shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Wo es war (Rand II)

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Weil MomoRulez fragte, wie wir denn zur Kritik der Ökonomie kommen, habe ich mir gedacht, ich fang mal an. Mit Marx.

Der erste Satz im Kapital (wenn man mal die Vorwörter ignoriert) heißt:

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“
K. Marx (1890/2001): Das Kapital. Erster Band. MEW Bd. 23, Berlin: Dietz, S. 49

Damit sind mehrer Sachen gesagt, dass gesellschaftlciher Reichtum a) in kapitalistischen Produktionsweisen die Warenform annimmt, b) damit nicht im mer diese Form annehmen muss, und c), dass die Ware als primäres Element kapitalistischer Produktionsform Ansatzpunkt der Kritik darstellt.

Und Benjamin schreibt dazu: “

„Handel und Verkehr sind die beiden Komponenten der Straße. Nun ist in den Passagen deren zweite abgestorben; ihr Verkehr ist rudimentär. Sie ist nur geile Straße des Handels, nur angetan, die Begierden zu wecken. Weill in der Straße die Säfte stocken, wuchert die Ware an ihren Rändern und geht phantastische Verbindungen wie die Gewebe in Geschwüren ein. – Der Flaneur sabotiert den Verkehr. Er ist auch nicht Käufer. Er ist Ware.“
Walter Benjamin (1983): Das Passagen-Werk, Bd. 1, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 93.

Und die Passagen, die Warenhäuser, so sagt Benjamin haben gerade keine individualisierende Wirkung, sondern im Gegenteil: Warenhäuser lassen die Konsumenten sich selbst als Masse fühlen.

Meine Frage lautet, ob das noch immer einen zentralen Ansatzpunkt einer Ökonomiekritik darstellen kann. Kann man da evtl. die Ideologiekritik des „Ticket.Denkens der authoritarian personality“ mit der Warenform zusammenbringen? Lohnt sich das? (Die Liberalen werden jetzt wahscheinlich aufschreien.) Ich bin nicht genug Makrosoziologe und Marx-Spezialist (räume ich gerne ein) um das beurteilen zu können. Aber wenn wir Ökonomiekritik leisten wollen – und das scheint mir jenseits unserer Kulrturkritik wichtig – wäre das ja schon eine Überlegung wert. (vermutlich kommt jetzt ein Kommentar a la: Im Marx-Seminar nicht aufgepasst!)

Ich habe natürlich nie ein Marx-Seminar besucht, stattdessen seine Nachfolger und Kritiker: Ideologiekritik, Subjekt-/Geschlechterkritik, Kritik der Arbeitsgesellschaft und Gouvernementalität/Biopolitikstanden einerseits auf meinem Studienplan und auf der anderen Seite Kindheitssoziologie, Soziologie des privaten Lebens/der Familie und eher pragmatisch-interaktionistische und mentalitätenhistorische Selbsttheorien in der Soziologie.
(nächster Einwand: Positivismus pur!),

Trotzdem: Wäre die Warenform ein Einsatzpunkt für uns?

Die Gegenprobe liefert Ayn Rand – die nicht zu den Schutzheiligen der Liberalen gezählt werden möchte: die Abneigung dürfte sich in inniger Gegenseitigkeit äußern.

„Political economists – including the advocats of capitalism – defined their science as the study of the management or direction or organization or manipulation of a ‚community’s‘ or a nation’s ‚resources‘. The nature of these ‚resources‘ was not defined; their communal ownership was taken for granted – and the goal of political economy was assumed to be the study of how to utilize these ‚resources‘ for ‚the common good‘.“
Ayn Rand (1967): What is Capitalism?, S. 1-29 in dies., Capitalism: The Unknown Ideal,New York: Signet, S. 2.

Dieser Angriff zielt auf die gesamte Tradition des Post-Kantianismus, den sie für die Desintegration der Philosophie seit dem 19. Jahrhundert verantwortlich macht. Der Blick auf den Menschen, der ihn selbst zu einer Ressource unter anderen macht, und der es erlaubt, die Frage nach der Menschenführung bzgl. der Gemeinschaft zu stellen, wird von ihr als „tribal view“ (ebd.) beschrieben.
Und nun kommt ein interessannter Gedanke: Die Abwertung von Arbeit als „Aufgabe der Sklaven und Diener“ (Veblen läßt grüßen) die eine originäre Vorstellung des ständischen Adels sei, sei zwar politisch durch den Kapitalismus abgeschafft (iindem dort jeder arbeiten muss, um zu überleben), aber intellektuell sei die Aberetung der menschlichen Arbeit (und daher des Menschen) noch immer vorherrschend.

