle Einfachheit, die ihm vorschwebt, mit den gängigen und fatalen Neigungen zu tun hat. Wie die Reduktionen, in denen seine Arbeit besteht, Prozess, ein Geschichtliches sind, so ist ihre Idee kein Vorgeschichtliches, sondern Konsequenz des umfassenden historischen Prozesses, der mikrokosmisch in jeder seiner Plastiken sich verschliesst. Sie erborgen sich weder die verlorene sinnvolle Monumentalität, noch geben sie sich zur Sprache eines individuellen Seelenlebens her, das unter der Übermacht der objektiven bedingungen, kaum mehr ohne Lüge und falschen Anspruch sich manifestieren darf. Was eine solche Plastik seei, wo sie ihren Ort habe, das ist ihr, in doppeltem Sinn, verhängt. Die Skulpturen Wotrubas sind Architektur ins Unbekannte hinein.

Von der Musik her
aus: Um Wotruba, Wien 1967

http://www.wotruba.at/

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Written by talbert

25. September 2007 um 20:38

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