„The concept of man as a free, independent individual was profoundly alien to the culture of Europe. It was a tribal culture down to its roots; in European thinking, the tribe was the entity, the unit, and man was only one of its expendable cells.“ (ebd., S. 3)

Sie konstatiert den Europäern eine Unfähigkeit, amerika zu verstehen, weil ihre Emanzipation darin bestehe, den König als Herrscher durch das Stamm als Herrscher zu ersetzen, gleichzeitg aber den Industriellen „selfishness“ zu unterstelen, und einen sozialen Mehrwert (social surplus) abzuschöpfen, ohne etwas zurück zu geben. Laut Rand gibt es aber keinen solchen Mehwert, weil jeder Reichtum von Einzelnen produziert würde und deswegen auch diesen einzelnen zukomme und gehöre.

Wolle man den Kapitalismus verstehen, müsse man die tribalen Vorannahmen der politischen Ökonomie überwinden. Und nun stellt sie ein Axiom auf, dass für mich ein großes Problem darstellt:

„Mankind is not an entity, an organism, or a coral bush. The entity involved in production and trade is man.“ (ebd. 5)

Das heißt, sie leugnet einfach die Existenz einer soziologischen Ebene, auf der man Kollektive überhaupt beobachten könne, und das heißt letztlich die volkswirtschaftliche Ebene. Kann mir jemand erklären, wie man dann Alan Greenspan zum obersten Hüter der Volkswirtschaft bestellen konnte? Ich verstehe es wirklich nicht. Das ist nicht einmal bloß ein methodischer Individualismus, dass ist schlechte Erkenntnistheorie.

Und dann kommen doch noch zwei Brüller: Als Argument vergleicht sie die Humanities mit den physikalischen Wissenschaften, und wirft ersteren vor, dass sie die Natur ihres eigenen Objekts ignoriere:

„Such an attempt would mean a science of astronomy that gazed at the sky, but refused to study individual stars, planets and satellites – or a science of medicine that studied disease, without any knowledge or criteroin of health, and took, as its basic subject of study, a hospital as a whole, never focusing on individual patients.“ (ebd. 6).

Wenn da nicht Foucault gezeigt hätte, dass sich die moderne Medizin genau auf der Erfahrung des Hospitals gründete und zu der Astronomie sage ich nur: file under „von Sternen und Sternbildern“!

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Written by lars

27. September 2007 um 20:09

5 Antworten

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  1. Na, um das mit der „Mankind“ zu behaupten, also die erste Satzhälfte, muß man aber noch lange nicht Volkswirtschaft, Gesellschaft etc. leugnen. Und die Alte mag zwar beim methodischen Individualismus landen, letztlich ja sogar bei einem normativ gesetzen Egoismus und ziemlich heroischen „Ich lasse niemals mir helfen!“, was ja implizit eher ein „Erwarte Du bloß nicht, daß ich Dir helfe!“, ist, und „trade is man“ findet sich ja sogar Nef und diesen Leuten aus der Schweiz, ist aber Quatsch, aber: Nun Kollektive beschreiben zu wollen ist doch genau so doof. Regelgeleitete Interaktionsstrukturen und geteilte Formen des Selbstverständnisses machen ja noch kein Kollektiv, das ist übirgens auch bei der KT hochproblematisch, dieses „Masse-Mensch“, daß es ja beim Alstatdtfest oder beim Sommerschlußverkauf, als es den noch gab, geben mochte, auch bei ner Demo und im leider vergessenen Drama von Ernst Toller, aber das ist doch keine sinvolle Kategeorie zur Beschreibung von Gesellschaften, die ist dann nämlich wahlweise schuld oder es gibt sie nicht.

    Um das zu „sprengen“, muß man aber neben der Warenform, da halte ich die Verdinglichungskritik der älteren KT weiterhin für richtig, eben vor allem die Tauschbeziehungen und deren Bedingungen (!) kritisieren, anstatt sie als einzige Form der Interaktion zu totalisieren, wie Frau Rand das tut und unsere liberalen Mitdiskutanten ja auch.

    Und das mit den „Tribes“, uffz, ist das das, was ich da reinlese? Daß sozusagen die „Wilden“ dann Vorstufe der Geburt des Individuums aus dem Geiste der amerikanischen Verfassung sind? Das ist ja dann zum einen, na, eben genau der allseits nervtötende Kulturalismus und Überlegenheitsdünkel, der schon Schlimmere inspirierte, das ist aber auch paradox, wie „Sei spontan!“.

    Soll ich, weil Frau Rand das schreibt, eigentätig und individuell sein? Wenn ich’s mache, weil das das wahre, gute und schöne Leben ist, dann ist’s, wenn ich’s deskriptiv angehe, eben eine vorgängige, übergreifende Wahrheit, die mich ent-individualisiert, eben weil’s bereits ein Allgemeines ist; wenn ich’s normativ lese und individuell und eigentätig bin, weil Frau Rand mich überzeugt, daß das richtig ist, dann folge ich ihren Vorgaben bin insofern auch im Allgemeinen unterwegs; und lese ich’s ästhetisch, dann komme ich vielleicht raus aus der Nummer.

    Was noch mal ’ne Ergänzung zur Adorno-Diskussion darstellte, genau dieses sich-selbst-ermächtigen müssende „Individuum“, das gerade durch den Zwang zur Selbstermächtigung ein Unterworfenes ist, weil es sich selbst beherrscht, also auch jenes der Frau Rand und anderer, ist ja gerade kein Besonderes, sondern ein Allgemeines und kein Singuläres, qualitativ, ist deshalb in sich widersprüchliche Ideologie, und da legt, wenn ich ihn richtig vestanden habe, Adorno dann los … und genau das ist ist dann ja scho der ganze Blödsinn dieses ach so übermoralisch auftrumpfenden, liberalen „Individualismus“.

    momorulez

    28. September 2007 at 6:53

  2. Life of Brian hat es auf den Punkt gebracht:

    Brian: „Ihr müsst Euch nichts befehlen lassen!“

    Zenturio: „Ich liiiieeebe Befehle!“

    Brian: „Ihr seid alle völlig verschieden, ihr seid alles Individuen!“

    Monotoner Massenchor: „Ja, wir sind alles Individuen!“

    Einzelstimme: „Ich nicht!“

    che2001

    28. September 2007 at 7:06

  3. Also ich krieg die Rand ja immer nur Satzweise runtergeschluckt, da steigt dann sofort mein Blutdruck.
    Das mit der Kollektivbeobachtung ist wirklich problematisch. Aber die Rand ist da die Vorbereiterin dieser ganzen blöden Spieltheorie und Rational-Choice-Modelle.

    „A great deal may be learned about society by studying man; but this process cannot be reversed: nothing can be learned about man by studying society – by studying the inter-relationships of entities one has never identified or defined.“ (ebd. 6)

    Okay, sie leugnet diese Ebene nicht, aber sie behauptet, daraus keinen Erkenntnisgewinn zu ziehen. Was ja lustig ist, denn ihr Tribalismus-Vorwurf trifft ja z.B. dieEuropäische Philosophie und nicht die europäischen Philosophen. Sie zitiert dementsprechend auch die Encyclopedia Britannica und nicht einzelne Philosophen. Würde Rand das machen, müsste sie sich nämlich tatsächlich mit Gegenthesen auseinandersetzen, und da leistet ja schon ein Emile Durkheim schon unendlich viel mehr (der jetzt wahscheinlich wieder im Eck springenund „Anomie! Anomie! Blasphemie!“ rufen würde).

    Stattdessen spricht sie nur davon:

    „Man’s essential characteristic is his rational faculty. Man’s mind is his basic means of survival – his only means of gaining knowledge.“ (ebd. 7)

    Aber einer von Rands großen performativen Selbstwidersprüchen scheint mir in der Abwertung von anderen Positionen als Massenverhalten und irrational zu liegen, während sie selbst sagt, dass es nichts bringe, genau diese Phänomene zu betrachten. Denn bislang besteht ihre Hauptargumentation im ständigen Abgleich mit dem „alten Europa“, aus dem sie dann die Methode entwickelt, wie denn Menschen und Gesellschaften zu beobachten seien.

    lars

    28. September 2007 at 7:59

  4. Wilsons Auffassung, dass sie das Trauma der Russischen Revolution nie verarbeitet und außerdem nie guten Sex hatte scheint mir mehr und mehr bestätgt 😉

    che2001

    28. September 2007 at 8:08

  5. Ich zitiere mal das Highlight aus dem heutigen Meeting:

    Ich: Also, für Geld machen wir ja fast alles, aber …
    Kunde: Komm, das tut uns jetzt aber weh!

    Meinte der ganz ernst. Aber so isses mit den ganz realen Tauschverhältnissen.

    momorulez

    28. September 2007 at 16:28


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